"What Makes this Book so Great"-Autorin Jo Walton in ihrer Kolumne über Samuel R. Delanys - In meinen Taschen die Sterne wie Staub

KOLUMNE

Brausepulver fürs Hirn: Samuel R. Delanys »In meinen Taschen die Sterne wie Staub«


Samuel Delany ist auf ehrfurchtgebietende Weise brillant, und In meinen Taschen die Sterne wie Staub (1984) ist (meines Erachtens) sein bestes Buch. Obwohl er schon seit meiner Jugend mein Lieblingsautor ist und ich seine Bücher unzählige Male gelesen habe, vermeide ich es, sie zu lesen, wenn ich selbst gerade schreibe. Er setzt so hohe Standards, dass ich sonst das Gefühl habe, es gleich bleiben lassen zu können.

     Es heißt immer, das Leben und die Menschheitsgeschichte seien so komplex und facettenreich, dass die Literatur sie unmöglich wahrheitsgetreu abbilden kann. Delany schafft das. Die Innovationen in seinen Romanen haben nicht nur sekundäre, sondern sogar tertiäre Auswirkungen, die miteinander verknüpft werden und die Weltsicht des Lesers verändern. Bei anderen Autoren findet man das auch, aber nirgendwo so konsequent wie bei ihm. Er ist einfach erstaunlich. In meinen Taschen die Sterne wie Staub hat die Dichte von funkelndem Neutronium.

     Zum ersten Mal habe ich den Roman 1985 am Abend vor einer Prüfung gelesen. (Keine Sorge, ich habe sie bestanden. Der Stil meines Aufsatzes war möglicherweise ein wenig delanyesk, aber das ist niemandem aufgefallen.) Ich ging auf die Lancaster University und wohnte mit ein paar Freunden in einer umgebauten Scheune auf dem Land. Wir waren zum Einkaufen in der Stadt und schlenderten eine recht langweilige Straße entlang, als ich mit einem Mal entdeckte, dass in Lancaster ein Science-Fiction-Buchladen eröffnet worden war: Interstellar Master Traders. Ich wollte unbedingt hinein und kaufte eine Menge US-Importe (das war 1985! Es gab kein Internet! US-Bücher waren ein Segen!), während meine Freunde gelangweilt danebenstanden. Ich kehrte mit einem riesigen Stapel Bücher heim und las als Erstes den Delany.

     Delany zu lesen ist wie Brausepulver fürs Hirn. Er funkelt und glitzert. Überall explodieren Dinge, und die Erfahrung ist nicht immer angenehm, aber ganz und gar erstaunlich.

     In meinen Taschen die Sterne wie Staub beginnt mit einem Prolog in der dritten Person auf dem Planeten Rhyonon (was allerdings nicht erwähnt wird). Er handelt von Ratte Korga, dessen Name ebenfalls unerwähnt bleibt. Eigentlich geht es eher darum, wie das Lesen einem den Kopf aufsprengt und einen für das Universum öffnet. Der Prolog ist also im besten Sinne selbstreferenziell. In Byatts Besessen gibt es eine Stelle, wo es heißt, Bücher würden sich häufig mit Beschreibungen von Sex und Essen befassen, nie aber mit den Freuden des Lesens. Und dann macht der Roman genau das. Als ich das Jahre später las, überlegte ich, wie ich Byatt davon überzeugen könnte, Delany zu lesen. (Was mir im Übrigen immer noch nicht gelungen ist.)

     Will man über In meinen Taschen die Sterne wie Staub reden, so ergibt sich das Problem, dass der Roman einfach zu großartig und bedeutend ist. Ich könnte einen ganzen Post allein über den Prolog verfassen, der in der Grafton-Ausgabe, die ich besitze, die ersten vierundachtzig Seiten umfasst. Er enthält so viel Geschichte und Kultur, wissenschaftliche Spekulationen und Handlung, dass es schwierig ist, das alles in Worte zu fassen und nicht lediglich »brillant, brillant« zu stammeln. Ich kann diesem Roman gegenüber einfach nicht objektiv sei.

     Zunächst einmal faszinieren Geschichte und Figuren. Das verliert man leicht aus dem Blick, wenn man anfängt, über die vielen cleveren Details zu reden. Man fühlt mit den Helden, und als ich das Buch das erste Mal las, bin ich die halbe Nacht wach geblieben (obwohl ich am nächsten Morgen eine Prüfung hatte), weil ich wissen wollte, wie es weitergeht.

     Auf Ratte Korgas Heimatwelt Rhyonon ist der Sex zwischen Männern ab dem siebenundzwanzigsten Lebensjahr gestattet, Sex zwischen großen und kleinen Menschen, egal welchen Geschlechts, jedoch strengstens verboten. Das Universum ist sehr groß, und der Erzähler des restlichen Buches, Marq Dyeth, ist ein Industriediplomat, dessen Arbeit darin besteht, seltsame Waren von einem Planeten zum anderen zu befördern. (Es gibt nicht viel interstellaren Handel. Und der Handel, der stattfindet, ist in der Regel seltsam. Das Wirtschaftssystem ist auf überzeugende Weise komplex.) Marq stammt aus dem Süden von Velm, aus einer Kleinstadt namens Morgre, wo einvernehmlicher Sex zwischen verschiedenen Spezies üblich und lediglich eine Frage der Vorlieben ist. Es gibt Orte, wo sich Leute mit ähnlichen sexuellen Vorlieben versammeln und wo man hingehen kann, wenn man einen Sexualpartner sucht. (Delanys Aussage zufolge beruht diese Darstellung auf der schwulen Kultur im New York der siebziger Jahre. Ich habe sie als exotische Science Fiction gelesen, weil ich so etwas nie selbst erlebt habe, weder damals noch heute.) Marq und Ratte finden miteinander die erotische Erfüllung … und als Rattes Welt zerstört wird und er als einziger Überlebender zurückbleibt, schickt das Web (eine Weltraumorganisation, die an Google erinnert, nur mächtiger) ihn zu Marq, wo er am Ende aber nur ein paar Tage bleibt.

     Mit dem Geschlecht verhält es sich in diesem Roman recht eigentümlich. »Sie« ist das Standardpronom für alle denkenden Wesen, und »Frau« meint einfach nur Person. Das Pronomen »er« verwendet man, wenn man jemanden begehrt. Und »Mann« ist ein obsoleter poetischer Begriff. »Mutter« ist eine Rolle, die jeder für sich wählen kann, der ein Kind großzieht. Die Verwendung der Pronomen im Buch ist gewöhnungsbedürftig. Dass Marq und Ratte sich zu Männern hingezogen fühlen, stellt einen Vorteil dar. Bei einigen wichtigen Figuren im Buch erfährt man aber bis zum Schluss nicht das Geschlecht, weil Marq sie nicht attraktiv findet und nicht erwähnt, ob sie Brüste haben oder nicht. Die Namen allein liefern keinen Hinweis. Und warum will man das überhaupt wissen? Darüber nachzudenken, ist interessant. Diese Personen zunächst als weiblich zu betrachten (sie werden im Roman schließlich als »sie« bezeichnet) und sie sich dann als Männer vorzustellen, kann ebenfalls reizvoll sein. Insbesondere Japril liest sich für mich als Mann ganz anders, was sicherlich viel über meine unterbewussten Vorurteile und Erwartungen aussagt. Delanys Roman liefert die beste feministische Umdeutung von Pronomen, die mir je untergekommen ist. Und das alles wirkt überhaupt nicht unbeholfen oder plump und beeinträchtigt auch die Geschichte nicht.

     Wie gesagt hat Marq eine »Arbeit« – einen Beruf oder eine Berufung. Die Arbeit bestimmt, wo man lebt und wie man seinen Lebensunterhalt verdient. In unserer Welt nennt man das den »Job«. (Delany zum Beispiel ist Schriftsteller und Professor.) Es gibt auch noch Hausarbeit, das ist Arbeit, die nie geschafft ist. Ein interessantes Konzept, das aber wegen der Zeitspanne, die der Roman umfasst, nicht weiter ausgeführt wird.

     Auf Velm, zumindest im Süden (im Norden herrschen ethnische Konflikte zwischen den Menschen und den eingeborenen Echsenwesen, den Evelmi), besitzen Müllsammler, sogenannte Sucher, einen hohen gesellschaftlichen Status. Allein vor diesem Hintergrund könnte man mehrere Romane schreiben.

     Die Menschen haben auf vielen Welten Außerirdische entdeckt, sind aber nur auf eine weitere Zivilisation gestoßen, die den Weltraum bereist – die geheimnisvollen Xlv. Die Beziehungen zwischen Menschen und Außerirdischen sind äußerst vielfältig und komplex. Im Süden von Velm leben Menschen und Evelmi sehr eng zusammen und gehen sogar Liebesbeziehungen ein oder gründen Familien. Im Norden kämpfen sie gegeneinander. Auf anderen Planeten gibt es andere Probleme. Die wahre Bedrohung der Gesellschaft ist die Kulturfuge, mit der die Xlv in irgendeinem Zusammenhang zu stehen scheinen. Die Kulturfuge führt zur kompletten Zerstörung eines Planeten, wie es mit Rhyonon am Anfang des Romans geschieht. Auch andere Welten hat dieses Schicksal schon ereilt. Wenn irgendetwas schiefgeht, fürchten die Leute immer eine neue Kulturfuge. Genau erfährt man allerdings nicht, worum es sich dabei handelt, auch wenn Rhyonons Untergang ausführlich beschrieben wird. Es gibt zwei Zweige der Zivilisation, die sich gegenüberstehen: Die Familie (innerhalb derer es einen Kult gibt, der auf dem Glauben fußt, die Menschheit stamme ursprünglich von einem Planeten namens Erde, an den sich niemand mehr erinnert) ist eher reaktionär und streng. Ihr Gegenstück bilden die Sygn, die an Multikulturalismus und Relativismus glauben.

     Das Erstaunlichste an diesem Buch ist die Vielschichtigkeit der Details, die die verschiedenen Kulturen mit ihrer Geschichte und ihren Sitten glaubhaft machen. Besonders das Essen, das in der SF häufig vernachlässigt wird, ist hier sehr facettenreich. Es finden sich Beschreibungen eines informellen Frühstücks und eines formellen Abendessens, die absolut nichts mit irdischen Gewohnheiten zu tun haben, aber sehr überzeugend dargestellt sind. Und der Sex? Über den Sex habe ich ja schon gesprochen. Irgendwo wird erwähnt, dass Menschen von frisch besiedelten Planeten eine Menge erotischer Technologie benutzen. Apropos Technologie: Ratte besitzt künstliche Augen, die bei Tageslicht ganz normal aussehen, im Dunkeln aber das Licht reflektieren, wie bei einer Katze.

     Eines der Themen des Romans lautet, dass eine Welt ein sehr großer Ort ist, das Universum aber ein sehr kleiner. Viele der Welten, die die Menschen besiedelt haben, sind trocken und sandig, »Wüstenplaneten« gibt es hier jedoch keine. Und in kultureller Hinsicht: Auf einer Konferenz trifft Marq eine Frau, die seltsame Höflichkeitsformen benutzt, und es stellt sich heraus, dass diese in einer bestimmten Stadt auf Velm verwendet werden. Die Frau hatte sie gelernt, damit er glaubt, sie würde aus seiner Heimat stammen …

     Im Roman gibt es etwas, das sich Allgemeine Information nennt. Das ist so, als hätte man Google im Kopf – nur zuverlässiger. Was Delany nicht vorhergesehen hat, ist das Internet als Netz der tausend Lügen. Wenn bei ihm eine Information verfügbar ist, so ist sie auch verlässlich. (Aber das Buch wurde 1984 geschrieben.) Im Wesentlichen handelt es sich bei diesem Ding um eine Enzyklopädie, die man in sein Hirn herunterladen kann. Verwendet wird sie jedoch genau so, wie ich heute Google verwende – und das 1984, als das US-Militär gerade einmal die E-Mail erfunden hatte. Die Zukunft, die In meinen Taschen die Sterne wie Staub beschreibt, ist durch das Aufkommen des Computers nicht hinfällig geworden, wie es bei vielen älteren SF-Romanen der Fall ist. Delany war sich darüber im Klaren, dass es nicht auf die Informationen ankommt, sondern auf das Sortiersystem. Die Beherrschung des Sortiersystems ist es, die Macht verleiht.

     In meinen Taschen die Sterne wie Staub sollte der erste Teil eines Diptychons sein. Die Fortsetzung The Splendor and Misery of Bodies, of Cities wurde jedoch nie geschrieben und wird es wahrscheinlich auch nicht mehr. Man sollte deshalb im Kopf behalten, dass In meinen Taschen die Sterne kein in sich abgeschlossener Roman ist. Allerdings ist er so gut, dass das eigentlich keine Rolle spielt – es sei denn jemand will unbedingt wissen, wie die Geschichte ausgeht. Ich persönlich habe es aufgegeben, auf eine Fortsetzung zu hoffen. Wenn Delany es nicht schafft, sie zu schreiben, dann ist es eben so. Allerdings hoffe ich sehr, dass er noch mehr SF schreiben wird.


Jo Walton schreibt und liest – unendlich viel. In ihrem Buch What Makes this Book so Great widmet sie sich den großen Werken und Klassikern der Fantasy und Science Fiction. Auf TOR ONLINE veröffentlichen wir regelmäßig Kapitel daraus.


Aus dem Amerikanischen von Sara Riffel. 

 

Originaltitel: »Like Pop Rocks for the Brain. Samuel R. Delany’s Stars in My Pocket Like Grains of Sand«
© 2014 Jo Walton
Für den deutschen Text: © 2016 S. Fischer Verlag GmbH

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