Die Gewinner des Hugo Awards von 1956, die auf der World Science Fiction Convention in New York vergeben wurden.

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1956: Das waren die Gewinner



Die Verleihung fand während der 14. World Science Fiction Convention (NewYorkCon) in New York statt.

Toastmaster: Robert Bloch 

Novel

Robert A. Heinlein: Double Star

(3 Teile, Februar bis April 1956 in ASTOUNDING; dt. Ein Doppelleben im Kosmos, Gebrüder Weiß, H 3922 und B 23167) 

1956 Novel Hugo Award
1956 Novel Hugo Award
1956 Novel Hugo Award

Lorenzo Smythe ist ein Schauspieler, der sich selbst »Der Große Lorenzo« nennt. In einer Bar lernt er durch einen Zufall einen Raumfahrer kennen, der ihn für einen Job engagieren will. Doch kaum hat sich Lorenzo mit dem Fremden eingelassen, gibt es auch schon Ärger: In einem Hotelzimmer werden die beiden Männer von einem Marsianer überfallen, den sie im Kampf töten müssen. Es bleibt nur die überstürzte Flucht von der Erde zum Mars.

Unterwegs erfährt er, wofür er engagiert werden soll: John J. Bonforte, Chef einer der beiden führenden Parteien des Solaren Imperiums, ist entführt worden, und das ausgerechnet kurz bevor er in die Nestgemeinschaft der Marsianer aufgenommen werden sollte – ein politisch bedeutsames Ereignis. Das Problem ist, dass Bonforte trotzdem pünktlich erscheinen muss, sonst fordert er die Rache der Marsianer heraus, und das friedliche Miteinander von Erdenmenschen und Marsianern wird gefährdet.

Innerhalb kurzer Zeit lernt Lorenzo so zu sprechen, sich so zu bewegen und sogar so auszusehen wie Bonforte. Natürlich ist dies mit einigen Schwierigkeiten verbunden, die jedoch mit Hilfe von Bonfortes Team gemeistert werden. Als die Aufnahmezeremonie überstanden ist, tritt aus unbekannten Gründen plötzlich die Regierung des Solaren Imperiums zurück. Zwar taucht Bonforte wieder auf, ist jedoch durch Drogen so geschädigt, dass er seine Arbeit nicht wieder aufnehmen kann. Lorenzo fühlt sich moralisch verpflichtet, auch weiterhin zu helfen, und schafft es schließlich sogar, natürlich wiederum mit Hilfe von Bonfortes Team, eine komplette neue Regierung aufzubauen.

Damon Knight, der stets ein sehr kritischer Rezensent war, lobt Heinleins Roman in seinem 1956 erschienenen Buch In Search of Wonder über die Maßen und betont insbesondere die gelungene Charakterisierung des Protagonisten. Und tatsächlich ist die Figur des Lorenzo sehr überzeugend. Zunächst ahmt er als völlig unpolitischer Mensch, der über sehr großes schauspielerisches Talent verfügt, lediglich Bonforte nach, doch im Laufe des Romans entwickelt er sich, wird selbst zu einem charismatischen und verantwortungsbewussten Politiker, der nicht mehr nachäfft, sondern eigene Überzeugungen entwickelt und im Sinne der fortschrittlichen Sache auftritt.

Für einen Roman der fünfziger Jahre sind auch die Außerirdischen sehr überzeugend gestaltet. Ihre Kultur wirkt fremdartig, jedoch nicht feindselig. Der Mars ist allerdings um einiges romantischer und erdähnlicher geschildert als beispielsweise in Robert Heinleins Jugendbuch Red Planet.

Allein die letzten Sätze des Romans sind großartig und zeigen Heinleins damaligen Glauben an die Zukunft und die Menschheit. Später mögen sich seine Ansichten vielleicht geändert haben, wie der sehr umstrittene, vier Jahre später erschienene Roman Starship Troopers vermuten lässt.

Großartig ist auch der Titel des Buches, der auf die Doubletätigkeit des Schauspielerstars hinweist. In der deutschen Übersetzung funktioniert das leider nicht, und so kommt der deutsche Titel etwas holperig daher.

Weitere wichtige Bücher des Jahres waren u. a. The End of Eternity (dt. Das Ende der Ewigkeit) von Isaac Asimov, The Stars My Destination (dt. Die Rache des Kosmonauten, Tiger Tiger bzw. Der brennende Mann) von Alfred Bester oder The Long Tomorrow (dt. Am Morgen einer anderen Zeit) von Leigh Brackett. Heinlein war, vor allem auch dank seiner enormen Produktivität, ausgesprochen populär. Unter literarischen Gesichtspunkten wäre Besters The Stars My Destination vielleicht die bessere Wahl für den Hugo gewesen.

Novelette

Murray Leinster: »Exploration Team«

(März 1956 in ASTOUNDING, anderer Titel »Combat Team«; dt. »Die Kampftruppe« in Leinster: Abenteuer auf Luren II, U 110; »Die Kampfgruppe« in Leinster: Der Planeteninspektor, H 3098; »Das Forschungsteam«, in Asimov [Hrsg.]: Das Forschungsteam, HSFB 13)

Für »Exploration Team« erhielt Murray Leinster (1896–1975) seinen ersten Hugo. Einerseits verwundert es, dass es diese Geschichte geschafft hat, war doch der Sieger des Vorjahres, Walter M. Miller jr. mit der Story »The Darfsteller«, literarisch um Längen eindrucksvoller. Andererseits vereint diese Geschichte alles, was den späten Leinster ausmachte: solide Erzählung spannender Abenteuer, Exotik und sogar zwei glaubhafte, konträre Hauptfiguren.

Der eigentliche Protagonist ist hier Huyghens, ein echter Einsiedler und Abenteurer, der in einer engen Gemeinschaft mit vier domestizierten Bären lebt, um sich auf dem extrem gefährlichen Planeten Loren II behaupten zu können. Der Planeteninspektor Roane (in der späteren Buchausgabe wurde der Name in Boardman geändert) landet, um den Fortschritt der Kolonisierung des Planeten zu begutachten. Er muss jedoch feststellen, dass nie eine Kolonie errichtet wurde. Huyghens ist ein entflohener Verbrecher, der Roane hilft, die Überlebenden der Kolonie zu suchen. Leinster richtet sein Augenmerk hierbei jedoch auf die natürliche Symbiose von Mensch und Bär, die die einzige Möglichkeit des Überlebens darstellt. Huyghens kann Roane glaubhaft machen, dass ein wilder Planet wie Loren II nicht für Roboter geeignet ist, da die wilden Tiere dumme Maschinen leicht überlisten können.

Interessant sind an dieser Story vor allem die Dialoge zwischen den beiden sehr unterschiedlichen Männern sowie die Beschreibungen der exotischen Welt.

Short Story

Arthur C. Clarke: »The Star«

(November 1955 in INFINITY SCIENCE FICTION; dt. »Der Stern« in Clarke: Die andere Seite des Himmels, GZ 25 und GSF 19; in Naujack [Hrsg.]: Roboter, Diogenes; in Carr [Hrsg.]: Die Superwaffe, G 95; in Naujack [Hrsg.]: Science Fiction Geschichten, Diogenes; in Naujack [Hrsg.]: Die besten SF-Geschichten des Golden Age, DTB 21048; in Asimov u. a. [Hrsg.]: Unheilige Nacht, G 8077; in Luserke/Jeschke [Hrsg.]: Frohes Fest!, H 4884; in Asimov [Hrsg.]: Das Forschungsteam, HSFB 13; in James Gunn [Hrsg.]: Von Shelley bis Clarke, HSFB 100; und weitere)

In den fünfziger Jahren waren Kurzgeschichten mit einem religiösen Hintergrund selten, sieht man von Walter M. Millers Leibowitz-Erzählungen ab, die später zu einem Roman zusammengefasst wurden.

Arthur C. Clarke (1917–2008) erzählt in diesem sehr kurzen Text eigentlich gar keine Geschichte, vielmehr handelt es sich nur um eine Zustandsbeschreibung mit einer sehr eindrucksvollen Pointe.

Ein Forschungsraumschiff hat dreitausend Lichtjahre von der Erde entfernt einen Planeten entdeckt, der vor langer Zeit von einer hochentwickelten Zivilisation besiedelt war. Allerdings wurde diese der Menschheit sehr ähnliche Zivilisation bei der Supernova-Explosion ihrer Sonne vernichtet, da die Technologie zur interstellaren Raumfahrt noch nicht zur Verfügung stand und die Wesen somit nicht vor der Explosion fliehen konnten.

Der Chefastrophysiker des irdischen Forschungsschiffes ist ein Jesuitenpater. Erst durch die Untersuchung von Gesteinen auf dem verwüsteteten Planeten ist man in der Lage, den Zeitpunkt der Nova-Explosion zu berechnen. Und genau dieser Zeitpunkt ist schuld daran, dass der Jesuit beginnt, an seinem Glauben zu zweifeln.

Clarke hatte sehr häufig hervorragende Ideen, die die SF bereichert und vorangebracht haben. Seine besten Werke sind die kurzen Geschichten, in denen er sich auf die Idee und eine Pointe beschränkt. Daher gehört diese nur wenige Seiten lange Geschichte zu den besten Texten, die er überhaupt geschrieben hat. Seltsamerweise erschien die Story in dem eher unwichtigen Magazin INFINITY, wurde jedoch sehr schnell so bekannt, dass sie bis heute zu den am häufigsten nachgedruckten Geschichten der gesamten Science Fiction gehört.

Im Jahr 1955 erschienen eine ganze Reihe guter Erzählungen, die ebenfalls für den Hugo in Frage gekommen wären, so zum Beispiel: »A Canticle for Leibowitz« (Magazinversion April 1955 in F&SF, dt. enthalten in Lobgesang auf Leibowitz) von Walter M. Miller jr., »The Game of Rat and Dragon« (Oktober 1955 in Galaxy, dt. »Das Spiel Ratte und Drache«) von Cordwainer Smith oder »Autofac« (November 1955 in GALAXY, dt. »Autofab«) von Philip K. Dick.

Feature Writer

Willy Ley

Ley wurde bereits 1953 für seine Arbeit als Wissenschaftspublizist ausgezeichnet (siehe dort). Im Jahr 1955 veröffentlichte er in allen GALAXY-Ausgaben jeweils einen Artikel populärwissenschaftlichen Inhalts, so unter anderem über den Kalender, den Tod der Sonne, Teleskope, Wasser, Raumfahrt, unbemannte Satellitensysteme und vieles mehr.

Professional Magazine

ASTOUNDING

Das Jahr 1955 war für die Konkurrenzmagazine GALAXY und F&SF nicht das glanzvollste. ASTOUNDING brachte drei Romane: Poul Andersons The Long Way Home (Magazinversion von No World of Their Own, 4 Teile, April bis Juli 1955, dt. Die fremden Sterne), Eric Frank Russells Call Him Dead (3 Teile, August bis Oktober 1955, dt. So gut wie tot) und Frank Herberts Under Pressure (Magazinversion von The Dragon in the Sea, 3 Teile, November 1955 bis Januar 1956, dt. Atom-U-Boot S 1881) sowie zahlreiche Erzählungen von Autoren wie Chad Oliver, James E. Gunn, Eric Frank Russell, H. Beam Piper, Algis Budrys, James H. Schmitz, Isaac Asimov, Frank Herbert, L. Sprague de Camp, Lester del Rey, Jack Vance, Murray Leinster und Raymond F. Jones.

Vor allem aber erschienen auch die beiden Hugo-Gewinner Double Star (3 Teile, Februar bis April 1956, dt. Ein Doppelleben im Kosmos) von Robert A. Heinlein und Murray Leinsters »Exploration Team« (März 1956; dt. »Das Forschungsteam«) in ASTOUNDING.

Professional Artist

Frank Kelly Freas

1956 erhielt Freas bereits seinen zweiten Hugo. Im Vorjahr hatte er u. a. zwanzig Magazincover gestaltet, und zwar für F&SF, ASTOUNDING, SCIENCE FICTION QUARTERLY, PLANET STORIES, FANTASTIC UNIVERSE, IF, SCIENCE STORIES und FUTURE.

Fanzine

INSIDE & SCIENCE FICTION ADVERTISER

Für seine Bemühungen um das Fandom und zahlreiche Ausgaben seines seriösen Fanzines wurde der Kalifornier Ron Smith geehrt. Inside startete in den frühen Fünfzigern. Nach fünf Ausgaben wurde sein Fanzine mit dem SCIENCE FICTION ADVERTISER von Roy Squires, das bereits seit 1946 existierte, zusammengeführt. Bis 1956 erschien das Heft zweimonatlich, später dann unregelmäßig, und mit der 53. Ausgabe wurde es 1958 zunächst eingestellt. Ab 1962 erschien das Heft wieder mit neuer Numerierung und einem neuen Herausgeber, nämlich John White. Später wurde das Fanzine in RIVERSIDE QUATERLY umbenannt und erschien so insgesamt unter verschiedenen Herausgebern und Titeln über mehrere Jahrzehnte hinweg. 

Book Reviewer

Damon Knight

Damon Knight (1922–2002) war ein SF-Fan der ersten Stunde. Bereits 1941 war er Mitglied des legendären New Yorker SF-Clubs THE FUTURIANS, teilte sich ein Apartment mit Robert A. W. Lowndes und war eng mit James Blish, Cyril Kornbluth und Frederik Pohl befreundet. Seit Anfang der vierziger Jahre wurden seine Erzählungen in Magazinen publiziert, und er gab selbst einige Magazine heraus. Einen Namen machte er sich jedoch vor allem durch seine fundierten und oftmals respektlosen Kritiken, die 1956 gesammelt in dem Buch In Search of Wonder erschienen. Eine überarbeitete und erweiterte Ausgabe erschien 1967.

Most Promising New Author

Robert Silverberg

Robert Silverberg (*1935) gehört heute zu den profiliertesten und wichtigsten amerikanischen SF-Autoren. Er debütierte 1954 mit der Short Story »Gorgon Planet« in NEBULA #7. In kurzer Folge erschienen Dutzende weiterer Geschichten, die das Publikum zu beeindrucken wussten, auch wenn er seinen literarischen Zenit erst über ein Jahrzehnt später erreichen sollte.

Bereits Ende der vierziger Jahre erfuhr der damals in Brooklyn lebende Silverberg aus Roger Phillips Grahams Kolumne in AMAZING STORIES vom amerikanischen Fandom. 1949 gab er zusammen mit Saul Diskin sein erstes Fanzine mit dem Titel SPACESHIP heraus. Bis 1955 erschienen immerhin achtundzwanzig Ausgaben. Sein erster Roman, ein Jugendbuch, erschien 1956 und trug den Titel Revolt on Alpha C. Die meisten Figuren des Buches trugen die Namen bekannter SF-Fans. Silverberg war enorm produktiv – allein 1956 erschienen neunundvierzig seiner Kurzgeschichten in diversen Magazinen.

In Anbetracht dieser Tatsachen verwundert es kaum, dass er zum »meistversprechenden neuen Autor« gewählt wurde.

 

 

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Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1953-1984” (erschienen 2015 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

 

© 2015 by Hardy Kettlitz

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