Die Gewinner des ersten Hugo-Awards von 1953, die auf der World Science Fiction Convention in Philadelphia vergeben wurden.

KOLUMNE

Die Hugo Awards 1953: Das waren die Gewinner


Der erste Hugo Award wurde auf der 11. World Science Fiction Convention in Philadelphia vergeben und trug noch nicht den Namen ›Hugo‹. Zu diesem Zeitpunkt waren die einzelnen Rubriken noch nicht endgültig festgelegt und sollten sich in den Folgejahren noch mehrfach ändern.

Toastmaster: Isaac Asimov

Novel

Alfred Bester: The Demolished Man

(3 Teile, Januar bis März 1953 in Galaxy; dt. Sturm aufs Universum, GZ 3; spätere Neuübersetzung:Demolition, H 3670 und G 24851)

Ben Reich ist Inhaber und alleiniger Vorstand von Monarch, einem der mächtigsten Konzerne der Welt. Er beschäftigt zahlreiche ESPer dritten und zweiten Grades. ESPer dritten Grades sind Telepathen, die in die Bewusstseinsebene eines menschlichen Geistes Einblick nehmen und erkennen können, was jemand denkt, sobald derjenige es denkt. Monarch beschäftigt mehr als 500 ESPer dritten Grades. ESPer zweiten Grades können unter die Bewusstseinsebene ins Vorbewusste eindringen, während die Erstgradigen sogenannte »Tiefen-Introvisoren« sind und auch in die tiefstgelegenen Schichten des Unterbewusstseins blicken können.

Reich fühlt sich durch das D’Courtney-Kartell bedroht und fasst den Entschluss, Craye D’Courtney zu ermorden. Doch die Polizei verfügt natürlich ebenfalls über hervorragende Telepathen, und der letzte Mord geschah vor 79 Jahren. Reich wendet sich an den korrupten Dr. psi 1 Augustus Tate, einen ESPer erster Klasse, der in der ultrarechten Liga Pariotischer ESPer dafür sorgen will, dass der ESPer-Verband sein Ziel, langfristig alle Menschen zu ESPern zu machen, nicht allzu schnell oder sogar niemals erreicht. Tate soll herausfinden, wann und wo Reich sein Opfer finden kann, und dann andere ESPer vom Tatort fernhalten. Der Mord geschieht in einem Nebenzimmer während einer großen Party. Die Polizei nimmt umgehend die Ermittlungen auf, und Ben Reich steht schnell unter Verdacht – doch zunächst fehlen alle Beweise. Es entspinnt sich ein äußerst raffinierter Wettstreit zwischen dem Täter und Kommissar Powell, und der raffinierte Ben Reich scheint dem Ermittler immer einen Schritt voraus zu sein. Powells größtes Handicap: telepathische Indizien zählen vor Gericht nicht. Die Jagd führt sowohl in die geheimen Bereiche des Unterbewusstseins als auch durch das halbe Sonnensystem. Sollte Reich überführt werden, droht ihm die Demolition: die Löschung seines Bewusstseins. Doch Kommissar Powell muss schließlich aufgeben, denn für das Verbrechen fehlt jedes Motiv.

Besters Roman war in mehrfacher Hinsicht höchst innovativ. Die Zukunftsgesellschaft, die der Autor beschreibt, ist dekadent und untypisch für die SF der frühen fünfziger Jahre. Bester verlässt sich auch nicht auf die Exotik der SF-Handlung, sondern bemüht sich um eine genaue Charakterisierung seiner Protagonisten und eine schlüssige Kriminalhandlung, die durch die telepathischen Fähigkeiten der Polizisten enorm an Spannung gewinnt. Ebenso ungewöhnlich ist die Wahl eines negativen Helden und die Begründung seiner Schuld in der Psychologie.

Aber nicht nur inhaltlich ist der Roman innovativ, sondern auch in seiner Form. Der Stil ist unglaublich dicht, und Bester verwendet typografische Mittel, die man später erst in der New Wave der sechziger Jahre findet. Selbst bei Namen ist er experimentell; so steht zum Beispiel @kins für Atkins, Wyg& für Wygand, 1/4main für Quartermain und so weiter.

Ein höchst empfehlenswertes Buch, das in jede SF-Basisbibliothek gehört und ganze Generationen nachfolgender Autoren beeinflusst hat.

Bei der Hugo-Verleihung 1953 gab es noch keine Nominierungen, allerdings erschienen im betreffenden Zeitraum einige andere wichtige SF-Bücher, die erwähnenswert sind; so zum Beispiel The Space Merchants (dt. Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute) von Frederik Pohl und Cyril M. Kornbluth, City (dt. City bzw. Als es noch Menschen gab) von Clifford D. Simak sowie More Than Human (dt. Die neue Macht der Welt, Baby ist drei bzw. Die Ersten ihrer Art) von Theodore Sturgeon, wobei es sich bei den beiden letztgenannten strenggenommen um aus Erzählungen zusammengesetzte Episodenromane handelt.

Professional Magazine

Galaxy und Astounding (punktgleich)

Das Magazin GALAXY erschien erst ab Oktober 1950 und brachte von Anfang an hervorragende Texte. Herausgeber Horace Gold konnte Autoren wie Isaac Asimov, Fredric Brown, Clifford D. Simak und Fritz Leiber verpflichten. Im dritten Jahrgang des Magazins, also 1952, erschienen so wichtige Texte wie The Demolished Man von Alfred Bester (drei Teile, Januar bis März 1952, dt. Demolition), »Conditionally Human« von Walter M. Miller jr. (Februar 1952, dt. »Bedingt menschlich«), »The Year of the Jackpot« von Robert A. Heinlein (März 1952, dt. »Das Jahr der verflixten Zufälle«, »Das verrückte Jahr« bzw. »Im Jahr der Zeichen und Wunder«), Gravy Planet von Frederik Pohl und Cyril M. Kornbluth (drei Teile, Juni bis August 1952, Magazinversion von The Space Merchants, dt. Eine Handvoll Venus und ehrbare Kaufleute), »Baby Is Three« von Theodore Sturgeon (Oktober 1952, dt. »Baby ist drei«) und »The Altar at Midnight« von Cyril M. Kornbluth (November 1952, dt. »Opfer für die Menschheit« bzw. »Der Altar um Mitternacht«).

ASTOUNDING SCIENCE FICTION, herausgegeben von John W. Campbell, befand sich 1952 bereits im 22. Jahrgang und war das profilierteste amerikanische SF-Magazin vor GALAXY. Auch wenn es seine besten Zeiten bereits hinter sich hatte, so erschienen doch noch immer einige wichtige Texte, u. a. »Telek« von Jack Vance (Januar 1952, dt. Homo Telek), Gunner Cade von Cyril Judd (d. i. Cyril M. Kornbluth und Judith Merril, drei Teile, März bis Mai 1952, dt. Die Rebellion des Schützen Cade) oder The Currents of Space von Isaac Asimov (drei Teile, Oktober bis Dezember 1952, dt. Der fiebernde Planet bzw. Ströme im All).

 

Excellence in Fact Articles

Willy Ley

Der 1906 geborene Willy Ley war von 1937 bis zu seinem Tod im Jahr 1969 der meistgedruckte Wissenschaftspublizist in SF-Magazinen. Seine Artikel zu allen Themen der Naturwissenschaft erschienen in allen wichtigen Zeitschriften. Allein in Galaxy waren es 1952 ganze zehn Artikel zu Themen wie Raumfahrt, Mars, Eiszeit, Meteoriten und Chemie. Aber auch in ASTOUNDING und STARTLING STORIES wurde er im selben Jahr publiziert. Ley bot den SF-Lesern die Möglichkeit, die wissenschaftlichen Inhalte der Storys mit dem tatsächlichen Wissen der damaligen Zeit zu vergleichen, stellte aber auch in vertretbarem Rahmen Spekulationen an, die wiederum die Phantasie der Autoren beflügelten.

 

Cover Artist

Ed Emshwiller and Hannes Bok (punktgleich)

Ed Emshwiller (1925–1990) hieß eigentlich Edmund Alexander Emshwiller und signierte seine Bilder für gewöhnlich mit dem Kürzel Emsh. Allein 1952 gestaltete er vierzehn Cover für Magazine wie GALAXY, F&SF, THRILLING WONDER STORIES, STARTLING STORIES und andere. Später fertigte er mehrere hundert Buchcover, vor allem für die Taschenbuchreihe ACE BOOKS an.

Hannes Bok war das Pseudonym von Wayne Woodard (1914–1964). Er gestaltete Anfang der fünfziger Jahre ein gutes Dutzend Titelbilder für Magazine wie IMAGINATION, OTHER WORLDS, DESTINY, MARVEL SCIENCE FICTION, FANTASY MAGAZINE, SPACE SCIENCE FICTION und SCIENCE FICTION STORIES. Er publizierte allerdings auch seit Anfang der vierziger Jahre mehr als drei Dutzend Kurzgeschichten und Gedichte in diversen Magazinen und Fanzines. Von Herausgebern ließ er sich nicht in seine Arbeit hineinreden. Besser noch als seine SF-Cover waren die Buchumschläge für Horror- und Fantasy-Bücher bei Verlagen wie ARKHAM HOUSE, FANTASY PRESS, und SHASTA PUBLISHERS.

 

Interior Illustrator

Virgil Finlay

Neben knapp 150 farbigen Magazin-Titelbildern schuf Virgil Finlay (1914–1971) zahllose Illustrationen zu Kurzgeschichten. Seine Karriere begann 1935, als er 21 Jahre alt war. Farnsworth Wright, der Herausgeber von WEIRD TALES, war so beeindruckt von seinen Zeichnungen, dass er 25 Illustrationen zur Magazinausgabe von Shakespeares A Midsummer Night’s Dream in Auftrag gab. Später eroberte Finlay mit seinen eigenständigen, feinstrichigen Federzeichnungen die Pulps im Sturm und prägte in den 40er bis 60er Jahren das Bild ganzer Generationen von SF- und Fantasy-Magazinen. Er illustrierte für alle wichtigen Autoren und war in der Lage, in seinen Bildern sowohl den »Sense of Wonder« als auch die Schönheit menschlicher Körper wiederzugeben. Interessanterweise waren seine frühen Werke teilweise stilisierter als seine späteren. Finleys Stärke lag, ähnlich wie die von Bok, eher bei düsteren Fantasy- und Horror-Illustrationen.

 

New SF Author or Artist

Philip José Farmer

Farmer (1918–2009) debütierte mit der Erzählung »The Lovers« (August 1952 in STARTLING STORIES) und beeindruckte die SF-Gemeinde damit tief. Es handelt sich um eine der ersten Erzählungen, die eine Liebesbeziehung zwischen einem Menschen und einer Außerirdischen thematisierten. Teilweise stieß Farmer auf Unverständnis, und einige Leser bezeichneten die Geschichte als widernatürlich und ekelhaft. Aus heutiger Sicht wirkt der Text jedoch eher harmlos.

Die Erzählung »Sail On! Sail On!« (Dezember 1952 in Startling Stories; dt. »Weitersegeln! Weitersegeln!«) hingegen vermag auch aus heutiger Sicht noch zu beeindrucken. Auf wenigen Seiten entwirft Farmer eine komplexe Parallelwelt und bietet eine amüsante Pointe. Wie sich später zeigen sollte, hatten die Wähler des Hugo Award das richtige Gespür bei der Vergabe dieses Preises, denn Farmer entwickelte sich tatsächlich zu einem herausragenden und zuweilen höchst eigenwilligen Autor.

 

Number 1 Fan Personality

Forrest J. Ackerman

Ackerman (1916–2008) war seit Anfang der dreißiger Jahre aktiver Fan und Sammler, gilt als einer der Gründer des Fandoms und gab das erste SF-Fanzine mit dem Namen The Time Traveller heraus. Er versuchte sich selbst an Kurzgeschichten, war Agent einiger Autoren, korrespondierte mit anderen Fans in aller Welt und brachte immer wieder Fanzines heraus. Diese zahlreichen Aktivitäten führten bald dazu, dass er die »Number 1 Fan Personality« wurde. In Fankreisen nannte man ihn oft »Mr Science Fiction«.

Er besuchte zu seinen Lebzeiten, mit zwei krankheitsbedingten Ausnahmen, jeden Worldcon und besaß mit rund 300.000 Büchern und zahlreichen Film-Memorabilia die vermutlich größte Science-Fiction-Sammlung der Welt. In der Rubrik ›Number 1 Fan Personality‹ wurde der Preis nur ein einziges Mal vergeben, und das zurecht an Forry Ackerman.

 

 

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Hardy Kettlitz hat in seinem Buch „Hugo Awards 1953-1984” (erschienen 2015 bei Golkonda) die Gewinner des berühmten Hugo Awards – einem der wichtigsten Science-Fiction-Preise der Welt – zusammengetragen und erklärt, warum die Preisträger zu Gewinnern wurden. Genau diesen Überblick über die Geschichte der Science Fiction möchten wir mit euch teilen. 

 

 

© 2015 by Hardy Kettlitz

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