Buchtipp: Alexandra Oliva: Survive - Du bist allein

Alexandra Oliva: Survive - Du bist allein

FISCHER TOR

Leseprobe: Alexandra Oliva - Surive



Unverkäufliche Leseprobe aus: Alexandra Oliva, Survive - Du bist allein, Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

***

Als Erster vom Produktionsteam wird der Cutter sterben. Er fühlt sich noch nicht krank, und er ist auch nicht mehr draußen am Dreh. Er ist nur einmal rausgefahren, vor Beginn der Dreharbeiten, um sich den Wald anzusehen und den Männern die Hand zu schütteln, mit deren Aufnahmematerial er arbeiten wird: symptomlose Übertragung. Er ist jetzt seit über einer Woche wieder zurück, sitzt allein im Schneideraum und fühlt sich kerngesund. Auf seinem T-Shirt steht: KEIN GENIE OHNE KOFFEIN. Er drückt eine Taste, und Bilder flackern über den 32-Zoll-Bildschirm, der seine chaotische Workstation dominiert.

Der Vorspann. Eine kurze Einblendung von dichtem Laub, Eiche und Ahorn, unmittelbar gefolgt von dem Bild einer Frau, die ihren Teint in der Bewerbung durchaus zutreffend als »cappuccinofarben« bezeichnet hat. Sie hat dunkle Augen und große Brüste, die kaum in ihr oranges Sporttop passen. Ihr Haar besteht aus Unmengen kleiner schwarzer Korkenzieherlöckchen, von denen jedes einzelne perfekt liegt.

Als Nächstes kommt ein Bergpanorama ins Bild, eine der spektakulären Naturformationen im Nordosten des Landes, grün und leuchtend im Hochsommer. Dann ein Kaninchen, fluchtbereit, und ein junger Mann, der durch ein Feld humpelt. Seine kurzgeschorenen Haare schimmern in der Sonne wie Glimmer. Derselbe Mann in Großaufnahme, er wirkt ernst und jugendlich, mit stechend blauen Augen. Als Nächstes eine zierliche Frau koreanischer Abstammung, die ein blaukariertes Hemd trägt und auf einem Bein kniet. Sie hält ein Messer in der Hand und blickt zu Boden. Hinter ihr ein großer Mann mit Glatze, pantherdunkler Haut und Siebentagebart. Die Kamera zoomt näher heran. Die Frau zieht einem Kaninchen das Fell ab. Dann kommt ein Standbild, der Mann mit der dunklen Haut, aber diesmal ohne Bartstoppeln. Seine braunschwarzen Augen blicken ruhig und selbstbewusst in die Kamera, ein Blick, der sagt: Ich will gewinnen.

Ein Fluss. Eine graue Felswand, übersät mit Flechten – und ein weiterer Mann, diesmal mit wildem roten Haar. Er klebt an der Felswand, und die Bildschärfe ist so manipuliert, dass das Seil, an dem er hängt, mit dem Felsen zu einer lachsfarbenen Fläche verschmilzt.

Die nächste Aufnahme zeigt eine hellhäutige, blonde Frau mit strahlend grünen Augen hinter braungerahmten, eckigen Brillengläsern. Der Cutter verharrt bei dem Bild. Da ist etwas an dem Lächeln der Frau, an der Art, wie sie seitlich an der Kamera vorbeiblickt, was ihm gefällt. Sie wirkt authentischer als die anderen, aber vielleicht kann sie sich bloß besser verstellen. Trotzdem, es gefällt ihm, sie gefällt ihm, er selbst kann sich nämlich auch gut verstellen. Die Dreharbeiten laufen seit zehn Tagen, und für ihn ist klar, dass diese Frau der Zuschauerliebling wird. Sie nennen sie »Zoo-Girl« oder kurz »Zoo«. Die tierliebe Blondine, die eifrige Schülerin. Die Schnell-Lernerin mit dem ansteckenden Lachen. So viele Attribute zur Auswahl – wenn er bloß allein entscheiden könnte.

Die Tür des Schneideraums geht auf, und ein großer Mann kommt hereingestiefelt. Der Cutter erstarrt in seinem Sessel, als der leitende Produzent ihm über die Schulter schaut.

»Wo haben wir Zoo jetzt?«, fragt der Produzent.

»Nach Tracker«, sagt der Cutter. »Vor Rancher.«

7 Der Produzent nickt nachdenklich und tritt einen Schritt zurück. Er trägt ein frisches blaues Hemd, eine gepunktete gelbe Krawatte und Jeans.

»Was macht der gute Air Force, hast du die Fahne reingeschnitten?«, fragt er.

Der Cutter dreht sich mit seinem Sessel um. Vor dem Licht des Computermonitors schimmert sein dunkles Haar wie ein stacheliger Glorienschein.

 »War das dein Ernst?«, fragt er.

»Ja, sicher«, sagt der Produzent.

»Und wen hast du als Letzten?« »Immer noch Schreiner-Girl, aber –«

»Die kannst du jetzt nicht ans Ende setzen.«

Daran arbeite ich ja gerade, möchte der Cutter am liebsten sagen, aber er verkneift es sich. Er hat die Neugestaltung des Vorspanns seit gestern vor sich hergeschoben, und er muss das Wochenfinale noch fertigmachen. Er hat einen langen Tag vor sich. Und eine lange Nacht. Genervt wendet er sich wieder dem Bildschirm zu.

»Ich dachte, entweder Banker oder unseren Black Doctor«, sagt er.

»Banker«, sagt der Produzent. »Vertrau mir.«

Er zögert, fragt dann: »Hast du das Material von gestern gesehen?«

Drei Episoden die Woche ohne nennenswerte Vorlaufzeit. Sie könnten genauso gut live senden. Das ist nicht durchzuhalten, denkt der Cutter.

»Bloß die erste halbe Stunde.«

Der Produzent lacht. Im Schein des Monitors schimmern seine ebenmäßigen Zähne gelb. »Wir hatten eine Spitzenszene«, sagt er.

»Die Kellnerin, Zoo und äh …«, er schnippt mit den Fingern, um seiner Erinnerung auf die Sprünge zu helfen, »Rancher. Die werden nicht rechtzeitig fertig, und die Kellnerin kriegt einen Rappel, als sie die« – er malt Gänsefüßchen in die Luft – »›Leiche‹ sehen. Flennt und hyperventiliert – und Zoo-Girl rastet aus.«

Der Cutter setzt sich alarmiert in seinem Sessel auf.

»Hat sie hingeschmissen?«, fragt er.

Enttäuschung steigt ihm warm ins Gesicht. Er hat sich darauf gefreut, ihren Sieg zu cutten oder wahrscheinlicher ihre würdevolle Niederlage im Finale. Weil er sich nämlich nicht vorstellen kann, wie sie Tracker je bezwingen sollte. Air Force ist im Nachteil, weil er sich den Knöchel verstaucht hat, aber Tracker ist so souverän, so erfahren und stark, dass ihm wohl keiner den Sieg streitig machen wird. Aufgabe des Cutters ist es, Trackers Sieg ein kleines bisschen weniger unvermeidlich erscheinen zu lassen, und er hatte vor, Zoo dabei als sein Hauptinstrument zu nutzen. Es macht ihm Spaß, die beiden zusammenzuschneiden, ihre Gegensätzlichkeit effektvoll in Szene zu setzen.

»Nein, hat sie nicht«, sagt der Produzent. Er klopft dem Cutter auf die Schulter. »Aber sie war richtig fies.«

Der Cutter betrachtet das sanfte Bild von Zoo, die Freundlichkeit in ihren grünen Augen. Diese neue Entwicklung missfällt ihm. Sie passt absolut nicht in sein Konzept.

»Sie schreit die Kellnerin an«, erzählt der Produzent, »sagt, es ist ihre Schuld, dass sie verloren haben. Den ganzen Scheiß. Einfach großartig. Ich meine, sie entschuldigt sich praktisch eine Minute später dafür, aber egal. Du wirst schon sehen.«

Selbst die Besten unter uns können zerbrechen, denkt der Cutter. Und darum geht es doch eigentlich bei der Show – die Kandidaten zu brechen. Obwohl den zwölf, die in den Ring gestiegen sind, gesagt wurde, dass es ein Survival-Wettkampf ist. Das stimmt auch, beinahe. Selbst der Titel, der ihnen genannt wurde, war Schwindel. »Änderung vorbehalten«, stand im Kleingedruckten. Der offizielle Titel lautet nicht Der Wald, sondern Im Dunkeln.

»Jedenfalls brauchen wir den neuen Vorspann bis heute Mittag«, sagt der Produzent.

»Ich weiß«, sagt der Cutter. »Okay. Wollte nur auf Nummer Sicher gehen.« Der Produzent zielt mit dem Zeigefinger auf den Cutter, tut so, als würde er einen Schuss abgeben, und wendet sich dann zum Gehen. Er stockt, deutet mit dem Kinn auf den Monitor. Der Bildschirm ist im Energiesparmodus runtergedimmt, und Zoos Gesicht ist nur noch schwach sichtbar.

»Guck mal, wie sie lächelt«, sagt er. »Die Ärmste hatte keine Ahnung, worauf sie sich einlässt.«

Sein leises Lachen schwingt irgendwo zwischen Mitleid und Schadenfreude, dann verlässt er den Raum. Der Cutter wendet sich seinem Computer zu. Er bewegt die Maus, hellt Zoos Lächeln auf und macht sich wieder an die Arbeit. Wenn er den Vorspann fertig hat, wird er sich schon völlig lethargisch fühlen. Der erste Hustenreiz wird kommen, wenn er früh am nächsten Morgen das Wochenfinale schneidet.

 Und am Abend darauf wird er zu einem frühen Datenpunkt werden, einem Einzelereignis vor dem Ausbruch. Experten werden nach Erklärungen suchen, aber ihnen bleibt keine Zeit. Was auch immer das ist, es wartet kurz ab, ehe es zuschlägt. Ist erst unbeteiligter Passagier und sitzt dann plötzlich selbst am Steuer und rast auf den Abgrund zu. Viele der Experten sind selbst bereits infiziert. Auch der Produzent wird sterben, in genau fünf Tagen. Er wird allein sein in seiner 380-Quadratmeter-Villa, schwach und verlassen, wenn es passiert. In den letzten Momenten seines Lebens wird er instinktiv das Blut auflecken, das ihm aus der Nase läuft, weil seine Zunge so fürchterlich ausgetrocknet ist. Bis dahin werden alle drei Episoden der Premierenwoche ausgestrahlt sein, die letzte schon eine wohltuend sinnfreie Abwechslung von den Sondermeldungen im Fernsehen. Aber sie filmen noch immer, gestrandet in der Region, die als erste und am schwersten betroffen ist.

Das Produktionsteam versucht, alle rauszuholen, aber die Kandidaten sind auf EinzelChallenges unterwegs und weit verstreut. Es gab Notfallpläne, aber nicht für so etwas. Es gerät außer Kontrolle wie ein Kinderkreisel: Aus der reibungslosen Drehbewegung wird ein leichtes Trudeln und dann – das Ende. Inkompetenz und Panik prallen aufeinander. Nackter Selbsterhaltungstrieb überlagert die guten Absichten. Niemand weiß mit Sicherheit, was passiert ist, im Kleinen wie im Großen. Niemand weiß genau, was schiefgegangen ist. Doch eines wird der Produzent wissen, ehe er stirbt: Etwas ist schiefgegangen.

 

>> Diese Leseprobe als PDF herunterladen

 

 

Share:   Facebook