Philip K. Dick: Blade Runner

Philip K. Dick: Blade Runner – Träumen Androiden von elektrischen Schafen?

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Leseprobe: Blade Runner - Träumen Androiden von elektrischen Schafen? (Philip K. Dick)


Nach einem Atomkrieg sind im Jahr 2012 weite Teile der Erde unbewohnbar. Während künstliche Tiere zu Statussymbolen geworden sind, eine »Merceritum« genannte Fernsehreligion ihr Unwesen treibt und sogenannte »Stimmungsorgeln« die Gefühle der Menschen manipulieren, macht Rick Deckard Jagd auf Androiden. Doch als er sich in die Replikantin Rachel verliebt, kommen ihm Zweifel daran, ob er den künstlichen Menschen wirklich überlegen ist.


***

VIER

Vielleicht, überlegte Rick Deckard, mache ich mir Sorgen, dass das, was Dave zugestoßen ist, auch mir zustoßen wird. Ein Andy, der gerissen genug ist, ihn mit der Laserpistole zu erwischen, wird mich vermutlich auch erwischen. Aber offenbar war nicht das der Grund.

»Ich sehe, Sie haben den Spickzettel über die neue Hirneinheit mitgebracht«, sagte Inspektor Bryant und legte den Hörer seines Videophons auf.

Rick sagte: »Ja, Flurfunk. Wie viele Andys sind es, und wie weit ist Dave gekommen?«

»Ursprünglich waren es acht«, sagte Bryant mit Blick auf sein Klemmbrett. »Die ersten beiden hat Dave erledigt.«

»Und die übrigen sechs sind hier in Nordkalifornien?«

»Soweit wir wissen, ja. Dave vermutet es. Das war er, mit dem ich gerade gesprochen habe. Ich habe seine Notizen – waren in seinem Schreibtisch. Er sagt, alles, was er weiß, steht da drin.« Bryant tippte auf das Bündel Notizblätter. Bisher machte er keine Anstalten, diese Notizen an Rick weiterzugeben; er blätterte, aus welchen Gründen auch immer, selbst weiter darin herum, runzelte die Stirn, leckte sich mit der Zunge die Mundwinkel.

»Ich habe nichts anderes zu tun«, bot Rick sich an. »Ich kann an Daves Stelle weitermachen.«

»Dave hat«, sagte Bryant nachdenklich, »mit der jüngsten Version des Voigt-Kampff-Tests gearbeitet, als er die verdächtigen Individuen befragte. Ihnen ist klar – jedenfalls sollte es Ihnen klar sein – , dass dies kein spezifischer Test für die neuen Hirneinheiten ist. Es gibt keinen Test dafür; die Voigt-Skala, in der neuen Form, die Kampff vor drei Jahren entwickelt hat, ist alles, was wir haben.« Er hielt inne, dachte nach. »Dave hielt den Test für verlässlich. Vielleicht ist er das auch. Aber ich würde Folgendes vorschlagen, bevor Sie sich die sechs hier vornehmen.« Wieder tippte er auf die Notizen. »Fliegen Sie nach Seattle und reden Sie mit den Leuten von Rosen. Lassen Sie sich einen repräsentativen Satz Muster aller Typen zeigen, die mit der neuen Nexus-6-Einheit arbeiten.«

»Und die soll ich dem Voigt-Kampff-Test unterziehen«, sagte Rick.

»Es klingt so einfach«, sagte Bryant, halb zu sich selbst.

»Wie bitte?«

Bryant sagte: »Ich denke, ich werde auch noch selbst mit den Leuten von Rosen reden, aber Sie können schon losfliegen.« Danach sah er Rick schweigend an. Schließlich brummte er etwas, kaute an einem Fingernagel, dann hatte er entschieden, was er sagen wollte. »Ich werde fragen, ob es möglich ist, ein paar Menschen unterzumischen, unter die neuen Androiden. Aber Sie erfahren im Vorfeld nicht, ob es so ist. Das entscheide ich, nachdem ich mich mit dem Hersteller besprochen habe. Bis Sie dort ankommen, sollte alles geregelt sein.« Abrupt zeigte er mit dem Finger auf Rick, seine Miene ernst. »Das wird Ihr erster Einsatz als Senior-Kopfgeldjäger. Dave kennt sich aus; er hat jahrelange Erfahrung.«

»Die habe ich auch«, antwortete Rick, angespannt.

»Sie haben Aufträge erledigt, die Ihnen aus Daves Aufgabenbereich zugefallen sind; er hat immer genau überlegt, welche er an Sie abgibt und welche nicht. Aber jetzt haben Sie hier sechs, die er persönlich erledigen wollte – und einer davon war schneller als er. Dieser hier.« Bryant drehte den Stoß Papiere so, dass Rick mitlesen konnte. »Max Polokov«, sagte Bryant. »So nennt er sich jedenfalls. Oder es. Wenn wir annehmen, dass Dave recht hatte. Alles geht von dieser Annahme aus, die ganze Liste. Aber der neue Voigt-Kampff-Test ist nur bei den ersten dreien angewandt worden, den zweien, die Dave erledigt hat, und dann Polokov. Es geschah, während Dave ihn diesem Test unterzog; da hat Polokov ihn mit dem Laserstrahl erwischt.«

»Was beweist, dass Dave recht hatte«, sagte Rick. Sonst hätte Polokov nicht auf ihn geschossen; er hätte kein Motiv gehabt.

»Sie machen sich auf den Weg nach Seattle«, sagte Bryant noch einmal. »Kündigen Sie sich nicht an; das mache ich. Hören Sie.« Er stand auf und blickte Rick ernst ins Gesicht. »Wenn Sie da oben den Voigt-Kampff-Test machen, und einer von den Menschen besteht ihn nicht …«

»Das kann nicht passieren«, sagte Rick.

»Genau darüber habe ich mich mit Dave unterhalten, vor ein paar Wochen. Er hatte sich auch schon selbst seine Gedanken gemacht. Ich hatte eine Mitteilung von der sowjetischen Polizei bekommen, direkt von der WPO, ein Rundschreiben, das an alle von uns auf der Erde und in den Kolonien gerichtet war. Eine Gruppe von Leningrader Psychiatern hatte sich an die WPO mit dem folgenden Vorschlag gewandt. Sie möchten, dass die neuesten und zuverlässigsten Analysemethoden zum Persönlichkeitsprofil, mit denen wir bestimmen, ob wir einen Androiden vor uns haben – mit anderen Worten, der Voigt-Kampff-Test – , bei einer sorgfältig ausgesuchten Gruppe von schizoiden und schizophrenen menschlichen Patienten angewandt werden. Denjenigen also, deren Erkrankung mit einer Affektverflachung einhergeht. Davon haben Sie gehört.«

»Genau das wird in dem Test gemessen«, sagte Rick.

»Dann können Sie sich auch vorstellen, welche Bedenken man dort hat.«

»Das Problem hat es schon immer gegeben. Seit uns zum ersten Mal Androiden begegnet sind, die sich als Menschen ausgegeben haben. Sie wissen, wie man im gesamten Polizeiwesen darüber denkt – Lurie Kampff hat es vor acht Jahren in einem Artikel zusammengefasst. ›Das Problem verminderter Identifikationsfähigkeit beim nicht-degenerierten Schizophrenen.‹ Kampff kontrastiert darin die verminderten empathischen Fähigkeiten bei menschlichen Psychiatriepatienten mit den oberflächlich ähnlichen, doch wesensmäßig – «

»Die Leningrader Psychiater«, unterbrach Bryant ihn schroff, »sind der Ansicht, dass es eine kleine Gruppe von Menschen gibt, die den Voigt-Kampff-Test nicht bestehen können. Wenn man sie nach gängiger Polizeipraxis testete, würde man sie als humanoide Roboter einstufen. Das Ergebnis würde sich erst als falsch erweisen, wenn sie schon tot sind.« Danach schwieg er, wartete auf Ricks Antwort.

»Aber diese Menschen«, sagte Rick, »wären doch alle – «

»Sie wären in Anstalten untergebracht«, stimmte Bryant ihm zu. »Im normalen Leben kämen sie niemals zurecht. Sie würden in jedem Falle als schwer psychisch Gestörte auffällig – es sei denn, die Krankheit hätte sich erst vor kurzem und schlagartig eingestellt und es hätte noch keiner Gelegenheit gehabt, sie wahrzunehmen. Aber so etwas könnte geschehen.«

»Die Chancen stünden eins zu einer Million«, sagte Rick. Aber möglich war es.

»Dieser neue Nexus-6-Typ«, fuhr Bryant fort, »hat Dave Sorgen gemacht. Die Rosen-Werke, das wissen Sie, haben uns versichert, dass ein Nexus-6 sich durch die standardmäßigen Profiltests erkennen lässt. Wir haben uns auf ihr Wort verlassen. Jetzt sind wir gezwungen – wir wussten von Anfang an, dass es so kommen würde – , uns selbst ein Urteil zu bilden. Das übernehmen Sie in Seattle. Ihnen ist klar, dass es in beide Richtungen schiefgehen könnte. Wenn es Ihnen nicht gelingt, sämtliche humanoiden Roboter zu erkennen, dann haben wir kein verlässliches Analysewerkzeug mehr, und diejenigen, die schon jetzt entfliehen, werden wir nie entdecken. Wenn Sie hingegen mit Ihrem Test einen Menschen als Androiden einstufen …« Bryant strahlte ihn eisig an. »Das wäre peinlich, obwohl niemand, und schon gar nicht die Rosen-Leute, das an die große Glocke hängen würden. Wir könnten es sogar unbegrenzt lange für uns behalten, obwohl wir natürlich die WPO verständigen müssten, und die würde es wiederum an Leningrad weitergeben. Irgendwann lesen wir es in der Zeitung. Aber bis dahin haben wir vielleicht einen besseren Test.« Er griff zum Videophon. »Dann wären Sie jetzt so weit? Nehmen Sie einen Dienstschwebewagen und tanken Sie an unserer Tankstelle voll.«

Rick stand auf. »Kann ich Dave Holdens Notizen mitnehmen? Ich möchte sie unterwegs lesen.«

»Damit warten wir, bis Sie Ihren Test in Seattle ausprobiert haben.« Die Gnadenlosigkeit seines Tonfalls war beachtlich, und Rick Deckard vermerkte sie sehr wohl.

 

Als er mit dem Polizei-Schwebewagen auf dem Dach der Niederlassung der Rosen-Werke in Seattle landete, wartete dort eine junge Frau auf ihn. Schwarzhaarig und schlank, auf der Nase eine jener neuen Staubfilterbrillen mit den großen Gläsern, näherte sie sich dem Wagen, die Hände tief in den Taschen ihrer buntgestreiften, langen Jacke. Auf dem schmalen, scharf gezeichneten Gesicht stand ein so mürrischer wie ablehnender Ausdruck.

»Alles in Ordnung?«, fragte Rick, als er ausstieg.

»Ach, ich weiß nicht«, antwortete das Mädchen ausweichend. »Wahrscheinlich die Art, wie man uns am Telefon behandelt hat. Ist ja egal.« Abrupt streckte sie ihm die Hand hin; Rick nahm sie, ein Reflex. »Ich bin Rachael Rosen. Sie müssen Mr Deckard sein.«

»Dieser Besuch hier war nicht meine Idee«, sagte er.

»Ja, das hat Inspektor Bryant uns gesagt. Aber Sie sind im Namen der Polizei von San Francisco hier, und die sind der Ansicht, dass unsere Produkte eine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellen.« Sie betrachtete ihn unter langen schwarzen Wimpern, künstlich wahrscheinlich.

»Ein humanoider Roboter ist wie jede andere Maschine«, entgegnete Rick; »er kann in einem Augenblick ein Segen und im nächsten eine Gefahr sein. Solange er ein Segen ist, geht er uns nichts an.«

»Aber wenn er zur Gefahr wird«, sagte Rachael Rosen, »dann kommen Sie ins Spiel. Stimmt es, Mr Deckard, dass Sie Kopfgeldjäger sind?«

Er hob die Schultern, nickte widerstrebend.

»Sie haben keine Schwierigkeiten damit, einen Androiden als lebloses Ding anzusehen«, hakte das Mädchen nach. »Damit Sie ihn ›ausschalten‹ können, wie das bei Ihnen heißt.«

»Haben Sie die Testgruppe für mich beisammen? Ich möchte gleich …« Er sprach nicht weiter. In dem Augenblick hatte er die Tiere gesehen.

Natürlich, ging ihm durch den Kopf, ein mächtiger Industriebetrieb, der konnte sich so etwas leisten. Offenbar hatte er unbewusst sogar mit einer solchen Sammlung gerechnet, denn was er spürte, war keine Überraschung, sondern eher eine Art Sehnsucht. Ohne ein Wort ließ er das Mädchen stehen und ging zum nächstgelegenen Gehege. Er konnte die Tiere schon riechen, jedes mit seinem unverwechselbaren Geruch, so wie sie dort standen oder saßen oder, im Falle des einen – der ganz nach einem Waschbären aussah – , lagen und schliefen.

In seinem ganzen Leben hatte er noch keinen leibhaftigen Waschbären gesehen. Er kannte das Tier nur aus den 3-D-Filmen im Fernsehen. Aus irgendwelchen Gründen hatte der Staub diese Gattung fast ebenso schwer erwischt wie die Vögel – von denen es jetzt so gut wie überhaupt keine mehr gab. In einer unwillkürlichen Bewegung zog Rick seinen zerfledderten Sidney-Katalog aus der Tasche und schlug den Eintrag zum Waschbären mit den verschiedenen Unterkategorien auf. Wie nicht anders zu erwarten, waren die Listenpreise kursiv gedruckt; genau wie bei den Percheron-Pferden gab es keine auf dem Markt, zu keinem Preis. Sidney führte einfach nur die Summe an, für die letztmalig ein Waschbär den Besitzer gewechselt hatte. Sie war astronomisch.

»Er heißt Bill«, sagte das Mädchen hinter ihm. »Waschbär Bill. Wir haben ihn erst letztes Jahr von einer Tochterfirma erworben.« Sie wies auf etwas weiter fort, und erst da bemerkte er die bewaffneten Wachposten, Maschinengewehr im Anschlag, kleine, leichte, Skoda-Schnellfeuergewehre; diese Wächter hatten ihn nicht aus den Augen gelassen, seit er mit seinem Wagen gelandet war. Und mein Wagen, dachte er bei sich, ist schließlich klar als Polizeifahrzeug gekennzeichnet.

»Ein großer Hersteller von Androiden«, sagte er nachdenklich, »investiert sein überschüssiges Kapital in lebende Tiere.«

»Sehen Sie sich die Eule an«, ermunterte Rachael Rosen ihn. »Warten Sie, ich wecke sie für Sie.« Sie ging zu einem weit entfernten Käfig, in dessen Mitte ein ausladender toter Baum stand.

Es gibt keine Eulen mehr, wollte er einwenden. Jedenfalls hat man uns das weisgemacht. Sidney, dachte er; im Katalog sind Eulen als ausgestorben markiert – das kleine, gestochen scharfe A, das man immer und immer wieder dort fand. Das Mädchen ging voraus, und er schlug zur Sicherheit noch einmal nach; er hatte richtig gelegen. Sidney macht keine Fehler, sagte er sich. Auch das wissen wir. Worauf sollten wir uns denn sonst verlassen?

»Sie ist künstlich«, sagte er laut, als es ihm schlagartig aufging; tiefe Enttäuschung stieg in seinem Inneren auf.

»Nein.« Sie lächelte, und er sah, dass sie kleine, gleichmäßige Zähne hatte, so weiß, wie ihre Augen und ihr Haar schwarz waren.

»Aber der Eintrag im Sidney«, entgegnete er und wollte ihr den Katalog zeigen. Als Beweis.

»Wir kaufen nicht von Sidney, überhaupt nicht von den Tierhandlungen«, sagte das Mädchen. »Wir erwerben all unsere Exemplare von Privatpersonen, und der Kaufpreis wird nicht gemeldet. Wir haben«, fügte sie hinzu, »auch unsere eigenen Naturforscher; derzeit arbeiten sie oben in Kanada. Da gibt es immer noch eine Menge Wald, vergleichsweise. Genug für kleine Tiere, manchmal sogar einen Vogel.«

Lange Zeit stand er da und betrachtete die Eule, die auf einem Ast saß und döste. Tausend Gedanken kamen ihm in den Sinn, Gedanken über den Krieg, über den Tag, an dem die Eulen vom Himmel gefallen waren; er erinnerte sich, wie in seiner Kindheit die Zeitungen Art um Art als ausgestorben meldeten – Füchse am einen Morgen, Dachse am nächsten, bis die Leute die ewigen Nachrufe auf Tierarten gar nicht mehr zur Kenntnis nahmen.

Er dachte auch wieder daran, wie sehr er sich nach einem echten Tier sehnte; noch einmal spürte er in seinem Inneren einen regelrechten Hass auf sein elektrisches Schaf, das er pflegen und versorgen musste, als sei es lebendig. Die Tyrannei eines Dinges, dachte er. Es weiß nicht einmal, dass es mich gibt. Genau wie den Androiden fehlte ihm die Fähigkeit, die Existenz eines anderen zu schätzen. Das war ihm noch nie in den Sinn gekommen – wie ähnlich ein elektrisches Tier und ein Andy sich waren. Das elektrische Tier, überlegte er, konnte man als Unterform des anderen auffassen, als einen – wenn auch längst nicht so hochentwickelten – Roboter. Oder man konnte umgekehrt einen Androiden als hoch entwickeltes falsches Tier ansehen. Beide Vorstellungen fand er abstoßend.

»Wenn Sie Ihre Eule verkaufen würden«, sagte er zu Rachael Rosen, »wie viel würden Sie dafür haben wollen, und wie viel als Anzahlung?«

»Wir würden unsere Eule niemals verkaufen.« Sie beobachtete ihn genau, mit einer Mischung aus Vergnügen und Mitleid; so jedenfalls deutete er ihren Gesichtsausdruck. »Und selbst wenn sie zum Verkauf stünde, könnten Sie den Preis unmöglich bezahlen. Was für ein Tier haben Sie zu Hause?«

»Ein Schaf«, sagte er. »Ein schwarzköpfiges Suffolk-Mutterschaf.«

»Na, da sollten Sie doch froh sein.«

»Ich bin froh«, antwortete er. »Ich wollte nur immer gern eine Eule haben, bevor sie alle tot vom Himmel gefallen sind.« Er korrigierte sich. »Alle, bis auf Ihre.«

Rachael sagte: »Derzeit setzen wir alles daran, eine zweite Eule zu finden, damit sie sich mit Scrappy paaren kann.« Sie wies auf die Eule, die immer noch auf ihrem Ast döste; kurz hatte sie beide Augen geöffnet, gelbe Schlitze, die gleich wieder verschwanden, als sie sich erneut ihrem Schlummer widmete. Die Brust hob und senkte sich auffällig, als hätte das Tier in seinem schläfrigen Zustand geseufzt.

Er riss sich von dem Anblick los – abgrundtiefe Bitterkeit hatte sich in seine spontanen Gefühle, Staunen und Sehnsucht, gemischt – und sagte: »Ich möchte jetzt den Test vornehmen. Können wir nach unten gehen?«

»Mein Onkel hatte den Anruf von Ihrem Vorgesetzten entgegengenommen, und inzwischen hat er wahrscheinlich – «

»Das hier ist ein Familienbetrieb?«, fiel Rick ihr ins Wort. »Ein Konzern von solchem Ausmaß, und trotzdem ein Familienunternehmen?«

Rachael sprach unbeirrt ihren Satz zu Ende. »Onkel Eldon sollte inzwischen eine Gruppe Androiden und eine Kontrollgruppe beisammenhaben. Gehen wir.« Sie ging mit großen Schritten zum Fahrstuhl, die Hände nun wieder entschlossen in die Jackentaschen gesteckt; sie blickte nicht zurück, und er zögerte einen Moment lang, spürte ihre Gereiztheit, aber dann folgte er ihr doch.

»Was haben Sie gegen mich?«, fragte er, während sie gemeinsam nach unten fuhren.

Sie machte ein nachdenkliches Gesicht, als müsste sie erst überlegen. »Nun«, sagte sie, »Sie, ein kleiner Polizeimitarbeiter, haben hier eine einmalige Gelegenheit. Verstehen Sie, was ich meine?« Sie sah ihn von der Seite her an, und es war ein sehr böser Blick.

»Wie viele von Ihrer laufenden Produktion«, erkundigte er sich, »sind mit der Nexus-6 ausgestattet?«

»Alle«, antwortete Rachael.

»Ich bin sicher, der Voigt-Kampff-Test funktioniert auch bei ihnen.«

»Und wenn nicht, dann müssen wir alle Nexus-6-Modelle vom Markt nehmen.« Ihre schwarzen Augen schossen Blitze; sie sah ihn finster an, bis der Fahrstuhl unten angekommen war und die Tür sich öffnete. »Nur weil Sie bei der Polizei Ihre Arbeit nicht erledigt kriegen, den winzigen Bruchteil von Nexus-6-Einheiten zu entdecken, die gegen ihre Bestimmung – «

Ein Mann, gutgekleidet, hager, schon älter, kam mit ausgestreckter Hand auf sie zu; sein Gesichtsausdruck hatte etwas Gehetztes, so als habe er Mühe, mit den jüngsten Entwicklungen schrittzuhalten. »Ich bin Eldon Rosen«, stellte er sich Rick vor, als sie sich die Hände reichten. »Hören Sie, Deckard; Sie wissen, dass wir hier auf der Erde keine Produktionsstätte haben, nicht wahr? Wir können nicht einfach in der Fabrik anrufen und einen Satz Muster kommen lassen; aber Sie sollen nicht denken, dass wir nicht mit Ihnen kooperieren wollen. Ich habe getan, was ich konnte.« Zittrig fuhr er sich mit der linken Hand durch das schüttere Haar.

Rick wies auf seinen Koffer mit der Ausrüstung und sagte: »Ich bin bereit.« Die sichtliche Nervosität des älteren Rosen gab ihm Selbstvertrauen. Die haben Angst vor mir, ging ihm schlagartig auf. Auch Rachael Rosen. Wahrscheinlich kann ich sie tatsächlich zwingen, die Produktion ihrer Nexus-6-Modelle einzustellen; was ich innerhalb der nächsten Stunde mache, hat wesentlichen Einfluss auf ihr Geschäft. Womöglich entscheide ich über die Zukunft der Rosen-Werke, hier in den Vereinigten Staaten, in Russland und auf dem Mars.

Die beiden Vertreter der Familie Rosen musterten ihn beklommen, und er spürte, wie angespannt sie waren. Mit seinem Besuch hatte er ihnen den Abgrund gezeigt, hatte ihnen die Leere und Stille drohenden finanziellen Ruins ins Haus gebracht. Die Macht, die sie in Händen haben, ist unglaublich, ging ihm durch den Kopf. Diese Firma ist einer der industriellen Stützpfeiler des Systems; die Herstellung von Androiden ist mittlerweile so eng mit dem Kolonisierungsprogramm verbunden, dass, wenn einer von ihnen unterginge, er den anderen mitreißen würde. Das wussten die Leute von Rosen natürlich ganz genau. Es beschäftigte, das sah man, Eldon Rosen seit Bryants Anruf.

»Ich an Ihrer Stelle würde mir keine Sorgen machen«, sagte Rick, während die beiden ihn einen hell erleuchteten Gang entlangführten. Er selbst steckte voller Zuversicht. Er genoss diesen Augenblick mehr als jeden anderen, an den er sich erinnerte. Na, sie würden alle drei bald wissen, was sein Testverfahren konnte – und was nicht. »Wenn Sie kein Vertrauen in die Voigt-Kampff-Skala haben«, sagte er, »dann hätten Sie vielleicht selbst einen alternativen Test entwickeln sollen. Man könnte sagen, dass die Verantwortung auch bei Ihnen liegt. Oh, danke.« Die Rosens hatten ihn vom Korridor in einen schicken Raum im Stil eines Wohnzimmers gesteuert, mit Teppichboden, Lampen, Couch und modernen kleinen Beistelltischen, auf denen die neuesten Zeitschriften lagen; darunter entdeckte er auch das Februar-Supplement von Sidneys Katalog, das er persönlich noch nicht gesehen hatte. Genau genommen, erschien das Februar-Supplement erst in drei Tagen. Offenbar hatten die Rosen-Werke gute Kontakte zu Sidney.

Ärgerlich griff er nach dem Katalog. »Das ist unfair gegenüber der Allgemeinheit. Niemand sollte über Preistendenzen vorab Bescheid wissen.« Er vermutete sogar, dass es gegen das Bundesgesetz verstieß; er versuchte, sich auf den Wortlaut zu besinnen, aber es gelang ihm nicht. »Das nehme ich mit«, sagte er, öffnete seinen Aktenkoffer und steckte das Supplement hinein.

Schweigen stellte sich ein; dann sagte Eldon Rosen gequält: »Hören Sie, Officer, es ist nicht unsere Art, Vorab- «

»Für den Zivilkram bin ich nicht zuständig«, sagte Rick. »Ich bin Kopfgeldjäger.« Aus dem geöffneten Koffer hatte er die Voigt-Kampff-Apparatur herausgenommen, setzte sich an einen Palisandertisch und machte sich daran, den recht simplen Lügendetektor zusammenzubauen. »Sie können den ersten Kandidaten hereinschicken«, sagte er zu Eldon Rosen, der gehetzter wirkte denn je.

»Ich möchte zuschauen«, sagte Rachael und setzte sich ebenfalls. »Ich war noch nie bei einem Empathietest dabei. Was messen die Vorrichtungen, die Sie da haben?«

»Dies hier«, sagte Rick und hielt eine dünne, selbstklebende Scheibe in die Höhe, von der einige Drähte herunterbaumelten, »registriert Veränderungen der Kapillargefäße im Gesichtsbereich. Das zählt zu den wichtigsten unwillkürlichen Reaktionen auf einen im moralischen Sinne schockierenden Stimulus – das, was wir als Empörungs- oder Schamesröte kennen. Sie lässt sich nicht mit Willenskraft steuern, anders als das Leitvermögen der Haut, die Atmung oder der Herzschlag.« Er zeigte ihr das zweite Instrument, eine Leuchte, die einen gebündelten Lichtstrahl aussandte. »Dies hier registriert Spannungsveränderungen in den Augenmuskeln. Zeitgleich mit der Errötungsreaktion stellt man in der Regel ein kleines, aber messbares Zucken – «

»Und das haben Androiden nicht«, sagte Rachael.

»Sie reagieren auf die Fragen, die ich als Auslöser stelle, nicht damit; nein. Von ihrer Physiologie her könnten sie reagieren; theoretisch.«

Rachael sagte: »Testen Sie mich.«

»Warum?«, fragte Rick verblüfft.

Darauf antwortete der ältere Rosen; heiser erklärte er: »Wir haben sie als Ihre erste Testkandidatin ausgewählt. Sie könnte eine Androidin sein. Wir hoffen, dass Sie das feststellen können.« Er setzte sich umständlich, holte eine Zigarette hervor, zündete sie sich an, und dann saß er starr da, beobachtete.

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