Mehr Phantastik

This isn’t a satire. It’s a horror novel.“ (Sarah Langan): Tradwifes in neuen Horrorromanen

Die Cover der Bücher

Janna Krone, 01.10.2026

Was hat es eigentlich mit dem Tradwife-Phänomen auf sich? Warum erscheinen gerade so viele Romane dazu? Taugen die was? Und warum eignet sich das Genre Horror so gut dafür, einen kritischen Blick auf den Trend aus den USA zu werfen?

„Yesteryear“, „Tradwifes“ – Was ist das eigentlich alles?

Wer sich auch nur ein wenig mit aktuellen Bestseller-Romanen beschäftigt, kam in den letzten Wochen kaum um Caro Clare Burkes Thriller „Yesteryear“ herum, der zwischenzeitlich auch auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste stand. Die Protagonistin des Romans ist die Influencerin Natalie, die mit ihrem Mann Caleb und ihren fünf Kindern eine Farm bewirtschaftet, und ihren Follower*innen auf Social Media täglich Videos vom idyllischen Leben mit selbstgebackenem Sauerteigbrot und Milchkühen präsentiert. Sie verkörpert perfekt das, was häufig als „traditionelles Frauenbild“ bezeichnet wird, denn sie betont ihre Rolle als Ehefrau und Mutter, die sich ihrem Mann unterordnet und ihre Funktion in erster Linie darin sieht, ihrer Familie ein perfektes Zuhause zu schaffen. Und auch wenn sie auf ihrem Account nicht offen über Politik oder Religion spricht, ist klar, dass sie für konservative bis christlich-fundamentalistische Werte eintritt und die modernen Errungenschaften des Feminismus, wie flexible Rollenmodelle und berufliche Karrieren für Frauen, ablehnt.

Für Influencerinnen wie Natalie gibt es seit einigen Jahren eine konkrete Bezeichnung: „Tradwife“, eine Kurzform von „traditional wife“, also „traditionelle Ehefrau“. Der bekannteste Tradwife Account im amerikanischen Bereich ist zweifellos der von Hannah Neeleman, die unter dem Überbegriff „Ballerina Farm“ über 103 Millionen Follower*innen auf Instagram hat, und die eindeutig auch eines der Vorbilder für Natalie in „Yesteryear“ ist. Wie bei Social Media-Phänomenen üblich, gibt es allerdings auch zahllose Accounts mit sechs- bis siebenstelligen Zahlen an Follower*innen, die ähnliche Inhalte präsentieren. Was sie alle gemeinsam haben ist eine klare Botschaft: Das wahre Glück besteht für Frauen darin, als nichterwerbstätige Hausfrau und Mutter zu leben und sich ausschließlich um die Familie und deren Versorgung zu kümmern. Die Unterordnung unter den Ehemann, der als Alleinverdiener die Finanzen kontrolliert, wird mal mehr, mal weniger explizit ausgesprochen, ist aber in diesem Lebensmodell immer eingeschlossen. Es ist kein Zufall, dass wir von „Tradwifes“ und nicht von „Tradmothers“ reden, denn die Rolle als Unterstützerin, man könnte auch böse von Dienerin, des Mannes sprechen, steht im Zentrum. Und auch wenn nicht alle Tradwifes offen damit umgehen, sind viele von ihnen Mitglieder konservativer religiöser Gruppen, meist evangelikal oder mormonisch, die eine untergeordnete Rolle von Frauen befürworten.

Dieses Beziehungsmodell ist häufig gekoppelt mit einer idealisierten Darstellung des „einfachen Lebens auf dem Lande“, deren Ästhetik an den „Cottage Core“ der späten 2010er Jahre anknüpft. Landleben besteht hier aus Beeren pflücken und Gartenarbeit in wallenden Leinenkleidern, Hühner füttern, während die offenen Haare im Wind flattern, und Kindern, die unbeschwert auf Blumenwiesen herumtollen. Die wenig fotogenen aber alltäglicheren Seiten der Landwirtschaft, wie Knochenarbeit bei schlechtem Wetter oder den Einsatz von Landmaschinen, Düngern und Pestiziden, sieht man in diesen Fotos und Videos natürlich nicht.

All diese Punkte greift „Yesteryear“ auf, aber Caro Clare Burke hat einen eher satirischen Text über das Phänomen verfasst, der zwar bisweilen scharfe Kritik übt, insgesamt aber recht zahm und konventionell bleibt. Bei aller Kritik an Natalie und ihren heuchlerischen und berechnenden Handlungen wird den Leser*innen wenig zugemutet. So ist er ein unterhaltsamer und relevanter Text, aber für Leser*innen, die eine direktere, transgressivere Form der Auseinandersetzung mit einer Bewegung wollen, die grundlegende Rechte von Frauen in Frage stellt, bleibt bei „Yesteryear“ einiges zu wünschen übrig. Schließlich gibt es bei den Tradwife-Influencerinnen eine Vielzahl an kritikwürdigen Aspekten, die man zu Recht grauenhaft und beängstigend finden kann. 

Warum ausgerechnet Tradwife-Horror?

Tradwifes sind eine Gruppe von Frauen, die öffentlich in sozialen Medien Geld damit verdient, ein rückwärtsgewandtes Lebensmodell anzupreisen, bei dem Frauen Rechte wie körperliche und finanzielle Selbstbestimmung und die Möglichkeit, eine berufliche Karriere zu verfolgen, aufgeben. Gleichzeitig wird ein künstliches Idyll vom Landleben verkauft, das mit der Realität wenig zu tun hat, und alles Hässliche und Anstrengende ausblendet. Und welches Genre könnte besser geeignet sein, um diese Heuchelei, diese Doppelmoral, diese Lügenkonstrukte aufzugreifen und die hässliche Wahrheit hinter der Fassade zu packen und ans Licht zu zerren, als Horror? Die dunklen Geheimnisse hinter der konventionellen Fassade sind das zentrale Thema vieler Horrortexte, von David Lynchs „Blue Velvet“, über Bret Easton Ellis‘ „American Psycho“ bis hin zu Jordan Peels „Get Out“, und die Enttarnung kann im Kontext des Genres erheblich drastischer erfolgen als in einem regulären Thriller.

Doch nicht nur das Leben und Image der Influencerinnen selbst kann durch die Horrorlinse hinterfragt und dekonstruiert werden. Auch die gesellschaftlichen Umstände, die sie erst so erfolgreich machen, können im Horrorkontext in einem neuen Licht betrachtet werden. Denn dass Social Media Akteurinnen, die dieses Rollenbild verkörpern und verkaufen, nicht nur eine nischige Randerscheinung des Internets sind, sondern millionenfach geklickt werden, ist vielleicht das beängstigendste an der Thematik. 

Für viele Menschen, vor allem Frauen, erscheint das Bild der Hausfrau und Mutter, deren - scheinbar - größtes Problem ein misslungener Kuchen ist, als erstrebenswertes Lebensmodell oder das Ansehen der Videos zumindest als willkommene Flucht aus dem Alltag. Dies alleine wäre auch nicht problematisch, doch Tradwifes verkörpern nicht nur das Leben als Hausfrau, sondern romantisieren Unterordnung und finanzielle Abhängigkeit. Und von den Zuschauer*innen wird die Freiheit, die Frauen mühsam erkämpft haben, demnach zumindest teilweise als Belastung wahrgenommen, denn andernfalls könnten sie auch ganz reguläre Koch- und Lifestyleinhalte ansehen.  Menschen fühlen sich durch die Anforderungen der modernen Welt offensichtlich so erschöpft und zerrieben, dass eine Rückkehr zu patriarchaler Bevormundung nicht als beängstigend, sondern als entlastend gesehen wird. Zwar kann Eskapismus viele Formen annehmen, doch dass eine harmlos träumerische Ästhetik vom einfachen Leben auf dem Land zu einem trojanischen Pferd für zutiefst rückwärtsgewandte religiöse und politische Botschaften geworden ist, zeigt, dass nicht nur die Tradwifes selbst ein Problem sind, sondern auch die Gesellschaft, die ihren Erfolg bedingt. Und auch hier findet sich ein idealer Anknüpfungspunkt für Horror, denn die Gesellschaftskritik, die vielen Spielarten des Genres innewohnt, kann sich so in vielerlei Weise entfalten.

Somit ist es kein Wunder, dass neben „Yesteryear“ in den vergangenen Monaten mehrere weitere Romane erschienen sind, die das Tradwife-Phänomen durch eine Horrorlinse betrachten, um nicht zu sagen zerfleischen. Sie wählen dabei ganz verschiedene Zugänge, von Splatter und Bodyhorror bis hin zu Weird Horror und scharfer Religionskritik.

Alles für das/ein Baby: Saratoga Schäfer’s „Tradwife“

Saratoga Schäfers Roman „Tradwife“ wählt einen anderen Zugang zum Tradwife-Phänomen als die Bücher, die im Weiteren besprochen werden. Hier ist die Protagonistin Camille auch die Ich-Erzählerin, was einen Einblick in ihre Motivation, Influencerin zu werden, ermöglicht. 

Camille steht noch ganz am Anfang ihrer Karriere als Tradwife, auch wenn sie bereits nahezu alle Ingredienzien gesammelt hat: ihr Ehemann Graham ist beruflich sehr erfolgreich und die beiden haben gerade ein großzügiges Haus mitten im Nirgendwo gekauft, das Camille aufwendig als Kulisse für Social Media Posts gestaltet hat. Camille verfolgt ihre Aufgabe mit Ehrgeiz und Disziplin, jede Sekunde ihres Daseins dient entweder dazu, Graham bestmöglich zu verhätscheln oder zu einem Instagram Post verwertet zu werden. Im Idealfall funktioniert beides gleichzeitig.

Dennoch gibt es ein Problem: um ihre Followerzahl zu erhöhen und als richtige Tradwife wahrgenommen zu werden, benötigt Camille ein Baby. Kinder sind für Tradwifes nicht nur ein Accessoire, wie eine Küche mit Aga-Ofen oder ein Stall voller Hühner, sie sind integraler Bestandteil der Marke. Ohne Kinder wirken die Influencerinnen nun einmal nicht wie aufopferungsvolle Märtyrer im Dienste ihrer Familien und zukünftiger Generationen – und damit auch als Verkörperung traditioneller Familienwerte – sondern sie erscheinen lediglich als Einrichtungs- und Haushaltsinfluencerinnen. 

Zudem hofft Camille, dass sie durch eine Schwangerschaft ihren Ehemann wieder stärker wird an sich binden können, denn wie schnell deutlich wird hat Graham längst das Interesse am ruhigen Leben mit seiner treusorgenden Hausfrau verloren und verbringt ganze Nächte und Wochenenden bei seinen Freunden. Camille, die ohne eigenes Fahrzeug und ohne eigenen Freundeskreis völlig isoliert ist, nutzt er lediglich als Versorgungsstation, um sich zwischen seinen Ausflügen bekochen, bewundern und sexuell befriedigen zu lassen. 

Leider ist eine Schwangerschaft das einzige, das Camille nicht durch Fleiß, Disziplin und Berechnung erzwingen kann. Sie wird einfach nicht schwanger und ihre Follower werden nach und nach ungeduldig. Zum „Glück“ für Camille bietet sich bald ein Ausweg. Nachdem sie an einem verwitterten Brunnen am Rande ihres Grundstücks den Wunsch nach einem Baby geäußert hat, erscheint ihr ein seltsames Wesen. Dies entspricht zwar mit seiner schuppigen Haut, seiner bläulich-grünen Farbe und seinen eindeutig nichtmenschlichen Fähigkeiten nicht unbedingt ihrer Vorstellung eines idealen Kindsvaters, aber in ihrer Verzweiflung benötigt Camille nicht viel um sich einzureden, dass es sich bei diesem Monster um einen Engel handeln muss, der ihren Wunsch erfüllen wird. Und so lässt Camille sich von diesem Wesen schwängern, was ihr nebenbei auch den ersten Orgasmus ihres Lebens beschert. 

Im weiteren Verlauf der Handlung durchlebt Camille eine übernatürliche Schwangerschaft, die in der Geburt eines höchst ungewöhnlichen Babys gipfelt, das von Camille erheblich mehr Opfer erfordert, als sie zunächst erwartet hatte. Ab diesem Zeitpunkt zieht Schaefer alle Register des Bodyhorrors und der Roman wechselt immer wieder zwischen drastischen Splatterszenen und komischen Passagen, in denen Camille versucht, ihre Social Media Karriere trotz des gelinde gesagt wenig fotogenen Babys weiter zu verfolgen.

Was Camille zu einer ungewöhnlichen Protagonistin im Kontext des Tradwife-Horrors macht, ist ihre absolute Selbstbestimmtheit. Sie verfolgt ihre Karriere zielstrebig und wertet ihre Abrufzahlen und Erfolge akribisch aus und modelliert ihre Medienpräsenz nach dem Vorbild anderer erfolgreicher Accounts. Dies ist nicht überraschend, denn vor ihrer Ehe galt ihre Begeisterung den Naturwissenschaften und sie war sogar Teilnehmerin an einem prestigeträchtigen Programm für Biologiestudentinnen. Für ihren Content verheimlicht sie diesen Hintergrund jedoch, und verkündet auf ihrem Kanal bewusst Lügen über die Gefährlichkeit von Impfungen und Vitaminpräparaten während der Schwangerschaft. Camille hat keine Ideale, sie ist nicht extrem religiös, und sie liebt auch Graham nicht besonders. Für sie zählt vor allem Erfolg und sie ist bereit, dafür alles zu geben. Und sie erwartet, für dieses – in ihren Augen – richtige Verhalten belohnt zu werden. Als sie feststellen muss, dass ihre Karriere bröckelt, weil manche Faktoren wie die ausbleibende Schwangerschaft oder Grahams Distanziertheit außerhalb ihres Einflusses liegen, gibt sie nicht etwa auf, sondern bringt einfach immer größere Opfer. 

Und hierin liegt auch der Grund, warum Camille eine herausragende Protagonistin ist, der man beim Lesen gerne folgt, egal in welche Abgründe ihr Ehrgeiz und ihre Verblendung sie treiben: Sie lässt sich einfach nicht unterkriegen. Obwohl sie nach außen die schwache, hyperfeminine Tradwife gibt, hat sie wesentlich mehr mit den soziopathischen Girlbossen der 2000er zu tun als mit dem Engel am Herd. Und auch wenn dies – ebenso wenig wie die anderen Tradwifes – als Vorbild für ein gutes Leben taugen mag, so ist es doch höchst unterhaltsam.

Sarah Langans „Trad Wife“ und die Frage nach der Selbstbestimmung

 Die Frage, inwieweit Tradwifes Herrinnen ihres eigenen Schicksals sind, und ob ihnen bewusst ist, was für gefährliche, toxische Rollenmuster sie an ihre Followerinnen verkaufen, steht im Zentrum von Sarah Langans Roman „Tradwife“. 

Die Protagonistin Jenny hat nach der Veröffentlichung eines autobiographischen Essays, in dem sie ihre persönliche Frustration mit dem Leben als berufstätige Frau im Hamsterrad des Spätkapitalismus, eine Abtreibung und ihre gescheiterte Beziehung zu ihrem psychisch kranken Exfreund thematisiert, kurzzeitig selbst Ruhm auf Social Media erlangt. Unerwartet erhält sie die Möglichkeit, einen Artikel über die erfolgreiche Influencerin Mia Wright und ihr Leben auf der Black Swan Farm zu schreiben und dafür eine Woche mit Mia und ihrer Familie zu verbringen. 

Jenny ist von Anfang an misstrauisch gegenüber Mia. Nicht nur, dass sie deren Botschaften und Lebensentwurf ablehnt, sie ist auch überzeugt, dass Mias Videos zumindest in Teilen manipuliert sind, etwa indem sie gezielt Missgeschicke vortäuscht, um damit sympathischer zu wirken. Für sie ist Mia das „trojanische Pferd des Patriarchats“ und gezielt daran beteiligt, die hart erkämpften Rechte für Frauen aufzuweichen. Zudem wird bei ihren Recherchen schnell deutlich, dass Mias Einkommen zu großen Teilen auf einer verwerflichen Marketingstrategie beruht, bei der ihre Anhängerinnen Black Swan Farm-Produkte zum Weiterverkauf erwerben, dabei jedoch meistens nur Verlust machen.

Im Verlauf ihrer Woche mit Mia kommen Jenny jedoch immer mehr Zweifel an ihrem ursprünglichen Ziel. Ist es nicht unsolidarisch von ihr, eine einzelne Influencerin auf Social Media niederzumachen, anstatt sich den größeren und gefährlicheren Gruppen der Internet-Maskulisten zu widmen und gegen diese vorzugehen? Soll sie mit ihrem Artikel nicht letztlich eine billige Show liefern für ein Publikum, das nichts mehr liebt als die öffentliche Demontage erfolgreicher Frauen? Inwiefern ist sie selbst nur eine Figur in Mias Spiel und soll im Kontrast zu dieser vor allem zeigen, wie unglücklich sie als moderne Frau ist? 

Dieser Zwiespalt durchzieht den gesamten Roman. Wenig überraschend erkennt Jenny schnell, dass auf Black Swan Farm nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Dabei bleibt aber lange rätselhaft, welche Rolle Mia dabei spielt. Einerseits scheint sie voll und ganz zu ihren Idealen zu stehen, andererseits trinkt sie heimlich und ist in vieler Hinsicht längst nicht so makellos, wie sie nach außen vermittelt. Immer mehr steht auch die Frage im Raum, inwiefern Mia und ihr Einfluss nicht lediglich ein Symptom einer viel tiefer reichenden Seuche sind. Inwiefern ist Mias Ehemann, der nach außen solide und zuverlässig wirkende Steadman, mitverantwortlich für die Situation? Immerhin ist er der Hauptprofiteur der Arbeit seiner Frau, auch wenn er keinen offenen Zwang auszuüben scheint. Zudem wird den Leser*innen durch Einschübe, die aus Auszügen aus fiktionalen historischen Texten, aber auch aus bekannteren Horrorkurzgeschichten bestehen, immer wieder deutlich gemacht, dass mehr hinter den Ereignissen auf Black Swan Farm steckt als lediglich eine Influencerin auf einem Feldzug gegen den modernen Feminismus.

Was zunächst wie eine Vermischung aus (zu)vielen verschiedenen Ideen und Anknüpfungspunkten wirkt, macht Langans Roman zum vielschichtigsten und komplexesten der hier besprochenen Tradwife-Texte. Im Nachwort weist Langan deutlich darauf hin, dass es ihr nicht darum geht, eine einzelne Tradwife als Person anzugreifen: „Attacking Trad Wifes reinforces the pernicious notion that women deserve to be punished, put in their place, and judged. Who better to do that than other women? So no, this isn’t a satire. It’s a horror novel.”

Für Langan ist der Tradwife Trend nur ein Ausdruck einer Kultur, die für Frauen insgesamt gefährlich und schädlich geworden ist, und in der keine Frau, egal wie sehr sie sich an die patriarchalen Normen anpasst, sicher ist. Mia Wright verbreitet toxische Ideen über Unterwerfung und Selbstverleugnung und verdient daran, aber sie ist auch selbst Opfer und steht in einer langen Reihe von Frauen, die vom Patriarchat benutzt und anschließend ausgespuckt wurden. Doch auch Jenny, die emanzipierte, unabhängige Journalistin, ist gefangen in Strukturen, die sie unterdrücken und unfrei machen. Die Internet-Trolle, die sie nach ihrem viralen Artikel bedrohen, der Chef, der sie beim kleinsten Fehler unter den Bus schubsen wird, das soziale Umfeld, das von ihr unentgeltliche, selbstlose Care Arbeit erwartet, sie alle machen Jennys Existenz prekär und unsicher und befördern damit auch die Bereitschaft, sich in das (scheinbar) beruhigend einfache Dasein als Hausfrau und Mutter zu flüchten.

Ja, die Tradwifes verkaufen einen Lebensentwurf, der Frauen abhängig und hilflos machen will. Aber auch das Leben außerhalb der idyllischen Farmhausküche ist durchzogen von den Zwängen von Patriarchat und Spätkapitalismus. Wir alle spielen dieses Spiel mit, manche auf Instagram beim Sauerteig ansetzen, manche beim Intrigieren gegen die Arbeitskollegen.  Es gibt kein richtiges Leben im falschen, oder, wie Langan im Nachwort schreibt, „Nobody’s safe“.

„The patriarchy is alive and well in Utah“: Carrie Hughes‘ “The Trad Wife”

Sowohl Saratoga Schaefer als auch Sarah Langan richten in ihren Texten ihre Hauptaufmerksamkeit auf die Tradwifes als Figuren und fokussieren ihre Erzählungen auf deren Persönlichkeiten und Motivation. Dabei bleiben jedoch zwei wichtige Aspekte, die den Tradwife Boom mitprägen, eher unbeleuchtet: Die Rolle der Ehemänner und die der Religion.

Schaefers Graham ist ein leicht durchschaubarer, oberflächlicher Typ, der sich von seiner Ehefrau verhätscheln lässt und es genießt, sich von einer unterwürfigen Frau bedienen zu lassen. Und sollte ihm dies zu langweilig werden, hat er keinerlei Probleme damit, sich die fehlende Unterhaltung bei seinen Freunden oder anderen Frauen zu suchen. Langans Steadman wirkt zwar wie ein klassischer Patriarch und Familienvater aus einem Roman des 19. Jahrhunderts, doch letztendlich ist auch er nur ein Rädchen im Getriebe einer weitaus größeren Maschinerie, und er verfügt über weitaus weniger Autonomie als er zu haben glaubt.

Im Gegensatz dazu ist Marty, der Ehemann der Influencerin Faith, in Carrie Hughes Roman „The Trad Wife“ einer der Faktoren, die die Handlung überhaupt erst ins Rollen bringen. Die Protagonistin Melissa hat eine persönliche – für die Leser*innen zunächst unklare – Vorgeschichte mit Marty und dies ist einer der Gründe, warum sie sich bereit erklärt, einen Job auf der Farm von Marty und Faith anzunehmen. Melissa, die Content Creators bei der Vermarktung unterstützt und nebenbei einen Podcast über das Leben als berufstätige, alleinerziehende Mutter betreibt, lässt ihr Leben in New York hinter sich und zieht mit ihrer Tochter in ein Haus auf der Lavender Field Ranch.

Die Ranch befindet sich in Utah und Faith und ihre Familie sind gläubige Mormonen. Melissa, die selbst in einer mormonischen Familie aufgewachsen ist, kennt die Ideale, nach denen Frauen in dieser Gemeinschaft zu leben haben, und weiß, dass der Familienvater hier der unangefochtene Herrscher ist. Dennoch glaubt sie, sich ihre Autonomie und Selbstbestimmtheit auch auf der Ranch bewahren zu können, was sich aber schnell als Illusion herausstellt. Schleichend wird ihr Handlungsspielraum immer weiter eingeschränkt. Zudem wird ihre Tochter durch das Homeschooling auf der Ranch religiös indoktriniert und entfremdet sich immer weiter von Melissa. Dabei erscheint Faith, die erfolgreiche Influencerin, zunächst als gehirngewaschenes Opfer einer misogynen, konservativen Ausprägung des Mormonismus. Ihr Ehemann Marty, der in den Instagramposts stets als muskulöser Cowboy abgebildet wird, ist in der Realität ein sowohl physisch als auch intellektuell unterdurchschnittlicher Typ, der aber fest davon überzeugt ist, der von Gott eingesetzte Patriarch der Familie und daher in seinen Entscheidungen unfehlbar zu sein. Obwohl Faith das gesamte Geld der Familie erwirtschaftet, gehört die Ranch Marty und sie erträgt diese Abhängigkeit klaglos, ebenso wie die körperlichen Misshandlungen durch ihren Ehemann.

Zwar wird im Verlauf von „The Tradwife“ deutlich, dass die Beziehungsgeflechte und Motivationen auf der Ranch vielschichtiger sind, als es anfangs aussieht, doch der Roman macht eindeutig klar, wer der eigentliche Schurke im Text sind: es ist die patriarchale Ausprägung der Religion, die Frauen klein hält und Männern alle Macht einräumt. So kann selbst ein jämmerliches Würstchen wie Marty sich zum Herrscher über seine Familie aufspielen, und kluge Frauen wie Faith müssen sich anpassen und ihre Fähigkeiten in den Dienst dieser Ideologie stellen. Im Gegensatz zu den anderen beiden hier besprochenen Romanen benennt Hughes eindeutig eine bestimmte Religionsgemeinschaft in ihrer Kritik, nämlich die „Church of Latter Day Saints“ (LDS), die wir landläufig als Mormonen bezeichnen. Sowohl Langans als auch Schaefers und Burkes Tradwifes sind „normale“ Christinnen, doch lassen sie sich keiner bestimmten Gemeinschaft zuordnen, sondern vertreten eher eine selbstgebraute Mischung aus konservativ katholischen und evangelikalen Ideen. Schaefers Camille sieht sich zwar als irgendwie katholisch, hat aber wenig Ahnung von und Interesse an religiösen Inhalten und passt diese ihren jeweiligen Bedürfnissen an. So bleiben alle Romane bis auf den von Hughes in ihrer Religionskritik recht diffus. Dies hebt „The Tradwife“, der ansonsten, was die Drastik der Darstellungen angeht, der harmloseste der drei Texte ist, ab und macht ihn zur direktesten Kritik an realweltlichen Elementen. Hier wird nichts auf eine metaphorische Ebene gehoben, hier ist klar, wer der Schurke ist, und er hat einen Namen, nämlich LDS. 

Fazit: Drei Romane, drei Zugänge

Drei Romane mit fast identischen Titeln, die alle das gleiche Thema behandeln – oder etwa nicht? Auf den ersten Blick haben die Texte viele Gemeinsamkeiten und natürlich betrachten sie das Phänomen Tradwife alle aus einer kritisch-feministischen Perspektive. Dazu kommen Ähnlichkeiten in der Handlung. So sind die Opfer in allen diesen Texten zumeist Frauen und Kinder, ebenso wie die Täterinnen weiblich sind. Der Tradwife-Roman ist naturgemäß in der häuslichen Sphäre angesiedelt, auch wenn der Blick sich gelegentlich auf die umgebenden Dörfer und Kleinstädte ausweitet. 

Alle Romane behandeln mal mehr, mal weniger direkt die Weiblichkeitsperformance, die alle diese Influencer*innen durchziehen müssen. Dabei vermischen sich die konservativen Familienvorstellungen mit den Anforderungen, denen alle weiblichen Content Creator unterworfen sind: Frau sein bedeutet hier Ehefrau und Mutter sein. Es bedeutet, Kleider zu tragen statt Hosen, selbst bei Arbeiten in der Landwirtschaft. Es bedeutet, stets perfekt geschminkt und frisiert zu sein, aber nicht eitel zu wirken. Es bedeutet aber auch, jung, hübsch und schlank zu sein, denn, wie eine feministische Seniorin in Hughes’ Roman anmerkt: „No one would care less about her pancakes if she wasn’t young and attractive“. 

Die zugrundeliegenden Problematiken der Tradwife-Ideologie werden von den Romanen jedoch unterschiedlich angegangen. Schaefers Tradwife Camille zeigt die Zwiespältigkeit der Mutterrolle und der Familienideale im Tradwife-Kontext, in dem Familie immer auch Requisite für Content ist. Camille bekommt ihr monströses Baby zuerst nicht aus Mutterinstinkt oder ähnlichem, sie braucht ein Baby für ihr berufliches Fortkommen und um ihren persönlichen Traum vom perfekten Leben zu verwirklichen. Als sie das Baby jedoch vor sich hat, ist sie schnell bereit, alles für dieses Kind zu opfern, inklusive ihres eigenen Körpers und der Körper anderer Menschen. Sie gewinnt eine „heile“ Familie, in der Mutter und Vater sich um den Nachwuchs kümmern, wird dabei aber selbst zum Monster. Erst die kannibalistische Monsterfamilie lebt nämlich tatsächlich die Ideale, die Camille vorher nur vorgespielt hat, und das dämonische Brunnenmonster ist ein besserer Vater als der egozentrische Graham es jemals war. So ist die Monsterfamilie, die sich von anderen ernährt, die ehrliche Version dessen, was Camille in ihren Videos gezeigt hat. Schaefer stellt dem gefilterten, idealisierten Bild der Influencer*innen drastischen Bodyhorror entgegen und verdeutlicht so, dass Ehrlichkeit oft auch hässlich ist. 

Langan hingegen betrachtet die strukturellen Ursachen des Tradwife-Booms durch die Linse des Weird Horrors. Hier ist die Ideologie wie eine Seuche, die nach und nach um sich greift und immer mehr Menschen mit der Botschaft der Unterwerfung unter (patriarchale) Herrschaft infiziert. Gleichzeitig betont sie immer wieder, dass diese Botschaft nichts neues ist, sondern nur phasenweise schläft. Niemand kann sich sicher sein, sich nicht doch zu infizieren. Der antifeministische Backlash lauert immer unter der Oberfläche und wartet nur darauf, auch Leute, die sich selbst für progressiv und aufgeklärt halten, erneut zu beeinflussen. Langan sieht in ihrem Text nur sehr bedingt individuelle Verantwortung bei den Influencer*innen, für sie sind sie ein Symptom struktureller und systemischer Probleme. Und der Weird Horror, bei dem der einzelne Mensch fremden, unverständlichen Mächten ausgeliefert ist, ist perfekt geeignet, um diese Ideen abzubilden.

Carrie Hughes hingegen verwendet in ihrem Roman als einzige keine übernatürlichen Elemente. Sie benennt ganz deutlich die Church of Latter Day Saints als Verantwortliche und Nutznießer eines Systems, das Frauen kleinhält und ausbeutet. Ihr Horror ist damit am direktesten und sozialkritischsten und steht in der langen Tradition furchtloser Kritiker*innen der ganz realen Zustände, ohne durch Metaphern zu abstrahieren. Dies macht ihren Text zum schlichtesten der hier besprochenen, aber auch zu dem, der die Probleme des Tradwife-Phänomens am präzisesten angreift.

Horror ist ein vielfältiges Genre und diese drei Romane zeigen, wie viele verschiedene Zugänge zu ganz realen Phänomenen in ihm möglich sind. Horror ist nicht nur Splatter und Bodyhorror, er ist nicht nur Weird Horror und er ist nicht nur ein blutiger Frontalangriff auf bürgerliche Konventionen und den guten Geschmack. Horror ist zuallererst das Genre, das Konfrontation mit dem Verdrängten verlangt und darstellt. Es verlangt Ehrlichkeit und Mut und verabscheut Heuchelei und Schönfärberei. Und genau deswegen ist es gut, dass es so viele verschiedene Horrorromane zu Tradwifes gibt. Denn so können wir alle den Text finden, an dessen Seite wir uns selbst dem Schrecken des antifeministischen Backlashs stellen wollen.

 

Falls ihr noch mehr von Janna Krone über den Roman "Yesteryear" hören wollt, hört euch einfach die enstprechende Folge im Schmökercast an.

Jana Krone

In grauer Vorzeit hat Janna Krone in Mainz Deutsch und Englisch auf Lehramt und Anglistik studiert. Heute arbeitet sie tagsüber als Lehrerin und nachts als Mitarbeiterin bei https://www.gamespodcast.de/ , wo sie über Games, Filme und Monster redet. Die restliche Zeit findet man sie in ihrem Kopf, wo sie über Horror, Phantastik und Kuchen nachgrübelt. Seit einige Zeit betreibt sie auch den Podcast Schmökercast, in dem sie mit Kerstin Heberer über Bücher spricht.