John Scalzi - Kollaps: Imperium der Ströme

John Scalzi: Kollaps - Das Imperium der Ströme

FISCHER TOR

Leseprobe: Kollaps - Das Imperium der Ströme (John Scalzi)


"Kollaps – Das Imperium der Ströme" ist der Auftakt von John Scalzis neuer Science-Fiction-Serie (erscheint am 5.10. bei FISCHER Tor). Tolle Hauptfiguren, trockener Humor und politische Relevanz: das ist zeitgemäße SF, wie wir sie lieben. Hier könnt ihr die ersten Seiten lesen.

Und darum geht es in "Kollaps – Das Imperium der Ströme"

Die Menschheit hat sich in der ganzen Galaxis ausgebreitet und ein gewaltiges Sternenreich errichtet – ein ebenso mächtiges wie labiles Gefüge aus Planeten und Raumstationen, die alle aufeinander angewiesen sind, um zu überleben. Extra-dimensionale Sternenstraßen, sogenannte »Ströme«, halten das Imperium zusammen. Auf ihnen können Raumschiffe in kürzester Zeit Lichtjahre zurücklegen.

Doch dieses feingesponnene Netz ist in Gefahr ...

***

Prolog

Auch die Meuterer wären, wenn die Ströme nicht kollabiert wären, damit durchgekommen.

Natürlich gibt es innerhalb der Gilde eine übliche, legale Vorgehensweise für eine Meuterei, ein Protokoll, das seit Jahrhunderten befolgt wird. Demzufolge überreicht ein hochrangiges Besatzungsmitglied, vorzugsweise der Obermaat oder Erste Offizier, vielleicht aber auch der Chefingenieur, Cheftechniker, Chefarzt oder in wahrlich bizarren Fällen der Vertreter des Eigentümers, dem Imperialen Assistenten eine förmliche »Liste mit Beschwerden im Sinne einer Meuterei«, die mit dem Gildeprotokoll übereinstimmt. Daraufhin berät sich der Imperiale Assistent mit dem Leitenden Seelsorger des Schiffs, ruft nötigenfalls Zeugen auf, und dann werden die beiden spätestens nach einem Monat entweder den Sachverhalt einer Meuterei feststellen oder die Verweigerung einer Meuterei bekanntgeben.

In ersterem Fall setzt der Sicherheitschef förmlich den Kapitän des Schiffs ab und nimmt ihn in Verwahrung, worauf sich dieser am nächsten Reiseziel des Schiffs einer förmlichen Anhörung durch die Gilde stellen muss. Die Bestrafung sieht den Verlust des Schiffs, des Dienstrangs und der Raumfahrtprivilegien vor, bis hin zu Zivilklagen und Strafanzeigen, die mit Gefängnisaufenthalt oder, in den allerschwersten Fällen, mit der Todesstrafe geahndet werden. In letzterem Fall ist es das beschwerdeführende Besatzungsmitglied, das vom Sicherheitschef für die förmliche Anhörung durch die Gilde mit allen weiteren Folgen gut verschnürt in Gewahrsam genommen wird.

Ganz offensichtlich wollte sich dieses Mal niemand an dieses Prozedere halten.

Im Gegensatz dazu steht der tatsächliche Verlauf einer Meuterei mit Waffen, Gewalt und plötzlichen Todesfällen, wenn sich die Offiziere wie wilde Tiere aufeinanderstürzen und die Besatzung herauszufinden versucht, was zum Teufel eigentlich los ist. Je nachdem, wie die Sache abläuft, wird der Kapitän ermordet und ins Vakuum geworfen, worauf alles zurückdatiert wird, damit es nett und legal aussieht, oder den meuternden Offizieren und Besatzungsmitgliedern wird die andere Seite einer Luftschleuse gezeigt. Der Kapitän schreibt eine Anzeige wegen unrechtmäßiger Meuterei, wodurch die überlebenden Meuterer ihre Ansprüche auf Vorsorgeleistungen und Pensionen verlieren, was bedeutet, dass ihre Ehepartner und Kinder verhungern und auf zwei Generationen von Anstellungen in der Gilde ausgeschlossen sind, weil die Neigung zur Meuterei offenbar in den Genen liegt, ähnlich wie die Augenfarbe oder die Neigung zum Reizdarm.

Auf der Brücke der Tell Me Another One war Kapitän Arullos Gineos mit den Folgen einer tatsächlichen Meuterei beschäftigt, also keiner Meuterei auf dem Papier, und wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, sah die Sache nicht gut für sie aus. Genauer gesagt, sobald sich ihr Erster Offizier und seine Leute mit den Schneidbrennern durch diese Wand geschnitten hatten, würden Gineos und ihre Brückenbesatzung Opfer eines »Unfalls« werden, dessen genauen Ablauf man später bestimmen würde.

»Der Waffenschrank ist leer«, sagte der Dritte Offizier Nevin Bernus, nachdem er nachgeschaut hatte. Gineos nickte dazu nur; natürlich war er das. Der Waffenschrank war darauf codiert, sich genau fünf Personen zu öffnen: dem Kapitän, den Wachoffizieren und Sicherheitschef Bremman. Einer dieser fünf hatte während einer früheren Wache die Waffen herausgenommen. Die Umstände deuteten auf den Ersten Offizier Ollie Inverr, der sich derzeit gemeinsam mit seinen Freunden durch die Wand schnitt.

Gineos war nicht völlig unbewaffnet. Sie hatte einen Pfeilwerfer, der in ihrem Stiefel steckte, eine Gewohnheit aus ihrer Teenagerzeit, als sie sich mit ihrer Gang, den Rapid Dogs, in den Gassen von Grussgott herumgetrieben hatte. Er war mit einem einzelnen Pfeil bestückt, der keine hohe Geschwindigkeit erreichte und für den Einsatz aus kurzer Distanz gedacht war. Wenn man ihn aus einer Entfernung von mehr als einem Meter abschoss, hatte das lediglich zur Folge, dass der Getroffene stinksauer wurde. Gineos gab sich nicht der Illusion hin, dass sie damit ihren Kommandoposten retten konnte.

»Status«, sagte Gineos zu Lika Dunn, die sich damit beschäftigt hatte, die anderen Offiziere der Tell Me zu kontaktieren.

»Nichts Neues aus dem Maschinenraum, seit Chefingenieur Fanochi sich gemeldet hat«, sagte Dunn. Es war Eva Fanochi gewesen, die als Erste Alarm geschlagen hatte, als ihre Abteilung von bewaffneten Besatzungsmitgliedern unter der Führung des Ersten Offiziers übernommen worden war, woraufhin Gineos die Brücke abgeriegelt und die höchste Alarmstufe für das Schiff ausgerufen hatte. »Cheftechniker Vossni antwortet nicht. Dr. Jutmen auch nicht. Bremman wurde in seinem Quartier eingesperrt.« Damit meinte sie Piter Bremman, den Sicherheitschef der Tell Me.

»Was ist mit Egerti?« Lup Egerti war der Vertreter des Eigentümers, die meiste Zeit so nutzlos wie Zitzen an einem Keiler, aber wahrscheinlich war er nicht an der Meuterei beteiligt, da Meutereien im Allgemeinen schlecht fürs Geschäft sind.

»Nichts. Auch nichts von Slavin oder Preen.« Mit den letzten beiden meinte sie den Imperialen Assistenten und den Seelsorger. »Der Zweite Offizier Niin hat sich ebenfalls nicht zurückgemeldet.«

»Sie sind fast durch«, sagte Bernus und zeigte auf die Wand.

Gineos verzog das Gesicht. Sie war nie allzu glücklich mit ihrem Ersten Offizier gewesen, der ihr mit Unterstützung des Hauses Tois, des Eigentümers der Tell Me, von der Gilde aufgedrückt worden war. Der Zweite Maat Niin war Gineos’ erste Wahl für ihren Stellvertreter gewesen. Sie hätte mehr Druck machen sollen. Nächstes Mal.

Nicht dass es jetzt noch ein nächstes Mal geben wird, dachte Gineos. Sie war so gut wie tot, und auch ihre loyalen Offiziere würden tot sein, wenn sie es nicht bereits waren, und weil sich die Tell Me im Strom befand und es noch für einen weiteren Monat sein würde, gab es für sie keine Möglichkeit, die Blackbox des Schiffs abzusetzen, damit jeder erfuhr, was wirklich geschehen war. Bis die Tell Me in der Nähe von Ende aus dem Strom kam, würde man die Scherben zusammengefegt, die Beweise neu arrangiert und die Geschichten zurechtgebogen haben. Tragisch, was mit Gineos geschehen ist, würden sie sagen. Eine Explosion. So viele Tote. Und sie kehrte tapfer noch einmal zurück, um so viele Besatzungsmitglieder wie möglich zu retten.

Oder etwas in der Art.

Als die Wand aufgeschnitten war und kurz darauf eine Metallplatte auf den Boden krachte, kamen drei Besatzungsmitglieder mit Bolzenwerfern herein, die sie herumschwenkten und auf die Brückenbesatzung richteten. Niemand aus der Brückenbesatzung rührte sich. Wozu auch? Einer der Bewaffneten rief »Alles klar!«, und der Erste Offizier Ollie Inverr stieg geduckt durch das Loch in der Wand auf die Brücke. Er erspähte Gineos und ging zu ihr hinüber. Einer der bewaffneten Besatzungsmitglieder richtete seinen Bolzenwerfer ausdrücklich auf sie.

»Kapitän Gineos«, begrüßte Inverr sie.

»Ollie«, erwiderte Gineos die Begrüßung.

»Kapitän Arullos Gineos, gemäß Artikel 38, Abschnitt 7 der Einheitlichen Vorschriften der Merkantilen Transportgilde, erkläre ich hiermit …«

»Lassen Sie den Scheiß, Ollie«, sagte Gineos.

Inverr lächelte. »Wie Sie meinen.«

»Ich muss sagen, dass Sie mit der Meuterei ganze Arbeit geleistet haben. Als Erstes den Maschinenraum übernehmen, damit Sie, wenn alles andere schiefläuft, drohen können, den Antrieb in die Luft zu jagen.«

»Vielen Dank, Kapitän. Ich habe mich tatsächlich bemüht, die Übergabe mit einem Minimum an Verlusten über die Bühne zu bringen.«

»Heißt das, Fanochi ist noch am Leben?«

»Ich sprach von einem ›Minimum‹, Kapitän. Zu meinem Bedauern muss ich sagen, dass Chefingenieur Fanochi nicht sehr entgegenkommend war. Ihre Assistentin Hybern wurde inzwischen befördert.«

»Wie viele der anderen Offiziere haben Sie in Ihrer Gewalt?«

»Ich glaube, deswegen müssen Sie sich keine Sorgen machen, Kapitän.«

»Immerhin tun Sie nicht so, als würden Sie mich nicht töten wollen.«

»Damit das klar ist: Es tut mir leid, dass es so weit gekommen ist, Kapitän. Ich bewundere Sie wirklich.«

»Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass Sie den Scheiß lassen sollen, Ollie.«

Wieder lächelte Inverr. »Sie haben sich noch nie was aus Schmeicheleien gemacht.«

»Wollen Sie mir sagen, warum Sie sich zu dieser Rebellion entschlossen haben?«

»Nein, eigentlich nicht.«

»Seien Sie so nett. Ich würde gern wissen, warum ich sterben soll.«

Inverr zuckte mit den Schultern. »Natürlich wegen Geld. Wir befördern eine große Ladung Waffen, die für die Soldaten auf Ende bestimmt sind, um die dortige Rebellion zu bekämpfen. Gewehre, Bolzenwerfer, Raketenabschussgeräte. Sie wissen das, schließlich haben Sie das Ladungsverzeichnis unterschrieben. Als wir auf Alpin waren, erhielt ich ein Angebot, alles stattdessen an die Rebellen zu verkaufen. Mit dreißig Prozent Provision. Das klang mir nach einem guten Geschäft. Also sagte ich zu.«

»Es würde mich interessieren, wie Sie die Waffen zu den Rebellen schaffen wollen. Der Raumhafen von Ende steht unter Kontrolle der Regierung.«

»Sie werden dort niemals ankommen. Wenn wir den Strom verlassen, werden wir von ›Piraten‹ überfallen, die unsere Fracht requirieren. Sie und andere Besatzungsmitglieder, die sich unserem Plan entgegenstellen, werden bei diesem Überfall sterben. Schlicht und ergreifend. Alle, die übrig bleiben, verdienen einen Haufen Geld und sind glücklich und zufrieden.«

»Das Haus Tois wird nicht glücklich und zufrieden sein«, brachte Gineos den Eigentümer der Tell Me ins Spiel.

»Es hat das Schiff und die Fracht versichert. Für das Haus ist es kein Problem.«

»Yanner Tois wird wegen Egerti unglücklich sein. Sie müssen ihn töten. Er ist sein Schwiegersohn.«

Inverr lächelte, als er den Namen des Patriarchen des Hauses Tois hörte. »Aus zuverlässiger Quelle weiß ich, dass Tois sich nicht allzu sehr ärgern würde, wenn sein Lieblingssohn zum Witwer wird. Er hat noch einige andere Geschäftsbeziehungen, die sich durch eine Heirat festigen ließen.«

»Also haben Sie alles genau durchdacht.«

»Es ist nichts Persönliches, Kapitän.«

»Wegen Geld ermordet zu werden fühlt sich aber äußerst persönlich an, Ollie.«

Inverr öffnete den Mund zu einer Antwort, doch in diesem Moment fiel die Tell Me Another One aus dem Strom und löste eine Reihe von Alarmsignalen aus, die niemand an Bord des Schiffs – weder Gineos noch Inverr – jemals außerhalb einer Trainingssimulation gehört hatte.

Gineos und Inverr standen mehrere Sekunden lang fassungslos da und starrten auf die Alarmmeldungen. Dann gingen beide an ihre Stationen und machten sich an die Arbeit, weil die Tell Me unerwartet aus dem Strom gefallen war, und wenn sie es nicht schafften, wieder hineinzukommen, sah es für sie ohne jeden Zweifel verdammt übel aus.

Dazu brauchen Sie jetzt ein bisschen Kontext.

In diesem Universum gibt es keine »Raumfahrt mit Überlichtgeschwindigkeit«. Die Lichtgeschwindigkeit ist nicht nur eine gute Idee, sie ist ein physikalisches Gesetz. Man kann sie nicht erreichen, denn je mehr man sich ihr annähert, desto mehr Energie braucht man, um noch mehr zu beschleunigen. Außerdem ist es sowieso eine grässliche Vorstellung, so schnell zu fliegen, weil der Weltraum lediglich größtenteils leer ist, und alles, womit man bei einem nennenswerten Prozentsatz der Lichtgeschwindigkeit kollidiert, würde ein so zartes Gebilde wie ein Raumschiff in einen Haufen explodierender Metallstücke verwandeln. Und es würde trotzdem Jahre oder Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern, bis die Trümmer eines solchen Raumschiffs an der Stelle vorbeischießen, die ursprünglich das Ziel der Reise war.

Es gibt keine Überlichtgeschwindigkeit. Aber es gibt die Ströme.

Dieses System wird Laien für gewöhnlich als Fluss aus alternativer Raum-Zeit beschrieben, die Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit im Heiligen Imperium der Interdependenten Staaten und der Merkantilen Gilden, kurz auch »die Interdependenz« genannt, möglich machen. Die Ströme sind durch »Mündungen« zugänglich, die erzeugt werden, wenn die Gravitation von Sternen und Planeten auf geeignete Weise mit einem Strom interagieren, so dass Raumschiffe hineingleiten und auf der jeweiligen Strömung zu einem anderen Stern reisen können. Die Ströme ermöglichten das Überleben der Menschheit, nachdem ihr die Erde abhandengekommen war, und den florierenden Handel innerhalb der Interdependenz, um alle menschlichen Außenposten mit den lebensnotwendigen Ressourcen zu versorgen – Ressourcen, die fast keine dieser Welten in vollem Umfang zur Verfügung hat.

Es ist natürlich absurd, die Ströme auf diese Weise zu betrachten. Die Ströme haben nicht die geringste Ähnlichkeit mit Flüssen. Das System ist eine multidimensionale, branenartige metakosmologische Struktur, die sich mit der lokalen Raum-Zeit auf topologisch komplexe Art überschneidet, partiell und chaotisch, aber nicht in erster Linie durch die Gravitation beeinflusst. Die in die Ströme eintretenden Schiffe bewegen sich dort nicht auf hergebrachte Weise, sondern nutzen lediglich seine vektorielle Beschaffenheit relativ zur lokalen Raum-Zeit aus. Da diese Bewegungsart nicht an die Geschwindigkeits- und Energiegesetze unseres Universums gebunden ist, erweckt sie für Beobachter in der lokalen Raum-Zeit den Anschein einer überlichtschnellen Bewegung.

Und selbst das ist eine ziemlich bescheuerte Beschreibung, weil menschliche Sprachen ziemlich schlecht darin sind, Dinge zu beschreiben, die komplizierter als der Bau eines Baumhauses sind. Für eine akkurate Erklärung der Ströme ist eine höhere Mathematik notwendig, die wahrscheinlich nur ein paar hundert Menschen von den Milliarden verstehen, die innerhalb der Interdependenz leben – und noch viel weniger können sie tatsächlich benutzen, um die Sache sinnvoll zu beschreiben. Vermutlich gehören Sie nicht zu diesen Menschen. Genauso wenig wie Kapitän Gineos oder der Erste Offizier Inverr.

Aber Gineos und Inverr wussten zumindest eins: Es war nahezu unmöglich – und es war in den Jahrhunderten seit Gründung der Interdependenz praktisch nie vorgekommen –, dass ein Schiff unerwartet einen Strom verließ. Eine zufällige Störung des Stroms konnte ein Raumschiff viele Lichtjahre vom nächsten menschlichen Planeten oder Außenposten stranden lassen. Schiffe der Gilde waren darauf vorbereitet, sich über Monate oder gar Jahre selbst zu versorgen – das musste so sein, denn die Reisezeit zwischen den Systemen der Interdependenz, die die Ströme nutzten, erstreckte sich über eine Dauer von zwei Wochen bis zu neun Monaten. Dennoch war es ein Unterschied, ob man sich fünf oder zehn Jahre selbst versorgen konnte, wie es bei den größten Gildeschiffen der Fall war, oder ob man es für immer tun musste.

Weil es keine Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit gibt. Weil es nur die Ströme gibt.

Und wenn man an einem beliebigen Punkt irgendwo zwischen den Sternen herausfiel, war man tot.

»Ich brauche Angaben, wo wir uns befinden«, sagte Inverr von seiner Station.

»Ich arbeite dran«, erwiderte Lika Dunn.

»Dann fahren Sie die Antennen aus«, sagte Gineos. »Wenn wir rausgeworfen wurden, gibt es eine Austrittsstelle. Wir müssen eine Eintrittsstelle finden.«

»Schon dabei«, sagte Bernus von seiner Konsole.

Gineos stellte die Verbindung zum Maschinenraum her. »Chefingenieur Hybern«, sagte sie. »Wir haben es mit einem plötzlichen Austritt aus dem Strom zu tun. Wir brauchen unverzüglich die Triebwerke, und Sie müssen dafür sorgen, dass wir genügend Stoßfeldenergie haben, um Manöver mit extrem hoher Schwerkraft abzufedern. Ich möchte nicht als matschiger Fleck an der Wand enden.«

»Äääähhhhh«, kam die Antwort.

»Verdammte Scheiße!«, sagte Gineos und blickte zu Inverr. »Er ist einer von Ihren Leuten, Ollie. Also reden Sie mit ihm.«

Inverr öffnete seinen eigenen Kommunikationskanal. »Hybern, hier spricht der Erste Offizier Inverr. Haben Sie irgendetwas an den Anweisungen des Kapitäns nicht verstanden?«

»Waren wir nicht mitten in einer Meuterei?«, fragte Hybern. Hybern war ein technisches Wunderkind, wodurch er schnell in der Hierarchie der Gilde aufgestiegen war. Aber er war noch sehr, sehr jung.

»Wir sind soeben aus dem Strom gefallen, Hybern. Wenn wir nicht möglichst bald wieder hineinkommen, sind wir alle erledigt. Also befehle ich Ihnen, Kapitän Gineos’ Anweisungen zu befolgen. Verstanden?«

»Jawohl, Sir«, kam nach kurzem Zögern die Antwort. »Bin dabei. Starte das Notfallprotokoll für die Triebwerke. Volle Energie in fünf Minuten. Äh, das wird den Maschinen wahrscheinlich gar nicht guttun, Sir. Und Ma’am.«

»Darum kümmern wir uns, wenn wir wieder im Storm sind«, sagte Gineos. »Melden Sie sich, sobald sie einsatzbereit sind.« Sie schaltete die Verbindung aus. »Sie haben sich einen sehr schlechten Zeitpunkt für eine Meuterei ausgesucht«, sagte sie zu Inverr.

»Wir haben jetzt eine Position«, sagte Dunn. »Wir sind etwa dreiundzwanzig Lichtjahre von Ende entfernt und einundsechzig von Shirak.«

»Irgendwelche Gravitationssenken in der Nähe?«

»Nein, Ma’am. Der nächste Stern ist ein roter Zwerg in etwa drei Lichtjahren Entfernung. Sonst gibt es nichts Nennenswertes in der Umgebung.«

»Wie sind wir dann rausgekommen, wenn es hier keine Gravitationssenke gibt?«, fragte Inverr.

»Darauf hätte Eva Fanochi vermutlich eine Antwort geben können«, sagte Gineos. »Wenn Sie sie nicht ermordet hätten.«

»Jetzt ist kein guter Zeitpunkt für eine solche Diskussion, Kapitän.«

»Hab’s gefunden!«, rief Bernus. »Eine Eintrittsstelle, einhunderttausend Kilometer von uns entfernt! Allerdings …«

»Allerdings was?«, fragte Gineos.

»Sie entfernt sich von uns«, sagte Bernus. »Und sie schrumpft.«

Gineos und Inverr sahen sich an. Soweit ihnen beiden bekannt war, waren Eintritts- und Austrittsstellen für einen Strom statisch, was die Größe und die Position betraf. Deshalb konnten sie überhaupt für den alltäglichen Handelsverkehr benutzt werden. Dass sich eine Mündung bewegte und schrumpfte, war nach ihrer Erfahrung etwas absolut Neues.

Das können wir später klären, dachte Gineos für sich. »Wie schnell bewegt sie sich relativ zu uns, und wie schnell schrumpft sie?«

»Sie entfernt sich mit etwa zehntausend Kilometern pro Stunde von uns weg, und wie es aussieht, wird sie jede Sekunde etwa zehn Meter kleiner«, erwiderte Bernus nach einer Weile. »Ich kann Ihnen jedoch nicht sagen, ob das konstante Raten sind, weder für die Bewegung noch für die Schrumpfung. Mehr sehe ich in diesem Moment einfach nicht.«

»Schicken Sie mir die Daten über die Mündung«, sagte Inverr zu Bernus.

»Würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihren Lakaien zu sagen, dass sie draußen warten sollen?«, wandte sich Gineos an Inverr und deutete auf die bewaffneten Besatzungsmitglieder. »Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren, wenn Bolzenwerfer auf meinen Kopf gerichtet sind.«

Inverr blickte zu seinen Leuten auf und nickte. Sie gingen zum Loch in der Wand hinüber und traten hindurch. »Bleiben Sie in der Nähe«, rief Inverr ihnen nach.

»Und können Sie uns auf einen Kurs zur Mündung bringen?«, fragte Gineos. »Bevor sie sich schließt?«

»Geben Sie mir einen Moment«, sagte Inverr. Es war still auf der Brücke, während er arbeitete. Dann: »Ja. Wenn Hybern in den nächsten paar Minuten die Triebwerke bereithat, müssten wir es ganz knapp schaffen.«

Gineos nickte und öffnete die Verbindung zum Maschinenraum. »Hybern, wo sind meine Triebwerke?«

»Noch dreißig Sekunden, Ma’am.«

»Wie steht es mit den Stoßfeldern? Wir werden uns sehr schnell bewegen.«

»Das hängt davon ab, wie viel sie aus den Triebwerken rausholen wollen, Ma’am. Wenn Sie alles brauchen, um das Schiff anzutreiben, müssen sich die Stoßfelder den letzten Rest Energie von irgendwoher besorgen. Ich werde die Energie zuerst von allem anderen abziehen, aber am Ende kann ich sie nur noch von den Feldern nehmen.«

»Ich würde lieber schnell als langsam sterben. Sie nicht auch, Hybern?«

»Ähhhh«, kam die Antwort.

»Triebwerke sind bereit«, sagte Inverr.

»Das sehe ich.« Gineos tippte auf ihren Bildschirm. »Sie haben die Navigation«, sagte sie zu Inverr. »Bringen Sie uns hier raus, Ollie.«

»Wir haben ein Problem«, meldete Bernus.

»Wir haben viele Probleme«, sagte Gineos. »Welches meinen Sie?«

»Die Mündung bewegt sich mit erhöhter Geschwindigkeit und schrumpft schneller.«

»Bin dran«, sagte Inverr.

»Werden wir es trotzdem schaffen?«, fragte Gineos.

»Wahrscheinlich. Zumindest ein Teil des Schiffs.«

»Was soll das jetzt heißen?«

»Das heißt, dass je nach Größe der Mündung ein Teil des Schiffs zurückbleiben könnte. Wir haben den Stiel und den Ring. Der Stiel ist eine lange Nadel. Der Ring hat einen Durchmesser von einem Kilometer. Mit dem Stiel könnten wir durchkommen. Mit dem Ring vielleicht nicht.«

»Das würde das Schiff zerstören«, sagte Dunn.

Gineos schüttelte den Kopf. »Wir prallen schließlich nicht gegen ein physisches Hindernis. Alles, was sich nicht innerhalb der Ausdehnung der Mündung befindet, wird ganz einfach zurückbleiben. Wie mit einer scharfen Messerklinge abgeschnitten. Wenn wir die Schotten zu den Ringspeichen schließen, überleben wir.« Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Inverr zu. »Das heißt, wenn wir die Blase ausbilden können.« Die Blase war die kleine Hülle aus lokaler Raum-Zeit, von einem Energiefeld umgeben, das von der Tell Me erzeugt wurde und das Schiff in den Strom begleitete. Strenggenommen gab es keinen Raum innerhalb des Stroms. Jedes Schiff, das keine Hülle aus Raum-Zeit in den Strom mitnahm, hörte in praktischer Hinsicht einfach auf zu existieren.

»Wir können die Blase ausbilden«, sagte Inverr.

»Sind Sie sich ganz sicher?«

»Wenn nicht, spielt es sowieso keine Rolle.«

Dazu brummte Gineos nur und wandte sich dann an Dunn. »Geben Sie Alarm und sagen Sie allen, dass sie den Ring verlassen und sich in den Stiel begeben sollen.« Sie drehte sich wieder zu Inverr um. »Wie lange noch, bis wir die Mündung erreichen?«

»Neun Minuten.«

»Ein wenig länger«, sagte Bernus. »Die Mündung entfernt sich weiter mit zunehmender Geschwindigkeit.«

»Sagen Sie den Leuten, dass ihnen fünf Minuten bleiben«, sagte Gineos zu Dunn. »Danach riegeln wir den Ring ab. Wer sich dann auf der falschen Seite der Schotten befindet, bleibt möglicherweise zurück.« Dunn nickte und gab die Anweisungen durch. »Ich gehe davon aus, dass Sie einige der Leute freilassen, die Sie in ihre Quartiere gesperrt haben«, sagte sie zu Inverr.

»Piter haben wir in seinem eingeschweißt«, erwiderte Inverr. Er blickte auf seinen Monitor und nahm winzige Änderungen am Kurs der Tell Me vor. »Die Zeit dürfte nicht reichen, das rückgängig zu machen.«

»Reizend.«

»Sie wissen, dass es sehr knapp werden wird.«

»Bis wir die Mündung erreichen?«

»Ja. Aber ich meinte, wenn wir den Ring zurücklassen müssen. Wir sind zweihundert Leute an Bord dieses Schiffs. Fast alle Lebensmittel und sonstigen Vorräte befinden sich im Ring. Wir sind immer noch einen Monat von Ende entfernt. Selbst unter den günstigsten Bedingungen werden es nicht alle von uns schaffen.«

»Nun«, sagte Gineos, »vermutlich planen Sie bereits, zuerst meine Leiche zu verspeisen.«

»Wir alle werden Ihr edelmütiges Opfer zu schätzen wissen, Kapitän.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das scherzhaft meinen oder nicht, Ollie.«

»Im Moment bin ich mir dessen selbst nicht sicher, Kapitän.«

»Vielleicht ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, aber ich möchte Ihnen trotzdem sagen, dass Sie mir noch nie besonders sympathisch waren.«

Inverr lächelte, doch ohne seine Aufmerksamkeit vom Monitor abzuwenden. »Das weiß ich, Kapitän. Das war einer der Gründe, warum ich mit einer Meuterei einverstanden war.«

»Das und das Geld.«

»Das und das Geld, ja«, stimmte Inverr ihr zu. »Und jetzt lassen Sie mich meine Arbeit machen.«

In den nächsten paar Minuten bewies Inverr, dass er trotz seiner Unzulänglichkeiten als Erster Offizier wahrscheinlich der beste Navigator war, den Gineos jemals erlebt hatte. Die Eintrittsstelle zog sich nicht linear von der Tell Me zurück, sie schien zu springen und auszuweichen, hierhin und dorthin, wie ein unsichtbarer Tänzer, der sich nur durch ein feines Summen auf den Funkfrequenzen aufspüren ließ, und zwar dort, wo der Strom gegen die Raum-Zeit drückte. Bernus verfolgte die Mündung und gab die neuesten Daten bekannt; Inverr passte den Kurs an und brachte die Tell Me unaufhaltsam näher heran. Es war eine der herausragendsten Leistungen der gesamten Raumfahrt, vielleicht sogar der Menschheitsgeschichte. Trotz aller Umstände empfand Gineos es als großes Privileg, das miterleben zu dürfen.

»Ääääähhh, wir haben ein Problem«, meldete Chefingenieur Hybern über den Kommunikationskanal. »Wir haben den Punkt erreicht, wo die Triebwerke Energie von anderen Systemen abziehen müssen.«

»Wir brauchen die Stoßfelder«, sagte Gineos. »Alles andere ist verhandelbar.«

»Ich brauche die Navigation«, sagte Inverr, auch diesmal, ohne aufzublicken.

»Wir brauchen die Stoßfelder und die Navigation«, korrigierte Gineos. »Alles andere ist verhandelbar.«

»Wie sieht es mit der Lebenserhaltung aus?«, fragte Hybern.

»Wenn wir es in den nächsten dreißig Sekunden nicht schaffen, wird es keine Rolle mehr spielen, ob wir danach noch weiteratmen können«, sagte Inverr zu Gineos.

»Schalten Sie alles bis auf die Navigation und die Stoßfelder aus«, sagte Gineos.

»Verstanden«, sagte Hybern, und schon im nächsten Moment fühlte sich die Luft in der Tell Me kühler und abgestandener an.

»Die Mündung hat sich fast auf zwei Kilometer zusammengezogen«, sagte Bernus.

»Das wird knapp«, stimmte Inverr zu. »Fünfzehn Sekunden bis zur Mündung.«

»Durchmesser eins Komma acht Kilometer.«

»Alles in Ordnung.«

»Eins Komma fünf Kilometer.«

»Bernus, halten Sie bitte die Klappe.«

Bernus hielt die Klappe. Gineos stand auf, rückte ihre Kleidung zurecht und trat neben ihren Ersten Offizier.

Inverr zählte die letzten zehn Sekunden herunter, unterbrach den Countdown bei sechs, um anzukündigen, dass er die Raum-Zeit-Blase generierte, und machte bei drei weiter. Bei null konnte Gineos von ihrem Standort schräg hinter ihm erkennen, dass er lächelte.

»Wir sind drin. Wir alle. Das ganze Schiff«, sagte er.

»Das war hervorragende Arbeit, Ollie«, sagte Gineos.

»Ja, das finde ich auch. Nicht dass ich mich selbst beweihräuchern möchte oder so.«

»Beweihräuchern Sie sich nur. Dass die Besatzung am Leben ist, haben wir Ihnen zu verdanken.«

»Danke, Kapitän«, sagte Inverr. Er drehte sich zu Gineos um, wobei er noch immer lächelte, und in diesem Moment stieß sie den Lauf des Pfeilwerfers, den sie soeben aus ihrem Stiefel gezogen hatte, in seine linke Augenhöhle und drückte ab. Der Pfeil wurde mit einem leisen Plopp in sein Auge getrieben. Inverrs rechtes Auge blickte äußerst überrascht, dann sank der Erste Offizier tot zu Boden.

Von der anderen Seite der Wand schrien Inverrs Lakaien erschrocken auf und richteten ihre Bolzenwerfer auf den Kapitän. Gineos hob eine Hand, und Gott sei Dank hielten sie tatsächlich inne. »Er ist tot«, sagte sie und legte dann die andere Hand auf den Monitor von Inverrs Station. »Und jetzt habe ich den Befehl aktiviert, jede Luftschleuse, über die dieses Schiff verfügt, in die Blase zu schießen. Sobald meine Hand den Monitor loslässt, werden alle an Bord sterben, Sie eingeschlossen. Also können Sie jetzt entscheiden, wer heute tot sein soll: Ollie Inverr oder alle. Wenn Sie mich erschießen, werden wir alle sterben. Wenn Sie nicht in den nächsten zehn Sekunden Ihre Waffen fallen lassen, werden wir alle sterben. Treffen Sie Ihre Wahl.«

Alle drei ließen ihre Bolzenwerfer fallen. Gineos gab Dunn einen Wink, die hinüberging und sie einsammelte, dann Bernus einen überreichte und einen weitere ihrem Kapitän. Gineos hob die Hand vom Monitor, um sie entgegenzunehmen. Einer der Lakaien keuchte auf, als er das sah.

»Heilige Scheiße, sind Sie leichtgläubig«, sagte Gineos, schaltete den Bolzenwerfer auf »nicht tödlich« und schoss in schneller Reihenfolge auf alle drei. Sie sackten bewusstlos zu Boden.

Sie drehte sich zu Dunn und Bernus um. »Herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Beförderung«, sagte sie zu ihnen. »So. Und jetzt müssen wir uns um ein paar Meuterer kümmern. Also sollten wir uns an die Arbeit machen.«

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