Joel Shepherd: Die Androidin zwischen allen Fronten

Joel Shepherd: Die Androidin zwischen allen Fronten

FISCHER TOR

Leseprobe: Die Androidin - Zwischen allen Fronten (Joel Shepherd)


Nachdem sie der Präsidentin das Leben gerettet hat, steht Cassandra Kresnov plötzlich mitten im Rampenlicht: Ganz Callay weiß, dass sich eine gefährliche Androidin auf dem Föderationsplaneten aufhält – ein künstlicher Mensch, wie er hier eigentlich nicht geduldet wird. Droht Cassandra die Ausweisung oder gar das Todesurteil?

Ein Lichtblick ist da Vanessa Rice, die ebenso kluge wie taffe Kommandantin des Callayanischen Sicherheitsdienstes. Sie hilft Cassandra, sich in den privaten und politischen Wirren zurechtzufinden; und steht ihr bei, als eine Delegation der feindlichen Liga auf Callay landet – und Cassandra einem Freund begegnet, den sie für tot gehalten hat …



***

Kapitel 2

Ordentlicher Wellengang heute.

Sandy saß auf ihrem Surfbrett, halb überspült von der wogenden See, und schaute der letzten Welle hinterher, die schäumend auf den fernen Strand zudonnerte. Ein Surfer tauchte mit der Nase voran aus der Brandung auf und paddelte weiter. Sie verlor ihn aus den Augen, als sie wieder in einem Wellental verschwand und sich zwischen ihm und ihr Wanderdünen aus Wasser auftürmten, schimmernd im fahlen Licht des bewölkten Himmels.

Der Wind drehte sich. Sandy wandte sich um und hielt ihm das Gesicht entgegen. Er wehte, frisch und salzig, aus Südost und fegte von Nord nach Süd die Küstenlinie entlang. Zusehends drehte er sich Richtung Ufer, zerrte ihr wild am wirren, salzwassergetränkten Haar, und sie kniff die Augen zusammen. Der Wind peitschte übers Wasser und zerriss das Muster der Wellen. Schon bald würde er direkt auf die Küste zuwehen, und die hastig dahinjagenden, tiefhängenden Wolkenfetzen würden sich am herbstlichen Himmel zu dicken, dunklen Gewitterwolken zusammenballen.

Die nächste Welle hob sie wieder empor, und plötzlich konnte sie sehr weit sehen. Vor ihr erstreckte sich lang und schmal die südwärts führende Küstenlinie. Zu ihrer Rechten ragten die Lindolinklippen auf – zerklüfteter schwarzer Fels, umgeben von einem ausgedehnten Riff, das von der weiß schäumenden See überspült wurde. Ein Stück weiter brachen sich die stampfenden Wellen mit weithin explodierender Gischt an den äußeren Riffausläufern, und noch weiter entfernt schlingerte ein Partyschiff durch die zusehends rauere See.

Der andere Surfer paddelte immer noch weiter hinaus – jetzt gerade verdeckte ihn eine weitere Welle. Sie kannte ihn nicht.

Wetter für echte Surfer, dachte sie versonnen und sah sich auf dem aufgewühlten Meer nach weiteren dunklen Gestalten in Neoprenanzügen um. Sie entdeckte mehrere, weit verteilt am ausgedehnten Küstenabschnitt.

Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen. Jetzt war sie also eine echte Surferin. Vanessa jedenfalls fand das. Sie hatte Sandy zum Mittagessen mit Freunden und Familie eingeladen und konnte nicht verstehen, wieso der Wetterbericht das unmöglich machte. Aber ein echter Surfer war eben jemand, der sich, wenn ihm mitten in der größten Sicherheitskrise in der Geschichte des Planeten ein paar Stunden zur Erholung zugestanden wurden, sofort Brett und Neoprenanzug aus seinem CSD-Spind schnappte, den nächstbesten Gleiter mietete und Kurs auf die Küste nahm. Die meisten Agenten verbrachten eine solche kostbare Auszeit im Bett oder, so wie Vanessa, mit Freunden und Familie, die sie seit Wochen kaum gesehen hatten. Aber Sandys Prioritäten lagen anders – sie hatte keine Familie, brauchte nur wenig Schlaf, und so galt ihr Interesse vor allem den Wetterbedingungen an der Küste.

Vor ihr türmte sich die nächste Welle auf. Kein guter Winkel. Sie ließ sie unter sich hinwegrollen, ein gewaltiger Aufstieg in die Höhe, dann ein sanftes Hinabgleiten auf der Rückseite. Hinter ihr das reinste Brüllen und Donnern, als die Welle brach und schäumend auf den Strand zuraste. Ein herrliches Geräusch.

Bei ihrem letzten Surfausflug, an einem kostbaren freien Wochenende, hatte sie ganz in der Nähe am Strand gezeltet. Damals war Vanessa mitgekommen. Sie hatten im Dunkeln gelegen, während der Wind die Zeltwände flattern ließ, hatten sich über alles Mögliche unterhalten und durchs Geflecht des Fensters zu den Sternen emporgeschaut, derweil draußen im Dunkeln die Wellen stampften und brüllten.

In jener Nacht hatte es Meteore gegeben, erinnerte sie sich und setzte sich auf dem Brett auf, das Gesicht zum Wind gedreht. Sternschnuppen hatte Vanessa sie genannt, wieder einer dieser seltsamen Zivilistenausdrücke, der nichts mit den Tatsachen zu tun hatte. Umso liebenswerter fand sie es. Im auffrischenden Wind schaute Sandy über das tobende Meer hinweg Richtung Horizont und dachte an den überwältigendsten Meteoritensturm, den sie je miterlebt hatte. Nichts, was natürlichen Ursprungs war, konnte mit dem spektakulären Anblick nach einer transorbitalen Schlacht konkurrieren: hell gleißende brennende Trümmer, lodernde Bruchstücke in solcher Zahl, dass sie den ganzen Himmel aufleuchten ließen und eine mondlose Nacht in hellen Tag verwandelten. Noch eine dieser Empfindungen, die sie von den Menschen in ihrer Umgebung unterschied. Sie hatte längst aufgehört zu zählen.

In einiger Entfernung erhob sich eine mächtige dunkle Welle … und dahinter noch eine, sah sie, als eine kleinere Welle sie emportrug. Die hintere Welle war sogar noch größer. Sah ausgesprochen nett aus, sehr vielversprechend. Beim Anblick der aufragenden Wasserwand wurde sie von Erregung gepackt. Sie ritt auf der ersten großen Welle empor, ganz bis nach oben, dann stürzte sie auf der anderen Seite wieder hinunter und sah zu ihrem Entzücken, dass die zweite Welle tatsächlich das Warten wert gewesen war. Hinter ihr brach brüllend die erste und rauschte davon. Sie legte sich flach aufs Brett und richtete es Nase voran auf die Küste aus. Hinter ihr wuchs dunkel und schimmernd ein Berg aus Wasser in die Höhe.

Und dann war er da. Mit einigen raschen Schwimmzügen beschleunigte sie, das Brett schoss vorwärts, die Riesenwelle hob sie weit über den Meeresspiegel hinaus … und dann raste sie auf der Wasseroberfläche dahin, die Hände ans Brett geklammert, zog geschmeidig die Beine an und richtete sich auf. Ihre nackten Fußsohlen fanden auf dem angerauten Brett sicheren Halt, und sie raste auf der Vorderseite der Welle in die Tiefe. Wurde unten langsamer, wendete scharf links und jagte wieder hinauf …

… und für einen atemlosen Augenblick schwebte sie auf der Stelle, mitten in einer senkrecht aufragenden Wasserwand, hoch über dem glatten Meer unter ihr …

… und es ging wieder abwärts, Wind und dahinrasendes Wasser, das Brett vibrierte wie verrückt unter ihren Füßen. Plötzlich schäumende Explosion, die Welle brach hinter ihr auf halber Länge und stürzte tosend in sich zusammen, sie vollführte die nächste scharfe Wendung, damit das brodelnde Chaos sie nicht einholte. Wieder hinauf, doppelt so schnell wie zuvor. Unter ihr glattes Wasser, sie auf halber Höhe auf einer senkrechten Wasserwand mitten im heulenden, salzigen Wind und der weißen Gischt.

Ihr lautes Auflachen wurde vom Brüllen der Welle verschluckt. Mit den Fingerspitzen berührte sie die Wasserwand, die sich bei diesem ehrfurchtgebietenden Tempo hart wie Beton anfühlte. In irrwitzigem Zickzackkurs schoss sie auf und ab, zog eine Bahn aus sprühender Gischt. Und dann, mit fast unwirklicher Anmut, rollte sich die Welle über ihr zusammen, als fiele neben ihr ein gewaltiger Vorhang, und sie befand sich in einem Wellentunnel.

Die Zeit verlangsamte sich. Inmitten der dahinjagenden, schimmernden Wassermassen schien das ganze Universum um sie herum zu dröhnen. Der gewölbte Wasserbogen über ihrem Kopf war womöglich das Schönste, was sie je gesehen hatte. Die ganze Welt bestand ganz aus Grün und schimmerndem Blau. Es war gespenstisch und herrlich und absolut atemberaubend.

Und urplötzlich vorbei. Durch sprühende Gischt schoss sie aus dem Wellentunnel heraus; über ihr freier Himmel, und vor ihr stürzte die Welle in sich zusammen. Sie wendete scharf nach rechts, raste abwärts und spürte, wie hinter ihr die gesamte Welle brach, als würde eine Felswand sich in eine Lawine auflösen. Es war wie eine gewaltige Explosion, und doch hielt sie, über das Menschenmögliche hinaus, die ­Balance, landete auf den Füßen … nur befand sich dort kein Brett mehr.

Bämm. Brüllende Stille, der reinste Hexenkessel. Gedämpftes Donnern. Versuchsweise ein paar Schwimmzüge, um den Wasserwiderstand zu erproben. Die Richtungen zu sortieren. Oben und unten. Es schäumte nicht mehr ganz so wild, sie spürte Auftrieb und schwamm in diese Richtung.

Durchbrach die Wasseroberfläche. Licht und Geräusche stürzten auf sie ein. Übers ganze Gesicht strahlend, holte sie ihr Surfbrett ein, das mit einem Band an ihrem Fußgelenk befestigt war, und sah sich nach der nächsten geeigneten Welle um. Dort draußen war eine, vielversprechend hoch und direkt zu ihr unterwegs. Was für ein Tag. Frohlockend warf sie sich quer über ihr Brett und paddelte wieder aufs Meer hinaus.

Notruf über Funk: ein deutliches Signal in ihrem Innenohr. Immer noch paddelnd, runzelte sie die Stirn und stellte die Verbindung her. Ein Klicken, dann eine kurze Klangfolge, fast eine Melodie … eine abgeschirmte Leitung und ein Code, aber keine Nachricht. Ein spezielles Signal, das nur ihr galt. Die Arbeit rief. Sie stieß einen Fluch aus. Noch ein paar Schwimmzüge, dann machte sie sich widerwillig klar, dass Schluss war mit Paddeln. Verdammt nochmal. Vor ihr explodierte die nächste Welle zu schäumendem Weißwasser, und vor lauter Verärgerung hätte sie fast versäumt, darunter durchzutauchen.

Ein paar Minuten später kam sie aus dem Wasser, das Brett unterm Arm, und schleppte sich barfuß über den felsigen, muschelübersäten Strand. Strich sich das tropfnasse Haar aus dem Gesicht. Beeilte sich nicht sonderlich – wäre es eilig gewesen, hätte ihr der Code das verraten. Schon wieder eine plötzliche Dienstplanänderung. Wahrscheinlich war irgendein dämlicher Politiker in der Dusche ausgerutscht und hatte sich den kleinen Finger verstaucht. Zum Teufel mit der ganzen Politik – wussten diese Leute denn nicht, dass sie gerade surfte?

Sand klebte an ihren nassen Füßen. Sie lief die Küste entlang zu dem kleinen Bungalow der Strandwache, der auf Stelzen auf einer benachbarten Düne mit gutem Ausblick stand. Ringsum hatten sich Surfer versammelt, überall Bretter, Klamotten und Handtücher, außerdem die eine oder andere Tasche von jemandem, der länger als einen Tag am Strand blieb. Tropfend lief sie zwischen ihnen durch, viele der Männer sahen ihr nach. Breitschultrig und nicht besonders groß, entsprach sie wohl kaum dem Ideal des hoch aufgeschossenen, langbeinigen Surfermädchens. Aber zu ihren breiten Schultern gesellten sich kurvige Hüften und kräftige, geschmeidige Muskeln, laut Vanessa so gut definiert, dass einem bei dem Anblick die Augen aus dem Kopf zu fallen drohten.

Sandy wusste sehr genau, wie sie im Neoprenanzug aussah – man hatte es ihr in letzter Zeit oft genug gesagt. Und in einer Stadt, wo die meisten Leute von Natur aus braune Haut und schwarzes Haar hatten, zog eine attraktive blonde Europäerin überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit auf sich.

Ihre Tasche lag immer noch dort im Sand, wo sie sie zurückgelassen hatte, und sie warf sie über die Schulter. Sie machte sich nicht die Mühe nachzusehen, ob noch alles da war – unter Surfern machte man sich keine Gedanken um so urbane Dinge wie Diebstahl, es kam praktisch niemals etwas weg. Selbst mitten in Tanusha nicht. Das lag weniger am mangelnden kriminellen Potenzial der Bevölkerung als daran, dass es in Tanusha erheblich Wertvolleres zu stehlen gab als das, was der typische Surfer so mit sich herumschleppte.

Vom Strand aus lief man etwa fünfzehn Minuten eine unbefestigte Straße über gestrüppbewachsene Dünen entlang, bis man den kleinen Gleiterlandeplatz erreichte. Der Straßenrand war mit Bodenfahrzeugen halb zugeparkt – die Straße taugte eindeutig nicht für ein automatisches Verkehrsleitsystem, der Randstreifen war übersät mit abgehenden Fahrspuren. Kürzlich hatte einer der Einheimischen erzählt, die Gemeinde hätte den Bau von Parkplätzen geplant, um dem Verkehrsaufkommen Herr zu werden, aber die Anwohner seien dagegen.

Die niedrigen Büsche wichen Bäumen, während sie mit dem Brett unter dem Arm am Straßenrand entlanglief, und sie sah kein ausgefeilteres Stück Hightech weit und breit als das Solarpanel auf einer öffentlichen Toilette drüben neben dem Pfad, der zum Campingplatz führte. So gefiel es ihr am besten, nichts als Büsche und Sand, ein frischer Wind und das ferne Rauschen der Brandung. Aber sie behielt die gelegentlich vorbeirollenden Fahrzeuge sorgsam im Auge, die entweder zur zehn Kilometer entfernten Autobahn unterwegs waren oder von dorther kamen – die meisten Fahrer hatten nicht viel Übung mit manueller Steuerung. Trotz der Unterstützung des Bordcomputers endete ohne städtisches Verkehrsleitsystem so manche Fahrt an einem Baum.

Ihr Gleiter stand mit vielen anderen auf einem rechteckigen, grasbewachsenen, durch eine Reihe hoher Bäume von der Straße abgegrenzten Parkplatz. Die per Uplink aktivierte Maschine lief bereits summend warm. Sie verstaute ihr Brett und kletterte kurzerhand im Neoprenanzug auf den Fahrersitz. Die Triebwerke dröhnten auf, und der Landeplatz blieb unter ihr zurück … die rechtwinklige Reihe geparkter Gleiter, die Straße zum Strand, die weißen, gekräuselten Dünen eine blasse Linie vor dem Ozean, dessen Türkisblau von den weißen Schaumkronen der Wellen durchbrochen wurde … alles blieb unter ihr zurück, und mit einem Mal wirkte dieser kleine Teil der Welt, durch den sie eben noch gelaufen war, wie eine Landkarte.

Voller Bedauern betrachtete sie noch einen Augenblick lang das Meer, das schäumende Wirbeln einer brechenden Welle, die hohe Dünung weiter draußen, erhaschte einen kurzen Blick auf einen Surfer, der glückselig eine gerade anbrandende hohe Welle hinunterraste … dann regulierte sie den Schub der Triebwerke, beschleunigte und nahm Kurs aufs Inland, fort vom Meer.

Rajadesh glitt unter ihr hinweg. Eine Hauptstraße, eine Handvoll Gebäude und Nebenstraßen – fast ein reiner Ferien­ort. Dahinter weithin Bäume, ein üppiger grüner Wald. Zu ihrer Linken ein glitzerndes Geflecht aus Wasserläufen: das Shoban-Flussdelta. Und zu ihrer Rechten ragten in weiter Ferne die Gipfel des Tuez-Gebirges auf, eine karge, zerklüftete Felslandschaft.

Sie ging auf Reisegeschwindigkeit. Die grauen Wolkenfetzen, die mit merklicher Geschwindigkeit über sie hinwegtrieben, schienen fast nah genug, um sie zu berühren. Vor ihr erstreckte sich ein Wald aus gewaltigen, hoch aufragenden Hochhäusern: Tanusha. Selbst angesichts ihrer niedrigen Flughöhe wirkte die Stadt zum Greifen nah. Sie sah aus wie ein Wald aus leuchtenden Stämmen, die sich dem trüben, wolkenverhangenen Himmel entgegenreckten. Zu beiden Seiten zogen sie sich endlos weit hin, Kilometer um Kilometer, mehr Wohn- und Bürotürme, als man zählen konnte. Eine der größten monolithischen Zivilisationen der gesamten Menschheitsgeschichte. Und ihr Zuhause.

Die Luftstraße führte in einer Höhe von achthundertsechzig Metern in den Luftraum über Tanusha, gut vierhundert Meter über der genormten Höhe der Megatürme. Wohin das Auge reichte, standen Türme in dicht zusammengescharten Gruppen: immer neue Zentren, die von Wohnvierteln abgelöst wurden, die wiederum Zentren wichen. Sandy holte ihren Makanisaft aus dem kleinen gekühlten Handschuhfach und nahm einen tiefen Schluck. Beschloss spontan, sich über eine gerade verfügbare Verbindung mit hoher Bandbreite ins Netz einzuklinken. Gleich darauf war sie drin und sah sich im örtlichen Infrastrukturnetzwerk um, während Augen und Hände weiterhin mühelos der Luftstraße folgten und sie auf Kurs hielten. Sie sah sich ein paar gesicherte Daten näher an, auf der Suche nach kleinen, verdächtigen Hinweisen, nach jenem spezifischen Beigeschmack bestimmter Codes … nippte noch einmal am Makanisaft und steuerte solange mit nur einer Hand. Ein gewaltiger Datenstrom, sie spürte ihn fast körperlich, ein geordnetes Gewirr aus Datenpfaden … Klick, genau da. Sie zoomte näher heran und scannte aufmerksam. Ein Überwachungsprogramm, das auf bestimmte festgelegte Parameter reagierte, angeschlossen ans Luftverkehrssystem. Sollte naheliegenderweise irgendetwas überwachen. Ein kleines, unauffälliges System, das normalerweise keine Aufmerksamkeit auf sich zog. Eine kurze Sondierung verriet ihr, dass es etwas Offizielles war. Es hätte gegen das Gesetz verstoßen, es zu hacken, außerdem war das Fummelarbeit. Ein rascher Vorstoß durch Verbindungen, über die hier niemand außer ihr verfügte … da, eine aktive Spur … eine Umleitung, eine Manipulation mit Hilfe ausgesprochen raffinierter Codes.

Was im Klartext hieß … rasch umging sie die Sicherheitsbarrieren des Programms und verschaffte sich Zugang. Die Codekombinationen, die sie dafür benutzte, hätten gewissen Sicherheitsdiensten einen heillosen Schrecken eingejagt. Und da war sie, die Verbindung, samt Datenspur, die sich einwandfrei zu ihrem Ursprung zurückverfolgen ließ.

Sie wandte sich um und erhaschte durchs Heckfenster und am Triebwerk vorbei einen kurzen Blick auf einen kleinen Punkt, der ganz unschuldig zwischen lauter anderen Pünktchen auf einer benachbarten Luftstraße dahinglitt. Ein rascher Zoom durchs Seitenfenster, am Triebwerk vorbei – ein Chandara-Falke, ein großer Luftschlitten mit dunkel getönten Scheiben. Typisches Modell für Regierungsbeamte. Drei Komma eins Kilometer entfernt. Hatte sich eindeutig an ihre Fersen geheftet und beobachtete sie.

Zutiefst gereizt griff sie auf eine andere, vertrautere Verbindung zurück und wartete auf Antwort. Sie kam nur wenige Sekunden später.

»Sandy?«

»Hi, Ricey«, sagte sie und überprüfte zeitgleich über einen anderen Link ihre zugewiesene Route. »Bist du schon wieder im Dienst?«

»Bin gerade zu Hause aus dem Wagen raus – ich dachte mir, ich ziehe mich besser noch kurz um. Was gibt’s denn?«

»Ich bin gerade im Gleiter unterwegs, auf dem Rückweg von der Küste, und irgendjemand folgt mir. Chandara-Falke, keine Identifikationskennzeichen. Ist ungefähr drei Kilometer entfernt, aber sie haben ein verdammtes Überwachungsprogramm hier im lokalen Infrastrukturnetz sitzen, das sie direkt mit Informationen versorgt.«

»Was Offizielles?« Vanessa klang besorgt.

»Sieht zumindest danach aus, aber hey, wenn ich wie der Osterhase aussehen will, klebe ich mir Ohren und einen Puschelschwanz an. Ich überlege, ob ich rausfinden soll, wer sie sind.«

»Himmel, bloß nicht. Schick einen kurzen Bericht mit hoher Dringlichkeitsstufe an die Zentrale. Die schnappen sie sich und befragen sie zu der Sache.«

»Okay, das ist besser.« Sie lächelte und erledigte das gedankenschnell, sandte die kompletten Positions- und Identifikationsdaten direkt in die CSD-Zentrale. Der Zuständige in der Zentrale müsste bald ausgesprochen interessante Daten reinbekommen, und zwar in diesem …

»Hallo, Snowcat, hier spricht die Zentrale«, hörte sie eine förmlich klingende fremde Stimme im Innenohr. »Der Flieger, den sie überprüft haben wollen, ist schwarz geflaggt. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

Schwarz geflaggt. Das hieß: Regierungsfahrzeug. Und nicht nur das, sondern darüber hinaus: offiziell, autorisiert, leg dich mit uns nicht an. Durch weit geblähte Nasenlöcher sog Sandy die Luft ein. Das goldene Licht über den gleißenden Türmen verblasste – eine Hitzesignatur inmitten des dunkleren Schleiers der Infrarotsicht. Auch Bewegung war hervorgehoben: die dahingleitenden Luftfahrzeuge. Es war die Vorstufe des Zielsuchmodus, stark erhöhte Aufmerksamkeit. Überdeutlich spürte sie das Summen der Motoren auf ihren Trommelfellen vibrieren, ganz neue, komplexe Klangfärbungen entfalteten sich. Sie dachte darüber nach, sich an eine höhere Instanz zu wenden. Darüber, Ibrahim zu kontaktieren und ihn persönlich zu fragen. Er hatte ihr gesagt, dass das SEB sie beobachtete. Sie hätte nicht gedacht, dass das bedeutete, selbst beim Surfen beschattet zu werden. Überhaupt hatte sie nicht mit derart unverfrorener Überwachung gerechnet.

Aber für solche Anfragen gab es den richtigen und den falschen Zeitpunkt, und ihr war instinktiv klar: Hier und jetzt wäre es der falsche.

»Nein. Danke, Zentrale.« Sie wechselte auf eine andere Frequenz, fuhr ihre Verschlüsselung hoch und schaltete wieder zurück auf die vorige Verbindung.

»Sandy? Scheiße, ist das wieder eine von deinen Spezialverschlüsselungen? Von dem Kram bekomme ich Kopfweh.«

»Laut Zentrale ist mein Schatten schwarz geflaggt.«

Schweigen am anderen Ende. Sandys Daten verrieten ihr, dass der Falke immer noch da war und sie über das ins Verkehrsleitprogramm eingeschleuste Programm verfolgte. Ihr Abzugsfinger juckte, und die Anspannung zog durch ihre Hand den ganzen Arm hinauf. Ihr Blickfeld war noch immer rot eingefärbt.

»Na ja, im Grunde war mit so was ja zu rechnen«, bemerkte Vanessa.

Sandy traf eine Entscheidung, schaltete halb in Trance in den Angriffsmodus und infiltrierte die Luftüberwachung. »In der Tat, das war es«, antwortete sie knapp und griff mit blicklosen Augen auf die Schutzbarrieren ihres Verfolgers zu. Knackte sie mit Hilfe ihrer besten Codes und setzte ein Killerprogramm im System frei, einen militärischen Codefresser. Einen selektiven Virus, der komplizierte Software verschlang. Jahrzehntelange erprobte und ständig verfeinerte Programmierkünste der Liga trugen Früchte – die zivile Verkehrskennung erlosch mit einem schrillen Fiepen.

»Aber«, fuhr sie fort und sah auf einmal ein Flackern auf ihrem Navi-Bildschirm, »ich habe beschlossen, dass ich keine Lust mehr darauf habe, beschattet zu werden. In meiner Situation stellt das ein beträchtliches Sicherheitsrisiko dar, meinst du nicht auch?«

»Ganz eindeutig«, stimmte Vanessa ihr zu. »Es könnte ja sonst wer auf die Idee kommen, die schwarze Beflaggung vorzutäuschen, oder einfach in der Deckung dieser ständigen Überwachung agieren. Soll ich mit Ibrahim reden?«

»Nicht nötig.« Der Falke, stellte Sandy mittels ihrer Verbindungen fest, wurde mittlerweile von der Verkehrsleitzentrale in die Mangel genommen und befragt, was es mit der fehlenden Verkehrskennung und ihrer eigenartigen Flugroute auf sich habe. Der Falke nannte seine Kennung und gab an, technische Probleme zu haben, ein Notfall – Ausfall wichtiger Flugsysteme, umfassendes Systemversagen. Die Notsysteme seien jedoch einsatzbereit. Wohin sie wollten? Sie seien … unterwegs. Genaueres ließ sich ihrer Route nicht entnehmen. Vermutlich hätte Sandy jetzt, da die Systeme des Falken runtergefahren waren, tief genug eindringen können, um auch das herauszufinden. Aber sie wollte ihr Glück nicht herausfordern. »Ich habe sie gerade gegrillt.«

»Wie subtil«, bemerkte Vanessa trocken. Und dann: »Scheiße. Okay, das macht die Sache natürlich ein bisschen spannender, schätze ich.«

»So läuft Überwachung bei Dark Star, Ricey. Wenn du nicht weißt, wo die Arschgeigen stecken, schickst du ihnen eine Briefbombe und hältst Ausschau nach der Rauchwolke.«

»Hier geht alles schnell in Flammen auf, Sandy.«

»Ich nicht«, beschied ihr Sandy und nippte an ihrem Saft. »Ich bin feuerfest. Wusstest du das etwa noch nicht?«

»Ich hätte es mir denken sollen.« Wieder so trocken. »Sag mal, wenn du sowieso gerade mit dem Flieger unterwegs bist, warum holst du mich nicht ab?«

Vanessa lief quer über den Landeplatz auf dem Dach des Apartmenthauses, in dem sie wohnten, zwei Taschen mit Ausrüstung unter die Arme geklemmt. Warf beide durch die offene Hecktür, kletterte vorne rein und nahm auf dem Beifahrersitz Platz. »Hey.« Musterte Sandy, die untenrum noch immer im Neoprenanzug steckte, die leeren Ärmel des abgepellten Oberteils zwischen Rücken und Lehne geklemmt.

Die Türen schlossen sich, und Sandy gab Schub.

»Gute Wellen gehabt?«

»Ausgezeichnete Wellen.« Ein Summen, ein Vibrieren, und schon hoben sie ab. Die Markise über dem fast leeren Parkplatz flatterte im Luftstrom. Sandys Blick fiel auf Vanessas regierungseigenen Schlitten, der einsam dastand, direkt neben Sandys Parkplatz, auf dem sie eben noch gestanden hatte. Lange Reihen von Farnen kräuselten und wellten sich unter ihnen und wurden kleiner, während sie rasch Höhe gewannen. »Und genau jetzt dürften sie perfekt sein.«

»Och, na ja, wir alle bringen hier und da mal Opfer.« Vanessa streckte sich und besänftigte eine blinkende Warnleuchte, indem sie sich anschnallte. Die vom Gebäude abgehende Flugroute nahm allmählich horizontalen Kurs, und Sandy passte die Ausrichtung der Schubdüsen an. Das Dach unter ihnen wich dem vertrauten Bild der benachbarten Straßen, halb verdeckt vom Baldachin dicht stehender Bäume.

Ein Stück die Tagostraße hinunter befanden sich die Geschäfte, in denen sie ihre Einkäufe erledigte und sich je nach Laune auch mal etwas zu essen holte. Noch ein Stück weiter, hinter der Kreuzung, lag das Schwimmbad von Santiello: Rechtecke aus blauem Wasser, umgeben von Bäumen und dekorativen Gartenanlagen. In entgegengesetzter Richtung lagen der Romanov-Park und mehrere Seen, umringt von zahlreichen einheimischen Trauerweiden, die ihre Äste ins Wasser hängen ließen. Ringsum eiförmige Sportplätze. Dahinter das Subianto-Stadion mit seinen hoch aufragenden Tribünen.

Santiello. Vanessa lebte hier schon seit vier Jahren, es gefiel ihr hier. Die einzigen Hochhäuser des Distrikts, die diese Bezeichnung verdienten, standen ganz am südöstlichen Rand, in der Nähe des himmelwärts strebenden Lantou-Turms, wo die Straßen sich zu einem geschäftigen, megaurbanen Stadtzentrum verdichteten. Überwiegend war Santiello jedoch ein reines, nicht allzu dicht besiedeltes Wohnviertel, in dem ein weitgehend unreguliertes architektonisches Durcheinander herrschte. Manche Anwohner beklagten den Mangel an Ethno-Schick – von der eher eigenartigen Moschee oder Kirche mal abgesehen – , aber Sandy störte sich nicht im Geringsten daran. Und Vanessa pflegte zu sagen, dass sie nicht vorhatte, in einer Postkarte zu leben.

Es war Vanessas Idee gewesen, dass sich Sandy eine Wohnung in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft nehmen sollte, sogar im selben, ausschließlich Regierungsangestellten vorbehaltenen Gebäude. Es hatte einige Vollblutbürokraten sehr beglückt, dass Sandy quasi Tür an Tür mit der verlässlichen und mit brenzligen Situationen bestens vertrauten Vanessa Rice lebte, diesem aufsteigenden Stern am SWAT-Himmel (eine Bezeichnung, die Vanessa verabscheute), die sich im Zweifel um sie kümmern konnte. Was im Klartext wohl hieß, so Sandys Vermutung, dass man sich darauf verließ: Vanessa würde schon zu verhindern wissen, dass sie den nächstbesten zu lauten Nachbarn vermöbelte, dem reichlich ungehobelten Gemüsehändler in der Tagostraße die Eingeweide herausriss oder (was übrigens Vanessas Vorschlag gewesen war) sich ihre Mußestunden damit vertrieb, ganze Heerscharen hübscher, unschuldiger Jungs mit nach Hause zu nehmen und sie nach Belieben sexuell zu behelligen. Himmel, diese Bürokraten – auf dass sie ihr bloß vom Leib blieben. Überhaupt dieses ganze konservative Pack. Die Typen aus dem Ministerium für soziale Gerechtigkeit waren von allen am schlimmsten.

»Wie war das Mittagessen?«, fragte sie. Die Luftstraße stieg an, um sich mit einer anderen zu verbinden, auf der eine niedrigere Geschwindigkeit vorgeschrieben war. Der Gleiter stieg mit vollem Schub höher, ringsum ragten Türme in die Höhe, sporadischer Verkehr sprenkelte die Luft.

»Die reinste Qual«, erwiderte Vanessa vergnügt. »Wirklich entsetzlich. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie so erleichtert über eine Dienstplanänderung.« Vanessa, wie Sandy inzwischen wusste, neigte zur Übertreibung. »Ich schwöre dir, ich habe die unausstehlichste Verwandtschaft in ganz Tanu­sha, habe ich dir das schon mal erzählt?«

»Schon oft.«

»Meine angeheiratete Tante … liebe Güte, sie ist über neunzig … verklagt gerade ihren Chirurgen wegen ein paar total unerheblichen und sinnlosen Hörverbesserungen, die sie vor zwei Wochen hat machen lassen – sie behauptet, sie könne seitdem nicht mehr schlafen. Weil sie angeblich die Fledermäuse in den Bäumen vor ihrem Schlafzimmer quieken hört.«

»Tu ich auch«, sagte Sandy.

»Hörverbesserungen, mit vierundneunzig! Hat sie ihre halben Ersparnisse gekostet … sie achtet überhaupt nicht auf ihre Ernährung, weißt du? Sie glaubt, sie wird mindestens hundertdreißig, allein dank irgendwelcher Modifikationen. Glaubt, sie müsse sich um solchen Kleinkram wie Ernährung und Sport nicht weiter scheren … verbringt ihr halbes Leben in irgendwelchen virtuellen Realitäten – hast du diese adrenoglaktische Sim gesehen?«

»Hab ich.« Sie drehte die Musik etwas lauter; sie war immer noch leise genug, um sich problemlos zu unterhalten. Das leise Wummern der Schubdüsen übertönte in Sandys Ohren alle höheren Tonlagen – sie musste sich bewusst darauf konzentrieren, sie zu hören. Nicht alle Verbesserungen eines GIs funktionierten rundum perfekt.

»Wie findest du sie? Billiger Schrott?«

»VR-Immersionseffekte wirken bei mir nicht, Ricey. Bei mir funktioniert das nicht über Reflexe, das läuft alles über bewusste Steuerung.«

»Ich hab’s ausprobiert, und ich kann dir sagen, es ist der letzte Dreck. Wie schlechter Sex – erst bist du erregt, und dann wirst du völlig hängengelassen.«

»Schlechter Sex«, sagte Sandy, »ist ein Oxymoron.«

»Du bist ein Oxymoron.« Vanessa grinste. »Drei Stunden täglich dieser adrenoglaktische Mist, dazu sechs Stunden für dieses lausige Magazin, an dem sie mitarbeitet, das macht neun ins Netz eingeklinkte Stunden jeden Tag … Und Freunde ruft sie auch über Direktverbindung an, mit einem Telefon braucht man ihr gar nicht erst zu kommen. Leute wie sie sind das, was Infotech manchmal so gruselig macht – das ganze Leben mit einer Maschine verbunden, ohne sich darüber im Klaren zu sein, dass es noch Alternativen …«

»Ricey«, sagte Sandy lächelnd, »du heulst rum.«

»Natürlich heule ich rum. Dafür hat man doch Freunde! Nur heulst du leider viel zu wenig, was im Übrigen bestimmt nicht gesund ist, also muss ich es für uns beide tun … ganz schön anstrengend, du könntest diese Mühe wirklich mehr zu schätzen wissen. Du siehst hier eine ganz meisterliche Heulsuse bei der Arbeit. Eine Ehre für dich, ein regelrechtes Privileg, wenn ich das mal so sagen darf.«

»Du redest für uns beide«, korrigierte Sandy. »Wenn du wenigstens ab und zu mal die Klappe halten würdest, dann hätte ich ja eine Chance, mich auch mal daran zu versuchen und ein bisschen zu üben.«

Statt einer Antwort streckte und dehnte Vanessa die linke Schulter.

»Ist was kaputt?«

Vanessa nickte, rieb mit der Hand über die schmerzende Stelle und verzog das Gesicht. »Rückkopplung. Ich hab es immer noch nicht geschafft, die Rüstung richtig anzupassen.«

Sandy streckte eine Hand aus, die andere blieb an der Steuerung. Packte Vanessas Schulter und drückte prüfend. »Hier?«

»Weiter oben.«

Sie schob die Hand weiter hoch, und Vanessa zuckte zusammen und bewegte die Schulter. »Höher. Noch ein Stück. AH! Genau da … o ja!«

Sandy drückte leicht zu, Daumen und Fingerspitzen gruben sich in Vanessas Fleisch.

»Aua! Nicht so doll, du reißt mir noch den Arm ab!«

»Jammerlappen.« Vorsichtig massierte sie weiter und achtete sorgsam darauf, die reflexhafte Anspannung in Schach zu halten, die der Druck gegen die Fingerspitzen in ihrer Hand auslöste. Darauf musste sie bei Evos immer achten, und wie alle automatischen Reflexe war auch dieser nicht leicht zu unterdrücken. Es war zwar unwahrscheinlich, aber theoretisch doch möglich, dass sie Vanessa verletzte, und nie ließ sie in ihrer Wachsamkeit nach. Nie.

»O ja …« Vanessa legte den Kopf in den Nacken, schloss die Augen und lächelte. Weich fielen ihr die dunkelbraunen Locken in die Stirn. Ein feines, zartes Gesicht. Wunderschön, dachte Sandy. Fast zerbrechlich anmutend. Und ein lebender Beweis dafür, dass der bloße Augenschein trügerisch sein konnte. Behutsam arbeitete sie sich am Muskel entlang bis zum Schlüsselbein vor, das einer zarten, schmalen Schulter entsprang.

»Du machst das echt gut.«

»Ich mache alles gut, hast du das etwa vergessen?«

Vanessa öffnete die dunklen Augen einen Spaltbreit und bedachte sie mit einem nachdenklichen Blick unter halbgeschlossenen Lidern. »Du wärst vollkommen unausstehlich, wenn das nicht zufällig die Wahrheit wäre.«

Lächelnd steuerte Sandy mit einer Hand durch eine weitere Kurve und massierte mit der anderen Vanessas Schulter. Rüstungsbedingte Verspannungen waren ein häufiges Problem … na gut, für sie selbst weniger. Allerdings war sie selbst im gesamten CSD mit Abstand diejenige, die am häufigsten Massagen brauchte. Und normalerweise war es Vanessa, der diese Pflicht zufiel. Sandy verpasste nie eine Gelegenheit, einen Teil ihrer Schulden zurückzuzahlen.

Vanessa bewegte probeweise die Schulter. »Viel besser. Du hast es echt drauf. Ich werde dich stundenweise vermieten, da mache ich bestimmt ein Vermögen mit dir.«

Wieder musste Sandy lächeln. Und massierte behutsam weiter, die Schulter hinauf bis zum Nacken. Vanessa grinste und senkte den Kopf, damit Sandy besser drankam, und Sandy rieb und drückte ihre Nackenmuskeln mit müheloser, gleichmäßiger Kraft. Aus den Augenwinkeln sah sie Vanessas Gesichtsausdruck und freute sich über das behagliche Räkeln unter ihren Fingern. Wie leicht es war, ihr eine Freude zu machen! Es entzückte sie, was für ein schönes Gefühl das war. Dafür hat man Freunde, hatte Vanessa gesagt und das Ausheulen gemeint, und ganz offensichtlich hatte sie nicht die geringste Ahnung, was für eine warme Glückseligkeit so schlichte Worte auslösen konnten. Es war unerklärlich. So wie ihre eigenen sanft knetenden Finger in Vanessas Nacken, das Lächeln, das die Massage bei ihr auslöste, und das gelegentliche dumpfe Seufzen, das sie ausstieß. Freunde also. Vielleicht war es wirklich so einfach.

Sie lächelte in sich hinein und verspürte nicht zum ersten Mal den eigenartigen Wunsch, bisexuell zu sein, so wie Vanessa. Das wäre verflixt interessant gewesen. Und manchmal, wirklich nur manchmal, hegte sie den Verdacht, dass Vanessa es sich ebenfalls wünschte, wenn auch vielleicht nur aus reiner Neugier.

Aber sie war nicht bi. Und sosehr sie es auch versuchte, es ließ sich nicht ändern. Offenbar stieß auch die sonst allgegenwärtige Neugier ihres Verstandes hier an unüberwindliche Grenzen, auch wenn sie ihre Gedanken in unvertraute Gefilde hinauszuschubsen versuchte. Vanessa war wunderschön. Aber sie war nicht reizvoll, nicht für sie. Frauen waren nicht reizvoll für sie, waren es nie gewesen und würden es nie sein. Nicht in sexueller Hinsicht. Es war geradezu ernüchternd. Diese Erfahrung würde ihr für immer verschlossen bleiben. Sex mit jemandem, den sie einigermaßen leiden konnte, war eine Sache … Sex mit jemandem wie Vanessa wäre etwas vollkommen anderes gewesen. Etwas, das ihr in ihrem bisherigen Leben nur selten vergönnt gewesen war. Es hätte etwas bedeutet.

Sie seufzte. Und dann fiel ihr Vanessas Lächeln auf, ein ironisches, hintergründiges Lächeln trotz der genüsslich geschlossenen Augen. Es war ein kleiner Witz zwischen ihnen beiden: dass eine Massage das war, was zwischen ihnen der Sache am nächsten kam. Eine Ersatzhandlung. Und plötzlich wusste sie, was Vanessa gerade dachte – mit einer Sicherheit, die selten war, wenn sie es mit Zivilisten, überhaupt mit Evos zu tun hatte.

»Es ist natürlich kein Cunnilingus«, sagte sie kühn, »aber ich wette, es ist trotzdem großartig.«

Vanessas Lächeln wurde zu einem Grinsen. Und dann platzte sie laut heraus und bog sich vor Lachen in ihrem Sicherheitsgurt. Sandy unterbrach die Massage, die Hand noch immer auf dem Rücken ihrer vom Lachen geschüttelten Freundin. Angesichts von Vanessas Heiterkeitsausbruch grinste sie selbst übers ganze Gesicht.

Irgendwann erholte sich Vanessa, wischte sich die Tränen aus den Augen und lehnte sich zurück. Sandy, immer noch grinsend, legte wieder beide Hände an die Steuerungshebel.

Spontan löste Vanessa ihren Gurt, beugte sich vor und küsste Sandy schwungvoll auf die Wange. Lehnte sich dann wieder zurück, den Rücken im Winkel zwischen Lehne und Tür angelehnt, und betrachtete sie eingehend. »Nein.« Sie seufzte. »So gut wie Cunnilingus ist es nicht.« Grinste. »Aber was ist das schon?«

»Penetration«, neckte Sandy sie.

»Blödsinn. Dein Gehirn ist phallozentrisch.«

»Ach was. Meine Vagina ist phallozentrisch.«

Vanessa fand das urkomisch und erlitt einen weiteren zwanzigsekündigen Lachanfall.

»Was sehr bedauerlich ist«, setzte Sandy hinterher, als Vanessa schließlich verstummte.

Vanessa seufzte. »Ja, deine phallozentrische Vagina ist wirklich zu bedauern. Sie hat mein vollstes Mitgefühl.«

»Ach bitte, das ist wirklich nicht nötig, dafür hat sie viel zu viel Spaß.«

»Ich weiß, ich höre sie lachen.« Breit grinsend boxte Vanessa Sandy kräftig gegen die Schulter. »Hör auf, mich zu bemitleiden, Sandy. Meine Trennung von Sav bedeutet nicht das Ende der Welt – ich finde schon jemand anderen, der mich glücklich macht. Oder mehrere Jemande.«

»Ich bemitleide dich gar nicht«, erwiderte Sandy, »ich kann mir sowieso nicht vorstellen, mich auf einen einzigen Mann zu beschränken. Sav zu verlassen wäre das Allererste gewesen, was ich an deiner Stelle getan hätte.«

»Liebe Güte«, Vanessa schnaubte, »danke für deine Anteilnahme.«

»Ich habe eben darüber nachgedacht«, erkühnte sich Sandy zu sagen, »dass ich dich durchaus gern genug habe, um mir zu wünschen, dich bis zur glückseligen Bewusstlosigkeit zu vögeln, aber das Problem an der Sache ist: Ich finde dich körperlich kein bisschen anziehend. Und das ist dabei natürlich ein ziemlich ernsthaftes Problem.«

»Uff, ja.« Vanessa seufzte. »Mit so einem kalten Fisch wie dir in die Kiste zu hopsen wäre bestimmt ein ganz unvergessliches Vergnügen. Aber danke, dass du dir meinetwegen Gedanken machst.« Belustigt. »Deshalb ist es so großartig, mit dir befreundet zu sein, Sandy: Du kennst die ganzen Regeln noch nicht. Ich kenne niemanden außer dir, der das Thema auf den Tisch gebracht hätte.«

Sandy schnaubte. »Tja, zum Geier, was weiß ich denn schon? Schließlich bin ich, wenn wir ehrlich sind, unterm Strich eigentlich nur so was wie eine bessere Küchenmaschine.«

»Ich habe gesagt, dass ich das an dir mag, du Schwachkopf«, entgegnete Vanessa. »Bleib bloß so.«

»Hmpf. Keine kleine Aufgabe.«

»Ja.« Wieder seufzte Vanessa. »Das ist wohl wahr.« Eine Weile herrschte Schweigen. Vor ihnen kam die Leitstelle in Sicht. Keine Minute später neigte sich der ihnen zugewiesene Kurs abwärts.

»Soll ich dir noch ein bisschen den Nacken massieren?«, bot Sandy munter an.

Vanessa grinste. »Nein, danke. Das bringt mich nur auf dumme Gedanken.«

 

***

Unverkäufliche Leseprobe aus: Joel Shepherd – Die Androidin zwischen allen Fronten. Alle Rechte vorbehalten. Die Verwendung von Text und Bildern, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen.© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main

 

 


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