"Im Auftrag der Krone" - Maschinendrachen

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FICTION FRIDAY

Im Auftrag der Krone (Carsten Steenbergen)


Wenn sich die Maschine gegen den Menschen wendet: In Stockholm entwickelt der verrückte Bruder der Stadträtin einen mechanischen Drachen, der die Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Der Dampfmechaniker Sigurd Sigmundson, wird beauftragt, ihr das Herz des Drachens zu besorgen und so den Spuk zu beenden.

Eine faszinierende Steampunk-Story , die 2012 für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert wurde.

***

Der Lärm von Applaus und johlenden Menschen drang hoch bis in den zweiten Stock der Stadtvilla. Ab und an war sogar das Tröten eines Horns zu vernehmen. Die Menge beschenkte ihren Helden mit Ehrerbietung und ungezügelter Verzückung. Regina Hreidmardottir stand mit auf dem Rücken verschränkten Armen am Fenster und sah mit verkniffenem Gesichtsausdruck auf das Kopfsteinpflaster hinab. Ihr Kopf, der von einem Dutt ehemals durchgängig honigfarbenen Haares gekrönt wurde, wanderte langsam und unaufhörlich hin und her. Sie betrachtete die Dampfdroschke, bis sie in die Hofeinfahrt einbog und der gönnerhaft winkende Gockel an ihrem Steuer aus ihrem Blickfeld verschwand. Vielleicht drei Minuten später, in denen sie weiterhin am Fenster verharrt hatte, klopfte es leise an der Tür zu ihrem Büro. Ein livrierter Bediensteter betrat das Arbeitszimmer und verbeugte sich. »Ihr Besuch ist eingetroffen, Stadträtin.«

»Danke. Seine Ankunft ist mir nicht entgangen«, antwortete Hreidmardottir ohne sich umzudrehen. »So wie sie vermutlich halb Stockholm mitbekommen hat.« Sie schwieg einen Moment und ließ den Mann am Türrahmen warten. Dann nickte sie, scheinbar der Straße zugewandt. »Ich lasse bitten.«

Ein blondgelockter Hüne rauschte kurz darauf in das Arbeitszimmer, mit einem gewinnenden Lächeln auf den Lippen und einem schalkhaften Funkeln in den Augen. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck förmlich in ihrem Nacken spüren. Seine markanten Züge standen im absoluten Einklang mit der fast schon militärisch wirkenden Montur der reisenden Dampfmechaniker und verliehen ihm einen faszinierend verwegenen Ausdruck. Ein breiter Gürtel, bestückt mit diversen silbrig glänzenden Schraubschlüsseln hing um seine Taille. Der Aufzug der Stadträtin, ein steingraues Kostüm mit schnörkellosem Schnitt, musste dagegen beinahe trocken, wenn nicht gar altbacken anmuten. Sie war davon überzeugt, dass der Gockel, wie sie ihn insgeheim weiter nannte, das eine oder andere Accessoire hinzugefügt hatte, um seine Aufmachung noch eindrucksvoller wirken zu lassen. Was es auch unzweifelhaft tat. Dafür war es nicht einmal notwendig, sich umzudrehen. Sie hatte die Reaktionen der Damen auf dem Gehsteig gesehen.

»Hoch geschätzte Stadträtin. Ich freue mich ungemein über Ihre Einladung. Als ich Ihren werten Bittruf in Kiruna vernommen hatte, bin ich unversehens aufgebrochen. Wenn eine Stadträtin der königlichen Residenzstadt nach dir verlangt, Sigurd, dann muss es etwas Unaufschiebbares sein, habe ich mir gesagt. Meine bescheidenen Dienste stehen Ihnen uneingeschränkt zur Verfügung.« Er verbeugte sich tief in Richtung der Frau am Fenster.

»Ich kenne genügend Männer, die sich eines unwiderstehlichen Charme rühmen und glauben, damit jedwede Dame für sich gewinnen zu können. Darüber hinaus ist Ihnen Ihr zweifelhafter Ruf bereits vorausgeeilt. Samt Ihrer beruflichen Qualitäten, Meister Sigmundson.« Sie betonte das Wort beruflich in einer Art und Weise, die sämtliche Sympathieschwingungen im Raum von einer Sekunde zur anderen zu Eis erstarren ließ. »Und genau um diese Qualitäten geht es mir. Um nichts anderes. Daher überspringen wir am besten Ihre fruchtlosen Annäherungsversuche und kommen ohne Umschweife zum Geschäftlichen. Ist Ihnen das recht?«

»Natürlich, Stadträtin, natürlich. Ich mag es, wenn die Dinge gleich auf den Punkt gebracht werden.« Sigmundson stützte den Ellbogen auf sein linkes Handgelenk und strich sich nachdenklich mit der freien Hand über sein Kinn. »Um was für ein Problem handelt es sich?«

Jetzt erst drehte sich die Stadträtin zu dem Dampfmechaniker um und fixierte ihn mit einem bohrenden Blick aus ihren grüngrauen Augen. Er hielt ihrem Starren stand und wartete ab, bis sie sich endlich anschickte, seine Frage zu beantworten.

»Wie mir zu Ohren kam, haben Sie sich in einigen, sagen wir einmal besonderen Aufträgen verdient gemacht. Die Sie in der Meinung der einfachen Bevölkerung zu einer Art Volksheld haben aufsteigen lassen.« Sie runzelte missbilligend die Stirn. »Wie viel Wahrheit steckt in diesen Gerüchten?«

»Nun, werte Stadträtin, dank meiner Fähigkeiten war es mir im schwedisch-russischen Grenzkrieg vergönnt, allein eine Invasion von nahezu einhundert neuartigen Amphibienpanzern des Zaren zu vereiteln. Während die Truppen des Königs seelenruhig in ihren Feldbetten schliefen, wohlgemerkt. Dazu die Sache in Island. Dort war eine gewaltige Fördermaschine außer Kontrolle geraten und ich musste, ausschließlich mit einem einzelnen Schraubenschlüssel bewaffnet, ...«

»Ersparen Sie mir Ihre blumigen Ausschmückungen, Meister Sigmundson«, unterbrach Regina Hreidmardottir die Ausführungen des Mannes rüde. »Dieses Geschwätz interessiert mich nicht. Ich will wissen, mit wem ich es zu tun habe. Was Sie bereit sind zu leisten.«

»Vor Ihnen steht der beste Dampfmechaniker Skandinaviens, werte Stadträtin«, antwortete Sigmundson im Brustton der Überzeugung. Als sie nicht darauf einging, räusperte er sich irritiert. »Ich stehe Ihnen voll und ganz zur Verfügung.«

»Schon besser. Jetzt sprechen wir die gleiche Sprache. Denn mein Problem lässt sich nicht von irgendeinem dahergelaufenen Blender beseitigen. Dieser Einsatz wird all Ihre Fähigkeiten bis zum Äußersten strapazieren, seien Sie sich dessen versichert.«

»Und worin genau besteht mein Auftrag?«

»Ganz einfach. Sie sollen einen Drachen für mich erlegen.«

Für einen winzigen Moment erfüllte Stille den Raum. Die Stadträtin bemerkte mit innerlicher Genugtuung, dass ihre Eröffnung dem Dampfmechaniker die Sprache verschlagen hatte.

Sigmundsons Augenbrauen zogen sich kritisch zusammen, während das unentwegte Lächeln in seinem Gesicht einem ernsten Gesichtsausdruck wich. »Ich verstehe nicht ganz, werte Stadträtin. Ein Drache. Selbst einmal angenommen, es gäbe derartige Kreaturen nicht nur im Reich der Fabeln, so wäre ich sicherlich nicht der richtige Ansprechpartner für ein solches Unterfangen. Ich bin Mechaniker, kein Großwildjäger. Darüber hinaus scheint mir meine Zeit viel zu kostbar, um sie mir mit Märchen zu vertreiben.«

»Oh, diesen Eindruck habe ich nicht, nachdem ich soeben Ihrer Begrüßungsrede lauschen durfte«, kommentierte sie die Reaktion des Dampfmechanikers mit beißendem Unterton in der Stimme. »Selbstverständlich haben Sie recht, Meister Sigmundson«, fügte sie versöhnlicher hinzu. »Es gibt keine Drachen. Ausgenommen dieses eine Exemplar. Nur, dass es nicht aus Fleisch und Blut besteht.«

»Sie belieben zu scherzen, Frau Stadträtin. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie lange ich noch gewillt bin, diese Scharade hinzunehmen. Woraus sollte es denn sonst sein?«

»Herrgott, seien Sie doch nicht so begriffsstutzig«, herrschte sie Sigmundson an. »Warum habe ich Sie wohl rufen lassen? Es ist ein mechanischer Drache.«

            »Ein mechanischer ...?« Ein erleichtertes Lachen brach aus dem Dampfmechaniker hervor. »Das klingt natürlich ganz anders. Weshalb haben Sie das denn nicht gleich gesagt? Also, wo finde ich dieses niedliche Spielzeug?«

»Interessant, dass Sie eine mehr als fünfzehn Meter hohe und gut dreißig Meter lange Maschine aus massivem Stahl als niedliches Spielzeug bezeichnen. Langsam frage ich mich ernsthaft, warum ich Ihnen diese Aufgabe zugetraut habe, Meister Sigmundson.« Die Stadträtin schüttelte missfällig den Kopf. »Das Untier haust in der verlassenen Bahnhofshalle Gnitaheide im Stadtteil Södermalm. Zum Glück verlässt es die Insel nicht, doch wenn es dies einmal täte ... Nicht auszudenken! Von dort aus zieht es alle zwei Tage an die Küste, um seinen Hunger nach Kohle und Wasser zu stillen. Das Militär ist machtlos. Dem Drachen ist durch seine Panzerung einfach nicht beizukommen. Daher brauche ich einen Experten. Einen, der hoffentlich weiß, was er tut. Bevor das Ding ganz Stockholm zerstört.«

Sigmundson strich sich erneut nachdenklich über das Kinn. Dann nickte er. »Das klingt schon eher nach einer Größenordnung, die meinen bisherigen Erfolgen gerecht wird. Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie darüber hinaus über ein persönliches Interesse verfügen, den Drachen zerlegt zu sehen?«

Stadträtin Hreidmardottir senkte den Kopf und seufzte schwer. »Es ist sozusagen eine Familienangelegenheit. Mein Bruder Fafnir Hreidmarson hat dieses Monstrum gebaut. In aller Heimlichkeit. Leider ist er gesundheitlich nicht ganz auf der Höhe.« Sie hob den Zeigefinger an die Schläfe und ließ die Spitze einen Kreis beschreiben. »Sie verstehen. Bevor man ihn aufhalten konnte, hat er den Drachen bestiegen und sich zu seinem Hort begeben, wie er es nannte. Es kamen unzählige Menschen zu Schaden. Und als ob das nicht genug wäre, hat er die Krone bestohlen: Eine neuartige Energiequelle, die er im Auftrag des Königs konstruiert hat, und die jetzt vermutlich seine Maschine antreibt. Ich will sie haben. Bringen Sie mir also das Herz des Drachen.« Sie lachte freudlos. »Sie sehen, ich habe ausreichende Gründe, um dem ganzen Spektakel ein Ende zu bereiten.«

»In der Tat, das haben Sie. Ich bin beinahe geneigt, sofort einzuschlagen. Dennoch, was ist für mich drin, sollte ich diesen Auftrag zu Ihrer Zufriedenheit erledigen?«

»Ah, Ihre Belohnung, Meister Sigmundson. Zwanzigtausend Goldkronen für den Drachen sowie einen Bonus von fünftausend Kronen für die Energiequelle. Nehmen Sie an? Oder muss ich mir jemand Anderen suchen?«

»Ich nehme an. Wer täte das nicht bei so einem großzügigen Angebot?«, beeilte sich der Dampfmechaniker zu antworten.

»Dann sind wir uns also einig. Mein Diener wird Sie mit allen nötigen Informationen versorgen. Ich erwarte in Kürze eine Erfolgsmeldung.« Damit drehte sich Regina Hreidmardottir zum Fenster um und kehrte Meister Sigmundson den Rücken zu. Für sie war die Besprechung beendet.

***

Sigurd lehnte an der mit Ruß verschmutzten Wand und wartete. Es waren einige Stunden verstrichen, seit er hier seinen ungemütlichen Posten bezogen hatte. Sein Rücken schmerzte. Eine alte Verletzung, links unter dem Schulterblatt, die ihm mit den Jahren immer mehr zu schaffen machte. Es wurde Zeit, sich zur Ruhe zu setzen, die Bühne der Bewunderung zu verlassen. Nur noch dieser Auftrag. Dann war Schluss mit dem andauernden Verprassen und den ständigen Festen. Ein kleines Häuschen irgendwo an der Küste. Abseits von allem. Das Geld für den Drachen würde dafür mehr als ausreichen. Müde dehnte er den Oberkörper. Ein Wirbel knackte, als er sich von selbst wieder einrenkte.

Die Stadträtin hatte auf Eile gedrängt. Ihre Laune war schon übel genug gewesen und er hatte wenig Lust, es sich mit dieser Walküre von einer Frau zu verscherzen. Daher hatte er sich umgehend an die Arbeit gemacht. Nachdem er von dem Diener instruiert worden war, hatte er sich noch am gleichen Tag im Bezirk Södermalm auf die Lauer gelegt. Tatsächlich entsprachen die Aufzeichnungen der Stadträtin der Wahrheit. Der Drache erwies sich zudem als Gewohnheitstier mit der Präzision eines Uhrwerks. Sigurd schmunzelte bei dem Gedanken. Das war eine Maschine, ein Ding aus Zahnrädern, Schloten und Kolben. Nichts sonst.

Eine Grube mitten in der gepflasterten Straßendecke der Götgatan schien für seinen Plan am besten geeignet zu sein. Sie lag nahe des Medborgarplatsen und damit gleich an der Bahnhofsstation Gnitaheide, in dessen Halle sich der Drache eingenistet hatte. Der Drache wälzte sich jeden Abend die Götgatan entlang – über die Grube hinweg, ohne sie weiter zu beachten – und begab sich nördlich zu den Anlegestellen der Lastkähne. Dorthin, wo Kohle für Stockholm aus allen Landesteilen eingeschifft wurde. Sobald er seinen Hunger nach dem schwarzen Gold gestillt hatte, kehrte er in seine Halle zurück. Bei genauerer Untersuchung der Grube stellte sich diese als ein ehemaliger Aufenthaltsraum für Lokführer heraus. Das Gewicht des Drachen hatte einen Teil der Decke einbrechen lassen. Schutt und Geröll, sowie Spinde und die Trümmer eines großen Tisches lagen immer noch herum. Niemand hatte hier aufgeräumt, seit das Ungetüm erschienen war.
Eine Erschütterung und ein entferntes Brüllen ließen Sigurd aufhorchen. Sofort zog er seine Taschenuhr hervor und warf einen prüfenden Blick auf das Ziffernblatt. Na bitte, wie ein Uhrwerk. Braves Untier! Der Drache hatte sich auf den Weg gemacht. Sorgfältig zählte der Dampfmechaniker die Minuten mit, die bis zum Erreichen der Grube verstrichen. Seine Hand wanderte ruhelos über die Schraubenschlüssel in seinem Gürtel. Nicht vor Angst, sondern vor Aufregung. In wenigen Momenten würde sich zeigen, ob er Recht behielt.

Endlich schob sich der dunkelgraue Leib über die Öffnung. Kleine Steine und Staub rieselten von oben herab, trafen ihn im Gesicht, doch Sigurd ließ sich davon nicht beirren. Da! Ein Stahlgerüst, das von außen wie die Beine eines riesigen Reptils aussah, schützte die Ketten und Laufrollen, mit der sich der mechanische Drache vorwärts bewegte. Von unten jedoch offenbarte sich eine Metallplatte, die nicht genietet, sondern verschraubt war. Sigurd stieß sich von der Wand ab und folgte der wandernden Platte, den Kopf weiterhin nach oben gerichtet. Vorsichtig stieg er über die Schutthaufen, während er mit einem Schlüssel die Schrauben bearbeitete. Kurz vor dem Ende der Grube schob er die Abdeckung zur Seite, griff nach den Rändern und zog sich hinein.

Niemand hatte etwas von seinem Einstieg mitbekommen. Ganz so, als hätte ich eine Tarnkappe getragen, lachte er selbstgefällig. Er nestelte eine kleine Gaslampe aus einer der Gürteltaschen und entzündete sie. Das Licht warf scharf geschnittene Schatten auf seine Umgebung. Das Innere des Ungetüms zeigte sich in einem Gewirr aus Leitungen, stampfenden Kolben und surrenden Zahnrädern. Die Antriebsmaschinerie des Kolosses. Das war der sprichwörtliche Haken an seinem Plan. Im Bauch des Drachen gab es keinen Platz, um aufrecht zu stehen. Sigurd würde sich von Lücke zu lücke quetschen müssen, um an sein Ziel zu gelangen. Auf dem kürzesten Weg zur Energiequelle. Also dann. Auf geht‘s.

Er kroch just in dem Moment aus dem Bauchraum, in dem das Ungetüm die Küste der Insel erreichte. Ein Brüllen übertönte das Stampfen der Maschine und ließ das eiserne Skelett des Drachen erzittern. Der Dampfmechaniker presste keuchend die Arme gegen die Ohren, während er sich vor Schmerzen auf dem Boden krümmte. Verdammt, war das laut! Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis das Brüllen und das Klingeln in seinem Kopf aufhörten. Sein Blick hob sich und fand eine unterarmlange Ratte, die ihn nur wenige Zentimeter vor seiner Nase mit zitternden Schnurrhaaren anstarrte. Als Sigurd vor Schreck den Schraubenschlüssel erhob, huschte sie mit klickenden Pfoten davon und verschwand in der Öffnung eines kleinen Rohres. Die winzigen Schlote auf ihrem Rücken zogen eine Wolke aus tiefgrauem Dampf hinter ihr her. So langsam empfand der Dampfmechaniker großen Respekt vor der Genialität des Konstrukteurs dieser Maschinen. Erst ein riesiger Drache, nun eine Ratte, die sich scheinbar selbstständig durch die Eingeweide dieses Untiers bewegte.

Ein Gespräch mit diesem Mann namens Fafnir musste ungemein erhebend sein. Wenn die Umstände andere wären, dachte Sigurd betrübt, was hätten wir alles gemeinsam auf die Beine stellen können! Dumm nur, dass der Mann in eine Nervenheilanstalt gehörte. Und Sigurd soeben dabei war, eine seiner genialen Konstruktionen lahmzulegen. Keine besonders geeignete Basis für eine Zusammenarbeit. Ich werde die Stadträtin bitten, den Drachen studieren zu dürfen. Und die kleine Ratte ebenso. Der Dampfmechaniker glaubte, das Geräusch unzähliger Kohlenstücke zu vernehmen, wie sie in irgendeinen Behälter im Inneren des Untiers rutschten. Es wurde Zeit.

Sigurd erhob sich, als sich das Ungetüm erneut in Bewegung setzte. Die Aufnahme der Kohle war anscheinend beendet. Interessiert sah er sich im gewaltigen Brustkorb des Drachen um. Die Ausmaße waren größer, als er es sich von außen hatte vorstellen können. In der Mitte des Raumes ragte eine metallene Säule vom Umfang eines ausgewachsenen Baumes auf. Dahinter führte eine Treppe Richtung Hals und anschließend bis zum Haupt des Untiers. Dort oben würde sich garantiert Meister Fafnir aufhalten.
Still schlich der Dampfmechaniker um die Säule herum und nahm sie genau in Augenschein. In ihrem Zentrum pochte und pulsierte es. Das muss die Energiequelle sein, dachte Sigurd. Wenn ich sie ausbaue, geht dem Biest der Atem aus. Und mit ein bisschen Glück bin ich schneller hier raus, als der alte Fafnir begreift, was vor sich gegangen ist. Er tastete die Säule ab, suchte nach Schrauben, Hebeln oder Kanten. Einer Möglichkeit, die Energiequelle zu entfernen. Vergeblich. Das Metall wirkte wie aus einem Guss. Einzig am unteren Rand fand sich eine Öffnung, die einem Schlüsselloch ähnelte sowie ein fingerbreites Rohr, das direkt daneben austrat und geradewegs in der Decke des Raumes verschwand. Unschlüssig kratzte sich Sigurd im Nacken. Das entwickelte sich gerade in eine Richtung, die so nicht vorgesehen war. Was sollte er jetzt unternehmen? Verschwinden? Wenn ja, am besten, bevor der Drache die Bahnhofshalle erreichte. Allerdings konnte er dann seinen Lohn in den Wind schreiben. Von dem Zorn der Stadträtin ganz zu schweigen. Nein, das war keine Lösung. Sigurd atmete einmal tief ein und aus und wandte sich der Treppe nach oben zu. Er brauchte einen Schlüssel und der Dampfmechaniker wusste genau, von wem er den bekäme.

***

»Ich habe mich schon gefragt, wann Sie endlich erscheinen würden. Aber immerhin pünktlich zum Eintreffen in meinem Hort.« Der Mann mit dem schneeweißen Haar und dem Monokel vor dem rechten Auge nickte freundlich. Er saß ruhig auf einem eisernen Thron, vor sich diverse Hebel und Steuerknüppel auf einem gebogenen Tisch, die er schlafwandlerisch sicher betätigte, ohne auch nur hinsehen zu müssen. Ihm gegenüber waren zwei ovale Öffnungen in die Stahlwand gegraben, die durch fingerdicke Kristallglasscheiben den Blick nach draußen ermöglichten. Darunter blitzte eine beeindruckende Zahnreihe aus dem gleichen Metall. Gaslampen waren rundherum an den Wänden angebracht und erhellten den Kopfraum. Der Drache schnaufte ein letztes Mal und stand dann in der Bahnhofshalle still wie eine Statue. »Otr hat mir bereits vor gut einer halben Stunde von Ihrer Anwesenheit berichtet.« Fafnir wies auf die mechanische Kreatur neben sich, welcher Sigurd unten im Brustkorb begegnetet war.

Erst jetzt erkannte der Dampfmechaniker, dass es sich keineswegs um eine Ratte handelte, sondern um einen Fischotter. Dessen winzige Reißzähne glänzten silbergrau, als er die Schnauze öffnete. »Na na«, tadelte ihn Fafnir, während er dem Otter beruhigend den Kopf tätschelte. »Gehen wir so mit unseren Gästen um? Sie müssen Otrs Verhalten entschuldigen, er ist ein wenig forsch geraten. Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?«
Der Dampfmechaniker räusperte sich verlegen. »Sigmundson. Sigurd Sigmundson. Es ist mir eine Freude, Sie kennenzulernen.« Er deutete eine vorsichtige Verbeugung an. Der Grund seiner Anwesenheit war ihm mit einem Mal sehr peinlich.

»Ah, der berühmte Held Sigmundson. Die Ehre ist ganz meinerseits. Was sagen Sie denn zu meinem Liebling? Immerhin gehören Sie zu den wenigen Menschen, die ihn von innen betrachten durften.«

»Ein besonderes Meisterstück, wenn ich das bemerken darf. Nur bin ich in einer gänzlich anderen Angelegenheit zu Ihnen ...«
»Ich weiß, ich weiß«, unterbrach ihn Fafnir lächelnd. »Das Herz des Drachen. Deswegen sind Sie doch hier. Meine Schwester hat Ihnen gewiss ein großzügiges Angebot gemacht. Leider hat sie keine Ahnung, was ...«

»Offensichtlich war mein Angebot nicht großzügig genug.« Die Stadträtin kam über die Treppe und betrat den Kopfraum. Sie hatte das steingraue Kostüm gegen eine beige Hose aus Baumwolle und eine weiße Bluse getauscht. Darüber lag ein knielanger, rotlederner Mantel. Ein Ölstreifen glänzte auf ihrer Wange. In ihrer Hand hielt sie einen Revolver. Otr, der Fischotter gab ein zischendes Geräusch von sich. »Sonst hätte ich Meister Sigmundson kaum bei einem Kaffeekränzchen mit dir angetroffen, Bruder.«
»Regina, wie bist du hier hereingekommen?«

»Auf dem gleichen Weg, wie unser verhinderter Held dort. Er hat dich immerhin ausreichend abgelenkt, wenn er seine Aufgabe schon nicht erfüllt hat. Und jetzt gib mir den Schlüssel«, verlangte die Stadträtin.

»Schwester, es ist nicht, wie du denkst. Selbst wenn ich wollte, es geht nicht. Das Herz ist nicht ...«

Regina Hreidmardottir schoss ansatzlos aus dem Handgelenk. Die Kugel traf den Herrn des Drachen in den Bauch. Ein ersticktes Ächzen entrang sich seinen Lippen, als er seine Hände erschrocken gegen die Wunde presste. Unglauben beherrschte Fafnirs Züge. »Du weißt nicht, was du angerichtet ...«, stöhnte er. Dann brachen seine Augen.

»War das wirklich notwendig, Stadträtin? Ich bin erschüttert.« Sigurd schüttelte fassungslos den Kopf. »Den eigenen Bruder erschießen!«

»Ach, halten Sie die Klappe!«, fauchte ihn Regina an. »Los, durchsuchen Sie ihn nach dem Schlüssel! Und keine Tricks!« Sie drohte ihm mit dem Revolver.

Sigurd hob beschwichtigend die Hände. »Schon gut. Ich tue, was immer Sie verlangen.« Zögerlich tat er einen Schritt auf den Leichnam zu. Im selben Augenblick sackte der Körper Fafnirs in sich zusammen und rutschte gegen die Armaturen. Der Kopf des Drachen ruckte plötzlich hoch und warf Regina und Sigurd von den Füßen. Ein markerschütterndes Brüllen ertönte. Gleichzeitig riss das Untier sein Maul auf und schüttelte die Kiefer hin und her. Instinktiv klammerte sich Sigurd an ein Rohr, das an der Wand verlief. »Der Drache dreht vollkommen durch. Die Hebel, wir müssen die Steuerhebel frei bekommen!«

»Das weiß ich selbst, Sie Idiot«, rief die Stadträtin wütend, während sie versuchte, zurück auf die Beine zu kommen. »Worauf warten Sie noch?« Ein weiterer mörderischer Ruck, gefolgt von einem erneuten Brüllen des Drachen, ließ Regina über den Boden des Raumes taumeln in Richtung Drachenmaul. Unaufhaltsam rutschte sie auf die Kiefer zu, die nun auf und nieder krachten. Nirgendwo gab es die Möglichkeit, sich festzuhalten. »Helfen Sie mir, verdammt«, kreischte sie entsetzt.

Sigurd überlegte nicht lange, auch wenn die Frage, wer nun wirklich in eine Nervenanstalt gehört hätte, unausgesprochen in seinem Kopf herumspukte. Fafnir schien es jedenfalls nicht gewesen zu sein. Starb die Stadträtin, konnte er die Belohnung vergessen. Er ließ das Rohr los und hechtete der Frau hinterher, die verzweifelt die Arme nach ihm ausstreckte, während sie weiter auf das geöffnete Maul zu rutschte. Noch in der Bewegung bekam er die Hände Reginas zu fassen. Doch auch das vermochte nicht zu verhindern, dass ihre Beine und Unterleib aus dem Maul des Drachen glitten. Eine Sekunde später senkten sich die glänzenden Zähne hinab.

»Sie ... Mistkerl.« Blut begleitete die letzten Worte der Stadträtin und besprengte Sigurds Gesicht mit einem bizarren Muster. Die Kiefer des Drachen öffneten sich und der Dampfmechaniker ließ die Hände los, die sich gerade eben noch verzweifelt an die seinen geklammert hatten. Die obere Hälfte Reginas folgte der unteren nach draußen, als der Drache erneut seinen Kopf zur Seite schleuderte. Der Dampfmechaniker krachte zeitgleich gegen die Wandung, und schlagartig erlosch das Licht vor seinen Augen.

***

Als Sigurd aus seiner Ohnmacht erwachte, stellte er als Erstes fest, dass er aufrecht saß. Vor ihm ragten einige Hebel und Steuerknüppel aus einem Tisch. Benommen schüttelte er den Kopf. Die Bewegung ließ einen scharfen Schmerz durch seinen Rücken in der Nähe des Herzens fahren. Die alte Verletzung. Er musste mehr abbekommen haben, als er gehofft hatte. Ein klickendes Geräusch vor ihm weckte seine Aufmerksamkeit. Otr, der mechanische Fischotter, schickte sich an, einen klobigen Sack in die Tiefen des Drachen zu zerren. Nein, das war kein Sack, stellte Sigurd erstaunt fest. Es war die Leiche des Konstrukteurs. Aus einem Loch in Fafnirs Rücken sickerte Blut. Wohin wollte der Otter mit seinem toten Herrn? Es wunderte den Dampfmechaniker, dass das Tier immer noch funktionierte. Im Gegensatz zu dem Drachen, der still mitten in der Bahnhofshalle stand.

Moment! Hatte die Stadträtin ihrem Bruder nicht in den Bauch geschossen? Wo kam dann die Wunde auf dem Rücken her? »Ihr Götter«, hauchte Sigurd Sigmundson erschrocken auf. Wie von selbst wanderte seine Hand an die Stelle, an der erneut der Schmerz aufbrandete. Seine Finger ertasteten ein fingerdickes Rohr, das in seiner Rückseite steckte und hinter ihm in der Wand verschwand. Wie an der Säule. Es musste genau in das Loch im Rücken Fafnirs passen. Sigurds Puls dröhnte in seinen Ohren. Das war es, was Fafnir hatte sagen wollen! Nicht die Energiequelle stellte das Herz des Drachen dar, sondern sein eigenes. Und da dieser nun tot war ...

Mit einem Brüllen erwachte das Untier zum Leben und bestätigte Sigurds ungeheuerliche Befürchtung. Eine neue Schmerzwelle, die durch seinen Körper raste, zwang seine Hände an die Steuerhebel. Der Drache schnaufte triumphierend und machte sich auf den Weg, seinen Hunger an den Docks zu stillen.


>>Hier gibt es mehr über den Autor Carsten Steenbergen


Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 25. August 2017, genau hier.

 

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© 2012 by Carsten Steenbergen
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in Frank G. Gerigk & Petra Hartmann (Hrsg.), Drachen, Drachen. Blitz Verlag, 2013

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