Robonauts

© pixabay / skeeze

FICTION FRIDAY

32 Minuten über Blainsburg (Marc Späni)


Marc Späni
28.07.2017

Big Brother im Weltall: Eine Raumstation wird Tag und Nacht von Kameras beobachtet, 32 Minuten später werden die Bilder auf der Erde ausgestrahlt. So auch das absolute Highlight der letzten Zeit: Das erste Baby, das im Weltall zur Welt gekommen ist. Doch die Folgen sind hart.

Autor Marc Späni schreibt eine beeindruckende Geschichte über die Auswirkungen des ständigen Lebens im All, die dauerhafte Beobachtung und die Einsamkeit, die einen zerreißen kann.

***

21. Juni 2026, 19.15 Uhr MST. Irgendwo zwischen der silbergrauen Oberfläche des Eismondes Callisto und der grün-gelben, von milchigen Wolkenbändern durchzogenen Scheibe des Jupiters hängt die Spirit of God in der Leere des Weltalls, kaum mehr als ein winziger Punkt in der schwarzen Grenzenlosigkeit. Eine ferne Sonne wirft ein weißes Licht auf die Titanhülle des Schiffes, und legt sich bei jeder Rotation des Mannschaftsmoduls für einige Sekunden auf das Gesicht des Babys, das im rötlichen Halbdunkel des Kontrollraums in einer Art Tragetasche auf dem großen Mannschaftstisch schläft. Seine Mutter, Ellie Monroe, sitzt dabei, eine junge Frau, blond, etwas bleich, in einem hellblauen Overall. Raph, eine der vier Persönlichkeiten des intelligenten Bord-Systems ARCHIE, singt leise ein altes Wiegenlied: Catch a falling star and put it in your pocket, save it for a rainy day...

Weiter drüben, an einer interaktiven Wall, arbeiten zwei Astronauten. Ein Afroamerikaner und eine Frau mit asiatischem Touch, beide in leichten, roten Raumanzügen, auch sie jung und gutaussehend. Arbeiten sich durch Checklisten, navigieren mit Augenbewegungen durch die Menüs, sprechen mit dem Bord-System, und sprechen ab und zu kurze Kommentare in eine der Bordkameras. Auf den Bildschirmausschnitten sieht man Außenansichten des Raumschiffs, die zerfurchte Oberfläche von Callisto, einen Kontrollraum mit Männern und Frauen in den schwarzen Jacken der UCC Space Mission, einen Mann mit kurzem grauem Haar: Vincent Duval. Der Vincent Duval.

***

Duval steht in seiner Glaskuppel oben auf dem Revival-Building wie Gott über seiner Schöpfung. Von dort aus verfolgt er den Stream von Informationen, der über die neuronale Schnittstelle durch sein Bewusstsein läuft, die Übertragung aus dem All und aus den Studios, die laufenden Berichte der verschiedenen Teams. Zwischendurch öffnet er die Augen und lässt den Blick über das Lichtermeer des UCC-Areals mit seinen Produktionshallen, Verwaltungsgebäuden und Wohnsiedlungen schweifen, hinter dem sich die Salzwüste von Utah ins Nichts verliert. Dort oben hat er alle wichtigen Momente im Projekt miterlebt, die ersten Castings in den USA, die Endauswahl der Crew, die Doppelhochzeit auf der Lunar Base, den Start der Spirit of God und zuletzt vor zwei Monaten die erste erfolgreiche Geburt im All. Jetzt steht der Höhepunkt der Mission bevor, die mittlerweile seit zweieinhalb Jahren von Duvals eigenem Fernsehsender in die ganze Welt übertragen wird. Weniger als zwei Stunden, bis der Lander Seed of Dominion vom Mutterschiff abkoppelt und knapp eine halbe Stunde später in einem komplizierten Manöver auf dem Eismond aufsetzt, am nördlichen Rand des Doh-Kraters, neben zwei unbemannten Landern, die bereits vor einigen Wochen angekommen sind: Transportbehälter mit Material für eine langfristige Forschungsstation, vollautomatisch betrieben. Die ersten Menschen auf dem Jupitermond werden ein Habitat beziehen, ein wenig arbeiten, in erster Linie aber den Menschen auf der über 600 Millionen Kilometer entfernten Erde über ihr Leben und die Forschungsarbeiten auf der Oberfläche und in den Eismeeren darunter berichten. Und vielleicht ein Kind zeugen, das zweite Sternenkind.

Es ist der Traum von Vincent Duval, Amerikas berühmtestem Fernsehprediger, Gründer der United Church of Christ und Besitzer der größten privaten Raumfahrtorganisation. Er ist überzeugt davon, dass es die Bestimmung des Menschen ist, sich auch das Weltall untertan zu machen, neue Welten fruchtbar zu machen und zu besiedeln. So wie seit einem Jahrzehnt der Mars durch Supertreibhausgase zu einer habitablen zweiten Erde umgeformt wird, soll nun auf dem Eismond Callisto ein weiterer Neuanfang starten.

Alles ist minutiös geplant, alles läuft perfekt, hie und da mischen sich Teamleiter in seine Gedanken, geben Statusberichte ab, bitten um eine Entscheidung. Nichts Wichtiges, kleinste Korrekturen, kosmetische Details. Sanders meldet wieder einmal Bedenken an wegen Ellie: psychisch instabil, meinte er schon mehrmals diese Tage. Duval hat die Berichte bekommen. Nicht im kritischen Bereich, nur ein schlechtes Gefühl. Aber was ist ein Gefühl gegenüber ARCHIEs millionenfach abgestützten Analysen? Duval zieht die Übertragung aus der Spirit of God in den Vordergrund. Eben legt Ellie liebevoll die Kleine in ihre Wippe. Müde, unverkennbar müde. »Weiter beobachten«, meint er. Im Moment herrschen andere Prioritäten. 

***

»Weck sie auf, komm schon!«, sagt der dunkelhäutige Mann im roten Astronautenanzug lachend.

Ellie will eigentlich nicht, Estelle schläft endlich. Letztlich weckt sie sie trotzdem, und zuerst weint die Kleine auch ein wenig, klammert sich an die Mutter. Die Astronauten lachen, streichen dem Baby über das Köpfchen, geben sinnlose Laute von sich und ziehen Gesichter.

Irgendwann jedoch beruhigt sich das Baby. Gluckst sogar vor Vergnügen, als der Astronaut es am Bauch kitzelt. Der metallene Ringkragen des Raumanzugs steht so weit vor, dass er das Zweimonatige darauf setzen kann. Er lässt es nach vorne kippen und die Astronautin mit den schwarzen Haaren und dem leicht asiatischen Gesichtsausdruck fängt sie auf. Bei 0,8 g ist das möglich. Alle lachen.

Abwechselnd drücken sie die Kleine über die breiten Krägen des Schutzanzugs an ihre Gesichter, übersäen ihr Gesicht mit Küssen. Immer schön zur Kamera hin. Alles auf dieser Mission wird dokumentiert. 24 Stunden am Tag lassen sich über Internetplattformen alle Bord- und Außenkameras anwählen. Was immer da draußen geschieht, 32 Minuten später sind auf der Erde gestochen scharfe Bilder davon zu sehen.

Scherze und Abschiedsworte, gute Wünsche, Umarmungen, dann begeben sie sich durch die Schleuse zum Landemodul.

Die ersten Menschen, die ihren Fuß auf den Jupitermond Callisto setzen werden.

Ronald King, 31, College-Lehrer und Eishockeyprofi aus Philadelphia.

Catherine Hao, 29, Agrotechnologin aus Madison, Wisconsin.

19.27 Uhr MST. Launch in knapp einer Stunde.   

***

Etwas später, in Ogden bei Salt Lake City, stemmt sich Julia Cole gegen den Besucherstrom im oberen Saal des Millard Country Clubs, um ihre Schäfchen abzufangen und zu dem Tisch vorzustoßen. Es herrscht ein unsägliches Gedränge. Angemeldete Gruppen, Familien, Freizeitvereine, dazwischen Senioren wie sie, teils mit unauffälligen Antigrav-Gehhilfen, aber dennoch hölzern in ihren Bewegungen. Service-Robos manövrieren schwebend Getränkewagen hin und her. Julia hat mit viel Einsatz für die dritte Ogden Sektion der UCC Voluntary Messengers einen Tisch im kleinen Saal erheischen können, nicht selbstverständlich an einem solchen Tag. Seit zwei Jahren kommen sie jeden Donnerstagabend hier zusammen, schauen  sich die Wochenzusammenfassungen der Jupiter-Mission an, diskutieren, debattierten, entwerfen Pläne für die kleine Estelle, analysieren Ellies Mutterrolle, tauschen sich in Online-Foren mit anderen Sektionen aus, planen Ausflüge, verfassen Pamphlete gegen die Kritiker des Projekts, gegen die Anti-Terraforming-Fraktion, handeln und tauschen mit Fan-Artikeln. 

Endlich sind alle zwölf Personen am Tisch versammelt. Die Messengers sind mehrheitlich über siebzig, aber alle straff, braungebrannt, keiner ergraut oder weiß, mit jugendlichen T-Shirts (UCC Space Mission, The Callisto Crew, Jupiter – Our Destiny), die meisten aus einer der umliegenden Seniorensiedlungen in Ogden, Riverdale oder West Haven. Julia klatscht in die Hände und ergreift das Wort, begrüßt die Anwesenden, und kommt dann zur Ankündigung, auf die sie sich die ganze Woche schon gefreut, und die sie nur mit viel Selbstdisziplin für sich behalten hat. Eine Ankündigung, die für sie – und wohl auch für die ganze Sektion – noch mehr Bedeutung hat als die Landung auf Callisto, vor allem jetzt, wo Ellie und Estelle auf der Spirit of God bleiben werden.

Julia erzählt von den regelmäßigen Ausschreibungen für die Leiter der Freiwilligengruppen, an denen sie immer teilnimmt.

Ein Service-Robo schwebt an den Tisch. Für diesen Abend muss im Voraus bestellt werden. Man rechnet mit vollem Haus, später wird kein Durchkommen mehr sein.

Aus dem Saal dringt für einen Augenblick der Lärm eines Verstärkers. Einige Messengers drehen sich um und werfen einen Blick auf die Bilder, die aus der Spirit of God übertragen werden: Während Ronald King und Catherine Hao noch immer souverän ihre Checklisten durchgehen und mit Augenbewegungen durch die Menüs navigieren, sieht man Ellie nur ab und zu im Hintergrund, am Tisch, auf dem die Tasche mit der kleinen Estelle liegt. Sie wirkt müde.

Julia hüstelt und kommt ihrer Ankündigung. Es geht um einen Gewinn: »Eine direkte Kontaktaufnahme mit Ellie!«, triumphiert sie, muss es aber noch zweimal wiederholen, bis es alle verstanden haben. Spontaner Applaus; Fiona Mansfield umarmt die Sektionsleiterin.

»In den UCC-Studios in Wendover«, fährt Julia fort, »nächsten Dienstag. Zehn Minuten Video-Botschaft! Danach Führung durch die Studios und Kontrollräume, und rund zwei Stunden später eine Antwort von Ellie, von dort draußen...« Sie hat Mühe, ihre Begeisterung im Zaum zu halten, »... die ich dann nochmals kurz kommentieren darf!«

»Du kannst direkt mit ihr reden?«, fragt Bart Nolan ungläubig.

Einige kichern. »Bart, die Radiowellen brauchen eine halbe Stunde«, kommentiert Julia.

»32 Minuten«, korrigiert Fiona.

»Wie dem auch sei, ich schlage vor, dass wir gemeinsam Ideen sammeln, was wir unserem Idol sagen wollen.«

***

Im Mannschafts- und Kontrollraum summen unterdessen die Generatoren, Estelle nuckelt an Ellies Brust. Raph, die zu Ellie gehörende Persönlichkeit ARCHIEs, lässt leise asiatischen Entspannungsjazz abspielen. »Ist die Musik in Ordnung, oder möchtest du gern etwas anderes hören?« Solch unbedeutende Alltagskonversation dient dem Bord-System dazu, die Astronauten permanent psychologisch zu analysieren.

Dabei erfasst er Atmung, Stimmmodulation, Augenbewegungen, Körpertemperatur, Puls, vergleicht die Daten mit allen bisherigen, von den ersten Trainingseinheiten bis heute, gleicht sie ab mit Millionen von Daten aus psychologischen Datenbanken, schickt fortlaufend Statusberichte zur Erde, und wählt die optimale Strategie, um über Gesprächsinputs, Programmpunkte und konkrete Aufgaben die psychische Stabilität im tolerablen Bereich zu halten. Die Gefahren auf Langstreckenflügen sind groß: Heimatlosigkeit, Isolation, Sehnsucht nach anderen Menschen, nach Grün, Frischluft, Natur, das Gefühl des Eingeschlossen- und des Ausgeliefertseins, spatiale Agoraphobie, Nihilitäts-Schock angesichts der Unendlichkeit des Weltalls. 

Ellies aktueller Stimmungslage gilt sein besonderes Augenmerk, jetzt, wo sie mit Estelle auf der Spirit of God bleiben muss, weil die geringe Schwerkraft auf Callisto für das Baby gefährlich wäre.

Ellie zieht sich in ihr Wohnmodul zurück, wo sie die Mikrophone ausschalten kann, und setzt sich auf ihre Pritsche, unter die kleinen Pflanzen, die aus ihrer Nährlösung schüchtern die Blüten zum Kunstlicht hin öffnen. Aus den Lautsprechern säuseln Klangglocken, und im Schutz der Privatsphäre führt Ellie ein langes Gespräch mit Raph.

***

»Vince, ich mache mir Sorgen!« Will Sanders, Leiter des Psycho-Teams, drängt sich in Duvals Bewusstsein.   

Sofort zieht dieser die aktuellen Bilder der Spirit of God in den Vordergrund. Eben setzt Ronald die kleine Estelle auf den metallenen Ringkragen seines Raumanzugs, lässt sie nach vorne kippen, Cathy fängt sie wieder auf. Alle lachen. Er zoomt Ellie ran. Sie lächelt müde.

»Ich kümmere mich gleich nach der Landung um sie«, meint er. »Eine längere  Video-Botschaft. Ich denke, sie braucht das. Bis darin ist ja Raph bei ihr.«

Sanders zögert. »Sie könnte etwas Unüberlegtes tun.«

Duval kratzt sich an seinem Stoppelbart. »Sieht ARCHIE konkrete Anzeichen dafür?«

»Er analysiert sie gerade.«

»Und...?«

»Bis jetzt nicht Akutes. Nur Möglichkeiten, statistische Probabilität, wie schon seit Längerem. Es ist mehr ein Gefühl.« Er zögert. »Das Problem ist, dass Raph allein damit vielleicht nicht klar kommt. Natürlich hat er das bestmögliche Set von Interventionstools. Aber wenn es bei ihr zu einer Media-Disequation kommt, kann sie sich auch verweigern, und dann haben wir gar keinen Einfluss mehr.«

»Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit dafür?«

»Minimal. Bei ihr noch nicht aufgetreten. Aber die Möglichkeit besteht immer.« Er wartet einen Augenblick auf Duvals Antwort, fährt dann fort: »Wir haben nie vorgesehen, dass sie allein auf der Spirit of God bleibt.«

Duval nickt und fährt sich erneut über die Stoppeln. »Was schlägst du vor?«

»Die sicherste Strategie wäre, Ron und Cathy zurückzuholen. Sie könnten sich um Ellie kümmern, bis Raph grünes Licht gibt. Bis ein statistisch sicherer Bereich erreicht ist ...«

»Das würde heißen, den Launch abzubrechen.«

Der Psychologe nickt.

»Den Launch abbrechen«, wiederholt Duval leise, öffnet die Augen und blickt eine Weile auf die Lichter der UCC-Stadt.

»Vince, du musst entscheiden. Wenn wir abbrechen, muss der Befehl bald raus, sonst erreicht er sie nicht mehr.«

Duval greift instinktiv an das Kreuz, das er um den Hals trägt.

»Schick mir die letzten Analysen von Raph.«

Einige Sekunden später erscheint das Psychogramm in Duvals Kopf. Er scannt mit halboffenen Augen die Grafiken, aber er weiß selbst, dass er die Entscheidung nicht aufgrund der Analysen fallen wird.

Ein Doppelflügel-Jet schießt über den Nachthimmel.

Mein Gott, sie haben sie aus Tausenden ausgesucht, gerade wegen ihrer psychischen Stabilität. Sie hat den Tod von Neil meisterhaft verkraftet, die Geburt von Estelle hat ihr Auftrieb gegeben. In einigen Stunden werden Ron und Cathy von Callisto aus wieder mit ihr Kontakt aufnehmen, er selbst wird ihr eine Video-Botschaft schicken. Man kann sie etwas aus dem Fokus der Medien nehmen, ihr Ruhe gönnen, ist ohnehin alles auf Callisto fokussiert. Andererseits ... Wenn sie tatsächlich die Kontrolle über Ellie verlieren?

»Wir brechen nicht ab«, bestimmt er schließlich.

***

20.10 Uhr MST, noch zwanzig Minuten bis zum Launch. Sie weiß, was sie tun muss. Sie hat es lange schon gewusst, lange schon entschieden, lange geplant. In all den Monaten hat sie gelernt, sich nichts anmerken zu lassen, auch wenn sie weiß, dass sie ARCHIE nicht zu hundert Prozent täuschen kann. Aber jetzt kommt es ohnehin nicht mehr darauf an, Schluss mit dem Versteckspiel. Wahrscheinlich haben sie auf der Erde schon ein Alarm-Signal erhalten.

Dabei lief anfangs alles glatt. Bis zu Neils Tod irgendwo im Nichts zwischen Erde und Jupiter. Heikle Reparaturarbeiten an der Außenhülle. Sie im dritten Monat schwanger, beim anderen Paar noch nichts, also Ronald nicht unnötig der Strahlung aussetzen, Neil soll raus. Schock. Trauer. Später innerer Rückzug, Ansätze einer Depression, Gefahr eines orbital-spatialen Traumas. Dabei war es vor allem die Erkenntnis, wie nüchtern die UCC solche Entscheidungen trifft. Die Öffentlichkeit wurde ihr von diesem Moment an unerträglich, die vielen Trauerbezeugungen, Sondersendungen, Retrospektiven, die Diskussionen auf den UCC-Foren, all die Leute, die genau wussten, wie sie mit dem Verlust umgehen solle, ihr Tipps gaben, die Analyse ihrer Trauer in TV-Debatten, und je näher die Geburt kam, spürte sie schon die medialen Greifarme an ihrem Unterleib. Dann der erste Blick auf die kleine Estelle, im Bewusstsein, dass nur zweiunddreißig Minuten später Milliarden diesen Blick teilten. Anweisungen von der Bodenstation: mehr Enthusiasmus, Lebensfreude; ARCHIE in der Person von Raph stellt besondere Tagesprogramme für sie auf. Wenigstens hat man ihr gegen Ende der fünften Staffel, in der Vorbereitungsphase der Landung auf Callisto, ein wenig Ruhe vor den Medien gegönnt. Aber sie war schon zu weit. Ronny und Cat waren ihr ebenfalls unerträglich geworden, Masken, Schemen, ebenso Roboter wie ARCHIE mit seinen vier Gesichtern.

Und die Unendlichkeit da draußen verstärkt alles noch. Das Leben hier ist labil, unsinnig. Es gehört nicht hierher, und es ist das Natürlichste, damit aufzuhören. Wie Neil tot an der Außenhülle hing. Alles da draußen ist tot. Wunderschön, majestätisch. Aber tot.

Mit Leben hat das hier oben nichts zu tun.

Leben wäre auf der Erde möglich gewesen. Vielleicht ein Studium der Astrobiologie, Forschungsanstellung an einer Uni, sie hätte Neil auch hier kennen lernen können, er ein junger Astronaut, ab und zu Einsätze auf der Raumstation, vielleicht mal auf der Lunar Base, aber das sind nur 400.000 km, eine Woche oben, höchstens zwei, dann wieder Wochenende, Picknick mit Freunden in den Bergen, Fischen im Sevier River, Ferien bei Paula auf der Farm in Iowa. Das alles hat sie weggegeben, sich selbst, ihr Leben. Und noch schlimmer: das Leben ihres Kindes. Manchmal hat sie gehofft, dass es rechtzeitig spüren würde, was es erwartete, dass es im Mutterleib sterbe, oder bei der Geburt.

***

»Wir haben einen Alarm!«, sagt Sanders, als sich Duvals holografische Abbildung nur Sekunden nach dem Aufruf im Besprechungszimmer drei Stockwerke unter der Kuppel materialisiert.

»Das kann doch nicht sein!«, sagt Duvals flimmerndes Ebenbild bestürzt. »Vor einer Viertelstunde gab es noch keine Hinweise...«

Am Sitzungstisch sitzen Sanders und Bernet, einer von Sanders Team, weitere Controller sind zugeschaltet, ebenso ARCHIE 2, der irdische Zwilling des Bord-Systems, ein rundes, weiches Frauengesicht.

»Hier.« Bernet zeigt auf den Bildschirm. »Die neusten Analysen, von 19.26.« Die Uhr im Kontrollraum zeigt 20.03.

»ARCHIE sieht die Gefahr, dass sie sich etwas antun könnte«, erklärt Sanders. »Möglicherweise auch dem Kind.«

Die Duvalkopie holt tief Luft. »Dann brechen wir ab.« Ellie, mein Gott, das dürfen sie nicht zulassen.

»Zu spät«, unterbricht ihn Bernet. »Abkopplung in 26 Minuten. Das Signal kommt zu spät.«

Duvals Bild fährt sich durch die Stoppeln. Atmet tief durch. »OK, wir gehen systematisch alles durch.« Seine Hände zittern plötzlich.

Bernet spult die Aufzeichnungen aus der Spirit of God vor und zurück. Ellie sitzt auf ihrer Pritsche, unter einer Reihe von kleinen Pflanzen, die in ihrer Nährlösung schüchtern die Blüten zum Kunstlicht hin öffnen. Estelle  liegt  schwer auf Ellies Arm. Aus den Lautsprechern säuseln Klangglocken. Raph versucht, im Rückgriff auf unzählige Daten, einen drohenden Zusammenbruch abzuwenden.

»Kann man nicht irgendwie eingreifen? – Sauerstoff runterfahren, sie betäuben?«, fragt einer der Controller.

»Wir könnten es nicht kontrollieren«, antwortet Sanders, »außerdem bleibt die verdammte Verzögerung.«

»Und das System?«

»Nicht dafür vorgesehen«, meint Bernet trocken.

Sanders versucht zu beruhigen. »ARCHIE verfügt über die besten Notfallprogramme. Er tut sein Bestes, er sucht die optimalen Strategien ... Und vielleicht ist ja auch nichts.«

Eine Weile schweigen alle. ARCHIE 2 gibt seine Strategie bekannt: So schnell wie möglich Ablösung von Raph durch menschliche Kontakte. Videobotschaften von der Erde. Duval in erster Linie, dann, wenn möglich, Ellies Schwester als nächste Bezugsperson.

Die Operator suchen. »Blainsburg, Iowa. Wir versuchen, sie zu erreichen.«

»Bringt sie ins nächste Studio«, sagt das Duval-Hologramm. »Egal wie. Ich geh runter ins 2. Alles vorbereiten. Dann strahlt sofort die Schwester aus ... Das alles muss in der nächsten halben Stunde geschehen.«

Als Duvals Repräsentation verschwunden ist, herrscht einen Moment ratlose Stille.

»Wir haben die Leute doch rundum gecheckt«, meint Bernet kopfschüttelnd.

»Man kann Menschen nicht rundum abchecken«, sagt Sanders.

»Und die anderen sitzen in der Landefähre, beim Check der Systeme, nur wenige Meter entfernt. Die müssten doch ...«

»Ja«, schaltet sich einer der Operator ein, »das verdammte Bord-System müsste doch die beiden informieren, dann wären sie in drei Minuten bei ihr.«

»Der Launch hat Priorität«, erklärt Sanders. »Der Befehl zum Abbruch muss von unten kommen. ARCHIE ist nur eine Maschine!«

»Verdammt, er kann den ganzen Flug und die ganze gottverdammte Forschung auf Callisto autonom durchführen«, sagt Bernet, »aber nicht einmal ...«

»Nein«, unterbricht ihn Sanders gereizt.

Nach einer Weile meldet sich ein Operator. Ein Highspeed-Hybrocopter ist unterwegs, die Schwester informiert. In der Megakirche von Des Moines wird alles für die Aufnahme vorbereitet.

***

Duval rennt mittlerweile durch die Gänge zum Studio 2. Die Bilder von Neil Santorini kommen wieder hoch, wie er im klobigen Raumanzug leblos an der Außenhülle hängt und niemand glauben will, dass er einfach tot ist. Von einem Mikrometeoriten durchbohrt.

***

»Glaubst du, dass Estelle je ein normales Leben führen wird?«

Raph lässt einige Sekunden verstreichen. »Was verstehst du unter einem normalen Leben?«, fragt er dann.

»Ich stelle mir vor, wie wir auf unserem Hof in Iowa leben, sie sitzt auf der Schaukel hinter dem Haus, spielt mit ihrem Cousin Bobby, es riecht nach ... nach Getreide, nach der Farm.« Sie blickt an die Wand ihres Wohnmoduls. Neben Familienfotos hängt das Bild eines weißen Farmhauses vor einer großen Siloanlage, dahinter weite goldene Felder. »Wird sie so etwas je erleben?«

Das System kombiniert die Frage mit dem Bild. »Die Möglichkeit besteht. Ist es das, was dich besorgt? Estelles Zukunft? Wir haben Gelegenheit, daran zu arbeiten.«

Ellie schweigt lange. »Ich habe noch nie ganz vertraulich mit dir geredet.«

»Dafür bin ich aber doch da.«

»Aber ich kann dir nichts sagen, was du für dich behältst.«

»Das ist nicht vorgesehen. Was versprichst du dir davon?«

Sie beißt sich auf die Lippen. »Wenn ich es nur dir sage, behältst du es für dich?«

»Deine Sicherheit und psychische Stabilität hat höchste Priorität. Wenn es dem dient, behalte ich es für mich.«

»Hat meine Sicherheit auch Vorrang vor dem Gebot, nicht zu lügen?«

»Warum hast du Angst, ich lüge?«

»Hast du ein Alarm-Signal zur Erde gesendet?«

»Denkst du, es gibt Anlass dazu?«

Sie schweigt.

»Du weißt, dass ich laufend Analysen an ARCHIE 2 schicke.«

Ellie blickt auf die Uhr. »Ich will aussteigen«, sagt sie dann ganz ruhig.

»Was verstehst du unter Aussteigen?«, fragt Raph ebenso ruhig.

Ellie blickt an die Wand mit den Fotos.

»Ich erkenne, dass du sehr aufgeregt bist«, fährt Raph fort. »Erkläre mir, was in dir vorgeht. Ich höre zu.«

Die junge Frau blickt lange auf das virtuelle Gesicht, das sich im Lauf der letzten Minuten leicht verändert hat. »Du hast Mike zugemischt ...«, bemerkt sie. Neils ARCHIE-Persönlichkeit. Auch einige Facetten von Mikes Stimme.

ARCHIE analysiert ihre Mimik. »Wenn es dich stört, kann ich es rückgängig machen.«

»Nein, lass nur. Ich will alles sagen, alles loswerden, den ganzen Wahnsinn ... Aber ich möchte wenigstens jetzt kein Millionenpublikum. Ich will es bloß loswerden.«

»Sag es mir

»Ich habe mir die letzten Wochen ständig überlegt, welche Botschaft ich zur Erde senden will, an Paula, Bobby, an meine Familie, an all die Menschen, die nicht erkennen, was hier läuft.«

Sie blickt abwesend in das holografische Gesicht, das wieder ganz Raph ist, steht dann auf und klettert mit Estelle in die innere Etage hoch, in den Mannschafts- und Kontrollraum.

»Sprich mit mir, Ellie«, sagt Raph dort. »Wir können über alles reden.«

Ellie schweigt, drückt ihre Wange auf das Gesicht des schlafenden Babys. Erst eine halbe Stunde ist vergangen, seit Ronny und Cat los sind.

***

Ziggy Boykov hatte an diesem Abend vorwiegend Stammgäste erwartet, hatte gehofft, dass einige vielleicht sogar in hautengen Space-Outfits auftauchten, das wäre geil gewesen. Stattdessen zwängen sich seit einer Stunde die unterschiedlichsten Leute in seine Bar hinein, das geschmackvolle Interieur, die roten Vollschaum-Polstersofas und Chromstahl-Barhocker sieht man schon gar nicht mehr im Gedränge. Leute, die sich gewöhnlich nie in eine Bar wie Ziggy's verirren: eine Horde altmodischer Metal Heads in Motorradmonturen, eine Gruppe Chinesen, einige Banker oder Manager, alte Studenten oder Künstler, aufgetakelte Verkäuferinnen aus den umliegenden Warenhäusern, Familienväter. Gewöhnliche Leute eben, Heteros mehrheitlich, wie das junge Paar am Tresen. Die Luft ist trotz Klimaanlage  stickig, es riecht nach Bier. Das kann Ziggy gar nicht ausstehen. Er hatte auch nicht vor, seine Glam-Metal-Videos zugunsten dieses kirchlichen Raumfahrtprogramms abzustellen. Wie zwei Menschen auf einem Eisplaneten irgendwo im Nichts landen, zum Lob Gottes, Hallelujah! Aber gut, wenn alle das sehen wollen, stellt er halt um. Bis jetzt ist die Live-Sendung allerdings mehr als langweilig: Zwei Astronauten hocken im engen Cockpit einer Landefähre, gehen Checklisten durch, reden mit einem Computer. Dabei wäre dieser Ronald King eigentlich ein hübsches Stück Mann. Wenn er nur nicht mit dieser Tusse im All herumvögeln würde.

Alle reden vom bevorstehenden Landemanöver, von ihren Helden, zukünftigen Kolonien im All und dem ganzen Science Fiction-Müll.  

»Irgendwie verliert doch die eigene Erde an Wert, wenn man mir nichts, dir nichts eine neue erschaffen kann«, sagt die junge Frau am Tresen zu ihrem Freund.

Der schaut sie nur mitleidig von der Seite an. »Stell dir mal die Möglichkeiten vor!«

Möglichkeiten, denkt Ziggy, auf einem kalten, lebensfeindlichen Eisplaneten! Keiner von den Typen hier würde freiwillig eine Woche in einem Forschungscamp in der Antarktis verbringen, aber auf dem Mars oder auf dem Jupiter sofort. Er schüttelt den Kopf und schenkt weiter aus.

***

Die Seed of Dominion, der kugelförmige Lander mit den beiden Astronauten, wird noch von zwei hydraulisch-magnetischen Armen festgehalten, über eine Nabelschnur von Schläuchen und Kabeln mit der intelligenten Infrastruktur des Mutterschiffs verbunden. Exakt um 20.30 Uhr MST lösen die Arme ihren Griff und stoßen die Titankugel mit Magnetkraft von sich weg, die Nabelschnur spannt sich, bis sie sich löst, und die Kugel sich lautlos vom Raumschiff entfernt. 

***

Ellie bewegt sich durch den Tunnel zum Rettungsmodul. Sie hält die kleine Estelle fest an sich gedrückt. In der geöffneten Schleuse wendet sie sich noch einmal zu einer der Bordkameras, als wollte sie etwas sagen. Aber es bleibt bei einem langen Blick, einem Blick, der tiefe Traurigkeit, aber auch Entschlossenheit, Stolz, vielleicht sogar Triumph ausdrückt.  

***

Duval unterbricht die Aufnahme, stützt den Kopf in die Hände, blickt in die Bildschirme, auf denen ihn weitere Duvals müde anschauen, die Köpfe in die Hände gestützt. Es wirkt nicht, ist hölzern, unecht, unehrlich, auch wenn ARCHIE 2 die Rede ganz nach Duvals Mustern aufgebaut hat. Vielleicht hätte er doch etwas Persönliches, Eigenes sagen sollen, auch wenn es unzusammenhängend, stockend gewesen wäre. Auf der anderen Seite weiß ARCHIE 2 viel besser, wie man mit jemandem reden muss, der Gefahr läuft sich etwas anzutun. Zum ersten Mal wird ihm bewusst, wie schlecht er diese Frau eigentlich kennt, die er 600  Millionen Kilometer weit weg in den Weltraum geschickt hat.

Gedankenverloren spult er die Aufzeichnungen von der Spirit of God vor und zurück:

»Warum hast du Angst, ich lüge?«

»Hast du ein Alarm-Signal zur Erde gesendet?«

»Denkst du, es gibt Anlass dazu?«

Duval stellt ab, konzentriert sich auf seinen Gesichtsausdruck, und auf allen Bildschirmen spannen Duvals ihre Gesichtsmuskeln, ziehen ihre Augenbrauen hoch, fahren sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Dann liest er weiter, so gut es geht. Wie so viele Male, früher als TV-Prediger, später als Leiter der UCC, an Vorträgen und im Studio. Es ist sein Glaube, seine Vision, aber alles klingt abgedroschen, unecht, falsch. Ellie muss merken, dass er selber nicht an seine Worte glaubt.

Nach einigen Minuten beendet er die Botschaft mit einem warmen Appell an seine Ellie, die Sternenmutter, mit einem langen Blick aus müden Augen. In wenigen Minuten wird sie geschnitten und gesendet sein, in einer halben Stunde die 600 Millionen Kilometer zum Jupitersystem überwunden haben. Doch wer weiß, was bis dahin oben passiert ist? Wer weiß, was in diesem Moment schon passiert ist?

»Ich erkenne, dass du sehr aufgeregt bist. Erkläre mir, was in dir vorgeht. Ich höre zu.«

Ellie blickt lange auf das holografische Gesicht, das sich im Lauf der letzten Minuten leicht verändert hat. »Du hast Mike zugemischt ...«, bemerkt sie. Auch ARCHIE hat sie durchschaut. 

Als Duval ins Sitzungszimmer kommt, diskutieren Sanders, Bernet und die anderen ARCHIEs neuste Analysen. Sie blicken sehr ernst. Es geht um einen Satz von Ellie, der eben reingekommen ist. »Ich will aussteigen.«

***

Kurz nach dem Launch des Landers registriert ARCHIE eine defekte Leitung bei den Rettungsmodulen, kurz darauf die manuelle Auslösung des Abstoßungsprozesses. Er verknüpft diese Information mit der noch unvollständigen psychologischen Analyse von Ellie, der letzten Erfassung von ihr und dem Baby an der Schleuse, und meldet alles zur Erde. Während das Bord-System Erklärungsversuche erarbeitet, behält es Kurs und Entwicklungsoptionen für die kleine schmetterlingsförmige Rettungskapsel im Auge, registriert eine Fehlschaltung bei der Lebenserhaltung, eine zunehmende Überkonzentration von CO2 in der Atemluft, ermittelt eine Beeinträchtigung des Urteilsvermögens in wenigen Minuten, Bewusstlosigkeit in rund zwölf Minuten, bei Estelle in acht, Aussetzen der Lebensfunktionen in sechzehn beziehungsweise dreizehn Minuten. Schickt sofort ein Warnsignal an die sich entfernende Kapsel. Kein Zugriff auf Kommunikation und Steuerung. Die Kameras verfolgen den kleinen Punkt, bis er unter Pixelgröße rutscht und schließlich in die Silhouette von Callisto eingeht. ARCHIE berechnet den voraussichtlichen Einschlagpunkt, nordwestlich des Bran-Kraters, rund 45 km von der Landungsstelle der Seed of Dominion.

***

Das Landemodul hängt noch immer zwischen seinen zwei Armen am Mutterschiff. Im Saal herrscht fröhliches Plaudern, die freiwilligen UCC Messengers diskutieren eifrig über ihre Empfehlungen für Ellie.

»Irgendetwas Sinnvolles, Praktisches muss es schon sein«, gibt Julia Cole zu bedenken. »Überlegt euch mal, dass sie sich mit niemandem austauschen kann da oben ...«

»Aufbauende Worte, Durchhalteparolen«, meint Fiona Mansfield. »Praktische Tipps bekommt sie doch genügend. Etwas, das Mut macht. Dass die Erde sich auf sie freut oder so was...«

Julia nickt und blättert mit dem Pen auf ihrem Pad herum. »Ich glaube, das haben wir ... hier ... ja, hier ist es.«

Sie blickt in die Runde. »Weitere Vorschläge?«

***

In ihrer Kugelform schießt die Seed of Dominion, von kleinen Steuerdüsen auf Kurs gehalten, derweil über die zerfurchte Oberfläche des Jupitermondes, auf einer Höhe von zehn Kilometern, langsam sinkend, über Eisfelder, Bergringe voller Kratereinschläge, Täler, Kämme, Abbruchkanten, Säulen aus Eis und Staub.

***

Paula Shaw steht zuvorderst bei der Antigrav-Kanzel der Megakirche von Des Moines, zusammen mit einigen UCC-Leuten, Technikern und einem Priesterkandidaten, dem einzigen, der gerade vor Ort war. Vor wenigen Minuten ist der Hybrocopter auf dem Parkplatz hinter der riesigen Glaskirche gelandet, nur vierzehn Minuten nach dem Start von der Farm in Blainsburg. Auf dem Highspeed-Flug über die Weizenmeere kurzes Briefing, Video-Einspielungen von Ellie in diesem kalten Raumschiff, kaum Zeit für Schock und Verzweiflung, aber auch nicht, um sich auf die Botschaft vorzubereiten, Strategien zu entwickeln. »Machen Sie es einfach spontan, nicht zu viel überlegen«, so der Mann der UCC trocken, als wäre es das Einfachste der Welt.

Die Aufnahme wird auf der Kanzel gemacht, hier ist die ganze Technik schon installiert, die Kameras voreingestellt, Close-up auf den Prediger. »Denken Sie gar nicht daran, wo Sie stehen«, hat einer der Techniker gesagt, »denken Sie nur an Ellie.« Aber das ist schwierig, auf zehn Meter Höhe, scheinbar schwebend unter dieser monumentalen Glaskuppel, vor dreißigtausend leeren Sitzplätzen. Auf dem Minibildschirm, auf dem gewöhnlich der Text für den Gottesdienst eingeblendet wird, sieht sie, wie sich eine silberne Kugel von einem Raumschiff löst, ins All davonzieht, immer kleiner wird, bald nur noch ein silberner Ball, dann eine Murmel, eine Erbse, ein Pünktchen vor der silbergrauen Sichel eines lebensfeindlichen Planeten. »Der Lander«, beruhigt sie der Techniker von unten, »die Bilder sind vor zehn Minuten reingekommen.«

Jeder Laut scheint Tonnen zu wiegen in diesem überdimensionierten Glashaus. Oder sich sofort in der Schwerelosigkeit zu verflüchtigen.

Was sagen? – Brich diesen Scheiß ab und komm zurück, heute noch, sollte sie ihr sagen, lass dich in die Arme nehmen, komm für ein paar Wochen zu uns nach Iowa, Fred kocht dir sein Porridge, das magst du doch so, wir trinken Kaffee auf der Veranda, und Bobby wird dir auf dem Schoß herumhüpfen und mit der kleinen Estelle spielen – wie er sich freuen wird! Aber das ist ein Witz, wenn allein die Rückreise über ein Jahr dauert. 

Die Aufnahme läuft. Paula redet auf Ellie ein, die so unendlich weit weg ist, Tränen strömen über ihre Wangen, und in ihrem Inneren weiß sie ganz genau, dass sie ihre kleine Schwester nicht erreichen kann. Die Distanz ist zu groß, die ganze Sache zu unwirklich. Unwirklich diese schreckliche Glaskirche, unwirklich das Weltall, die kleine Ellie in einem Raumschiff im Jupiter-System. Absurd.

Sie müsste sie vor sich haben, face to face mit ihr reden können, sie in die Arme nehmen, nicht mit dreißigminütiger Verzögerung Videobotschaften ins All schicken. Es ist hoffnungslos, Ellie ist verloren. Dort draußen im Nichts.

Die UCC-Leute in ihren dunklen Anzügen stehen betreten unter der Kanzel.

***

Auf einer Höhe von etwas über 4.000 Metern faltet sich die Kugel nach dem Vorbild von Isopoden zu einer flexiblen Konstruktion von sieben Gliedern mit je einem Beinpaar, Steuer- und Landedüsen auseinander. Die neue Form bremst die Seed of Dominion auf eine vertikale Fallgeschwindigkeit von 200 km/h ab. Laserstrahlen von den zwei Landern am Boden weisen sie zum Zielort ein. Auf einer Höhe von fünfhundert Metern werden seitwärts gerichtete Landedüsen gezündet, was die Geschwindigkeit auf 50 km/h abbremst. Laser von der Mondoberfläche erfassen die Landefähre. Zwei enorme Fallschirme öffnen sich auf dreihundert Metern Höhe, der Schub der Landedüsen wird weiter erhöht, und einige Sekunden später setzt die Seed of Dominion elegant in einer Wolke aus Wasserdampf auf dem Eismond Callisto auf, exakt an der vorgegebenen Stelle am nördlichen Rand des Doh-Kraters, zweihundert Meter von den Landern entfernt, zu denen sie sich in den nächsten Stunden auf ihren vierzehn Beinen hinbewegen wird. Es herrscht -108 Grad Celsius.

***

Das Hetero-Pärchen am Tresen hat sich noch eine ganze Weile über Sinn und Unsinn der Kolonisierung fremder Welten gestritten, auch als man schon fast das eigene Wort nicht mehr verstand. Dann kam der Launch des Landers, und alle starrten gebannt auf den Bildschirm, wo sich die Silberkugel vom Mutterschiff löste und ins All verschwand. Nichts Weltbewegendes, hat sich Ziggy gesagt und weiter Biergläser in die Spüle geleert. Doch dann der Flug, aufgenommen mit der Außenkamera! Die Bar scheint selbst zur Raumfähre geworden zu sein, zu einer Raumfähre mit Panoramascheibe, fliegt über apokalyptische Kratergebirge, Eiswüsten mit seltsamen weißlichen Säulen ... Voll der psychedelische Trip, und das ganz ohne Drogen! So was muss er sich öfters in die Bar holen, die Stammkunden von Ziggy's fänden das sicher voll scharf.

Zu seinem Ärger holt ihn der Junge am Tresen aus seinen Tagträumen, will noch ein Bier.

Das Mädchen surft in ihrem Gerät rum. »Sieh mal ... Ellie ... dieser Blick ...«

Der Typ schaut nur kurz auf das Display, zuckt mit den Schultern.

***

Eine Mutter und ihr Kind liegen in einem schmetterlingsförmigen Rettungsschiff. Die Stickstoffkonzentration hat sie in einen Zustand höchsten Glücks und danach in sanften Schlummer gewiegt. Die Bildschirme sind abgestellt, die Signale von der Erde, ein verzweifelter Vincent Duval, der über die Mission und den Wert des Lebens spricht, wandern weiter in die Leere des Weltalls. Der geflügelte Titansarg rast bereits durch die superdünne Atmosphäre von Callisto.

***

»Tom, Ellie ist nicht mehr da!« Die Kleine rüttelt am Arm ihres Freundes. Ziggy wird aufmerksam. Von verschiedenen Seiten hört er etwas von einem Rettungsboot, eine der Astronautinnen soll das Schiff verlassen haben.

Die psychedelischen Bilder vom Landeanflug auf Callisto werden nun unterbrochen von Einstellungen der Bodenkameras, von Bildern der beiden Astronauten im Lander. Dan McConnor, die Nummer eins unter Amerikas Nachrichtensprechern, kommentiert das Ganze zusammen mit einem Raumfahrtexperten der UCC.

Auch an den Tischen wird getuschelt, das Gerücht macht die Runde in der Bar. Ziggy hat ein ungutes Gefühl. Ein Wahnsinn ist das ohnehin, Menschen dort rauf zu schicken.

»Kannst du mal umstellen?«, fragt einer von den Bankern und macht sich gleich selbst daran, mit Handzeichen vor dem Sensor zu fuchteln, wählt die verschiedenen Kameraeinstellungen auf der Spirit of God an. Am Studententisch steht man auf, um besser sehen zu können. Im äußersten Deck der Garten mit den Pflanzenkulturen,  die Waschräume, der Fitness-Bereich, im Mitteldeck die Wohnmodule, Ellies leere Koje, Pflanzen, die sich dem Kunstlicht entgegenstrecken, Fotos von Familienmitgliedern und einem Farmhaus, dann Küche und Gemeinschaftsraum, schließlich im innersten Deck Kommando- und Kommunikationsraum, die Schleuse zum Lander und zu den Rettungsmodulen. Alles leer.

»Meinst du, Ellie hat tatsächlich das Schiff verlassen?«, hört Ziggy die junge Frau.

»Stell um, jetzt kommt gleich die Landung«, schreit einer von den Metals, ein Typ mit Tätowierungen auf mächtigen Oberarmen. Auch der Chinesentisch schimpft laut. Ziggy analysiert die Lage und stellt um.

***

Seit einigen Minuten sitzt Paula Shaw in der vordersten Bankreihe und starrt zur abgesenkten Kanzel, zur gigantischen Glaskuppel, hinter der sich ein wolkenloser Himmel zeigt. Die UCC-Leute  lassen sie in Ruhe. Eben hat sie vom Rettungsboot gehört, von ARCHIEs Berechnungen. »Das heißt nichts, sie kann den Kurs noch ändern, im Grunde sogar zurückfliegen, solche Manöver sind programmiert.« Der ältere Priester, der mittlerweile eingetroffen ist und sich um sie kümmert, zappt durch die Kamera-Einstellungen auf dem Schiff, als wolle er beweisen, dass Ellie doch irgendwo zu finden sei. Aber sie ist nicht mehr da. Sie hat das Schiff verlassen, sie wird nicht zurückkehren, keine Möglichkeit sie abzuhalten. Mit Entsetzen wird Paula bewusst, dass dort draußen alles dreißig Minuten früher passiert ist, dass Ellie möglicherweise bereits tot ist, ohne dass es irgendjemand hier unten weiß. Die nächste Viertelstunde bleibt sie sitzen und starrt ins Leere, während die UCC-Leute tuscheln und telefonieren. Man befürchtet, dass bald die Medien auftauchen.

***

Das Rettungsmodul, glänzend im Sonnenlicht, die Flügel weit ausgestreckt, als wolle es den grauen Jupitermond umarmen, bohrt sich nordwestlich des Bran-Kraters, rund 45 km von der Landungsstelle der Seed of Dominion, in die von Meteoriten zerbombte Oberfläche. Eine Wolke aus Eisbrocken stiebt in den Himmel und fällt dann lautlos, wie Schnee in einer Glaskugel, auf den Boden zurück.

Kein Mensch nimmt Kenntnis davon.

***

Im Saal des Millard Country Clubs ist es seit dem Beginn der Landesequenz immer ruhiger geworden. Alle hängen gebannt an den Großbildschirmen, auf denen aus unterschiedlichen Perspektiven die Landung mit 32minütiger Verzögerung eingespielt wird. Noch immer saust die Seed of Dominion über die Oberfläche, schon so tief, dass man die Bergketten, Schattentäler und Kraterränder deutlich erkennen kann. Zwischendurch die beiden Astronauten, durchgeschüttelt in ihren Gurten, dann wieder der Blick von unten, von den zwei bereits vorgeschickten Landern, in den schwarzen Himmel, an dessen rechtem Rand sich mächtig die Scheibe des Jupiters abhebt.

»Jetzt, jetzt kommt sie!«, ruft McConnor plötzlich. Tatsächlich sieht man aus dem leicht diesigen Himmel ein Pünktchen näherkommen, gleich darauf erkennt man von oben die zwei Lander, auch in der Vergrößerung nur Pünktchen auf dem grau gemusterten Boden. Tuscheln, vereinzelte Zwischenrufe: Schaut euch das an! Wahnsinn! Unglaublich!

Julia Cole ist beunruhigt. Eben hat sie im großen Saal, nachdem sie auf der Toilette ihr Lifting gestrafft hat, etwas aufgeschnappt, an einem der Tische mit Geschäftsleuten. Ellie sei verschwunden, glaubt sie gehört zu haben, und einige Männer mit Holo-Brillen waren dabei, durch die Kameras der Spirit of God zu surfen. Ellie verschwunden? Sie will nachfragen, aber gerade da geht der Lander in den Senkrechtflug über, alles verstummt und dreht den Kopf zur Leinwand, von wo man senkrecht einige hundert Meter nach unten sieht, auf den eisigen, furchigen Boden. Die Landestelle ist mit einem gelben Kringel markiert.

4.500 Meter.

»Das ist sicher nichts«, flüstert Fiona am Messengers-Tisch, aber Julia Cole bleibt beunruhigt und holt jetzt auch ihre Brille, lädt die Kameras der Spirit of God auf ihr Blickfeld. Kommandoräume leer, im Wohnbereich niemand, Waschräume, Garten, Fitness leer. »Das kann nicht sein«, murmelt sie, und blendet die Einstellungen wieder aus.

»Vielleicht duscht sie oder sitzt auf der Toilette«, meint Fiona.

Julia Cole murmelt ein Gebet, während sich der Lander unter lauten „Ahs“ und „Ohs“ aus seiner Kugelform schält, und Beine und Fühler ausstreckt.

»Fantastisch!«, hört man McConnors sonore Stimme.

Wie eine Kellerassel, findet Julia.

***

Ziggys vollgestopftes 80er-Jahre-Raumschiff saust mit 200 km/h geradewegs auf den silbergrauen Himmelskörper zu. Bei jedem Ruck schwankt das ganze Publikum, mal auf die eine, mal auf die andere Seite. Wenn mir nur keiner kotzt, denkt Ziggy, nicht nur die Metals haben ordentlich gebechert. Es herrscht gespannte Stille, sogar Begeisterungsrufe werden geflüstert, kaum hörbar auch das nervöse Tuscheln derjenigen, welche die Übertragung auf ihre Brillen projiziert haben und zwischendurch die Spirit of God nach Ellie abscannen, Social Networks nach News-Sites durchsuchen. Bloß Fragen von anderen Beunruhigten auf der ganzen Welt, aber keine Nachricht von der UCC. Klar, die unterbrechen nicht einfach den wichtigsten Moment des ganzen Projekts für klärende Informationen zum Verbleib von Ellie, aber auch auf der UCC-Website, auf den vielen UCC-Foren nur beunruhigte Fans. Fragen: Wo ist Ellie? Was ist mit dem Rettungsboot? Warum sagen die nichts?

Die Landung dauert weniger als eine Minute.

3000 Meter.

2000 Meter.

1000 Meter.

Kurzer Wechsel auf die Bodenkamera, einige Gäste verlieren das Gleichgewicht, ein Chinese fällt vom Stuhl.

Zündung der Landedüsen. Gleißende Feuerstrahlen aus der Landefähre. Gleich darauf öffnen sich enorme Fallschirme. 

Der Boden kommt noch immer recht schnell näher, dann verschwindet alles in einer Dampfwolke.

Nach einigen Sekunden meldet sich Ronald King, Commander des Landers: »Touchdown. Die Seed of Dominion ist unten.«

Einige Sekunden herrscht Schweigen. Dann bricht der Lärm los, Jubelschreie bei den Chinesen, an anderen Tischen lautes Klatschen, die Hells Angels fallen sich um den Hals.

»Sie ist wirklich weg, Tom.« Die Kleine klingt echt verzweifelt. »Aber das kann doch gar nicht sein. Die wird doch von Millionen von Leuten beobachtet.«

Sie schmiegt sich an ihn, er hält sie fest.

McConnors Begeisterungsrufe gehen im allgemeinen Lärm unter.

***

Vor der Megakirche von Des Moines fährt ein Krankenwagen vor. Eine Frau, Anfang dreißig, wird für einen Psycho-Reboot ins Mercy Medical Center gebracht.

***

46 Minuten seit der Landung auf Callisto. Seit 14 Minuten treffen die Bilder auf der Erde ein.

Duval sitzt bewegungslos am Tisch in seinem Büro, seine holografische Kopie im Büro der Projektleitung. Beide starren vor sich auf die Tischplatte, ballen zwischendurch Fäuste, man weiß nicht ob im Gebet, in Paralyse, Schock.

Auf unzähligen Bildschirmen laufen die Life-Sendungen, die zeitgleich in den UCC-Studios eingespielt und zusammengeschnitten werden, auf die verschiedenen Zielgruppen und ihre Interessen zugeschnitten, die einen mehr technischer Natur, die anderen religiös geprägt, Rückblicke auf die Geschichte der Mission, Kommentare von der Mars-Crew, Glückwünsche von Prominenten, und immer wieder die Bilder der präzisen Landung. Alles läuft, wie es die Programmplanungs-Softwares vorgesehen haben.

»Erste Sender bringen Hinweise auf Unstimmigkeit«, bemerkt der Regieassistent trocken, der als einziger physisch im Raum sitzt, »und auf allen Foren ist Ellie der meist gewählte Suchbegriff. Wir müssen ...«

Duvals Bild hebt die Hand, der Assistent schweigt.

Die Sache liegt zentnerschwer in der Luft.

Dann löst sich der holografische Duval aus seiner Erstarrung. »Ich werde eine Sondersendung aufnehmen. Sagen, was passiert ist ...«

»Es ist noch nichts bestätigt«, gibt Sanders Hologramm zu bedenken.

Der UCC-Chef blickt ihn traurig an. »Wir wissen doch alle, dass ...« Mitten im Satz beendet er die Übertragung.

***

Im Millard Country Club verstummen die Gespräche schlagartig, als die Moderatorin eine Durchsage von Vincent Duval auf allen UCC-Kanälen ankündigt, und gleich darauf auf sämtlichen Bildschirmen, auf allen privaten Geräten und auf allen Holo-Brillen der Kopf des UCC-Apostels erscheint. Abgesehen vom Summen der Service-Robos ist es ganz still.

Julia hält den Atem an, sie weiß, was kommt. Sie will es aber nicht wahrhaben. Es darf ganz einfach nicht sein. Sie hat doch das Gespräch mit Ellie gewonnen, nächsten Dienstag wird sie ihr die Botschaft der Messengers übermitteln, und Ellie wird antworten! Es darf einfach nicht sein. Den Leiter der UCC nimmt sie am Ende eines langen sich drehenden Tunnels wahr. Sie atmet nicht. Nimmt nur voller Entsetzen die Nachricht auf. Wort für Wort.

Dann wird ihr plötzlich bewusst, dass sie von einem Weinkrampf geschüttelt wird, und Fiona Mansfield sie festhält. Auch an anderen Tischen weinen Menschen, alle sind bleich, starren auf Duval, der in ungeschickten Worten vom Verlust, vom Schock, von Gottes Wegen spricht. Als sie wieder einigermaßen zu sich kommt – noch wirbelt der Country Club mit seinen Gäste wild um Duvals Kopf herum – nimmt Julia ein seltsames Gefühl in sich wahr, das sie anfänglich nicht deuten kann. Bis sie merkt, was es ist: Hass, abgrundtiefer Hass auf diesen Mann, der an allem schuld ist.

»Als wollte er Gott selber sein«, hört sie zu ihrer Überraschung jetzt auch Fiona Mansfield flüstern.

Als Duval das Publikum zu einem kurzen Gebet für die Schwester aufruft, beißt sie sich angewidert auf die Lippen.

***

Der Lander steht stabil auf seinen vierzehn Füßen, in einem Kreis aus verbranntem Treibstoff, ein wenig eingesunken im Eis. Ronald King und Catherine Hao haben die ersten Statusberichte zur Erde geschickt, sind die Checklisten durchgegangen und haben das Prozedere für die Verschiebung zu den Landemodulen eingeleitet. Nur von der Spirit of God kommt kein Signal. ARCHIE antwortet ausweichend. Die Schreckensnachricht wird erst in 22 Minuten von der Erde eintreffen.

***

Dort trifft in diesem Moment dafür die Bestätigung ein, dass das Rettungsboot auf der Oberfläche von Callisto zerschellt ist, nordwestlich des Bran-Kraters, rund 45 km von der Landestelle der Seed of Dominion. Auf den Bildern von den Teleskopen der Spirit of God ist der Einschlag allerdings in der zerfurchten Kraterlandschaft nicht auszumachen.

***

In den folgenden Stunden laufen auf allen Sendern, auf CNN, NBC, Fox News, den staatlichen und privaten Kanälen Sondersendungen. Zwischen den Bildern der Landung immer wieder Ellie mit dem Baby in der Schleuse, der letzte Blick, kurz vor dem Abstoßen des Rettungsmoduls. Die Produzenten der Jupiter-Mission werden einige Monate später für dieses Bild von der Jury des World Press Photo Contests den dritten Preis erhalten (hinter einer Aufnahme von Kindersoldaten, die irgendwo in Zentralafrika auf einem Haufen verkohlter Leichen posieren, und dem Porträt eines Wilderers aus Papua-Neuguinea mit dem letzten bekannte Exemplar des Barton-Langschnabeligels). Von der Callisto-Crew, die mittlerweile auch über die schrecklichen Tatsachen informiert worden ist, kommen kleinlaute Kommentare. Die Bildschirme im Hintergrund der Seed of Dominion zeigen mit 32-minütiger Verzögerung die Sondersendungen von der Erde.

 ***

Duval verbringt eine schwierige Nacht im Revival-Buildung im Herzen der UCC-Produktionsstätten, teils in seiner Kuppel, teils in seinem privaten Büro darunter. Man nimmt an mit Gebeten, in Zwiesprache mit seinem Gott, vielleicht im Zank mit ihm. Später wird man auch Alkohol und Beruhigungsmittel finden.

***

In den frühen Morgenstunden ziehen die ersten Autokolonnen über den Lincoln Highway von Salt Lake City Richtung Wendover. Stündlich werden es mehr: Stadtwagen, Pickups, Kleinbusse, Hover, Hunderte von Motorrädern und Antigrav-Bikes. Dasselbe von Westen her, von Nevada. Einzelne sind schon Stunden unterwegs, aus Winnemucca, aus Battle Mountain, Elko, Wells, kurz nach der Schreckensnachricht ins Auto gestiegen. Es sind Fan-Gruppen, Senioren, sogar UCC-Messengers, über Twitter und andere Netzwerke mobilisiert. Dazu kommen Terraforming-Kritiker, Menschenrechts-Organisationen und Jünger der Gaia. Eine Phalanx von Fahrzeugen, die auf den Straßen und über die Salzwüste zum UCC-Hauptquartier ziehen. Die Sicherheitskräfte sperren die Produktionsstadt ab. Die Massen strömen vor die Tore. Ruhig, ohne Sprechchöre. Die Verantwortlichen erwägen, die Tore zu öffnen, um einem gewaltsamen Sturm vorzukommen.

***

Kurz vor sieben scheucht Duvals Sicherheitschef den UCC-Gründer in seinem Büro auf. Ein Hybrocopter steht bereit und wird ihn mit seinem Mitarbeiterstab an einen sichereren Standort bringen. Die Flucht nimmt allerdings ein jähes Ende, als ein Lastenhover auf dem Platz vor dem Heliport auf Duval losschießt, ihn überfährt und lebensgefährlich verletzt liegen lässt. Die Frage, ob der Fahrer, ein Familienvater aus Milford, Utah, den obersten Boss tatsächlich nicht gesehen hat, wird Gegenstand langjähriger Gerichtsverhandlungen sein. Duval wird davon allerdings nichts mehr mitbekommen, auch wenn er im Farmington Recovery Center bei Salt Lake City den größten Teil des Tages vor dem Fernsehscreen verbringt, in einem hochtechnisierten Rollstuhl mit Neurolenkung, den er aber zu bedienen nicht mehr in der Lage ist.

***

Als die Nachricht von Duvals Unfall die Runde macht – man weiß noch nicht, ob er tot ist oder nur schwer verletzt –, brechen die vordersten Gruppen gerade durch das Haupttor in die UCC-City. Dann bleibt der Zug stehen. Es kommt zu einigen kleineren Beschädigungen im Eingangsbereich, der befürchtete Sturm auf das Areal bleibt aus. Die Menge zieht sich im Lauf der nächsten Stunden langsam zu ihren Fahrzeugen zurück und verlässt das Gelände. Ein trauriger Zug von Tausenden von Wagen durch die Salzwüste, nur das Sirren der Elektromotoren füllt die flimmernde Ebene.

***

Die Seed of Dominion hat inzwischen auf ihren vierzehn Beinen die zweihundert Meter zu den anderen Landern überwunden. Es folgen Docking-Sequenzen, dann werden die Programme zur Implementierung der einzelnen Module und zum Aufbau des Habitats und der Forschungseinrichtungen, des Kraftwerks und der Grünstationen unter dem Eisboden gestartet. Auf Anweisung der UCC-Zentrale haben Ronald und Catherine die Fähre noch nicht verlassen. Man baut, man richtet sich ein. Immerhin ist alles automatisiert, jede Unterbrechung würde die Abläufe durcheinanderbringen. Was soll man auch anderes tun? Auf allen Sendern laufen Sondersendungen, Diskussionsrunden und Debatten über Sinn und Unsinn dieser Mission, Porträts von Ellie Monroe, Retrospektiven. Am nächsten Tag wird langsam wieder die Inbesitznahme von Callisto das mediale Netz dominieren, die Programmplanungs-Softwares sind dabei, die neue Situation publikumsgerecht umzusetzen.

***

Die Spirit of God zieht derweil ihre orbitale Bahn auf 15 km Höhe, ebenfalls vollautomatisch, ohne lebende Menschen an Bord, im Kühlraum liegt der tote Neil Santorini. 

***

Blainsburg, Iowa. Von Süden her nähert sich ein Hybrocopter leise über die mächtigen Erntemaschinen, die sich langsam durch die kilometerweiten blühenden Weizenfelder arbeiten, landet hinter dem weißen Farmhaus, neben den Siloanlagen, startet einige Minuten später wieder.

Ein wolkenloser Himmel über der endlosen Ebene, der Weizen ein goldenes Meer unter der Morgensonne. Auf einer Schaukel hinter dem Farmhaus hört man Kinderlachen.

Sie hat es Bobby noch nicht sagen können. 


Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 11. August 2017, genau hier.


---

©  2016 by Marc Späni
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in Olaf G. Hilscher und Michael K. Iwoleit (Hrsg.), Nova 24 (Amrum Verlag, 2016)

 

Alle Rechte vorbehalten

Share:   Facebook