Fiction: Das makellose Partikel von Charlie Human

FICTION FRIDAY

Das makellose Partikel (Charlie Human)


Eine lieblose, kalte Welt. Kaum Hoffnung auf Besserung. Nur ein kleines Mädchen, das in der Not zum „Messias“ auserkoren wurde. Und ein verzweifelter Vater, der einfach nur seine Tochter zurück haben möchte.

Einen nachdenkliche wie grausame Geschichte von Charlie Human, dem Autor von ›Apocalypse Now Now‹ und ›Kill Baxter‹.

***


Der Berg sieht aus, als hätte ein zahnloser Gott mit den Lippen dicke Batzen aus dem Granit gebrochen wie von einem Eis am Stiel. Ich kann mich nicht erinnern, wann die Auflösung Signal Hill gefressen hat. Das korrosive Nichts greift um sich. Man kann sich kaum noch darauf besinnen, wie es früher war. Gebäude verfallen, Menschen werden zu Asche. Der Schnitter geht um, und man kann unmöglich sagen, wo er als nächstes zuschlägt.

Eine Gruppe Mädchen vom Gewerbe schlendert an meinem Stand auf der dreckglitschenden Lovers‘ Lane vorbei. Eine, jung und versaut, ruft mir etwas zu.

„Was?“ schreie ich zurück, weil ich sie durch das arrhythmischen Schwirren der Generatoren, die den Rummel künstlich beatmen, kaum hören kann.

„Ich hab gesagt, wie wär´s?“ Sie löst sich von den anderen und hebt ihren Patchworkrock an, um mir ihren Wabbelarsch zu präsentieren. „Kostet dich eine halbe Barbie“, gurrt sie lächelnd.

„Vielleicht später“, rufe ich, obwohl ich nicht vorhabe, darauf zurückzukommen. Ich habe die Freuden des Fleisches nicht verdient, und wenn ich noch so scharf darauf bin.

Lovers´ Lane ist der Sexdistrikt des Rummels und das wichtigste Standbein unserer Schattenwirtschaft; das rege Geschäft ein Beleg dafür, dass das älteste Gewerbe bis zum Ende gedeiht. Der Kitt, der uns zusammenhält, ist unsere Währung. Downers, Schmerzmittel, Barbiturate, von den Locals alle liebevoll „Barbies“ genannt. Dämpfung des zentralen Nervensystems ist der neue Wohlstand, und der Rummel ist praktisch die Goldreserve der Nation.

Nahrungsversorgung ist der zweitwichtigste Wirtschaftszweig. Wir leben hauptsächlich von Obst und Gemüse aus urbanem hydroponischem Anbau; gezogen und verkauft wird das Zeug an der früheren Cape Town Station zwischen den rostenden Rümpfen der S-Bahnen. Manchmal sitze ich in den gespenstischen Wagen und bilde mir ein, in die tiefen Schlünde rund um Kapstadts Hauptgeschäftsviertel zu fahren. Nummer drei ist der Amüsierbetrieb. Da tummeln sich die Jongleure, die Feuerschlucker und Schlangenmenschen, und es gibt riesige Wände von Fernsehern, auf denen Vintage-Pornos und endlose Wiederholungen schlechter Sitcoms laufen.

„Dämon“, zischt ein Churchie, der an meinem Stand vorbei geht.

„Fick deine Mutter“, rufe ich seinem rasierten Hinterkopf nach. Ich hätte da noch mehr im Angebot, besinne mich aber. Die Church of Adam  ist ein Machtfaktor, selbst hier auf dem Rummel, und es fehlte gerade noch, dass mir die Churchie-Schläger meine Bude zerlegen. Auch auf einer sterbenden Welt musste ich von irgendwas leben.

„Was kostet‘s?“

Ich habe sie nicht kommen sehen. Graues Haar, hellblaue Augen; könnte mal hübsch gewesen sein, wären da nicht die tiefe Kummerfalte auf ihrer Stirn und die Narben auf ihren Unterarmen. Eine Ritzerin.

So nennen wir sie. Ritzer, weil die meisten von ihnen die Spuren der Selbstverletzung tragen, ihrer einzigen Entlastung von der Lüge. Die, die sich in ihren Häusern einschließen und sich vorzumachen versuchen, die Auflösung gäbe es nicht. Auf dem Rummel ist man unter Halsabschneidern, aber unter ehrlichen.

„Eine Wahrsagung“, sagt sie. „Was kostet die?“

„Was haben Sie?“

Sie greift in ihre kleine lederne Clutch und holt zwei Pillen heraus, eine rosa-violett, eine weiß.

„Die sind mir eine Zehn-Minuten-Sitzung wert“, sage ich.

Sie nickt. Mit dem letzten Pfeiler der Rummel-Wirtschaft kommen wir zu mir. Ich biete die Mangelware schlechthin an: Hoffnung.

„Ich habe einen Namen, der mit J anfängt“, beginne ich. „Sagt Ihnen das irgendwas?“

Sie schüttelt den Kopf.

„Sind Sie sicher? Vorname, Nachname, Spitzname?“

Ihr Blick wandert nach oben, als sie in ihrem Gedächtnis kramt.

„James hieß mein erster fester Freund“, sagt sie schließlich.

Ich schließe die Augen. „Ja, es ist James.“

„Er ist gestorben?“, fragt sie leise.

Ich nicke.

„Ich habe ihn … seit Jahren nicht gesehen.“

„Er sagt, dass er sie vermisst und wie Leid es ihm tut.“

Eine sichere Bank. Jeder Mensch spricht gut auf Entschuldigungen an, ob für eingebildetes oder reales Unrecht. „Was er getan hat“, schiebe ich nach.

„Oh James“, sagt sie unter Seufzen. „Nicht doch.“

Ich bringe meine übliche Nummer. Sie schnieft ein paarmal, vergießt ein paar Tränen, und nickt dann entschieden. Vielleicht hält es sie davon ab, sich jeden Abend die Arme aufzuschlitzen. Oder nicht. Hauptsache, ich bin um zwei Barbies reicher und hab damit fast so viele zusammen, wie Shuffler von mir fordert.

Als sie weg ist, lege ich die Barbies zu den anderen in den ledernen Pillenbeutel, den ich immer bei mir trage. Drinnen sieht es aus wie ein Regenbogen, genug orange, blaue, rote und violette Pillen, um mir so ziemlich alles zu kaufen, was sich noch zu haben lohnt. Trotzdem stimmt die Menge nicht. Ich konnte letzte Nacht nicht schlafen und musste an meine Rücklagen gehen.

„Sorry, Em“, flüstere ich. „Ich bin so verdammt schwach. Ein paar Tage noch, dann habe ich genug zusammen, versprochen.“

Vielleicht lügt Shuffler. Vielleicht ist sie tot; vielleicht hat die Auflösung sie gefressen. Mitsamt ihren dreckigen Kidnappern.

„Schnauze“, sage ich mir. „Halt einfach die Schnauze.“

Ich bahne mir meinen Weg durch Adderly Row, die Hauptschlagader, die Menschen aus den Wohnungen der Schlafstadt in den Geschäftsalltag des Rummels pumpt. Ich schlage einen weiten Bogen um eine Meute verwilderter Hunde, die im Dreck nach Essbarem stöbern.

Gottverdammte Köter. Sie sind die einzigen Kreaturen, die spüren, wann und wo die Auflösung zuschlagen wird. Wenn ein Hund ohne Grund den Schwanz einzieht und winselt, hast du noch ein paar Minuten, um möglichst viel Abstand zwischen dich und den Ort zu bringen, wo sich die Materie aufzulösen beginnt. Du hast keine Ahnung, wie groß der Lochfraß sein wird. Dir bleibt also nur eins: rennen.

Hunde sind also heilig, egal, zu welchem Gott du betest. Und sie sind eine Landplage. Zuerst dachte ich, die Hunde hätten sich Emily geholt. Es kommt vor, dass Hundemeuten Kinder töten. Niemand hält sie davon ab. Menschen, die es versuchen, werden zu den Lynchplätzen geschleift und ebenso aufgehängt wie die Albinos, die eineiigen Zwillinge oder wem sonst die Sekten in dieser Woche die Schuld für die Auflösung geben.

Aber es waren keine Hunde, die Em verschleppt haben. Es waren Menschenhändler. Sie kaschen sich Kinder von der Straße weg und verkaufen sie an Ritzer, die heile Familie spielen wollen, oder an Pädos, die die Auflösung als Rechtfertigung für ihr finsteres Handeln nutzen. Die Auflösung hatte schon vor Emilys Verschwinden eingesetzt, sich seitdem aber exorbitant verschlimmert. Vielleicht meine Strafe dafür, dass ich Em vernachlässigt habe. Ich hoffe nur, sie ist bei einer unfruchtbaren Ritzerin gelandet.

Shuffler sagt, er weiß, wo sie ist, und ich muss ihm nur genug Barbies hinlegen, damit er es mir sagt. Ich bin jetzt in der Strand Row, wo der Gestank unerträglich ist, von den Fliegen ganz zu schweigen. Ich hole einmal tief Luft und halte dann den Atem an, bis ich die Grenze zur Schlafstadt erreicht habe. Ich gehe nicht nach Hause. Noch nicht. Wenn ich noch unter Leute gehe, schlafe ich heute Nacht vielleicht besser ein.

Der Club Das Letze ist einer dieser alten Art-Déco-Kästen und nimmt ein komplettes Häuserkarree ein. Ohne die abblätternde Farbe und die Sekten-Graffitis hätte er beinahe Stil gehabt. Eigentlich heißt der Club The Majestic, aber Dryden ist irgendwann mal auf die Theke gestiegen und hat betrunken damit geprotzt, sein Club wäre das Letzte, was noch stehen würde, ehe ihn endlich die Auflösung holt. Der Name ist dann hängengeblieben.

Rein in den Aufzug. Ich drücke mit dem Daumen den Knopf für den sechsten Stock, und er setzt sich ruckend in Bewegung. Die unteren Geschosse sind die Kampfhallen; Musangwe-Boxen, Stockkämpfe, Hahnenkämpfe oder was sonst ein blutiges Spektakel verspricht. Im dritten Stock steigt humpelnd eine Sangoma mit einem Huhn unterm Arm zu. Im Prinzip dealt sie genau wie ich mit Hoffnung. Der Vogel wird geschlachtet und ein Kämpfer zum Schutz mit seinem Blut eingerieben. Ich nicke ihr zu, aber sie ignoriert mich.

Die Tür öffnet sich im sechsten Stock. An der Theke herrscht Gedränge, darum gehe ich durch zu einer der Sitzecken im hinteren Teil und versuche einen der halbdebilen Kellner, die Drey beschäftigt, heranzuwinken.

„Was?“, fragt der junge Kellner mit dem rasierten Schädel. Hab ich ein Glück – ein Churchie.

„Ein doppeltes Scel“, sage ich. „Ein großes doppeltes.“

Ich beobachte die wogende Menge. Ein paar Stockkämpfer kommen herein und werden von den Gästen der Theke johlend begrüßt. Sie sehen aus wie Shufflers Leute; die meisten seiner Stockkämpfer tragen ihre Stöcke gekreuzt auf dem Rücken statt an der Seite. Ich drücke mich tiefer in meine Ecke. Besser, nicht auf Shufflers Radar aufzutauchen, bis ich die Barbies habe, um ihn zu bezahlen.

Der Kellner kommt mit meinem Becher Scel zurück und verschwindet wieder. Ich hebe den Becher, atme den erdigen Geruch ein. Scel. Sceletium tortosum, das Ecstasy des Buschmanns. Drey züchtete es auf dem Dach. Es wächst schnell und macht keinen mörderischen Kater – im Gegensatz zu einigen anderen selbst gebrauten Gifte. Ich trinke einen Schluck und schüttle mich bei dem Spülwassergeschmack. Ich sehe den Churchie-Kellner in der Menge, zwei Sitzecken weiter.

„He!“

Er dreht sich zu mir um.

„Das ist ein Einfacher! Ich habe einen Doppelten bestellt.“

„Du hast einen Einfachen bestellt, glaub mir.“

„Hören Sie mal, ich habe einen Doppelten bestellt. Also bring mir meinen Doppelten.“

„Leck mich“, sagt er und will sich verziehen.

„Du Churchie-Dreck holst mir jetzt meinen Doppelten, verstanden?“, brülle ich. Kaum ausgesprochen, ist mir bereits klar, dass es ein Fehler war. Schweigen breitet sich aus wie Wasserringe auf einem Teich. Ich weiß auch ohne mich umzudrehen, dass Churchie-Milizionäre hier sind.

„Gibt es hier ein Problem, Bruder?“, sagt eine Stimme.

Als ich mich umdrehe, stehen hinter mir zwei Schläger, die Köpfe rasiert bis auf den Haarknoten der Church of Adam. Milizionäre lassen keine Gelegenheit aus, brutal zu werden, und ich habe ihnen gerade eine geliefert.

Der Kellner lächelt.

„Ein Gefallener, Bruder.“

„Wenn du einen unserer Gläubigen beleidigst, beleidigst du die ganze Kirche“, sagt der blonde Milizionär. Er hat eine hässliche Narbe am Hals. Sieht aus, als hätte er einen Lynchversuch überlebt. Vielleicht ist er von einer anderen Sekte zur Kirche konvertiert, um sein Leben zu retten.

„Ich wollte niemanden beleidigen“, sagte ich. „Ich wollte nur meinen Drink.“

„Das makellose Partikel vergibt uns unsere Sünden. Wir können dir helfen, Buße zu tun“, sagt der andere.  

Das Partikel ist das zentrale Thema der Church-Theologie und steht in der Universalhierarchie sogar über Jesus. Tja, das makellose Partikel mag alle Sünden vergeben, aber die Miliz ganz sicher nicht.

„Nein, danke“, sage ich.

„Das war keine Bitte, Bruder“, sagt der blonde Milizionär und packt mich beim Hemd.

„Jetzt hört mal zu, ihr Churchie-Wichser. Ihr könnt euch ins Knie ficken“, ruft eine Stimme mit ausgeprägtem Xhosa-Akzent von der Bar. Shufflers Jungs, die beiden, die ich vorhin gesehen habe, schieben sich durchs Gedränge und kommen mit wiegenden Schritten auf uns zu. Sie sind kleiner als die Milizionäre, aber dafür gedrungen und über und über vernarbt.

„Nehmt eure dreckigen Hände von ihm“, sagt der Xhosa-Stockkämpfer, greift lässig über seine Schulter und zieht einen seiner Stöcke aus dem Futteral auf seinem Rücken. „Er gehört Shuffler.“

Der blonde Churchie-Milizionär lässt mein Hemd los. „Ihr diktiert uns nicht, wen die Kirche unterweisen darf“, knurrt er.

Die Stockkämpfer teilen sich auf und wippen erwartungsvoll auf den Fersen. Ich versuche, die Entfernung zur Tür abzuschätzen, und überlege, ob mich wohl jemand aufhalten wird, falls ich sie zu erreichen versuche, wenn der Kampf beginnt.

Aber dazu kommt es nicht. Dreydens kleiner, rundlicher Körper bahnt sich seinen Weg durch die Menge.

„Freunde, Freunde. Es ist weder die Zeit noch der Ort dafür. Die unteren Stockwerke sind Tempel der Kampfkunst. Vielleicht solltet ihr eure Unterhaltung dort fortsetzen.“

Der blonde Milizionär räuspert sich und spuckt auf den Boden. „Die Kirche kämpft für die Wahrheit, nicht zum Spaß.“

Die Stockkämpfer lachen, und der Milizionär tritt mit geballten Fäusten einen Schritt nach vorn.

„Bitte denkt daran, dass ihr alle hier bei mir zu Gast seid“, sagt Dryden und hebt seine Hand. „Ich betrachte die Kirche und Shuffler gleichermaßen als Freunde. Ich bin sicher, wenn einem von beiden zu Ohren käme, dass hier leichtfertig ein Kampf vom Zaun gebrochen wird, würde das umgehend Konsequenzen haben.“

Für einen langen Moment herrscht Stille. Dann macht der blonde Milizionär kehrt und stelzt zur Rolltreppe, dicht gefolgt von seinem Gefährten.

Die Stockkämpfer lachen erneut und verziehen sich wieder an die Bar.

Dreyden schiebt seinen kurzen Körper geschmeidig neben meinen. Er ist kein Zwerg, aber doch beinahe. Er hat die rötlichen Zuppelhaare an seinem Kinn zum Spitzbart gestylt. Er reibt darüber und richtet dann seine Brille, ehe er zu mir hochschaut.

„Du schaffst es noch, dich umbringen zu lassen.“

„Es ist dir vielleicht entgangen, aber die gesamte beschissene Welt stirbt.“

Er kichert. „Hör ich zum ersten Mal.“ Er hält wieder inne. „Es hat jemand nach dir gefragt.“

„Noch mehr von Shufflers Jungs? Komm, Drey, sag ihnen, ich brauche noch ein bisschen Zeit.“

Er schüttelt den Kopf. „Jemand anderer. Er sagt, er ist ein Magister.“

Ich schnaube.

„Ich weiß, ich weiß. Aber er hat so was an sich.“

„Eine Aura vielleicht?“ Ich rolle mit den Augen. „Vielleicht hast du bloß die Vibration seiner Chakren gespürt.“  Ich bewege die Finger in der Luft, als würde ich ihm etwas vorgaukeln. „Ich bin hier der Spezialist für Bullshit, Drey; alle anderen sollten es besser lassen.“

„Ich dachte nur, du solltest es wissen.“

„Danke für den Drink“, sage ich im Aufstehen. „Schreib ihn an.“

„Ich hoffe, du kommst noch bezahlen, bevor du dich auflöst.“

„Na sicher.“

Die Rolltreppe runter und raus in die Nacht. Es regnet mittlerweile, ein wahrer Segen. Regen wird die Wasserspeicher auffüllen und die Scheiße von den Straßen spülen. Als ich etwa die Mitte der Buiten Road erreiche, höre ich nasse Stiefeltritte hinter mir und erkenne, dass ich einen bösen Fehler begangen habe. Ich sprinte aus dem Stand los, obwohl meine Füße auf dem nassen Teer wegrutschen.

Ich höre die Milizionäre aufholen. Mein Atem rasselt in meinen Lungen, als ich die Straße hinunter rase. Ich schlingere in einen schmalen Durchstich, stolpere in einen umgekippten Einkaufswagen und purzele in den kniehohen Müll. Ich höre die Milizionäre in die Gasse kommen, als ich mich gerade hochrappele. Sie singen einen Choral.

„Bitte“, flüstere ich, als ich wieder losrenne. „Mach, dass sie mich nicht erwischen. Jetzt noch nicht. Lass mich erst Em finden.“

Direkt am Ende der Gasse werfe ich mich hart nach rechts und renne mitten in einen Pulk von Menschen, die auf mich zuströmen. Ein Blick in ihre Gesichter, und ich weiß, wovor sie fliehen. Ein Lochfraß im Ostteil der Schlafstadt kündigt sich an. Ich verschwende keinen Gedanken daran, sondern renne darauf zu.

„Nein!“, schreit ein alter Mann mir zu und versucht mich am Mantel festzuhalten. Ich weiche ihm aus und sprinte tiefer in die Menge hinein. Der Lochfraß ist meistens ziemlich klein, höchsten einen oder zwei Häuserblöcke im Durchmesser. Wenn ich diesen einigermaßen genau lokalisieren kann, habe ich eine Chance.

Ich renne auf die Wohnhäuser zu und komme gerade noch zum Stehen, als sich das Gebäude vor mir zu zersetzen beginnt. So nahe war ich einem Lochfraß noch nie. Die Bausubstanz scheint noch für einen Moment zu verharren, zwischen da und nicht-da zu oszillieren, ehe sie sich langsam auflöst. Als würden unsichtbare Hände die Realität aufriffeln, alles Feste zerwirken. Unverbundene Materie schwebt einen Herzschlag lang in der Luft und bricht dann weg ins Nichts.

Ich brauche mehrere Minuten, bis mir klar wird, dass es aufgehört hat. Wo vorher tausend Wohnungen waren, ist nur noch gähnende Leere. Ich schaue nach unten. Das Loch verliert sich im Dunkel. Niemand weiß, wie tief die Löcher wirklich sind. Die Abergläubischen sagen, einige seien hinabgestiegen und hätten dort Dinge gesehen: Dämonen, Ghouls, Existenzen, die vom Nichts zehren.

Ich habe nie jemanden kennen gelernt, der es getan hat. Wenn ein Lochfraß einen Stadtteil verschlingt, orientieren sich alle sofort um wie Ameisen, die einem Hindernis begegnen. Dann ist es, als hätten die verschwundenen Menschen und die Orte nie existiert. Vielleicht hilft ihnen das, bei Verstand zu bleiben.

Ich taumele in eine andere Gasse, in der ein Obdachloser mit neugierigen Augen von seinem Bett aus Pappe und dreckigen Stofffetzen aufblickt.

„Ist es vorbei?“, sagt er krächzend.

Ich nicke, und er legt den Kopf wieder auf sein Behelfskissen.

Ich gehe um eine Ecke und stehe den Milizionären direkt gegenüber. Sie sind nicht weggerannt. Für einen Moment stehen wir dumm und stumm da, als wären wir alle auf einen ausgeklügelten Streich hereingefallen. Dann werde ich von den Füßen geholt und knalle auf den Beton. 

Die Schläge kommen hart und brutal. Ich rolle mich zusammen und versuche, meinen Kopf zu schützen.

„Bitte“, jammere ich. „Das makellose Partikel. Das erste Partikel.

Das Webmuster

               Haut

                       Haar

                              Zellgewebe

                                      Knochen

                                                  Ader

                                                           Muskel  

                           Nervennetz …“

Die meisten Menschen haben zumindest den ersten Psalm im Kopf, für den Fall, dass sie den Schlägertrupps von der Kirche in die Hände fallen. Ich war bis heute noch nie darauf angewiesen.

„Weiter.“ Der blonde Milizionär hat ein grausames Grinsen aufgesetzt. „Sag alle zehn auf.“

„Das makellose Partikel“, beginne ich wieder von vorn, und seine Faust kracht in mich hinein. Amöbenhafte Punkte schweben vor meinen Augen. „Das makellose Partikel. Das erste Partikel“, würge ich heraus. „Das Webmuster.“

Ein Stiefel gräbt sich knirschend in meine Kniescheibe. Ich spüre den Aufprall, aber keinen Schmerz. Mein Körper breitet sich aus, als seien seine Einzelteile nicht länger verbunden. Ich schaue zu dem blonden Milizionär auf und bin nur vage erstaunt, als ihm durch irgendeine unsichtbare Kraft der Kopf vom Körper gerissen wird. Ich sehe mit milder Faszination zu, wie seine Leiche auf den Gehweg sackt.

Der andere Milizionär schreit etwas. Ich sehe ihn aus dem Augenwinkel die Hände vors Gesicht schlagen und zurücktaumeln. Die unsichtbare Kraft kauft sich auch ihn – etwas schießt durch ihn hindurch wie eine Schrotladung und Blut spritzt in hohem Bogen an die graffitibedeckten Backsteinmauern der Gasse.

„Hilfe“, beschwöre ich den Straßenbelag und schramme mir dabei die Lippen am Asphalt auf.

Hände zerren mich in die Senkrechte, direkt neben dem blutigen Körper des Milizionärs.

„Hilfe“, flüstere ich erneut.

„Sieh mich an“, sagt eine gedämpfte Stimme.

Ich hebe den Blick und sehe in ein Gesicht, nussbraun und runzlig. Möglicherweise khoisanstämmig. Graues Haar lockt sich unter einem Hut hervor.

„Ich bin Magister Ix“, sagt er.

Etwas Opakes, wie graue Nebelschwaden, verdichtet sich neben seiner Schulter. Ich kann die Umrisse einer Kreatur ausmachen, etwas mit Schwingen und Schuppen. Es wabert und wellt sich in der Luft wie Rauch in einer Flasche. Der Mann quittiert meinen Blick mit einer Antwort.

„Ein Schatten“, sagt er. „Durch die Auflösung aus der Erde freigesetzt. Ich habe ihn mir dienstbar gemacht und meinem Willen unterworfen.“

„Und das passt ihm gar nicht“, kichere ich in meinem Schmerzdusel.

Er kichert. „Das ist noch untertrieben. Wenn ich erst älter bin, werde ich ihn nicht mehr kontrollieren können, und er wird mich zerreißen. Aber das dauert noch. Für jetzt sind wir sicher. Und du bedarfst der Heilung.“

Seine Augenbrauen zucken nach oben, und der Schatten rollt durch die Luft auf mich zu und verharrt dicht vor mir. Er wirbelt wie Staub im Wind und strömt ein überwältigendes Gefühl von Leere aus.

„Nein“, flüstere ich schaudernd. Der Schatten schwebt auf mein Gesicht und ich versuche krampfhaft, mich in Sicherheit zu bringen. Ich kann ihm nicht entgehen. Ich fühle ihn gierig saugen, fühle ihn tief in meinem Körper, ein Ziehen, Zerren, Reißen durch die Sehnen hindurch, durch Mark und Bein bis in meine Zellen, meine Atome. Es hinterlässt eine hohle Kälte in mir.

„Allem Seienden ist sein Nichtsein immanent“, psalmodiert der Magister. „Das gilt selbst für Verletzungen.“

Er greift nach meiner Hand und zieht mich hoch. Ich bin erschöpft und fühle mich, als müsste ich kotzen, aber ich bin noch in einem Stück und unverletzt.

„Du musst dich mit Shuffler treffen“, sagt der Magister.

Shuffler hat sich in einer alten Polizeikaserne auf der Science Row niedergelassen. Wir warten am Eingang, während zwei schwere Jungs aus seinem Fußvolk uns auf Waffen durchsuchen. Die Wachen sehen den Schatten misstrauisch an und tuscheln. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Ich würde nichts lieber tun, als auf dem Absatz kehrt machen und fliehen, aber der Magister hat andere Pläne, und ich glaube nicht, dass ich schneller wäre als dieses Ding.

Man öffnet uns die Tür zu einem Vorzimmer, aus dem man auf den erleuchteten Trainingsplatz blickt. Draußen im Regen messen Stockkämpfer fluchend ihre Kräfte, und das Stakkato der zusammenschlagenden Stöcke schallt über den Hof wie Trommelwirbel.

„Mitkommen“, grunzt einer der schweren Jungs und führt uns durch einen langen Korridor zu Shufflers Räumen.

Die Räume selbst sind prunkvoll, doch der Gestank der Hunde, die er dort hält, ist impertinent. Ich muss mich zwingen, nicht zu würgen. Die Hunde lungern überall im Raum herum und beobachten uns unter schweren Lidern; es sind mindestens fünfzehn. Sie sind Shufflers Frühwarnsystem. Und wenn einer ein Frühwarnsystem braucht, dann Shuffler. Er liegt auf einem Diwan, an dessen Samt sein monströser Körper seitlich herunterquillt. Ein orangefarbener Kaftan und Glasperlen lassen ihn wie einen dieser lachenden Buddhas aussehen. Aber er lächelt nicht.

„Auf das Ding da“, lispelt er zischelnd, „reagier ich allergisch.“ Er verengt seine kleinen Schweinsaugen zu Schlitzen und reibt sich die Nase, während er den Schatten fokussiert.

„Das bezweifle ich“, sagt der Magister leichthin. „Im Wesentlichen ist es nicht einmal hier.“

„Wenn das hier erledigt ist, will ich es nie wieder sehen.“

„Das wird kein Problem sein.“

„Wenn was erledigt ist?“, melde ich mich zu Wort.

„Ah, mein kleiner Laufbursche.“ Shuffler richtet seinen verderblichen Blick auf mich. „Ich gehe davon aus, dass du meine Barbies hast?“

„Fast. Nur noch ein paar Tage.

„Du wirst sie nicht brauchen“, sagt der Magister. „Shuffler und ich haben eine Absprache.“

„Solange du dein Versprechen einlösen kannst“, sagt Shuffler mit einer gereizten Handbewegung.

„Das kann ich“, sagt der Magister und sieht mich an. „Kerrin Huys sucht ein Medium.“ Er legt mir seine Hand auf die Schulter.

„Die minderjährige Tochter des Primus der Church of Adam sucht ein Medium? Verstößt das nicht gegen das Kirchengesetz?“

„Zweifelsohne“, lächelt Shuffler. „Aber meine Informationen sprechen dafür, dass die kleine Kerrin gegen das Leben in der Wohnanlage der Kirche zu rebellieren beginnt. Ihr habt nichts weiter zu tun, als euch Einlass zu verschaffen und uns die Tür zu öffnen.“

„Ich soll dir helfen, einen Gangkrieg anzufangen? Die werden mich hetzen und kaltmachen.“

Shuffler lächelt. „Wahrscheinlich.“

„Da ist etwas, das die die Entscheidung leichter machen könnte“, schaltet sich der Magister unaufdringlich ein. „Die Kirche hat Emily.“

Es ist wieder, als würde der Schatten an meiner Seele saugen. Die Welt verengt sich auf einen einzigen Punkt.

„Menschenhändler haben sie an die Kirche verkauft“, erklärt der Magister. „Sie brauchten Probanden zu Testzwecken.“

„Geht es ihr gut?“, frage ich leise. „Geht es Em gut?“

„Du wirst uns helfen müssen, das herauszufinden“, sagt der Magister.

*** 

Die Sonne geht über der kirchlichen Wohnanlage auf, einem langen, grauen Gebäude am Hang der Klof Row, auf dessen Dach die Feuchtigkeit der vergangenen Nacht glitzert wie Juwelen. Das heilige Symbol der Kirche, ein riesiges Kreuz-und-Halbmond-Neonzeichen, blickt missbilligend auf den Rummel hinab.

Der Magister ist an meiner Seite, und eine kleine Armee bewaffneter Stockkämpfer befindet sich in einem überdachten Durchgang hinter uns, versteckt in den morgendlichen Schatten.

„Meine Mission war immer eine ganz einfache“, teilt mir der Magister mit. „Herauszufinden, was die Auflösung verursacht und es zu beseitigen. Die Kirche hat mit ihren Experimenten an den Fäden der Realität gezupft. Sie hat das Etwas in die Welt gebracht, das vor allem anderen existierte. Das makellose Partikel. Das ist es, was unsere Welt in Stücke reißt. Wir müssen es zerstören.“

„Ich will nur Em“, sage ich.

„Bring uns rein, und du kannst sie haben.“

Der Kirchenbau ist innen so schön wie von außen hässlich. Eine Kuppel aus Buntglas erhebt sich über der zentralen Kanzel und zeigt Jesus, die Engelsschar und eine winzige, reinweiße Gestalt. Das Partikel.

Kerrin führt mich durch den Hauptsaal. Sie ist groß, kahlrasiert und linkisch, und sie trägt Lippenstift – ein weiteres Kirchentabu.

„Können Sie wirklich mit den Toten reden?“, fragt sie atemlos über die Schulter, während sie mich durch den Predigtraum führt.

„Ja“, sage ich ohne zu zögern.

Ich kann ihr freudiges Grinsen sehen.

Sie führt mich zu den Wohnräumen im hinteren Bereich des Gebäudes. Der Komplex ist genau so angelegt, wie Shuffler es beschrieben hat. Zu meiner Linken müsste jetzt der Raum mit dem Hauptgenerator kommen. Tatsächlich kann ich beim Weitergehen das Summen des Generators lauter werden hören.

„Sorry“, sage ich.

Kerrin dreht sich verwirrt zu mir um, und ich packe sie an der Kehle und benutze die andere Hand, um ihren Schrei zu unterdrücken. Sie tritt nach mir und ich zerre sie an mich, unsanfter als beabsichtigt. Sie wehrt sich vehement und versucht, mich in die Hand zu beißen. Ich ziehe sie in den Generatorraum, drücke sie an die Wand und schlage ihr hart auf den Hinterkopf. Schmerz durchzuckt meine Faust, und sie sackt zu Boden. Ich wische mir die lippenstiftverschmierte Hand am Hemd ab und schaue mich dabei nach dem Schalter um, mit dem man das Haupttor bedient. Shuffler sagte, dort müsste es einen von Hand zu betätigenden Nothebel geben. Ich mache ihn ausfindig und lege ihn um. Danach suche ich den Schalter für das Neon-Halbmondkreuz draußen. Ich schalte es einmal aus und wieder ein, zum Zeichen für Shufflers Männer.

Es vergehen mehrere Minuten, ehe ich Geschrei höre. Ich schaue hinaus in den Flur und sehe, wie das Kampfgeschehen durch den Predigtraum tost. Die Milizionäre wehren sich verzweifelt, aber Shufflers Stockkämpfer sind in der Übermacht. Sie drängen unerbittlich weiter und hacken alles vor sich nieder. Ich sehe, wie eine Messdienerin von hinten mit einem Panga erschlagen wird. Ich sehe den Magister gelassen durch die Kämpfenden schreiten. Ein Milizionär schreit auf, als eine unsichtbare Kraft ihn hochhebt und in eine Wand rammt, während seine Stiefel zwei Meter über dem Boden schweben.

Der Magister holt den Schatten mit einem stummen Kommando zurück und kommt auf mich zu.

„Emily“, sage ich.

Er nickt. „Folge mir.“

Wir gehen durch einen den Korridore, die ängstlich ausweichenden Churchies vor uns ignorierend. Die hinteren Räume sind größer, opulenter. Wir erreichen die Privatgemächer des Primus, und der Magister stößt die vergoldeten Türen auf.

Der Primus steht in der Mitte des Raums. Er ist kleiner als in meiner Vorstellung, hat schütter werdendes Haar und engstehende blaue Augen. Er blickt uns furchtlos an. „Das makellose Partikel. Das erste Partikel“, skandiert er, die Hände betend vor der Brust erhoben.

„Das Webmuster

          Haut

                 Haar

                         Gewebe

                                    Knochen

                                               Adern

                                                       Muskel

                                                               Nerven …“

 

Der Magister wedelt mit der Hand, und der Schatten entrollt sich von seiner Schulter. Er schneidet wie eine Sense durch die Luft und fährt in den Primus, den er beinahe in zwei Hälften spaltet. Der Primus fällt auf die Knie und presst die Hände auf seine klaffende Bauchwunde.  „… Nervennetz“, gurgelt er.

Ich schenke ihm keine Beachtung. „Em!“, rufe ich. „Em!“

Der Magister winkt mich zu einem Alkoven am Ende des Raums.

In den vier Jahren seit ihrem Verschwinden ist sie nicht älter geworden. Sie ist noch immer ein Kind von drei Jahren, der Kopf rasiert; ihr kurzer, nackter Körper weiß wie Porzellan vor dem See von Nichts, in dem sie schwebt. Sie richtet ihre blinden weißen Augen auf mich.

„Em“, sage ich heiser. „Was haben sie dir angetan?“

Der Magister hält mich an der Schulter fest. „Sie haben das Gott-Partikel Fleisch werden lassen. Sie haben sie transformiert.“

„Wir müssen sie retten“, sage ich. „Bitte.“

Er schüttelt traurig den Kopf. „Wir sind nicht hier, um sie zu retten.“

Ich kann beinahe spüren, wie sich der Schatten in der Luft ringelt und ramme dem Magier meinen Unterarm in die Kehle. Er packt mich im Fallen und reißt mich mit. Der Schatten schnellt auf Emily zu. Ich versuche mich aufzurichten, um ihn abzufangen, als er über mich hinwegfegt. Ich fühle, wie seine Krallen mir im Flug die Haut vom Gesicht reißen. Er rast auf Em zu, prallt mit Wucht in die Leere, die sie umgibt, und platzt auf in tausend schwarze Ranken.

„Nein!“, kreischt der Magister. Ich schaue nach unten und sehe das Entsetzen in seinem Gesicht.

Die Ranken ballen sich zu einer einzigen riesigen Entität, einer Chimäre der Leere, aus tausend Mäulern geifernd und kreischend. Der riesige Schatten orientiert sich um und stürzt sich auf den Magister. Ich rolle mich weg, als er angreift, ein Kampfhund, der sich gegen seinen Besitzer wendet.

Ein klagender Schrei zerreißt die Luft, und als ich mich zum Em umschaue, laufen ihr schwarze Tränen über die Wangen. Sie atmet tief ein, und dann beginnen sich die Wände um uns herum in Nichts aufzulösen.

Der Magister, dem der Schatten den Brustkorb zerfleischt, streckt den Arm aus und umklammert mein Bein mit einer aufgerissenen, blutigen Hand.

„Bitte“, flüstert er.

Ich schleppe mich auf ihren winziges Körper zu. Nicht-Existenz breitet sich um mich und in mir aus. Ich bin ein Fleischballon mit einem Loch. Mein Zahnfleisch zerfließt zu Fleischbrei, und ich muss würgen, als mir lose, blutige Zähne in den Hals rutschen. Meine Gesichtshaut verflüssigt sich, schäumt auf und zerläuft. In meinem ganzen Körper reißen Sehnen und knallen dabei wie Feuerwerkskörper. Trotzdem sehe ich sie immer noch. Kaum noch zu einer Bewegung fähig, greife ich mit dem, was von meiner Hand noch übrig ist, in meinen Beutel. Ich fische eine Handvoll Barbies in allen Regenbogenfarben heraus und schaufle sie mir in dem Mund.

Ich schwebe dort im Nichts und lasse die Taubheit von mir Besitz nehmen. Ich kann sie immer noch sehen. Ihre Augen, aus denen die Leere scheint. So klein. So perfekt. Das makellose Partikel. Meine Tochter. Sie lächelt und holt Luft.

 

Deutsch von Clara Drechsler

Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 16. Juni 2017, genau hier.


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© 2011 Charlie Human
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Immaculate Particle« in Anne C. Perry und Jared Shurin (Hrsg.), ›Pandemonium: Stories of the Apcoalypse‹, Jurassic London, 2011

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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