Kurzgeschichte: Die Sonne ist nur ein tagheller Stern (Michael Schneiberg)

© wiggijo / pixabay

FICTION

Die Sonne ist nur ein tagheller Stern (Michael Schneiberg), Teil 1/2


Michael Schneiberg
28.04.2017

In Michael Schneibergs post-apokalyptischer Kurzgeschichte „Die Sonne ist nur ein tagheller Stern“ leben die Menschen viele Jahre nach einem Asteroideneinschlag in vereinzelten Flüchtlingskommunen, immer in Furcht vor umherziehenden Warlords. Als eine dieser isolierten Siedlungen evakuiert werden soll, muss sich ein kleiner Junge einem schmerzhaften Abschied stellen, denn nicht jeder will die Dorfbewohner in ein neues Leben begleiten. Doch ist sein väterlicher Freund wirklich ein Weltenwanderer? Eine Geschichte über den Abschied von der Kindheit und die Kraft der Freundschaft..

***

Nicht weit vom Haus meines Onkels entfernt lag der Spielplatz am Ende der Welt. Das alte Wrack des Fluggerätes markierte die letzte Grenze der Herrschaft von Müttern und Mahnungen. Hinter diesem unsichtbaren Zaun, gerade noch in Sichtweite, wohnte mein Onkel.

Mutter vertraute Onkel Jaron. Er hätte sich uns in den Weg gestellt, hätten unsere Spiele jemals weiter hinauf geführt. Hinaus aus unserem Tal und auf die Ebene. Keiner von uns wusste, wohin der alte Weg führte, der hinter Jarons Haus von der Natur verschlungen wurde. Er selbst sprach nicht darüber. Für uns war mein Onkel der letzte Außenposten; jenseits von ihm begann die Vergangenheit.

Ich weiß, dass der Fluchtweg, den er später nahm, nicht dort hinauf führte, ganz gleich, was die anderen darüber sagen. Jene, die sich noch daran erinnern. Er ging auf einem anderen Weg. Onkel Jaron hatte Zugang zu fremden Welten. Ich weiß es, denn er hat es uns erzählt. Nur geglaubt hat ihm keiner.

Der abgestürzte Lastenhubschrauber war ein herrlicher Spielplatz aus rostigen Streben, alten Kabeln und taubstummen Schaltbrettern voller verblichener Zeichen. Onkel Jaron, der häufig bei uns saß, wenn wir im Wrack spielten, konnte uns vieles davon erklären. Die alte Maschine war ein Truppentransporter mit kraftvollen Doppelrotoren und stammte aus der Zeit nicht lange nach dem Flammenschlag, als die Menschen versucht hatten, dem Chaos Herr zu werden. Er wusste nicht, warum das Fluggerät hier oben im Tal abgestürzt und was mit Piloten und Passagieren geschehen war. Die alten Zeiten, die wir nur aus den Erzählungen unserer Eltern kannten, warfen einen abenteuerlichen Glanz auf das verbogene Metall und die zerrissenen Sitze. Wir spielten Warlord und Armee, Flüchtlingstreck und Dorfmiliz.

Mein Bruder Beckfred hatte mit den älteren Jungs den hinteren Teil des Frachtraumes zu einer behaglichen Höhle ausgebaut. Bei schlechtem Wetter saßen wir dort und blickten durch die leeren Kabinenfenster hinab ins Tal. Es war oft schlechtes Wetter. Unser Jahr war ein endloser Herbst, unterbrochen von einem kurzen, wütenden Sommer. Wir wärmten uns an kleinen Feuern und sahen, wie die Regenschwaden diesige Vorhänge über unser Dorf warfen. Das Dorf lag in einem schmalen Seitental des großen Flusses und wirkte wie eine unsortierte Sammlung zufälliger Behausungen. Einige der alten, dunkel gedeckten Häuser standen noch, und zwischen ihnen die Reste der Flüchtlingslager. Schmutzige Wohncontainer, wie sie die Menschen auf ihren Wanderungen mit sich nahmen.

»Gestern kam ein Mann den Fluss hinab«, erzählte Beckfred, und hängte eine Metalldose mit geschälten Esskastanien über das kleine Feuer. »Ich glaube, wir verlassen das Dorf.«

Ich fragte nicht, woher Beckfred diese Informationen hatte. Er hörte viel von den Erwachsenen und er konnte schneller und genauer ihre Absichten verstehen als ich. Vieles, was ihm beiläufig einzufallen schien, erwies sich bald darauf als wahr. Die anderen Jungs blickten schweigend ins Feuer oder hinab ins grau verhangene Tal. Der Ausblick auf den großen Fluss, der an unserem Tal vorbeiströmte, verlor sich in konturloser Dämmerung.

Die meisten von uns waren im Dorf geboren, und der Gedanke, es zu verlassen, erschien mir wie das Versenken des eigenen Schiffes, wie der Verrat an einem nahen Verwandten. Es fühlte sich nicht richtig an.

»Wohin denn?«, fragte Harlon, dem nach einem Unfall drei Finger seiner rechten Hand fehlten. Beckfred zuckte mit den Schultern, fischte mit einem Messer eine Kastanie aus der Dose und gab sie mir. Ich pustete ungeduldig und verbrannte mir die Zunge, während ich gierig an ihr knabberte.

»Auf die Ebene?«, schlug ich vor, um mich am Gespräch der Älteren zu beteiligen. Zwei der Jungs machten glucksende Geräusche.

»Nein, Rib«, mein Bruder legte mir müde eine Hand auf die Schulter. »Bestimmt nicht.«

»Auf die Ebene?« Eine Männerstimme ertönte vom offenen Ende der Frachtkabine. Onkel Jaron stand in der Öffnung. Braune Stiefel, gelbe Zähne und wirres Haar, von dem Regenwasser tropfte. »Dort würde es euch nicht gut gehen.«

Ich fragte mich, ob er den Anfang unseres schleppenden Gespräches mitbekommen hatte.

»Wer von euch möchte mir helfen, die Fallen zu überprüfen?« Jarons Frage war an alle gestellt, doch jeder wusste, wem sie galt. Ich folgte Onkel Jaron in den kühlen Nieselregen. Ohne dass ich es ahnte, war dies das letzte Mal gewesen, dass wir zusammen im Spielplatz am Ende der Welt saßen und Esskastanien aßen.

*** 

Die meisten Fallen waren kleine Kisten mit unterschiedlich großen Löchern. Insektenfallen.

»Die Tiere verändern sich«, sagte Jaron. »An ihnen können wir sehen, wohin sich die Welt entwickelt.«

Der Einschlag des gigantischen Felsens aus dem All hatte nicht nur die Geschichte der Menschheit zerrissen. Er hatte, so erzählte Jaron in seiner leisen, manchmal ins Murmeln abgleitenden Stimme, auch eine Menge exotischer Dinge auf die Erde gebracht. Seltene Stoffe, kaum nachweisbar und doch überall präsent.

»Unsere Augen und Ohren sind geschlossen«, flüsterte er und griff mit seinen schwieligen Fingern nach einem kleinen Käfer, der einem Lockstoff in die Kiste gefolgt war. Das kleine Wesen zappelte zwischen seinen braunen Fingerkuppen.

Jaron kniff die Augen zusammen und hielt den Käfer etwas weiter entfernt, um ihn genauer betrachten zu können. »Die Menschheit ist blind geworden«, sagte er mit schiefem Lächeln. »Was direkt vor unseren Augen liegt, können wir nicht mehr erkennen. Wir sehen nur noch die großen und einfachen Dinge.« Er zwinkerte mir zu. »So wie ich.« Er lies den Käfer in ein Glas fallen, das er mit einem Metalldeckel verschloss. In den Deckel hatte er mit einem Nagel kleine Löcher gestochen.

»Meinst du wirklich, wir werden das Dorf verlassen?« Vorsichtig schaute ich in die Kästen, die er im Gras verteilt oder mit Draht an seinem brüchigen Gartenzaun befestigt hatte. In dieser Jahreszeit gab es nur Käfer, Würmer und Ameisen, die er studieren konnte. Im Sommer, wenn die Möglichkeit bestand, einen bunten Schmetterling in eine der feinen Fallen zu locken, war die Arbeit spannender. Doch ich war zufrieden. Manchmal dachte ich, dass Onkel Jaron mit mir mehr sprach als mit den anderen. Es war schön, bei ihm zu sein.

»Das Dorf verlassen?« Er verschloss ein weiteres Glas. »Irgendwann verlassen wir alle den Ort, an dem wir sind. Es ist alles nur eine Reise.«

Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, wie alt Onkel Jaron war. Er war nicht wirklich mein Onkel, das wusste ich, auch wenn ihn die meisten so nannten. Und er war älter als meine Mutter, da war ich mir sicher. Aber ab wann war man ein alter Mann?

»Wirst du auch das Dorf verlassen? Wirst du mit uns kommen, Onkel Jaron?«, fragte ich, und nichts erschien mir in diesem Moment wichtiger, als dass er uns begleiten würde. Und zum ersten Mal spürte ich, dass in den Worten »das Dorf« Onkel Jaron nicht wie selbstverständlich mitgedacht war. Spürten auch die anderen, dass er gar nicht wirklich zum Dorf gehörte?

Er lächelte und fixierte mich mit seinen verwaschenen grauen Augen. »Dies ist mein letzter Ort«, sagte er nachdenklich. »Weiter werde ich nicht zurückweichen, denn es hat keinen Sinn. Die Welt ist rund, verstehst du das?«

Ich wusste nicht, ob ich ihn verstand, aber bei seinen Worten spürte einen plötzlichen Druck auf meiner Brust. Ein Gefühl, das größer war als ich, und vor dem ich mich verschließen wollte.

Onkel Jaron schien die Angst in meinem Inneren zu sehen, denn er runzelte die Stirn. Dann wandelte sich sein Gesicht, als hätte man ein dunkles Tuch von einem leuchtenden Bild gezogen. Seine Augen glänzten und er legte mir die Hand auf die Schulter, wie es mein Bruder getan hatte. Doch seine Hand war größer und schwerer und wichtiger. »Ich habe einen Zugang zu fremden Welten, Rib. Ich kann gehen, wann immer ich will. Und nichts kann mir geschehen.«

Ich blicke ihn an und suchte einen Anhaltspunkt, ob er einen Spaß mit mir machte. Aber sein stoppeliges Gesicht blieb ruhig und die Falten um seine Augen kräuselten sich milde. »Ist es denn überhaupt sicher, dass ihr das Dorf verlasst, Rib?«

»Beckfred … « Ich seufzte und meine Erklärung verebbte, denn da gab es nicht mehr zu sagen. Jaron blickte mich eine Weile an. Die Gefühle in seinen Augen verstehe ich erst heute, viele Jahrzehnte später. Damals spürte ich nur ihre Wärme.

»Dies hier«, er hob ein fleckiges Glas, über dessen Boden ein schillernder, pummeliger Käfer rutschte. »Ist vielleicht eine neue Art.«

*** 

Der Mann, der den Fluss hinabgekommen war, war ein Sammler. Er suchte verstreute Siedlungen und versprengte Flüchtlinge, die sich in den Seitentälern und Flusswindungen gesammelt hatten wie Treibgut. Transportkähne würden kommen, um all jene einzusammeln, die mitkommen wollten nach Westen. Man hatte eine der großen Städte befestigt, dort gab es Führung und Sicherheit.

Der Sammler war still und unauffällig und von jener Art, die das, was sie sagten, nicht wiederholten. Er schien kaum älter als die Größten der Jugendlichen und für die Jüngeren war er ein Held. Zu Fuß ging er den Fluss hinab, hielt sich in Deckung und sprach auch dann leise und vorsichtig, wenn er sicher unter freundlichen Menschen war.

»Macht euch bereit. In vier oder fünf Tagen«, sagte er, als die Bewohner des Dorfes ihn schweigend umstanden. »Oder bleibt zurück.« Dann verließ er uns wieder und ich weiß bis heute nicht, ob ihn jemand nach seinem Namen gefragt hat.

Die Erwachsenen vertrauten ihm und ich verstand nicht, warum sie es taten. Er erzählte von einer ungewissen Zukunft und die Menschen hatten nichts als sein Wort und ein Zeichen mit einer Unterschrift, das auf seinen Rücken tätowiert war. Eine menschliche Nachricht, die mir unsicher und bedrohlich erschien. Doch meine Mutter glaubte ihm, ebenso wie die anderen und auch Beckfred. Sie standen auf dem rissigen Asphalt der Straße zwischen den Häusern und Hütten und blickten sich unsicher an, bis ihre Gesichter, eines nach dem anderen, entschlossener wurden.

»Wir gehen«, nickten sie und begannen, ihr Leben neu zu sortieren.

Der Sammler hatte ihnen nicht gesagt, wie groß der Kahn sein würde, der sie mitnahm, und schon bald brachen Diskussionen über Gepäck und Ladung aus. Nicht, dass die Menschen im Dorf viel mitzunehmen hatten. Doch wer wenig Besitz hat, der hütet ihn umso beharrlicher.

Vier Tage, vielleicht fünf. Plötzlich erschien mir das Leben wie ein kleines Tier, das sich zappelnd meinem Griff entwindet. All die Schatten, die ich noch nicht erkundet hatte, die Spiele und Pläne für den Sommer. Ich wollte hierhin rennen und dorthin und all den Dingen nachjagen, die in den kommenden Monaten vergeblich auf mich warten würden. Doch alles schien sich abzuwenden von diesem Leben. Auch die anderen Kinder begannen, aufgeregt von der Stadt zu sprechen, wie von einem fernen Kontinent der Abenteuer.

Ihr werdet niemals zurückkehren, wollte ich sie anschreien. War ich der einzige, der darüber nachdachte? Zuerst gab es noch andere Kinder wie mich, die voller Schrecken waren und schon jetzt den Plätzen und Spielen nachtrauerten, die sie vermissen würden. Doch ihre Eltern gewannen sie einen nach dem anderen mit den wunderbaren Dingen, die in einer richtigen Stadt auf sie warten würden. Nur meine Mutter Fay bemühte sich nicht und schien meine Furcht zu übersehen, während sie ruhig mit Beckfred besprach, was nun zu tun war.

Ich bin sicher, mein Bruder konnte es in meinen Augen sehen, wenn er im Gespräch mit ihr zu mir hinüberblickte. Ich flehte ihn innerlich an, all das hier zu stoppen. Aber er beendete es nicht.

»Onkel Jaron will nicht mitkommen«, brach es aus mir hervor, und die beiden verstummten. Nicht nur mein Bruder, auch meine Mutter blickte mich überrascht an. »Er sagt, er geht nicht mehr weiter. Er kommt nicht mit. Er hat einen Zugang zu fremden Welten, sagt er.«

Die unerwartete, ungeteilte Aufmerksamkeit der beiden löste alle Spannungen und Ängste, machte sie zu einem heißen Strom aus Worten. »Und was ist, wenn der Sammler gelogen hat, wenn es nichts gibt, wohin wir fahren können? Wenn alles nur Lüge war? Ich will, dass Onkel Jaron mitkommt. Ich werde nicht ohne ihn fahren.« Mein Gesicht brannte und mein Kinn wurde hart, während die Augen meiner Mutter immer weicher wurden.

Beckfred warf einen kurzen Seitenblick auf unsere Mutter und seufzte. »Er ist nicht wirklich unser Onkel, Rib, das weißt du doch. Wir nennen ihn nur so.« Er rieb mit den Fingern an einem kleinen Anhänger, den er am Feuer geschnitzt hatte. Ein Bandenzeichen für Spiele, die nun enden würden. Spiele, in denen ich sein Adjutant gewesen war, sein Spion und Wildführer. Wie konnte er mich so verraten?

Onkel Rib war nicht mein Onkel. Ich wusste das, und doch war dieser Satz wie ein Stoß gegen die Brust.

»Onkel?«, schrie ich. »Onkel? Muss man dafür eine Prüfung ablegen oder was?«

Meine Mutter sah aus dem Fenster. »Jaron«, sagte sie nachdenklich, als hätte sie etwas vergessen. Meine Wut schien eine alte Erinnerung in ihr zu berühren. Sie tat einen langsamen tiefen Atemzug. »Wir müssen mit ihm reden.« Als sie mich wieder ansah, strahlte ihr Blick Sicherheit aus. »Wir reden mit ihm, Rib. Er wird mitkommen, mach dir keine Sorgen.«

Ich wartete einen halben Tag, doch weder meine Mutter noch einer der anderen, auch nicht mein Bruder, gingen zu Onkel Jaron.

*** 

»Dann ist es also wahr«, sagte Jaron und entzündete eine kleine Flamme in einer tragbaren Lampe; ein weiches, öliges Licht, das sich rußschlagend in seiner gläsernen Welt bewegte. Nur ein anderes Kind war mit mir zum Spielplatz am Ende der Welt gekommen, Harlon Zweifinger. Wir hatten Panzerjagd gespielt, doch zum ersten Mal war es nur ein Spiel gewesen, und wir nur Schauspieler in einem alten Stück, das uns fremd wurde. Irgendwann ging Harlon mit einer schüchternen Geste wieder hinab ins Dorf und ich hinauf zu Jaron.

Jaron stellte die Lampe auf den Holzboden seiner morschen Veranda und setzte sich auf die Stufen, die in den verwilderten Garten führten. Das Licht der Öllampe vertiefte die Dämmerung jenseits ihres Lichtkreises und ließ das dunkle Blau des Abendhimmels unmerklich zur Schwärze gerinnen. Die Wolken hatten sich geöffnet und gaben den Blick auf die Sterne frei, die immer deutlicher hervortraten. »Erst gab es an vielen Orten zu viel Licht durch die Städte, dann zu viel Staub nach dem Einschlag. Doch nun sehen uns die Sterne wieder an.« Jaron blickte hinauf und lächelte bei dem Gedanken. »Wie ein Publikum, das den Saal niemals verlassen wird, ganz gleich, welches Stück die Menschen aufführen.«

»Ich weiß, dass du nicht wirklich unser Onkel bist«, sagte ich, als ich mich neben ihn auf die Stufen setzte. Jaron hielt eine seiner Insektenfallen auf dem Schoß und reparierte den Verschluss, an dem sich eine neugierige Ratte zu schaffen gemacht hatte.

»Hat deine Mutter darüber gesprochen?«

»Sie wollen, dass du mitkommst.«

Jaron warf mir einen kurzen Seitenblick zu. »Meinst du wirklich?«

»Sie wollten kommen, um mit dir zu reden. Du bist der Schlauste von uns allen, du weißt mehr als die anderen Erwachsenen. Sie brauchen dich.«

Er hielt den Kasten vor sein Gesicht und warf einen skeptischen Blick durch das kleine Eingangsloch. »Ich bin mir nicht sicher, ob sie das wirklich so sehen. Aber ja«, er nickte zufrieden und stellte die Falle zur Seite, »vielleicht werden sie es probieren.«

»Hast du wirklich einen Zugang zu fremden Welten?« Ich hatte Angst, dass er nur einen Scherz gemacht hatte, wie es Erwachsene so oft taten.

Doch anstatt zu lächeln blickte er mich ernst an. »Ja. Ich kann in fremde Welten reisen. Ich war viel zu lange hier. Ich habe alles gesehen und möchte nicht mehr weiter wandern. Ich gehe fort. Es ist ein guter Zeitpunkt.«

Ich spürte, dass mein Mund trocken war und mein Herz klopfte, aber auf eine unklare, kindliche Weise begann ein Teil meines Denkens bereits, die Schmerzen willkommen zu heißen. »Kannst du uns denn nicht mitnehmen?«

Jaron drehte den Docht der Lampe ein wenig nach unten und gestattete der Dunkelheit, ein Stück näher zu kriechen. Er hob den Kopf und deutete in den Nachthimmel. »Es gab Menschen, die glaubten, man hätte dort Lampen aufgehängt«, sagte er, als würde er sich an alte Zeiten erinnern. »Oder es seien Löcher in einem schwarzen Tuch, durch die wir den Glanz des Himmelreichs sehen können.«

»Es sind Sterne«, sagte ich. »Das weiß jeder.«

»Jeder dieser Sterne ist eine Sonne. Ein heller Tag, irgendwo.«

»Genau wie unsere Sonne«, sagte ich und imitierte seinen ernsten, suchenden Blick hinein in die Dunkelheit, » ein Stern ist.«

Jaron lachte leise und nickte. Er griff nach der Lampe. »Ich bringe dich hinunter. Es ist spät geworden.«

»Mama macht sich keine Sorgen. Sie weiß, dass ich bei dir bin. Sie macht sich nie Sorgen um mich.« Der Gedanke gefiel mir nicht, ohne dass ich sagen konnte, warum. »Gehst du zu den Sternen?« Ich blickte ihn vorsichtig an, weil ich erwartete, dass er über meine Einfälle lachte. »Bist du ein Alien?«

Die kleine Flamme von Jarons Lampe reckte sich züngelnd empor, als er an dem kleinen Rad an der Seite des Lampenfußes drehte. Ein Käuzchen rief irgendwo im Tal einsam nach einem unbekannten Artgenossen, und mit einem Frösteln spürte ich, wie kühl es geworden war. Tiefe Dunkelheit hatte die Welt geflutet, und die Lichter der Siedlung waren zu schwach, um die Konturen des Tals zu erleuchten.

Jaron hockte sich vor mich, sodass sein Gesicht auf meiner Höhe war. Er hielt die Lampe am dünnen Metallbügel in die Höhe; sie pendelte leicht und schuf ein fließendes Spiel von Licht und Schatten auf seinem Gesicht. Er blickte mir aufmerksam in die Augen, als würde er dort etwas suchen, von dem ich nichts ahnte. Sein Schweigen wurde mit einem Mal zu etwas Unheimlichem. Ich fühlte mich wie gebannt durch den Blick seiner Augen, hell und grau wie morgendlicher Nebel. Mein Herz schlug schneller, und es war, als würde ich am Rand eines Abgrundes stehen. Ein Abgrund, der immer schon da gewesen war, den ich jedoch in diesem Moment das erste Mal sah.

»Ganz genau«, sagte er in einem sanften, fast fröhlichen Ton. »Genau so ist es.«

Ich schluckte, immer noch unfähig, seinem Blick auszuweichen.

Er zwinkerte mir zu und grinste. »Meine grünen Antennen habe ich unter dem Bett versteckt, das ist doch klar.«

Was immer diesen Moment mit einer einschüchternden Fremdheit erfüllte hatte, zog sich ebenso schnell zurück, wie es gekommen war. Als ich die Luft ausstieß, merkte ich erst, dass ich den Atem angehalten hatte. Ich lachte erleichtert auf, als hätte ich mit Verspätung die Pointe eines Witzes verstanden.

»Antennen?« Ich grinste zurück. »Na klar.«

Auf dem Weg hinunter ins Dorf blickte ich ihn immer wieder verstohlen von der Seite an, wie er mit sicheren, ruhigen Schritten zum Dorf ging. Ich suchte etwas von dem Anderen, das sich für einen Augenblick in sein Gesicht geschlichen hatte. Es war verschwunden, aber es wurde zu einer Erinnerung, die mich niemals wieder verlassen sollte. Kurz bevor wir die ersten Hütten erreichten, ergriff ich Onkel Jarons Hand.

*** 

»Das ist doch völlig gestört.« Beckfred setzte die schwere Kiste ab, die er aus dem Keller geholt hatte. »Du willst mir doch nicht erzählen, dass du das glaubst?«

»Aber wieso will er dann nicht mitkommen?« Trotzig trat ich gegen einen Stein. Er schlitterte über den brüchigen Asphalt vor unserer Hoftür, wo er liegen blieb und von einer der streunenden Katzen beschnuppert wurde.

»Fremde Welten?«, Beckfred strich sich eine verschwitzte Haarsträhne aus dem Gesicht. »Schwachsinn.«

Mit einem flachen Metallstück, das wie eine alte Türzarge aussah, versuchte er, den zugenagelten Deckel der Kiste aufzuhebeln. Staub und Spinnweben gaben ihr das schäbige Aussehen eines verborgenen Schatzes. Oder einer alten Munitionskiste. Fluchend rutschte Beckfred ab und wiederholte es, bis sich der Deckel mit dem protestierenden Knarren alter Nägel löste. Entgeistert starrte Beckfred hinein. Rostfleckige Metallringe, die aussahen, als hätte man leere Konservendosen in schmale Streifen geschnitten, füllten die Kiste aus.

»Was für eine Scheiße«, er warf sein improvisiertes Brecheisen auf den Boden. »Warum haben die so eine Kiste zugenagelt? War dieser Mist jemals irgendetwas wert?« Er trat die Kiste um und ihr Inhalt ergoss sich scheppernd auf die Straße. Einige der Ringe rollten den Weg hinab, bis sie von einer der zahlreichen Unebenheiten gestoppt wurden.

»Warum machst du das eigentlich?«, fragte ich. »Müssen wir nicht packen?«

»Ja, verdammt«, rief Beckfred zornig. »Wir können uns nämlich nicht einfach so in fremde Welten verdrücken wie dein toller Jaron.«

»Er ist nicht mein toller Jaron.« Ich spürte, wie sein Zorn auf mich übersprang und ballte die Hände zu Fäusten.

Mein Bruder atmete langsam aus. »Entschuldigung«, sagte er ruhiger und wischte sich über das Gesicht. »Mama will, dass wir die alten Kisten kontrollieren, ob etwas Brauchbares darin ist.« Er seufzte. »Jahrelang interessiert es sie nicht, aber jetzt hat sie wohl Angst, etwas Wichtiges zu übersehen.«

Keines der Häuser, die von unserer kleinen Dorfgemeinschaft bewohnt wurden, hatte ursprünglich uns gehört. Auf der Flucht vor den Hungerunruhen und Kämpfen war die Gruppe irgendwann in dieses Tal gekommen und hatte das leere Dorf entdeckt. Nachdem sie Tage, dann Wochen und Monate mit furchtsamer Achtsamkeit ausharrten, schien ihnen dieses Seitental des großen Flusses sicher genug, um sich dauerhaft niederzulassen.

Was mit den ursprünglichen Bewohnern geschehen war, hatten sie niemals erfahren. Vermutlich waren diese ihrerseits geflohen und lebten nun weiter im Norden. Das jedenfalls wäre die erfreulichere Variante.

Ich war einen Monat nach unserer Ankunft zur Welt gekommen. Mein Vater war nicht Teil unserer Gemeinschaft gewesen und Mutter sprach niemals über ihn. Auch nicht darüber, was vor ihrer Flucht geschehen war, in den ersten Monaten nach dem Einschlag des Asteroiden. Beckfreds Vater war ein anderer Mann, einer, mit dem unsere Mutter Fay gelebt hatte, und dessen Bild sie noch bei sich trug. Bei den Unruhen im Süden war er getötet worden.

»Müssen wir wirklich fort?«, fragte ich meinen Bruder.

Beckfred setzte sich und lehnte sich gegen die Hauswand. Die Müdigkeit machte sein Gesicht kindlicher und glättete die Kanten, die immer markanter wurden. Nicht mehr lange und mein Bruder würde sich zum ersten Mal rasieren. Dieser Gedanke fühlte sich an, als würde Beckfred mich zurücklassen.

»Ich weiß«, sagte Beckfred. »Es gefällt mir auch nicht.« Er zog die Beine an und begutachtete eine verschorfte Kniewunde. »Im Süden ist es schlimm. Die Clanskrieger kontrollieren alles, dehnen sich nach Norden aus. Die Gewalt ist uns näher, als wir geglaubt haben. Wir sind hier nicht länger sicher.« Er hob den Kopf und sah mich an. »Das hat der Sammler erzählt, aber nur den Älteren. In der Stadt, die sie befestigt haben, soll es gut sein. Dort brauchen sie Menschen.«

»Wir dürfen Jaron nicht zurücklassen.«

»Keiner will das, Rib. Jeder mag ihn. Ich glaube, er hat ihnen bei der Flucht sehr geholfen. Er ist klug. Seltsam. Aber klug. Weißt du, dass er es war, der dieses Tal für uns fand?«

»Er will nicht mitkommen, Beckfred.«

»Fremde Welten.« Diesmal lag kein Hohn in seiner Stimme. »Wie soll er denn da hinkommen?« Sein Blick wanderte in Richtung des Spielplatzes am Ende der Welt. Er kniff die Augen zusammen, obwohl man Jarons Haus von unserem Wohnhaus nicht sehen konnte. »Warum erzählt er solche Geschichten? Wir werden mit ihm reden.«

In diesem Moment klang Beckfred wie ein Erwachsener, und der Stich in meinem Herzen ließ mich spüren, wie sehr ich meinen Bruder liebte. Dass er und ich andere Väter hatten, war für ihn niemals von Belang. Unsere Mutter verwahrte das ausgebleichte Bild seines Vaters wie einen Schatz, während von meinem Vater kein Bild existierte und über ihn niemals ein Wort gesprochen wurde. Doch das trübte Beckfreds Zuneigung zu mir nicht.

Unsere Mutter liebte uns beide, doch ihre Liebe zu mir hatte einen Schatten. Ich spürte diesen Makel damals nur, aber ich verstand ihn nicht. Heute weiß mehr von den Dingen, die im Krieg geschehen, und von den Grausamkeiten, die Männer Frauen antun, wenn der Krieg das Schlimmste in uns zum Vorschein bringt. Alle Erwachsenen des Dorfes konnten meinen unsichtbaren Schatten sehen. Vielleicht gab es in unserer kleinen Gemeinschaft nur zwei Menschen, die mich einfach so sahen, wie ich vor ihnen stand, ohne Erinnerungen und böse Geschichten: mein Halbbruder Beckfred und Onkel Jaron, der in seinem einsamen Haus die kleinen Dinge der Wirklichkeit studierte und den großen kaum Bedeutung beimaß.

Beckfred erhob sich, als unsere Mutter die Straße hinauf kam. Gemeinsam mit Dreeker trug sie eine schwarze, rechteckige Plastikwanne. Dreeker war der Vater von Zweifinger Harlon. Ein kleiner Mann mit kleinem, grauen Gesicht und strähnigen, schütteren Haaren, die wirr und ungekämmt herabhingen. Er sah zwar nicht vertrauenswürdig aus, aber er war es. Er half, wo er konnte, und versorgte die Dorfbewohner mit Fisch aus seinen Flussreusen. Die beiden stellten die Plastikwanne ab und Dreeker hob neugierig einen der Metallringe auf.

»So viel dürfen wir mitnehmen.« Fay wischte ihre verschwitzten Hände an ihrem groben Wollkleid ab und zeigte auf die Wanne.

Wir blickten sie unsicher an.

»Die Plastikwanne«, sagte Dreeker, während er kritisch die Holzkiste in Augenschein nahm, die Beckfred aus dem Keller geholt hatte, als würde er erwarten, noch andere Bauteile unbekannter Funktion darin zu finden. »Wir haben beschlossen, dass jede Familie genau so viel mitnehmen darf.« Er lächelte. »Ein Messbecher für Reisegepäck, versteht ihr?«

»Das ist kaum mehr als ein großer Koffer«, sagte Mutter. »Aber in der Stadt werden wir neue Dinge haben.« Sie sah aus, als wollte sie noch mehr dazu sagen, aber dann schwieg sie.

»Was für ein Boot wird uns abholen?«, fragte ich.

Dreeker zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung.«

Beckfred hob die Plastikwanne an. »Schätze, dafür müssen wir keine Kisten mehr aufmachen.«

»Nein.« Mutter schüttelte den Kopf. »Kaum mehr als ein großer Koffer.« Sie lachte auf, ohne eine Spur von Humor. »Immerhin mehr als wir hatten, als wir herkamen.«

»Na, dann komm, Rib«, sagte Beckfred, bevor meiner Mutter eine neue Arbeit für ihn einfiel. »Wir gehen zu Jaron.«

Wir waren schon ein paar Schritte die Straße hinauf, als Dreeker uns hinterher rief. »Sagt ihm, dass er seine Sachen packen muss. Wir gehen in zwei Tagen, höchstens drei.«

*** 

»Nein.« Onkel Jaron schüttelte den Kopf. Er saß auf seiner Verandatreppe und stützte sich entspannt auf seine Knie. Trotz seiner zahlreichen Interessen, machte er die meiste Zeit des Tages den Eindruck, als habe er nicht das Geringste zu tun.

»Vielleicht brauchen sie dich.« Beckfred hatte die Arme vor der Brust verschränkt und sah mehr denn je wie ein Erwachsener aus. »Du kennst dich aus. Mit allem. Mehr als jeder von ihnen.«

Jaron schüttelte wieder den Kopf. »Sie gehen, aber sie bleiben doch, wo sie sind.«

»Hier sind wir nicht mehr in Sicherheit.«

»Das stimmt.« Jaron nickte, als wisse er das längst.

»Wie kommst du zu den fernen Welten?«, fragte ich.

Beckfred seufzte, und ließ frustriert die Arme sinken. »Das hat er dir nur erzählt, Rib.«

Jaron blickte Beckfred und an und presste die Lippen zusammen. Dann erhob er sich, als habe er sich zu einer Entscheidung durchgerungen. »Ich zeige es euch.«

Wir starrten uns an, und ich sah, dass Beckfred mit dieser Wendung nicht gerechnet hatte. Er runzelte ungläubig die Stirn.

Ich war in all den Jahren, in denen wir im Dorf lebten, nicht oft in Onkel Jarons Haus gewesen. Es war viel zu groß für eine einzelne Person. Seine zahlreichen Zimmer waren karg und schmucklos und dennoch schien Jaron jedes für einen bestimmten Zweck vorgesehen zu haben. Es wirkte, als habe er die wenigen alten Möbel, die in dem Haus verblieben waren, sorgfältig auf alle Zimmer verteilt. In den meisten Räumen stand nur ein einziges Möbelstück. Ein Bett, in dem er schlief, ein Tisch mit einem Stuhl, eine Kommode, ein anderer Tisch mit einem alten Mikroskop, ein Schrank mit leeren Gläsern und Insektenfallen, eine Kochstelle. Es schien, als müsse man für jede Tätigkeit und jeden Handgriff den Raum oder gar das Stockwerk wechseln. Einer der Räume war leer und seine Wände waren mit Landkarten bedeckt, die er mit kleinen Nägeln befestigt hatte. Es waren alte und neue Karten in verschiedenen Größen, farbig und schwarzweiß.

Ich fühlte mich wie in der Kulisse eines Traumes, während ich durch diese wie inszeniert wirkenden Zimmer ging. Ein Traum, aus dem ich jeden Moment erwachen konnte, kurz bevor ich das Geheimnis verstehen würde.

Jaron führte uns zu dem einzigen Raum, der kein Fenster hatte. Eine kleine Kammer im ersten Stock. »Das hier«, sagte er und öffnete die Holztür, »ist die Zentrale.«

»Zentrale?« Beckfred zog die Augenbrauen hoch und blickte zweifelnd in den kleinen Raum. Jaron ging voraus und machte sich an einer Apparatur in der Ecke zu schaffen. Erstaunt kniffen wir die Augen zusammen, als plötzlich das helle Licht einer Glühbirne den Raum erfüllte.

»Du hast Strom!«, rief Beckfred überrascht aus. Jaron trat zur Seite und zeigte auf den kleinen Kasten, der in einer Ecke auf einem Hocker stand. Zwei isolierte Kabel waren mit Metallzangen an den Polen befestigt. Die Kabel führten in einen weiteren kleineren Kasten und von dort an die Decke zur Lampe.

»Strom.« Beckfred sah ehrfürchtig die Glühbirne an, die wie eine kleine Sonne unter der Holzdecke hing und ihre Umgebung mit staubigem Licht und warmen Schatten erfüllte.

»Eine alte Batterie«, erklärte Jaron. »Halbvoll. Vielleicht.« Er sah mich an. »Gefällt es dir?«

Das künstliche Licht zog meinen Blick magisch an. Es brannte unberührt und stetig, ohne jedes Flackern. Wie eine Öffnung in eine hellere Welt. Ich hob eine Hand, verdeckte das Licht und spreizte die Finger, drehte die Hand wie in einem unfühlbaren Wind. Es war das erste künstliche Licht, das ich in meinem Leben sah. Ich wusste, dass es keine Zauberei war, aber genau so fühlte es sich an. »Es ist so hell«, sagte ich.

Jaron lächelte traurig. »Nein, das ist nicht hell. Es ist sogar eine ziemlich schwache Birne. Vor deiner Zeit, vor dem Rückschritt … « Er brach ab, als wisse er nicht, wie er all das, was er mir hätte erzählen können, in wenige Sätze kleiden sollte. Schließlich machte er eine ausweichende Geste mit der Hand. »Viel mehr. Und überall.«

Ich konnte mir ein Leben, das von solchem Licht erhellt war, nicht vorstellen. Es kam mir wunderbar vor und zugleich beängstigend. Ich senkte die Augen. Ein heller Lichtfleck folgte meinem Blick wie ein Lampengeist, er war in meinem Auge und viel stärker als bei jeder Öllampe.

»Das geht gleich weg«, beruhigte mich Jaron, der meinen besorgten Gesichtsausdruck sah.

Ich zwinkerte und die anderen Gegenstände traten aus dem Licht empor. Vor der hinteren Wand stand ein Stuhl aus glänzendem Metall, in dem sich das Lampenlicht spiegelte. Der Stuhl hatte keine Beine und schwebte in der Luft. Ich öffnete erstaunt meinen Mund, aber dann erkannte ich meinen Irrtum. Der Stuhl hing an der Decke. Vier schmale, schimmernde Bänder, aus metallischen Fäden gewebt, waren an den Armlehnen und der Rückenlehne befestigt. Sie führten nach oben und waren mit dunklen Metallfedern verbunden, die mit großen Haken unter der Decke hingen.

Beckfred trat einen Schritt in den Raum hinein, um sich den Stuhl anzusehen.

»Vorsicht«, sagte Jaron und wies auf den Boden. Dort lag, in der Mitte des Raumes und an den Ecken mit bunt bemalten Steinen beschwert, eine Sternenkarte. Sie sah alt und gebraucht aus, eine bedruckte, zerknitterte Kunststofffolie. Vorsichtig ging Beckfred um die Karte und tippte gegen den Stuhl, der sich leicht an seinen Haltebändern bewegte.

»Du kannst dich ruhig setzen«, ermunterte ihn Jaron.

Mit einem metallischen Knarren gaben die Federn nach, als Beckfred in den Stuhl sank. Der Sitz sah aus wie ein alter Gartenstuhl, dem man die Beine abgesägt hatte. Probeweise wippte mein Bruder zweimal auf und ab.

Ich ging in dem kleinen Raum umher und bestaunte die Wände. Bilder von Sonnen und Sternen hingen dort, Fotos von Raketen und Astronauten, von Wissenschaftlern und Maschinen, Abschussrampen und Satelliten, Mondfahrzeugen und Raumstationen, dazu Embleme, die wie Wappen aussahen, und Fotos von zuversichtlich lächelnden Menschen. Dazwischen Konstruktionszeichnungen von Raketen und Fluggeräten, die mit Worten aus mir unbekannten Buchstaben beschriftet waren. Diese Schriftzeichen waren auch an anderer Stelle mit Kreide und Farbe an die Wand geschrieben, wo immer eine Lücke zwischen den Bildern war.

Drei Wände des kleinen Zimmers waren von der Decke bis zum Boden mit dieser verwirrenden Collage bedeckt. Nur die Wand, vor welcher der Stuhl hing, war frei. An einigen der Bilder waren mit kleinen Nägeln verschiedenfarbige Wollfäden befestigt, deren Enden verschlungen auf dem Boden lagen. Schrauben, große Metallmuttern und Zahnräder waren an ihnen befestigt.

Jaron blickte uns erwartungsvoll an. Beckfreds Blick glitt fassungslos über die Wände. Keiner von uns beiden wusste, was er sagen sollte, und ich hatte Angst, das Falsche zu sagen.

»Was ist das hier?«, fragte ich und wunderte mich zugleich, dass ich es war und nicht Beckfred, der diese Frage stellte.

»Warte«, sagte Jaron eifrig. »Komm hierhin, Rib, stell dich neben deinen Bruder. Neben den Stuhl.« Dann schloss er die Tür und wir konnten sehen, dass auch sie mit Bildern und Zeichnungen bedeckt war, die allesamt etwas mit Sternen, Weltraum und Raumfahrt zu tun hatten. Jaron bückte sich und legte die improvisierten Gewichte, die mit den Wollfäden verbunden waren, sorgfältig auf einzelne Sterne der Karte in der Mitte des Fußbodens. Die Länge der Schnüre war genau abgemessen. In gerade Linie führten sie von den Punkten auf der Karte zu verschiedenen Fotos und Bildern. Wie ein Fächer aus Schnüren oder der unvollständige Trichter eines Spinnennetzes durchzogen sie den Raum, und machten die Sternenkarte zum Mittelpunkt der Collage. Jaron musste geraume Zeit an dieser Konstruktion gearbeitet haben.

»Das ganze Haus«, erklärte Jaron. »Ist eine Art … «, er zögerte, als suche er nach dem richtigen Wort. »Eine Art Raumschiff. In diesem Raum ist die Zentrale. Von hier aus werde ich aufbrechen. Es ist ein … « Er schüttelte den Kopf. »Ihr könntet das Wort nicht aussprechen. Von hier aus gehe ich zurück. Bald ist der richtige Zeitpunkt.«

Beckfreds Gesicht blieb völlig ausdruckslos. Er schien einen Punkt jenseits der Wände anzusehen. Ich sah Onkel Jaron hilfesuchend an. Wollte er sich über uns lustig machen? War dies einer seiner schwer durchschaubaren Scherze? Seine hellen Augen musterten mich und in seinen Mundwinkeln schien sich ein spöttisches Lächeln zu verstecken, während sich die kleinen Falten in seinen Augenwinkeln vertieften. Ich sah, dass er es wusste. Er wusste, dass wir ihm nicht glauben konnten. Er wusste, dass keiner der Erwachsenen ihm glauben konnte. Ich blickte in seine hellen Augen, die scheinbar in jedem Augenblick in ein fröhliches Lachen ausbrechen konnten, und in diesem Moment erkannte ich die Wahrheit. Und ich erkannte, dass ich damit der Einzige sein würde. Onkel Jaron würde uns verlassen. Er hatte einen Zugang zu fremden Welten.

Mein Bruder presste die Lippen aufeinander und jede Spur des Erwachsenen war aus seinen Gesichtszügen verschwunden. Seine Augen waren starr und in seinem Gesicht lagen Trauer und Wut. Ich blickte zu Jaron, dessen Blick auf Beckfred voller Anteilnahme war. Hätte ich geahnt, dass es das letzte Mal war, dass ich die intensiven und warmen Augen von Onkel Jaron sah, dann wäre ich derjenige gewesen, der mit den Tränen gekämpft hätte. Aber die wirklichen Abschiede geschehen in tröstlicher Unwissenheit.

*** 

Während wir durch die ausgreifenden Schatten des Spätnachmittags wieder hinab zu den anderen Häusern und Flüchtlingscontainern gingen, sprachen Beckfred und ich nicht miteinander. Das Dorf war voller Bewegung. Die Menschen bereiteten sich darauf vor, diesen Ort zu verlassen.

»Er ist verrückt«, sagte Beckfred, als wir unser Haus fast erreicht hatten. Vielleicht hatte er den ganzen Rückweg gebraucht, bis er diesen Satz aussprechen konnte.

Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. »Was waren das für Schriftzeichen?«, fragte ich.

Er zuckte die Schulter. »Ich weiß es nicht. Vielleicht Russisch. Wie auf der alten Waffenkiste von Ellen.«

War es Russisch? Oder eine Sternensprache? Und die Karte auf dem Boden, auf der ich keines der Sternbilder gesehen hatte, die Onkel Jaron mir so oft am Nachthimmel gezeigt hatte?

Unsere Mutter blickte uns fragend entgegen. Sie stand neben der schwarzen Plastikwanne, die bis über den Rand vollgepackt war. Verschiedene Küchengegenstände und Erinnerungsstücke lagen neben der Wanne auf dem Boden. Unsere Mutter hatte sich die Auswahl nicht leicht gemacht. Erleichtert sah ich, dass wir viele wichtige Dinge meiner Kindheit mitnehmen würden. Die abgewetzte Nase eines alten Stofftieres ragte zwischen warmen Pullovern und meinem mehrfach geflickten Schlafanzug empor, und zum ersten Mal spürte ich die Aufregung des Aufbruchs. Es war wirklich wahr. Wir würden fortgehen.

»Was ist mit Onkel Jaron?«, fragte Fay meinen Bruder und warf mir einen Seitenblick zu. Onkel nannte sie ihn sonst nicht.

Beckfred schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht, dass ihr ihn überreden werdet.«

Unsere Mutter seufzte. »Vielleicht hat du recht. Er ist alt geworden. Aber was soll er ohne uns hier anfangen? Wir reden trotzdem nochmal mit ihm.«

Mein Bruder und ich wussten, dass es keinen Sinn hatte.

...

Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 12.  Mai 2017, genau hier.

Über den Autor

Michael Schneiberg veröffentlichte bereits einige phantastische Kurzgeschichten in verschiedenen deutschsprachigen Magazinen wie Nova oder Alien Contact. Als Mikel Lindblad schreibt er für junge Leser. Vielen Phantastikfans ist er außerdem als Mitbegründer und Co-Moderator des beliebten Literatur-Podcasts »Schriftsonar« bekannt. Mit „Die Sonne ist nur ein tagheller Stern“ schreibt er eine nachdenkliche post-apokalyptische Geschichte über eine schicksalhafte Freundschaft.

---

© 2016 Michael Schneiberg
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Alle Rechte vorbehalten

 

 

Share:   Facebook