Fiction: Der Terminator - Träume von einer anderen Welt von Laurence Suhner

© NASA-JPL/Caltech

FICTION FRIDAY

Der Terminator - Träume von einer anderen Welt von Laurence Suhner


Laurence Suhner
17.03.2017

Vor kurzem dachten wir noch, dass es nur eine Erde gibt. Doch dann hat man sieben erdähnliche Planeten im System von Trappist-1 entdeckt. Die Schweizerin Laurence Suhner hat sich in ihrer Kurzgeschichte „Der Terminator – Träume von einer anderen Welt“ ausgedacht, wie die erste Besiedlung von Trappist-1e aussehen könnte.

*** 

So. Hier bin ich. An der Schwelle von Dunkelheit und Licht. Genau an der Grenze zwischen der den Sternen zugewandten und der ewig schattigen Seite. Das ist, als befände ich mich am äußeren Rand der sichtbaren Welt, am Ende des beobachtbaren Universums. In der grauen Zone, im permanenten Zwielicht, wo die Schatten sich strecken und eine seltsame Landschaft verhüllen. Yin und yang.

Das Geräusch des Motors verklingt. Ich brauche die Stille.

Ich trete auf das Vordeck meines Schiffes – mein Tauchboot, die kostbare Fracht in den Händen. Die Strömung schaukelt das Boot, und eine Bö trifft mich mit solcher Wucht, dass ich nach der Reling greifen muss. Vor mir auf dem Schiff erstreckt sich die dunkle Seite. Wie alle Planeten in diesem System befindet sich TRAPPIST-1e, von den ersten Siedlern in Nuwa umbenannt, in synchroner Rotation. Immer die gleiche Seite seiner Sonne zugewandt, stellt er eine gegensätzliche Realität dar. Ewige Nacht. Oder ewiger Tag. Es hängt alles davon ab, wo man ist. Im Osten oder Westen des Terminators.

Hinter mir glitzert im dunkelroten Schein der Sterne die Oberfläche des tiefen Ozeans, der einen großen Teil dieser Welt bedeckt. Indem er den hohen Temperaturunterschieden der zwei Hemisphären entgegenwirkt, konnte in einer ursprünglich feindlichen Umgebung Leben entstehen. Nach ausgiebigen Beobachtungen von der Erde aus entdeckten die Forscher biologische Marker in der Atmosphäre des Planeten – Wasser, Kohlenstoff, Sauerstoff, Ozon, Methan –, und das System TRAPPIST-1 wurde als eines der Ziele für das lange extrasolare Exil der Menschheit ausgewählt.

Ich stehe einen Moment an Deck, fasziniert von dem sich verdunkelnden Ozean, während er in der Nacht verschwindet. Myriaden von Sternen durchlöchern das Wasser: Biolumineszenz. Nuwas Ozean wimmelt von Lebensformen, die sich fortwährend zwischen den beiden Hemisphären bewegen. Sie folgen den Wasserströmungen und den Bewegungen der stürmischen Winde, die durch den Gegensatz der Temperaturen nahe der Oberfläche entstehen. Zusammen mit der mildernden Kraft des Ozeans garantieren die Winde, dass es auf beiden Seiten des Terminators bewohnbare Gegenden gibt. Sie kühlen Nuwas helle Seite und erhitzen die dunkle.

Ich erschauere bei dem Gedanken an all die fremden Kreaturen, die sich in den Tiefen unter dem Rumpf verstecken. Die Stelle, an der ich angehalten habe, ist ideal für meine Aufgabe: Es gibt ein Vorne und ein Hinten, ein Vorher und ein Nachher. Den Anfang oder, je nach dem, das Ende des Tages. Und das Ende eines Lebens: das Leben meiner Mutter.

Nachdem ich einen Blick auf meine Instrumente geworfen habe, schiebe ich die Atemmaske beiseite. Hier besteht kein Risiko. Meeresgeruch liegt in der Luft. Es sind 15°C. Menschen nehmen die infrarote Strahlung des Sterns TRAPPIST-1, des ultrakalten Zwergs, der von den Astronomen der Erde vor fast 400 Jahren untersucht wurde, eher als Hitze denn als sichtbares Licht wahr. Aber ich müsste mich nur ein paar Dutzend Kilometer auf die Nachtseite des Sterns wagen, und die Temperatur würde so stark fallen, dass ein Überleben unmöglich wäre. Eigentlich müsste es viel kälter sein, denn den Planeten erreicht weniger Licht als die Erde. Aber die letzten drei Planeten im Sonnensystem haben eine so dichte Atmosphäre, dass sie, zusammen mit den Prozessen des Ozeans, die Temperaturschwankungen abmildern und uns vor der ultravioletten und der Röntgenstrahlung schützen.

Ich spüre die Urne in meinen Händen. Sie ist so leicht. Ich öffne den Deckel, und ein paar der Partikel entwischen, werden vom Wind davongetragen.

Alles, was von meiner Mutter übrig ist. Sie ist mit mir hier angekommen, am Ende einer fast drei Jahrhunderte währenden Reise. Sie war 35 Jahre alt. Ich war 5. Ich erinnere mich nur an die letzten Wochen der Fahrt, als die Bewohner des Kolonisatorenschiffs einer nach dem anderen aus dem Kälteschlaf erwachten und den ersten der vielen Planeten dieses kleinen Systems bewunderten: ein winziger Stern, kaum größer als Jupiter, und sein Gefolge aus synchronen, erdähnlichen Planeten. Darunter drei mit Gebieten, die für eine menschliche Besiedlung geeignet waren.

Die Asche meiner Mutter verteilt sich in Nuwas dicker Luft. Sie schwebt hinauf in die Atmosphäre, getragen von den steigenden Luftströmungen. Irgendwann wird sie wieder ins Meer gleiten, in das Meer, das ich mein Leben lang auf meinem Schiff befahren habe.

Ich warte auf den Tag, an dem …

Ich schaue nach oben und sehe TRAPPIST-1f, jetzt Pangu, ein anderer Planet im System. Er ist so nahe, dass er am irdischen Himmel wie ein Halbmond aussehen würde. Manchmal genieße ich diesen Blick durch mein Teleskop von der Insel, auf der ich mich vor zwanzig Jahren niedergelassen habe. Auf der Tageslichtseite kann ich Städte erkennen: Mélania, Béhor, Altaïra. Das System TRAPPIST-1 mit seinen kurzen interplanetaren Entfernungen könnte der Schauplatz einer Weltraumoper sein. Von Nuwa nach Pangu zu reisen, dauert eine Woche. Ein Lilliput-System, dessen Welten wie benachbarte Länder erscheinen.

Weit hinter TRAPPIST-1f schwebt TRAPPIST-1g, nun Shennong genannt. Seine Atmosphäre ist so dicht wie die der Venus, aber weniger giftig, und verbirgt den Planeten vollkommen. Bei sehr seltenen Gelegenheiten, wenn die Stürme so heftig über den Globus toben, dass die Wolkendecke für ein paar Sekunden aufreißt, enthüllen sie eine gigantisches Bauwerk. Das Artefakt. Eine oberirdische, mehrere Kilometer hohe Konstruktion. Vielleicht ein Weltraumfahrstuhl oder ein Atmosphärenprozessor?

Ich habe es in dem Jahr zum ersten Mal gesehen, als ich zwanzig wurde.

Dieses Ereignis hat mein Leben gezeichnet.

Seitdem warte ich. Ich warte auf den hypothetischen Tag, an dem es uns erlaubt ist, Shennong zu betreten. Im Moment ist diese Welt nicht zu erreichen. Alle Versuche dort zu landen, wurden abgebrochen. Keine Übertragung schafft es durch die dicke Atmosphäre.

Aber sie sind da.

Und sie sind alt. Ihre Zivilisation entstand lange vor der unseren. Sie wussten, dass wir kommen würden. Sie müssen uns in unserer interstellaren Blechbüchse beobachtet haben, während sie die vierzig Lichtjahre verschlang, die uns von der Erde trennen.

Aber wir haben ihre Existenz erst an dem Tag entdeckt, als eines unserer Erkundungsschiffe Shennong zu nahe kam.

Ich übe mich in Geduld. Und ich träume. Intensiv. Wie damals, als ich ein kleines Mädchen war.

Eines Tages.

Eines Tages wird es uns erlaubt sein, diese geheimnisvolle Welt zu besuchen.

Wann?

Wenn wir weise sind, sagte meine Mutter einige Monate vor ihrem Tod.

Ich hoffe nur, dass dieser Tag kommt, solange ich noch lebe.

 

Die nächste Story erwartet dich am Freitag, den 31. März 2017, genau hier.

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© 2017 by Laurence Suhner
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin

Zuerst erschienen in Nature 542, 512 (23.2.2017), nature.com

© der Übersetzung 2017 by Inger Banse
Mit freundlicher Genehmigung der Übersetzerin

 

 

Laurence Suhner ist eine Schweizer Science-Fiction- Autorin und hat die QuanTika-Trilogie verfasst. Im Moment unterrichtet sie kreatives Schreiben an der Universität von Genf. Die vorliegende Geschichte wurde von Sheryl Curtis aus dem Französischen ins Englische übersetzt und von Inger Banse aus dem Englischen ins Deutsche.

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