Kurzgeschichte von Daryl Gregory: Uns geht's allen total gut

FICTION

Uns geht's allen total gut von Daryl Gregory (1/11)


In Daryl Gregorys Kurzroman »Uns geht's allen total gut« (ausgezeichnet mit dem World Fantasy Award) treffen die Opfer übernatürlicher Gewaltverbrechen in einer Therapiesitzung aufeinander. Und ihr könnt an genau dieser Sitzung teilnehmen. Mehrmals pro Woche veröffentlichen wir ein weiteres Kapitel aus der Novelle. Und wer die Story schon jetzt in einem Rutsch lesen möchte, kann sich hier das E-Book herunterladen.

Und das ist die Therapiegruppe: Harrison ist ein Geisterjäger mit Schlafproblemen. Stan wurde einmal – zur Hälfte – von einer Gruppe Kannibalen verspeist. Barbara wurde eine sehr persönliche Botschaft in die Knochen geritzt. Ob Greta nur ein wenig mysteriös oder eine Massenmörderin ist, weiß niemand mit Bestimmtheit. Und Martin? Martin nimmt seine Sonnenbrille nicht ab. Nie. Und alle haben sie Geschichten zu erzählen, die regelrecht unter die Haut gehen.

Willkommen in der Therapiegruppe der Opfer unnatürlicher Gewaltverbrechen unter der Anleitung von Dr. Sayer. Nehmt also bitte Platz, macht es euch bequem. Wir starten jetzt die erste Gruppensitzung.

Kapitel Eins

Am Anfang waren wir zu sechst. Drei Männer, zwei Frauen und Dr. Sayer. Jan, auch wenn einige von uns es nie schafften, sie mit dem Vornamen anzureden. Sie war die Psychologin, die uns erst aufstöberte und dann davon überzeugte, dass uns eine Gruppenerfahrung vielleicht weiterbringen würde, als es Einzelstunden je konnten. Schließlich hatten wir unter anderem das Problem gemeinsam, dass wir uns jeder für einzigartig hielten. Nicht nur Überlebende, sondern einzige Überlebende. Wir trugen unsere Narben wie Medaillen.

Harrison zum Beispiel, der beim Gründungstreffen als einer der Ersten eintrudelte. Er war einmal der junge Held von Dunnsmouth gewesen. Der Monsterdetektiv. Nun saß er hinter dem Steuer seines Wagens, betrachtete die Fenster der Praxis und fragte sich, ob er das Versprechen, das er Dr. Sayer gegeben hatte, vielleicht lieber brach und sich verdrückte. Die Praxis befand sich in einem zweistöckigen Craftsman-Haus im Norden der Stadt, in einem waldigen Viertel, das je nach Lichtverhältnissen düster oder gemütlich aussehen konnte. Vor zehn Jahren hatten Therapeuten dieses Einfamilienhaus neu aufgeteilt und bezogen; sie hatten die hinteren Räume in Sprechzimmer umfunktioniert, aus dem Wohnzimmer einen Warteraum gemacht und im Vorgarten ein Schild mit dem neuen Namen aufgestellt: »The Elms«, die Ulmen. Vielleicht nicht der beste Name, fand Harrison. Er hätte eine weniger gefährdete Art vorgeschlagen.

Heute wirkte die Straße keineswegs düster. Es war ein sonniger Frühlingstag, einer der wenigen erträglichen Tage, die der Stadt vergönnt waren, bevor die sommerliche Hitze und Feuchtigkeit heranrollten. Wozu also neunzig Minuten davon mit Selbstmitleid und gemeinschaftlicher Demütigung verbringen?

Er traute schon der Grundprämisse von Therapien nicht. Bei der Vorstellung, dass Menschen sich ändern konnten, so hatte er während des Vorgesprächs zu Dr. Sayer gesagt, handelte es sich um einen selbstwertdienlichen Irrglauben. Sie war überzeugt, dass Menschen die Kapitäne ihres Schicksals waren. Er stimmte dem zu, solange man dabei mitbedachte, dass ein Kapitän zwangsläufig mit seinem Schiff untergehen würde und sich dagegen absolut nichts ausrichten ließ. Wer trotzdem mit der Hand am Steuer stehen und so tun wolle, als würde er über die Richtung bestimmen, könne das seinetwegen ja gern machen.

Dr. Sayer entgegnete: »Und doch sind Sie hier.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich kann schlecht schlafen. Mein Psychiater meint, er verschreibt mir die Tabletten nur weiter, wenn ich es mit Therapie probiere.«

»Ist das alles?«

»Außerdem gefällt mir die Vorstellung, meinen Nihilismus einzudämmen. Nur ein kleines bisschen. Nicht weil das Leben nicht bedeutungslos wäre – ich denke, das lässt sich kaum bestreiten. Nur ist es sehr ermüdend, sich seiner Bedeutungslosigkeit ständig bewusst zu sein. Ich hätte nichts gegen ein paar ahnungslose Momente einzuwenden. Ich würde gern den Wind im Gesicht spüren und ausnahmsweise einmal nicht überzeugt sein, dass ich gleich in die Felsen krache.«

»Sie meinen, Sie wären gern glücklich.«

»Ja. Das.«

Sie lächelte. Ihm gefiel dieses Lächeln. »Versprechen Sie mir, dass Sie es einmal mit der Gruppe versuchen«, hatte sie gesagt. »Ein Treffen nur.«

Nun kamen ihm Zweifel. Noch war es nicht zu spät, wieder wegzufahren. Er konnte sich immer noch einen neuen Psychiater suchen, der die Tabletten rüberschob.

Ein blau-weißer Transporter fuhr auf den Behindertenparkplatz vor dem Haus. Der Fahrer sprang heraus. Ein stämmiger junger Weißer mit Fusselbart, der die halbherzige Uniform der Kleinunternehmer trug: buntes Poloshirt über Khakis. Er öffnete die hintere Tür des Transporters, in dem ein alter Mann im Rollstuhl wartete.

Der Fahrer betätigte einen Steuerkasten, und der Lift beförderte Stuhl und Sitzenden mit der roboterhaften Zeitlupe eines Space-Shuttle-Arms nach unten. Mit seiner Atemmaske, den Plastikschläuchen und der Sauerstoffflasche war der Alte bereits ein halber Astronaut. Handschuhe trug er anscheinend auch.

Gehörte dieses Fossil zur Gruppe oder hatte es bei einem anderen Therapeuten einen Termin? Was für kaputte Typen hatte Dr. Sayer denn da zusammengekratzt? Harrison hatte keine Lust, stundenlang mit Leuten herumzusitzen, die als Letzte von der Verliererinsel heruntergewählt worden waren.

Der Fahrer war offenbar nicht der Patenteste, was den Umgang mit Patienten anging. Anstatt den langen Weg über die Rampe zu nehmen, schob er den Alten zur Bordsteinkante, kippte ihn dann grob nach hinten – viel zu weit – und ließ die Vorderräder auf den Gehweg knallen. Der Alte presste sich die behandschuhten Hände vors Gesicht, damit die Maske nicht abfiel. Mit weiterem Hieven und Rucken rollte der Fahrer ihn die Stufen hoch und ins Gebäude.

Dann bemerkte Harrison die Kleine auf der Parkbank gegenüber. Achtzehn, vielleicht neunzehn Jahre alt, schaute sie dem Alten und seinem Fahrer konzentriert zu. Sie trug ein schwarzes langärmeliges Shirt, schwarze Jeans, schwarze Chucks: die Standard-Burka für Gothics. Ihre kurzen weißen Haare sahen weniger gestylt denn misshandelt aus. Ihre Hände umfassten den Rand der Bank, und sie entspannte sich nicht einmal, als die beiden im Haus verschwunden waren. Sie war wie eine Wildkatze: dürr, mit glitzernden Augen, zerzaust. Kurz davor, die Flucht zu ergreifen.

In den nächsten Minuten beobachtete er die Kleine dabei, wie sie das Haus beobachtete. Einige Passanten gingen vorüber, dann stieg eine hochgewachsene Weiße die Stufen hoch. Um die vierzig, sorgfältig frisiert und im Hillary-Clinton-Hosenanzug. Ihre Bewegungen hatten etwas sehr Bewusstes; sie setzte jeden Schritt so, als würde sie dabei die Stabilität des Untergrunds testen.

Hinter der Frau stapfte ein Schwarzer in Flanellhose und schweren Arbeitsstiefeln die Stufen rauf. Sie blieb stehen und wandte sich um. Der Mann sah hoch zum Dach der Veranda. Seltsame Aktion. Er trug einen Rucksack und eine fette Sonnenbrille, und Harrison konnte sich nicht vorstellen, was es da oben auf dem Dach zu sehen gab. Die Weiße sagte etwas zu dem Mann, hielt die Tür auf, und er nickte. Gemeinsam gingen sie hinein.

Es war fast sechs, darum nahm Harrison an, dass alle, die gerade gekommen waren, zur Gruppe gehörten. Nur die Kleine hatte sich noch nicht vom Fleck gerührt.

»Ach, was soll’s.« Er stieg aus, bevor er es sich wieder anders überlegen konnte, und ging zum Haus. Als er den Gehsteig davor erreichte, sah er kurz über die Schulter – ganz beiläufig nur. Die Kleine bemerkte es und schaute weg. Sie war eindeutig auch zur Gruppe eingeladen. Jede Wette, dachte er, dass die von allen den größten Hau weg hat.

*** 

Der Fahrer kam gerade raus, als Harrison eintrat. Harrison nickte ihm zu – beziehungsweise bedachte ihn mit dem, was er das Kumpelnicken nannte: ein knappes Heben des Kinns, mit dem nordamerikanische Männer einander grüßten. Der Fahrer runzelte die Stirn, als hätte Harrison sich irgendwie danebenbenommen.

Alles klar, dachte Harrison. Der Bursche war allen gegenüber ein Arsch, nicht nur bei seinen Fahrgästen.

Dr. Sayer stand im Erdgeschoss vor einem Raum wie eine Lehrerin, die bei der Einschulung ihre Klasse empfängt. Sie war auch wie eine Lehrerin angezogen, in Rock und Pulli, nur dass Harrison auf sie runterguckte. Sie war gerade mal eins fünfzig groß, mit dünnen Armen und sehnigen Beinen, aber einem überraschend stämmigen Leib. Ihm schossen mehrere unschöne Vergleiche durch den Kopf, Mrs. Potato Head oder so ein Zeichentrick-M&M, aber zum Glück konnte sie ja nicht Gedanken lesen.

»Harrison«, sagte sie. »Wie schön, dass Sie gekommen sind. Ist alles in Ordnung?«

»Alles prima.« Was hatte sie in seinem Gesicht gesehen? Sein Urteil über sie? Seine Verärgerung über den Fahrer? Er musste bei der Ärztin besser aufpassen. Bei der ganzen Gruppe vielleicht. »Ich hab gesagt, dass ich komme, also bin ich da.«

Sein Tonfall war immer noch zu scharf, aber Dr. Sayer beließ es dabei. »Gehen Sie rein und setzen Sie sich.« Sie deutete in den Raum. Beim ersten Mal hatten sie oben miteinander geredet, in ihrem regulären Sprechzimmer vermutlich. Für die Gruppe brauchte sie wohl mehr Platz. »Wir fangen gleich an«, sagte sie.

Er zögerte, und sie neigte fragend den Kopf. Er dachte kurz daran, ihr von der Kleinen draußen zu erzählen, aber dann überlegte er es sich anders. »Alles klar«, sagte er. »Wir sehen uns drinnen.«

Die drei Leute, die vorhin ins Haus gegangen waren, saßen auf der einen Seite des Kreises. Der Mann im Rollstuhl hatte seine Maske abgenommen. Harrison begriff entsetzt, dass er keine Hände hatte; die Arme endeten unterhalb der Ellbogen, und die Stümpfe steckten offenbar in Sportsocken.

Harrison hob grüßend eine Hand – und bekam prompt ein schlechtes Gewissen. Guck mal, ich hab Hände.

»Hallo«, sagte der Alte. Die Frau im Hosenanzug lächelte freundlich.

Der Mann mit der Sonnenbrille schien ihn gar nicht zu bemerken. Er war erst in den Zwanzigern, wurde Harrison klar. Vielleicht sogar noch im selben Alter wie die Kleine draußen.

Es gab sechs Stühle, einschließlich des Rollstuhls. Auf dem einen lagen Stift und Notizbuch, womit er für Dr. Sayer reserviert war. Die einzigen freien Plätze waren links und rechts neben der Therapeutin. Sie behagten ihm beide nicht. Der eine war neben Ironside, der andere neben Stevie Wonder. Und nun konnte er sich nicht möglichst weit weg von dem Behinderten hinsetzen, ohne wie ein Arschloch rüberzukommen.

»Ich bin Stan«, sagte der Alte.

Bevor Harrison antworten konnte, sagte der Mann mit der Sonnenbrille: »Ich glaube, wir warten besser.«

Stan fragte: »Worauf denn?«

»Bis alle da sind.«

Harrison wandte sich an Stan. »Ich bin Harrison.«

Die Frau warf einen Blick zu dem Mann mit der Sonnenbrille und zögerte.

»Und wie heißt du?«, fragte Harrison sie.

Sie wirkte verlegen. »Ich bin Barbara.«

Er streckte eine Hand aus. »Schön, dich kennenzulernen, Barbara.«

Sonnenbrille machte den Mund auf und schloss ihn wieder. Das ließ alle verstummen. Der Moment dehnte sich, der fünfte Stuhl blieb leer.

Das hier musste einmal der Sonnenraum des Hauses gewesen sein und noch davor eine offene Veranda. Die Psycho-Docs hatten sich alle Mühe gegeben, das zu verbergen, hatten Teppiche ausgelegt und einen Großteil der Fenster hinter Raffrollos versteckt, aber für eine vertrauliche Therapiegruppe gab es immer noch zu viel nacktes Glas. Draußen lag ein kleiner Garten, der von Thujen umstanden war. Ein Voyeur hätte sich mühelos zwischen den Sträuchern verstecken können. Harrison fragte sich, ob die Therapeuten das richtig durchdacht hatten. Dann fragte er sich, was eigentlich der Sammelbegriff für Psychologen war. Ein Schwarm Seelenklempner? Ein Bündel Berater?

Dr. Sayer kam rein. »Damit sind wir für heute wohl vollständig.« Sie nahm ihr Notizbuch und setzte sich.

»Haben Sie noch eine blonde Frau erwartet?«, fragte Harrison. Alle sahen ihn an. »Weil ich draußen eine gesehen habe.«

Dr. Sayer überlegte kurz, dann sah sie auf ihre Armbanduhr. Harrison dachte: Klar guckt sie auf die Uhr. Ein charakteristisches Requisit für diesen Beruf.

»Ich denke, wir fangen einfach an«, erklärte sie. »Als Erstes, sagen Sie bitte Jan zu mir. Einige von Ihnen kennen mich schon über ein Jahr, aber mit anderen habe ich erst einmal geredet. Wir haben alle in Einzelgesprächen geklärt, warum Sie diese Gruppe vielleicht nützlich finden werden. Jeder von Ihnen hat Erfahrungen gemacht, die von Therapeuten nicht ernst genommen worden sind. Manchmal glauben nicht einmal Ihre Freunde und Ihre Familie, was Ihnen zugestoßen ist. Viele von Ihnen sind zu dem durchaus vernünftigen Schluss gekommen, dass es nicht sicher ist, über Ihre Erfahrungen zu reden. Diese Gruppe ist dieser sichere Ort. Wir haben alle zugestimmt, dass alles, was hier besprochen wird, absolut vertraulich bleibt.«

Niemand sagte etwas. Harrison sah sich verstohlen um. Alle konzentrierten sich auf die Ärztin.

»Stellen Sie sich diesen Raum als Labor vor«, sagte die Ärztin – Jan. »Hier können Sie experimentieren. Mit Ehrlichkeit, mit dem Ausdrücken von Gefühlen, sogar von richtig negativen Gefühlen. Wenn Sie das in der wirklichen Welt versuchen – bloß aufpassen. Gefühle werden verletzt, es gibt Missverständnisse ...«

»Man kommt ins Irrenhaus«, sagte Stan.

Jan lächelte. »Hier jedoch ist es Ihre Aufgabe, richtiges Feedback zu geben und es anzunehmen. Nirgendwo anders können Sie so ehrlich sein und trotzdem nächste Woche wieder mit den anderen zusammensitzen.«

»Eine Dinnerparty für überzeugte Masochisten«, sagte Harrison.

Niemand lachte. Ups, dachte er.

»Warum gehen wir nicht reihum und stellen uns vor«, regte Jan an.

»Damit haben sie schon angefangen«, sagte der Mann mit der Sonnenbrille. »Als Sie noch draußen waren.«

»Das ist nur verständlich«, entgegnete Jan.

»Ich heiße Stan.« Der Alte hustete heftig und räusperte sich. »Ihr könnt euch bestimmt schon denken, wer ich bin – diese Stümpfe lassen sich schlecht verbergen.« Er grinste, und seine Zähne wirkten zu groß und zu weiß. »Darum … ja. Ich bin der Mann, der die Weavers überlebt hat.«

Das Alter schien Harrison zu passen. Barbara, die links von Stan saß, nickte. Der Mann mit der Sonnenbrille fragte: »Die wen, bitte?«

Stan wandte sich in seinem Stuhl um. »Die Weavers«, sagte er lauter. Bei Sonnenbrille machte es immer noch nicht klick. »Die Kannibalen von Arkansas?«

»Nie gehört.«

Stan schien fassungslos. »Die Spinnenleute?«

»Das ist lange her«, sagte Harrison. »Vielleicht ist er zu jung.«

»1974! Und du bist auch nicht älter«, sagte Stan. Harrison dachte: Doch, schon. Sonnenbrille war etwa fünf oder zehn Jahre jünger, Mitte zwanzig vielleicht, auch wenn ihn sein schwammiges Gesicht älter aussehen ließ. Oder vielleicht konnte Stan das Alter von Schwarzen auch einfach schlecht schätzen.

Der Alte murmelte etwas und schob sich die Sauerstoffmaske vors Gesicht.

»Tut mir leid«, nuschelte Sonnenbrille. »Mir sagt das eben bloß nichts.«

»Es war die Story des Jahres.« Stan hatte die Maske wieder heruntergestreift. »Ich war in der Merv Griffin Show

»Vielleicht solltest du weitermachen«, sagte Harrison zu dem Mann mit der Sonnenbrille. Er hatte sie immer noch nicht abgenommen, obwohl sie dunkel und klobig war. Er schien sie weniger aus Modegründen zu tragen, sondern weil er sie brauchte. War er blind? Vielleicht sollte ich netter zu ihm sein, überlegte Harrison. Nach einer zu langen Pause fügte er hinzu: »Wenn es dir nichts ausmacht.«

Die Aufforderung schien den Mann aus dem Konzept zu bringen. »Sie sitzt neben ihm.« Er zeigte zu Barbara. »Ich bin noch nicht dran.«

»Ach, ich kann warten«, sagte sie.

Harrison sah den Mann mit der Sonnenbrille an und dachte: Ernsthaft? Du musst nach der Reihenfolge gehen?

Es war ihm anscheinend anzusehen, denn der Mann sagte: »Ich bin Martin.«

»Hallo, Martin.« Barbara streckte ihm ihre Hand hin, und er schüttelte sie zögernd.

»Soll ich von mir erzählen?«, fragte er Jan. »Warum ich hier bin?«

»Womit immer Sie sich wohlfühlen«, antwortete die Ärztin. »Sie können ...«

Martin zuckte auf seinem Stuhl zusammen. Sah mit entsetztem Gesicht an Jan vorbei. Die Ärztin wandte sich um.

In der Tür stand diese blonde Kleine. Die Aufmerksamkeit der Gruppe schien wie grelles Licht für sie zu sein. Einen Moment lang hielt sie ihr stand, dann kam sie mit gesenktem Blick und verschlossener Miene herein und setzte sich auf den letzten freien Platz, zwischen Martin und Dr. Sayer.

»Danke, dass Sie gekommen sind«, sagte die Ärztin.

Die Kleine hob den Blick. »Ich bin Greta.«

Harrison, Barbara und Stan anworteten wie die Anonymen Alkoholiker im Chor: »Hallo, Greta.«

Sie stellten sich reihum noch einmal vor. Als Martin dran war, bekam er kaum den Mund auf. Er wollte die Neue offenbar nicht anschauen.

Stan fragte: »Hast du je von den Weavers gehört?«

Greta machte eine winzige Kopfbewegung. Nö.

»Herr im Himmel«, sagte Stan.

***

Die nächste Stunde war mit der höflichen Konversation von Leuten gefüllt, die nichts falsch machen wollten. Martin hatte aufgehört zu reden, Greta gar nicht erst angefangen, nur Stan ließ sich nicht bremsen. Harrison erging sich in Phantasien, wie er ihm den Sauerstoff abdrehte.

Jan sagte: »Wir müssen langsam zum Schluss kommen. Vielleicht möchten Sie noch Ihre Eindrücke teilen? Wie läuft es für Sie? Was denken Sie von den anderen?«

Von den anderen? Davon ließ Harrison lieber die Finger. Jan zufolge waren sie alle Traumaüberlebende mit vergleichbaren Erfahrungen. Wenn sie auch nur einen Bruchteil von derselben Scheiße durchgemacht hatten wie er, dann mussten das wirklich ganz außergewöhnliche Traumata sein. Warum Stan hier war, lag sozusagen auf der Hand; er war ein Opfer alter Schule und es nie leid geworden, seine Stümpfe herzuzeigen. Barbara hatte kaum darüber gesprochen, was ihr zugestoßen war, nur dass sie eine Attacke überlebt hatte und seit den 1990ern zu Dr. Sayer ging. Anscheinend kam sie gut zurecht. Sie war ruhig und beruhigend, eine geborene Krankenschwester. Greta dagegen konnte definitiv niemandem helfen. Sie war total verstört, und ihr übernatürliches Horrorerlebnis lag wahrscheinlich noch kein Jahr zurück. Den Schwarzen mit der Sonnenbrille, Martin, konnte Harrison überhaupt nicht einschätzen.

Und was war mit der guten Frau Doktor? Er hatte erst zwei Stunden bei ihr gehabt, nachdem sie ihn wegen der Mitarbeit bei der Gruppe kontaktiert hatte. Sie glaubte ihm seine Geschichte, hatte sie gesagt, was nur gelogen sein konnte. Er hätte sich seine Geschichte nicht geglaubt.

»Ich finde, es läuft, wie zu erwarten war«, sagte Harrison. Nämlich ins Leere.

Barbara sagte: »Mir ist bei Martin was aufgefallen. Er sieht Greta anscheinend nie an.«

»Woher soll man das wissen?«, fragte Stan. »Er nimmt die verfluchte Sonnenbrille ja nie ab.«

»Es wirkt wirklich so, als ob du dich dahinter versteckst«, sagte Barbara freundlich zu dem jungen Mann. »Ich würde gern wissen, was du denkst, aber ich kann es nicht erkennen.«

Unvermittelt wurde Harrison klar, was es mit der Brille auf sich hatte. Er beugte sich vor. »He. Martin.« Der Knabe reagierte nicht. »Martin.«

Martin zögerte, dann drehte er seine Alienaugen in Harrisons Richtung.

Harrison fragte: »Nimmst du das hier gerade auf?«

Martin kniff die Lippen zusammen, wandte sich jedoch nicht ab.

Harrison erklärte: »Du trägst irgendeine neue Art Google-Brille.«

»Nein, keine von Google. Die hier wird von einem Start-up-Unternehmen hergestellt und heißt –«

»Nimm sie ab, Scheiße noch mal.«

Der Fluch ging hoch wie eine kleine Bombe. Bis jetzt waren alle ausgesprochen höflich gewesen.

Martin rührte sich nicht. Eine Weile sagte niemand etwas, dann fragte Stan: »Was meint er damit? Wer nimmt das hier auf?«

»Ich jedenfalls nicht«, sagte Martin.

Harrison legte die Hände auf die Knie, verlagerte sein Gewicht. Alle in der Runde spannten sich an. Neben ihm gab Greta einen Laut von sich, der so leise war, dass nur er ihn hören konnte. Dr. Sayer beobachtete ihn, machte jedoch keine Anstalten, einzugreifen.

Harrison war genervt. Wie jetzt? Sich vorbeugen war doch keine agressive Handlung. Es deutete höchstens an, dass man zum Handeln bereit war. Oder dass gleich die erste einer Abfolge von Handlungen kam: eins, Harrison springt auf; zwei, er streckt die Hand nach dem teigigen, wehrlosen Martin aus; drei, er reißt ihm die Brille von der Scheißvisage.

Harrison lehnte sich zurück, schloss die Augen und holte tief Luft. »Ich wäre dir sehr verbunden, Martin, wenn du die Brille abnimmst.«

Niemand sagte etwas. Schließlich öffnete Harrison wieder die Augen.

Martin glotzte jetzt Richtung Fußboden. »Dr. Sayer hat gesagt, ich darf sie aufbehalten«, erklärte er kleinlaut.

Barbara runzelte die Stirn: »Stimmt das, Jan?«

»Ich habe gesagt, er muss sie nicht abnehmen, um an der Gruppe teilnehmen zu dürfen«, erklärte Dr. Sayer. »Er hat mir versprochen, weder Aufnahmen zu machen noch weiterzuerzählen, was hier passiert – die gleiche Vereinbarung, die ich mit Ihnen allen getroffen habe.«

»Ich hab ihr mein Wort gegeben«, sagte Martin.

»Und ich will mich gern auf sein Wort verlassen«, fuhr Jan fort. »Ich habe ihn jedoch auch darauf hingewiesen, dass die Gruppe vielleicht darüber reden möchte, dass er sie trägt.«

»Ich will hier drin keine Kamera«, sagte Stan.

Martin machte keine Anstalten, die Brille abzunehmen.

Jan fragte: »Greta, haben Sie vielleicht eine Meinung dazu?«

Harrison sah Greta an, ohne es offensichtlich zu machen, dass er sie ansah. Sie war nicht schön – ihr Gesicht hatte irgendetwas Asymmetrisches –, aber sie sah toll aus.

»Mir ist die Brille egal«, sagte sie.

»Martin, wie geht es Ihnen mit diesem Feedback?«, fragte Jan.

»Mich stört die Feindseligkeit. Was ist mit Stan und seiner Maske? Wollt ihr von ihm verlangen, dass er seinen Rollstuhl draußen lässt?«

»Was hat das denn damit zu tun?«, protestierte Stan.

Barbara fragte: »Hast du das Gefühl, du brauchst die Brille?«

Stan gab einen verächtlichen Laut von sich.

»Mich stören diese Einschüchterungsversuche«, sagte Martin. »Von ihm.«

»Von mir?«, fragte Harrison.

Barbara lächelte ihn knapp an. »Du wirkst schon ein bisschen wütend.«

»Ich bin nicht wütend.« Alle sahen ihn an, sogar Greta. »Wirklich nicht!« Wie war das denn gelaufen, verdammt? Eben hatten sie noch über Martins Brille geredet, und jetzt stürzten sich alle auf ihn. »Ist es, weil ich geflucht habe? Dafür möchte ich mich entschuldigen.«

»Um das Fluchen geht es nicht«, sagte Barbara. »Ich hatte den Eindruck, du bist genervt, weil du hier bist. In einem Raum mit uns Gestörten.«

»Das stimmt so nicht«, widersprach Harrison. »Jan sagt, wir haben alle traumatische Erfahrungen gemacht. Da nehme ich sie gern beim Wort.«

»Was ist dann deins?«, fragte Martin. »Dein Trauma? Das hast du noch nicht gesagt.«

»Er ist Jameson Squared«, verkündete Greta.

Scheiße, dachte Harrison. Ein Fan.

»Wer?«, fragte Stan.

»Jameson Jameson«, sagte sie. »Aus den Jugendbüchern. Der Junge, der Monster tötet.«

Barbara wirkte überrascht, sie hatte von ihm gehört. Martin war eher verblüfft. »Ich dachte, das wären erfundene Geschichten.«

»Sind sie ja auch«, sagte Harrison.

»Nur dass sie auf einem wirklichen Jugendlichen basieren, der Dunnsmouth überlebt hat«, warf Greta ein. »Harrison Harrison.«

Sie starrten ihn an.

»Die sind erfunden«, sagte er. »Von vorn bis hinten ausgedacht.« Dann: »Also fast.«

***

Greta verkrümelte sich, kaum dass die Gruppe zu Ende war. Harrison folgte ihr, doch als er rauskam, war sie im Dunkel der Nacht verschwunden. Weit konnte sie noch nicht sein.

Der Transporter wartete auf Stan. Die Ladetür stand offen, und der junge Fahrer ließ gerade den Lift herunter. Als Harrison näher kam, sah der Mann auf, und Harrison bedachte ihn erneut mit dem Kumpelnicken. Der Fahrer blickte wieder auf seinen Steuerkasten.

Harrison ging zu seinem Wagen, dann blieb er stehen und wandte sich um. »Entschuldigen Sie«, sagte er.

Der Fahrer sah zu ihm nach hinten.

»Ich hab Sie gerade mit dem Kumpelnicken begrüßt.«

»Mit dem was?« Der Lift kam scheppernd unten an, und der Fahrer trat vom Steuerkasten weg.

»Zweimal jetzt«, sagte Harrison. »Da nickt man zurück.«

»Wovon reden Sie überhaupt?«

»Von Regeln. Cowboys tippen sich grüßend an den Hut. Detectives lüften kurz den Fedora. Aber da wir heutzutage alle hutlos herumlaufen, bleibt uns nur das Nicken, und da darf man die Erwiderung nicht schuldig bleiben.«

»Sind Sie …?«

»Sagen Sie ›verrückt‹, und ich schlage Sie mit Stans Rollstuhl zu Klump.«

Der Knabe wurde blass.

»Nur ein Scherz.« Harrison bleckte die Zähne. »Sie sind zehn Zentimeter größer und fünfzig Kilo schwerer, so verrückt ist keiner. Aber jetzt üben wir mal. Bereit?«

Er machte es vor. »Kopf in den Nacken, Blickkontakt beibehalten, aber ohne zu provozieren. Dann Kopf wieder gerade. Alles klar? Jetzt Sie.«

Der Fahrer starrte ihn an. Dann ruckte sein Kopf in den Nacken, ein winziges bisschen nur.

»Daran werden wir noch arbeiten.« Harrison klopfte ihm auf die Schulter, was ihn zusammenzucken ließ. »Aber das war doch schon mal ein Fortschritt.«

Da bemerkte er Martin, der im Licht vor der Haustür stand. Er hatte sich den kompletten Wortwechsel durch seine Sonnenbrille angesehen, ihn vielleicht sogar aufgenommen, trotz seines Versprechens der Ärztin gegenüber. Harrison schickte ihm ein Kumpelnicken rüber, und Martin nickte zurück.

»Sehen Sie?«, sagte Harrison. »Martin hat es drauf.« Er ging zu seinem Wagen und wandte sich noch einmal zum Fahrer um. »Eins noch. Benutzen Sie die Rampe, verdammt. Die ist doch gleich da drüben.«

Damit ging er zu seinem Leihwagen, dessen Farbe ihm immer noch nur einfiel, wenn er sich konzentrierte, stieg ein und hatte gerade den Zündschlüssel ins Schloss gesteckt, als an der Seitenscheibe ein Gesicht autauchte. Er zuckte zusammen und musste lachen.

Es war Greta.

Er drehte den Schlüssel, damit Saft kam, und drückte den Knopf, der das Fenster herunterließ.

»Warst du wirklich in Dunnsmouth dabei?«

»Ist lange her.«

»Zehn Jahre. Das ist noch nicht so lange.« Sie sah zur Seite. Machte keine Anstalten zu gehen.

Er wusste nicht, was er mit seinen Händen anfangen sollte. Den Motor anzulassen, wäre unhöflich gewesen. Manchmal musste man bei Verrückten einfach abwarten.

Nach einer Weile fragte sie: »Kommst du wieder? Nächste Woche?«

Das hatte er noch nicht entschieden. Die Gruppe war besser gelaufen als erwartet. Sie hatten bereits seine gar nicht so geheime Identität herausgefunden, und trotzdem bekam er noch Luft. »Denke schon«, sagte er. »Doch.«

Sie nickte. Erleichtert offenbar.

Er fragte: »Soll ich dich ein Stück mitnehmen oder so?«

»Tötest du immer noch Monster, Harrison Squared?«

»Hör mal, keine Ahnung, was du da gelesen hast, aber –«

»Ja oder nein?«

»Nicht mehr«, sagte er. »Tut mir leid.«

»Zu schade.« Sie trat vom Wagen zurück, wandte sich ab und ging über die Straße. Einen Moment später konnte er sie in der Dunkelheit nicht mehr ausmachen.

Jawoll, dachte er. Die hat von uns allen definitiv den größten Hau weg.

***

Wir anderen waren uns da nicht so sicher. Beim letzten Gruppentreffen fünf Monate später legten wir uns in dieser Hinsicht noch immer nicht fest, obwohl es inzwischen einige Titelanwärter weniger gab.

 

Deutsch von Frank Böhmert

 

Kapitel 2 wird am 6. Februar veröffentlicht.

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© 2014 by Daryl Gregory
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel ›We Are All Completely Fine‹ bei Tachyon Books

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2017 S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

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