Fiction von Charlie Jane Anders: So gut wie neu

© Yuko Shimizu

FICTION

So gut wie neu (Charlie Jane Anders)


Stell dir vor, die Welt ist untergegangen, und du bist der letzte Überlebende. Eines Tages findest du in den Ruinen eine Flasche mit einem Dschinn darin, der dir drei Wünsche gewährt. Was würdest du dir wünschen? Klingt ganz einfach … oder?

***

Marisol entwickelte eine so enge Beziehung zu den Figuren aus The Facts of Life, dass Tootie und Mrs. Garrett ihre imaginären besten Freundinnen wurden, mit denen sie jeden Gedanken, der ihr durch den Kopf ging, teilte. Sie erzählte Tootie von ihrem Ausschlag, der davon kam, dass sie seit zwei Jahren nicht den BH gewechselt hatte, und führte ein langes Gespräch mit Mrs. Garrett über ihre Schuldgefühle, weil sie sich von ihrer besten Freundin Julie und ihrem On-Off-Freund Rod nicht richtig verabschiedet hatte, bevor sie mit dem Rest der Menschheit gestorben waren.

Im Schutzraum hatte sie Zugriff auf eine riesige Festplatte mit so gut wie jeder Fernsehserie, die je produziert worden war, gesichert durch verschiedene Backup-Systeme und einen ausfallsicheren Generator, so dass nichts auf der Welt Marisol davon abhalten konnte, sechzehn Stunden täglich The Facts of Life laufen zu lassen, Tag für Tag, und wenn sie mit der abgedroschenen letzten Staffel durch war, immer wieder mit der ersten zu beginnen. Außerdem sah sie Mad Men und The West Wing. Auf dem Medienserver gab es sogar einen Haufen Theater-Videos, aber die sah sie nicht, weil sie ihr ein schlechtes Gewissen machten. Nicht weil Marisol überlebt hatte; sondern weil sie als Dramatikerin gescheitert war.

Das letzte richtige Gespräch, das sie mit einem lebendigen Menschen geführt hatte, war ihr Streit mit Julie gewesen. Es war um Marisols Entschluss gegangen, Medizin zu studieren, anstatt zu versuchen, neue Stücke zu schreiben. („Scheiß auf die Ärzte, Mann“, hatte sich Julie echauffiert. „Die Menschen sterben immer, egal was du tust. Das Theater ist viel wichtiger.“) Marisol hatte einfach aufgelegt und sich wieder in die Medizin-Bücher vertieft, auch wenn sie die Illustrationen der nackten Muskulatur und Blutgefäße angestarrt hatte wie Kostümentwürfe.

Die Erdbeben kamen immer im schlimmsten Moment, genau dann, wenn Jo oder Blair kurz davor waren, etwas Ernstes, Tiefempfundenes von sich zu geben. Dann wackelte der ganze Schutzraum und warf Marisol gegen die gepolsterten Wände oder die Decke, immer wieder. Als Memento, dass der Rest der Welt vermutlich tot war. Zuerst passierten diese Beben ständig, dann ein paar Mal am Tag. Dann einmal am Tag, dann ein paar Mal die Woche. Dann ein paar Mal im Monat. Marisol wusste, wenn irgendwann ein ganzer Monat oder zwei vergangen waren, ohne dass die Welt in den Grundfesten wackelte, müsste sie nachsehen gehen. Dann müsste sie ihre guten Freunde von der Eastland School zurücklassen und sich hinaus wagen in die öde Welt.

Manchmal dachte Marisol, es wäre ihre Pflicht, im Schutzraum zu bleiben, weil sie möglicherweise der letzte Mensch auf Erden war. Dann wieder dachte sie: Was wäre, wenn es noch andere Überlebende gab, die ihre Hilfe brauchten? Immerhin war Marisol im medizinischen Vorstudium und konnte vielleicht etwas tun. Was wäre, wenn es einen männlichen Überlebenden gab, mit dem Marisol die Spezies erneuern könnte?

Die Wände des Schutzraums waren mit weichem blauem Leder bezogen, und der dicke Teppichboden fühlte sich gut unter den Füßen an. In der Tiefkühltruhe lagerten Gourmet-Mahlzeiten, die Marisol mehrere Menschenleben lang reichen würden. Sie besaß nur das Paar Schuhe, in dem sie hereingekommen war, und nach zwei Jahren barfuß würde es sich komisch anfühlen, sie wieder anzuziehen. Die echte Welt war hier im Schutzraum; draußen war nichts als das Nachbild eines schlechten Trips.

***
Als Dramatikerin hatte Marisol Preise gewonnen, aber das hatte sie nicht vor dem Ende der Welt bewahrt. Sie bereitete sich aufs Medizinstudium vor und bewarb sich um Stipendien, um später in ihrer Heimatstadt Taos armen Frauen durch Krebs-Screenings das Leben zu retten, aber auch das hatte sie nicht vor dem Ende der Welt bewahrt. Oder dass sie manchmal an Gott glaubte.

Was sie vor dem Ende der Welt bewahrt hatte, war die Tatsache, dass Marisol, um sich das Medizinstudium zu finanzieren, einen Job als Putzfrau in Burton Henstridges Villa angenommen hatte, und zufällig schrubbte sie gerade eine seiner teuren japanischen Toiletten, als die Beben begannen – in erreichbarer Nähe von Burtons hochmodernem Panic Room. (Den versteckten Öffnungsmechanismus hatte sie vor ein paar Wochen beim Abstauben der Porzellankatzen entdeckt.) Burton selbst war gerade in Bulgarien, um potentielle Standorte für eine Nano-Fabrik zu scouten; er war sofort tot gewesen.

Wenn Marisol sich gestattete, an all die Menschen zu denken, mit denen sie nie wieder sprechen würde, blieb ihr die Luft weg und sie spürte den Drang, jemanden zu schlagen, immer aufs Auge, bis er blind wäre. Sie erlebte ihre Trauer in Form von Ausrastern, die sie am Atmen und am Denken hinderten, und dann legte sie die nächste Facts-of-Life-Folge ein. Beim Fernsehen kaute sie Fingernägel, bis sie sich fast die Fingerkuppen abnagte.

***

Als Marisol endlich den Entschluss gefasst hatte, das letzte Beben sei Monate her und es sei höchste Zeit, das Weite zu suchen, ließ sich die Tür des Schutzraums nicht öffnen. Sie musste ein paar Dutzend Mal dagegen treten, bis sie die Trümmer, die die Tür blockierten, weggeschoben hatte und sich durch den Spalt hinaus in die Ödnis zwängen konnte. Draußen schlug ihr die Kälte ins Gesicht und fuhr ihr in die Knochen, doppelt bitter nach zwei Jahren gleichbleibender Zimmertemperatur. Burtons Villa stand nicht mehr; der Schutzraum war nichts als ein Würfel, der aus den Ruinen ragte, von gelbem Isolationsmaterial überzogen, das aussah, als würde es einem die Finger verätzen.

Alles andere war weiß wie Schnee oder Papier, aber pudrig und spröde, wie Asche. Sie hatte aus dem Schutzraum einen Geigerzähler mitgenommen, der null anzeigte. Lange begriff Marisol nicht, was mit der Welt geschehen war, bis es ihr wie Schuppen von den Augen fiel – das Weiße war ein Pilz. Irgendeine neue Art von extrem zersetzendem Pilz, der wie ein Tsunami alles verschluckt, noch den letzten Rest organisches Material verschlungen hatte, bevor er selbst verendet war. Er war in Wellen gekommen, mit unfassbarer Gewalt, bis er den letzten Rest seines Nahrungsvorrats ausgeschöpft und alles zu Staub zersetzt hatte. Das folgerte sie aus der Konsistenz der Schichten, die jeden Stein überzogen, aber auch aus dem stechenden süßsauren Geruch, den sie nicht mehr los wurde, nachdem sie ihn einmal in der Nase hatte. Ständig bildete sie sich ein, sie würde im Augenwinkel sehen, wie sich das weiße Puder bewegte, wie es auf sie zu kam, aber wenn sie sich umdrehte, passierte nichts.

„Der Pilz muss abgestorben sein, als nichts mehr da war, wovon er sich ernähren konnte“, sagte Marisol laut. „Er kann überhaupt nicht mehr aktiv sein.“ Sie versuchte so zu tun, als hätte jemand anderes diese Feststellung getroffen, ein Experte vielleicht, der wusste, wovon er sprach. Der Pilz war tot. Er konnte ihr nichts tun.

Denn falls der Pilz nicht tot wäre, war sie geliefert – selbst wenn er sie nicht sofort umbrächte, würde er den Schutzraum und seinen Inhalt zerstören. Sie hatte die Tür hinter sich nicht versiegeln können, ohne sich selbst auszuschließen.

„Hallo?“, rief Marisol immer wieder. Es fühlte sich ungewohnt an, die Stimme zu erheben. „Ist da wer? Irgendwer?“

Sie konnte nicht einmal richtig die Landschaft erkennen. Alles war blendend weiß, soweit das Auge reichte, nur hier und da ragten ausgebleichte Mauerstücke hervor. Es war unmöglich, Straßen oder Häuser oder sonst etwas auszumachen, weil alles zersetzt oder verschlungen worden war.

Sie wollte sich gerade wieder in den Schutzraum zurückziehen, der hoffentlich unversehrt geblieben war, damit sie das nächste Lamm Vindaloo essen und die dritte Staffel von Mad Men sehen konnte. Doch dann entdeckte sie etwas, einen farbigen Punkt in den bleichen Ruinen.

Die Flasche war von einem tiefen eichigen Grün, wie Rauchglas, und mit einem Korken verschlossen. Sie lag ungefähr zwanzig Meter entfernt oben auf einem der unendlichen weißen Schutthaufen. Irgendwie hatte es die Flasche geschafft, von den endlosen Wellen der Pilz-Verheerung weder begraben, noch zerbrochen oder vertilgt zu werden. Eigentlich sah es so aus, als wäre sie gerade erst hier abgelegt worden – und Marisols erste Reaktion war, noch lauter als vorher „Hallo?“ zu rufen.

Als sie keine Antwort erhielt, hob sie die Flasche auf. Das Glas fühlte sich hubbelig an, als hätte es einst eine Prägung gehabt, aber die Flasche schien keine Flüssigkeit zu enthalten. Marisol konnte überhaupt keinen Inhalt erkennen. Sie zog den Korken heraus.

Ein Wuusch störte die Totenstille. Aus dem schmalen Flaschenhals quoll ein glitzernder Dunst – glitzernd wie das billige Glanzpulver beim Basteln im Ferienlager, als Marisol klein war, und dunstig wie die Nebelmaschine in einem billigen Nachtclub – und materialisierte sich vor ihren Augen zu einer Gestalt. Ein Mann, etwas größer als sie, und viel dicker.

Marisol war so überrascht und so glücklich, nicht mehr allein zu sein, dass sie beinahe vergaß, sich über das plötzliche Auftauchen des Mannes zu wundern, der einfach aus dem Nichts gekommen war, als sie die Flasche geöffnet hatte. Eine Flasche, die überlebt hatte, während alles andere zerstört worden war. Und als sich Marisol doch zu wundern begann, waren die einzigen Erklärungen, die ihr einfielen, viel zu absurd, um glaubhaft zu sein.

„Hallo und herzlichen Glückwunsch“, sagte der Mann mit angenehmer Stimme. Er trug einen billigen Anzug, der Marisol vage an die Mad-Men-Episoden erinnerte, die sie zuletzt gesehen hatte. Das dunkle Haar lag dünn und strähnig über seiner hohen Stirn, und er hatte einen dunklen Bartschatten. „Danke, dass Sie meine Flasche geöffnet haben. Ich freue mich, Ihnen dafür drei Wünsche erfüllen zu dürfen.“ Dann sah er sich um, und sein griesgrämiges Gesicht wurde noch finsterer. „Ach, du Scheiße“, sagte er. „Nicht schon wieder.“

„Moment mal“, sagte Marisol verblüfft. „Sie sind ein … Sie sind ein Dschinn?“

„Ich hasse diesen Ausdruck“, gab der Mann zurück. „Ich bevorzuge die Bezeichnung Wunscherfüller. Und zu Ihrer Information, ich war auch mal ein ganz normaler Mensch. 1958 war ich der Theaterkritiker der New York Times, zwar nur ein halbes Jahr, aber damit identifiziere ich mich immer noch weit mehr als mit meiner derzeitigen Tätigkeit. Doch offensichtlich habe ich mich mit den Falschen angelegt, denn plötzlich steckte ich in dieser Flasche und musste jedem, der die Flasche öffnet, drei Wünsche erfüllen.“

„Sie waren Theaterkritiker?“, fragte Marisol. „Ich schreibe Stücke. Ich habe einen Preis gewonnen, und mein Stück wurde an einem Off-Broadway-Theater inszeniert. Na ja, eigentlich studiere ich und arbeite als Putzfrau. Aber wenn ich nicht im Dienst bin, bin ich Dramatikerin, schätze ich.“

„Aha“, sagte der Mann. „Aber wenn Sie jetzt von mir hören möchten, dass Ihre Stücke sehr gut sind, würde das als einer Ihrer drei Wünsche zählen. Und ehrlich gesagt habe ich nicht das Gefühl, dass Ihnen eine gute Kritik derzeit weiterhilft.“ Er zeigte auf die weiße Ödnis. „Mein Name ist übrigens Richard Wolf.“

„Marisol“, antwortete sie. „Marisol Guzmán.“

„Sehr erfreut.“ Er hielt ihr die Hand hin, doch er versuchte nicht wirklich, ihre zu schütteln. Sie fragte sich, ob sie durch ihn durch fassen könnte. Sie stand hier in einer Welt aus stinkender Kreide und redete mit einem schlecht gelaunten Dschinn. Nach zwei Jahren allein in einer Box überraschte sie nichts mehr.

Das war es also. Oder? Sie könnte alles wieder gut machen. Sie könnte sich etwas wünschen, und alles wäre wieder so wie vorher. Sie könnte mit Julie reden, sich entschuldigen, dass sie einfach aufgelegt hatte. Sie könnte Rod sehen und vielleicht herausfinden, was sie einander bedeuteten. Sie müsste nur die Worte „Ich wünsche mir“ sagen. Gerade wollte sie den Mund aufmachen, als ihr etwas einfiel, das Richard Wolf gesagt hatte.

„Moment mal“, sagte sie. „Was meinten Sie mit ‚Nicht schon wieder‘?“

„Ach, das.“ Richard Wolf gestikulierte mit seinen großen Händen, als verscheuchte er nicht existierende Insekten. „Das darf ich nicht sagen. Ich meine, ich kann Ihnen jede beliebige Frage beantworten, aber das würde dann als einer Ihrer Wünsche zählen. Es gibt Regeln.“

„Oh“, sagte Marisol. „Nein, ich will keinen Wunsch mit einer Frage verschwenden. Nicht, wenn ich auch allein darauf komme. Sie sagten: ‚Nicht schon wieder‘, als sie sich hier umgesehen haben. Das war also nicht das erste Mal, dass so was passiert ist. Die Flasche kann offensichtlich alles überstehen. Oder? Weil sie verzaubert ist oder so was.“

Die dunkelgrüne Flasche fühlte sich immer noch schwer an, obwohl sie leer war. Marisol warf sie ein paar Mal gegen einen Stein. Kein Kratzer.

„Also“, sagte sie. „Die Welt ist zu Ende, Ihre Flasche geht nicht kaputt. Selbst wenn nur ein Mensch überlebt, findet er Ihre Flasche. Und das erste, was er sich wünscht? Dass die Welt nicht zu Ende wäre.“

Richard Wolf zuckte die Schultern, aber irgendwie nickte er dabei, als bestätigte er ihre Theorie. Sie bemerkte, dass seine Füße durchsichtig waren. Er trug Brogues, die so abgetragen waren, dass sie narbig wirkten.

„Das erste Mal war 1962“, sagte er. „Später haben sie es Kuba-Krise genannt.“

„Das zählt aber nicht als einer meiner Wünsche, weil ich nicht gefragt habe“, sagte Marisol.

„Schon gut.“ Richard Wolf verdrehte die Augen. „Ich hatte keine Lust mehr auf Ihre Suada. Als ich meine Kritiken für die Times schrieb, habe ich Stücke mit endlosen Monologen immer zerrissen. In Ihren Stücken gibt es hoffentlich nicht viele Monologe, oder? Der verdammte Brecht hat der Welt weisgemacht, seitenlange Ansprachen wären besonders clever. Scheiß Brecht.“

„Nein, bei mir gab es nicht viele Monologe“, sagte Marisol. „Jemand findet also Ihre Flasche, wünscht sich, der Weltuntergang wäre nicht geschehen, und dann spricht er wahrscheinlich einen zweiten Wunsch aus, um dafür zu sorgen, dass es nicht wieder geschieht. Aber es ist wieder geschehen, also ist offensichtlich irgendwas schiefgegangen.“

„Dazu kann ich nichts sagen“, sagte Richard Wolf. „Auch wenn ich festhalten muss, dass sich die meisten Leute völlig falsche Vorstellungen von meiner Aufgabe machen – ich meine als Wunscherfüller, nicht als Theaterkritiker. Das heißt, als ich noch Theaterkritiker war, haben sich die meisten auch falsche Vorstellungen gemacht; sie dachten, ich solle Werbung für das Theater machen, die Säle vollkriegen, selbst bei schrecklichen Stücken. Aber das war keineswegs meine Aufgabe.“

„Das Theater ist schon lange eine vom Aussterben bedrohte Art“, bemerkte Marisol nicht ohne Mitgefühl. Sie sah sich in der kreideweißen, hefigen toten Landschaft um. Eine Welt wie eine Backmischung. „Ich meine, ich kann verstehen, dass manche Leute Kritiken wollen, die Stimmung fürs Theater machen, selbst wenn sie niemanden zu Höchstleistungen anspornen.“

„Falls Sie das Theater für eine Art Orchidee halten, die in einer Art Treibhaus geschützt werden muss“, - es war klar, dass Wolf dieses Argument zu Lebzeiten gebetsmühlenartig wiederholt hatte –, „dann kommt am Ende heraus, das nur ein kleiner Kreis treuer Insider zu schätzen weiß, womit Sie die Marginalisierung, die Sie zu verhindern versuchen, nur noch verschlimmern.“

Marisol achtete sehr darauf, nichts zu sagen, was in irgendeiner Form als Frage interpretiert werden konnte, denn sie würde mit Sicherheit alle drei Wünsche brauchen. „Ich schätze, die Aufgabe des Theaterkritikers wird genau umgekehrt missverstanden wie die eines Dschinns“, sagte sie. „Alle haben Angst davor, dass der Kritiker zu brutal ehrlich ist. Aber ein Dschinn …“

„Alle denken, ich wollte sie über den Tisch ziehen!“ Beim Gedanken an all die Debakel, die er überstanden hatte, warf Richard Wolf die Hände in die Luft. „Dabei ist es in Wirklichkeit immer der Kunde, der nicht in der Lage ist, seinen Wunsch in klaren, eindeutigen Begriffen auszusprechen. Immer lassen sie wichtige Informationen weg. Ich tue mein Bestes. Es ist wie im Theater, wenn die Bühnenanweisungen fehlen. Ich interpretiere, so gut ich kann.“

„Das glaube ich Ihnen“, sagte Marisol. Langsam wurde ihr das Ganze unheimlich, und ihre Dankbarkeit, einen Gesprächspartner zu haben (der nicht Mrs Garrett war), wurde von dem Unbehagen verdrängt, in den totenbleichen Ruinen der Welt zu stehen und mit einem Flaschengeist Spitzfindigkeiten über die Kunst der Theaterkritik auszutauschen. Sie hob die Flasche wieder auf, die immer noch unversehrt vor dem Stein lag, und fand den Korken.

„Warten Sie“, sagte Richard Wolf. „Sie wollen doch nicht …“

Er wurde zurück in die Flasche gesogen, dann pfropfte sie den Korken auf.

*** 

Sie öffnete die Flasche erst im Schutzraum wieder, nachdem sie die Tür von innen versiegelt hatte. Damit nichts und niemand hereinkommen konnte. Sie sah drei Episoden von Facts of Life, um die Fassung wiederzufinden, und schob ein Sukiyaki in die Mikrowelle, bevor sie Richard Wolf wieder aus der Flasche ließ. Der fing erneut mit der Ansage an, sie habe drei Wünsche frei und so weiter, doch dann hielt er inne und sah sich um.

„Ha.“ Er setzte sich aufs Sofa, ohne es zu berühren. „Schicke Hütte. Eine Couch aus echtem Kalbsleder. Ist das so eine Art Bunker?“

„Ich kann die Frage nicht beantworten“, sagte Marisol, „es sei denn, Sie erfüllen mir einen Wunsch dafür.“

„Ach, seien Sie nicht so.“ Richard zerknautschte sein farblich abgesetztes Revers. „Ich versuche nur, keine Hintertüren offen zu lassen, weil jede Hintertür am Ende Unglück bringt. Vertrauen Sie mir, Sie wollen auch nicht, dass die Regeln unklar sind.“ Er überflog die Medien-Sammlung, bis er Eine Katze auf dem heißen Blechdach entdeckte, dessen Cover er so lange anstarrte, bis Marisol ihm den Gefallen tat und den Film einlegte.

„Besser, als ich ihn in Erinnerung hatte“, sagte Richard Wolf eine Stunde später.

„Gut zu wissen“, sagte Marisol. „Ich bin einfach nicht dazu gekommen, ihn anzusehen.“

„Ich habe Tennessee Williams kennen gelernt, wissen Sie?“, sagte Richard. „Er war nicht halb so betrunken, wie Sie vielleicht denken.“

„Ich sage Ihnen mal, was ich denke. Sie tun Ihr Bestes, um die Wünsche umzusetzen, die Ihnen die Leute nennen, buchstabengetreu“, sagte Marisol. „Wenn jemand mit seinen Wünschen zu verhindern versucht, dass es je wieder Atomkrieg gibt, tun Sie Ihr bestes, um Atomkriege unmöglich zu machen. Doch diese Veränderung führt dann zu irgendeiner anderen Katastrophe, worauf Ihr nächster Kunde versucht, sich Wünsche auszudenken, um diese Sache zu verhindern. Und so weiter. Bis das hier kam.“

„Das ist das längste Gespräch, das ich als Wunscherfüller je hatte.“ Richard schlug die Beine übereinander, Knöchel auf dem Knie. „Normalerweise geht es ruckzuck, drei Wünsche, und ich stecke wieder in der Flasche. Erzählen Sie mir von Ihrem preisgekrönten Stück. Wenn Sie möchten. Ich meine, wenn Sie Lust haben.“

Als Marisol ihm von dem Stück erzählte, kam es ihr vor, als wäre es vor langer Zeit von einem Bekannten geschrieben worden. „Es war ein Einakter“, begann sie, „und es ging um einen Mann, der sich von seiner Freundin trennen will, aber immer, wenn er versucht, mit ihr Schluss zu machen, tut sie etwas, das ihn daran erinnert, was er früher an ihr geliebt hat. Am Ende heuert er einen Callboy an, der sie verführen soll, damit er einen Vorwand hat, sie zu verlassen.“

Richard verzog keine Miene, als würde er seiner eigenen Reaktion nicht trauen.

„Es ist eine Komödie“, sagte Marisol.

„Entschuldigen Sie“, sagte Richard, „aber es klingt grauenhaft. Er heuert einen Callboy an, um mit seiner Freundin zu schlafen. Das klingt … ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Na ja, Sie waren in den fünfziger Jahren Theaterkritiker, oder? Ich schätze, es waren andere Zeiten.“

„Ich glaube nicht, dass es damit zu tun hat“, entgegnete er. „Die Geschichte klingt irgendwie … misanthropisch. Oder vielmehr frauenverachtend. Mit einem ironischen Anstrich. Ich weiß nicht. Vielleicht wollen die Leute heute so was sehen – oder wollten, bevor mal wieder die Welt untergegangen ist. Das ist jetzt das fünfte oder sechste Mal. Ehrlich gesagt verliere ich den Überblick.“

Marisol war empört, dass sich dieses Fossil abfällig über ihr Stück äußerte – über ihr preisgekröntes Stück. Aber je länger sie ihn reden ließ, desto mehr Hinweise ließ er fallen, ohne dass es sie einen Wunsch kostete. Sie biss sich auf die Lippe.

„Na schön. Es gab also ein halbes Dutzend Apokalypsen“, stellte Marisol fest. „Und ich schätze, jede wurde dadurch ausgelöst, dass jemand versuchte, die vorige mit seinen Wünschen zu verhindern. Dieses weiße Zeug hier. Erst dachte ich, es wäre eine Art künstlicher ätzender Pilz – aber vielleicht wurde es erschaffen, um eine Klima-Katastrophe zu verhindern. Es scheint das Sonnenlicht extrem stark zu reflektieren.“

„O ja, das Sonnenlicht wird wunderbar zurückgeworfen“, sagte Richard. „Die Temperatur des Planeten fällt drastisch in den nächsten zehn Jahren. Die Erderwärmung dürfte kein Problem mehr sein.“

„Ha“, sagte Marisol, „und Sie behaupten, Sie tun alles, um die Wünsche eins zu eins umzusetzen. Dabei sind Sie süchtig nach Ironie. Sie haben zu viel Brecht gesehen, auch wenn Sie behaupten, Sie würden ihn hassen. Wahrscheinlich lieben Sie auch Beckett.“

„Alle vernünftigen Menschen lieben Beckett“, gab Richard zurück. „Und Sie hatten sogar mal einen kleinen Erfolg als Dramatikerin, und trotzdem wollen Sie Ärztin werden. Zumindest vor dieser unseligen Sache. Warum sind Sie nicht beim Theater geblieben?“

„Ist das eine Frage?“ Richard wollte zurückrudern, aber sie antwortete trotzdem. „Ich wollte den Menschen helfen, richtig helfen. Live-Theater erreicht immer weniger Menschen, und das gilt vor allem für nagelneue Stücke von nagelneuen Dramatikern. Es ist schon fast wie mit der Lyrik – keiner liest mehr Gedichte. Und gleichzeitig sterben jeden Tag arme Menschen an vermeidbaren Krebsarten, selbst hier in Taos. Ich konnte mir einfach nicht mehr vormachen, dass ein Stück, das zwanzig Leute sehen, genauso gut für die Menschheit wäre wie ein Screening, das hundert Frauen vor Gebärmutterhalskrebs rettet.“

Richard schwieg einen Moment und sah sie an. „Sie sind ein guter Mensch“, sagte er dann. „Ich werde fast nie von jemandem gefunden, der nicht tief im Herzen schlecht ist.“

„Alles ist relativ. Mein Protagonist, der den Callboy anheuert, um seine Freundin zu verführen, hält sich auch für einen guten Menschen.“

„Und, funktioniert es? Die Sache mit dem Callboy? Schläft sie mit ihm?“

„Ist das eine Frage?“

Richard zuckte die Achseln und verdrehte theatralisch die Augen, was er wahrscheinlich vor dem Spiegel geübt hatte. „Ja, ich schulde Ihnen einen Extra-Wunsch. Schon gut. Warum nicht. Funktioniert es, mit dem Gigolo?“

Marisol musste kurz nachdenken; als sie das Stück geschrieben hatte, war sie an einem völlig anderen Punkt in ihrem Leben gewesen. „Nein. Der Mann souffliert dem Callboy über Bluetooth-Kopfhörer, was er zu seiner Freundin sagen soll, um sie zu verführen – so eine Art postmoderner Cyrano de Bergerac -, aber sie kommt dahinter und beginnt, den Callboy zu benutzen, um es ihrem Freund heimzuzahlen. Am Ende kommen der Mann und der Callboy zusammen, weil sie sich beim Flirten mit der Freundin gegenseitig verführt haben.“

Richard schauderte über dem Sofa schwebend, das Gesicht in den substanzlosen Händen begraben. „Das ist ja grauenhaft“, stöhnte er. „Und dafür muss ich Ihnen einen Extra-Wunsch geben.“

„Puh, vielen Dank. Ich kann mir gut vorstellen, warum Sie sich als Theaterkritiker ein paar Feinde gemacht haben.“

„Entschuldigen Sie! Ich meine, vielleicht war es auf der Bühne besser; ich wette, Sie schreiben gute Dialoge. Es klingt nur einfach so … abgedroschen. Ich meine, ein postmoderner Cyrano de Bergerac? Ich habe mir die Postmoderne von einer Studentin erklären lassen, die in den frühen 1990ern meine Flasche geöffnet hat, und es klang furchtbar. Wäre ich nicht schon so gut wie tot, würde ich mir die Pulsadern aufschneiden. Sie haben wirklich eine weise Entscheidung getroffen, als Sie sich für die Medizin entschieden haben.“

„Arschloch.“ Marisol beschloss, den ziemlich kleinen Alkoholschrank im Schutzraum zu plündern, und schenkte sich ein großes Glas Wodka ein. „Sie sind der Typ, der in der Flasche lebt. Also. Das ist alles Ihre Schuld.“ Mit einer Geste zeigte sie auf die Verwüstung außerhalb des Schutzraums. „Sie haben das verursacht, mit Ihrem Hang zu exzessiv ironischer Wunscherfüllung.“

„Das ist eine völlig verzerrte Darstellung. Falls das weiße Zeug wirklich auf einen Wunsch zurückgeht, den jemand ausgesprochen hat – und ich sage nicht, dass es so wäre -, dann ist es nicht meine Schuld, sondern die Schuld des Wünschers.“

„Also gut“, sagte Marisol. Richard richtete sich auf, da er annahm, sie wäre endlich bereit, ihren ersten Wunsch auszusprechen. Stattdessen sagte sie: „Ich muss nachdenken“, und steckte den Korken wieder in die Flasche.

***

Marisol sah anderthalb Staffeln von Bezaubernde Jeannie, was ihr kein bisschen weiterhalf. Sie aß ein köstliches Bœuf Stroganoff und trank noch mehr Wodka. Sie schlief und sah fern und schlief und trank Kaffee und aß ein Omelett. Einen nennenswerten Tag-Nacht-Rhythmus hatte sie schon lang nicht mehr.

Sie hatte vier Wünsche frei, die sie mit großer Wahrscheinlichkeit vermasseln würde, und möglicherweise gäbe es beim nächsten Mal keinen Überlebenden, der die Flasche finden und ihren Fehler wiedergutmachen konnte.

Im Prinzip war es das gleiche wie der Versuch, einen Kranken zu heilen, stellte Marisol fest. Man gab ihm ein Medikament, das eine Krankheit heilte, aber tödliche Nebenwirkungen hatte. Oder die Resistenz gegen andere Infektionen schwächte. Sie wollte aber nicht nur einen Erreger loswerden, sie wollte dem Patienten wieder zur Selbstregulation verhelfen. Nur dass die Welt als System unendlich viel komplexer war als ein einzelner Mensch. Und gleichzeitig war das Formulieren eines großen Wunschs genauso, wie ein Stück zu schreiben, mit der gesamten Menschheit als Besetzung. Uff.

Sie könnte sich wünschen, der künstliche Pilz hätte die Welt nicht zersetzt, aber dann käme es zu der Klima-Katastrophe, die der Pilz hatte verhindern sollen. Sie könnte den Pauschalwunsch aussprechen, dass die Welt die nächsten tausend Jahre von globalen Katastrophen verschont bliebe – und damit vielleicht ein Jahrtausend der Stagnation herbeiführen. Oder Schlimmeres, je nachdem, wie man „verschont“ definierte.

Sie nahm an, dass sie sich nicht einfach tausend Wünsche wünschen könnte – wahrscheinlich waren es solche Faxen, die Richard Wolf in seine jetzige Lage gebracht hatten.

Auf dem Medienserver im Schutzraum gab es zigtausend Filme und Sendungen über den Wunschring, die Affenpfote, den Zauberbrunnen, Fausts Teufelspakt, den Dschinn, den Racheengel und so weiter. Sie hatte also jede Menge Zeit, sich die gesammelte Weisheit der Menschheit zum Thema Wunscherfüllung zuzuführen, die auf einen Haufen Klischees hinauslief. Vielleicht hätte sie als Dramatikerin am Ende doch mehr Gutes bewirkt als mit der Medizin: Klischees waren wie Kalk in den Arterien der Fantasie – sie verstopften den Sinn dafür, was möglich war. Hätten genug Leute daran gearbeitet, Klischees abzubauen, wäre die Welt vielleicht nicht untergegangen.


Marisol und Richard sahen sich zusammen Facts of Life an. Richard meckerte herum und sagte Dinge wie: „Das ist noch schlimmer, als in einer Flasche zu sitzen.“ Doch irgendwie schien ihm das Meckern Spaß zu machen.

„Dank dieser Serie bin ich nicht völlig durchgedreht, als ich der einzige Mensch auf der Erde war“, erklärte Marisol. „Ich verstehe immer noch nicht ansatzweise, was aus der Menschheit geworden ist. Aber Sie scheinen etwas vom Lauf der Zeit mitzubekommen, während Sie in der Flasche sitzen.“ Sie achtete peinlich darauf, dass sie keine Frage formulierte.

„Es ist merkwürdig“, sagte Richard. „Die Flasche ist wie ein Isolationstank, in dem ich von sinnlichen Reizen so gut wie abgeschirmt bin, außer dass es nicht besonders warm ist. Ich schwebe ohne Gefühl, wer oder wo ich bin, aber gleichzeitig finden auf einer anderen Ebene blitzartige Wahrnehmungsschübe der Welt statt. Nur kontrollieren kann ich sie nicht. Zum Beispiel kann ich eine Ewigkeit lang hyperbewusst spüren, wie eine Ameise eine Krume einen Grashalm hinaufträgt, oder ich habe ein verschwommenes Gefühl der Wolken über dem Meer oder der Zipperlein einer alten Frau. Es ist wie eine Art hyperluzides Träumen.“

„Psst“, unterbrach ihn Marisol. „Jetzt kommt die gute Stelle – Jo gibt diesen verwöhnten reichen Gören eine Portion Brooklyner Weisheit mit.“

Die Episode war zu Ende, und sofort begann die nächste. Man blieb dran, in guten wie in schlechten Folgen. Richard stöhnte vernehmlich. „Wie geht es weiter, wenn ich fragen darf? Sitzen Sie einfach hier herum und sehen noch ein paar Jahre fern?“ Er schnaubte.

„Ich habe keinen Grund zur Eile“, gab Marisol zurück. „Ich kann mir ruhig zehn Jahre nehmen, um mir die perfekten Wünsche zu überlegen. Ich habe einen Riesenvorrat an Tiefkühlkost.“

Irgendwann hatte sie Mitleid mit Richard und fand ein paar alte American-Playhouse-Episoden und verschiedene andere Theaterstücke. Richard mochte Caryl Churchill sehr, aber Alan Ayckburn konnte er nicht leiden. Er hasste Wendy Wasserstein. Irgendwann steckte sie ihn in die Flasche zurück.

Marisol begann, in einem der drei leeren Notizhefte, die sie in einer Schublade gefunden hatte, mögliche Entwürfe für Wünsche niederzuschreiben. (Anscheinend hatte Burton vorgehabt, seine Gedanken für die Nachwelt festzuhalten, falls es eine gab.) Und dann fing sie an, stattdessen ein ganz neues Stück zu schreiben. Es war das erste Mal seit Jahren, dass sie es überhaupt versuchte.

In dem Stück ging es um einen Mann – ihre Protagonisten waren immer Männer -, der in die große Stadt zieht, um Bibliothekar zu werden, und bei einer seltsamen alten Dame landet, deren Sammlung gepresster Blätter von jedem Baum der Welt er pflegt. Pedro ist so schüchtern, dass er nur mit zwei Menschen sprechen kann, aber so schön, dass ihn alle zum Modeln überreden wollen. Schließlich lässt er sich von einem Optiker Augentropfen verabreichen, damit er die Fotografen und Beleuchter nicht sehen muss, wenn er modelt. Marisol hatte noch keine Ahnung, wie das Stück enden sollte, aber sie würde es zu Ende zu schreiben. Das war sie Mrs. Garrett schuldig.

Sie hatte die Kritik, ihr preisgekröntes Stück sei banal, oder schlimmer noch, frauenverachtend, immer noch nicht ganz verdaut. Hätte sie nur eine Kopie des Stücks, um es Richard zu zeigen, damit er ihr wahres Talent sah. Natürlich sprach sie den Wunsch nicht laut aus. Und vielleicht war genau das der Tritt in den Hintern, den sie brauchte, um ein besseres Stück zu schreiben. Ein Stück, das vielleicht irgendwelches Licht auf den ganzen Schlamassel warf.

„Ich weiß es jetzt“, sagte sie zu Richard, als sie die Flasche das nächste Mal öffnete. „Ich weiß, was die letzten Male passiert ist. Nach der Apokalypse findet jemand Ihre Flasche und hat drei Wünsche frei. Mit dem ersten Wunsch will er die Zeit zurückdrehen und die Zerstörung umkehren. Der zweite Wunsch soll verhindern, dass sich etwas Ähnliches wiederholt. Aber dann ist immer noch ein Wunsch frei. Und das ist der Moment, wo er etwas Dummes und Egoistisches tut, wie zum Beispiel, sich unwiderstehlichen Sex-Appeal zu wünschen.“

„Oder perfektes Haar“, sagte Richard Wolf mit seinem patentierten Hände-Wedeln und Augenrollen.

„Oder unbegrenzten Reichtum. Oder Ruhm.“

„Oder ewige Jugend und Schönheit. Oder das perfekte Lasagne-Rezept.“

„Wahrscheinlich denken die Leute, sie haben es verdient.“ Marisol starrte die beschrieben Blätter vor sich an. Ein Satz Diagramme, der ihr neues, noch titelloses Stück entwarf. Ein zweiter Satz Diagramme, mit dem sie den Prozess des Wünschens zu planen versuchte, Akt für Akt. Ihr Geruch hing an jeder Oberfläche des Schutzraums; die aufbereitete gereinigte Luft roch wie das Innere ihrer Mundhöhle. „Ich meine, schließlich haben sie die Welt gerettet, oder? Sie haben Ruhm oder Sex oder Partys verdient. Nur dass es genau da kippt, schätze ich.“

„Interessante Theorie“, sagte Wolf mit verschränkten Armen, den Kopf zur Seite geneigt, als müsste er sich jeden weiteren Kommentar verkneifen.

Beim Überarbeiten ihres neuen Stücks warf Marisol fast jedes Detail raus, bis auf die Stelle, wo sich der Protagonist vorübergehend medikamentös die Sehkraft beeinträchtigen lässt, um modeln zu können. Das war der Teil, der sie ansprach, nachdem das ganze Gerümpel über die alte Frau und die Bäume und so weiter weg war. Pedro steht fast nackt in einem Raum voller Menschen, die sich ums Make-up, die Beleuchtung, die Verpflegung kümmern, und die er alle nur verschwommen sieht. Er verliebt sich in eine Frau, von der er nur die Stimme kennt, nicht das Gesicht. Außerdem hat er Angst, alles kaputt zu machen, wenn er ihren Namen erfährt, oder wie sie aussieht.

Inzwischen hatte Marisol beide Prozesse miteinander vermischt. Sie hatte das Gefühl, sobald das Stück fertig war, wüsste sie, was sie wünschen sollte. Mit der ersten Szene quälte sie sich eine ganze Woche herum, bevor sie den Mut aufbrachte, sie Richard zu zeigen, der beim Lesen die Augen zusammenkniff und laut durch die Nase atmete. Doch am Ende sagte er, es sei ein vielversprechender Ansatz und eigentlich keineswegs grauenhaft.

Die geheimnisvolle Frau ruft Pedro an, und er erkennt ihre Stimme sofort. Jetzt hat er ihre Nummer und weiß nicht, was er damit machen soll. Wovor hat er überhaupt solche Angst? Er kommt zu dem Schluss, das schlimmste, was passieren könnte, ist, dass er die Frau zu einem Rendezvous einlädt, und sie beide angestarrt werden. Falls die Frau so schön wie Pedro ist, werden sie angestarrt, weil sie beide so schön sind. Falls sie eher hässlich ist, werden sie angestarrt, weil die Leute sich fragen, was er in ihr sieht. Wenn er allein ist, macht sich Pedro so klein, dass ihn niemand beachtet. Aber bei einem Rendezvous geht das natürlich nicht.

Am Ende ruft Pedro sie an, und sie sprechen stundenlang am Telefon. Auf der Bühne ist die Frau teilweise verborgen, so dass auch die Zuschauer nicht wissen, wie sie aussieht.

„Das ist wohl der rote Faden in Ihrem Werk, hm?“, schniefte Richard Wolf. „Die Figur im Verborgenen, die durch den Schleier flirtet. Die selbstverachtende narzisstische Liebesaffäre.“

„Sieht so aus“, sagte Marisol. „Ich interessiere mich für Menschen, die gesehen werden, für Menschen, die sehen, den weiblichen Blick, so was in der Art.“

Während sie das Stück fertig schrieb, kam ihr der Gedanke, falls sie sich wünschte, nichts von alldem wäre geschehen, müsste das eigentlich auch für ihr neues Stück gelten. Und als schließlich der Zeitpunkt kam, ihre Wünsche auszusprechen, rollte sie das Heft zusammen, schob es sich in den Bund ihrer Jogginghose und hoffte gegen jede Wahrscheinlichkeit, dass alles, was sie direkt am Körper trug, irgendwie erhalten blieb, wenn die Welt neu geschrieben wurde.

Am Ende verabreden sich Pedro und Susanna auf einen Drink. Vorher besorgt sich Pedro die Augentropfen von seinem Optiker-Freund. Er kann sich nicht entscheiden, ob er die Tropfen vor dem Rendezvous anwenden soll oder nicht – nervös und unentschlossen steht er damit in der Herrentoilette der Bar, wo sie verabredet sind – als plötzlich jemand die Tür aufreißt, und ihm vor Schreck das Fläschchen ins Klo fällt. Wie sich herausstellt, ist Susanna hübsch, nicht wie ein Model, sondern aparter. Sie hat ein markantes Gesicht, voller Leben. Sie lacht viel, und wenn er mit ihr zusammen ist, verliert Pedro seine Schüchternheit. Und Pedro stellt fest, wenn er halbnackt beim Modeln in Susannas Augen sieht, braucht er keine Tropfen mehr, um den Rest der Welt auszublenden.

„Das Ende ist kitschig“, gibt Marisol zu, „aber mir gefällt es.“

Richard Wolf zuckte die Achseln. „Alles ist besser als grundlose Ambivalenz.“ Marisol beschloss, dass es aus seinem Mund eine positive Kritik war.

So lauteten Marisols Wünsche:

 

  1. Ich wünsche mir, dass diese Apokalypse und alle vorhergehenden Apokalypsen nie stattgefunden haben und dass alle vorhergehenden Wünsche, die mit der Apokalypse zu tun hatten, nie ausgesprochen wurden.

  2. Ich wünsche mir eine leichte Veränderung der Wahrscheinlichkeitsregeln in Bezug auf Weltuntergangsszenarien, so dass ein Ereignis, das die Menschheit bedroht und für das ein Risiko von zehn Prozent besteht, niemals eintritt – ohne dass diese Veränderung irgendeine sonstige Auswirkung auf die materielle Welt hat.

  3. Ich wünsche mir, dass die Flasche in Zukunft in meinem Besitz beziehungsweise in dem meiner designierten Erben verbleibt, und dass wir frühzeitig gewarnt werden, wenn sich ein möglicherweise apokalyptisches Szenario entwickelt, damit wir die Chance haben, unseren letzten Wunsch einzusetzen.

 

Sie hatte die drei Wünsche ordentlich auf ein Blatt geschrieben, das sie aus dem Heft gerissen hatte, und Richard Wolf las es sich mehrmals durch und kratzte sich am Ohr. „Das ist alles?“, fragte er schließlich. „Ihnen ist schon klar, dass ich alles tun kann. Oder? Sie könnten eine Welt der riesigen Schnecken und winzigen Menschen erschaffen. Sie könnten Facts of Life für die nächsten tausend Jahre zur beliebtesten Fernsehsendung der Welt machen – was zufälligerweise auch das Überleben der Menschheit sichern würde, denn irgendwer müsste Facts of Life ja sehen. Sie können sich alles wünschen.“

Marisol schüttelte den Kopf. „Der einzige Weg zu verhindern, dass wir wieder hier landen, ist, schlicht zu bleiben.“ Und bevor sie den Mut verlor, griff sie nach dem Blatt mit den drei Wünschen und las sie laut vor.

Plötzlich fing alles um Marisol herum wie billiger Glitzer zu flimmern an, und aus dem Schutzraum wurde das Infinite Ristretto, ein In-Café in Taos, das zufälligerweise ähnliche Ausmaße hatte wie der Schutzraum. Die blauledernen Wände verwandelten sich in braunen Backstein mit Messingbeschlägen und Plakaten der legendären Nackt-Inszenierungen von David Mamets Oleanna und Marsha Normans Nacht, Mutter.

Um Marisol herum saßen einige Bekannte, deren Namen sie vergessen hatte, und quälten sich über ihre Laptops gebeugt in aller Öffentlichkeit mit ihren provozierenden Ein-Frau-Stücken und Kammerspielen ab. Marisols beste Freundin Julia war gerade dabei, sie anzuschreien, rot im Gesicht, so dass ihre Sommersprossen kaum noch zu sehen waren.

„Scheiß auf die Ärzte“, rief Julia laut genug, dass sich alle umdrehten. „Das Theater ist direkte Intervention. Es ist so was wie ein kultureller Notarzt. Schauspieler sind Sanitäter. Dramatiker sind Chirurgen, verdammt noch mal.“

Marisol trug immer noch Burtons fleckiges Hemd und die Jogginghosen, aber aus irgendeinem Grund steckten ihre Füße plötzlich in Flipflops. Die grüne Flasche stand auf dem wackeligen weißen Tisch in der Nähe. Aus den Lautsprechern sang Queen, und der Duft des überteuerten Kaffees umgab sie wie der warme Atem Gottes.

Julias Tirade brach mittendrin ab, weil Marisol ihre Freundin mit der größten Theater-Umarmung des Universums zum Schweigen brachte und ihr ins grüngesträhnte Haar weinte, während sie dem Schicksal dankte, dass sie wieder vereint waren. Jetzt starrten wirklich alle herüber, aber Marisol war es egal. Etwas Schweres, Raschelndes fiel ihr aus dem Hosenbund. Das Notizheft.

„Ich muss dir was Unglaubliches erzählen, Jools“, flüsterte sie ihr ins Ohr. Sie wollte fragen, ob Obama noch Präsident war, ob der Kalte Krieg immer noch vorbei war und so weiter, aber all das würde sie noch früh genug herausfinden, und das hier war wichtiger. „Jools, ich habe ein neues Stück geschrieben. Es ist fertig. Und es wir alles verändern.“ Übertreibung war die Sprache, in der Marisol, Julia und alle ihre Freunde kommunizierten. „Willst du es lesen?“

„Bist du high?“ Julia befreite sich, dann entdeckte sie das Heft zwischen ihren Füßen. Die Neugier siegte, und sie hob es auf und begann zu lesen.

Marisol lieh sich fünf Dollar und besorgte sich einen Filterkaffee, während Julia mit den Knien vor dem Gesicht da saß und das Stück las. Alle paar Minuten sah Julia auf und sagte widerwillig: „Nicht schlecht“, als wäre bei Marisol doch noch nicht alles verloren.

 

 

Deutsch von Sophie Zeitz


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© 2014 by Charlie Jane Anders
Erstveröffentlichung unter dem Titel »As Godd as New« auf Tor.com
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

Charlie Jane Anders - Alle Vögel unter dem Himmel

© Tristan Crane


Charlie Jane Anders
ist eine amerikanische Bloggerin, Autorin und Redakteurin für das Internet-Magazin io9. Für ihre Kurzgeschichte ›Six Months, Three Days‹ wurde sie mit dem Hugo-Award ausgezeichnet. Bei Fischer Tor erscheint ihr Roman ›Alle Vögel unter dem Himmel‹.

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