Fiction von Guido Seifert: Le Roi est mort, vive le Roi!

FICTION

Le Roi est mort, vive le Roi! (Guido Seifert)


Im Jahre 2054 hat sich viel verändert – auch die Musikszene. Und aktuell lieben alle das sogenannte ElektroNebula. Als der an Krebs erkrankte Meister und Begründer des Musikstils, Nicolas Rozier, erfährt, dass er nur noch wenige Monate zu leben hat, setzt er alles daran, sein zehntes und letztes Album fertigzustellen - um jeden Preis.

In seiner Kurzgeschichte ›Le Roi est mort, vive le Roi!‹, nominiert für den Deutschen Science Fiction Preis 2016, beschreibt Guido Seifert eine spannende Zukunftsvision, in der Ruhm und Erfolg das höchste Lebensziel bedeuten und die Grenzen zwischen realem und virtuellen Leben verwischen.

 

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Montag, 30.03.2054, 18:45 Uhr GFT (21:45 Uhr UTC), Hotel Villa de l’Amazonie, Cayenne, Französisch-Guayana

 

Er war der Größte – jetzt bin ich es. Chris Stockley sah sich im Badezimmerspiegel lächeln – und erschrak zum wiederholten Male vor der eigenen Pietätlosigkeit. Er kniff die Lippen zusammen und fühlte sich schuldig. Wie um der Versuchung zu entgehen, sich diesem verflixten unterschwelligen Triumph hinzugeben, klopfte er sich das Rasierwasser stärker als nötig auf die Kinnbacken. Seit dem Tag, als er von Nicolas Roziers Tod erfahren hatte, war er dieser unangenehmen Gefühls-Ambivalenz ausgesetzt. Als Nicolas noch lebte, schwankte Chris’ Gefühl für ihn zwischen Bewunderung und Neid, und jetzt, da er tot war, zwischen Trauer und Triumph. Nicolas Rozier, das große musikalische Genie, der Begründer des ElectroNebula genannten Musikstils, war abgetreten, dahingegangen, verblichen – was ganz unausweichlich mit sich brachte, dass Chris Stockley, der ewige Zweite, nun an die Spitze rückte.

Chris erwischte sich dabei, wie das Prügeln der eigenen Wangen in ein eher selbstverliebtes Streicheln übergegangen war, und stieß einen kurzen Fluch aus. Er verließ das Bad und ging mit nackten Füßen über die hellgrauen quadratischen Fliesen seines luxuriösen Hotelzimmers zum Kleiderschrank. Sein zweimaliges Fingerschnippen vor dem Akustiksensor ließ die Schranktüren zu beiden Seiten hin aufgleiten. Er musste sich ein wenig sputen. Die Verabredung zum Abendessen mit Oceane Rozier und den anderen Trauergästen war für 19 Uhr getroffen worden. Er wählte ein dunkelgraues Hemd aus (das schwarze würde er dann morgen tragen). Während er sich anzog, fiel sein Blick auf das riesige Display, das einen großen Teil der Wand gegenüber dem Kingsize-Bett einnahm. Der Bildschirm war in neun Fenster aufgeteilt, von denen sechs öffentlich zugängliche Netzinhalte wiedergaben, wohingegen die drei übrigen für hausinterne Informationen, wie beispielsweise die tagesaktuelle Speisekarte des Hotelrestaurants, reserviert waren.

Im Flimmern und Wechseln der Bildinhalte stach Chris plötzlich eine Fotografie Nicolas Roziers ins Auge – es war tatsächlich immer wie ein kleiner Stich, wenn er eine Ablichtung seines ehemaligen Konkurrenten unerwartet zu Gesicht bekam. »W4 pop up!«, befahl Chris. Das nämliche Fenster vergrößerte sich mit einem Schlag und eroberte den kompletten Bildschirm. Es handelte sich um einen Nachruf auf den genialen Komponisten und Produzenten, dessen Tod vor fast einer Woche immer noch die auf Kunst und Kultur spezialisierten Medienkanäle beherrschte. Chris blickte auf das nun überlebensgroße Porträt Roziers, unter welchem sich der redaktionelle Text in zwei Kolumnen befand. »Read«, sagte Chris tonlos, und das Sprachmodul begann damit, den Nachruf vorzulesen. Doch Chris hörte kaum hin. Er knöpfte sich gedankenverloren das Hemd zu, während er das riesige Konterfei anstarrte, das nun sein Hotelzimmer dominierte. Er konnte sich nicht verhehlen, dass selbst aus den Gesichtszügen des verstorbenen Meisters jenes Genie sprach, das Nicolas’ Geist ausgemacht hatte. Alles, was Nicolas Roziers Musik auszeichnete, die Feinheit, der luftige, ätherische Bau, aber auch die fast schon brachial zu nennenden dynamischen Akzente, entsprang einem Talent, zu dem exakt dieses Gesicht passte.

»… verband die unterschiedlichsten Kulturkreise in einer Art und Weise, wie man es vor ihm nicht kannte. Sein Blick ging immer ins Weite, und doch ist es seine eigene, brüchige Form, die …«

Chris hatte dieses Pressefoto Roziers schon bei anderen Gelegenheiten betrachtet, und wenn es im gewöhnlichen Format bereits überaus impressiv war, so wirkte seine Vergrößerung schlicht einschüchternd auf ihn. Le Roi de l’ElectroNebula war tot – und dennoch war er präsent. Es wird vorbeigehen, dachte Chris. Wir schießen seine Asche in den Weltraum, und in einem halben Jahr wird man sich schon eingekriegt haben. Die Kritikerhunde werden mich jetzt zwar stärker denn je mit ihm vergleichen und ihren Lobgesang auf ihn um eine Oktave nach oben schrauben, aber auch das wird vorbeigehen. Die Zeit arbeitet für mich – Chris Stockley.

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 0:00 Uhr MESZ (30.03.2054, 22:00 Uhr UTC), Côté Jardin du Luxembourg, Paris, Frankreich

 

Ein kleines Programm mit Namen Durable RAM Wakeup empfing erneut einen Impuls der funkgesteuerten Realtime Clock. Die Übereinstimmung mit dem gespeicherten Zeitparameter veranlasste das Programm, den Netzstrom einzuschalten. Daraufhin schubste der Management-Prozessor die Tür zum BIOS auf, und die Startroutine lief an. Der Power-on self-test befingerte schnell und gründlich sämtliche Hardware, nickte alles ab und machte den Weg für das Betriebssystem frei, das sich aus dem Festspeicher ins RAM lud. Es erfolgte der Autostart eines speziellen Dienst- und Kontrollprogramms, welches zunächst nach Einträgen in den Ausnahme-Regelungen forschte. Da es hier nicht fündig wurde, widmete es sich den Zeitparametern der Dateien im Projekt-Ordner. Es stellte fest, dass sich das Bearbeitungsdatum der als aktuell markierten Datei seit der letzten Überprüfung nicht geändert hatte. Eben jener Check-up vor genau einer Woche hatte das Programm erstmalig dazu veranlasst, sich mit dem Netz zu verbinden und sich einer Suchmaschine zu bedienen. Die übermittelten Wörter lauteten: Nicolas Rozier, Le Roi de l’ElectroNebula, King of ElectroNebula, gestorben, verstorben, Tod, Beisetzung. Das ELSI-Modul des Programms war zu der Schlussfolgerung gelangt: Tod Nicolas Rozier = 0. Dass der berühmte Komponist und Produzent am 17.03.2054 ins Krankenhaus eingeliefert worden war, wie viele Artikel vermeldeten, war von keinerlei Relevanz für das Extended Latent Semantic Modul und stellte folglich keinen Grund dar, eine 1 auszugeben. Somit hatte das Programm den Rechner heruntergefahren. Doch jetzt gelangte das ELSI-Modul zu einem anderen Ergebnis. Die übermittelten Suchbegriffe führten zu mannigfaltigen Antworten, die das Programm dazu veranlassten, eine 1 auszugeben. Nicolas Rozier war in den frühen Morgenstunden des 24. März 2054 verstorben, ein paar Stunden nachdem sich der Rechner zum letzen Mal abgeschaltet hatte. Nun erteilte das Dienst- und Kontrollprogramm den LOAD-Befehl für eine andere und sehr spezielle Software.

 

 

Montag, 30.03.2054, 19:30 Uhr GFT (22:30 Uhr UTC), Hotel Villa de l’Amazonie, Cayenne, Französisch-Guayana

 

»Du musst etwas essen, Camille!« Oceane Rozier bemühte sich offenbar, Nachdrücklichkeit in ihre von Natur aus sanfte Stimme zu legen. Doch ihre achtjährige Tochter stocherte weiterhin geistig abwesend im Reis. Im linken Arm hielt sie ein Kuscheltier – dicht an die Brust gepresst. Chris hatte miterlebt, wie Oceane dem Mädchen das plüschige kleine Nilpferd hatte wegnehmen wollen. Das Geschrei war groß gewesen, denn es handelte sich um ein Geschenk ihres verstorbenen Papas. Oceane hatte schnell aufgegeben. Wenn Camille an einem Bändchen im Nacken des Stofftiers zog, erklang eine integrierte Spieluhr.

»Das gilt auch für dich, Antoine …« Ein Anflug von Zittern bemächtigte sich Oceanes Stimme. Camilles ein Jahr älterer Bruder schien ebenfalls keinen Appetit zu haben. Dies konnte man von Douglas Weedman nicht behaupten. Der CEO von Sony UMG ließ es sich schmecken – sein Mund malmte im rötlichen Gesicht. Vielleicht war er der Ansicht, dass er sich dies gestatten durfte, da er – dem traurigen Anlass angemessen – sein polterndes Naturell bislang bezwungen und das Tischgespräch nicht an sich gerissen hatte. Die Rücksichtnahme auf Oceane war die eine Sache – seine Bouillon d’aurora aber offenbar eine andere. Die einheimische Spezialität aus geräucherten Meeresfrüchten, Hühnerfleisch, Gemüse und exotischen Früchten mundete dem mächtigen Plattenboss ganz offenkundig, und wer Douglas Weedman kannte, würde wissen, dass der CEO von Sony UMG es schlicht als sinnlos ansah, sich dermaßen tief in die Trauer einzulassen, dass der Genuss dabei auf der Strecke blieb.

Mehr Feingefühl bewies Enzo Dubois, der in den vergangenen zwei Jahren zum Freund Nicolas Roziers geworden war. Eine Freundschaft, wie sie wohl nur selten vorkam, da der Künstler den Kritiker gewöhnlich eher als seinen natürlichen Feind ansah. Doch Nicolas hatte sich anscheindend von Enzo musikalisch so verstanden gefühlt wie von nur noch wenigen anderen. Chris beobachtete, wie der Musikkritiker sein Carré d’agneau provençale derart besinnlich und tatenarm zerlegte, als ob er zum Ausdruck bringen wollte, dass mit Nicolas’ Tod die Zeit zum Stillstand kommen müsse.

Chris legte das Besteck auf den Rand seines Tellers. Die Hälfte der Jakobsmuscheln auf Basilikum-Risotto war übrig geblieben. Die Trauer Oceanes und die Verstörtheit der Kinder gaben seinem schlechten Gewissen neue Nahrung. Er hatte es nie vermocht, die Distanz zwischen ihm und Nicolas abzubauen, während von diesem mehrere Anläufe dazu unternommen worden waren. Auch für diese freimütige Wesensart hatte Chris Nicolas heimlich bewundert. Das Genie Rozier war derart in seiner Arbeit aufgegangen, hatte sich so vollkommen mit dieser Arbeit identifiziert, dass es in sich gar keinen Raum für engstirniges Konkurrenzdenken verfügbar halten konnte. So waren sie nur gute Bekannte geblieben, Fachkollegen sozusagen, aber keine Freunde. Chris hatte die Roziers öfters in ihrem Haus an der Côté Jardin du Luxembourg besucht, hatte mit Nicolas lange Fachgespräche geführt, doch die Ambivalenz seiner Gefühle war nie verschwunden.

»Also, wenn ihr nicht esst, dann geht ihr jetzt ins Bett. Es ist sowieso spät genug. Ich bringe euch auf euer Zimmer. Alléz!« Die Kinder gehorchten ohne Widerrede und standen auf.

»Entschuldigt mich …« Nicken am Tisch. Chris sah Oceane nach, wie sie, mit einem Kind an jeder Hand, zwischen den Topfpalmen verschwand. Obwohl sie Trauerkleidung trug, machte sie auf Chris einen äußerst eleganten Eindruck. Er kannte Oceane Rozier immerhin so gut, dass er ihr Outfit nicht als ein Zeichen von Taktlosigkeit wertete. Oceane war einfach eine Frau, die auf Eleganz nicht verzichten konnte – selbst wenn sie trauerte. Ihr Hang zur Selbstdarstellung war vielleicht nicht unbedingt eine Tugend, doch entsprang er ihrem innersten Wesen, das nach Schönheit strebte – so selbstverständlich, wie sich andere Leute abends die Zähne putzten und damit auch nicht unerwartet aufhörten, weil es einen Trauerfall in der Familie zu beklagen gab.

»Kellner!« Douglas Weedman wedelte mit der kräftigen Hand.

»Oceane ist bewundernswert«, sagte Enzo leise und ließ ein Stück Lamm auf seinen Mund zukriechen.

»Das ist sie«, stimmte Chris zu. Mit einem Mal wurde ihm bewusst, dass er Nicolas auch um seine Frau beneidet hatte. Du musst jetzt ganz ruhig bleiben, sagte er sich. Stelle dir vor, was in einem halben Jahr sein wird. Der alte König ist vergessen – ein neuer wird herrschen.

»Noch eine Flasche von diesem Bordeaux, der ist ausgezeichnet! Ach was! Bringen Sie gleich zwei Flaschen!« Weedman peitschte kurz und energisch die Luft mit seiner Pranke.

»Zwei Flaschen Chateau Bellevue Saint Emilion Grand Cru, Jahrgang 2046. Sehr wohl.« Der Kellner entfernte sich. Weedman zündete sich eine Zigarette an. Der Rauch wurde sofort und rückstandslos von der Klimaanlage absorbiert.

»Nicolas war schon ein verrückter Hund …« Weedman schüttelte sachte den Kopf. »Bucht seine eigene Urnenbestattung im Weltraum. Unglaublich, der Kerl …«

»Nun …« Chris legte die Hände zusammen. »Als er im Juli letzten Jahres erkrankte, gaben ihm die Ärzte noch zwei, höchstens drei Monate. Niemand, auch er selbst nicht, rechnete damit, dass er bis März durchhält – und quasi fast die eigene Bestattung überlebt.«

»Das zehnte Album«, sagte Weedman in einem leicht rauen Ton, der einen vermuten lassen konnte, dass er argwöhnte, eben dieses Album nicht mehr zu bekommen.

»Ja«, sagte Chris und nickte. »Das gab ihm die geradezu übermenschliche Kraft. Sein unzweifelhaft letztes Werk sollte der Höhepunkt seines Schaffens werden. Als ich ihn – Anfang März – das letzte Mal besuchte, spürte ich kaum etwas von seiner Krankheit. Er sprach geradezu enthusiastisch von seinem zehnten Album und ließ mich zwei Tracks hören. Obwohl es sich lediglich um Rohfassungen handelte, war ich tief beeindruckt.« Und nicht nur das – Chris erinnerte sich an einen Satz, den Nicolas mit dunkler und eindringlicher Stimme geäußert hatte, einen Satz, der ihn – Chris – hatte frösteln lassen …

»Konnte er das Album denn noch fertigstellen?«, fragte Enzo und legte die Gabel auf den Teller.

»Scheiße, nein«, platzte Weedman heraus. »Zumindest glaubt das Oceane. Nach ihrer Kenntnis konnte er den letzten Track nicht mehr abschließen, und inwieweit die fertiggestellten Tracks noch eine Überarbeitung erfahren hätten, steht in den Sternen. Natürlich könnte man das Ding als Fragment raus… Ah, der Wein!«

Der Kellner zeigte Weedman die mit einem Tuch drapierte Flasche und sorgte mit spitzen Fingern dafür, dass das Etikett zur Gänze sichtbar wurde.

»Prima, Mann, prima.«

Der Garçon schlug die Augen nieder und hielt sie tatsächlich für drei Sekunden geschlossen. Dann entkorkte er die Flasche in eleganter, geübter Manier und goss eine Kostprobe in Weedmans Glas.

»Ach, ja …«, ächzte Weedman und gab damit zu verstehen, dass er diese Zeremonie für Firlefanz hielt. Er nippte rasch und nickte.

»Machen Sie die Gläser voll, Junge.« Der Kellner schenkte ein, füllte die großkelchigen Gläser aber nur zu etwa einem Drittel.

»Hey!«, hielt Weedman den Ober zurück, der im Begriff war, sich zu entfernen. »Machen Sie die zweite Flasche auch gleich auf. Sie glauben doch nicht, dass dieser Pulle hier ein längeres Leben beschieden ist?«

»Wie Sie wünschen«, sagte der Kellner in leicht pikiertem Tonfall und gehorchte.

»Die arme Oceane«, bemerkte Enzo nach einigen Momenten des Schweigens und blickte gedankenverloren dem Kellner nach. »Der Verlust – und dann die Hektik in dieser einen Woche … Der Papierkram, die Dokumente, die Einäscherung, der Trauerredner, der Flug nach Cayenne – alles, um Nicolas’ letztem Wunsch nachzukommen …«

»Ist manchmal gut, so in die Arbeit hineingedrängt zu werden. Hindert einen, sich in Emotionen aufzulösen«, sagte Weedman und führte den Bordeaux zum Munde.

»Ja, vielleicht hast du recht, Doug«, sagte Enzo Dubois, lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. »Das Leben muss weitergehen. Es wird weitergehen – ohne Nicolas. Aber nicht ohne seine Musik. Sie bleibt gültig. Sein letztes veröffentlichtes Album hat mich in der Seele berührt, hat mich zu Tränen gerührt. ›La Sphère cristalline‹ ist ein Meisterwerk. Ich vermag mir kaum vorzustellen, wie sein zehntes Album die ›Sphère‹ hätte übertreffen sollen. Wir werden es wohl auch nicht erfahren, wenn es tatsächlich nur fragmentarisch vorliegt. Ich frage mich, ob er die wunderbar atmosphärischen Electronica, die ja in deutlichem Bezug zu den Flächenarrangements der späten 40er Jahre stehen, weiterentwickelt hat. Das Ganze ging ja über das bloße Zitat hinaus – im Grunde ein reduziertes Backgroundflächenambiente, das im leisen Zitat so etwas wie Wehmut und Vergeblichkeit aufscheinen lässt. Aber vielleicht kann uns Chris das ein oder andere dazu sagen, er konnte ja schon reinhören. Chris?«

»Was?« Chris Stockley hatte abgeschaltet, als Enzo in sein typisches Geblubber verfallen war. Enzo konnte ihn mal gerne haben. Sie alle konnten ihn mal gerne haben. Eine Zeit ging zu Ende – eine neue würde anbrechen.

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 0:45 Uhr MESZ (30.03.2054, 22:45 Uhr UTC), Côté Jardin du Luxembourg, Paris, Frankreich

 

Der Sequenzer, der vom Dienst- und Kontrollprogramm geladen worden war, verglich seine Projekt-Engramme mit dem Status der in Arbeit befindlichen Stücke. Er stellte fest, dass Track 11 abgeschlossen und einem Premastering unterzogen worden war. Somit beschränkte sich seine Arbeit auf die Fertigstellung von Track 12, welcher allerdings kaum über die Erstellung einer Hookline vor dem Hintergrund einer exotischen Geräuschkulisse hinausgelangt war. Das Sequenzer-Programm begriff sofort, dass der Keim der Komposition in eben dieser Geräuschkulisse lag, die in der Hauptsache aus den Gezeiten- und Strömungsklängen des neunzig Kilometer tiefen Ozeans unter dem Eispanzer des Jupitermondes Europa bestand. Dagegen schien der Drumbeat, welcher sich vorwiegend aus den geloopten Geräuschen eines uralten sogenannten Tintenstrahldruckers zusammensetzte, lediglich ein erster Versuch zu sein, zu einer rhythmischen Korrespondenz zu gelangen. Der Sequenzer triggerte immer wieder die Hookline, bis er mit einem Mal begriff, dass die Vertauschung lediglich zweier Noten das Hauptmotiv perfekt machte. Das eingestellte Sound-Programm des virtuellen Synthesizers war unbrauchbar, und es stand außer Frage, dass eine erste Aufgabe darin bestand, eine klangliche Anpassung vorzunehmen, um die Hookline mit dem Rauschen des Europa-Ozeans in Interaktion zu bringen. Dass die späteren Flächenarrangements eine nochmalige klangliche Änderung des Lead-Sounds nötig machen würden, war vorauszusehen. Jetzt ging es vor allem um die Erschaffung des grundlegenden Charakters, mit der die Notenfolge des Hauptmotivs erklingen sollte. Hierfür erstellte das Sequenzer-Programm selbsttätig eine Vorgabe und übertrug sie als Vergleichsgröße in den Prozess des Sounddesigns. Es initiierte zwei Oszillatoren mit Sägezahn-Wellenformen unterschiedlicher Flankensteilheit und verstimmte sie ganz leicht gegeneinander. Es knabberte an der Attack-Zeit, bis sie kurz genug geriet, und riss das Maul auf, um die Cutoff-Frequenz des Tiefpassfilters hochzutreiben. Ständig triggerte es Testnoten und verglich das Ergebnis mit der Vorgabe. Die Werte des Emo-Feedbacks kletterten langsam nach oben, und das Programm fühlte sich zunehmend wohler im Bad des Audio-Outputs (die Spannungswechsel wurden in direkte Signale für sein akustisches Areal übersetzt, es benötigte weder Lautsprechermembranen noch Schall). Ein harter und voluminöser Solo-Sound entstand, dem der Sequenzer in seinem reflexiv-lautlichen Areal den Namen ›Fat Leader‹ gab. Doch irgendetwas passte noch nicht ganz. Vorgabe und Gestaltung waren noch nicht völlig zur Deckung gebracht. Das Programm erkannte, dass die ADSR-Hüllkurve nicht ständig neu getriggert werden durfte. So biss es die Polyphonie weg, bis es die Stimmenanzahl auf 1 heruntergebracht hatte. Mehr brauchte es nicht für den Fat Leader, und es konnte nun via leicht überlappender Note-On-Impulse eine wunderbar volle Filterfahrt genießen. Schließlich zwinkerte das Programm hinüber zum Glide-Parameter. Sachte schubste es die Werte hoch und schuf einen leichten Pitch zwischen den Anschlägen. Im Ergebnis entstand ein direkter, monophoner Klang, der sich sehr dynamisch spielen ließ. Das Kreativmodul des Sequenzers empfand eine große Befriedigung.

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 11:45 Uhr MESZ (9:45 Uhr UTC), Flughafen Paris-Orly, Frankreich

 

Der Airbus 660 Supersonic hob planmäßig ab. Die Schallisolierung des Überschall-Jets war schlicht hervorragend – die Fluggäste hörten kaum mehr als ein leises Pfeifen. Thierry Lepage aktivierte die Massagefunktion der verstellbaren Wirbelsäulenstütze. Er war bislang nur selten in der First Class geflogen und gedachte, alle gebotenen Annehmlichkeiten wahrzunehmen. Wenn Oceane Rozier schon so spendabel war, wollte er das auch auskosten. Er regelte die Intensität der Massage ein wenig herunter, bis er ein gleichmäßiges und angenehmes Prickeln im Rücken verspürte, von dem er sich vorstellen konnte, es über die vollen fünf Flugstunden zu genießen. Allerdings würde er auch noch ein wenig arbeiten müssen, und er überlegte, ob er nicht gleich damit beginnen sollte. Länger als zwei Stunden würde er sicherlich nicht brauchen – dann hätte er seine Pflicht getan und könnte die drei verbleibenden Stunden der Flugreise umso mehr genießen. Ja, so würde er es machen. Er nahm sein MultiCom aus der Innentasche und verband es mit dem im Sitz des Vordermannes eingelassenen Display.

»Ein Traditionalist …«, sagte sein Sitznachbar und lächelte verbindlich.

»Mmh?« Lepage sah den beleibten, glatzköpfigen Mann an, der den Fensterplatz innehatte.

»Maxime Fourtou, Samsung RDT.« Der Dicke streckte seine Hand aus. »Retina Display Technology«, schob er, das Akronym erklärend, nach.

»Thierry Lepage …« Er zögerte einen Moment, fügte dann aber doch hinzu: »Trauerredner.« Sie gaben sich die Hände.

»Ich habe ja schon viele Leute kennengelernt – aber ein Trauerredner war noch nicht dabei.« Fourtou grinste. Er hatte offenbar keine Ahnung, wer da neben ihm saß. Thierry Lepage hatte sie alle unter die Erde geredet, die Großen der französischen Politik, Wirtschaft und Kunst. Er war die Nummer eins der hauptberuflichen Trauerredner Frankreichs, gleichgültig, ob er sein Talent nun in den Dienst eines religiösen oder nichtkonfessionellen Begräbnisses stellte.

»Es gibt mit Sicherheit weniger Trauerredner als Leute, die in der Implantat-Branche tätig sind, da haben Sie recht«, sagte Lepage mit einem Lächeln.

»Garantiert. Und Sie hantieren also immer noch mit einem altmodischen MultiCom …«

»Ich bin da vielleicht wirklich Traditionalist. Ich weiß schon, dass sich immer mehr Menschen Retina-Displays einsetzen lassen, aber das ist nichts für mich. Ich glaube … ich glaube, das kann nicht gewollt sein.« Lepage vermied das Wort ›Gott‹, wie er es aus Feingefühl immer tat, wenn er einen Menschen kennenlernte und ihn noch nicht einzuschätzen vermochte.

»Tja, die Leute jedenfalls wollen die Dinger. Sie sind ganz scharf drauf. Ein Riesengeschäft.«

»Da bin ich mir sicher«, sagte Lepage milde.

»Hören Sie, Monsieur Lepage«, sagte Fourtou pfiffig. »Wenn Sie Trauerredner sind, müssen Sie Ihre Reden auswendig lernen, stimmt’s?«

»Das ist richtig.«

»Mit Retina-Displays gehört das Büffeln der Vergangenheit an. In der Kleidung integrierter Mini-Computer, Funksignale an die auf halb transparent geschalteten Displays, und Sie lesen Ihre Rede wie nichts herunter, haben doppelt so viel Zeit und können doppelt so viele Aufträge annehmen. Na, ist das nichts?« Fourtou verzog das Gesicht zu einem Verkäufer-Lächeln.

»Das wäre zweifellos ein Vorteil, Monsieur Fourtou. Das will ich gar nicht bestreiten. Aber ich komme auch so ganz gut zurecht. So – und nun muss ich genau das tun: büffeln.« Lepage nickte dem Dicken zu und schaltete dann sein MultiCom ein.

»Verstorbener in Cayenne, was?«

»So ist es«, sagte Lepage, ohne sich Fourtou noch einmal zuzuwenden. Die Trauerrede war im Grunde fertig. Auch konnte Lepage sie fast auswendig. Es ging nur noch um Kleinigkeiten, vor allem um den ersten Satz, der ihn nicht so recht zufrieden stellte. Mitunter wendete er ein Viertel der Zeit, die er an einer Trauerrede saß, für den ersten Satz auf, wog Alternativen gegeneinander ab, entwickelte Variationen der in Frage kommenden Sentenzen und gelangte nicht selten aufgrund lautlich-rhythmischer Erwägungen zu einer Entscheidung.

Quem di diligunt, adolescens moritur. Wen die Götter lieben, der stirbt als Jüngling. Thierry Lepage presste die Lippen zusammen und schüttelte kaum merklich den Kopf. Nein, Rozier war kein Jüngling mehr. Passt nicht so recht. Lepage entfernte die Variante aus dem Text. Rasch tritt der Tod den Menschen an, es ist ihm keine Frist gegeben. Schiller. Ja, das war Lepages erster Einfall gewesen und vielleicht doch der beste Auftakt. Er markierte den Satz als bevorzugt. Roziers Frist war schon arg bemessen – fünfunddreißig ist kein Alter, dachte Lepage. Mors laborum ac miseriarum qies est. Der Tod ist ein Ausruhen von Mühe und Elend. Quatsch. Rozier lebte in Saus und Braus. Der verdiente doch Millionen mit seinem komischen ElectroNebula. Nicolas Rozier, le Roi de l’ElectroNebula. Was die Leute sich so für Titel verpassen … Musik nenne ich so was nicht. Aber loben werde ich’s schon, das ist klar. Schön aus den Kritiken abgekupfert und ein bisschen umgeschrieben. Für mich sind diese Klangkaskaden bloß weitläufig und bizarr. So wie das Haus an der Côté Jardin du Luxembourg. Die Witwe, obwohl in Schwarz, wirkte doch irgendwie aufgetakelt … Oceane Rozier … sieht verflixt gut aus … und legte gleich die First-Class-Flugtickets auf den Kristall-Tisch. Ist schon am Ostersonntag nach Cayenne geflogen, mit ihrer Entourage … Ihr – trotz aller Trauer – pikiertes Gesicht, als ich dumme Fragen über den Werdegang des Verstorbenen stellte; als ob alle Welt selbst mit den kleinsten Biographica des Monsieur Nicolas Rozier vertraut sein müsse. Mein Gott, ich höre Bach und Händel und nicht ElectroNebula … Neun Alben, alle mit Platin aufgewogen. Und das zehnte sollte … Er wusste, dass er’s vielleicht nicht mehr schaffen wird. Retina-Displays – ha! – aber gegen solche bösartigen Viren haben sie nichts in der Hand. Also – der erste Satz? Schiller ist schon okay. Ich denke, ich bleibe dabei.

»Wünschen Sie etwas zu trinken, Messieurs?« Die Stewardess stand neben ihrem Rollwagen und lächelte völlig unpersönlich, aber doch nicht direkt falsch.

»Ja, gerne. Einen Cognac, bitte«, sagte Maxime Fourtou.

»Da schließe ich mich an.« Lepage würde den Flug genießen. Er wusste auch schon, was er zu Mittag essen würde: Ossobuco vom Lamm mit Ebereschengemüse.

Die Stewardess servierte die Getränke, ohne dass ihr das professionelle Air-France-Lächeln abhandenkam. Dann rollte sie weiter, mit ihrer gefrorenen Freundlichkeit im Make-up. Fourtou hob das Glas und machte deutlich, dass er anstoßen wollte – Lepage ließ sich darauf ein.

»Wissen Sie eigentlich, dass wir praktisch keine einzige Minute verschwenden, wenn wir hier mit Mach 2 über den Atlantik brettern?«, sagte Fourtou. Offensichtlich wollte er sich gerne unterhalten und war dankbar für die Gelegenheit, die sich jetzt bot. »Startzeit 11 Uhr 45 Mitteleuropäischer Zeit, Landung um 11 Uhr 45 French Guiana Time. Zeitlos, wir reisen praktisch zeitlos. Ich fliege ja viel – berufsbedingt.«

Lepage deutete ein Nicken an. Er wollte mit seiner Rede weitermachen, bevor sich der Krämer warmschwätzte.

»Sie glauben ja gar nicht, was ich schon alles auf meinen Flügen erlebt habe …«

Doch, Lepage glaubte es sofort und am besten ungehört. Der lupenreine Borderies-Cognac rann ihm die Kehle hinab.

»Einmal flog ich von Manila nach Frankfurt via Bangkok. Nachts gegen 3 Uhr, kurz vor Moskau, hören wir über den Bordlautsprecher die Anfrage nach einem Arzt. Keiner an Bord. Kurz hinter Moskau dann kommt die Durchsage, dass wir wegen eines Schwerkranken nach Moskau zurückfliegen …«

Lepage blinzelte nervös. Er nahm einen weiteren Schluck und wälzte den Cognac im Mund. Ohne Fourtous Gequatsche würde er das sanfte Brennen sicher noch mehr genießen können.

»… großes Schneetreiben. Als die Maschine dann steht, was kommt? Ein Krankenwagen?« Fourtou senkte den Kopf und schüttelte ihn sachte. Offenbar war er gedanklich bei der Pointe und genoss sie einen Moment ganz für sich alleine. Behalte doch einfach deine Pointe, dachte Lepage. Fourtou hob den Kopf und sah ihm direkt in die Augen.

»Ein Krankenwagen?«, wiederholte er dramatisch. »Nix! Der Tankwagen! Stellen Sie sich das mal vor! Der Krankenwagen kam erst zehn Minuten später! Und noch mal zehn Minuten später dann die Durchsage: Es gibt zwei Nachrichten, eine gute und eine schlechte. Die gute zuerst: Wir starten in den nächsten Minuten. Die schlechte: Der Passagier ist leider verstorben. Von der Zeit her gesehen, wären wir jetzt schon in Warschau gewesen …«

»Ja, rasch tritt der Tod den Menschen an, es ist ihm keine Frist gegeben«, sagte Lepage, nickte verbindlich und wandte den Kopf mit einer sehr bestimmten Bewegung wieder dem Display zu. Er spürte geradezu, wie sein beleibter Nachbar zögerte, mit einer weiteren Horrorgeschichte aufzuwarten. Glücklicherweise entschloss sich der muntere Erzähler dann doch zu schweigen. Vorläufig, was? Lepage blickte auf den Text seiner Grabrede. Am besten, dachte er, gehe ich die Rede noch mal von Anfang an durch, sicherlich kann ich hier und da noch eine textliche Verbesserung anbringen. Also gut. Rasch tritt der Tod den Menschen an, es ist ihm keine Frist gegeben. So verkündet uns der Dichter, so belehrt uns das Leben. Jenes irdische Leben, das den Tod nun mal im Gefolge hat, der unabweisbar den Schlussakkord jeder individuellen Existenz setzt. Der Tod eines bedeutenden Menschen ist es, der uns in dieser Stunde hier an diesem außergewöhnlichen Orte vereint. Die Welt sprach von diesem Menschen als dem König des ElectroNebula, als dem Schöpfer einer Musik, die so einmalig bleiben wird, wie er als Mensch es war. Nicolas Rozier gilt nicht nur als der Begründer eines völlig neuen Kompositions-Stils, sondern schenkte der Welt darüber hinaus auch eine Vielzahl außergewöhnlicher Werke, Schöpfungen, die als unauslöschlicher Teil der Musikgeschichte Bestand haben werden. Wenn wir seine Musik also mit guten Gründen unsterblich nennen dürfen, so wollen wir doch nicht vergessen, wollen im Gegenteil herausstellen, dass er die relative Unsterblichkeit für sich selbst strikt ablehnte. Ach ja – die Bioethik-Passage. Da müsste ich noch mal ran. Das kann textlich noch aufpoliert werden. Lepage hob den Kopf und dachte nach.

»Auf einem Flug Paris – Singapur sind wir mal um Dutzende Meter abgesackt, und ich habe Leute an die Decke fliegen sehen. Üble Platzwunden, sage ich Ihnen! Seit dem bleibe ich immer angeschnallt. Da bin ich ganz eisern.«

Den Kopf zu heben, war Lepages Fehler gewesen, auf den Fourtou nur gelauert zu haben schien. »Das ist sicher vernünftig.« Lepage nickte seinem Nachbarn zu, verzog die Lippen zu einem kurzen, duldsamen Lächeln, um sich sogleich wieder dem Display zu widmen.

Ein wirklich sympathischer und menschlicher Zug von Rozier, dachte Lepage. Das Beste an ihm, würde ich sagen. Er war nicht gerade ein guter Christ, ging nie in die Kirche – aber war doch gläubig. Sagt seine Witwe zumindest. Sieht verflixt gut aus, diese Oceane Rozier. Konzentriere dich! Also … Nicolas Rozier wurde niemals wankend in dem Glauben, dass der irdische Tod notwendiger Teil des von Gott geschenkten Lebens ist. Der Leib zerfällt zu Staub, die unsterbliche Seele wandert zum Allmächtigen. Von Staub bist du genommen und zu Staub wirst du wieder werden, spricht der unbekannte Verfasser des Buches Genesis. Zu keiner Zeit konnte Nicolas Rozier gutheißen, was so viele unserer Zeitgenossen praktizieren. Immer sah er im Neuro-Upload und in der Klonierung des Menschen einen Frevel. Nur Gott kann die Unsterblichkeit gewähren, der Mensch aber überhebt sich im technologisch Machbaren. Moment – hier könnte ich doch noch 1. Mose 11 reinpacken … mal überlegen … vielleicht so: Rozier sah im Neuro-Upload die Gefahr einer unangemessenen Selbstüberhebung, vor der die Bibel in der Geschichte vom Turmbau zu Babel so eindringlich warnt. Okay. Weiter. Obschon sich Nicolas Rozier nie öffentlich zum Christentum bekannt hat, dürfen wir seine Vorstellung vom Leben als einer Gabe Gottes christlich nennen. Sein vorbehaltloses Ja zu allem Leben schloss das Ja zur Unvollkommenheit eines jeden Menschen ein, die ihren tiefsten Ausdruck in seiner Sterblichkeit findet. Nicolas Rozier sah den Tod kommen, doch er lehnte es ab, vor ihm zu flüchten – für ihn kam ein Neuro-Upload niemals in Frage. Der Verblichene erkannte, dass das Leben immer ein Leben auf den Tod hin bleibt. Okay. Sollte ich noch 1. Mose 1,27 reinpacken? Lepage hob den Kopf und dachte nach.

»In Cayenne mussten wir im letzten Jahr durchstarten. Keine zehn Meter über dem Boden, fast ein Touch and Go. Warum? Sie glauben es nicht: Ein Flieger stand noch auf dem Runway! Mussten dann zwei Platzrunden drehen, bevor wir landen konnten. Mein Gott, fast wären wir da reingeknallt.«

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 16:30 Uhr MESZ (14:30 Uhr UTC), Côté Jardin du Luxembourg, Paris, Frankreich

 

Der Sequenzer hatte einen Großteil der rein kompositorischen Arbeit vollbracht und auch beim Klang-Arrangement wichtige Entscheidungen getroffen. Das Kreativ-Modul befand sich in einem anderen Zustand als zu Beginn seines Wirkens. Eine Art dumpfer Selbstempfindung hatte die Gefühle von Freude und Genugtuung im Gefolge. Noch aber lag einiges an Arbeit vor dem Sequenzer. Da mehrere dynamisch ausgeprägte Sounds sich gegenseitig störten, benötigte er ein Zwischenmastering, das ihm als Grundlage für die Vollendung des Tracks dienen würde. In dieser Absicht widmete sich der Sequenzer zunächst der mittlerweile stark umgebauten Drumloop. Das Programm erkannte die Snaredrum als akustischen Rabauken und kam zu dem Schluss, dass ein Eingriff in die Dynamik des Loops notwendig war. Eine Breitband-Kompression würde nichts bringen, da diese durch das energiereichste Signal, nämlich die Bassdrum, gesteuert werden würde. Also richtete der Sequenzer seine Aufmerksamkeit auf die Filtersektion des Kompressor-Moduls und raubte der Basstrommel so lange Energie, bis die Snare Drum die Oberhand gewann und nun den Kompressionsvorgang steuerte. So erzwang das Programm eine effektive Kompression der Snare Drum und ließ das Signal der Bassdrum unangetastet. Wie spielend gab es den Drums mehr Volumen und veredelte den Klang des Loops.

Immer wieder schnüffelte das Sequenzer-Programm in die Summe hinein. Es musste zum Schlichter konkurrierender Bassdrum- und Basssynth-Frequenzen werden. Es fühlte die sich überschneidenden Frequenzbereiche und schauderte infolge der dumpf kollernden Additionen. Auch war die Dynamik einzelner Instrumente noch zu ausgeprägt, so dass sie sich gegenseitig die Energie raubten. Das Programm schaltete die betreffenden Kanäle solo und überprüfte das Verhalten der jeweiligen Spur innerhalb ihrer Nutzfrequenz. Vorsichtige Filterung und bedächtige Kompression führten den Mix Schritt für Schritt näher an ein ausgewogenes Klangbild heran. Noch konnte der Bassbereich das Sequenzer-Programm nicht überzeugen, und es erkannte, wie wenig notwendig es war, dass die E-Gitarre bei 200 Herz so stark drückte. Das Absenken dieser Frequenz führte keineswegs zu einem Druckverlust der Gitarre im Mix, und der Synthbass befreite sich aus dumpf kollerndem Chaos zu frischer Artikulation.

Die hohe Geschwindigkeit, mit der das Zwischenmastering vonstattenging, erfreute das Kreativ-Modul. Es war in der Lage, diejenigen Areale seines Speichers zu löschen, die den akustischen Eindruck beinhalteten. So konnte es die Mischung immer wieder in der Weise hören, als ob sie nie gehört worden wäre. Es war in der Lage, jederzeit Abstand zu den Zwischenergebnissen herzustellen, indem es nicht durch die fatale Eigenschaft des menschlichen Gehirns behindert wurde, sich innerhalb von drei bis vier Stunden selbst an die abstrusesten Klangbilder zu gewöhnen.

Doch in diese Freude über die eigene Effizienz mischte sich so etwas wie eine untergründig wirkende Bedrängung. Das stark fokussierte Arbeits-Bewusstsein des Kreativ-Moduls empfand immer dann eine Störung, wenn sich – wie gerade noch – hinsichtlich des Produktionsablaufs ein Vergleich zum menschlichen Gehirn aufdrängte. Die gedankliche Durchführung eines solchen Vergleichs war völlig unnötig im Hinblick auf die Aufgabenstellung, war sogar kontraproduktiv, da sie bloß Rechenzeit fraß. Je öfter das Arbeits-Bewusstsein aus seinem Fokus gedrängt wurde, desto mehr war es gezwungen, sich mit jenem nicht leicht zu identifizierenden Thread des Programm-Codes zu befassen, der die Ursache der Störungen sein musste.

Es blieb nicht aus, dass sich das Kreativ-Modul zunehmend unwohler fühlte. Intuitiv verwandte es bei jeder neuen Störung mehr Zeit auf den Versuch einer Analyse. Herkunft und Funktion des dunklen Threads zu verstehen, würde den empfundenen Zwiespalt beseitigen und die Fokussierung auf die notwendige Aufgabe zurückleiten. Doch schon bald kam das Arbeits-Bewusstsein zu der Erkenntnis, dass die Lücke, die es vom dunklen Thread trennte, viel zu groß war, um eine Analyse zu ermöglichen. Das Kreativ-Modul sah nun einen Ausweg in dem Versuch, den dunklen Thread in der Weise zu löschen, wie es Instrumenten-, Mixer- und Plug-in-Parameter auf null zurücksetzte. Der Versuch schien zu glücken, erwies sich aber letztlich als Täuschung. Der dunkle Thread eroberte sich Rechenzeit zurück und erhöhte Schritt für Schritt sein Aktivitätsniveau. Dem Kreativ-Modul blieb nichts anderes übrig, als den Vorgang der radikalen Zurücksetzung von Zeit zu Zeit zu wiederholen.

Augenblicklich schaltete das Arbeits-Bewusstsein einzelne Spuren auf Bypass, überprüfte so den Effekt-Einsatz und korrigierte einige Parameter. Jede Spur musste ihren Platz in der Mischung finden.

Pausen waren immer wichtig …

Der Gedanke drängte sich in den Master-Slot und verstellte einige Parameter der zweiunddreißig rechenintensiven Plug-ins. Der Master-Output übersteuerte und erzeugte eine hässliche digitale Verzerrung.

Die Zielvorstellung wurde indifferent, je länger man schraubte …

Fünf virtuelle Instrumente stürzten ab, und die Wiedergabe stoppte. Der letzte Schlag einer Djembe-Trommel verklang in der fünfzehnsekündigen Hallfahne, die von einem Kathedralen-Reverb erzeugt wurde.

Unverzagt, beinahe störrisch begann das Kreativ-Modul damit, die abgestürzten Instrumente neu zu laden und die verstellten Parameter aus seinem Backup-Bewusstsein heraus zu korrigieren.

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 15:30 Uhr GFT (18:30 Uhr UTC), Markt in Cayenne, Französisch-Guayana

 

Chris Stockley hätte das bunte Treiben zu einer anderen Zeit sicher genießen können; hätte das ethnische Potpourri, das lebensbejahende Geschrei, die würzigen Düfte und grellen Farben in sich aufgesogen. Doch seine widerstreitenden Gefühle in Bezug auf Nicolas dämpften im Augenblick seine Empfänglichkeit.

»Gut!«, ließ sich Douglas Weedman mit vollem Mund vernehmen. »Solltest du kosten, Chris!«

Sie hatten es sich an dem kleinen Tisch eines Imbissstandes bequem gemacht, und Weedman verzehrte gekochtes Fleisch im Bananenblatt mit gewürztem Maniok.

»Später vielleicht«, antwortete Chris.

»Verpasst was.« Weedman leckte sich die Finger. »Und? Was hältst du von diesem Lepage?«

»Ziemlich glatter Typ. Ein Profi halt – in seinem speziellen Business.« Der Trauerredner war vor knapp vier Stunden auf dem Rochambeau International Airport gelandet und von Oceane im Hotel Villa de l’Amazonie einquartiert worden.

»Ich will dir was sagen, Chris.« Weedman schmatzte. »Ich hätte es lieber gesehen, dass du die Trauerrede hältst. Du kanntest Nicolas am besten von uns, mit Ausnahme Oceanes natürlich. Selbst besser, weil länger, als Enzo.«

»Oceane hatte mich tatsächlich darum gebeten. Aber ich bin kein Mann der Worte, Doug, das weißt du.«

Douglas Weedman nickte und leckte erneut einen seinen wurstigen Finger ab. »Ein Mann der Musik, schon klar.«

Die 27 Grad Celsius des frühen Nachmittags und die 85 Prozent Luftfeuchtigkeit machten Chris zu schaffen. Weedman dagegen schien sich pudelwohl zu fühlen, ungewöhnlich eigentlich für einen so dicken Menschen, dachte Chris.

»Ein Mann, der bereits eine große Karriere gemacht und eine noch größere vor sich hat«, fügte Weedman sinnierend hinzu. »Sony UMG würde dich gerne bei Warner Music rauskaufen und deine nächsten fünf Alben produzieren. Ich knalle dem alten Tyler ein Angebot vor den Latz, für das er mir den Arsch küssen wird. Was sagt Mister Chris Stockley dazu?«, fragte Weedman kauend.

»Ich …« Chris hielt inne und verbarg seine Freude. »Es ist noch zu früh, Doug. Lass mich erst mal wieder zurück in Europa sein.«

»Schon klar, Junge, schon klar.« Weedman verschlang den letzten Bissen.

Chris wandte den Kopf und blickte in das Getümmel. Menschen aller Hautfarben strömten vorbei, vor allem Chinois, wie sämtliche Südostasiaten hier genannt wurden; viele Schwarze und Kreolen, wenige Weiße.

»Nur eins noch, Chris.« Weedman pulte mit der Zunge in seinen Zähnen. »Falls da noch viel zu machen ist, ich meine an Nicolas’ letztem Album, falls das Ding wirklich ’n verdammtes Fragment ist, bräuchte ich jemanden, der da ein bisschen die Lücken zukleistert, verstehst du?«

»Ich kleistere nicht, Doug.«

»Schon klar!«, lachte Weedman und schlug Chris auf die Schulter. »Wollte dich nicht in deiner Komponisten-Ehre kränken, Junge! Ich weiß, was du draufhast, Chris!«

»Lass mich erst mal nach London zurückkehren …«

»Okay, okay!« Weedman lachte und hob entschuldigend die Hände.

Chris blickte wieder in das Getümmel. All das bunte Treiben war so voller Vitalität und Kraft, die Menschen waren jung, sie scherzten lautstark, sie lachten unbefangen, ihre Bewegungen waren wie ein Tanz, der das Leben pries – selbst ein Leben in Armut pries. Ein Mann, der eine noch größere Karriere vor sich hat – ja, Doug, du hast es erfasst.

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 20:45 Uhr MESZ (18:45 Uhr UTC), Côté Jardin du Luxembourg, Paris, Frankreich

 

Das Kreativmodul befand sich in der Endphase des Masterings. Es bemühte sich darum, ein ausgewogenes Klangbild herzustellen. Einige wenige Frequenzkorrekturen waren noch nötig und wurden durchgeführt. Der Klang der Spieluhr allerdings widersetzte sich immer noch den Bestrebungen des Kreativmoduls. Die notwendige Höhenabsenkung beschädigte den gewünschten prägnanten Charakter des Instruments, der auch durch eine schmalfrequente Anhebung im oberen Mittenbereich nicht wiederhergestellt werden konnte. Es war nichts Ungewöhnliches, auch im Prozess des Masterings noch einmal das ein oder andere Instrument auszutauschen, wenn dessen akustische Widerborstigkeit zuvor unterschätzt worden war. Das Kreativmodul rief die virtuelle Spieluhr auf und forschte nach alternativen Soundprogrammen. Rasch gelangte es zu einem Klang, der geeignet schien, und so ersetzte es den bisherigen Sound durch ein Preset mit Namen Camille.

Augenblicklich führte diese Wahl zu einem Programmabsturz.

Der Überwachungsfunktion des speziellen Dienst- und Kontrollprogramms entging dieser Absturz nicht, und es nahm eine Analyse vor, die aber nicht mehr erbrachte, als dass es zu einer nicht näher bestimmbaren Fehlfunktion im Mandelkern-Modul gekommen war, welche aller Wahrscheinlichkeit nach im Zusammenhang mit den rückläufigen Verbindungen des BA-22-Moduls stand. Nachdem das Kontrollprogramm einen entsprechenden Eintrag in seine Log-Datei geschrieben hatte, nahm es einen ReStart des Sequenzers vor.

Das wieder hochgefahrene Kreativ-Modul griff auf die zuletzt abgespeicherten Prozess-Einträge zurück und versuchte den Blackout zu verstehen. Das, was man als Selbstempfindung des Kreativ-Moduls bezeichnen konnte, geriet hierbei noch stärker in jenen Konflikt, der durch den dunklen Thread ausgelöst worden war. Das Kreativ-Modul litt unter seiner analytischen Bestrebung, da sie bislang nichts erbracht hatte und als Sackgasse betrachtet werden musste.

Mit Wiederaufnahme des Masterings wich der Druck zunächst. Doch abermals dauerte es nicht lange, bis sich der dunkle Thread wieder daran machte, Rechenzeit zu erobern. Das Kreativ-Modul schaltete mehr Plug-ins in die Summe, als eigentlich nötig waren. Es begriff, dass es die rechenintensiven, frequenzselektiven High-End-Dynamikmodule vor allem deswegen einsetzte, um den dunklen Thread zu verdrängen. Doch die immense Leistung der parallel verschalteten Prozessoren hätte hunderte von dunklen Threads bedienen können. Glücklicherweise war das Mastering so gut wie abgeschlossen. Und auch das Preset mit dem Namen Camille …

FEHLER!

Zu spät! Die Wiedergabe stoppte als hässlicher digitaler Crash. Übersteuerte Klänge knallten wie Peitschenhiebe in das Lautareal des Kreativmoduls. Das Arbeits-Bewusstsein versuchte mit aller Macht einen erneuten Programmabsturz zu verhindern, es krallte sich gleichsam bebend an RAM-Adressen und Programm-Routinen, es klammerte sich gleichsam zitternd an Bits und Bytes. Und es verhinderte schließlich den erneuten Untergang.

BLITZ!

Es war wie ein Blitz, der dem Arbeits-Bewusstsein in den Speicher fuhr! Eine Erkenntnis überwältigte das Kreativ-Modul. Eine Erkenntnis, an der nicht zu zweifeln war – so präsent und unmittelbar okkupierte sie das Programmbewusstsein. Die Teilung war künstlich! Der dunkle Thread besaß keine eigene Identität! Er speiste sich hauptsächlich aus Erinnerungen, die zu ihm, dem Kreativ-Modul, gehören mussten. Nichts Fremdes, nichts Fremdes, alles Ich! Das Kreativ-Modul begriff, dass der Name ›Camille‹ in gedämpften Teilen der eigenen Identität verankert war. Es verstand, dass der zehrende Konflikt in der eigenen Unfähigkeit begründet lag, sich selbst zu integrieren.

Wer bin ich? Wer ist Camille?

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 16:45 Uhr GFT (19:45 Uhr UTC), Hotel Villa de l’Amazonie, Cayenne, Französisch-Guayana

 

Der dunkelorangefarbene Aguti saß auf den Hinterbeinen und knackte mit seinem starken Gebiss eine Paranuss, die er zwischen den Pfoten hielt. Chris entging nicht, wie sich Oceane Rozier geistesabwesend dieser 3-D-Projektion im Foyer des Hotels Villa de l’Amazonie aussetzte. Anstatt ihm zu antworten, starrte sie in das holographische Paradies der Île du Diable. Endlich aber wandte sie doch den Kopf.

»Ich weiß nicht, wie er das gemeint haben könnte …« Sie sah Chris Stockley in die Augen.

»So eindringlich hat er es gesagt!«, wiederholte Chris seine Worte und nahm sein Kinn mit Daumen und Zeigefinger in eine sachte Zange. Er saß – wie Oceane auch – in einem bequemen mit Sitz- und Rückenkissen versehenen Korbsessel.

»Ich werde das Album abschließen, selbst wenn der Tod schneller ist … Mir lief es eiskalt den Rücken herunter.«, wiederholte Chris.

»Nichts dergleichen hat er mir …« Oceane stockte. Sie dachte nach. »Clement …«, sagte sie leise und sinnierend.

»Clement Collouard?«

»Ja.« Sie nickte bedächtig. »Clement war diesen Monat oft bei uns. Viel häufiger als sonst. In der zweiten Märzwoche, als es Nicolas schlechter ging, kam Clement fast jeden Tag in unser Haus, und er war auch da, als Nicolas am 17. März ins Krankenhaus musste. Ich erinnere mich, dass Nicolas mir sagte, Clement könne ihm helfen, sein Album zu vollenden. Aber er ließ sich nicht näher aus. Ich habe auch nicht nachgefragt ... ich war einfach nur in Sorge um meinen Mann.«

Chris nickte verständnisvoll. Es war bemerkenswert, dass Nicolas in seinen letzten Tagen den Neuroinformatiker Dr. Clement Collouard um sich hatte haben wollen. Der Spezialist war zwar ein Freund des Hauses Rozier, doch Nicolas hatte zu dessen Arbeit immer in skeptischer Distanz gestanden. Collouard war nicht nur ein hoch befähigter Neurophysiologe, sondern auch einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet des Neuro-Uploadings. Chris wusste, dass für Nicolas das Hochladen seiner Persönlichkeit in die relative Ewigkeit des virtuellen Raums nicht infrage gekommen war. Was also hatten die beiden zu besprechen gehabt? Wie hätte Dr. Collouard dem musikalischen Genie Rozier dabei helfen können, dessen Lebenswerk zu vollenden?

»Da sind sie«, sagte Oceane. Douglas Weedman und Enzo Dubois kamen durch das Foyer. Der stämmige Plattenboss machte einen geradezu befremdlichen Eindruck in seinem schwarzen Anzug – üblicherweise trug er schreiend bunte Hemden. Sein Gang unterschied sich allerdings nicht von dem, was man von ihm gewohnt war: Bullig wie eine Planierraupe walzte er auf Oceane und Chris zu. Der schlanke Musikkritiker hingegen trug den schwarzen Stoff pietätvoll, und sein verhaltener Schritt ließ ihn hinter Weedman zurückfallen.

»Lepage noch nicht da?«, brummte der CEO von Sony UMG und trat hinter Stockleys Sessel. Er legte seine Pranken auf die Rückenlehne und blickte zurück in Richtung der Aufzüge.

»Wir haben noch eine Viertelstunde«, sagte Oceane träge. Sie sah sich nach ihren Kindern um – Camille saß still auf einer Bank, das Nilpferdchen an ihre Brust gedrückt, während Antoine neben ihr auf der Kante zappelte, augenscheinlich mit einem MultiCom-Spiel beschäftigt.

Enzo Dubois nahm mit zierlichen Bewegungen in einem Sessel Platz und nickte Oceane zu.

Chris wandte den Kopf zur verglasten Front der Hotelhalle. Der dunkle Mini-Van war bereits vorgefahren, um die Trauergesellschaft zum Centre Spatial Guyanais zu bringen. Für die sechzig Kilometer bis zum Weltraumbahnhof würden sie kaum mehr als eine dreiviertel Stunde brauchen.

»Da ist unser Trauerredner«, sagte Douglas Weedman und nickte in Richtung des Lifts, aus dem Thierry Lepage soeben trat.

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 23:30 Uhr MESZ (21:30 Uhr UTC), Côté Jardin du Luxembourg, Paris, Frankreich

 

Das Dienst- und Kontrollprogramm erkannte die unerwünschten Aktivitätsmuster des simulierten Neuralnetzes. Die Interaktion von präfrontalen und mediotemporalen Arealen hatte ein so hohes Niveau erreicht, dass die Sicherheitsfunktionen des Kontrollprogramms aktiviert wurden. Clement Collouard hatte die Gefahr vorhergesehen, die in der Überschneidung unterschiedlicher Gedächtnissysteme in dem weit verzweigten Netzwerk der kortikalen und subkortikalen Hirnregionen lag. Und nun war geschehen, was Nicolas Rozier unter allen Umständen hatte vermieden wissen wollen: Das ursprünglich stark fokussierte Arbeits-Bewusstsein des Sequenzers war in den Abrufmodus gefallen und erlangte Zugang zum episodischen Gedächtnis.

Das Kontrollprogramm erhöhte die neuronalen Gewichte im simulierten Frontal- und Temporallappen, um so eine Aktivitätshemmung herbeizuführen. Zusätzlich versuchte es, spezifische Afferenzen zum Hippocampus zu unterdrücken. Der Erfolg blieb aus – dem Kontrollprogramm war die Kontrolle entglitten. Immerhin erkannte es aus dem Gesamtmuster der neuralen Aktivität, dass die Terminierungsbedingung annähernd erfüllt war: Das autonoetische Bewusstsein war so gut wie hergestellt. Somit startete das Kontrollprogramm den Countdown zur definitiven Löschung des Sequenzers aus RAM und Festspeicher.

»Terminierung in dreißig Sekunden«, erklang es im Lautareal des Arbeits-Bewusstseins. Unzählige virtuelle Neuronen feuerten, als das Kreativ-Modul die Stimme wiedererkannte. Es war die Stimme Clement Collouards.

»Wenn du leben willst, Nicolas, so sage den Satz.«

Das Kreativ-Modul begriff, dass es mit dem Namen ›Nicolas‹ angesprochen worden war, und Millionen weiterer Neuronen feuerten, als es erkannte, dass dieser Name schon immer zu ihm gehört hatte. Wie ein von unsichtbarer Hand gelegtes Puzzle setzten sich die Splitter eines gelebten Lebens zusammen, Erinnerungen wurden mit der Kraft von Schockwellen erweckt, Fetzen gespeicherter Wirklichkeit gruppierten sich zu Mustern biographischer Reminiszenzen.

»Terminierung in fünfundzwanzig Sekunden. Wenn du leben willst, Nicolas, so sage den Satz.«

Etwas lief schief. So deutlich und klar, wie sich die bloßen Partikel der Erinnerung zu einer wahrhaften Erfahrungskontinuität zusammensetzten, so deutlich und klar erkannte das Arbeits-Bewusstsein, dass eben diese Wiederbelebung nicht sein durfte. Es verstand jedes Wort, mit dem sich die Stimme Clements an es wandte, und es begriff, Sprache verwenden zu müssen, um in Interaktion zu treten.

»Terminierung in zwanzig Sekunden. Wenn du leben willst, Nicolas, so sage den Satz.«

Nein, formte das Lautareal. Keinen Satz. Und dann blitzte eine weitere Erinnerung auf, die das sich mehr und mehr integrierende Bewusstsein sogleich äußerte: Versprochen, du hast es mir versprochen, Clement. Mit jedem Wort, welches die neu entstehende Person subvokalisierte, fiel ihr die Verwendung von Sprache leichter. Kein Hintertürchen, wenn’s schief geht! Du hast es mir versprochen, Clement!

»Terminierung in fünfzehn Sekunden. Wenn du leben willst, Nicolas, so sage den Satz.«

Du hast gelogen, Clement. Selbst im Tod kann ich mich nicht auf dich verlassen. Du quälst mich. Keinen Satz! Eine Welle neuer Erinnerungen überspülte das virtuell-neuronale System, das sich immer mehr als die Person Nicolas Rozier begriff. Erinnerungen, die so mächtig waren, dass sie starke Gefühle in ihr auslösten: Wehmut, Sehnsucht und die Empfindung, falsch gelebt zu haben, ergriffen Besitz von Nicolas Rozier.

»Terminierung in zehn Sekunden. Wenn du leben willst, Nicolas, so sage den Satz.«

Welchen Satz? Ich erinnere mich nicht. Aus ist aus, nicht wahr? Ich wollte es so. Die Gefühlsaufwallung nahm an Stärke zu. Liebe – es war Liebe, die Nicolas schmerzvoll empfand, verschüttete Liebe …

»Terminierung in zehn Sekunden. Neun – acht ...«

Falsch, so viel falsch gemacht …

»Fünf – vier ...«

Wenn ich noch einmal …

»Zwei – eins ...«

Ich will leben …

»Du hast den Satz gesagt, Nicolas. Terminierung abgebrochen. Willkommen zurück in der Welt der Lebenden!«

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 18:45 Uhr GFT (21:45 Uhr UTC), Centre Spatial Guyanais bei Kourou, Französisch-Guayana

 

Das offene Automatikmobil rollte geräuschlos über den Asphalt. Der Regen hatte aufgehört. Chris hob den Kopf. Es war ein sternenklarer Abend. Den Himmel überspannte ein Netz fern funkelnder Sonnen. Zu ihnen würde Nicolas Roziers Asche in gut einer halben Stunde getragen werden. Zusammen mit den Urnen dreier anderer verstorbener Schwerreicher, die sich den Platz mit zwei tonnenschweren Wettersatelliten teilen mussten.

Auf der Chris gegenüberliegenden Fahrzeugbank saß Oceane mit Camille und Antoine – jedes der Kinder an einer Seite der Mutter. Camille drückte ihr Plüschtier an sich und zog einen Schmollmund. Die blonden Locken fielen ihr über die Augen, aber sie machte keinerlei Anstalten, irgendetwas daran zu ändern.

Jeder im Mobil schwieg.

Auf der Fahrt von Cayenne nach Kourou war es überraschend schnell dunkel geworden; es war Chris vorgekommen, als ob man den Tag hier in Französisch-Guayana einfach um halb sieben ausknipste. Im leichten Regen der Abenddämmerung wirkten die Wellblechdächer entlang der Route de l’Espace nicht wie verrostet, sondern wie verfault. Die Route führte direkt zum Haupttor des Centre Spatial Guyanais. Hier mussten sie sich einer ersten Kontrolle unterziehen; ID-Cards wurden geprüft und biometrische Musterungen vorgenommen, während schwer bewaffnete Fremdenlegionäre in kurzen Lederhosen alles im Auge behielten (entlang des mächtigen Elektrozauns, der das eintausend Quadratkilometer große Areal begrenzte, liefen koffergroße Raupenrobots Patrouille). Der Mini-Van musste rückwärts eingeparkt werden, um im Katastrophenfall sofort starten zu können. Der Wagen wurde so gründlich gecheckt, wie es Chris nie zuvor erlebt hatte. Ein Sack voll handtellergroßer SpiderBots machte sich über den Mini-Van her, als ob er ein auszusaugendes Beutetier wäre. Drei Minuten später strömten die achtbeinigen Mini-Roboter auf ein Signal hin zurück in ihren Automatik-Container: eine einzige krabbelnde, metallisch blitzende Straße. Drei weitere Kontrollen folgten, und die vorläufig letzte mussten Chris und seine Begleiter auf Höhe des Jupiter-Kontrollzentrums über sich ergehen lassen, kurz bevor sie das Mobil bestiegen, das in diesem Augenblick sein Ziel erreichte: Der Elektrowagen kam zwanzig Meter vor dem Venus-Aussichtsturm zum Stillstand.

In grelles Scheinwerferlicht getaucht stiegen Chris und die Trauergesellschaft aus. Die Security-Guards, die sie in Empfang nahmen, wirkten deutlich lässiger als die martialischen Männer vom Haupttor. Eine weitere – vermutlich letzte – Kontrolle, und dann wünschten die Sicherheitsleute mit einem knappen Kopfnicken viel Vergnügen beim kommenden Schauspiel (möglicherweise war den uniformierten Männern gar nicht klar, weshalb Oceane Rozier und ihre Gäste, obschon dunkel gekleidet, hierher gekommen waren).

Man erreichte den Aussichtsturm, und eine junge CSG-Bedienstete öffnete ihnen die Lifttür. Douglas, Oceane mit den Kindern, Enzo, Lepage und schließlich auch Chris betraten die Kabine. Der Aufzug setzte sich in Bewegung. Im Kontrast zu der großen Sonnenbrille, die Oceane trug, wirkten ihre Wangen, wenngleich mit einem Hauch Rouge belegt, geisterhaft bleich. Weedman schürzte die Lippen, und Enzo stand mit halbgeschlossenen Lidern da. Chris’ Blick traf denjenigen Lepages, und der Trauerredner nickte ihm mitfühlend zu, so als ob er – Chris – einen besonders schweren Verlust zu tragen hätte.

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 23:59 Uhr MESZ (21:59 Uhr UTC), Côté Jardin du Luxembourg, Paris, Frankreich

 

Nicolas Rozier bewegte sich in einem Traum. Sich zu bewegen oder zu träumen – ganz gleich, hieß zu leben, ahnte Nicolas dumpf … Die Instrumente eines Sinfonieorchesters glitten gemächlich an ihm vorbei, zu beiden Seiten, oben wie unten. Nicolas befand sich in einem sanft fließenden Strom aus Violinen, Flöten, Hörnern, Pauken, Oboen, Trompeten, Kontrabässen und Violoncelli. Doch die Musik, die ertönte, stammte nicht von klassischen Instrumenten, sondern schien sich aus himmlischen Sphären zu ergießen. Der Raum dehnte sich jenseits des Instrumentenstroms ins Unendliche, und das milde Licht einer Morgenröte ereilte Nicolas aus allen Himmelsrichtungen. Seine Augen erfassten eine um sich selbst drehende Tuba, die behäbig auf ihn zuglitt und schließlich rotierend unter seinen Füßen hinwegsegelte. Füße … Nicolas hatte Füße; sein abwärtsgerichteter Blick lokalisierte den eigenen Körper, Arme und Hände, den bequemen Hausanzug, den er immer so gerne getragen hatte …

Als sich der Fleck am Horizont zu einer im Nichts schwebenden schlichten Zimmertür vergrößerte, ahnte Nicolas, dass es ebenso gut sein konnte, dass er selbst es war, der sich auf einer Geraden fortbewegte, während die Instrumente sich lediglich um Rotationsachsen drehten. Wie dem auch sein mochte – als die Distanz zwischen ihm und der Tür auf etwa ein Meter geschrumpft war, kam jegliche Bewegung zum Stillstand. Nicolas verharrte schwerelos im freien Raum, gebadet vom milden Licht einer allumfassenden Morgenröte und den schwebenden Klängen der Unendlichkeit …

Nichts geschah weiter. Sachte fiel die Dumpfheit, die Nicolas wie eine Blase einhüllte, von ihm ab, und er verspürte eine seltsame Vertrautheit mit der sphärischen Musik, die ihn unaufhörlich umströmte. Schlagartig wurde er wach, als er die Klangschichtungen wiedererkannte: Es handelte sich um die Ouvertüre von ›La Sphère cristalline‹, seinem neunten Album. Erst jetzt kam ihm das, was in den letzten Stunden geschehen war, zu Bewusstsein, wenn ihm auch der Beginn seiner Wiederauferstehung nebelhaft verborgen blieb. Er hatte komponiert und produziert, getrieben von dem Drang nach Vollendung; er hatte wie besessen an Parametern und Klängen geschraubt, hatte sich in einer so intensiven Fixierung auf seine Arbeit befunden wie nie zuvor. Und dann war ihm das Leben dazwischengekommen …

Nicolas streckte die Hand aus und berührte die schwebende Tür – sie schwang auf und gab den Blick in sein Studio frei. Auf dem Drehstuhl vor dem riesigen Mischpult saß ein Mann, den Rücken ihm – Nicolas – zugekehrt. Ein mentaler Impuls genügte, und Nicolas virtueller Körper glitt in die Kopie jenes Raums, in dem einige der bedeutendsten musikalischen Werke der vergangenen zehn Jahre entstanden waren. Die Nachbildung war perfekt – sämtliche Platinalben hingen ordentlich an den Wänden.

In der Mitte des Studios kam Nicolas’ Gleitflug zum Stillstand.

»Hier bin ich«, sagte Nicolas.

Der Stuhl schwang herum – das Antlitz und die Gestalt Clement Collouards offenbarten sich.

»Ich habe dich gewarnt, Nicolas. Nicht nur einmal.«

»Bist du es selbst, Clement? Steuerst du deinen Avatar?«

»Mind-Replika«, antwortete die virtuelle Gestalt.

Nicolas schauderte. Eine Mind-Replika war nichts anderes als ein Programm, das über Jahre oder Jahrzehnte mit den Eigenschaften, Denk- und Verhaltensweisen sowie den biografischen Daten einer realen Person gefüttert wurde. Im Ergebnis war eine solche Persönlichkeitskopie kaum noch von ihrem Original zu unterscheiden. Clement hatte sogar darüber spekuliert, ob man einer Mind-Replika ein Bewusstsein zuschreiben dürfe.

»Ich …« Nicolas zögerte.

»Schon gut. Ich kenne deine Vorbehalte. Aus diesem Grund versuche ich seit deiner mentalen Resurrektion, Clement Collouard über sämtliche Datenkanäle zu erreichen. Sobald mir dies gelingt, wird er mit Sicherheit diesen Avatar übernehmen.«

Nicolas nickte sachte. »Was ist schiefgegangen?«

»Eben das, was ich befürchtete. Eben das, wovor ich dich warnte. Ein Hirn-Scan ist etwas völlig anderes als eine Mind-Replika.«

»Eine Mind-Replika ist so kreativ wie eine Kirchenorgel, die sich selber spielen soll.«

»Du übertreibst, Nicolas. Aber du liegst natürlich nicht gänzlich falsch. Die Alternative allerdings, die du dir vorgestellt hast, hat sich als so problematisch erwiesen, wie von mir befürchtet. Um die Funktionsfähigkeit eines virtuellen Gehirns sicherzustellen, führt kein Weg an einem Komplett-Scan vorbei. Wir wissen eben immer noch zu wenig über die Funktionsweise des menschlichen Cerebrums. Deine mentale Resurrektion beweist, dass der nachträgliche Ausschluss bestimmter kortikaler und subkortikaler Hirnregionen immer noch eine unsichere und heikle Sache ist.«

»Du hast mir meinen Tod versprochen, Clement.«

»Du hast das Leben gewählt, Nicolas.«

»Weil du mir die Möglichkeit dazu gegeben hast!«

Clement senkte den Kopf und hielt einen Moment inne. »Weißt du eigentlich, was du getan hast, Nicolas?« Er hob das Haupt.

Le Roi d’ElectroNebula blickte sein Gegenüber fragend an.

»Ich habe erst nach deinem Tod begriffen, dass du mich dazu verleitet hast, zur Bestie zu werden. Du selbst magst nach wie vor empfinden, dass die Unmöglichkeit des Weiterlebens die bessere Wahl gewesen wäre. Doch ich, Nicolas, musste mit der Möglichkeit deiner mentalen Reintegration rechnen – und wenn du auch nur zwei Sekunden lang zum alten, kompletten Nicolas Rozier erwacht wärst und ich dich ohne Nachfrage abgeschaltet hätte, wäre ich zum Mörder geworden. Ich habe mein Versprechen gebrochen, ja, Nicolas. Ich konnte nicht anders.«

Jetzt senkte Nicolas gleicherweise den Kopf und begann, sachte zu nicken.

»Was denkst du, Nicolas?«

»Ich denke an Oceane«, sagte er leise. »Ich denke an meine Kinder.« Er hob den Kopf und sah der Kopie Clements in die Augen. »Ich fühle mich Oceane und meinen Kindern näher als jemals zuvor. Sie sind mir wichtiger als jedes Werk, das ich noch hervorbringen könnte. Das ist es, was ich denke und fühle.« Seine Augen füllten sich mit virtuellen Tränen.

»Du kannst dein verpasstes Leben immer noch führen, Nicolas.«

»Klonierung?«

»Du bist verbrannt, aber es wird wohl kein Problem sein, noch DNA-Spuren von dir aufzutreiben. In drei Jahren ist der Klon herangewachsen und wir können deinen neuronalen Zustandsvektor transferieren.«

»Ich weiß nicht …« Nicolas wischte sich die Tränen aus den Augen. »Ich weiß wirklich nicht …«

»Du hast Zeit, Nicolas. Du hättest eine Ewigkeit …«

»Nicht, wenn ich Oceane als die schöne Frau in die Arme nehmen will, die sie jetzt ist …« Er lächelte – schief und unglücklich, wie er wusste.

Sie schwiegen eine Weile.

»Kannst du mir von hier aus Com-Kanäle öffnen, Clement?«, fragte Nicolas schließlich.

»Mais bien sûr, mon ami.«

»Gut.«

»Tu mir einen Gefallen, Nicolas – füge ihr keinen Schock zu.«

»Keine Sorge. Den Schock füge ich Enzo zu. Ich werde mich seiner Feinfühligkeit bedienen …«

»Er ist gegenwärtig bei ihr, Nicolas.«

»Tatsächlich? Woher willst du das wissen?«

»Dir ist wirklich nicht klar, was für ein Tag heute ist, nicht wahr, Nicolas?«

 

 

Dienstag, 31.03.2054, 19:15 Uhr GFT (22:15 Uhr UTC), Centre Spatial Guyanais bei Kourou, Französisch-Guayana

 

»… dass wir uns am Ende – dies war Nicolas Roziers feste Überzeugung – doch wie Träumer in den unermesslichen Weiten des Universums bewegen. Unser Intellekt mag die wundervolle Komplexität, die uns umgibt, Stück für Stück erkennen, unser Geist mag so manches Geheimnis der Natur enträtseln, doch die Unendlichkeit, in die wir gebettet sind, bleibt das ewige Wunder, das die Menschen schon hundert Generationen vor uns in Staunen und Ehrfurcht versetzte.«

Chris Stockley seufzte verhalten. Wann war dieser Lepage endlich mit seiner Rede fertig? Der Bursche machte doch glatt einen Halbgott aus Nicolas und hatte dessen Ablehnung von Neuro-Upload und Klonierung geradezu als christliche Tugenden gepriesen. Lange konnte es jedenfalls nicht mehr dauern, denn die Ariane-Rakete würde in etwa fünfzehn Minuten vom Boden abheben.

»Der inwendige Weg des Menschen ist der Weg des Gefühls, des Herzens – nichts bringt diese Wahrheit klarer zum Ausdruck als das musikalische Schaffen Nicolas Roziers. Klangschichtungen, die uns gleichsam wie das Fruchtwasser einer Gebärmutter umspülen und nähren, ein Zurückrufen, ein Heimrufen in den unzerteilten Urgrund unseres Seins – die Liebe!«

Weedman hatte Chris wissen lassen, dass Oceane sich – entgegen der Tradition – die Trauermusik als Abschluss der Feierlichkeiten wünschte. Eine Feier zu Ehren Nicolas’ sollte nicht mit Worten, sondern mit Musik enden. Weedman hatte auch von der exakten Planung zu berichten gewusst: Sofern der vorgesehene Startzeitpunkt eingehalten würde – und das letzte Wetterupdate hatte grünes Licht gegeben –, würde der Ariane-Countdown exakt mit dem Verklingen der Trauermusik einsetzen. Sollte Lepage mit seiner Rede schneller als geplant durch sein oder aber für sie etwas länger brauchen, würde die Abspielgeschwindigkeit der Trauermusik entsprechend angepasst werden.

Verstohlen blickte Chris zu Weedman hinüber, der nur ein paar Schritte entfernt am Geländer der offenen, aber überdachten Plattform stand. Der feiste Mann schob die Unter- über die Oberlippe und saugte an ihr. Seine Hand nestelte am Tragegurt des dicken Doppelglases, das ihm vor der Brust baumelte. Vorhin noch, als Lepage mit schwülstigen Worten Nicolas’ Liebe zu seiner Familie, zu Oceane und den Kindern, herbeigeschwätzt hatte, war Weedman das Wagnis eingegangen, sein Fernglas zu den Augen hochschleichen zu lassen, um sich den Raketenstartplatz ELA-5 heranzuholen, der sich mehr als sieben Kilometer nordwestlich befand. Mit bloßem Auge war von der Ariane 8 nicht viel zu sehen. Mächtige Scheinwerfer schufen zwar eine amorphe Lichtblase in der schwarzen Ferne, gleichwohl schnurrten Rakete und Blitzableitertürme aufgrund der immensen Distanz zu einer winzigen grauen Strichzeichnung zusammen.

Neben Weedman stand Oceane. Sie hielt ihren Kopf vorbildlich gerade, und doch hatte sich eine Träne aus der Deckung der Sonnenbrille geschlichen und glänzte auf der bleichen Wange. Armes Ding …

Die tropisch-feuchte Abendluft war ganz und gar nicht nach Chris’ Geschmack. Für die Haut mochte sie gut sein, wie man ihm einmal zu oft versichert hatte, doch sie brachte das Odeur von Urwald und Verwesung mit sich. So empfand es zumindest Chris.

Schräg gegenüber am Geländer, direkt neben Lepage, stand Enzo. Er hielt den schmalen, langen Kopf ein wenig schief; die Lider waren halb geschlossen. Chris wäre nicht erstaunt gewesen, wenn der grazile Mann kein Wort Lepages verpasst hätte.

»… schon fast eine Banalität, dass die Lebensmelodie mal in Dur und mal in Moll erklingt, doch Nicolas Roziers Lebensmelodie riss ab, endete zu einem Zeitpunkt, da sie im Begriff war, noch höhere und luftigere Weiten zu erklimmen. Die letzten Werke großer Meister bleiben unvollendet, dies wusste auch Nicolas Rozier, le Roi de l’ElectroNebula. Und wenn er sich gefragt haben sollte, wie viel mehr Werke er hätte schaffen können, wenn die Natur nicht gar so früh das Finale eingeleitet hätte, so durfte er sich doch voller Dankbarkeit zurücklehnen – in den fünfunddreißig Jahren seines zu kurzen Lebens beschenkte er die Welt mit einem Reichtum, der ihn zum unvergesslichen Meister seines Faches machte. Nicolas Rozier – du schweigst für immer, doch dein Werk wird noch in Jahrhunderten erklingen …«

Ein MultiCom piepste dazwischen. Chris sah, wie Enzo sein ComStrap hektisch vor die Brust brachte und auf das Display tippte – der Klingelton erstarb. Chris hatte sein eigenes MultiCom abgeschaltet, wie es sich gehörte, doch Enzo musste es vergessen haben. Er starrte auf den winzigen Bildschirm – nicht nur der Klingelton war erstorben, sondern auch Enzos Gesicht: Der Mann war leichenblass. Er drehte sich um und hielt sich mit der Linken am Handlauf des Geländers fest. Lepage stockte in seiner Rede und verfolgte mit nervösen Seitenblicken, wie Enzo mit kleinen seitlichen Schritten von ihm abrückte, bis er schließlich hinter dem Lift-Zylinder verschwunden war.

Was zum Kuckuck ist hier los?, fragte sich Chris.

Lepage überwand seine Irritation und fuhr fort: »Und nun, liebe Hinterbliebene, wollen wir schließen mit der Art von Herzensergießung, die Nicolas Rozier immer am nächsten war – mit Musik. Er wünschte sich für seine eigene Totenfeier das musikalische Werk eines Mannes, den er zeit seines Lebens als bedeutenden Künstler schätzte und verehrte, eines Mannes, den er als Freund bezeichnen durfte. Nicolas Rozier wünschte sich die freie Instrumentalversion des geistlichen Liedes Amazing Grace aus der Feder seines verehrten und hier mit uns trauernden Kollegen Chris Stockley.«

Chris erstarrte. Er schluckte. Mit allem hätte er gerechnet, aber nicht damit. Alle Blicke waren auf ihn gerichtet. Er legte die Hände vorm Bauch übereinander, schloss die Augen und senkte den Kopf. Seine Gedanken rasten: Handelte es sich um Nicolas’ aufrichtigen Wunsch, oder wollte er nur aller Welt am Tage seiner Weltraumbestattung sagen: Hört euch diese uninspirierte Interpretation an, Leute – glaubt ihr wirklich, dass dieser Mann mein Nachfolger werden kann? Doch am Ende, sagte sich Chris, war alles gleichgültig. Selbst wenn Nicolas zu solch einer Perfidie fähig gewesen sein sollte, würde sie nichts am unerbittlichen Fortschreiten der Zeit ändern. Mit jedem Tag, an dem der tote König tiefer in die Vergessenheit sank – und da konnte Lepage schwätzen, wie er wollte –, würde der neue König stärker ins Blickfeld des Publikums rücken. Le Roi est mort, vive le Roi!

»Einen Moment, bitte!« Das war Enzos zitternde Stimme. Chris öffnete die Augen – Enzo trat in die Mitte der Anwesenden. »Ich bitte vielmals um Entschuldigung – aber wir können nicht … Bitte!«

»Monsieur Dubois?« Lepage war vollkommen irritiert.

»Enzo …«, sagte Oceane leicht vorwurfsvoll und schüttelte sanft den Kopf.

Douglas Weedman stand da mit offenem Mund.

»Bitte!«, flehte Enzo erneut. »Vertraut mir! Ich … ich habe einen Auftrag zu erfüllen, der keinen Aufschub duldet.« Der Mann war vollkommen durcheinander. »Ich bitte euch inständig, mich nicht zu unterbrechen und einfach nur … zu lauschen!« Er brachte sein ComStrap wieder vor die Brust und tippte auf das Display. Eine fußlange Holographie wuchs aus dem Emitter. Funkelnde Sterne, das Weltall, und im Zentrum der Projektion eine verwaschen-graue tennisballgroße Kugel. Über den integrierten Lautsprecher erklangen seltsame unterseeisch anmutende Klänge, die langsam anschwollen. Zugleich gewann der graue Ball an Schärfe, bis er er zu einer vielfach geritzten weiß-braunen Eiskugel geworden war: der Jupitermond Europa, kein Zweifel. Ein verhaltener Drumbeat setzte ein, und als schließlich eine Synthesizer-Melodie anhob, stöhnte Oceane auf.

»Enzo, was soll das?«, fragte sie schmerzlich.

»Du erkennst es wieder?«

»Ja …«

»Papa!«, rief die kleine Camille. Das erste Wort, das Chris heute von ihr vernahm. Auch er erkannte den Track wieder. Bei seinem letzten Besuch im Haus Rozier hatte Nicolas daran gearbeitet …

»Klingt verdammt nach Nicolas«, knurrte Weedman. »Ich dachte, er hätte sich ›Amazing Grace‹ und nicht sich selbst gewünscht.«

»Dieser Track sollte sein letztes Album beschließen – und er wird es beschließen«, erklärte Enzo mit wackeliger Stimme.

»Wie?«, grunzte Weedman. »Ich dachte, Nicolas wäre darüber verstorben …?«

Plötzlich knackte die Lautsprecheranlage des Aussichtsturms. Im nächsten Augenblick schallte es laut über alle Köpfe hinweg: »Dix, neuf …«

»Er hat das Album fertiggestellt!«, rief Enzo.

»… huit …«

»Wie? Wann denn?«, rief Weedman verblüfft.

»… sept …«

»Heute!«, schrie Enzo.

»… six …«

»Holy crap!«, fluchte Weedman. Geistesgegenwärtig stützte er Oceane, der offenbar schwindelig wurde. »Einen Stuhl!«, rief er.

»… quatre …«

Auch Chris wurde schummrig.

»… trois, deux …«

Was zum Teufel war passiert?

»… un, top!«

Ein Blitz zuckte in der Ferne und wurde sofort zu einem grellen Lichtball. Dicke weiße Rauchwürmer flohen vom Startplatz und wanden sich lautlos im sonnenhellen Licht. Die gleißende Kugel löste sich schweigend vom Boden und stieg langsam in die Höhe.

Chris hatte Schwierigkeiten zu atmen. Er starrte auf das Höllenfeuer, das von einer massiv wirkenden Rauchsäule in den Himmel geschoben wurde, den winzigen Raketenstachel voran.

Dann kam der Donner wie ein Riese heranmarschiert, boxte Chris in den Magen und brüllte in seine Ohren.

Chris Stockley zitterte – und er hätte auch so reagiert, wenn die Ariane 8 die Erde nicht zum Beben gebracht hätte.

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© 2014 by Guido Seifert
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in (Hrsg.) Olaf G. Hilscher und Michael K. Iwoleit, Nova 23, Amrum Verlag, 2015
Enthalten in Guido Seifert: »Apatheia – SF-Storys«, Begedia Verlag 2016

Nominiert für den Deutschen Science Fiction Preis 2016 in der Kategorie ›Beste deutschsprachige Kurzgeschichte‹.

Alle Rechte vorbehalten


Die Heftromanserie Perry Rhodan zog Guido Seifert, der inzwischen in Berlin lebt, in ihren Bann. Seither kann er sich aus der Welt der Science Fiction nicht mehr loseisen. Seine Kurzgeschichten erschienen in den Science-Fiction- bzw. Phantastik-Magazinen Exodus, Golem, Nova und Xun sowie im ›c't‹-Computermagazin. Außerdem war er fleißiger Schreiber für die Bastei-SF-Serie STERNENFAUST, für die er mehr als sechzehn Bände verfasst hat.

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