Kurzgeschichte von Anja Bagus: Erlkönig

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FICTION

Erlkönig (Anja Bagus)


Anja Bagus
07.11.2016

Ulrich wird in seinem Heimatdorf gemieden und geächtet, nicht zuletzt weil er durch seltsame Hörner, die sich immer wieder an seiner Stirn bilden, gebrandmarkt ist. Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters wird er vertrieben und flüchtet in seiner Hilflosigkeit in den Wald, wo plötzlich die Natur eine unheimliche Macht über ihn entfaltet …

Eine bezaubernde Steampunk-Fantasy, geschrieben von Anja Bagus, die eine phantasievolle Wanderin zwischen den Genres ist. Mit ihren Ætherwelt-Romanen hat sie sich einen großen Namen in der deutschen Fantasy-Welt erschrieben. 


***

Ulrich spürte seine Füße nicht mehr. Er war so weit gelaufen, erst gerannt, dann gestolpert, und nun konnte er sich nur noch auf den nächsten Schritt konzentrieren. Es wurde langsam dunkel, und er fror. Er legte seine Hand auf einen dünnen Stamm und griff sich an den Kopf, da wo der Stein ihn getroffen hatte.

Sie hatten ihn aus dem Dorf gejagt. Heute Morgen war er aus dem Haus gegangen, um Pilze zu sammeln, und als er zurückkam, hatten sie auf ihn gewartet. Sie standen vor seinem Haus, stumm und drohend. Er sei hier nicht willkommen. Nein, es war ihnen egal, dass es sein Hof war. Aber er war der Erbe, auch wenn er seit einiger Zeit jeden Morgen die Sprossen abfeilte, die aus seiner Stirn wuchsen.

Sein Vater war tot, und nun war da nur noch diese Frau, die nicht seine Mutter war, und die ihn nicht mehr um sich haben wollte. Sie musste das lange geplant haben, schließlich trafen sich so viele gesunde Männer sonst nur auf Kirchfesten im Dorf. Aber heute standen sie hier, und bildeten eine Mauer.

Sie hatten ihm einen Rucksack zugeworfen, und als er noch verständnislos nach Antworten fragte, flog der erste Stein. Einer ihrer Brut musste ihn geworfen haben, wahrscheinlich der Depp. Manche Deppen sind sanft wie Lämmer, manche bösartig wie Uwe, faulzahnig grinsend, stark und fett wie ein Preisbulle. Sein Stein hatte Ulrich an der Schläfe getroffen, und das Gelächter der Meute hatte in seinen Ohren gegellt.

Also war er gegangen, nein, gerannt, denn dem ersten Stein folgten weitere, die ihn nachhaltig vertrieben. Der Hass brannte in seiner Brust, aber auch der hält nur eine Weile an. Er musste eine Pause machen und sich einen Platz für die Nacht suchen. Die Wunde an der Schläfe war verkrustet, aber sein Kopf pochte. Er sah sich um: wo war er? Die Bäume standen eng, er war bergauf gelaufen, wo der Wald dichter wurde, wo die Tannen keine Konkurrenz duldeten. Es war dunkel, aber durch die Zweige sah er, dass es über den Wipfeln noch Licht gab.

Der Boden war bar jeden Unterholzes, die Nadeln bildeten ein zentimeterdickes Polster. Ulrich drehte sich und entdeckte eine Lichtung. Dort angekommen, setzte er sich auf einen umgefallenen Baum und öffnete den Rucksack. Sie hatten ihm zwei ausgeblichene Hemden seines verstorbenen Vaters gegönnt, handgenäht noch von seiner Großmutter, oft gestopft und weichgewaschen. Eine Hose, auch die von seinem Vater, Ulrich trug diese Kleidung, seit er groß genug war, dass sie mit Gürteln und Hosenträgern eine Passform erreichten, die den kritischen Blicken der Stiefmutter genügten.

Ein bisschen Proviant war tatsächlich auch dabei, aber was Ulrich die Tränen in die Augen trieb, war ein Gebetbuch. Er holte das zerlesene Exemplar aus der Tasche und öffnete die raschelnden Seiten. Es war ein billiges Gotteslob, dessen Goldschnitt schon abgewetzt war, die Blätter hatten Gilb und viele Seiten lagen lose darin. Ein buntes Papier fiel heraus – sein Kommunionsspruch:

 

Tritt ein für deines Herzens Meinung

und fürchte nicht der Feinde Spott,

bekämpfe mutig die Verneinung,

so du den Glauben hast an Gott.

Heinrich Theodor Fontane

 

Bittere Galle sammelte sich in seinem Rachen, und er schluckte heftig. Für einen Moment verkrampfte sich seine Hand und wollte das Büchlein weit, weit weg schleudern, aber dann stopfte er es wieder in den Rucksack. Er konnte es immer noch zum Feueranzünden verwenden. Er schwang sich den Rucksack wieder um und stand auf. Es wurde Zeit, dass er einen Platz für die Nacht fand.

***

Zwei Stunden später erreichte er eine Hütte und fand sie leer. Sie war ein Unterschlupf, den jemand einmal verlassen hatte, und der nun von Jägern und Sammlern genutzt wurde. Die Solidarität der Waldbewohner hatte dafür gesorgt, dass Holz da war und ein Ofen, ein Topf und eine Pritsche. Nachdem er sich eingerichtet, die Klappe geschlossen hatte und das Feuer prasselte, stand er am Fenster und wollte die Schlagläden vorlegen.

Ein Geräusch ließ ihn innehalten: rief da jemand? Er lauschte, aber außer einem Specht und anderen Waldvögeln hörte er nichts. Seine Stirn juckte, und er rieb das empfindliche Fleisch um die Geweihsprossen. Er hasste sie, hasste dieses Zeichen seiner Verdorbenheit, dieses Stigma, welches ihn seine Stellung gekostet hatte. So war es doch, oder? Aber während er noch kratzte wurde ihm zum wiederholten Male klar, dass sie ihn auch so fortgejagt hätten. Er hatte sich schon immer von ihnen unterschieden, war nie wirklich Teil des dumpfen Gefüges der Dorfgemeinschaft gewesen. Sein sichtbares Anderssein gab ihnen nur einen Grund, auf den man mit spitzen Fingern zeigen konnte.

Er legte sich auf die Pritsche und wollte nur kurz ausruhen, bevor er die Pilze zubereitete. Als er wieder aufwachte, war es tiefe Nacht. Er schreckte hoch, und spürte sofort, dass etwas nicht stimmte. Ein Summen lag in der Luft, und er öffnete die Tür und trat nach draußen. Silbernes Mondlicht beschien die kleine Lichtung vor der Hütte und Hochnebel verschleierte die Wipfel der Bäume. Ulrich stand wie elektrisiert und obwohl sein Atem kleine Wölkchen in der kalten Luft bildete, spürte er den Drang, seine Schuhe auszuziehen. Als seine Zehen sich in den Waldboden gruben, atmete er tief durch und legte den Kopf in den Nacken.

Ich bin frei, schoss es durch seine Gedanken. Frei! Was bedeutete das? Er hatte keine Antwort, spürte aber eine unerklärliche Leichtigkeit, einen Schwung, eine Woge an Energie und Tatendurst, wie er sie nie in seinem Leben gekannt hatte. Das Gefühl bahnte sich in einem Schrei seinen Weg aus seiner Brust, der tief und wild durch den nächtlichen Forst schallte. Ein Vogel wurde durch seinen Ausbruch aus seinem Nachtschlaf aufgeschreckt und flatterte erschrocken in den Nebel. Ulrich grinste zufrieden. So sollte es sein! Sollten sie ihn fürchten!

Er bückte sich, hob seine Schuhe auf und ging zurück in die Hütte. Als er durch die Tür trat riss es seinen Kopf unsanft zur Seite. Was zum ...? Er tastete und fand sein Geweih. Es war in der kurzen Zeit gewaltig gewachsen, es war so lang wie sein Unterarm, und er spürte die Spitzen unter dem Bast. Diese Erkenntnis erfüllte ihn mit einer leidenschaftlichen Freude, und er fühlte sich so lebendig, wie noch nie in seinem Leben.

***

Am nächsten Morgen suchte er Wasser. Es konnte nicht weit weg sein, sonst hätte man die Hütte nicht hier errichtet. Die Luft war frisch und er schmeckte sie auf seiner Zunge wie frisches Quellwasser. Fast fühlte er sich berauscht, als ob er Alkohol getrunken hätte.

Er umkreiste die Hütte in einem weiten Bogen und fand schließlich ein kleines aber munteres Bächlein, das über ein Steinbett murmelte. Nachdem er sich satt getrunken hatte, war er voller Energie, die er loswerden musste. Er rannte los. Seine Augen erfassten den Wald in neuen Ordnungen, Pfade, die fast unsichtbar und dennoch breit genug waren um ihm Raum zu geben. Sein Herz pochte schnell und kräftig, er hörte es in seinen Ohren, so wie den Wind, die Zweige und das Trommeln seiner Füße auf dem Boden. Er genoss das Gefühl der Freiheit, der Eroberung des Raumes, der Geschwindigkeit. Als er genug hatte, blieb er stehen und wartete. Er dachte nicht darüber nach, warum er das wusste, aber er war sich sicher, hier und jetzt zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, und es würde etwas geschehen.

Als erstes kam eine Maus. Sie huschte aus dem Unterholz und kauerte sich hinter seine Füße. Dann landeten die Vögel auf den Bäumen. Eichelhäher, Spechte, Amseln, sogar die Käuzchen und ein Uhu, der aber sofort wieder einschlief. Habichte und ein Sperber krächzten ungehalten und einige Elstern benahmen sich schlecht.

Ulrich atmete nur. Es gab keine Worte, nichts, was er tun musste, nur die Energie, die ihn am Boden verwurzelte, die durch ihn pulsierte, und wenn er seinen Kopf wendete, um Neuankömmlinge zu betrachten, dann spürte er sein Geweih schwer und riesig. Kaninchen hoppelten über die Lichtung: Ihr Gehirn war so klein; sie vergaßen sofort, dass sie in großer Gefahr waren, als sie dem Ruf folgten und wie von Magneten gezogen in seine Richtung gewandert waren. Unter den Augen der Raubvögel knabberten sie am Gras und erhoben sich mümmelnd auf die Hinterpfoten.

Ein Luchs trat aus dem Wald und musterte Ulrich aus grünen Katzenaugen. Dann setzte er sich und putzte seine Puschelohren. Die Pfote blieb in der Luft hängen, als eine Rotte Wildschweine ungezogen quiekend die Aufmerksamkeit auf sich zog. Der Keiler schmatzte und setzte sich dann wie ein Hund vor Ulrich.

Endlich kamen auch die Rehe und Hirsche wie Geister aus dem Wald und warteten mit den anderen. Ulrich bewegte sich nicht. Er nahm alles wahr, spürte jeden Atemzug, schüttelte mit den Vögeln seine Flügel aus und schlug seine Zähne mit dem Eichhörnchen in eine Eichel. Die Sonne kroch bleich über den Himmel, und die Lichtung füllte sich immer mehr. Schließlich waren so viele Tiere darauf, dass sie sich gegenseitig berührten, aber es schien sie kaum zu stören. Ein Dachs schnarchte und die Füchse lagen in einem rotweißen Knäuel ineinander verschlungen.

Als die Sonne unterging, spürte Ulrich auch die unsichtbaren Besucher deutlicher. Einige der Bäume rund um die Lichtung waren belebt, und mehrere grünlich schimmernde Präsenzen standen zwischen den Tieren. Ein kleines Männchen mit Zipfelmütze und Pfeife qualmte stumm, er hatte Ulrich ehrerbietig gegrüßt und dann ein paar Eichhörnchen zur Ordnung gerufen, die sich keckernd um eine Eichel stritten.

Schließlich hatte der Nachtschatten die Lichtung überzogen, und Ulrich spürte, dass es bald soweit war. Kurz zogen einige Bedenken durch seinen Kopf, und er wurde gewahr, dass er hier mit nacktem Oberkörper stand, barfuß und bis auf sein mächtiges Geweih auch wehrlos. Aber er konnte und wollte es nicht ändern. Es war, als ob alles in seinem Leben auf diesen Moment hin gearbeitet hatte. Er hatte sich noch nie so lebendig gefühlt, so sehr an einem Platz, der ihm zustand, so angekommen in der Welt.

Ulrich wusste jetzt, dass er tatsächlich ein Erbe war, nur war es ein gänzlich anderes, als er erwartet hatte. Die Welt war hier und heute im Schwarzwald an einem Punkt angekommen, an dem er beweisen musste, dass er der Aufgabe, die auf ihn wartete, gewachsen war.

Er schluckte trocken, als die Hirschkuh nach vorne trat. Sie hob die Hufe hoch, um das Kleintiergewusel nicht zu treffen, wenn sie den nächsten Schritt machte, und Mäuse sprangen über Kaninchen, die wiederum über den Dachs hüpften, der grummelnd aufstand und aus seinen schwarzen Augen sprach Unmut, aber auch Skepsis.

Ulrich erwartete fast, dass eines der Tiere nun anfangen würde, mit ihm zu sprechen, aber das war nicht nötig. Als die Hirschkuh vor ihm stand, wusste er, was von ihm erwartet wurde. Er nickte, und als er Luft holte, sprang sie elastisch zur Seite und flog förmlich über die Lichtung in den Wald. Ulrich folgte ihr, und wenn auch die ersten Schritte noch waren, als müsste er seine Füße aus dem Boden ziehen wie Mohrrüben aus der Scholle, so war da doch eine unglaubliche Macht in seinen Beinen. Der Wald verschluckte ihn, er ließ das Gewimmel der Lichtung hinter sich.

Schneller und schneller folgte er der Kuh, flog wie sie über umgestürzte Bäume, duckte sich unter tiefhängenden Ästen und hetzte über den federnden Waldboden. Er ließ alles hinter sich, und dann kam der Punkt, da hätte er auch mit geschlossenen Augen seinen Weg gefunden, denn er war eins mit dem Wald geworden. Die Bäume schienen ihm Platz zu machen, seine Wege wurden breit wie eine Straße, und er spürte seinen Atem nicht mehr, er war Sturm geworden. Und dann holte er sie ein, sie roch so wundervoll, heiß und erdig, er rannte ein paar Schritte gleichauf mit ihr, dann warf er sich gegen sie, griff nach ihrem langen Hals, klammerte sich fest und bremste.

Sie blieben stehen und er hörte wieder sein Herz und glaubte auch ihren Rhythmus zu spüren. Es war dunkel, nur ein paar Sterne leuchteten in ihren riesigen Augen. Ihre Nase zitterte. Ein letztes Mal spannte sie ihre Muskeln an, als ob sie wegspringen wollte, dann ergab sie sich völlig.

Ulrich war verwirrt: bis hierhin hatte er gewusst, was er tun sollte, aber nun? Etwas in ihm schrie nach Blut, nach Tod, nach einem Opfer. Ein Preis ... ja ein Preis musste bezahlt werden. Es wäre ganz leicht, er bräuchte nur ihren Kopf schnell zu drehen, bis es knackte ...

Nein. Das wollte er nicht, ein anderes Bedürfnis regte sich in ihm, tiefer älter, und wichtiger als ein sinnloses Opfer. Er ließ die Kuh los, griff sich an die Brust und riss sich mit seinen Fingernägeln das Fleisch auf. Die Welt hielt inne, und als das Blut schwarz aus den Furchen quoll, hörte er ein Geräusch wie eine Flut. Die Hirschkuh atmete erschrocken und verfolgte mit ihren riesigen Augen den Weg des ersten Tropfens auf den Boden.

Als er aufschlug, fuhr ein Blitz aus dem wolkenlosen Himmel in eine riesige Tanne und spaltete sie. Das Holz entzündete sich und im Licht der riesigen Fackel beobachtete Ulrich überrascht die Verwandlung der Hirschkuh in eine junge Frau. Das Bedürfnis regte sich nun mächtig, und er griff nach ihr. Sie atmete zitternd ein, und er zügelte sich. Sein Unterleib pochte schmerzhaft, aber er nahm sich Zeit, ihre weiche Haut zu erforschen, sie im flackernden Licht zu liebkosen, in ihre braunen Augen zu sehen, und erst als sie bereit war, in sie einzudringen.

Das Blut ihrer Jungfräulichkeit mischte sich mit seinem auf dem Boden und so besiegelten sie seinen Anspruch. Als sie danach beieinanderlagen, die brennende Tanne war schon fast erloschen, berührten ihre Finger seine Wunden und heilten sie.

***

In den Dörfern wurde es schon bald bekannt, dass der Wald für die Unbedachten gefährlich geworden war.

"Der Erlkönig geht wieder um", flüsterten die runzligen Weiber nach dem Kirchgang und sie lächelten zahnlos über den pausbäckigen jungen Pastor, der ihnen ein Himmelreich versprach. Sie wussten, dass im Wald ein uraltes Reich seine Grenzen wieder gesetzt hatte, und man tunlichst Respekt davor zeigen sollte, sonst konnten schlimme Dinge geschehen.



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© 2012 by Anja Bagus
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
vermittelt durch die Agentur Thomas Schlück in Garbsen
Erstveröffentlichung unter dem Titel ›Erklönig‹
in Wirz/Jahnke (Hrsg.), Das große Panoptikum [Edition Roter Drache, 2015]
Alle Rechte vorbehalten


Anja Bagus ist die Erfinderin der Ætherwelt, einem alternativen Deutschland der Kaiserzeit. Sie schreibt noch nicht so lang aber viel. Wenn sie Zeit hat, kümmert sie sich noch um den Haushalt – entsprechend sieht es dann auch aus. 

Homepage: www.anja-bagus.de

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