Kurzgeschichte Der Besucher von Tim Curran

FICTION

Der Besucher (Tim Curran)


Tim Curran
18.11.2016

Manchmal ... manchmal taucht das Böse auf, wenn man es am wenigsten erwartet. In der vertrautesten Umgebung. Und in einer Gestalt, die einem den Angstschweiß in den Nacken treibt. Doch dann gilt es, nicht den Mut zu verlieren. Den auch im Alltäglichen liegt Macht, große Macht ...

Es war ein herrlicher Frühlingsnachmittag, und die Maisonne schien golden, und das Gras war grün, und die Luft duftete süß nach Heckenkirschen. Gale Anzalone erwachte aus ihrem erfrischenden Zwei-Stunden-Nickerchen, rieb sich den Schlaf aus den Augen und lächelte. Aufrichtig glücklich, aufrichtig zufrieden und aufrichtig optimistisch. Die Kinder würden in einer Stunde von der Schule nach Hause kommen, und sie musste noch die Hühnerbrüste marinieren, damit sie fertig waren und auf den Grill gelegt werden konnten, wenn John gegen fünf nach Hause kam.

Es würde ein schöner Abend werden, ein richtig schöner Abend.

Die Babysitterin – Mrs. Jacobs von gegenüber – würde gegen sieben da sein, und so würden sie es bequem um acht ins Kino schaffen, um sich den neuen Film mit Paul Rudd anzuschauen. Während sie sich immer noch lächelnd am Kopf kratzte und wusste, dass alles in bester Ordnung war, lief Gale nach unten. Erst als sie dort ankam, verschwand das Lächeln von ihren Lippen.

Sie roch etwas Verbranntes, Beißendes.

Ein Geruch, der ganz sicher nicht zu einem goldenen Nachmittag im Mai wie diesem passte. Er war ekelhaft, heiß und schien selbst zu brennen. Schwefelig war das Wort, dass ihr in den Sinn kam. Wie tausend stinkende verfaulende Eier, die in einem Fass schmorten.

Sie blieb am Fuß der Treppe stehen, unfähig, weiterzugehen.

Das ist nur ein seltsamer Geruch, den es von draußen herein geweht hat, sagte ihre Vernunft. Kein Grund, deswegen auszuflippen.

Aber ihr Instinkt, der sie bisher untrüglich vor Schlimmerem bewahrt hatte, war anderer Meinung. Etwas hatte sich verändert. Etwas hatte sich verschoben. Der Frühling war beiseitegedrängt und von einer Jahreszeit der Dunkelheit und Boshaftigkeit ersetzt worden. Fäulnis war ihr Geruch.

So absurd das auch klingen mochte, aber genau das glaubte sie und konnte diese Vorstellung auch nicht abschütteln. Es war nicht nur der Geruch allein, sondern auch, wie sich die Dinge anfühlten. Was bisher weich und lieblich gewesen war, erschien nun grob und düster.

Sich gegen etwas wappnend, von dem sie selbst nicht wusste, was es war, trat sie von der Treppe herunter und ging zwei Schritte über das polierte Parkett. Das Erste, was ihr auffiel, war die Stille in der Nachbarschaft. Sie schien sich gegen das Haus zu stemmen. Keine Vögel sangen in den Bäumen, und keine Bienen summten im Garten herum. Mr. Feister trimmte nicht das Gras am Gehweg oder beschnitt seine Hecken. Herrgott, es war noch nicht mal ein Auto in der Ferne zu hören.

Es war, als wäre das Haus von der realen Welt abgeschnitten und unter eine trübe Glaskuppel gesteckt worden.

Und als sie das Geräusch aus dem Wohnzimmer hörte, erschien es deshalb sehr laut.

Es bestand kein Zweifel daran, was es war: das Geräusch eines summenden Mannes. Ein zufriedenes Summen, wie es Menschen taten, wenn sie mit etwas beschäftigt waren, dass sie liebten, dass sie mit Freude erfüllte, so wie eine Frau, die durch ein Fotoalbum blätterte, oder ein Mann, der seine Angelkiste sortierte.

»Hmmm-hmmm, hmmm-hmmm, hmmm-hmmm …«

Es lag überhaupt keine Melodie oder Rhythmus darin. Es war vollkommen gleichförmig, vollkommen tonlos.

Das ist lächerlich, dachte Gale bei sich. Was stimmt denn nur nicht mit dir?

Sie betrat das Wohnzimmer, und der heiße, beißende Gestank von Schwefeldämpfen zwang sie beinahe in die Knie. Ein Mann lehnte am Kamin, sah sich die Fotos der Zwillinge an – Caden und Cassidy ehrfurchtsvoll am Weihnachtsfest, ihr fünfter Geburtstag mit dem Festessen bei Chuck E. Cheese – und summte fröhlich. Er war groß, beinahe ausgezehrt, und trug einen schwarzen Haifischlederanzug und spitz zulaufende Lederschuhe mit silbernen Kappen. Sein Gesicht war absolut weiß, absolut blutleer und … absolut entsetzlich.

»Guten Tag, meine Dame«, sagte er, und seine Stimme klang ölig und sanft. »Ich habe gerade Ihr hübsches kleines Heim und ihre zarten, prallen Kinder bewundert. Ganz besonders die Kinder!«

Er lächelte sardonisch süffisant, während er das sagte, seine Lippen waren angeschwollen und glänzten, und Speichel rann von ihnen herunter.

»Cassidy ist das Mädchen und Caden der Junge. Schöne Namen. Sehr modern, sehr schick, sehr trendig … kein John und keine Mary für Ihre Kinder, was? Ich mag das. Man muss mit der Zeit gehen und mit alten Gewohnheiten brechen. Ich kann biblische Namen ohnehin nicht leiden.«

Gales ganzer Körper zitterte. Es fühlte sich so an, als wären ihre Knie mit Wasser gefühlt und ihre Knöchel aus Gummi. Das Blut war ihr aus dem Kopf gewichen, und sie fühlte sich benommen. »Verschwinden Sie … verschwinden Sie aus meinem Haus.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, das wird unter den gegebenen Umständen nicht möglich sein. Ich werde bleiben, Teuerste, und Sie werden sich hinsetzen.«

Sie wusste nicht, wie es genau passierte. Fast schien es, als hätte sie nur geblinzelt, und saß dann bereits. Ihr Hintern sackte auf das Sofa, und sie hatte keine Erinnerung daran, wie er dahin gekommen war.

»Wer sind Sie?«, hörte sie sich selbst fragen.

Er dachte darüber nach und tippte sich mit einem langen weißen Finger gegen sein Kinn. »Ja … wer bin ich wohl? Nun … nun, ich bin Mr. Mumblety-Peg. Ist das nicht köstlich? Mr. Mumblety-Peg! Sind Sie vertraut mit diesem Spiel, wo die Jungen mit einem Messer spielen? Es in die Luft werfen und hoffen, dass es mit der Spitze in der Erde landet? Nun, so heiße ich. Ich hatte schon so viele Namen, Mr. Black und Mr. White, Mr. Fish und Mr. Gacy, aber ich mag Mr. Mumblety-Peg. Sehr melodiös, was? Er hat auch etwas Märchenhaftes, finden Sie nicht auch? Mr. Mumblety-Peg. La-la-la-la.«

Er war verrückt, befand sie. Das war ein verdammter Irrer, der aus einer Irrenanstalt entflohen war. Was sie jetzt tun musste, war mitspielen, ihn bei Laune halten und aus dem Haus bekommen, bevor die Kinder nach Hause kamen.

»Ich habe einmal zwei Jungen beim Mumblety-Peg-Spielen beobachtet«, fuhr er fort und berührte mit seinem knochigen Finger seine Nasenspitze. »Einer von ihnen hat sich dabei ins Bein gestochen. Als das Blut zu fließen begann, wusste ich, dass er der Richtige war. Ich habe ihn für drei Tage in einer Mixtur aus kaltem Wasser, koscherem Salz, Ingwer, Zimt, Nelken und gemahlenem Pfeffer in einem Plastiksack eingelegt. Dann habe ich ihn zwölf Stunden lang langsam schmoren lassen. Er war butterweich, saftig und absolut köstlich!«

Gale verschlug es angesichts dieser Worte beinahe die Sprache. »Bitte … bitte, tun Sie mir nichts. Ich werde machen, was immer Sie sagen.«

»Natürlich werden Sie das, meine Liebe, natürlich werden Sie das.« Er wendete sich von ihr ab, studierte wieder die Fotografien auf dem Kaminsims und leckte sich mit einer rosafarbenen, sich windenden Zunge, die wie ein seltsam angeschwollener Blutegel aussah, über die Lippen. Hielt sich einen goldumrandeten Kneifer vor die Augen. »Sehr schön«, sagte er, und ließ ihn wieder in seine Tasche gleiten. Dann sah er Gale an, und die Eindringlichkeit in seinen Augen bereitete ihr eine Gänsehaut.

»Was … was wollen Sie?«

»Es ist weniger eine Frage, was ich will, meine Liebe, sondern was Sie wollen. Sehen Sie, die Zukunft sieht für Sie wahrhaftig recht düster aus. Es tut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, dass Ihr Mann seinen Job verlieren wird, und Sie gezwungen sein werden, in die Stadt umzuziehen, wo man Ihre Tochter entführen und umbringen –«

»Seien Sie still!«, schrie sie. »Seien Sie einfach … still!«

Er erklärte ihr, dass es so nicht kommen musste. Wenn sie kooperieren würde, könnte man einen Handel abschließen, und John würde seinen Job nicht verlieren. Genau genommen würde man ihm eine lukrative gehobene Stellung anbieten mit einem Gehalt von einer halben Million im Jahr, und ihre Tochter würde nicht nur gesund und sicher aufwachsen, sondern eine medizinische Fakultät besuchen und ihr drei wundervolle Enkel mit goldblondem Haar schenken.

»Natürlich nur, wenn Sie kooperieren.«

Er zeigte ein breites Grinsen, bei dem sich ihr der Magen umdrehte. Sie konnte sehen, dass sein Zahnfleisch nicht rosa, sondern rot wie rohes Fleisch war, und dass seine Zähne dünn und gebogen waren, nicht so scharf wie die eines Monsters, aber gezackt wie bei einem Hai.

»Kommen wir nun zum Geschäft. Wie ich bereits sagte, ist es weniger eine Frage, was ich will, sondern was Sie wollen. Es muss nicht sein, dass Ihr geliebter John seinen Job verliert und Sie Ihre Tochter und Ihren Verstand. Um genau zu sein, das alles …«, er breitete seine langen, beinahe chirurgisch dünnen Hände weit aus, »… kann erhalten werden. Wenn Sie mir geben, was ich will, werde ich beschützen, was Ihnen lieb und teuer ist. Ganz einfach, nicht wahr?«

An diesem Punkt war sich Gale sicher, dass sie den Verstand verloren hatte. Das konnte nicht die Wirklichkeit sein. Dieser … dieser … Freak, dieses Monster … er konnte nicht einfach so in anderer Leute Häuser eindringen und solche furchtbaren Dinge sagen. Dinge wie diese passierten einfach nicht.

»Ah, und ob sie passieren, meine Dame«, versicherte ihr Mr. Mumblety-Peg und verzog sein weißes Gesicht zu einem Grinsen. »Aber es gibt keinen Grund für derartige Unannehmlichkeiten. Wenn Sie mir geben, was ich will, gebe ich Ihnen, was Sie wollen. Sie haben zwei wundervolle saftige Kinder. Ich möchte eines davon.«

Gale saß einfach nur da und zitterte. Es fühlte sich an, als hätte sich etwas in ihrer Brust losgerissen. Ihr Magen war aus Stein. Ihre Lippen öffneten und schlossen sich wie die eines erstickenden Fisches am Strand. Ein schluchzendes Geräusch drang aus ihrer Kehle.

Mr. Mumblety-Peg zeigte ihr das schmale Grinsen einer verhungerten Leiche. »Sehen Sie, ich möchte eines ihrer Kinder essen. Ich liebe diese feinen saftigen Bälger. Es gibt nichts Vergleichbares. Sogar noch lieber als Kobe-Rindfleisch aus Japan, nicht wahr? Gut durchwachsen, weich und ausnehmend saftig.« Dann zauberte er wie ein Magier aus dem Nichts ein großes, zerlesenes Buch hervor. Der Umschlag glänzte vor öligen Ablagerungen, und die Seiten zerfielen, während er sie umblätterte. »Hören Sie nur. Kid Wellington mit herzhafter Rotweinsoße. Mmmm. Man benötigt dazu sechs fein geschnittene Kinderlendenfilets, gewürzt mit Salz und Knoblauch, damit sie schön saftig bleiben. Man muss gar kein Öl dazu geben und sich die Arterien verstopfen, sie braten ganz vorzüglich in ihrem eigenen Fett. Jetzt noch etwas Leber dazu, ein oder zwei Scheiben Peppadew, eine Messerspitze geräucherten Paprikas, einen Schuss blutiger Fleischbrühe und … oh, meine Liebe, Sie  sehen ein wenig blass aus.«

»Verschwinden Sie … aus meinem Haus«, keuchte Gale. Ihre Kehle fühlte sich sandig und rau an.

»VERSCHWINDEN SIE AUS MEINEM VERDAMMTEN HAUS!«

Er klappte das Buch zu, und mit einer schnellen Handbewegung verschwand es. »Ah, ich habe Ihre mütterlichen Beschützerinstinkte beleidigt. Nun, das können wir nicht gebrauchen. Sie wollen davonlaufen und Hilfe holen? Tun Sie das. Niemand hält Sie hier fest. Holen Sie sich Unterstützung! Holen Sie die Polizei und die Nachbarn und Fackeln schwenkende Bauern! Ich warte so lange … und wenn Sie Ihr auswegloses Schicksal akzeptiert haben, kümmern wir uns ums Geschäftliche.«

 

//

 

Gale sprang nicht einfach nur von dem Sofa auf, sie schoss davon wie eine Rakete.

Sie schnellte in die Luft und stieß mit dem Knie gegen die Tischkante, stolperte, fiel hin und kroch auf allen vieren zur Tür und auf die Veranda hinaus. Sie rappelte sich auf, als sie die Stufen hinab lief und … eine Welt betrat, in der es totenstill wie auf einem Friedhof war. Nichts bewegte, nichts rührte sich. Nicht mal ein Windhauch war zu spüren. Es sangen keine Vögel in den Bäumen, und es summten keine Bienen zwischen den Haselsträuchern und Krokussen herum. Keine Autos, keine bellenden Hunde, keine Bewegungen irgendwelcher Art.

Ein Albtraum, ich bin gefangen in einem Albtraum.

Aber wenn es sich um einen Albtraum handelte, dann war es eine ganz spezielle Art von dreidimensionalem, physisch real wirkendem Albtraum. Ihr Verstand drehte sich im Kreis, versuchte, all dem einen Sinn zu verleihen, versuchte, alles in einen gesunden Blickwinkel zu rücken … und scheiterte kläglich. Sie hielt auf dem Gehsteig inne, verzweifelt, erschöpft und vollkommen hilflos. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Die Welt ist nicht mehr am Leben, hörte sie eine Stimme in ihrem Kopf sagen. Sie wurde einbalsamiert. Und der bloße Gedanke daran ließ es ihr kalt den Rücken und die Arme hinab laufen. Das war natürlich lächerlich, aber der Gedanke wollte nicht verschwinden. Nichts schien zu stimmen, nichts fühlte sich richtig an. Selbst die Häuser die Straße hinauf und hinunter wirkten … irgendwie fehl am Platze. Beinahe wie auf Fotografien, die leicht unscharf waren. Auch die Sonne über ihr hatte sich verändert. Sie schien nunmehr in dem kränklichen Gelb einer infizierten Wunde.

Beweg dich!

Ja, das war es. Sie stürmte hinüber zu Jacobs Haus. Der alte Gil würde auf der Veranda in seinem Schaukelstuhl sitzen und die Zeitung lesen, und Jeanne würde in der Küche sein und wahrscheinlich ein paar Leckereien zubereiten, die sie heute Abend mit herüberbrachte, wenn sie auf Cassidy und Caden aufpassen würde. Gale war sich dessen sicher, und sie hatte recht. Gil saß in seinem Schaukelstuhl, mit einer Zeitung in der Hand … aber sein Kopf lag auf dem kleinen Tisch neben ihm, der Mund zu einem gequälten Grinsen erstarrt, ein Auge zugeschwollen, das andere gläsern und angsterfüllt. Blutspritzer waren über seinem Gesicht verteilt wie Sommersprossen. Aber so schrecklich dass auch schien, fast noch schlimmer war, dass sein kopfloser Körper in dem Schaukelstuhl in einem unheimlichen Rhythmus vor und zurück, vor und zurück schaukelte.

Mit einem erstickten Schrei stolperte Gale über den Rasen und rief: »IST DA JEMAND? IST DA IRGENDJEMAND?« Dann war sie auf der anderen Straßenseite und sah Mr. Feister, der sich über seine sorgfältig rechteckig getrimmten Buchsbaumhecken beugte. Sie rief seinen Namen immer und immer wieder, während sie zu ihm rannte, aber er bewegte sich nicht, und je näher sie kam, um so stärker fühlte spürte sie die lauernde Bedrohung in ihrem Bauch. Moment … er bewegte sich doch. Er war hoch motiviert bei der Gartenarbeit, wie sonst auch.

»Oh … Gott«, sagte sie, als sie näher kam.

Wie Mr. Rodgers hatte auch er keinen Kopf mehr, aber das hielt ihn nicht davon ab, seine Hecke zu beschneiden. Doch ohne Augen, die ihn führen konnten, verstümmelte er sie jedoch und schnitt grobe Zacken hinein.

Das war der Moment, als Gale schrie.

Sie zog sich zurück, aus Angst, dass Mr. Feister sie bemerken würde und mit ihr das Gleiche wie mit seinen geliebten Hecken anstellen würde. Unbeirrt fuhr er damit fort, Schnipp, schnipp, schnipp. Gale stolperte auf den Gehweg, in ihrem Kopf schien alles auseinanderzufliegen, und dann sah sie jemand den Fußweg entlang kommen. Es war Jim Kang von weiter unten, der Perverse aus der Nachbarschaft. Unverheiratet und unerwünscht warf er jeder Frau aus der Nachbarschaft lüsterne Blicke zu. Und es war kein Geheimnis, dass er jeden Tag hinter der Gardine stand und die Highschoolmädchen begaffte, die draußen vorbeiliefen. Einmal hatte er etwas zu Bart Blazers langbeiniger sechzehnjähriger Tochter Shayla gesagt. Was genau, wusste niemand. Sie wussten nur, dass Bart auf ihn zugerast war und Kang ins Gesicht geschlagen hatte, und alle hörten ihn sagen: »Das nächste Mal schneide ich dir die Eier ab

Mehr brauchte man über ihn nicht zu sagen.

Jim Kang war die der letzte Mensch, den Gale um Hilfe bitten würde. Und doch rannte sie zu ihm, hielt ihn fest, und die Schrecken des heutigen Tages sprudelten nur so aus ihr heraus.

 

//

 

Kang wusste natürlich, dass etwas Seltsames in der Nachbarschaft vor sich ging. Die Stille hatte ihn ebenso misstrauisch gemacht wie Gale. Aber erst, als er sie auf der Straße rufen und dann schreien gehört hatte, wurde ihm klar, wie schlimm die Dinge standen. Sie klammerte sich an ihn, jammerte unzusammenhängend über einen Mann in ihrem Haus, einen furchtbaren Mann, der sie bedrohte. Er hielt sie fest, und ihm gefiel, wie sich ihr Körper unter ihrem T-Shirt anfühlte. Er hatte schon immer ein Auge auf sie geworfen. Die blonden Haare, die blauen Augen und ihre verführerische Ausstrahlung, mit der sie geradezu darum bettelte, flachgelegt zu werden.

»Sie müssen mir helfen! Sie müssen!«, verlangte sie.

Er fand, dass die erste Sache, die sie brauchte, ein guter alter Schlag ins Gesicht war, um sie wieder zur Besinnung zu bringen. Das war das Erste. Die zweite Sache würden sie besprechen, wenn er in ihrem Haus war und den großen bösen Mann verscheucht hatte.

»Schon gut, schon gut«, sagte er. »Gehen wir und sehen nach.«

Sie klammerte sich weiter wie ein Kleidungsstück an ihn, ließ nicht von ihm ab – und später würde er auch nicht von ihr ablassen, das stand fest –, und zusammen liefen sie zu ihrem Haus.

Sie plapperte weiter über tote Menschen und Monster, eine ihrer Brüste strich ihm immer wieder über den bloßen Arm, und die schieren Möglichkeiten erregten ihn. Gott, sie trug noch nicht einmal einen BH. Alles, was er tun musste, war, ihr Shirt hochzuheben und dann – nun, dafür müsste Zeit sein, oder? Er würde ihr helfen, aber wie man so sagte: Es gab nichts für umsonst.

»Sie müssen sich beruhigen«, sagte er zu ihr und tippte sich mit seiner Gartenkelle an den Oberschenkel. »Regen Sie sich nicht so auf.«

Aber alles, was er damit erreichte, war, dass sie wieder mit Kannibalen und kopflosen Menschen und dem ganzen Zeug anfing. Er kannte Gale nicht allzu gut. Sie wandte sich immer von ihm ab, so als hätte er eine ansteckende Krankheit. Vielleicht war sie verrückt. Vielleicht hatte sie irgendeine mentale Störung. Wenn das der Fall war, konnte man sich das vielleicht zunutze machen.

»Drinnen?«, fragte er, als sie auf ihre Veranda traten.

Sie atmete schwer, und das machte ihn an. »Ja … er ist da drin. Er ist völlig durchgeknallt. Er ist gefährlich.«

Kang wusste nicht, was er davon halten sollte. Die Dinge, die sie sagte, ergaben keinen Sinn. Und doch ging hier irgendetwas vor sich. Die Nachbarschaft war ungewöhnlich ruhig. Selbst die Luft fühlte sich seltsam an, wenn er genau darüber nachdachte. Und es bestand kein Zweifel, dass Gale entsetzliche Angst hatte. Während er die Gartenkelle fester umklammerte, lief er mit ihr direkt hinter sich die Treppenstufen hinauf. Er betrat das Haus und sah überhaupt nichts. Das Wohnzimmer sah wie aus dem Ei gepellt aus, bis auf eine Zeitschrift, die am Boden lag, und einen Beistelltisch, der ein paar Zentimeter neben seinem eigentlichen Standort vor dem Sofa stand. Ein großer böser schwarzer Mann war aber nirgendwo zu sehen. Das Einzige, das ihm zu denken gab, war ein übel riechender Gestank, der in der Luft hing. Er war so stark, dass Kang einen Schritt zurücktrat … und dann war der Gestank verschwunden.

»Okay«, sagte Kang und sah sich um. »Wo ist der Eindringling?«

Gale lief unsicher umher und schüttelte leicht den Kopf. Ihre Augen sahen glasig aus wie die einer erschrockenen Kuh. Sie machte ihren Mund auf und zu. »Ich schwöre bei Gott, dass er hier war. Er war hier!«

Kang grinste. »Tja, jetzt ist er weg.« Er starrte auf ihre Brüste, die sich unter ihrem T-Shirt abzeichneten, und auf seiner Oberlippe sammelten sich Schweißtropfen wie Tau. »Wissen Sie was? Lassen Sie uns oben nachsehen und sichergehen, dass er nicht in Ihrem Schlafzimmer ist. Damit sollten wir anfangen.«

Aber sie schien ihn nicht zu verstehen. Sie schüttelte weiter ihren Kopf hin und her. »Er war hier«, sagte sie. »Ich weiß, dass er hier war.«

Kang grinste, dann sah er den Blick in Gales Gesicht und hörte etwas, dass sich wie ein Schritt auf dem Parkettboden hinter ihm anhörte. Dann noch einen. Und in seinem fiebrigen Gehirn sagte eine Stimme: Hört sich an wie Abendschuhe, ein Mann in Abendschuhen. Und während er das dachte, stieg um ihn herum der fürchterliche übel riechende Gestank auf. Verdammt, er umhüllte ihn regelrecht ein – wie schwelende Dämpfe aus schmelzendem Roheisen und Schwefel. Das war es, was er zuerst roch. Als sein Gehirn den Geruch identifiziert hatte, verwandelte er sich in exotische Gewürze, die in einem Regal standen, und dann in Fleisch, in dem Würmer herumkrochen.

Das alles passierte in weniger als zwei Sekunden.

Als er sich umzudrehen versuchte, stellte er fest, dass er das nicht konnte. Er stand wie angewurzelt da, seine immer größer werdenden Augen starrten in Gales entsetztes Gesicht, welches ihn irgendwie an die Gesichter von Soldaten in den Schützengräben des Ersten Weltkrieges erinnerte. Gesichter, denen die Gräuel um sie herum jegliche Farbe genommen hatten. Es war genau dieser Moment, als ihm vor Angst das Herz in die Hose rutschte, als sich in seinem Geiste ein überaus klares und deutliches Bild formte. Er sah einen Mann hinter sich stehen, einen großen ausgezehrten Mann mit einem bleichen, wächsernen Gesicht und den rot geschminkten Lippen einer Puppe. Seine Augen waren riesig und schwarzglänzend und steckten in wuchernden roten Augenhöhlen, die wie runzelige Münder aussahen. In seiner Hand hielt er eine Gartenkelle, die genau so aussah wie jene, die Kang selbst hielt … nur dass er sah, als seine Augen nach unten wanderten, dass er keine Gartenkelle mehr in der Hand hielt. Der schwarze Mann hatte sie ihm abgenommen. Nein, du hast sie ihm gegeben, als er dich darum gebeten hat. Aber das war verrückt, denn er hatte nie mit ihm geredet oder ihn je zuvor in seinem Leben gesehen. Und doch … die Erinnerung daran war da. Das Gesicht – weiß, glatt, faltenlos – und die Augen – riesig, hervorgetreten, schwarz und wässrig glänzend – und der Mund – die Lippen rosig wie rohes Fleisch, die den Blick auf perlweiße Zähne freigaben, gezackt wie Steakmesser – und die Stimme – sanft, schmeichelnd, zischelnd: »Leg mir die Gartenkelle in meine Hand, sei ein guter Junge. Leg sie mir in die Hand.« Und das hatte er getan. Oh Gott, ja, das hatte er. Denn als der schwarze Mann sprach, wurden seine Worte zu Eiszangen, die Kangs Herz umschlossen und fest und tödlich zudrückten.

Die Erinnerung daran war so real wie niederschmetternd. Und nun konnte er sehen, wie der Mann hinter ihm aufragte, ein schwarzer und schmaler Schatten, der sich wie ein Ballon, den man mit Helium füllte, immer weiter ausdehnte, bis er zu einem verzerrten Umriss wurde, der die Gartenkelle in der Hand hielt und sie mit aller Macht auf ihn niedersausen ließ.

Kang schrie auf, und der Zauber oder was auch immer ihn festgehalten hatte war gebrochen.

Er duckte sich, als die Kelle seine Kehle suchte, und sie kratzte über seinen Schädel, riss einen Streifen Haut und Haare heraus und ließ ihn aufheulen. Er fiel auf die Knie, und es schien keine bewusste Handlung seinerseits zu sein. Er hörte Gale schreien, und dann spürte er, wie sich ihm die Gartenkelle ins Genick bohrte. Der Schmerz war gellend heiß. Sein linker Arm wurde zu Gummi, und er verlor das Gleichgewicht. Um ihn herum drehte sich alles, kalter Schweiß rann ihm übers Gesicht. Der schwarze Mann hatte nicht auf gut Glück zugestoßen. Mit Glück hatte das nichts zu tun. Der Stoß war bedacht und mit vollkommener Präzision ausgeführt worden. Die Klinge war in sein Genick eingedrungen, wo sie auf seine Schultern traf, die Nerven seines Arms durchtrennte und diesen völlig nutzlos machte.

Bevor Kang sich überhaupt einen Reim darauf machen konnte, fuhr die Kelle erneut auf ihn herab. Er konnte hören, wie sie durch die Luft schnitt wie ein schwingendes Pendel in einem dieser alten Edgar-Allen-Poe-Filme. Dieses Mal bohrte sie sich ihm auf der anderen Seite ins Genick und zerschnitt das Nervengeflecht seines rechten Armes. Jetzt fühlte sich auch dieser Arm wie Gummi an. Er hing an der Seite herunter wie ein schlaffes Band. Blut, so grellrot wie Halloween-Vampirkunstblut, lief ihm über sein das Hemd. Es fühlte sich heiß an, beinahe brennend heiß, wie es an der gedachten Linie seines Rückgrats hinab bis zu seinem Hosenbund rann.

Jetzt war der schwarze Mann vor ihm, und sein glattes weißes Gesicht war schlimm zugerichtet; gezackte Nähte klafften darin, und die Haut hing in Fetzen wie Birkenrinde herab. Seine Augen waren nicht länger schwarz, sondern purpurn wie geronnenes Blut, und seine Zähne waren lang und silbrig und messerscharf, wie die Zinken an einer Bratengabel. Es schien Dutzende von ihnen zu geben, und das wahrhaft Albtraumhafte und Verstörende an ihnen war, dass sie sich bewegten. Die scharfen silbernen Zinken ratterten im Zahnfleisch auf und ab wie die Nadeln in einer Nähmaschine. Es gab einen Rhythmus darin, zehn oder zwölf Zähne im Ober- und Unterkiefer stießen heraus, während sich die anderen daneben zurückzogen, immer und immer wieder.

Kang blieb nicht viel Zeit, um darüber nachzudenken, denn plötzlich riss der Mund gähnend weit auf, wie das Maul eines Krokodils, und diese Zähne spießten sein Gesicht auf, durchbohrten es, drangen tief in es hinein, bis sie, als sie sich schlossen, an seinem Schädelknochen schabten. Er konnte gerade noch sehen, wie sein Blut in das Gesicht des Monsters spitzte, bevor sich sein Verstand wie eine Muschelschale schloss und er das Bewusstsein verlor.

Doch kurz davor schrie eine hysterische Stimme laut in seinem Kopf: Er frisst mich auf, gottverdammt, er frisst mich auf …

 

//

 

Dass Gale es geschafft hatte, nicht umzukippen, war ein Wunder. Von dem Moment an, als Kang und sie das Wohnzimmer betreten hatten, waren wahrscheinlich nur zwei oder drei Minuten vergangen, aber jede davon war nur kaum mehr als ein halluzinatorischer Schlieren. Sie stand da, nicht einfach nur geschockt, sondern weit darüber hinaus. Ihre Nerven waren durch brennende elektrische Leitungen ersetzt worden, und ihre Eingeweide fühlten sich wie heißes Glas an. Mit reglosen Augen, die wie aufgemalt schienen, starrte sie auf Kang hinunter. Ungeachtet dessen, was Mr. Mumblety-Peg ihm angetan hatte, schaffte er es tatsächlich noch, einen oder anderthalb Meter weit zu kriechen und eine blutige Spur hinter sich herzuziehen. Wobei kriechen es nicht wirklich beschrieb … eher war es ein Schleichen, eine kraftlose Art der Fortbewegung.

Dann hatte das Mr. Mumblety-Peg-Ding Kangs Gesicht verschlungen, dabei leise gekichert, und als es damit fertig war, sah es wieder aus wie zuvor: ausgemergelt und leichenhaft, aber sicher nicht monströs. »Ist Ihnen klar, mein Täubchen, dass er Sie vergewaltigt hätte, wenn ich nicht hier gewesen wäre, um Ihre Tugendhaftigkeit zu beschützen?« Er wedelte den Gedanken mit einer Handbewegung beiseite. »Einerlei, nicht nötig, sich bei mir zu bedanken. Ein Glück, dass wir den los sind, wie man so sagt. Doch jetzt keine weiteren Spielchen mehr. Keine Unterbrechungen.« Er starrte die Fotos der Zwillinge auf dem Kaminsims an wie eine Schlange, die vor einem Mäuseloch lauert. »Kommen wir doch endlich … zum Wesentlichen

Gale stand immer noch nur reglos da. Sie konnte sich nicht rühren. Sie war wie in sich selbst gefangen und vollkommen hilflos. Sie wusste nicht, was sie tun sollte.

Mr. Mumblety-Peg stellte sich über Kang, der noch nicht ganz tot war. Noch immer rann Blut aus dem zerbissenen Loch, das einmal sein Gesicht gewesen war. Er zitterte ganz leicht. Hin und wieder zuckte eines seiner Beine.

»Genug jetzt«, sagte Mr. Mumblety-Peg. Er deutete mit einem bleichen Finger auf Kang, und der verwandelte sich im Handumdrehen von einem übel zugerichteten lebenden Wesen in eine übel zugerichtete Leiche. Die Veränderung ging sehr schnell. Kang blieb nicht nur reglos liegen, sondern verwitterte wie ein Busch während einer gnadenlosen Dürre. Das Blut, dass auf ihm glänzte und um ihn herum Pfützen gebildet hatte, trocknete zu einem klebrigen Film und blätterte ab. Sein Fleisch schrumpelte bis auf die Knochen darunter zusammen. Seine Augen sanken in seinen Schädel, und seine Haare fielen ihm aus wie Nadeln von einem Weihnachtsbaum. Das alles geschah sehr schnell. Er fiel in sich zusammen, und eine Wolke widerlich riechenden Staubs verpuffte aus seinen Überresten.

Mr. Mumblety-Peg hob eine Augenbraue. »So.« Er drehte sich wieder zu Gale um und musterte sie mit Augen, die wie heißer schwarzer Rauch aussahen. »Zurück zum Geschäftlichen. Sie haben zwei wunderbare Kinder, und ich möchte eines davon. Wählen Sie, verehrte Dame, wählen Sie. Tun Sie das nicht, nehme ich beide … und das vor Ihren Augen. Ich werde ihre rohen Lebern kauen und meinen Durst an ihrem Blut stillen. Ich werde sie ausweiden und das Mark aus ihren Knochen saugen. Der Bus wird in weniger als fünfzehn Minuten hier sein. Welches soll es also sein? Ich bevorzuge das Mädchen. Caden scheint mir ein wenig sehnig zu sein. Sehnige Jungen schmecken oft etwas verdorben, daher bevorzuge ich fette kleine Mädchen, die schön in ihrem eigenen Saft braten können. Wählen Sie, mein Täubchen, wählen Sie.«

Das Verrückte war – so furchtbar die Dinge auch klangen, die er sagte: Was Gale jedoch wie ein Schlag ins Gesicht ins Hier und Jetzt zurückbrachte, war der Umstand, dass er Cassidy fett genannt hatte. Sie war nicht fett. Pummelig, sicherlich, aber nicht fett. Gale war als kleines Mädchen genauso gewesen. Als sie ins Teenageralter kam, hatte sie sich in eine hochgewachsene, langbeinige junge Dame verwandelt, um die sich die Jungen prügelten. Und so würde es auch mit bei Cassidy sein, das wusste sie.

Sofern Cassidy ihre Teenagerjahre erleben würde.

Mr. Mumblety-Peg wartete auf ihre Antwort, studierte das Ziffernblatt einer antiken Messingtaschenuhr und summte fröhlich angesichts des großen Festessens, das ihm bevorstand. Und der delikate und ihn am meisten befriedigende Part an der Sache war, dass er Gale damit sich selbst verdammen ließ. Indem er sie wählen ließ, würde er sie seelisch ruinieren, und der Gedanke allein ließ ihn sich bereits satt fühlen.

 

//

 

Während er wartete, wurde Gale in ihrer Verzweiflung etwas klar – das war ihr Kampf. Deshalb war Kang machtlos gegenüber diesem Dämon gewesen. Nur sie allein konnte um ihre Kinder kämpfen. Und das brachte sie auf den Glauben. Sie war nicht mehr in der Kirche gewesen, seit sie ein Kind war. Religion und das ganze Drumherum nahm nur einen sehr geringen Teil in ihrem Leben ein, wenngleich sie immer davon ausgegangen war, dass sie an irgendetwas glaubte. Ob nun an ein höheres Wesen oder die Macht ihres Geistes, da war sie nicht so sicher. Aber da war etwas, und das konnte sie jetzt spüren. Aber wie bekämpfte man dieses Monster? Sie hatte keine Bibel oder Kruzifixe. Alles, was ich habe, bin ich selbst und das, woran ich glaube. Sie war eine nicht berufstätige Mutter, das, was man früher eine Hausfrau nannte, oder eine Familienmanagerin, wie ihre eigene Mutter zu sagen pflegte. Sie konnte die Stimme ihrer Mutter gerade deutlich hören. Lass dir von anderen nichts einreden, Liebling. Sich um das Haus und die Familie zu kümmern, verlangt einem mehr ab als jeder andere Beruf der Welt. Du musst es allen gleichzeitig recht machen können. Das Haus sauber zu halten und ein leckeres Essen auf den Tisch zu zaubern, ist da noch deine geringste Sorge. Du musst mit deinem Besen in der Hand allzeit bereit stehen, um jeden Schmutz aus dem Haus zu fegen, der zur Tür hereingeweht kommt. Ja, ja, das stimmte. Natürlich hatte ihre Mutter bildlich gesprochen, als sie sich auf Schmutz bezog. Denn jener Schmutz war alles, was das Heim und die Lieben bedrohte, und man selbst war die erste Verteidigungslinie dagegen.

»Nun?«, fragte Mr. Mumblety-Peg. »Ich erwarte Ihre Antwort, meine Liebe.«

Gale sah in sein böses, grinsendes Gesicht und sagte: »Sie können keines haben. Sie bekommen meine Kinder nicht, weder heute noch irgendwann.«

Und war es nur ihre Einbildung, oder schien etwas an ihm zu schrumpfen, als sie sich ihm entgegenstellte? Er starrte sie an. Ein Bild fiel von der Wand. Eines der Fenster zersplitterte. Ein unerbittlicher Schatten hielt auf sie zu, und sie wusste, dass ihr der Tod bevorstand. Mr. Mumblety-Pegs Augen leuchteten jetzt blutig rot, und sein Mund war mit silbernen chirurgischen Nadeln angefüllt.

Sie sah, dass ihr Besen an der Wand lehnte. Allein die Vorstellung, ihn gegen das Monster zu verwenden, war lächerlich, aber sie wusste, dass er nicht nur das Symbol ihrer täglichen Arbeit, sondern auch das Symbol für ihren Glauben war. Sie rannte auf ihn zu, und er versuchte, sie aufzuhalten. Seine Nägel kratzen über ihren Arm und rissen ihn auf. Aber es das spielte keine Rolle. Sie hatte ihn. Er brüllte, ein Geräusch wie ein Güterzug, und ein heißer, sengender Windstoß verbrannte ihr die feinen Härchen im Nacken. Er kam auf sie zu, doch sie schwang ihm den Besen entgegen und hieb immer und immer wieder damit auf ihn ein.

»ABER ICH WERDE SIE BEKOMMEN!«, schrie er. »UND SIE WERDEN SIE MIR MIT EIGENEN HÄNDEN ÜBERGEBEN! ES MUSS VON IHREN EIGENEN HÄNDEN KOMMEN!«

Sie schwang den Besen erneut, erfüllt von einem Hochgefühl, von einer und Inbrunst und Energie, und er zerbrach ihn beinahe mühelos. Nun hielt sie nur noch das Besenende in der Hand, aus dem ein etwa halber Meter gezackter Besenstiel ragte, und genau den benutzte sie. Als er sich auf sie stürzte, stieß sie ihm den Stiel mitten in die Brust. Er schrie. Himmel, ja, er schrie vor Schmerz, als er aufgespießt wurde, und sein Blut, das schwarz war und dampfte, explodierte in der Luft zu ätzendem Nebel. Schwarzer Schleim brodelte ihm aus den Augen, und sein Gesicht verwandelte sich in eine pulsierende, fleischige Masse; ein bebender schwarzer Tumor, der mit dem Gestank von verrottendem Fleisch aufplatzte. Er taumelte nach hinten, zerfloss, zerfiel und kreischte, kaum mehr als ein zischender, kochender Pesthauch in einem glänzenden schwarzen Anzug.

Und dann … nichts.

Gale sank in auf die Knie, rang nach Luft zwischen den fauligen Ausdünstungen, die von ihm ausgingen, und dann … dann öffnete sie ihre die Augen und konnte nicht nur die Vögel singen und die Bienen fröhlich in den Blumenbeeten summen hören, sondern auch das Rumpeln des Schulbusses, der die Straße hinaufgefahren kam. Inzwischen hatte sich auch der Gestank von Mr. Mumblety-Peg verzogen, und sie roch nur noch den süßen Duft von blühenden Sommerblumen. Und es war alles nur ein Traum, sagte eine Stimme in ihrem Kopf, aber mit nach einem Blick auf die drei blutenden Striemen an ihrem Arm wusste sie, dass es kein Traum gewesen war. Keuchend und verwirrt räumte sie schnell das Wohnzimmer auf, stellte alles an seinen Platz, so wie sie es immer tat. Die Überreste Kangs waren verschwunden. Nichts war zerbrochen. Alles war so, wie es sein sollte. Sie eilte ins Badezimmer, wickelte einen Verband um ihren Arm, und dann hob sie den zerbrochenen Besen auf und stellte sich in die Tür, um auf den Bus zu warten.

Die Welt war wieder so, wie sie immer gewesen war.

Beinahe so, als wäre das alles nicht passiert.

Die Kinder kamen den Gehweg heruntergerannt, und Gale winkte dem Busfahrer zu. Caden warf einen Blick auf den Besen, den sie in der Hand hielt, einen Blick zu und sagte: »Toller Besen, Mom. Dad sollte dir wohl besser einen neuen besorgen.« Cassidy, die weitaus LAUTERE der beiden Zwillinge, rief: »WAS HAST DU HEUTE SO GEMACHT, MAMA?«

Gale lächelte. »Ich habe Schmutz rausgekehrt.«

»DIESER MIESE EKELHAFTE SCHMUTZ!«, sagte Cassidy.

Dann nahm Gale die beiden in die Arme, drückte sie an sich und spürte die Macht, welche die Liebe und die reine Unschuld der beiden ihr verliehen. Eines Tages würde es wieder Schmutz durch diese Tür hereinwehen, und sie würde bereit sein, es mit ihm aufzunehmen, mit dem Besen in der Hand.

 

 

Deutsch von Peter Mehler


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© 2016 by Tim Curran
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Titel der Originalausgabe: »Mr. Mumblety-Peg«. All rights reserved.
Cover & Übersetzung © 2016 by Luzifer Verlag
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Tim Curran

Tim Curran lebt in Michigan und ist Autor der Romane SKIN MEDICINE, BLACKOUT, KOPFJÄGER und SKULL MOON. Seine Kurzgeschichten sind in Zeitschriften wie City Slab, Flesh&Blood, Book of Dark Wisdom und Inhuman sowie Anthologien wie FLESH FEAST, SHIVERS IV, HIGH SEAS CTHULHU und VILE THINGS erschienen.

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