Kurzgeschichte: Das Tourbillon von Henning Mützlitz

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FICTION

Das Tourbillon (Henning Mützlitz)


Henning Mützlitz
28.11.2016

Im Steampunk spielt die Begeisterung für mechanische Kunstwerke, vor allem Uhrwerke und Automaten aller Art, eine wichtige Rolle. Genau diese Idee greift Henning Mützlitz in seiner Geschichte ›Das Tourbillon‹, die in der von Christian Vogt herausgeben Anthologie ›Eis und Dampf‹ erschienen ist, auf: Das raffinierte, hochpräzise Uhrwerk, das der berühmte Uhrmacher Bragot zum Geburtstag der badischen Großherzogin konstruiert, wird jedoch zu einem finsteren Zweck missbraucht, der den Lauf der Geschichte verändern könnte …

Henning Mützlitz ist Journalist, Sachbuchautor und hat zwei Romane für die erfolgreichste deutsche Rollenspiele-Serie ›Das schwarze Auge‹ verfasst.


***

Die Residenzstadt Schwetzingen war in Aufruhr. Seit Wochen liefen die Vorbereitungen für die Geburtstagsfeierlichkeiten der Großherzogin. Jetzt, wo der große Tag gekommen war, beherrschten Blumenschmuck und Fahnen die Straßen der Altstadt, vornehmlich in Purpur gehalten, der Lieblingsfarbe von Elisabeþ von Baden. Eine Militärparade, eine Volksbelustigung auf dem Platz vor dem großherzöglichen Schloss sowie Speis und Trank für jedermann in eigens errichteten Zelten verwandelten die Stadt in einen riesigen Festsaal.

Die größte Attraktion der Festivitäten bildete jedoch traditionell der Ball zu Ehren der Großherzogin, zu dem ihr Gatte die Crème de la Crème des Fürstentums geladen hatte. Wer etwas auf sich hielt, ließ es sich nicht nehmen, an der Veranstaltung teilzunehmen, der allenfalls die kaiserlichen Feste in Frankfurt das Wasser reichen konnten. Das Feuerwerk zum Ende des Ehrentages kurz vor Mitternacht war dagegen unzweifelhaft das Spektakulärste, was man in dieser Art auf reichsdeutschem Boden bewundern durfte.

Zuvor allerdings überreichte der Großherzog traditionellerweise seiner Gattin sein persönliches Geschenk – wie in diesem Rahmen kaum anders zu erwarten, ließ er sich auch dabei keineswegs lumpen. In diesem Jahr hatte der großherzogliche Hofuhrmacher Jean-Jacques Bragot den Auftrag erhalten, ein ganz besonderes Kleinod für Elisabeþ zu fertigen. Einzige Bedingung Großherzog Ludwigs war gewesen, einen mechanischen Zeitmesser zu erschaffen, den es in dieser Form noch niemals gegeben hatte. Bragot galt als einer der besten Uhrmacher seiner Zeit und Großmeister der Komplikationen, den Zusatzanzeigen zur normalen Uhrzeit. Einen solchen Auftrag in nur drei Monaten verlässlich durchzuführen, brachte aber auch den bald siebzig Jahre zählenden Franzosen an seine Grenzen. Erst am Abend des großen Tages war er endgültig mit dem Meisterstück fertig geworden – und so zufrieden mit dem Ergebnis, dass er es bedenkenlos in die Hände seines Fürsten legen konnte.

Dennoch war der alte Uhrmachermeister selten derartig aufgeregt gewesen.

»Mon dieu! Mon dieu! Wir sind fast zu spät! Zu spät! Ein Bragot liefert niemals zu spät!«

James Warner, seit Jahren Geschäftsführer der Uhrenmanufaktur des berühmtesten Uhrmachers in Großbaden, lächelte. »Keine Sorge, Maestro. Wir werden nicht zu spät liefern. Das ist in zwanzig Jahren kein einziges Mal geschehen und wird auch heute nicht so sein.«

»Ihr Wort in Gottes Ohr, Warner!«, erwiderte Jean-Jacques Bragot und schob seine Uhrmacherlupe nach oben, die wie ein drittes Auge auf seiner Stirn prangte. »Das Fest hat bereits begonnen!« Langsam senkte er das Kleinod in die dafür vorgesehene Mulde im Inneren des Kästchens. Mit einem weichen Tuch säuberte er noch einmal das Saphirglas, obwohl er dies schon ein halbes Dutzend Mal getan hatte. Ein Mechanismus aus Edelstahlzahnrädern verschloss das Behältnis. Das abschließende Klicken verriet, dass alle Verriegelungen ordnungsgemäß eingerastet waren. Ohne den passenden Schlüssel ging nun nichts mehr.

»Ich bin mir sicher, es wird geraume Zeit dauern, bis der Großherzog alle Gäste begrüßt hat, Maestro«, versicherte Warner, während er den Uhrmacher beobachtete. »Man sagt, dass sogar Vertreter vom kaiserlichen Hofe ihre Aufwartung machen, daneben Fürsten oder deren Abgesandte aus halb Europa. Frau Benz ist zu Gast, ebenso einige Erben der Magnaten von Æsta, wie man hört.«

»Das ist mir einerlei«, gab Bragot unwirsch zurück. »Wenn die Großherzogin Geburtstag hat und man einen Bragot damit beauftragt, das Präsent des Gatten anzufertigen, interessiert es einen Bragot lediglich, dass es funktioniert und pünktlich übergeben wird. Was tangiert es einen Bragot da, wer dem Großherzog die Speisekammern leer frisst?«

»Well, es interessiert Sie aber sicher, wer alles Kenntnis von Ihrem neuen Meisterwerk erlangen wird, nehme ich an?« Warner amüsierte sich im Stillen über den unwirschen Uhrmachermeister, der sich stets bescheiden und zurückhaltend gab, tatsächlich aber eitel wie ein Pfau war. »Sie wissen doch genau, dass im ganzen Reich über Ihre neue Kreation gesprochen werden wird. Das ist es doch, was Sie beabsichtigen?«

»Kann sein«, murmelte Bragot und betrachtete erneut das Behältnis, in dem sein Meisterwerk nun sicher verschlossen war. Er schlug den Behälter vorsichtig in ein Tuch aus weinrotem Samt ein, das mit dem Emblem der Manufaktur versehen war. Nach einem prüfenden Blick reichte er es Warner. »Na gut, jetzt kann man ohnehin nichts mehr daran ändern. Warner, bringen Sie dem Großherzog seine Bestellung, richten Sie die besten Grüße eines Bragot aus und entschuldigen Sie noch einmal die knappe Zustellung. Und noch etwas: Sie seien daran erinnert, das Uhrwerk unter keinen Umständen vorher aufzuziehen, auch nicht zu Zwecken der Demonstration. Ein Bragot persönlich hat sich seiner Funktionsfähigkeit mehrmals versichert, Monsieur, es dürfte nichts schiefgehen. Sollte dem Großherzog das Vergnügen genommen werden, das Tourbillon von eigener Hand zum Leben zu erwecken, sind die Tage eines Bragot als Hofuhrmacher gezählt.«

»Natürlich, Maestro«, entgegnete Warner nickend. Nie im Leben würde er auf die Idee kommen, an dem hochdiffizilen Gebilde herumzupfuschen, das sich im Inneren des Kästchens befand. Er hatte es bereits in Funktion betrachten können, und selten war er so beeindruckt gewesen. Es handelte sich zweifellos um die bisherige Krönung im Schaffen des Uhrmachers, das konnte selbst er mit seinen keineswegs meisterlichen uhrmacherischen Kenntnissen feststellen. Nicht zuletzt deshalb hatte es eine große Ehre für Warner bedeutet, dem Uhrwerk ad finis noch einige Tropfen des sündhaft teuren Spezialöls aus eigener Fertigung beimengen zu dürfen. Dieses würde die Abnutzung für die nächsten Jahre auf ein Minimum reduzieren, dessen war zumindest Bragot sich sicher.

»Berichten Sie einem Bragot alles, Warner, merken Sie sich jedes Detail, vor allem, wie die Großherzogin reagiert«, unterbrach Bragots Stimme seine Gedanken.

»Of course, Maestro.«

»Dann alléz, Monsieur! Der Großherzog ist ein ungeduldiger Mann.«

»Bei uns auf der Insel gibt es ein Sprichwort: Zu hastig und zu träge kommt man gleichermaßen zu spät! Aber keine Sorge, Maestro: Es wird alles zu Ihrer Zufriedenheit verlaufen«, gab Warner zurück und verließ die Uhrmacherwerkstatt. Im Vorraum kleidete er sich mit Mantel, Zylinder und Gehstock, bevor er das Atelier von Bragot verließ. Er wusste nicht, warum, aber so etwas wie Wehmut schlich sich in seine Gedanken.

Auf der Straße wartet bereits die Motorkutsche des Uhrmachers mit laufendem Aggregat. Es handelte sich dabei um eines der neuen geschlossenen Modelle der Benz-Motorenwerke aus dem nahen Mannheim. Bislang waren davon nur ein Dutzend Exemplare gefertigt worden, und der Großherzog hatte seinem Hofuhrmacher eines der beeindruckenden Fahrzeuge aus Dankbarkeit für seine jahrelangen Dienste geschenkt. Sie kosteten ein Vermögen, und der neuartige Verbrennungsmotor galt trotz seiner äußerst geringen Reichweite als Krone der modernen industriellen Fertigung. Dass die Benz zudem über eine Gasheizung verfügte, schien Warner der größte Vorteil dieser neuartigen Konstruktion zu sein, die mit Lärm und Abgasen mehr als jedes andere Fahrzeug die Ruhe der Bewohner Groß-Schwetzingens störte.

»Zum Schloss, man erwartet uns bereits. Wir sollten uns also beeilen«, sagte Warner, als er eingestiegen war und das Wurzelholzkästchen vorsichtig neben sich drapiert hatte.

»Ich weiß«, bestätigte der Fahrer und zog am Gashebel, der das Gefährt in Bewegung versetzte. Sechs Verbrennungszylinder gaben die Kraft an ein stufenloses Getriebe weiter, so dass die Benz auf wahnwitzige siebzig Stundenkilometer beschleunigt werden konnte. Nach nicht einmal zwei Minuten hatte die Motorkutsche ihre Höchstgeschwindigkeit erreicht und jagte lautstark über den Asphalt, vorbei an den Werkstätten und Bürgerhäusern in Ketsch, dem Schwetzinger Vorort der Edel- und Luxushandwerker.

In einiger Entfernung waren bereits die Türme des Schlosses zu sehen, zu Ehren der Großherzogin in Purpur erleuchtet. Auch die weithin sichtbaren Asen-Statuen wurden in der gleichen Farbe illuminiert.

Warner betrachtete das Farbenspiel, verlor sich aber in Gedanken, während sie sich dem Schlossgarten von Westen her näherten. Eine Lieferung dieser Art war alles andere als Routine, aber der Ænglænder hatte die Chaussee schon zu oft befahren, als dass ihn der Anblick überwältigen würde, wie es gemeinhin bei den Besuchern der Residenzstadt der Fall war. Statt an den Park oder das Tourbillon zu denken, entstanden in seinem Geiste schemenhafte Bilder von Veränderungen, die sich bald in seinem Leben ergeben würden. Bilder aus einer anderen Zeit, die Vergangenheit und Zukunft zusammenführten, Erinnerungen und Träume wechselten sich ab, zu vage, als dass Warner ermessen konnte, was davon Wirklichkeit sein würde.

Nach einigen Minuten blockierte der Fahrer die Gaszufuhr, und das Gefährt wurde langsamer – und vor allem leiser. In Schrittgeschwindigkeit rollte es auf das große schmiedeeiserne Tor zu, an dem die großherzogliche Garde Stellung bezogen hatte. Einer der Musketiere, die zu Ehren des Geburtstags von Elisabeþ in Prachtuniform angetreten waren, bedeutete dem Fahrer, die Benz auf einem gekennzeichneten Stellplatz zu parken.

Der Großherzog duldete innerhalb des Schlossgartens keinerlei Erzeugnisse der industrialisierten Welt. Im Gegensatz zu seinem Herrschaftsbereich, der vor allem durch die Industriekonglomerate in Karlsruhe und Groß-Mannheim zu Wohlstand gelangt war, hatte er sich mit seinen Residenzen Rückzugsorte geschaffen, die der romantisierenden Verklärung der vorindustriellen Vergangenheit entsprachen anstatt dem zeitgemäßen Refugium eines deutschen Fürsten. Nicht nur Warner schob dies auf den allseits bekannten Opiumkonsum von Ludwig II. Trotz der bedeutenden Stellung Badens im Kaiserreich wurde der Großherzog von anderen Potentaten eher belächelt. Die Regierungsgeschäfte lagen schon lange in der Hand von Wilhelm Rivalier von Meißenburg, einem alten Hardliner, der den Feinden des Großherzogtums mit stählerner Stirn begegnete.

Am Tor stoppte die Benz, und Bragots Fahrer öffnete die Tür. Wenige Schritte und eine Leibesvisitation später fand sich der Geschäftsführer des Uhrmachers auf der anderen Seite des Tors wieder. Eine Kutsche mit zwei Rappen, deren Atem in der Luft rasch schwindende Wolken bildete, wartete auf ihn. Das Gefährt schien einem Museum zu entspringen: goldene Speichen, eine Kabine, deren Schwarz selbst die abendliche Düsternis aufzusaugen schien, und Applikationen, die mit ihrer verwirrenden Ornamentik eigentlich nur den Träumen eines von Drogen berauschten Geistes entspringen konnten, dachte Warner. Ein Mann in der Livrée eines hohen herzoglichen Bediensteten erwartete den Ænglænder.

Lächelnd streckte Warner die behandschuhte Hand aus.

»Camerlengo! Es ist eine Weile her!«

»Ich grüße Sie, Herr Warner. Bitte steigen Sie ein, wir haben wenig Zeit.«

»Gewiss, Sir.«

Die Männer bestiegen die Kutsche und setzten sich. Die Kabine bot weit weniger Platz, als es von außen den Anschein machte. Warner musste die Beine einziehen und saß dem Camerlengo in recht unbequemer Haltung gegenüber.

Form should follow function instead, dachte der Ænglander, als sich das Gefährt in Bewegung setzte. Bis an den Rand des Odinsweihers war die Kabine mit unbehaglichem Schweigen erfüllt, die Warner jedoch nicht zu durchbrechen trachtete. Ihm stand der Sinn nicht nach Smalltalk, und der Camerlengo beschränkte seine Konversation traditionell auf das Notwendigste. Sein Interesse, eine unverhohlene Neugier, die sich auf den Edelholzbehälter in den Händen Warners richtete, wollte aber so gar nicht zu dem sonst so korrekten Lakaien des Großherzogs passen.

Durch das Kabinenfenster konnte Warner die beleuchteten Minarette der Gartenmoschee ausmachen, die den strengen nordischen und den gedankenverlorenen hellenischen Aspekten des Schlossgartens eine verspielte orientalische Note hinzufügten. Der Großherzog hatte sich hier sein ganz eigenes Märchenland geschaffen, in welchem Edda, Æneis und Koran eine Koexistenz zum Wohlgefallen des badischen Fürsten eingegangen waren.

Wenige Augenblicke später gab der Camerlengo seiner Neugier nach.

»Darf ich es sehen?«, fragte er, als die Kutsche auf das Mittelparterre des Schlossgartens einbog.

»Excuse me?«

»Das Tourbillon«, entgegnete er und deutete auf das Kästchen. »Schließlich müssen wir sichergehen, dass es sich tatsächlich darin befindet.«

»Der Maestro würde Ihr Misstrauen als Beleidigung auffassen«, gab Warner zurück. »Aber ich bin da nicht so empfindlich. Hier, bitte!« Er entfernte den Samteinschlag und offenbarte den Wurzelholzbehälter von etwa einer Elle Länge. »Manchmal macht man sich kaum eine Vorstellung davon, welch ungeheuren Wert man in die winzigen Dimensionen zu pressen vermag. Davon könnte man sich mancherorts ein schönes Häuschen leisten«, erklärte er, während er die silbernen Verschlüsse betätigte und das Schloss öffnete.

Im Inneren legte er ein weiteres Samttuch beiseite, bevor es seinen Inhalt preisgab. Er zog sich einen Handschuh über und holte das Kleinod hervor.

»I proudly present: das Tourbillon Histoire Mystique«, sagte er feierlich.

»Donner und Wetter!«, entfuhr es dem Camerlengo. Ihm war die Ehrfurcht anzumerken, als er das kaum eine Handfläche große und doch hochkomplizierte Erzeugnis der Haute Horlogerie, der Hohen Uhrmacherei, betrachtete. »Diese Farbe … das ist doch kein gewöhnliches Gold?«, fragte er nach einer Weile.

Warner lachte. »Sir, Ihnen sollte bekannt sein, dass an nichts, was Meister Bragot fertigt, gewöhnliche Maßstäbe angelegt werden können. Aber Sie haben schon richtig bemerkt, es handelt sich beim Gehäusematerial keineswegs um normales Roségold, wie es andere Manufakturen gerne verwenden. Nein, das Tourbillon besteht aus einer Legierung, die der Meister Æstagold getauft hat. Die Beimengung an Palladium sowie das anschließende Schockfrosten im Eis der wandelnden Stadt erschaffen erst diese Farbe, die mit nichts anderem vergleichbar ist. Geboren in Blut, Eis und Tränen.«

»Beeindruckend. Können Sie mir sagen, was diese Uhr alles anzuzeigen vermag? Ich erkenne nur den Stunden und Minutenzeiger … da unten das wird wohl die Sekunde sein – aber der Rest?«

»Meister Bragot wäre sicher angetan von Ihrem Interesse«, sagte Warner. »Sie wissen aber, dass nur der Großherzog allein die Uhr in Betrieb nehmen darf, weshalb sie hier gewissermaßen mit einem in Totenstarre versetzten Uhrwerk Vorlieb nehmen müssen. Ich will versuchen, es auch Ihnen als Laien verständlich zu machen. Gebrauchen Sie einfach Ihre Phantasie.« Warner räusperte sich, als wolle er eine Gesangsdarbietung zum Besten geben. »Neben der allfälligen Anzeige der Uhrzeit mittels dreier Zeiger können Sie hier oben – bei der ›11‹ – die Äquationsanzeige, das heißt also die Sonnenauf- und -untergangszeiten ablesen, geregelt auf nicht weniger als neunundneunzig Jahre. Daneben verfügt die Uhr über eine doppelte, vollplastische Mondphase bei der ›3‹ und der ›9‹ – präzise angezeigt für den ebensolchen Zeitraum. Die Mondkugeln bestehen aus teilweise geschwärztem Platin – einzigartig in der Uhrmacherei.«

»Faszinierend. Und was ist das dort unten?« Der Camerlengo deutete auf einen Käfig, der scheinbar im freien Raum zwischen der Ziffer Sechs und der Mitte des Zifferblattes zu schweben schien. Eine Vielzahl an Zahnrädern war dort zu erkennen, deren Funktion nicht eindeutig zuzuordnen war.

»Are you serious?« Warner schien beleidigt ob dieser Nachfrage zu sein, die selbst für einen Laien an Kurzsichtigkeit kaum zu überbieten war.

»Nun ja, könnte das … das ist dann wohl das Tourbillon ...«, murmelte der Camerlengo kleinlaut.

»Natürlich ist es das!«, gab Warner barsch zurück. »Prunkstück dieser Uhr, die sicherlich spektakulärste Komplikation, die Meister Bragot je entworfen hat!« Er machte eine Pause und beobachtete sein Gegenüber. »Sie wissen doch, was ein Tourbillon überhaupt ist, mein Herr?«

»Die … Krone der Uhrmacherkunst?«

»Ja, natürlich, aber wozu ein solches dient, meine ich.«

Der Mann zuckte mit den Schultern.

Warner seufzte. »Eine Taschenuhr wird normalerweise wo getragen, Sir?«

»In … der Tasche?«, gab der Camerlengo vorsichtig zurück. Offenbar war er nicht ganz sicher, ob es sich um eine Fangfrage handelte.

»Exactly, und da man sie gemeinhin dort trägt, befindet sie sich stets in der gleichen Position, das heißt, in der Vertikalen. Trägt man das Schmuckstück lange genug mit sich herum, sorgt die Gravitationskraft dafür, dass auch das präziseste Uhrwerk irgendwann ungenau geht. Die Schwerkraft beeinflusst die Hemmung derart, dass es bald vorbei ist mit Chronometerzertifikaten und sekundengenauer Anzeige. Können Sie mir so weit folgen?«

»Ich denke schon.«

»Gut. Das Tourbillon verfrachtet die Hemmung, also Anker und Unruhspirale, in einen Käfig, der sich im Raum um sich selbst dreht, um durch die ständige Lageveränderung von allen Seiten gleichmäßig der Erdanziehungskraft ausgeliefert zu sein, was letztlich ihre Ganggenauigkeit erhält. Ist die Fertigung dessen schon eine schwer zu erlernende Kunst, die nur wenige Uhrmacher beherrschen, verfügt das Tourbillon Histoire Mystique über eine ganz besondere Eigenschaft: Sie werden nicht erkennen, wie der Tourbillonkäfig überhaupt mit dem Räderwerk der Uhr verbunden ist, um die Kräfte, die auf dieses einwirken, zu zähmen. Dass es dies dennoch tut, erkennen Sie am Schwingen der Spirale – wenn wir denn die Uhr aufziehen würden. Das Tourbillon schwebt somit gewissermaßen im Raum, als sei es lediglich schmückendes Addendum Dutzender Zahnräder in ihrem verwegenen Spiel, losgelöst von unserer Zeit und Sphäre.«

»Wie ist das möglich?«

»Well, das ist das Geheimnis von Maestro Bragot. Nur er beherrscht diese Technik, die weltweit einzigartig ist. Ich schätze, deshalb hat Ihr Großherzog einen solchen Narren an ihm gefressen.«

»Ich verstehe allmählich, was die Menschen so an diesen mechanischen Kunstwerken fasziniert«, sagte der Camerlengo.

»Wenn es Sie einmal gefangen hat, lässt es Sie nie wieder los, you know«, erwiderte Warner lächelnd. Die Kutsche verlangsamte die Geschwindigkeit, und er packte das Schmuckstück wieder in das Kästchen.

»Wir sind da«, sagte der Camerlengo, der einen Blick durch den Vorhang geworfen hatte. Sie passierten soeben den Brunnen. Die Flügel des Schlosses nahmen das Blickfeld zu beiden Seiten ein, und das flackernde Licht Dutzender Fackeln tauchte den Vorplatz in eine ganz besondere Atmosphäre. James Warner fühlte sich in der Zeit zurückversetzt, als er über die Stufen aus dem Kutschenhaus herausstieg und auf den Kies trat. Zurück in eine archaische Epoche, als Feinmechanik und Maschinen, Kessel und Dampf, Stahl und Industrie nichts weiter waren als eine Utopie.

Die Ehrenwachen, die das Mittelschiff des Schlosses bewachten, trugen mit ihren prunkvollen Hellebarden, den Morionen und ihren gestreiften Gewändern über den Harnischen ihr Übriges dazu bei.

Entspringt das der Phantasie des Herzogs, oder erhaschen meine Augen hier tatsächlich den Glanz einer fernen Vergangenheit?, fragte sich Warner, während er hinter dem Camerlengo auf das Gebäude zu schritt. Der Ængländer liebte die Errungenschaften der modernen Zeit und machte sie sich gerne zu Eigen, doch hatte er sich schon oft in vergangene Jahrhunderte geträumt, in die Epoche der Vikingar oder der Renascentia, als das Leben vermeintlich einfacher gewesen war.

Die Männer passierten das Tor, und betraten den Durchgang, bestiegen die breite Treppe hinauf in die repräsentativen Räumlichkeiten des Schlosses. Uniformen und Wappen verschiedener reichsdeutscher und badischer Adelshäuser begegneten den Augen des Ænglanders. Grimmig dreinschauende Offiziere, vereinzelt mit künstlichen Gliedmaßen, sowie wie Porzellanfiguren geschminkte Edeldamen würdigten den Geschäftsführer keines Blickes. Warner unterdrückte den aufwallenden Ärger über die Arroganz der Aristokraten.

»Warten Sie kurz«, sagte der Camerlengo und ließ ihn in einem Seitengang kurz vor dem Ballsaal mit einem Pagen allein. Während der junge Mann angestrengt an ihm vorbeistierte, versuchte der Ænglander einen Blick in den Saal zu erhaschen, konnte aber nur ein unentwirrbares Gemenge von Hüten und Köpfen, unterlegt mit der monotonen Melodie des Gemurmels aus hunderten Mündern wahrnehmen.

Kurz darauf kehrte der Kammerherr der Großherzogs auch schon zurück. »Vierhunderttausend Goldmark. Wie vereinbart bei Übergabe zahlbar«, sagte er. »Wenn Sie mir den Erhalt hier quittieren mögen.« Er wedelte mit einem Blatt Papier.

»Of course«, sagte Warner lächelnd. »Es ist ja mittlerweile eine liebgewonnene Formalität«, fügte er hinzu, während er seine Signatur unter die Summe setzte. »Aber nun müssen Sie mich entschuldigen. Wie ich bereits sagte: Der Maestro ertrinkt in Arbeit, so dass ich ihm lieber zur Hand gehe, als auf die Übergabe an die Herzogin zu warten.«

»Schade, sehr schade! Der Großherzog hätte Ihnen sicherlich das ein oder andere lobende Wort an Meister Bragot mit auf den Weg gegeben. Und auch Ihnen sei gedankt. Für die pünktliche Lieferung und die Erläuterung des kleinen Wunderwerks.«

»My pleasure«, erwiderte Warner. »Das Lob wird der Großherzog sicher nachholen. Es würde mich wundern, wenn er und seine Gattin nicht auf das Äußerste begeistert wären. Das war bislang stets der Fall und wird in Anbetracht der Einzigartigkeit des Tourbillon Histoire Mystique auch dieses Mal so sein.«

»Dessen bin ich mir sicher«, sagte der Camerlengo mit einem Lächeln. »Ich werde das Schmuckstück unverzüglich dem Großherzog übergeben und bin überaus gespannt, das Tourbillon in Aktion zu erleben. Ich entbiete in seinem Namen einen Gruß an Meister Bragot und wünsche Ihnen einen guten Heimweg.«

»Ich danke Ihnen, den werde ich sicher haben – auch wenn es etwas länger dauern wird«, sagte Warner zum Abschied.

Begleitet von einem Lakaien wurde er hinuntergeführt. Er verließ das Schloss auf dem Weg, den er gekommen war, und warf noch einen Blick auf die Fassade, deren roséfarbener Putz der Nacht trotz ihrer eisigen Temperatur eine gewisse Wärme verlieh.

Keiner der Hellebardiere nahm davon Notiz, dass ein Lächeln seine Lippen umspielte.

Der Geschäftsführer des Meisteruhrmachers nahm in die Kutsche Platz, die sich kurz darauf in Bewegung setzte.

Wenige Minuten später hatten sie das Westtor des Schlossparks erreicht. Warner bedankte sich bei dem Kutscher und wurde von den Torwachen hinausbegleitet. Der Fahrer von Bragots Motorkutsche öffnete ihm die Tür zur Passagierkabine und nickte ihm zu.

»Hat alles geklappt?«, fragte er.

»Yes, as expected«, antwortete Warner. »Nun aber schnell zurück zum Maestro.«

»Wie Sie wünschen«, sagte der Fahrer und startete den Motor.

***

Die Motorkutsche war gerade auf die Chaussee in Richtung Osten eingebogen, als Warner die Detonation vernahm.

»Was zur …?«, hörte er den Fahrer schreien, und das Gefährt kam nach einer Vollbremsung zum Stehen.

Ebenso wie sein Begleiter sprang Warner aus dem Wagen und warf einen Blick gen Schloss. Ein Feuerball war über der Residenz in die Höhe gestiegen und löste sich langsam auf. Von den Türmen des Herrschaftssitzes waren die Dächer abgerissen worden. Ein schwelender Krater erstreckte sich im Dach des Hauptgebäudes, dort, wo sich der Ballsaal befand.

»Was ist da nur geschehen?«, fragte der Fahrer, der eine Weile mit offenem Mund dagestanden hatte.

»Etwas, das Dinge in Bewegung bringen, sie wieder ins rechte Lot rücken wird«, entgegnete Warner, so als hatten sie nichts weiter erblickt als eine alltägliche Begebenheit.

Irritiert blickte ihn der Mann an. »Wie meinen? Aber ...«

Ein Kopfschuss beendete die Verwirrung.

Als sich der Pulverdampf verzog, steckte Warner die kurzläufige Pistole wieder in die Tasche. Er nahm den Platz des Fahrers ein und startete den Motor. Bevor er losfuhr, küsste er das stählerne Symbol, das er an einer Kette um seinen Hals trug.

Seine Zukunft lag in der Vergangenheit.

Die eisigen Felder seiner Heimat Ængland würden ihren verlorenen Sohn willkommen heißen, als sei er niemals fort gewesen. Er kehrte zurück, die Taschen voller badischer Goldmark. London wartete, um ihn als Helden zu begrüßen. London wartete und würde seinen Verdienst vervielfachen. Eine Hérað und ein Sitz im House of Lords waren das Mindeste, was James Barðolomew Warner zustand.

Auf ihn wartete eine goldene Zukunft.

Was er hinterließ, war Chaos.


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© 2014 by Henning Mützlitz
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung unter dem Titel ›Das Tourbillon‹ in Eis und Dampf. Eine Steampunk-Anthologie von Christian Vogt (Hrsg.),
Verlag Feder & Schwert, 2014

Alle Rechte vorbehalten

Autor Henning Mützlitz

Henning Mützlitz, geboren 1980 in Hofheim am Taunus, studierte Politikwissenschaft in Marburg und absolvierte anschließend ein Volontariat in einer Zeitschriftenredaktion. Seit der Kindheit wandert er durch phantastische Welten jedweder Art – was ihn schließlich dazu führte, seine eigenen zu erschaffen.

In der Romanreihe zum Fantasy-Rollenspiel Das Schwarze Auge veröffentlichte er die Romane Das Zepter der Horas (2008), Hundstage (2010) und Der Ring des Namenlosen (2013). Mit Wächter der letzten Pforte (3. Platz Deutscher Phantastik Preis 2015) folgte ein weiterer High-Fantasy-Roman, in dessen Welt auch die in diesem Jahr erschienene Geschichtensammlung Wächter-Chroniken angesiedelt ist. Neben der Herausgeberschaft steuerte er eine Novelle und eine Kurzgeschichte dazu bei. Bei Emons erschienen mit Im Schatten der Hanse (2015) und Lübecker Rache (Oktober 2016) zudem zwei historische Romane aus seiner Feder.

Henning Mützlitz lebt in Herzogenaurach bei Nürnberg.

 

Webseite: www.henning-muetzlitz.de

Facebook: www.facebook.com/Henning.Muetzlitz

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