Drei Briefe von der Königin der Elfen

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FICTION

Drei Briefe von der Königin der Elfen (Sarah Monette)



Ein unschuldiges junges Mädchen. Eine Elfenkönigin. Drei geheimnisvolle Briefe. Und die Sehnsucht nach dem Anderen, Phantastischen.

2002 veröffentlichte Sarah Monette erstmals die wunderschöne, nachdenkliche Kurzgeschichte ›Drei Briefe von der Königin der Elfen‹ (›Three Letters from the Queen of Elfland‹), für die sie 2003 den Gaylactic Spectrum Award in der Kategorie »Best Short Fiction« erhielt. Unter dem Pseudonym Katherine Addison hat sie den preisgekrönten High-Fantasy-Roman ›Der Winterkaiser‹ veröffentlicht.

 

 

Es war kein Zufall, dass Philip Osbourne auf die Briefe stieß.

Seit der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes machte er sich zunehmend Sorgen um Violet. Wenn sie des Abends zusammensaßen und er sie ansah, ging ihr Blick oft ins Leere, und ihre Hände verharrten untätig über den Stickarbeiten. Fragte er sie dann, woran sie gerade dachte, antwortete sie stets lächelnd: »An nichts.« Es war dasselbe bezaubernde Lächeln, in das er sich damals verliebt hatte, doch er wusste, dass sie ihn belog. Das Gespräch bei ihren Abendgesellschaften, das früher stets wie ein mit Kristallen verzierter Lüster geglänzt und gefunkelt hatte, wurde nunmehr von schweren, unbehaglichen Pausen unterbrochen. Wandte er sich dann ihr zu, war Violets Blick auf die Spiegelungen der Lichter in den Fenstern gerichtet, und auf ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der ihm Angst machte, weil er ihm fremd war.

In der unendlichen Fülle seiner Liebe für Violet hatte er geglaubt, jede ihrer Stimmungen, jeden einzelnen ihrer Gedanken zu kennen; doch nun schien sie ihm zu entgleiten, und das Gefühl, sie entschwinde, davongetragen von einer unsichtbaren Strömung, jagte ihm Furcht und Zorn ein.

*** 

Der erste Brief:

Liebste Violetta,

ich habe mich Deinem Verbot gebeugt. Seit einem Jahr und einem Tag habe ich nicht mehr mit Dir gesprochen; mich Dir nicht mehr genähert; mich aus Deinen Träumen ferngehalten. Ich hoffe, dass Du Deine Meinung geändert hast. Mein Garten ist nicht mehr derselbe, seitdem Du nicht mehr zu mir kommst. Zwar blühen die Rosen, weil ich nicht zulasse, dass sie ihren Glanz verlieren; doch die Trauerweiden haben die Kirschbäume überwuchert, und statt Chrysanthemen und Löwenmäulchen blühen Tränende Herzen, Windröschen und Hortensien von tiefstem Indigoblau. Ich vermisse Dich, einzige, geliebte Violet. Komm zu mir zurück.

***

An jenem Nachmittag Ende Mai saß Violet Strachan an ihrem gewohnten Platz unter einer Eiche, und ein aus dem Ankleidezimmer ihrer Mutter entwendetes Kissen schützte ihren Rücken vor den harten Wurzeln des Baums. Sie schrieb gerade ein Gedicht, eine Beschäftigung, die ihre Mutter zutiefst missbilligte. Doch da Mrs. Strachan eine Abneigung gegen jede Art von Natur hatte, die unbändiger war als die Blumen in einem Gewächshaus, betrat sie den Garten so gut wie nie. Ihre beiden Töchter Violet und Marian verbrachten einen Gutteil ihrer Zeit in dem kleinen Hain unten am Bach.

Violet konnte später nie genau sagen, warum sie aufgeblickt hatte – ob nun aufgrund eines Geräuschs, einer Bewegung oder vielleicht wegen des zarten Wohlgeruchs des Heckenkirsche, der ihr sanft in der Nase kitzelte. Irgendetwas erregte ihre Aufmerksamkeit, brachte sie dazu, den Kopf zu heben; und da fiel ihr Blick auf eine Frau, die mit bloßen Füßen im Bach stand. Violet wusste sofort und ganz instinktiv, dass die Unbekannte keine Sterbliche war. Ihre Augen schimmerten in einem tiefen, klaren Blaugrün, das an Turmalin gemahnte; ihr seidiges Haar – raffiniert mit goldenen Blättern zurückgeflochten – fiel ihr in lockiger Fülle weit über den Rücken. Die Farbe ihres Haars entzog sich jeder Beschreibung. Wie die Farben der Nacht, schoss es Violet durch den Kopf, ohne dass sie hätte sagen können, woher dieser Gedanke so plötzlich gekommen war. Weder damals noch irgendwann später gelang es Violet, die übernatürliche Vollkommenheit dieses Antlitzes in Worte zu fassen.

Violet ließ das Notizbuch aus den Händen gleiten. Sie war sich bewusst, dass sie die Unbekannte anstarrte, konnte aber nichts dagegen tun. Die Frau bedachte sie mit einem kurzen, amüsierten Blick, dann watete sie anmutig durch den Bach und sagte: »Wie schön, dass unsere Gärten aneinander angrenzen.«

»Wie bitte?«

Die Unbekannte erklomm das Ufer; eine Brise spielte mit dem Saum ihres hauchzarten, silbergrauen Gewands, das im Nu trocknete. Dann sagte sie mit einem bezaubernden Lächeln: »Wir sind Nachbarn. Wie heißt du?«

Violet, die auf dem Anwesen aufgewachsen war, kannte sämtliche Nachbarsfamilien; diese Frau gehörte gewiss nicht zu ihnen. Dennoch konnte sie sich antworten hören: »Violet. Violet Strachan.«

»Violet«, sagte die Frau, als ließe sie sich jede einzelne Silbe auf der Zunge zergehen. »Was für ein liebreizender Name. Ebenso liebreizend wie du, mein kleines Veilchen.« Die turmalingrünen Augen blickten sie ernst und mit einem mutwilligen Funkeln an. Violet errötete.

»Wie …«, sie kam ins Stocken, dann warf sie jede Scheu ab und fuhr fort: »Wie nennt man Euch?«

Die Unbekannte lachte; und Violet hatte das Gefühl, als höre sie zum ersten Mal in ihrem Leben ein echtes Lachen, nicht nur dilettantische Versuche, in Büchern Aufgeschnapptes nachzuahmen. »Ich habe viele Namen«, sagte sie. »Mab, Titania … Such dir einen aus, der dir gut gefällt; oder überleg dir einen neuen.«

Die Worte der Unbekannten bestätigten, was Violet instinktiv gespürt hatte, und dennoch ergriff tiefer Schrecken Besitz von ihr. Während Violet den Blick weiterhin nicht von ihr abwenden konnte, trat die Königin der Elfenlande näher und fragte: »Darf ich mich zu dir setzen?«

»Ja, natürlich«, antwortete Violet und raffte hastig den Rock ihres Kleides zusammen. »Bitte, nehmt Platz.«

»Ich bin seit Jahrzehnten nicht mehr in deiner Welt lustgewandelt«, sagte die Königin und ließ sich mit schlichter Grazie neben Violet auf den Boden nieder. »Ich kann mich einfach nicht an diese Kleider gewöhnen.«

»Oh«, sagte Violet und zupfte verwirrt an den üppigen Falten ihres Rocks herum. »Doch nun seid Ihr hier.«

Die Königin lachte erneut. »Wie ich schon sagte: Wir sind Nachbarn.« Eine ihrer schmalen weißen Hände legte sich auf Violets Finger, die sich ob der Berührung sofort beruhigten. »Weißt du schon, Violet, wie du mich nennen willst?«

»Nein …«, sagte Violet und starrte auf die Hände, die sich auf dem dunkelblauem Stoff berührten. »Ich weiß nicht, welcher Name Euch gerecht würde.«

»Du verstehst es, Komplimente zu machen«, sagte die Königin. Sie klang erfreut, was Violets Verwirrung noch steigerte – sie hatte ihr nicht schmeicheln, lediglich die Wahrheit sagen wollen. »Ich könnte dir meinen richtigen Namen verraten, aber ihr Menschen könnt ihn ohnehin nicht verstehen. ›Mab‹ ist der bei Weitem einfachste Name, den ihr Sterblichen mir verliehen habt, und er entbehrt nicht einer gewissen Würde. Willst du mich so nennen?«

»Nein«, antwortete Violet, die gegen ihre wachsende Verlegenheit ankämpfte und gegen ein merkwürdiges Gefühl des Schwindels, als ströme perlender Champagner durch ihre Adern. »Nyx passt besser zu Euch.« Denn war die Schönheit der Königin nicht jene der Nacht?

Die Königin schwieg. Als Violet den Kopf hob, fand sie die wunderschönen Augen der Königin unter den perfekt geschwungenen Brauen auf sich gerichtet; ihre Pupillen waren schmal wie die einer Katze. »Mein liebliches Veilchen, du ahnst nicht, wie viel Wahrheit in deinen Worten liegt. Nun gut. Es wird mir eine Freude sein, von dir ›Nyx‹ gerufen zu werden.« Dann lächelte sie.

Violets Herz setzte einen Moment lang aus, bevor es in einem wilden Stakkato wieder zu schlagen begann. Sie konnte kaum mehr atmen, und die Welt schien zu klein und zu eng, um die Augen der Königin fassen zu können.

Nyx löste ihre Hand von Violets und berührte ihr kunstvoll hochgestecktes Haar. »Dein Haar ist wunderschön, Violetta. Aber warum befreist du es nicht von den vielen Nadeln mit ihren unbarmherzigen Mäulern?«

»Das ist unmöglich«, entgegnete Violet ohne nachzudenken – sie war so benommen, dass ihr erst bewusst wurde, was sie sagte, als sie ihre eigene Stimme hörte: »Mutter wäre außer sich vor Zorn.«

»Deine Mutter braucht nichts davon zu wissen«, erwiderte die Königin, und ihre Finger ruhten leicht wie Nachtfalter auf Violets Haar. »Glaub mir, wenn die Zeit gekommen ist, werde ich dafür sorgen, dass die grässlichen Drachen im Nu wieder an ihrem Platz sind.« Dann neigte sie sich vor, sodass Violet sich in den Duft der Heckenkirsche gehüllt fand, und flüsterte: »Und, traust du dich?«

Später fragte sich Violet, wie lange die Königin sie wohl bereits beobachtet haben mochte – Wochen? Monate? oder gar Jahre? -, bevor sie sich ihr gezeigt hatte. Ganz gewiss war es kein Zufall, dass sie Violets wunden Punkt kannte: jenen Satz, den Marian und sie seit ihrer Kindheit gebrauchten, um sich Mut und Stärke zuzusprechen und sich möglichst weit von der Idealvorstellung ihrer Mutter zu entfernen. Violet merkte erst, was ihre Hände taten, als sie sich bereits an der zweiten Haarnadel zu schaffen machten. Und dann gab es kein Zurück mehr – innerhalb kürzester Zeit lagen alle Nadeln fein säuberlich in einer Wurzelhöhle der Eiche, und die Königin kämmte Violets Locken zärtlich mit den Fingern.

»Wie schön dein Haar ist«, sagte sie und lehnte sich zurück. »Es hat die Farbe des Sonnenuntergangs, meine Blume. Ich kann sehen, wie sich das Zwielicht in deinen Locken bricht.«

Seit ihrer Kindheit hatte Violet ihr Haar tagsüber nicht mehr offen getragen. Es war ein eigenartiges, beunruhigendes Gefühl - doch der Champagner schien nunmehr bereits doppelt so kräftig durch ihre Adern zu perlen wie zuvor; und als eine leichte Brise mit der sonnenwarmen Fülle ihres Haars spielte, wäre sie fast in lautes Gelächter ausgebrochen.

»Jetzt«, sagte die Königin, »kann ich dich endlich richtig sehen. Erzähl mir von dir.«

Aus dem Munde der Elfenkönigin klang sogar diese einladende Bemerkung wie ein Befehl. Und schon erzählte Violet der Königin ihr gesamtes bisheriges Leben: vom geistesabwesenden, in seinen Büchern versunkenen Vater; von der ewig verdrossenen Mutter; von ihrer Schwester Marian, ihrer Freundin Edith und den unreifen Jungen, die ihnen den Hof machten; von ihrem, Violets, sehnlichstem Wunsch, Dichterin zu werden, ihren eigenen literarischen Salon zu führen und niemals zu heiraten, allenfalls aus Liebe. Die Königin hörte ihr zu, das Kinn auf die hochgezogenen Knie gestützt, die Augen gespannt auf Violets Gesicht gerichtet, und stellte nur gelegentlich eine Frage. Niemals zuvor, dachte Violet, hatte ihr irgendjemand mit solcher Aufmerksamkeit und Unbedingtheit zugehört.

Erst als Violet mit ihrer Erzählung geendet hatte und unter dem Blick der unnatürlich funkelnden Augen der Fremden schüchtern verstummt war, kam wieder Bewegung in die Königin. Sie setzte sich kerzengerade auf und befreite sanft eine Strähne von Violets Haar, die sich in der Rinde der Eiche verfangen hatte. Ohne diese loszulassen, fragte die Elfenkönigin: »Und du hast wirklich keinen Liebsten, Violet? Wie traurig das doch ist!«

»Die jungen Männer in meinem Bekanntenkreis langweilen mich.«

»Und Liebhaber dürfen niemals langweilig sein«, stimmte die Königin ihr zu. Dabei wand sie sich die Strähne, die sie noch immer in der Hand hielt, um den Finger, sorgfältig darauf bedacht, Violet nicht wehzutun. »Und was ist mit deiner Freundin Edith?«

»Edith? Aber Edith ist doch …« Ein Mädchen hatte sie fortfahren wollen, doch das wusste die Königin ja bereits. Unwillkürlich warf Violet einen Blick auf ihre Begleiterin und fand deren Augen mit geweiteten Pupillen auf sich gerichtet, wie bei einer Katze, die zum Sprung ansetzt. »Das geht doch nicht …«, flüsterte Violet fast unhörbar.

»Es ist gar nicht so schwer«, sagte die Königin und ließ die Haarsträhne los. Und strich Violet über die Wange. »Schließlich bist du wie gemacht für die Liebe, Violetta.« Sie schwiegen. Violet spürte, wie eine erschreckende, ungebührliche Hitze irgendwo tief in ihrem Inneren aufkeimte und ihr ins Gesicht stieg. Die Königin hob ihre perfekt geschwungenen Augenbrauen: »Langweile ich dich etwa?«

»Nein«, sagte Violet atemlos. »Ganz und gar nicht.« Woraufhin Nyx sich mit einem Lächeln vorbeugte und sie küsste.

***

Philip wartete auf einen Tag, an dem er Violet außer Haus wusste. Seit Jonathans Geburt ging sie an den Nachmittagen kaum mehr aus; dennoch war sich Philip sicher, dass sie sich der Bitte Edith Fairfields – ihrer Freundin aus Kindertagen, die seit der Geburt ihres Kindes schwer krank war - um einen Besuch nicht verweigern würde. Also verließ er das Büro um zwei Uhr mit einer flüchtigen Ausrede seinem Gehilfen gegenüber und begab sich nach Hause.

Er war es nicht gewöhnt, so früh am Tag zuhause zu sein, und die tiefe Ruhe beunruhigte ihn. Das Hausmädchen starrte ihn wie ein aufgescheuchtes Reh mit ängstlich aufgerissenen Augen an, als er die Eingangshalle betrat. Der Läufer auf der Treppe verschluckte jedes Geräusch seiner Schritte. Er war die Treppe bereits unzählige Male hinaufgestiegen, aber noch nie hatte er bemerkt, wie breit und hoch sie war, wie warm die Eichenholzvertäfelung schimmerte und wie seidenglatt sich das Geländer anfühlte.

Auf dem Treppenabsatz hielt er inne. Dort im Fenster stand eine breite Vase mit Rosen, deren große, sattgoldene Blütenkelche den Sonnenschein aufzusaugen schienen, um ihn mit dreifacher Kraft wieder abzugeben. Ihr Duft barg die Süße halbvergessener Kindheitssommer, und er betrachtete sie lange Zeit gedankenversunken, bevor er in den Flur zu Violets Schlafzimmer abbog.

Irgendetwas war anders. Von der Türschwelle ihres Schlafzimmers aus versuchte er herauszufinden, was sich verändert hatte und was noch war wie früher. Wie Violet selbst, wirkte auch ihr Zimmer kühl und distanziert auf ihn, und obwohl es noch früher Nachmittag war – er musste an die fackelgleichen Rosen denken – schienen Zwielicht und die kühle Schwermut der Dämmerung den Raum zu erfüllen.

Einen Augenblick lang zögerte er, wie ein Mann, der am Ufer eines dunklen und reißenden Flusses steht, dachte an Umkehr und daran, sich dem Strom des Schweigens, der Violets Zimmer erfüllte, nicht zu stellen. Denn in diesem einen Moment wurde er, ohne es in Worte fassen zu können, gewahr, dass das Ufer, an dem er stand, »Frieden« hieß.

Doch Violet hatte kein Recht dazu, ihm, ihrem liebenden Ehemann, etwas zu verheimlichen. Er atmete unwillkürlich tief durch und betrat das Zimmer, um mit seiner Suche zu beginnen.

***

Erst später begriff Violet, dass die Königin sie an jenem ersten Nachmittag am Bach tatsächlich mit einem Zauber belegt hatte. Doch da kannte sie die Elfenkönigin bereits so gut, wie es einer Sterblichen nur möglich war, und empfand ihr gegenüber keinen Zorn mehr. Die Königin war ihren Launen gefolgt, und der Zauber zwang Violet nicht dazu, gegen ihre Natur zu handeln; er befreite sie lediglich zeitweilig von ihren Hemmungen, ihrer Vorsicht und den Schuldgefühlen … Daher empfand sie bei der Berührung der Lippen der Königin auf ihren nackten Brüsten und ihrer kühlen Finger zwischen den Beinen nichts als reine Leidenschaft.

Erst als sie später im Dämmerlicht zum Haus hinauf hastete und betete, dass ihr Kleid richtig zugeknöpft war und keine Blätter mehr in ihren Haaren hingen, fragte sie sich, was nur in sie gefahren war und was ihre Mutter sagen würde, wenn sie auch nur einen Bruchteil dessen wüsste, was die Königin ihre Tochter an diesem Nachmittag gelehrt hatte. Als sie sich dann später zum Abendessen setzte, war ihr Gesicht schamrot. Glücklicherweise führte ihre Mutter das auf ein Übermaß an Sonne zurück und wies Violet einmal mehr mit scharfen Worten zurecht, dass eine Dame tunlichst auf ihren Teint zu achten habe. Violet ließ den mütterlichen Zorn mit gesenktem Kopf an sich abperlen, während in ihren Gedanken das kehlige Lachen der Königin widerhallte.

Vielleicht wäre die Angelegenheit damit erledigt gewesen – die Begegnung mit der Königin nichts weiter als eine zeitweilige Verirrung, nach der Violet, geläutert und lammfromm, wieder zur Besinnung gekommen wäre. Doch war die Glut, die die Königin in ihr angefacht hatte, nicht mehr zu ersticken. Violet malte sich in Gedanken aus, wie es wäre, Edith zu küssen, Marians schöne Freundin Dorothea und sogar Ann, das Hausmädchen. Des Nachts träumte sie von den Heldinnen ihrer Lieblingsbücher, und bisweilen stahl sich ihre Hand hinunter, um jene verborgenen Stellen ihres Körpers zu streicheln, welche die Königin ihr gezeigt hatte. Zwei Wochen nach ihrer ersten Begegnung begab sich Violet wieder zum Wäldchen, wo die Königin des Elfenlandes sie bereits mit einem Armvoll Rosen erwartete.

***

Nach langem Suchen fand Philip die Briefe hinter einer Fotografie von Violet und ihrer Schwester Marian, die mittlerweile mit ihrem Mann in Indien lebte. Philip hatte das Bild nie gemocht und immer gehofft, Violet würde es eines Tages wegwerfen, doch es war die einzige Aufnahme, die sie von ihrer Schwester besaß. Er mochte den dunklen, direkten Blick nicht, mit dem die Schwestern den Betrachter anstarrten. Er war ihm unangenehm und passte so gar nicht zu Violet. Das unnahbare, zarte und düstere Gesicht dieses Mädchens hatte nichts mit der Frau gemein, die er geheiratet hatte.

Er nahm den Rahmen, drehte ihn um und riss die Rückseite mit einem brutalen Ruck ab.

Die Briefe flatterten heraus wie riesige, unbeholfene Nachtfalter und schwebten langsam zu Boden. Philip ließ das Bild achtlos fallen und griff mit bebenden Händen nach den Botschaften.

Es waren drei an der Zahl. Er konnte sie anhand der Tinte unterscheiden, deren Palette von blutrotem Purpur über dunkles Granatrot zu einem nahezu schwarz anmutenden Rotton reichte. Die Handschrift war eckig und dabei flüssig, elegant, doch so fein ziseliert wie Gedrucktes. Das Papier schimmerte durchscheinend, als wäre es aus reiner Tinte gesponnen.

Außer sich vor Wut suchte er nach einer Unterschrift, doch vergeblich - die Briefe trugen lediglich einen Stempel in Form eines Lindenblatts, den er noch nie zuvor gesehen hatte.

Er ordnete die Briefe – vom dunkelsten und ältesten zum hellsten und neuesten - und begann zu lesen:

***

Der zweite Brief:

Violet, mein Vögelchen,

ich träume von Deinen kleinen, süßen Brüsten. Deinen Schenkeln, Deinem Nacken, Deinen zarten Händen; dem Schatz zwischen Deinen Schenkeln, seiner seidigen Glätte und Wärme. Ich träume von Deinen Küssen, meine Violet, dem Geschmack Deines Mundes, Deiner rauen Zunge. Meine flammende Königin der Sterblichen, ich träume von Deinen Lippen auf meiner Haut, Deinen Fingern in meinem Haar. Und Deinem Lachen, Deinem Lächeln, Deiner samtweichen Stimme.

Einst fragtest Du mich, ob ich Dich jemals vergessen würde. Ich konnte in Deinen Augen lesen, wie sicher Du Dir warst, dass dies eines Tages geschehen würde; dass Du für mich nicht mehr als ein Zeitvertreib gewesen wärest, ein Spielzeug, dessen ich bald überdrüssig sein würde. Damals konnte ich Dir nicht sagen, wie sehr Du Dich täuschst. Doch hole ich das jetzt nach: Ich habe Dich nicht vergessen und werde es auch niemals tun. Du bedeutest mir mehr, als Du Dir vorstellen kannst. Komm zu mir zurück.

***

Nachdem Philip alle Briefe gelesen hatte, zerknüllte er sie mit bebenden Händen und schleuderte sie so heftig von sich, als hätte er sich verbrannt. Sein Kopf schien in Flammen zu stehen. Er bückte sich mechanisch nach der Fotografie und sah, dass noch etwas auf ihrer Rückseite versteckt war: eine kunstvoll geflochtene Strähne. Die Farbe des Haars, das so fest und weich wie Seide war, veränderte sich mit dem Lichteinfall – von tintenschwarz über aschfarben zu nebelgrau. Das musste das Zeichen der Liebe sein, von dem im letzten Brief die Rede war.

Er hielt die Strähne noch in den Händen und starrte sie voll kalter Wut an, als er das Rascheln von Violets Kleid im Gang vernahm. Sie trat ein, Überraschung auf dem Gesicht, seinen Namen auf ihren Lippen. Er schrie sie an: »Wer ist er?«

Sie ließ den Blick von ihm zu den zerknüllten Briefen, der Fotografie und schließlich zu der Haarsträhne in seiner Hand schweifen. Ihre Miene erstarrte wie die eisige Oberfläche eines Sees. Dann antwortete sie: »Niemand.«

»Von wem sind diese Briefe, Violet?«, fragte er und bemühte sich dabei um eine ruhige und feste Stimme. »Du sagtest, ich sei dein erster Verehrer gewesen.«

»Ja«, sagte sie. »Das ist die reine Wahrheit.«

»Und was ist das?« Er deutete auf die Briefe.

Sie sah ihn an, mit einem Blick, der so dunkel und direkt war wie der jener Violet, die ihn aus der Fotografie heraus beobachtete. »Sie gehören mir.«

Der Schock ließ ihn einen Schritt zurücktaumeln. Plötzlich glaubte er, eine Fremde vor sich zu haben - diese Frau, deren Haar im Licht der durch die Fenster hereinfallenden Sonne so hell glänzte, konnte unmöglich seine Gemahlin Violet Strachan Osbourne sein. Es musste sich um eine perfekte Doppelgängerin handeln, als sei eine Wachsfigur von Madame Tussauds zum Leben erwacht.

»Aber Violet«, sagte er, und bereits während die Worte seine Lippen verließen, wurde ihm bewusst, wie schrecklich zaghaft er klang. »Ich bin doch dein Mann.«

»Ja«, sagte sie. »Das weiß ich.«

»Warum sagst du mir dann nicht die Wahrheit?«

»Das wäre sinnlos.« Sie wandte den Blick ab – nicht verlegen oder beschämt, sondern als wäre sie es überdrüssig, über ihn nachdenken zu müssen. »Lass mich für eine Stunde allein, dann werde ich zu dir hinunter kommen. Und alles wird wieder sein wie früher. Wir werden vergessen, was passiert ist.«

Er wollte nicht mehr länger mit dieser abweisenden, geduldigen und gleichgültigen Violet sprechen, wollte ihren Vorschlag annehmen. Doch … »Ich kann nicht. Wer ist er, Violet?«

Sie trat in das Schlafzimmer, bückte sich nach den Briefen und strich sie sorgfältig glatt. Dann ging sie an Philip vorbei, hob den Rahmen auf und versteckte die Briefe wieder hinter der Fotografie. Erst dann wandte sie sich mit ausgestreckter Hand zu ihm um und betrachtete ihn mit festem und unergründlichem Blick. Philip reichte ihr widerstrebend die Haarsträhne, woraufhin sie diese zu den Briefen steckte, die Rückseite der Fotografie wieder befestigte und das Bild auf seinen angestammten Platz stellte. Dann erst sagte sie: »Du solltest noch einmal darüber nachdenken.«

»Das kann ich nicht«, sagte er mit nunmehr bereits festerer Stimme. »Ich werde dir verzeihen, aber ich muss die Wahrheit wissen.«

Ihr Blick verlor sich für einen Augenblick in der Ferne, als sei sie mit den Gedanken ganz woanders. »Ich kann mich nicht entsinnen, dich um Verzeihung gebeten zu haben, Philip.«

»Violet …!«

Sie sah ihn mit versteinertem Blick an. »Da du darauf bestehst, werde ich es dir erzählen. Doch tue ich dies nicht, weil du irgendein Anrecht darauf hättest oder ich deine ›Vergebung‹ ersehne. Vielmehr muss ich es tun, um Frieden zu finden.«

»Violet …«

»Wir haben zwei Monate nach unserer ersten Begegnung geheiratet. Darüber war ich froh, noch mehr aber freute ich mich, als ich sehr schnell schwanger wurde. Ich dachte, sie würde dadurch das Interesse an mir verlieren.«

»Sie

Violet bedachte ihn mit einem nahezu mitleidigen Blick. »Meine Geliebte, Philip. Die Königin der Elfenlande.«

In einer Mischung aus Angst und Wut brach es aus ihm heraus: »Um Himmels willen, Violet, du erwartest doch nicht ernsthaft, dass ich dir diesen Unsinn glaube?«

»Keineswegs«, sagte sie, und der Blick aus ihren dunklen Augen fuhr durch ihn hindurch wie ein Messer. »Was du glaubst, ist mir völlig egal. Wenn du nicht die Ohren davor verschließt, wirst du die Wahrheit von mir hören.«

»Ich dachte, du liebst mich«, flüsterte er kläglich.

»Ich wollte dich lieben. Denn ich mag dich sehr. Aber sie hatte recht – ich kann sie nicht vergessen, obwohl ich es weiß Gott versucht habe.«

Plötzlich begriff er mit klarer, unbarmherziger Gewissheit, dass sie die Wahrheit sagte. Die auf dem merkwürdigen Papier mit der noch merkwürdigeren Tinte verfassten Briefe, die Strähne schimmernden Haares, die märchenhaft leuchtenden Rosen – all das zwang ihn zu der Erkenntnis, dass Violet Geheimnisse vor ihm hatte, dass es etwas in ihrem Leben gab, von dem er nichts geahnt hatte.

»Sie fand mich, als ich achtzehn war«, sagte Violet, und er ahnte dunkel, dass ihre Worte nicht mehr an ihn gerichtet waren. »Unten in unserem Garten gab es ein Wäldchen, durch das ein Bach führte. Marian und ich hielten uns oft dort auf und lasen Romane, schrieben Gedichte oder taten andere Dinge, für die Mutter nur Missbilligung übrig hatte. Manchmal sprachen wir davon, was wir tun wollten, wenn wir einmal erwachsen waren. Wir schworen einander feierlich, niemals zu heiraten. Ich wollte Dichterin werden, Marian die Quellen des Amazonas entdecken. Doch an jenem Tag war ich allein dort.«

Auch das hatte sie ihm vorenthalten. Er hatte nicht gewusst, dass sie Gedichte schrieb, geschweige denn einmal davon geträumt hatte, Dichterin zu werden und nicht zu heiraten. Wieder ein Bruchstück ihrer Persönlichkeit, das ihm fremd war, und dabei hatte er doch geglaubt, sie voll und ganz zu kennen.

Sie war wie ein Schatten zu dem massiven Standspiegel mit dem Mahagonirahmen geschwebt und ließ nun ihre Finger über das geschnitzte Blattwerk und die Blumen des Erbstücks gleiten; ihr Spiegelbild schien sich in dunklen Wassern zu verlieren.

»Ich weiß nicht mehr, was ich damals gerade tat. Nur, dass ich aufblickte und sie sah. Sie stand im Bach, und ich wusste sofort, wen ich vor mir hatte.«

Im Spiegel trafen ihr Blick den seinen. Er sah, wie Violet gewahr wurde, wo sie war und mit wem sie sprach. Wieder verschloss sich ihre Miene, wie eine Tür, die unvermittelt zufiel.

»Sie hat mich verführt«, sprach Violet weiter und wandte sich zu ihm um. »Ich wurde ihre Geliebte. In den Nächten stahl ich mich aus dem Haus, durchquerte den Bach und begab mich an ihren Hof. Als Marian einmal eine ganze Woche mit unseren Eltern bei ihrer Taufpatin verbrachte, erzählte ich der Dienerschaft, ich würde bei Edith übernachten, dabei war ich die ganze Zeit … bei ihr. Sie flehte mich an, sie nicht zu verlassen, doch ich konnte nicht bleiben. Verstehst du, Philip? Ich konnte nicht bei ihr bleiben

Sie sah ihm wohl an, dass er sie nicht verstand, und ihre Lebhaftigkeit erstarb wieder. »In der Nacht vor unserer Hochzeit bat ich sie, mich gehen zu lassen, mir ein Jahr und einen Tag zu geben, in dem ich versuchen wollte, dir eine gute Ehefrau zu sein. Sie erfüllte mir diesen Wunsch.«

»Doch dann schrieb sie dir jene Briefe«, sagte er, um Violet und sich selbst zu beweisen, dass er tatsächlich auch zugegen war.

»Ja. Doch ich ließ sie unbeantwortet. Ich war dir immer treu.«

Er hob in einer abwehrenden Geste die Hände, als könnte er so die Bitterkeit ihrer Stimme von sich fernhalten. Dennoch klangen seine nächsten Worte vorwurfsvoll: »Du hast ihre Briefe aufbewahrt.«

»Ja, das habe ich«, sagte Violet mit ausdrucksloser Stimme.

***

Der dritte Brief:

Violet, mein Herz,

Dein Schweigen sagt mir, dass Du nicht zu mir zurückkehren wirst und Dich für Dein anderes Leben entschieden hast. Ich könnte Dich zwingen, zu mir zurückzukommen, so wie ich Dich hätte zwingen können, bei mir zu bleiben. Ich hoffe, Du verstehst die Tatsache, dass ich mich dagegen entschieden habe, als ein Geschenk – als die einzige mir verbleibende Möglichkeit, Dir meine Liebe zu beweisen. Was gibt es wohl Wertvolles in Deinem Leben? Deinen Gemahl, der so blind und gefühllos ist wie ein Stein? Dein dickes, tumbes Kind, das eines Tages zweifelsohne das Ebenbild seines Vaters sein wird? Deine Mutter, deren Liebe Du niemals erringen wirst, oder Dein Vater, der Dich niemals auch nur wahrgenommen hat? Oder etwa Deine kränkelnde, übertrieben anhängliche Freundin? Die seltenen Briefe Deiner Schwester, deren Gedanken nur um ihren Ehemann kreisen?

Du weißt, welche Wunderdinge und Freuden ich Dir zu bieten habe. Und dass Du in meinem Reich einen Respekt genießen würdest, der Dir in Deiner Welt verwehrt ist. Violet, es schmerzt mich zutiefst, mit ansehen zu müssen, welche Behandlung Du erfährst, wie wenig man Dich und Deine Schönheit in Deiner Welt zu schätzen weiß und Dich ausnutzt und zu Grunde richtet. Ich weiß, meine Worte sind vergeblich – denn Dein Schweigen verrät mir, dass Du Deine Wahl getroffen hast. Du bist zu gut für die Welt dieser Sterblichen.

Da Du mir die Möglichkeit verwehrst, Dir mehr zu schenken, habe ich drei Gaben für Dich: Deine Freiheit, obwohl sie sich in Deinen Händen in Sklaverei verwandelt; dieses Zeichen meiner Liebe – mögest Du es an Deinem Herzen tragen; meine Rosen, die Dein Zuhause in einen Garten verwandeln mögen. Und zuletzt schenke ich Dir meine Hoffnung, dass Du eines Tages zu mir zurückkehren wirst. 

***

Im Schlafzimmer herrschte ehernes Schweigen; Philip fehlte die Kraft, es zu durchbrechen. Schließlich straffte Violet die Schultern und sagte mit einem eigenartig schiefen Lächeln. »Nun, Philip?«

»Du hast mich nie geliebt«, sagte er.

Das Lächeln verschwand aus ihrem Gesicht. »Ja. Es tut mir leid.«

»Und Jonathan? Unseren Sohn?«

Die achtlosen Worte der Königin – »Dein dickes, tumbes Kind« – standen unausgesprochen zwischen ihnen. Schließlich sagte Violet: »Ich werde meine Pflicht als Mutter erfüllen.«

»Um Himmels willen, Violet, ich spreche nicht von Pflicht! Ob du ihn liebst, möchte ich wissen!«

»Du verlangst zu viel von mir.« Sie war kreidebleich, und erstmals musste er sich eingestehen, dass die düstere Fotografie etwas von Violets wahrem Wesen eingefangen hatte. Noch bevor er sich wappnen konnte, traf ihn eine weitere Erkenntnis: Er kannte seine Frau überhaupt nicht; die glänzenden Gespräche, auf denen seine Liebe gründete, hatten ihm nichts von ihren wahren Gedanken, nichts von ihrem Herzen preisgegeben. Er hatte ihr zu Füßen gelegen, damals, als er ihr den Hof gemacht hatte; ebenso danach als ihr Ehemann. Dennoch war er ihr bis heute kein bisschen nähergekommen; wahrlich, sie war – wie er soeben erst erkannt hatte - eine Fremde.

Aus dieser schmerzlichen Erkenntnis heraus sagte er: »Du hast mich damals benutzt. Und auch jetzt benutzt du mich und deinen Sohn«. Dann brach es aus ihm heraus: »Du benutzt meine Liebe.«

»Ich habe dir dafür alles gegeben, was ich konnte!«, rief Violet. »Ist das das Einzige, was mir bleibt, Philip? Mich ihr oder dir ganz hinzugeben? Und was ist dann mit mir?«

»Violet …«

»Nein«, sagte sie so schroff, dass er verstummte. »Wie Odysseus bin ich zwischen Scylla und Charybdis gefangen, habe keinen Zufluchtsort, nirgends.«

Er musste den Blick von der bitteren Qual abwenden, die sich auf ihrem Gesicht spiegelte. Er liebte sie noch immer, auch wenn er ihr vermutlich niemals würde vergeben können. Dennoch drang der Anblick ihrer Verzweiflung wie ein giftiger Pfeil tief in ihn ein. »Bitte verzeih«, sagte er schließlich. »Mir war nicht bewusst, dass ich so viel von dir gefordert habe.«

»Nicht mehr als jeder andere Mann von seiner Frau erwarten würde.« Sie ließ sich langsam in den Stuhl am Fenster sinken und barg das Gesicht in den Händen.

»Ich wollte dich nicht … brechen«, sagte er, nurmehr von dem Wunsch erfüllt, zu ihr durchzudringen. »Ich wusste nicht, wie unglücklich du bist.«

»Das bin ich nicht«, sagte sie ohne aufzublicken. »Ich habe mich für die Pflicht und gegen die Liebe entschieden. Und nun muss ich mit dieser Wahl leben. Ich hatte … Ich hatte nicht erwartet, erneut vor diese Entscheidung gestellt zu werden. Das macht es noch schwerer.«

»Wirst du zu … ihr zurückkehren?«

»Nein. Das ist unmöglich – ihre Liebe würde mich zerstören. Denn ich bin nur eine Sterbliche, ein Nachtfalter, und sie ist die Sonne, die ich vergeblich umflattere. Ich habe bereits meine Gedichte auf dem Altar ihrer Leidenschaft geopfert, ließ sie mit meinem Herzen im Garten zurück, mehr kann ich ihr nicht geben.« Einen Augenblick lang dachte er, sie würde weitersprechen, doch sie wiederholte nur: »Ich kann nicht.«

»Wirst du … wirst du bei mir bleiben?«

Erst jetzt hob sie den Kopf und starrte ihn an; ihre Miene war versteinert, wie die eines Menschen, der gerade unendliches Leid erblickt hat und die Tränen bezwingt. »Bleibt mir denn eine Wahl?«

»Nein, ich meine …«, er stockte. »Was ich sagten sollte, ist - wirst du bleiben? ... bei mir

»Du weißt, dass ich dich nicht liebe.«

»Ja, aber …« Er rang vergeblich um die richtigen Worte, wollte ihr sagen, wie sehr er sie brauchte und liebte, egal, ob sie seine Gefühle erwiderte oder nicht. Schließlich sagte er nur: »Du bist meine Frau. Und die Mutter meines Sohnes.«

»Ja«, sagte sie tonlos. »Das bin ich.«

Er flehte kaum hörbar: »Lass mich an deinem Leben teilhaben, Violet. Bitte!«

»Nun gut«, sagte sie. Ihr Lächeln barg nurmehr einen schwachen Abglanz seiner ehemals so strahlenden Schönheit. »Was von mir noch übrig ist, sei dein.« Bevor sie sich abwandte, sah er Tränen in ihren Augen schimmern.

Er wollte sie trösten, wusste aber nicht mehr wie. So stand er nur unbeholfen im schwindenden Licht des Spätnachmittags und sah zu, wie ihr bittere Tränen über die Wangen rannen.

Auf dem Treppenabsatz leuchteten die Rosen in unirdischem Glanz und kündeten dem stummen Haus schrill vom ewigen Ruhm der Elfenkönigin.

 

Deutsch von Petra Huber 

 

© 2002 by Sarah Monette
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin vermittelt durch die Agentur Thomas Schlück in Garbsen
Erstveröffentlichung unter dem Titel »Three Letters from the Queen of Elfland« in LADY CHURCHILL'S ROSEBUD WRISTLET 11 (2002)
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

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