Kurzgeschichte von Mary Robinette Kowal: Die Marsianerin Teil 2

© William Smith

FICTION

Die Marsianerin (Mary Robinette Kowal), Teil 2/2


Mary Robinette Kowal
05.09.2016

Elma York, die berühmte »Mars-Astronautin«, ist fest davon überzeugt, dass sie aufgrund ihres Alters zum letzten Mal in den Weltraum geflogen ist. Zumal ihr Mann an einer unheilbaren Krankheit leidet und sie ihn nicht alleine lassen möchte. Doch dann wird sie vor eine verhängnisvolle Entscheidung gestellt ...

Als ich mich von Sheldon verabschiedete, war ich stärker verunsichert, als ich damals hätte zugeben wollen. Ich blickte aus dem Fenster der Leichtbahn zum sepiafarbenen Himmel. Dort, wo die Sonne unterging, wurden die Rosatöne intensiver. Hier auf dem Mars war es weniger hell und röter, aber durch den Staub konnte der Sonnenuntergang genauso wunderbar sein wie auf der Erde.

Es ist nicht leicht, etwas in Aussicht gestellt zu bekommen, was man sich wünscht, und gleichzeitig zu wissen, dass es die richtige Entscheidung ist, abzulehnen. Verstehen Sie mich recht: Ich wollte fliegen. Eine solche Gelegenheit würde sich mir nie wieder bieten. Für normale Missionen war ich zu alt. Das wusste ich. Sheldon wusste es. Und Nathaniel wusste es bestimmt auch. Ich wünschte, er würde in einer anderen Branche arbeiten, sodass ich hätte lügen und von »später« sprechen können. Er kannte das Raumfahrtprogramm zu gut, als dass man ihn hätte hinters Licht führen können.

Und er würde mir nicht glauben, wenn ich behaupten würde, nicht fliegen zu wollen. Er wusste, wie sehr mir die Sterne fehlten.

Ich glaube, das ist etwas, worauf keiner von uns auf der Reise zum Mars vorbereitet war. Der natürliche Nachthimmel auf dem Mars ist spektakulär, weil die Atmosphäre so dünn ist. Aber dort, wo Menschen leben, unter der Kuppel, kann man nur die Lichter der Stadt sehen, die von der dunklen, gewölbten Fläche reflektiert werden. Man kann fast glauben, es seien Sterne. Fast. Wenn man nicht weiß, was man vermisst, oder sich nicht daran erinnert, wie der Himmel nachts auf der Erde aussah, bevor sie der Asteroid traf.

Ich frage mich, ob Dorothy sich an die Sterne erinnern kann. Sie ist jung genug, um sie vergessen zu haben. Die Erdenkinder blicken immer noch auf die Staubwolken, und die Sterne sind bloß ein Mythos. Bei Gott. Was für ein trostloser Himmel!

Als ich nach Hause kam, begrüßte mich Genevieve mit ihrem üblichen freundlichen Geplapper. Nathaniel sah so aus, als wollte er sie loswerden, damit er mich ausfragen konnte. Ich weiß noch, dass Genevieve sich verabschiedete und dass wir uns dann unterhielten, aber die Details habe ich inzwischen vergessen.

Das Nächste, woran ich mich erinnern kann, ist das Klappern und Rumsen von Nathaniels Gehhilfe, als er sie in die Küche schob. Sie glitt vorwärts. Blieb stehen. Er machte zwei Schritte, stützte sich ab und schob sie weiter. Zwei Schritte. Aufrichten. Und weiter.

Ich drückte mich vom Küchentresen ab und ging auf ihn zu. »Willst du in die Küche oder lieber ins Wohnzimmer?«

»Elma, setz dich.« Er hielt die Gehhilfe so fest umklammert, dass die Sehnen an seinen Handrücken hervortraten, aber seine Hände zitterten immer noch. »Erzähl mir von der Mission.«

»Was?« Ich war wie erstarrt.

»Die Mission.« Er schaute an die Küchendecke, nicht zu mir. »Deshalb hat Sheldon doch angerufen, oder etwa nicht? Also, erzähl schon.«

»Ich … In Ordnung.« Ich schob ihm den hohen Hocker hin und wartete, bis er sich gesetzt hatte. Dann erzählte ich es ihm. Die ganze Zeit, während ich sprach, schaute er an die Decke. Ich beobachtete ihn dabei und prägte mir seine Wangenknochen ein und die Form des kleinen Leberflecks in seinem Mundwinkel.

Als ich fertig war, nickte er. »Du solltest zusagen.«

»Wie kommst du darauf, dass ich das will?«

Da senkte er den Kopf, und sein Blick war so durchdringend wie eh und je. »Wie lange sind wir schon verheiratet?«

»Ich kann nicht.«

Nathaniel schnaubte. »Während du weg warst, habe ich Dr. Williams angerufen, weil ich mir schon dachte, dass es um so etwas gehen würde. Ich habe gefragt, ab wann wir Hospizbegleitung bekommen könnten.« Er hob die Hand, um mich vom Reden abzuhalten. »Sie will es mir nicht sagen. Sie hat mir den Zeitpunkt genannt, zu dem ich wahrscheinlich vollständig gelähmt sein werde. In drei Monaten, es kann auch eine Woche früher oder später sein.«

Wir hatten gewusst, dass das bevorstehen würde, seitdem er seine Diagnose erhalten hatte, aber ich musste mir immer noch auf die Innenseite meiner Lippe beißen, um nicht zu schluchzen. Er sollte nicht sehen, wie ich zusammenbrach.

»Also … ich denke, du solltest zusagen.«

»Drei Monate sind keine lange Zeit, man kann …«

»Man kann was? Darauf warten, dass ich sterbe? Herrgott nochmal, Elma. Wir wissen, dass das passieren wird.« Er blickte finster auf den Fußboden. »Flieg. Um Himmels willen, übernimm diese Mission.«

Ich wollte es. Ich wollte diesen Planeten verlassen und wieder in den Weltraum, wollte Nathaniel nicht sterben sehen müssen. Nicht mitansehen müssen, wie er Stück für Stück die Kontrolle über seinen Körper verlor.

Und ich wollte hierbleiben, bei ihm sein und jeden Moment miterleben, den er noch atmete.

***

Eines meiner Lieblingsrestaurants in Landing war das Elmore‘s. Das Café im New-Orleans-Stil befand sich direkt hinter dem Thompson‘s-Supermarkt auf einer kleinen Anhöhe, gerade hoch genug gelegen, um von dort aus bis zum Randgebiet der Stadt und auf die Kuppelwand schauen zu können. Sie hatten dort ein Krebs-Etouffée, bei dem man glaubte, man befände sich wieder auf der Erde. Die Krebse wurden in einem Wasserbecken gezüchtet und waren etwas größer als die aus meiner Kindheit, aber die Gewürze kamen zweimal im Jahr mit der Post den ganzen Weg aus Louisiana.

Sheldon Spender wusste, dass es mein Lieblingsrestaurant war, und nutzte das schamlos aus. Und doch ging ich hin. Er saß mir gegenüber, mit dem Rücken zum Panoramafenster. Sein schütter werdendes Haar war gegen den Himmel kaum zu sehen. Er sprach kein Wort. Beobachtete mich nur, während der Kollege zu meiner Rechten redete.

Garrett Biggs. Ich war ihm schon mal im Bradbury Space Center begegnet, aber wir hatten bis heute kaum mehr als vielleicht fünf Worte miteinander gewechselt. Meine Arbeit war im Großen und Ganzen erledigt gewesen, bevor er dort anfing. Gelegentlich hatte ich an Feiertagen noch einmal einen Auftritt. Also, dieser Mann wollte einfach nicht aufhören zu reden. Während er sprach, gestikulierte er mit seiner Gabel herum und unterstrich die Sätze, von denen er dachte, ich müsste sie unbedingt hören. »Wir brauchen ein paar Fotos von Ihnen, damit wir Ihre Opferbereitschaft ausschlachten können – ich weiß, das klingt nicht schön, aber wir sind hier ja unter Freunden, nicht wahr? Wir können doch ehrlich sein, oder? Also, damit wir Ihre Opferbereitschaft für unsere Sache ausschlachten können und die Öffentlichkeit wirklich hinter der Mission Langes Leben steht.«

Ich sah den Salat auf seiner Gabelspitze zittern. Verglichen mit dem Salat auf der Erde, wie ich ihn in Erinnerung hatte, war er blass. »Ich dachte, die Öffentlichkeit weiß nichts von der Mission.«

»Das wird sie aber. Das ist der springende Punkt. Irgendjemand wird es ausplaudern, und wir müssen vorbereitet sein.« Er wedelte mit dem Salat in meine Richtung. »Und deshalb sind Sie als Pilotin eine ausgezeichnete Wahl. ›Achtzigjährige Großmutter ebnet den Weg für die Menschheit.‹«

»Ich bin keine Großmutter. Ich bin dreiundsechzig, nicht achtzig. Und man kann im All keinen Weg ebnen.«

»Das war eine Redewendung. Der springende Punkt ist, Sie sind in Sachen PR Gold wert.«

Ich hatte gewusst, dass man mich wegen meines Alters gebeten hatte, die Mission zu übernehmen – von einem Menschen, der noch sein ganzes Leben vor sich hatte, wäre es viel verlangt. Vielleicht war es naiv von mir, zu glauben, dass man meine Erfahrung beim Aufbau der Marskolonie schätzte.

Wie kann ich vermitteln, wie sehr es mir widerstrebte, für PR-Zwecke benutzt zu werden? So etwas war für mich keineswegs neu. Meine gesamte Karriere war eine einzige Ausbeutung meiner Person für die Öffentlichkeit. Das war mir bewusst gewesen, und ich hatte es meinerseits ausgenutzt, nachdem ich erst einmal die Wirkung erkannt hatte, die eine etwas umgenähte, an meine Körperformen angepasste Uniform hatte. Meinen Sie etwa, man hätte mich zum Mars geschickt, wenn man nicht vorgehabt hätte, ihn als Kolonie zu besiedeln? Ich war dazu da, allen Hausfrauen zu demonstrieren, dass auch sie in den Weltraum fliegen konnten. Ich posierte in meinem Raumanzug, mit rot geschminkten Lippen; ich hatte öfter in Kameras gelächelt als alle meine Kollegen.

Ich starrte Garrett Biggs und seine Gabel an. »Für jemanden von der PR sind Sie furchtbar direkt.«

»Ich bin ehrlich. Ihnen gegenüber. Wären Sie die Öffentlichkeit, dann hätte ich Sie so schnell um den Finger gewickelt, dass Sie dabei Ihr eigenes Gravitationsfeld generieren würden.«

Sheldon räusperte sich. »Elma, die Sache ist die: Eine Gruppe von Senatoren macht Druck. Sie wollen die Mittel für das Projekt kürzen, und wir müssen handeln, sonst wird nichts daraus.«

Ich senkte den Blick und trennte von einem der Krebse auf meinem Teller den Schwanz ab. »Warum?«

»Der übliche Quatsch. Sie sagen, wenn wir einfach nur warten, dann werden die Schiffe bald so schnell sein, dass die ganze Mission sich erübrigt. Dabei spielen ein paar ziemlich falsche Vorstellungen von Physik eine Rolle, aber wie dem auch sei …« Sheldon schwieg einen Moment, schaute mich an und neigte den Kopf zur Seite. Er wollte etwas sagen, überlegte es sich aber anders und beugte sich vor. »Geht es Nathaniel schlechter?«

»Sein Zustand ist nicht besser geworden.«

Sheldon zuckte angesichts der Schärfe meines Tonfalls zusammen. »Es tut mir leid. Ich weiß, ich habe Sie unter Druck gesetzt, aber ich kann mich auch nach jemand anderem umschauen.«

»Nathaniel meint, ich soll fliegen.« Es tat schon weh, das auch nur in Erwägung zu ziehen. Aber die Mission ging mir nicht aus dem Kopf. »Er weiß, dass das meine einzige Chance ist, wieder in den Weltraum zu kommen.«

Garrett Biggs runzelte die Stirn, als hätte ich gesagt, der Himmel sei grün und nicht, wie für den Mars typisch, bernsteinfarben. »Sie sind im Weltraum.«

»Ich bin auf dem Mars. Das ist immer noch ein Planet.«

***

Ich wurde aus dem Halbschlaf gerissen und wusste, es musste Nathaniels Klingel gewesen sein, ohne dass ich mich wirklich daran erinnern konnte. Ich stieg aus dem Bett und stützte mich dabei am Nachttisch ab. Meine rechte Hüfte war in der Nacht wieder steif geworden. Arthritis ist keine besonders angenehme Sache.

Ich knipste das Licht im Flur an und ging die Treppe hinunter. Die Tür unten stand offen, damit ich Nathaniel hören konnte, wenn er mich rief. Ich konnte nicht mehr bei ihm im Bett schlafen, weil ich Angst hatte, ich könnte ihm etwas brechen.

Ich ging in sein Zimmer. Überall nur graue Schatten, und ein dunkles Rechteck, sein Bett. In einer Ecke glänzte der Metallrahmen seiner Gehhilfe im schwachen Licht.

»Entschuldige.« Seine Stimme war noch kratzig vom Schlaf.

»Kein Problem. Ich war sowieso wach.«

»Lügnerin.«

»Na, das klingt aber nicht besonders nett.« Ich legte die Hand auf den Lichtschalter. »Vorsicht, deine Augen.«

Jede Nacht vollzogen wir das gleiche Ritual, und obwohl ich wusste, das Licht würde so hell sein, dass es schmerzte, zuckte ich doch zusammen, als ich den Schalter umlegte. Ich kniff die Augen zusammen und schob Nathaniels Decke beiseite. Manchmal konnte er sich unter ihrem Gewicht kaum rühren. Er hielt die Hände hoch und wartete darauf, dass ich danach greifen würde. Ich machte mich bereit und blieb so stehen, bis Nathaniel sich aufgesetzt hatte. Auf der Erde wäre er schon lange ans Bett gefesselt gewesen. Andererseits hätte seine Knochendichte auf der Erde wahrscheinlich auch nicht so schnell abgenommen.

So sanft wie möglich schob ich seine Beine Richtung Bettkante. Selbst wenn man die Schwerkraft berücksichtigte, war ich wieder einmal erschüttert, wie leicht er war. Seine Beine waren nur noch Haut und Knochen. Dort, wo seine Schlafanzughose hochgerutscht war, sah man die violetten Blutergüsse an seiner Wade.

Sobald Nathaniel am Bettrand saß, schob ich ihm die Gehhilfe hin. Er legte die zittrigen Hände um die Griffe und versuchte aufzustehen. Er erhob sich ein klein wenig und sank dann wieder aufs Bett zurück. Ich blieb, wo ich war, obwohl ich nur zu gerne geholfen hätte. Manchmal machte er nachts mehr als einen Versuch aufzustehen, und er wollte nicht, dass man ihm half. Nicht bevor es absolut notwendig war. Selbst dann wollte er es nicht. Ich hoffte nur, er würde meine Hilfe annehmen, wenn es einmal so weit war.

Beim zweiten Versuch kam er auf die Füße und blieb zitternd stehen. Er nickte und schob die Gehhilfe ein Stück nach vorn. »Komm, wir gehen.«

Ich folgte ihm Richtung Badezimmer, nur für den Fall, dass er dort das Gleichgewicht verlieren würde, denn das passierte manchmal. Beim ersten Mal war ich nicht zu Hause gewesen. Bald darauf hatten wir Genevieve eingestellt, damit sie bei ihm war, wenn ich weg musste.

Er blieb in der Küche stehen, beugte sich ein wenig vor und ächzte.

»Alles in Ordnung?«

Er schüttelte den Kopf und begann wieder zu laufen, diesmal schneller. »Ich …« Er machte den Rücken rund und biss die Zähne zusammen. »Ich kann es nicht …«

Das Badezimmer war schon so nahe.

»O Gott. Elma.« Ein dunkler, übler Geruch erfüllte die Küche. Nathaniel stöhnte. »Ich konnte es nicht …«

Ich legte ihm die Hand auf den Rücken. »Sch. Wir sind fast da. Wir machen dich sauber.«

»Es tut mir leid, es tut mir leid.« Er schob die Gehhilfe vorwärts und ließ den Kopf hängen, hinterließ eine Spur von feuchten Fußabdrücken. Der Ammoniakgeruch des Urins vermischte sich mit dem seines Darminhalts.

Ich half ihm, die Schlafanzughose herunterzuziehen. Durch ihr Gewicht war sie ihm bereits auf Hüfthöhe gerutscht. Dunkle Streifen rannen ihm die Beine hinunter und auf den Badvorleger. Ich setzte Nathaniel auf die Toilette.

Mein Ehemann senkte den Kopf und weinte.

Ich erinnere mich daran, wie ich einen Waschlappen anfeuchtete und ihm damit die Beine säuberte. Ich weiß, dass ich seinen schmutzigen Schlafanzug in die Waschmaschine gesteckt und den Boden gewischt haben muss, aber diese Details habe ich dankenswerterweise vergessen. Aber nicht vergessen kann ich, obwohl ich bei Gott wünschte, ich könnte es, wie Nathaniel dort saß und weinte.

*** 

Am nächsten Tag bat ich Genevieve, uns Inkontinenzwindeln zu besorgen. Es war seltsam, wie vertraut sich das Paket anfühlte. Ich hatte sie bei Raketenstarts getragen, wenn wir stundenlang in der Kapsel sitzen mussten und nicht aus unserem Raumanzug herauskonnten. Das ist eines der vielen glamourösen Details, die zum Leben eines Astronauten gehören und die von der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit nicht öffentlich gemacht werden.

Allerdings gibt es einen Unterschied, ob man so eine Windel bei der Arbeit tragen muss oder ob man in Nathaniels Situation war. Er konnte sich die Windeln nicht alleine umbinden, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Jedes Mal, wenn ich die Windel wechseln musste, starrte er mit schlaffen, hoffnungslosen Gesichtszügen Richtung Wand.

Nathaniel und ich hatten uns entschlossen, keine Kinder zu bekommen. Sie sind mit dem Leben im Weltraum schwer zu vereinbaren, verstehen Sie? Ich meine, da ist die Strahlung, und die Schwerelosigkeit, aber mehr noch wog der Grund, dass ich die ganze Zeit weg war. Ich konnte die Sterne nicht aufgeben … aber nun wünschte ich, wir hätten uns anders entschieden. Teils, weil ich gern eine Verbindung zur nachfolgenden Generation gehabt hätte. Noch mehr wünschte ich mir jemanden, der die Last der Entscheidung mit mir tragen konnte.

Was wird nach Nathaniels Tod sein? Was bleibt mir hier? Genauer gesagt: Wie sehr werde ich es bereuen, bei der Mission nicht dabei gewesen zu sein?

Und wenn ich im Weltraum bin, wie sehr würde ich es dann bereuen, meinen Mann zurückgelassen zu haben, sodass er alleine sterben musste?

Können Sie nachvollziehen, weshalb ich mir allmählich wünschte, wir hätten Kinder gehabt?

Am Nachmittag saßen wir im Wohnzimmer und taten so, als seien wir beschäftigt. Nathaniel saß mit seinem Bleistift über ein Blatt Papier gebeugt und schaute aus dem Fenster, als würde er arbeiten. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht der Fall war, aber ich wollte ihm so viel Privatsphäre wie möglich lassen und begann, mich einem meiner Adler zu widmen.

Das Telefon klingelte, und wir beide waren, glaube ich, irgendwie erleichtert über die Ablenkung. Das Telefon stand auf einem Tisch neben Nathaniels Stuhl, sodass er es leicht erreichen konnte, wenn ich nicht im Zimmer war. Ich schaute ihn nicht an, und als er den Anruf entgegennahm, klang seine Stimme so kräftig wie eh und je.

»Bleiben Sie dran, Sheldon. Ich hole Elma … Oh. Oh, ich verstehe.«

Ich schnitt noch eine Feder zurecht, aber mehr, um den Blickkontakt zu Nathaniel zu vermeiden, nicht weil ich unbedingt weiterarbeiten wollte.

»Natürlich habe ich ein paar Minuten. Im Moment habe ich jede Menge Zeit.« Er fuhr sich mit der Hand durch das Haar und ließ sie in seinem Nacken ruhen. »Ich kann nicht glauben, dass Sie unter Ihren Mitarbeitern keine Programmierer haben, die das machen können.«

Dann schwieg er, und Sheldon redete. Alles, was ich hören konnte, war das verzerrte, blecherne Geräusch seiner Stimme, die sich hob und senkte. Dann griff Nathaniel wieder zu seinem Stift und begann, sich Notizen zu machen. Was immer Sheldon auch von ihm wollte, das war der Augenblick, in dem Nathaniel sich entschlossen hatte, »Ja« zu sagen.

Ich legte meinen Adler beiseite und ging in die Küche. Meine erste Reaktion … Himmel. Ich schäme mich dafür, aber meine erste Reaktion darauf war Wut. Wie konnte er das tun? Wie konnte er es wagen, einen Auftrag anzunehmen, ohne sich mit mir zu beraten, wo ich doch auf das, was ich so unbedingt wollte, seinetwegen verzichtete. Ich hätte mir am liebsten den Hörer geschnappt und Sheldon gesagt, dass ich fliegen würde.

Ich riss mich zusammen und versuchte, die Dinge nüchtern zu sehen.

Nathaniel hatte mich dazu gedrängt zu fliegen. Er hielt mich in keiner Weise davon ab zuzusagen. Nur meine Erziehung und meine Loyalität und … und ich liebte ihn. Wenn ich doch nach seinem Tod nicht allein sein wollte, wie konnte ich ihn dann auf dem Sterbebett allein lassen?

Die Entscheidung wäre leichter, wenn ich wüsste, wann er sterben würde.

Für diesen Gedanken hasse mich noch heute.

Ich hörte, wie das Gespräch zum Ende kam und Nathaniel auflegte. Um eine Erklärung dafür zu haben, weshalb ich in die Küche gegangen war, goss ich mir ein Glas Wasser ein. Dann ging ich damit ins Wohnzimmer und setzte mich aufs Sofa.

Nathaniel biss sich auf die Unterlippe und blickte mit finsterer Miene auf seinen Notizblock. Er kritzelte mit einem Bleistift eine Zahl an den Rand und schaute dann hoch.

»Das war Sheldon.« Er schaute wieder auf den Block.

Ich setzte mich auf dem Sofa zurecht und nestelte an meinem Ehering herum. Während des letzten Jahres war er mir zu weit geworden. »Ich werde ablehnen.«

»Was … Aber Elma.« Sein Blick wurde matt, und er sah mich mürrisch an. »Bist du dir … bist du dir sicher, dass das keine Depression ist? Die dich hier hält, meine ich.«

Ich schnaubte wenig damenhaft. »Weswegen sollte ich an einer Depression leiden?«

»Bitte.« Er fuhr sich mit den Händen durch das Haar und verflocht die Finger im Nacken. »Ich will, dass du fliegst, damit du nicht hier bist, wenn … Von jetzt an geht es nur noch den Bach runter.«

Das Schlimme war, dass er nicht Unrecht hatte. Das hieß zwar nicht, dass es stimmte, aber ich konnte ihm auch nicht geradeheraus sagen, er habe Unrecht. Ich legte meine Schere beiseite und schob die Lupe weg. »Es ist nicht einfach eine Depression.«

»Ich verstehe dich nicht. Du hast die Gelegenheit, wieder in den Weltraum zu kommen.« Er ließ die Hände sinken und beugte sich vor. »Ich meine … Wenn ich sterbe, bevor die Mission beginnt, und du hier unten bleibst, wie würdest du dich dann fühlen?«

Ich wandte den Blick ab und schaute aus dem Fenster zum Haus auf der anderen Straßenseite. Aber ich sah weder die Fenster noch die roten Backsteinwände. Alles, was ich sah, war ein schwarzgrauer Schleier aus Verzweiflung. »Bevor sich diese Möglichkeit ergeben hat, hat mir mein Leben Freude gemacht. Es gibt keinen Grund, warum das jetzt anders sein sollte. Ich habe Freude am Unterrichten. Es gibt hier Hunderte von Gründen, Freude am Leben zu haben.«

Nathaniel deutete mit dem Bleistift auf mich, wie er es immer getan hatte, wenn er bei einem Meeting einen Fehler in einer Argumentation entdeckt hatte, aber nun zitterte der Stift in seiner Hand. »Wenn das stimmt, warum hast du ihnen dann noch nicht abgesagt?«

Die Antwort darauf war kompliziert. Weil ich im Weltraum sein wollte, schwerelos, und die unfassbar hellen Sterne sehen wollte. Weil ich Nathaniel nicht sterben sehen wollte.

»Was hat Sheldon dir aufgetragen?«

»Die NASA braucht mehr Informationen über LS-579.«

»Das kann ich mir vorstellen.« Ich drehte den Ehering hin und her, als sei er ein Regler, der etwas steuerte. »Ich würde … Ich würde mich … So sehr mir das All auch fehlt, ich würde mich hassen, wenn ich dich hier zurückließe. In guten wie in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit. Bis dass der Tod uns scheidet und all das. Ich kann einfach nicht.«

»Na ja … Sag ihnen einfach nicht ab. Noch nicht. Lass mich mit Dr. Williams sprechen und schauen, ob sie uns ein genaueres Datum nennen kann. Vielleicht gibt es gar kein Problem mit dem Zeitpla…«

»Hör auf! Sei still. Das ist meine Entscheidung. Ich bin diejenige, die mit den Konsequenzen leben muss. Nicht du. Also hör auf, deine Schuld auf mich abzuwälzen, denn das Dumme dabei ist, dass sich einer von uns schuldig fühlen wird, aber ich bin es, die damit leben muss.«

Ich rauschte aus dem Zimmer, bevor er antworten oder ich noch Schlimmeres sagen konnte. Und ja – ich wusste, dass er mir nicht folgen konnte, und diesmal war ich ausnahmsweise froh darüber.

***

Kurz darauf kam Dorothy. Wenn man sagen würde, dass ich völlig baff war, als ich die Tür öffnete, dann wäre das deutlich untertrieben. Dorothy hatte ihren Arztkoffer dabei, und ich glaube, nur deshalb fand ich die Sprache wieder. »Seit wann machen Sie Hausbesuche?«

Sie hielt inne, hatte den Mund halb geöffnet und runzelte die Stirn. »Hat man Ihnen nicht gesagt, dass ich komme?«

»Nein.« Ich erinnerte mich an meine gute Kinderstube und trat einen Schritt zurück, damit sie hereinkommen konnte. »Entschuldigung. Ich bin nur überrascht, mehr nicht.«

»Tut mir leid. Mr Spender hat mich gebeten herzukommen. Er dachte, es wäre Ihnen lieber, wenn ich bei Mr York bleibe, während Sie außer Haus sind.« Sie streifte ihre Schuhe im Vorraum ab.

Ich warf einen Blick zum Wohnzimmer, wo Nathaniel saß, gerade so außer Sichtweite. »Das ist sehr freundlich von Ihnen, aber ich habe heute gar keine Termine.«

»Hat man mir ein falsches Datum genannt?«

Man hörte nun das Klappern und Rumsen von Nathaniels Gehhilfe. Er sollte doch nicht ohne mich aufstehen. Wenn er wieder das Gleichgewicht verlieren würde … Was dann? Würde er durch den Sturz vielleicht sterben? Oder vielleicht nicht schnell genug sterben, sodass er in seinen letzten Tagen noch mehr Schmerzen erleiden musste.

Wir trafen uns an der Tür, und er schaute an mir vorbei. »Schön, Sie zu sehen, Frau Doktor.«

Dorothy war hinter mir her in die Küche gekommen. »Sir.«

»Haben Sie den Adler mitgebracht, um ihn mir zu zeigen?«

Sie nickte und wirkte schüchtern dabei, sodass ich in ihr das kleine Mädchen von damals wiedererkennen konnte. Sie stellte ihren Arztkoffer auf den Küchentisch und zog einen ramponierten Schuhkarton daraus hervor, wie man ihn hier oben kaum noch sieht. Es ist nicht sinnvoll, Verpackungen mitzuschicken, die nehmen in der Rakete nur Platz weg. Dorothy öffnete den Karton und nahm Seidenpapier heraus, das einmal rosafarben gewesen sein musste und inzwischen völlig verblichen war. Sie wickelte es auseinander und zog meinen Adler hervor.

Es ist merkwürdig, wenn man etwas sieht, das man vor langer Zeit angefertigt hat. Der Vogel hatte zum Flug ausgebreitete Schwingen, aber den Kopf zur Seite gedreht, als würde er nach hinten schauen. In seinen Klauen hielt er ein Ei.

Eine etwas plumpe Symbolik, aber unzweideutig. Als ich ihn sah, erinnerte ich mich, wann ich ihn gebastelt hatte. Und ich erinnerte mich an das Gespräch, das ich mit Dorothy geführt hatte, als sie klein gewesen war.

Ich nahm den Vogel und betrachtete ihn von allen Seiten. Die Papierkanten waren durch jahrelange Abnutzung weich geworden, sodass sich der Vogel eher wie Cordsamt denn wie Karton anfühlte. Einige der kleineren Federn hatten sich gelöst, ein Zeichen dafür, wie sehr der Vogel geliebt worden war. Und dass nur so wenige Federn fehlten, sagte noch mehr aus über die Bedeutung, die er für Dorothy gehabt hatte.

Auf der anderen Seite des Zaunes, im Schatten der Raketenstartrampe hatte sie mich gefragt, ob ich nach wie vor zum Mars fliegen würde. Ich hatte das bejaht.

Dann hatte sie gefragt: »Werden Sie auf dem Mars Kinder bekommen?«

Sie hatte es nicht wissen können – und wusste es wahrscheinlich immer noch nicht –, dass ich damals gerade ein Gespräch mit Nathaniel geführt hatte, in dem wir beschlossen hatten, keine Kinder zu bekommen. Die Diskussion hatte sich über zwei Jahre hingezogen, und ich hatte es nicht leicht genommen. Ich war immer noch traurig wegen der Entscheidung, obwohl ich wusste, dass sie richtig war.

Die Strahlung, die Reise … Die Sterne würden immer nach mir rufen, und Nathaniel konnte ich um Geduld bitten, aber von einem Kind konnte man das nicht verlangen. Wir hatten geredet und geredet, und ich hatte diesen Adler angefertigt, während ich versuchte, mit meinen widerstreitenden Wünschen klarzukommen. Ich bastelte den Vogel so, dass er zurückschaute zu den Entscheidungen, die hinter ihm lagen, ein Ei in den Klauen.

Und als Dorothy mich gefragt hatte, ob ich auf dem Mars Kinder haben würde, hatte ich das professionelle Lächeln aufgesetzt, das man sich angewöhnt, wenn man bei irdischer Schwerkraft einen siebzig Kilo schweren Raumanzug trägt und ein Fotograf nur noch ein weiteres Bild knipsen will. Ich habe gelernt, trotz Schmerzen zu lächeln, vielen Dank. »Ja, mein Schatz. Jedes Kind, das auf dem Mars geboren wird, wird dank mir dort sein.«

»Was ist mit denen, die hier geboren werden?«

Das Mädchen, das eine Tragödie erlebt hatte, die Vollwaise. Ich hatte mich vor ihr hingekniet und den Adler aus meiner Tasche gezogen. »Die ganz besonders.«

Ich stand in meiner Küche und hob den Kopf, um Nathaniel anzuschauen. Seine Augen wirkten fröhlich. Es brauchte ein, zwei Versuche, bis ich wieder sprechen konnte. »Wusstest du es? Wusstest du, welchen sie bekommen hat?«

»Ich habe es mir gedacht.« Er kam in die Küche, die Gehhilfe rutschte und klapperte, bis er neben mir stand. »Elma, die Sache ist, dass ich in einem Jahr nicht mehr da sein werde, so oder so. Wir haben uns wegen deiner Karriere dazu entschlossen, keine Kinder zu bekommen.«

»Diese Entscheidung haben wir gemeinsam getroffen.«

»Ich weiß.« Er löste eine Hand von der Gehhilfe und legte sie mir auf den Arm. »Etwas anderes will ich auch gar nicht sagen. Ich bitte dich, dass du diese Karriereentscheidung für mich triffst. Ich will, dass du fliegst.«

Ich setzte den Adler wieder zurück in sein Papiernest und fuhr mir mit der Hand über die Augen. »Dann hast du sie also hergelockt, damit sie mir den hier zeigt?«

Nathaniel lachte und klang ein wenig verlegen. »Nein. Ich habe mit Sheldon gesprochen. Heute Nachmittag findet ein Training statt, und ich möchte, dass du dorthin gehst.«

»Ich will dich nicht allein lassen.«

»Das wirst du nicht. Nicht völlig.« Er lächelte schief, und ich konnte in ihm den jungen Mann erkennen, der er einmal gewesen war. »Mein Programm wird dich begleiten.«

»Das ist nicht dasselbe.«

»Es ist das Beste, was ich dir anbieten kann.«

Ich schaute weg und sah, wie Dorothy uns sowohl verwundert als auch erschrocken ansah. Sie errötete, als ich ihrem Blick begegnete. »Ich werde bei ihm bleiben.«

»Ich weiß, und es war nett, dass Sheldon gefragt hat, aber …«

»Nein, ich meine, wenn Sie fliegen … dann werde ich dafür sorgen, dass er nicht allein ist.«

***

Dorothy lebte inmitten der weiten Ebenen des Planeten Mars in dem Haus von Elma, einer Astronautin, und Nathaniel, dem Mann der Astronautin. Ich lebe inmitten des Weltalls in einer winzigen Raumkapsel voller Lochkarten und Magnetbänder. Ich bin nicht allein, obwohl jemand, der mich nicht kennt, das glauben könnte.

Ich habe die Sterne.

Ich habe meine Erinnerungen.

Und ich habe Nathaniels letztes Programm. Wenn es durchgelaufen ist, werde ich einen Adler basteln und meinen Mann fliegen lassen.

Deutsch von Anne-Marie Wachs

 

© 2012 by Mary Robinette Kowal
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
vermittelt durch die Agentur Thomas Schlück in Garbsen

Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Lady Astronaut of Mars« in der Hörbuch-Anthologie Rip-Off! (Audible, 2012) und am 11. September 2013 auf Tor.com, und zwar hier.

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

 

Mary Robinette Kowal schreibt Romane und Erzählungen und ist eine preisgekrönte Puppenspielerin. Gleich ihr erster Roman ›Shades of Milk and Honey‹ (erschienen 2010 bei Tor Books) war für den Nebula Award nominiert, und auch ihre Kurzgeschichten wurden mehrfach ausgezeichnet. ›Die Marsianerin‹ wurde zwar 2013 für den Hugo Award nominiert, aber am Ende nicht zugelassen, da die Erzählung zunächst nur als Teil einer Audioveröffentlichung erschienen war. Nachdem sie dann aber doch in Textform publiziert wurde, gewann die Autorin den Award in der Kategorie »Best Novelette«.

  

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