Kurzgeschichte von Mary Robinette Kowal: Die Marsianerin Teil 1

© William Smith

FICTION

Die Marsianerin (Mary Robinette Kowal), Teil 1/2


Mary Robinette Kowal
05.09.2016

Elma York, die berühmte »Mars-Astronautin«, ist fest davon überzeugt, dass sie aufgrund ihres Alters zum letzten Mal in den Weltraum geflogen ist. Zumal ihr Mann an einer unheilbaren Krankheit leidet und sie ihn nicht alleine lassen möchte. Doch dann wird sie vor eine verhängnisvolle Entscheidung gestellt ...

 

 

Dorothy lebte inmitten der weiten Prärien von Kansas, bei Onkel Henry, einem Farmer, und Tante Em, der Frau des Farmers. Sie sei, erzählte sie, mir zum ersten Mal begegnet, als ich in unmittelbarer Nähe ihrer Farm arbeitete, im Schatten der Raketenstartrampe für die Erste Mars-Expedition.

Daran kann ich mich nicht erinnern.

Sie muss damals ein kleines Mädchen gewesen sein, und Herrgott, da waren so viele kleine Kinder, die sich jenseits des Zauns herumtrieben und uns bei der Arbeit zusahen. Die kleinen Mädchen wollten alle mit der Astronautin sprechen. Mit mir.

Bestimmt habe ich auch mit Dorothy gesprochen, denn ich weiß, dass ich jeden Tag, wenn ich das eingezäunte Gelände betrat oder verließ, stehen geblieben bin und mit ihnen geredet habe, wie er so ist. Mit »er« meine ich den Mars. Was sonst?

Alle unterhielten sich über den Mars. Die Programmierer, die über ihren Lochkarten saßen. Die Lochkartenmädchen, die die endlosen Zeilen Code eintippten. Die Frauen in der Kantine, die Kartoffelbrei und Erbsen ausgaben. Nathaniel mit seinen Berechnungen … Alle sprachen vom Mars.

Dass ich mich also nicht mehr an ein kleines Mädchen erinnerte, das behauptete, ich hätte ihm vom Mars erzählt … nun ja, das ist wohl nicht weiter überraschend. Ich versuchte, mir meine Verwirrung nicht anmerken zu lassen, aber ich wusste, sie konnte sie an meiner Miene ablesen.

Zu diesem Zeitpunkt war Dorothy meine Ärztin. Genauer gesagt, war sie die Geriatrie-Spezialistin, die mich begutachtete. Auf dem Mars. Ich war, so nahm ich an, zu einem Routinecheck gekommen, bei dem geprüft werden sollte, ob ich für den Astronautenjob noch fit genug war. Die NASA brachte ihre Datenbank regelmäßig auf den neuesten Stand, und ich wollte in dieser Datenbank gelistet sein. Zwar bin ich, seit ich die Fünfzig überschritten habe, nicht mehr geflogen, aber in der leisen Hoffnung, sie würden mich wieder in den Weltraum schicken, habe ich meinen Namen auf der Liste belassen und bin zu diesen verdammten Untersuchungen gegangen.

Der Arzt, den wir davor hatten, war in den Ruhestand gegangen und zur Erde zurückgekehrt, und ich war schon drei Mal bei Dorothy in der Praxis gewesen, bevor sie Kansas und die Prärie erwähnte.

Sie spielte an ihrem Klemmbrett herum und räusperte sich. Ihre Wangen waren gerötet, wodurch ihre Augen noch blauer wirkten. »Tut mir leid, Dr. York. Ich hätte es nicht ansprechen sollen.«

»Lassen Sie das mit dem Doktor. Sie sind die Ärztin. Ich bin nur ein Weltraumjockey. Sie können Elma zu mir sagen.« Ich machte eine beschwichtigende Geste mit der Hand. Die schlaffe Haut an meinen Oberarmen wabbelte, und ich ließ die Hand sinken. Mir ist dieses Gefühl zuwider, und Krankenhaushemden machen es nur noch schlimmer. »Ich bin froh, dass Sie es erwähnt haben. Sie haben mich bloß überrascht, mehr nicht. Als ich Sie das letzte Mal gesehen habe, waren Sie gerade mal so ein kleiner Grashüpfer.«

»Sie erinnern sich also an mich?« Oh, diese Hoffnung! Sie war meinetwegen auf den Mars gekommen. Das erkannte ich, klar und deutlich. Irgendetwas, was ich 1952 gesagt oder getan hatte, war der Grund, weshalb dieses Mädchen zur Kolonie gekommen war.

»Natürlich erinnere ich mich an Sie. Wir haben uns doch immer unterhalten, wenn ich das Gelände durch den Zaun betreten oder verlassen habe, nicht wahr? Außer an Schultagen natürlich.« Die Wahrscheinlichkeit, dass ich damit richtig lag, schien mir relativ hoch zu sein.

Dorothy nickte eifrig. »Ich habe immer noch den Adler, den Sie mir gegeben haben.«

»Wirklich?« Verblüfft verstummte ich.

Damals hatte ich, während ich auf Nathaniel wartete, aus alten Lochkarten Papieradler gebastelt. Nathaniels Programme liefen manchmal stundenlang, und er ließ sie ungern aus den Augen. Die Adler waren aus Lochkarten zurechtgeschnitten und in mehreren Lagen aufeinandergeklebt, sodass sie einen dreidimensionalen Vogel ergaben. In der Regel war es ein Vogel mit zum Flug ausgebreiteten Schwingen, und ich habe die Figuren gerne ans Fenster gehängt, wo das Licht durch die Löcher der Lochkarten fiel, sodass der Vogel zu strahlen schien. Für einen Adler brauchte ich zwei bis drei Tage. Man sollte doch meinen, dass ich mich noch daran erinnern würde, wenn ich einem kleinen Mädchen auf der anderen Seite des Zauns einen geschenkt hätte. »Haben Sie ihn hierher mitgenommen?«

»Ich habe ihn in meinem Büro.« Sie stand da, als hätte sie seit der ersten Untersuchung auf diese Frage gewartet. Dann schaute sie mit gerunzelter Stirn auf das Klemmbrett in ihrer Hand. »Wir sollten mit Ihren Tests weitermachen.«

»Gern. Hinausschieben macht es auch nicht besser.« Ich streckte ihr mein Handgelenk entgegen, sodass sie meinen Puls fühlen konnte. Inzwischen wusste ich, wie das lief. »Wie geht es Ihrem Onkel?«

Sie legte ihre Finger auf mein Handgelenk. Sie waren eiskalt. »Tante Em und er sind ums Leben gekommen, als Orion 27 explodiert ist.«

Ich schluckte, entsetzt über meine schlechte Erinnerung. DAS kleine Mädchen war sie also gewesen. Sie hatte mir alles gesagt, was ich wissen musste, und mein altes Gehirn war einfach zu träge gewesen, um den Zusammenhang herzustellen. Ich fragte mich, ob sie sich das wohl notierte und ich deshalb auf dem Mars bleiben musste.

Dorothy hatte mit ihrem Onkel Henry und ihrer Tante Em auf einer Farm mitten in der Prärie von Kansas gelebt. Als Orion 27 in Gestalt eines Feuerballs vom Himmel kam, herrschte gerade Dürre. Die größten Teile waren auf einer Farm zu Boden gegangen.

Orion 27 hatte keine Gebäude unter sich begraben, aber es wäre ein Segen gewesen, wenn es so gekommen wäre, denn das hätte dafür gesorgt, dass die Leute in den Gebäuden nicht bei lebendigem Leibe verbrennen mussten.

Ich schloss die Augen und sah die Ärztin nun als das kleine Mädchen vor mir, das ich bis eben vergessen hatte. Mit langen braunen Zöpfen und einer Jeans, die eine Nummer zu groß für sie war, die Hosenbeine hochgekrempelt, sodass man die Söckchen und Turnschuhe sehen konnte.

Irgendwer hatte auf sie gedeutet. »Das kleine Mädchen von der Williams-Farm.«

Ich hatte sie schon vorher einmal gesehen, aber so, wie man jeden Tag Leute sieht, von denen man keine rechte Notiz nimmt. Sogar damals, als jemand mit der Hand auf sie zeigte, hatte sie sich nicht von der Menge abgehoben. Wenn man sie so ansah, deutete nichts darauf hin, dass sie erst kürzlich eine Tragödie durchgemacht hatte. Wahrscheinlich war es bei ihr noch nicht angekommen.

Ich löste mich aus dem Kreis der Reporter und Berater, die mir gefolgt waren, und ging zu dem Mädchen. Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute zu mir hoch. Ich war nämlich eine große Frau, müssen Sie wissen.

Ich weiß noch, wie sie mit ihrer hohen Kinderstimme fragte: »Fliegen Sie trotzdem zum Mars?«

Ich hatte genickt. »Vielleicht kannst du das auch irgendwann einmal.«

Sie hielt den Kopf etwas zur Seite geneigt, als würde sie nachdenken. Ich erinnere mich nicht mehr, was sie mir antwortete. Ich weiß, sie muss etwas gesagt haben. Ich weiß, dass wir uns bestimmt länger unterhalten haben, weil ich ihr diesen verdammten Adler gegeben habe. Aber was wir gesagt haben … das wollte mir partout nicht einfallen.

Während die Dorothy von heute meinen Ärmel hochschob und mir die Blutdruckmanschette anlegte, musterte ich sie. Sie hatte immer noch dieselben dunklen Haare wie in ihrer Kindheit, aber sie trug sie jetzt kurz, und in der schwachen Mars-Gravitation umspielten sie ihren Kopf wie der Flaum ein Vogelküken.

Ihre Augen hatten die gleiche Form wie damals, aber das war es auch schon. Ihre Wangen waren schon lange nicht mehr weich und rund. Sie hatte jetzt hohe Wangenknochen und eine Kieferpartie, die etwas zu ausgeprägt war, um schön zu sein. Über der linken Augenbraue hatte sie eine feine weiße Narbe.

Sie lächelte mich an und löste die Manschette. »Ihr Blutdruck ist besser geworden. Sie haben wohl seit dem letzten Mal Sport getrieben.«

»Ich tue das, was meine Ärztin mir rät.«

»Wie geht es Ihrem Mann?«

»Unverändert.« Ich wich dem Thema aus, obwohl sie als seine Ärztin das Recht hatte, sich danach zu erkundigen. »Wie alt waren Sie, als Sie hierhergekommen sind?«

»Sechzehn. Wir hätten eigentlich schon früher kommen sollen, aber … na ja.« Sie zuckte mit den Schultern, und das sprach Bände darüber.

»Ihr Onkel, oder?«

Sie schüttelte überrascht den Kopf. »Nein. Mom und Dad. Wir hätten schon beim ersten Schiff zur Kolonie dabei sein sollen, aber ein Holzlaster hat seine Ladung verloren.«

Völlig entgeistert starrte ich sie an. Wenn sie beim ersten Schiff zur Kolonie hätte dabei sein sollen, dann mussten ihre Eltern kurz vor dem Absturz von Orion 27 gestorben sein. Ich fuhr mir mit der Zunge über die Lippen. »Wo haben Sie nach dem Tod Ihrer Tante und Ihres Onkels gelebt?«

»Bei meinem Cousin. Ihrem Sohn.« Dorothy griff nach einer Spritze, die sie mitgebracht hatte. »Heute muss ich etwas Blut abnehmen.«

»Am linken Arm sind die Venen besser.«

Als sie die Stelle mit einem Tupfer desinfizierte, wandte ich den Blick ab und schaute auf ein Plakat an der Wand, das dazu aufrief, Vitamin D als Nahrungsergänzung zu sich zu nehmen. Die meisten Menschen bekamen hier nicht genug Licht.

Aber die Sterne … wenn man sie sehen konnte, waren sie ein herrlicher Anblick. War Dorothy deshalb auf den Mars ausgewandert?

*** 

Als ich vom Arzt – von Dorothy – nach Hause kam, war die Pflegerin gerade dabei, Nathaniel mit einem Schwamm zu waschen, sie war fast fertig. Genevieve schaute mit tropfenden Händen aus der Schlafzimmertür.

»Ah, hallo, Miss Elma. Heute haben wir einen wirklich guten Tag, nicht wahr, Mr Nathaniel?« Ihr Lächeln hätte einen ganzen Hangar ausleuchten können, so strahlend war es.

»Stimmt.« Wenn man ihn nicht sah, klang Nathaniel gesund und munter. »Genevieve hat mir einen neuen Witz beigebracht. Wie geht er nochmal?«

Sie ging zurück ins Schlafzimmer. »Was sieht ein Astronaut bei der Eisenbahn? Ein unbekanntes Zugobjekt.«

Nathaniel lachte, doch es war nur ein ganz leichtes Röcheln zu hören. Ich streifte im Vorraum die Schuhe ab, um den allgegenwärtigen Marssand nicht in die Wohnung zu tragen, ging in die Küche und lehnte mich an die Tür zum Schlafzimmer. Früher einmal war das Nathaniels Büro gewesen, aber wir hatten ein Schlafzimmer im Erdgeschoss gebraucht. »Der ist wirklich gut.«

Nathaniel saß auf der Bettkante auf einem Handtuch, während Genevieve ihn wusch. Jetzt, wo er kein Hemd trug, sah man, wie sich unter seiner Haut die Rippen abzeichneten. Das schlaff gewordene Fleisch an seinen Armen ließ jeden einzelnen Knochen deutlich hervortreten. Nathaniels Hände zitterten, obgleich er sie nur neben sich auf dem Bett ruhen ließ. Er grinste mich an.

Das gleiche Grinsen. Die gleichen hellblauen Augen, deren Blick über die Lochkarten geglitten war, als er die Pläne für den Start ausgearbeitet hatte. Es war, als hätte jemand seine Gesichtszüge auf einen Fremden übertragen. »Wie ist der Arztbesuch gelaufen?«

»Das Übliche. Bis auf … bis auf die Neuigkeit, dass unsere Ärztin neben der Startrampe in Kansas gewohnt hat.«

»Dr. Williams?«

»Eben die. Ich bin ihr offensichtlich begegnet, als sie ein Kind war.«

»Wirklich?« Genevieve drückte den Schwamm über dem Waschbecken aus. »Zeigt das nicht wieder einmal, wie klein das Sonnensystem ist?«

»So klein nun auch wieder nicht.« Nathaniel griff nach seinem Hemd, das neben ihm auf dem Bett lag. Seine zittrigen Hände glitten über den Stoff.

»Das mache ich schon. Ich muss das hier nur schnell wegräumen.« Genevieve eilte aus dem Zimmer.

Ich rief ihr hinterher: »Schon gut. Ich kann ihm helfen.«

Während ich ihm einen Ärmel über den Arm zog, senkte Nathaniel den Kopf, verbarg diese wunderschönen Augen. Inzwischen war ihm Flanellstoff lieber. Früher hatte er ihn gehasst. Er hatte zur Arbeit gern gestärkte weiße Hemden getragen und eine schicke Krawatte, und an freien Tagen ein kurzärmeliges Hawaiihemd. Zuerst dachte ich, er mochte Flanell, weil ihm fortwährend kalt war. Später wurde mir klar, dass der dickere Stoff seine Zerbrechlichkeit ein wenig kaschierte. Als ich mich über seinen Rücken beugte, um ihm das Hemd umzulegen, konnte ich seine Rückenwirbel zählen.

Nathaniel räusperte sich. »Also, du bist ihr begegnet, hm? Oder sie dir? Es gab damals eine Menge kleiner Kinder, die uns zugeschaut haben.«

»Beides stimmt. Ich habe ihr einen von meinen Papieradlern gegeben.«

Er hob den Kopf. »Wirklich?«

»Sie war auf der Williams-Farm, als Orion 27 runtergekommen ist.«

Er zuckte zusammen. Nach all den Jahren fühlte Nathaniel sich immer noch verantwortlich. Er hatte die Rakete nicht programmiert. Sie hatten ihn darum gebeten, aber er war zu sehr mit der Ersten Mars-Expedition beschäftigt gewesen und hatte deshalb abgelehnt. Es war nur eine Versorgungsrakete für den Mond gewesen, und es hatte keinen Grund gegeben anzunehmen, dass dafür irgendetwas Besonderes nötig war.

Ich knöpfte Nathaniel den Hemdkragen zu. Mit dem Handrücken berührte ich dabei die schlaffe Haut an seinem Kinn. »Ich glaube, sie war zu schüchtern, es bei meinem vorherigen Besuch zu erwähnen.«

»Aber sie hat dir eine einwandfreie Gesundheit attestiert?«

»Ein paar Testergebnisse fehlen noch.« Ich wich seinem Blick aus; mir war es zuwider, dass ich gesund war und er … er nicht.

»Es muss ziemlich gut ausgefallen sein. Sheldon hat angerufen.«

Ich spürte einen Adrenalinstoß, und mein Herz setzte einen Schlag aus. Sheldon Spender hatte angerufen. Der Einsatzleiter im Bradbury Space Center auf dem Mars hatte nicht mehr angerufen seit … Nein, das stimmte nicht. Er hatte mich jahrelang nicht angerufen und mir mit seinem Schweigen zu verstehen gegeben, dass ich nicht mehr fliegen würde. Mit Nathaniel führte er immer noch dienstliche Telefonate. Für einen Programmierer war das Alter kein Grund, nicht mehr zu arbeiten, aber für eine Astronautin bedeutete es, zum Teufel nochmal, das Ende der aktiven Zeit. Und doch hatte ich immer noch diese leise Hoffnung, jedes Mal, wenn Sheldon anrief, dass es diesmal für mich sein könnte. Ich glättete den Flanellstoff über Nathaniels Schultern. »Haben sie ein neues Projekt für dich?«

»Er wollte dich sprechen. Die Notiz liegt auf dem Küchentresen.«

Genevieve rauschte zurück ins Zimmer und plapperte munter daher. Irgendetwas über ihren Cousin und dass sie ihre Nachbarn auf der Venus treffen würden. Ich stand auf und ging in die Küche, während sie Nathaniel fertig ankleidete.

Sheldon hatte mich sprechen wollen? Ich nahm die Notiz von der Anrichte. In Genevieves runder Handschrift stand dort bloß die Bitte, er würde gerne mit mir zu Mittag essen. Der Ort sprach jedoch Bände. Sheldon hatte ein Lokal neben dem Raumfahrtzentrum gewählt, das niemand aus der Branche besuchte, weil dort immer so ein Touristengedränge herrschte. Es war ein passender Ort, um Geschäftsgespräche zu führen, ohne dass es wie ein Geschäftsgespräch wirkte. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, was Sheldon von mir wollte.

*** 

Die Frage beschäftigte mich, bis ich durch die Tür von Yuri‘s Spot trat. Die Wände waren mit Unmengen von Andenken und signierten Fotos von Astronauten dekoriert. In der Ecke neben einem eingestaubten Ficus-Bäumchen hing ein frühes Pressefoto, das mich auf der Kante von Nathaniels Schreibtisch sitzend zeigte. Trotz des Raumanzugs, den ich trug, lag mein Haar in makellosen weichen Wellen. Das wäre nie der Fall gewesen, wenn ich wirklich gearbeitet hätte. Ich band es normalerweise mit einem Tuch zurück, aber das hätte nicht dem Bild entsprochen, das die Öffentlichkeit sehen wollte.

Nathaniel hielt eine Lochkarte in der Hand, als würde er mir einen wichtigen Programmschritt zeigen. Das war ebenfalls gestellt, denn die Karten waren einzeln für sich genommen bedeutungslos, aber für die Öffentlichkeit waren sie damals ein Inbegriff für ›Die Wissenschaft‹ schlechthin. Ich glaube, das ist der Grund, weshalb wir beide auf dem Foto lachen, aber man hatte es als »Freude an der Raumfahrt« verkauft.

Das entlockte mir auch dreißig Jahre später noch ein Kichern.

Sheldon trat einen Schritt von der Wand zurück und hatte mein Lächeln offenbar falsch verstanden. »Sie sehen gut gelaunt aus.«

Ich deutete mit einer Kopfbewegung auf das Foto. »Ich lache nur über alte Erinnerungen.«

Er blickte sich um, und in seinen Augenwinkeln zeigten sich beim Lächeln kleine Fältchen. »Wie geht es Nathaniel?«

»Unverändert, mehr kann man im Augenblick nicht erwarten.«

Sheldon nickte und deutete auf eine Ecknische, führte mich an einer Familie mit fünf Kindern vorbei, die offensichtlich gerade vom Raumfahrtzentrum gekommen war. Das jüngste der Mädchen steckte die Nase in ein Bilderbuch über das frühe Raumfahrtprogramm. Keines der Familienmitglieder nahm Notiz von mir.

Es gab eine Zeit, da konnte ich auf dem Mars keinen Schritt tun, ohne als ›Die Astronautin‹ erkannt zu werden. Jetzt, dreißig Jahre nach der Ersten Expedition, war ich einfach nur eine alte Frau, deren kleine Statur verriet, dass sie auf der Erde geboren war.

Wir setzten uns und gaben unsere Bestellungen auf. Ich glaube, ich entschied mich für Fish and Chips, weil das auf der Karte ganz oben stand, und alles, woran ich denken konnte, war die Frage, weshalb Sheldon angerufen hatte.

Offenbar wollte er sehen, wie lange es brauchen würde, bis ich einknickte und ihn fragte, was er wollte. Es dauerte eine Weile, bis ich merkte, dass er das Gespräch immer wieder auf Nathaniel brachte. Hatte er Schmerzen?

Ja, natürlich.

Hatte er Schlafprobleme?

Ja.

Sogar mit der Frage: »Wie kommen Sie so zurecht?« fragte er nach Nathaniel. Ich verstand nicht, worauf er hinauswollte, bis Sheldon schwieg, seinen Kaninchenburger halb gegessen zur Seite legte und dann unverblümt fragte: »Hat man ihm schon ein Datum genannt?«

Ein Datum. Es gab nur ein Datum von Belang, das in einer Reihe anderer Meilensteine auf dem Weg zum Tode von Relevanz war, aber ich tat so, als hätte er sich unklar ausgedrückt, um ihn ein wenig zu verletzen. »Meinen Sie bis zur Lähmung, für das Hospiz oder bis zum Tod?«

Er zuckte mit keiner Wimper. »Bis zum Tod.«

»Wir glauben, er hat noch etwa ein Jahr.« Ich hatte mein Gesicht unter Kontrolle, so wie wenn man mit dem Flugkontrollzentrum über einen abgebrochenen Start spricht. Je schlimmer es wurde, desto ruhiger wurde meine Stimme. »Er kann immer noch arbeiten, wenn Sie das meinen.«

»Nein.« Sheldon wandte zu meiner Überraschung den Blick ab, schaute in sein Glas Wasser mit Eiswürfeln und drehte das Glas in dem Kondenswasserfleck, der sich darunter gebildet hatte. »Ich will wissen, ob Sie noch arbeiten können.«

Ich holte Luft, wollte sagen, Herrgott, ja, ich könnte arbeiten und ich würde alles tun, was er verlangte, wenn er mich wieder in den Weltraum schicken würde. Beim Ausatmen dachte ich an Nathaniel. Ich konnte nicht Ja sagen. »Deshalb also Ihre Fragen nach dem körperlichen Befinden.«

»Jepp.«

»Sheldon, ich bin dreiundsechzig.«

»Ich weiß.« Er drehte wieder das Glas. »Haben Sie die Neuigkeiten über LS-579 mitbekommen?«

»Den extrasolaren Planeten – ja.« Ich durfte zwar nicht fliegen, aber das hieß nicht, dass mich die Sterne nicht kümmerten.

»Wussten Sie, dass wir annehmen, er ist bewohnbar?«

Ich starrte ihn mit offenem Mund an, und es begann in mir zu rattern wie bei einer Maschine, die die Lochkarten einliest. »Sie planen eine Mission dorthin?«

»Wenn das so wäre, hätten Sie Interesse, dabei zu sein?«

Wieder in den Weltraum? Mein Gott, ja. Aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht. Ich … Deshalb hatte er wissen wollen, wann mein Mann sterben würde. Ich schluckte, bevor ich etwas sagte. Es klang gleichgültig. »Ich bin dreiundsechzig.« Was meine Art war, Sheldon zu fragen, warum er mich losschicken wollte.

»Es würde drei Jahre im Weltraum bedeuten.« Jetzt schaute er wieder hoch und musste nicht weiter erklären, warum sie einen alten Piloten dabei haben wollten.

So lange im Weltraum? Es ist ganz egal, wie viel Strahlungsschutz man hat, so etwas geht nicht spurlos an einem vorbei. Das Risiko, innerhalb der nächsten fünfzehn Jahre an Krebs zu erkranken, war immens. Man kann von keinem jungen Astronauten verlangen, sich auf so etwas einzulassen. »Verstehe.«

»Wir haben die Ressourcen, um ein kleines Raumschiff hinzuschicken. Es kann nicht unbemannt sein, weil die Programmierung zu kompliziert ist. Ich brauche einen Astronauten, der in die Raumkapsel passt.«

»Und Sie brauchen jemanden, der sich nicht darum sorgt, ob er die Reise überleben wird.«

»Nein.« Er verzog das Gesicht. »Aus PR-Sicht brauche ich einen Astronauten, den die Öffentlichkeit liebt. Wenn wir zum Schluss sagen, dass wir Sie auf diese Mission losgeschickt haben, wird man uns nachsehen, dass wir die Sache geheim gehalten haben.« Sheldon räusperte sich und begann, mich über die Mission Langes Leben zu briefen.

Vielleicht sollte ich hier besser unterbrechen und erklären, worum es sich bei der Mission Langes Leben handelt. Möglicherweise wissen Sie das nicht.

Da gibt es einen bewohnbaren Planeten. Einen extrasolaren, nur wenige Lichtjahre von uns entfernt. Es gibt eine Abschussvorrichtung, mit der man ein Schiff bis knapp unter Lichtgeschwindigkeit beschleunigen kann. Ein kleines Raumschiff. Groß genug für eine Person.

Aber das alleine ermöglicht noch nicht die Mission Langes Leben. Man braucht ein Tesseraktfeld. Wir können uns nicht schneller als das Licht fortbewegen, wohl aber im Universum Abkürzungen nehmen. Die Physiker haben es mir wie einen U-Bahn-Tunnel beschrieben. Der Tesserakt krümmt den Raum und macht es möglich, dass das Schiff zur nächsten U-Bahn-Station fliegt. Der Trick dabei ist, dass man weit genug von einem Planeten entfernt sein muss, bevor man den Raum krümmen kann, und dann … das ist das Schwierigere daran … braucht man ein Tesseraktfeld am anderen Ende. Sobald das steht, muss man lediglich in die Umlaufbahn kommen, und die Reise vom Mars bis zu LS-579 dauert gerade einmal drei Wochen.

Aber man muss jemanden zu dem Planeten schicken, um den zweiten Tesserakt zu erzeugen.

Und sie wollten diesen Plan vor der Öffentlichkeit geheim halten, nur für den Fall, dass er misslingen sollte.

Ganz anders als zu den Zeiten der Ersten Mars-Expedition. Damals war ein Asteroid auf Washington D.C. gestürzt und hatte das Kapitol ausgelöscht. Das machte der ganzen Welt deutlich, wie gefährdet unser Dasein auf der Erde war. Die Nationen schlossen sich zusammen, und als der Landwirtschaftsminister, der sich durch die Nachfolgeregelung plötzlich in der Rolle des Präsidenten wiederfand, sagte, wir müssten den Planeten verlassen, da hörten ihm die Leute zu. Wir stiegen zu den Sternen auf. Der potenzielle Verlust eines Astronauten gehörte einfach nur zum Risiko. Und jetzt? Jetzt ist so viel Zeit vergangen, dass die Menschen allmählich vergessen, dass die Gefahr immer noch besteht. Dass wir weiterhin auf Entdeckungsreise gehen müssen.

Sheldon hörte auf zu reden und schaute nur zu, wie ich alles verarbeitete.

»Ich muss darüber nachdenken.«

»Ich weiß.«

Dann schloss ich die Augen, und mir wurde klar, dass ich Nein sagen musste. Es war egal, was ich von der Reise hielt oder von der Möglichkeit, wieder ins Weltall zu kommen. Das Startdatum, von dem er sprach, bedeutete, dass ich sofort mit dem Training hätte beginnen müssen. »Ich kann nicht.« Ich öffnete die Augen und starrte an die Wand, wo noch immer das Pressefoto von mir und Nathaniel hing. »Ich muss ablehnen.«

»Reden Sie mit Nathaniel.«

Ich verzog das Gesicht. Er würde mir sagen, ich soll es tun. »Ich kann nicht.«

 

 

Deutsch von Anne-Marie Wachs

 

© 2012 by Mary Robinette Kowal
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin
vermittelt durch die Agentur Thomas Schlück in Garbsen

Erstveröffentlichung unter dem Titel »The Lady Astronaut of Mars« in der Hörbuch-Anthologie Rip-Off! (Audible, 2012) und am 11. September 2013 auf Tor.com, und zwar hier.

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten


Mary Robinette Kowal schreibt Romane und Erzählungen und ist eine preisgekrönte Puppenspielerin. Gleich ihr erster Roman ›Shades of Milk and Honey‹ (erschienen 2010 bei Tor Books) war für den Nebula Award nominiert, und auch ihre Kurzgeschichten wurden mehrfach ausgezeichnet. ›Die Marsianerin‹ wurde zwar 2013 für den Hugo Award nominiert, aber am Ende nicht zugelassen, da die Erzählung zunächst nur als Teil einer Audioveröffentlichung erschienen war. Nachdem sie dann aber doch in Textform publiziert wurde, gewann die Autorin den Award in der Kategorie »Best Novelette«.

 

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