Zweite Person Gegenwart - Surreal Traum Frau

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FICTION

Zweite Person – Gegenwart (Daryl Gregory)


Trotz aufwändigster Forschungen wissen wir noch immer nicht so genau, wie unser Gehirn funktioniert. Was passiert, wenn wir Entscheidungen fällen? Fällen wir sie tatsächlich selbst, oder folgen wir nur einem Programm, das in unserem Verstand abläuft? Und was für Folgen hat das wiederum für unser Verständnis von Verantwortung – und Liebe ...? Eine Erzählung von Daryl Gregory.

***

Wenn ihr denkt: »Ich atme«, so ist das »Ich« ein Zusatz. Es gibt kein Du, das »Ich« sagen könnte. Was wir Ich nennen, ist nichts als eine Drehtür, die sich bewegt, wenn wir ein- und ausatmen.

Shunryu Suzuki

 

Ich hielt das Gehirn für das wichtigste Organ im Körper, bis mir klar wurde, wer mir das eingab.

Emo Phillips

*** 

Als ich das Büro betrete, lehnt Dr. S am Schreibtisch und redet eindringlich mit den Eltern des toten Mädchens. Er ist nicht eben guter Laune, aber als er aufschaut, schenkt er mir ein Lächeln. »Und hier ist sie«, sagt er, wie ein Gameshow-Moderator, der den großen Preis enthüllt. Die Leute in den Sesseln drehen sich um, und Dr. Subramaniam gibt mir hinter ihrem Rücken einen ermutigenden Wink.

Der Vater steht zuerst auf, ein Mann mit fleckiger Haut, kantigem Kinn und einem straffen Bauch, den er gleich einem Basketball vor sich herträgt. Wie schon bei unseren vorherigen Besuchen blickt er einigermaßen finster drein, darum bemüht, seinen Gesichtsausdruck seinen Gefühlen anzupassen. Die Mutter dagegen weint bereits, und in ihrem Gesicht stehen wie in einem Buch: Freude, Angst, Hoffnung, Erleichterung. Alles ganz schön übertrieben.

»Ach, Therese«, sagt sie. »Kommst du nun nach Hause?«

Ihre Tochter hieß Therese. Vor zwei Jahren ist sie an einer Überdosis gestorben, und seitdem sind Mitch und Alice Klass Dutzende Male ins Krankenhaus gekommen, um nach ihr zu suchen. Sie wollen unbedingt, dass ich ihre Tochter bin, und deshalb bin ich es in ihren Köpfen auch.

Meine Hand ruht noch auf der Türklinke. »Hab ich eine Wahl?« Auf dem Papier bin ich erst siebzehn. Ich habe kein Geld, keine Kreditkarten, keinen Job, kein Auto. Mir gehören nur ein paar Kleidungsstücke. Außerdem steht Robierto, der stämmigste Pfleger vom ganzen Trakt, hinter mir im Flur und versperrt mir den Fluchtweg.

Thereses Mutter scheint für einen Moment den Atem anzuhalten. Sie ist eine dünne, schmalknochige Frau, die groß wirkt, bis sie neben einem steht. Mitch hebt die Hand, um sie ihr auf die Schulter zu legen, lässt sie dann aber wieder sinken.

Wie immer, wenn Alice und Mitch zu Besuch sind, komme ich mir vor, als wäre ich mitten in eine Seifenoper gestolpert, und keiner hat mir meinen Text gegeben. Ich schaue Dr. S direkt an; sein Gesicht ist zu einem professionellen Lächeln erstarrt. Während der letzten Jahre konnte er sie mehrmals überzeugen, mich länger hierbleiben zu lassen, aber jetzt hören sie nicht mehr auf ihn. Sie sind meine gesetzlichen Vormunde, und sie haben andere Pläne. Dr. S wendet den Blick von mir ab und reibt sich die Nasenflügel.

»Das dachte ich mir«, sage ich.

Der Vater runzelt die Stirn. Die Mutter bricht erneut in Tränen aus, und sie weint die ganze Zeit, während wir das Gebäude verlassen. Dr. Subramaniam sieht vom Eingang aus zu, wie wir wegfahren, die Hände in den Taschen. Ich war noch nie in meinem Leben so wütend auf ihn – die ganzen zwei Jahre nicht.

*** 

Die Droge heißt Zen oder Zombie oder einfach nur Z. Dank Dr. S habe ich eine ziemlich klare Vorstellung davon, wie sie Therese getötet hat.

»Dreh deine Augen nach links«, forderte er mich eines Nachmittags auf. »Und dann wieder ganz schnell nach rechts. Hast du gesehen, wie das Zimmer verschwimmt, als sich deine Augen bewegten?« Er wartete, bis ich es noch einmal getan hatte. »Nein, hast du nicht. Niemand sieht es.«

Das gehört zu den Dingen, die Neurologen wütend machen. Nicht nur, dass keiner das Verschwimmen sieht. Das Gehirn blendet es komplett aus. Springt drüber hinweg – Blick nach links, Blick nach rechts, nichts dazwischen – und manipuliert dann das Zeitgefühl der Person, sodass man nicht einmal etwas zu vermissen scheint.

Die Wissenschaftler nahmen also an, dass das Gehirn ständig Dinge ausblendet. Sie verkabelten Patienten und sagten ihnen, sie sollten ihren Finger heben und ihn bewegen, wann immer sie wollten. Das Gehirn schickte den Befehl an den Finger jedes Mal bis zu 120 Millisekunden früher los, bevor sich der Patient bewusst für eine Bewegung entschied. Dr. S sagte, man könne sehen, wie sich das Gehirn warmlief, bevor der Patient bewusst Jetzt dachte.

Das ist verrückt, aber es wird noch verrückter, je länger man darüber nachdenkt. Und ich habe eine Menge drüber nachgedacht.

Das Bewusstsein – das »Ich«, das denkt: Hee, ich bin durstig, ich greife jetzt gleich nach diesem Glas voll kaltem Wasser – hat eigentlich gar nichts entschieden. Der Befehl, die Hand zu bewegen, ist in dem Moment, in dem du bemerkst, dass du überhaupt durstig bist, bereits halb deinen Arm hinabgesaust. Das Denken geschieht nachträglich. Ach übrigens, sagt das Gehirn, wir haben beschlossen, deinen Arm zu heben, also denke bitte daran, ihn zu heben.

Der Zeitraum, der dabei vergeht, beträgt normalerweise 120 Millisekunden, höchstens. Auf Zen sind es Minuten. Stunden.

Begegnet man jemandem, der auf Zen ist, wird man es kaum bemerken. Das Gehirn desjenigen trifft weiterhin Entscheidungen, und der Körper befolgt weiterhin Befehle. Du kannst mit ihnen reden und sie mit dir. Ihr könnt euch Witze erzählen, einen Hamburger essen gehen, Hausaufgaben machen, miteinander schlafen.

Aber dein Gegenüber ist sich dessen nicht bewusst. Es gibt kein »Ich« in ihm. Genauso gut könnte man mit einem Computer reden. Und zwei Leute auf Zen – »Du« und »Ich« – sind nur Marionetten, die mit Marionetten reden.

***

Ein Mädchenzimmer, das erste Anzeichen aufweist, dass ein Teenager darin gewohnt haben könnte. Kuscheltiere bevölkern die Regale und Fenstersimse, Schulter an Schulter mit Stapeln von Christenrock-CDs und Haarbürsten und Nagellackflaschen. Poster aus der Teen People hängen an der Wand, gleich neben einer Pinnwand. Die Pinnwand quillt über vor Fußballbändchen und Gymnastik-Jugendliga-Medaillen, die bis zur zweiten Klasse zurückreichen. Über dem Schreibtisch eine Plakette mit der Aufschrift »Ich gelobe ...«, die die christliche Jugend ermahnt, vor der Ehe sexuell enthaltsam zu leben. Und überall an die Wände geklebt und geheftet Photos: Therese im Bibellager, Therese auf dem Hochbarren, Therese umarmt ihre Freundinnen aus der Jugendgruppe. Jeden Morgen durfte sie ihre Augen öffnen und tausend Erinnerungen vor sich sehen, wer sie ist, wer sie war und wer sie werden sollte.

Ich greife mir den großen Panda, der auf dem Bett den Ehrenplatz einnimmt. Er wirkt älter als ich, und der Pelz auf seinem Gesicht ist abgewetzt bis zur Füllung. Die Knopfaugen hängen an weißem Faden – sie wurden genäht, vielleicht mehr als einmal.

Thereses Vater setzt die armselige kleine Tasche ab, die alles enthält, was ich aus dem Krankenhaus mitgenommen habe: Waschsachen, ein wenig Kleidung zum Wechseln und fünf der Bücher von Dr. S. »Anscheinend hat der alte Buh-Bär auf dich gewartet«, sagt er.

»Buh W. Bär.«

»Ja, Buh W!« Es freut ihn, dass ich das weiß. Als würde das irgendwas beweisen. »Weißt du, deine Mutter hat diesen Raum jede Woche abgestaubt. Sie hat nie daran gezweifelt, dass du zurückkommst.«

Ich war nie hier, und sie kommt nicht zurück, aber schon jetzt macht es mich völlig fertig, dauernd die Pronomina zu korrigieren. »Das war nett von ihr«, sage ich.

»Sie hatte viel Kummer deswegen. Sie wusste, dass die Leute reden und sie vielleicht dafür verantwortlich machen – uns beide, eigentlich. Und sie hatte Angst, dass diese Leute Dinge über dich sagen. Sie ertrug es nicht, dass sie dich vielleicht für ein wildes Mädchen halten.«

»Sie?«

Er blinzelt. »Die Kirche.«

Ah. Die Kirche. Dieser Ausdruck beinhaltete so viele Gefühle und Bedeutungen für Therese, dass ich schon vor Monaten aufgehört hatte, sie auseinderzuklauben. Die Kirche, das war das backsteinrote Ziegelhaus der ›Davenport Church of Christ‹, staubige Lichtstrahlen, die durch Reihen großer, glänzender Fenster in der Form von Grabsteinen hereinfielen. Die Kirche war Gott und der Heilige Geist (aber nicht Jesus – der war näher, irgendwie was Besonderes). In erster Linie aber war die Kirche die Gemeinde, Dutzende und Aberdutzende von Menschen, die sie bereits vor ihrer Geburt kannten. Sie liebten sie, beschützten sie und fällten ein Urteil über jede ihrer Taten. Es war, als hätte man hundert überfürsorgliche Eltern.

Fast muss ich lachen. »Die Kirche hält Therese für wild?«

Er runzelt die Stirn, aber ob deswegen, weil ich die Kirche beleidigt habe oder weil ich von seiner Tochter weiterhin mit Namen rede, ist mir nicht klar. »Natürlich nicht. Es liegt nur daran, dass du vielen Leuten Kummer bereitet hast.« Seine Stimme hat jetzt einen nüchternen Ton angenommen, der es wahrscheinlich immer geschafft hat, seine Tochter zu zermürben. »Du musst wissen – die Gemeinde hat jede Woche für dich gebetet.«

»Ach, echt?« Ich kenne Therese gut genug, um sicher zu sein, dass sie beleidigt gewesen wäre. Sie betete für andere, nicht andere für sie.

Thereses Vater mustert mich, ob ich Zeichen er Scham zeige, ein paar Tränen vielleicht. Von Reue sollte es nur ein kurzer Schritt zu einem Bekenntnis sein. Es fällt mir schwer, irgendetwas von alledem ernst zu nehmen.

Ich setze mich auf das Bett und versinke in den Matratzen. Das wird so nicht gehen. Das Doppelbett nimmt fast den gesamten Raum ein, mit nur ein, zwei Metern freiem Platz drum herum. Wo soll ich meditieren?

»Also«, sagt Thereses Vater. Seine Stimme ist sanfter geworden. Vielleicht glaubt er, einen Sieg errungen zu haben. »Du willst dich bestimmt umziehen«, sagt er.

Er schlendert zur Tür, aber geht nicht hinaus. Ich stehe am Fenster, aber ich spüre ihn dort, wie er wartet. Die ganze Situation ist so seltsam, dass ich mich schließlich umdrehe.

Er blickt zu Boden, eine Hand im Nacken. Therese hätte vielleicht seine Stimmung erahnt, aber ich kann das nicht.

»Wir wollen dir helfen, Therese. Aber es gibt so vieles, was wir nicht verstehen. Woher du die Drogen hattest, warum du mit diesem Jungen abgehauen bist, wieso du ...« Seine Hand zuckt hoch, eine unterdrückte Geste, die Wut bedeuten kann oder Hilflosigkeit. »Es ist so ... schwer.«

»Ich weiß«, sage ich. »Auch für mich.«

Er macht die Tür zu, als er geht, und ich schmeiße den Panda auf den Fußboden und lasse mich erleichtert rücklings aufs Bett fallen. Armer Mr. Klass. Er will doch nur wissen, ob seine Tochter vom Glauben abgefallen ist oder gestoßen wurde.

*** 

Wenn ich mich echt kirre machen will, denke »Ich« über »mich«, wie »Ich« daran denke, ein »Ich« zu haben. Das Einzige, was noch dümmer ist als Marionetten, die mit Marionetten reden, ist eine Marionette, die mit sich selbst spricht.

Dr. S sagt, dass keiner weiß, was der Verstand ist oder wie das Gehirn ihn hervorbringt. Und keiner weiß wirklich was über Bewusstsein. Wir haben uns fast jeden Tag unterhalten, während ich im Krankenhaus war, und als er merkte, dass ich mich für diese Sachen interessierte – wie konnte ich das nicht –, gab er mir Bücher, und dann redeten wir über Gehirne und wie sie sich Gedanken einfallen lassen und Entscheidungen fällen.

»Wie erkläre ich das nur«, beginnt er immer. Und dann versucht er es mit den ganzen Metaphern, die er sich für sein Buch ausgedacht hat. Am besten gefällt mir die mit dem Parlament, dem Pagen und der Königin.

»Das Gehirn ist natürlich nicht nur eine einzige Sache«, erklärte er da. »Es besteht aus Millionen von Neuronen, und die sind auf Hunderte von aktiven Abschnitten verteilt. Genau so ist es mit dem Verstand. Es gibt Dutzende von Knoten im Verstand, und jeder versucht, die anderen zu übertönen. Bei jeder Entscheidung macht der Verstand einen irren Lärm, und das verursacht ... wie erkläre ich das nur ... Hast du auf C-SPAN je das Britische Parlament gesehen?« Natürlich hatte ich: Im Krankenhaus ist das Fernsehen allgegenwärtig. »Die ganzen Mitglieder im Parlament deines Verstandes schreien in Form von Chemikalien und elektrischen Entladungen, bis genug von diesen Stimmen einstimmig rufen. Kling! Das ist ein ›Gedanke‹, eine ›Entscheidung‹. Das Parlament sendet unverzüglich ein Signal an den Körper, der Entscheidung gemäß zu handeln, und befiehlt im selben Moment dem Pagen, die Neuigkeit ...«

»Moment, wer ist der Page?«

Er fuchtelt mit der Hand. »Das ist jetzt nicht wichtig.« (Wochen später, während einer anderen Diskussion, wird Dr. S erklären, dass der Page nicht nur eine bestimmte Sache ist, sondern ein Strom neuronaler Ereignisse in jenem zeitweiligen Gebiet des limbischen Systems, das die neuronale Landkarte des neuen Gedankens mit der bestehenden Landkarte vernetzt – aber zu dem Zeitpunkt weiß ich bereits, dass »neuronale Landkarte« nur eine weitere Metapher für andere hochkomplexe Dinge oder Prozesse ist, und dass ich da nie ganz durchsteigen werde. Dr. S sagt, ich soll mich nicht ärgern, schließlich steigt da niemand ganz durch.) »Der Page bringt die Botschaft mit der Entscheidung zur Königin.«

»Ok, wer ist die Königin? Das Bewusstsein?«

»Ganz genau! Das ›Selbst‹ höchstselbst.«

Er strahlt mich an, seine aufmerksame Schülerin. Über solche Sachen zu reden, bringt Dr. S in Fahrt wie nichts sonst, aber er bekommt nicht mit, wenn ich den Kragen meines Patientenkittels auffallen lasse, wenn ich mich auf der Couch ausstrecke. Könnte ich doch nur meine zwei Gehirnhälften in einen Spitzen-BH verpacken!

»Der Page überbringt Ihrer Majestät seine Botschaft, in der geschrieben steht, wie das Parlament entschieden hat. Die Königin muss nichts von den ganzen übrigen Streitereien wissen, von all den anderen Möglichkeiten, die verworfen wurden. Sie muss nur wissen, was sie ihrem Volk verkünden soll. Die Königin befiehlt den Körperteilen, die Entscheidung auszuführen.«

»Moment, ich dachte, das Parlament hätte den Befehl bereits losgeschickt. Sie sagten vorhin, man könne das Gehirn sich warmlaufen sehen, bevor das Selbst überhaupt davon wüsste.«

»Das ist ja der Witz. Die Königin verkündet die Entscheidung, und sie glaubt, dass ihre Untertanen ihren Befehlen gehorchen – aber in Wirklichkeit hat man ihnen bereits gesagt, was sie tun sollen. Sie greifen bereits nach dem Wasserglas.«

*** 

Ich schlurfe barfuss runter in die Küche, in Thereses Turnhose und einem T-Shirt. Das Shirt ist ein wenig eng; Therese, Rekordgewichthalterin mit olympiaverdächtigem Stuhlgang, war etwas schlanker als ich.

Alice sitzt am Tisch, schon fertig angezogen, ein offenes Buch vor sich. »Na, du hast heute früh aber lange geschlafen«, sagt sie fröhlich. Ihr Gesicht ist bereits geschminkt, ihr Haar in Form gesprüht. Die Kaffeetasse neben dem Buch ist leer. Sie wartet seit Stunden.

Ich sehe mich nach einer Uhr um und entdecke eine über der Tür. Es ist erst neun. Im Krankenhaus habe ich immer länger geschlafen. »Ich verhungere«, sage ich. Ich sehe einen Kühlschrank, einen Herd und Dutzende von Schränkchen.

Ich habe mir mein Frühstück noch nie selbst gemacht. Oder mein Mittag- oder Abendessen. Mein ganzes Leben lang wurden mir Mahlzeiten auf Cafeteria-Tabletts serviert. »Habt ihr Rührei?«

Sie blinzelt. »Eier? Du magst doch gar ...« Sie erhebt sich abrupt. »Klar. Setz dich, Therese, und ich mach dir welche.«

»Nenn mich einfach ›Terry‹, okay?«

Alice hält inne, möchte etwas sagen – fast höre ich das Klappern der Zahnräder und Kurbelwellen in ihrem Kopf –, bevor sie plötzlich zu einem Küchenschrank huscht, in die Hocke geht und eine Pfanne mit Antihaftbeschichtung hervorholt.

Ich rate, in welchem Schrank wohl die Kaffeepötte sind, rate richtig und schenke mir die letzten Fingerbreit Kaffee aus der Kanne ein. »Musst du nicht zur Arbeit?«, frage ich. Alice macht irgendwas in einer Firma für Restaurantzubehör; über die Einzelheiten wusste Therese nie so genau Bescheid.

»Ich hab mir freigenommen«, sagt sie. Sie schlägt ein Ei am Pfannenrand auf, macht irgendwas Raffiniertes mit den Schalen, damit das Eigelb rausflutscht und in die Pfanne platscht, und packt die beiden Schalenhälften ineinander. Alles mit einer Hand.

»Wieso?«

Sie lächelt dünn. »Wir können dich nicht einfach allein lassen, wo wir dich jetzt endlich wieder zu Hause haben. Ich dachte, dass wir vielleicht etwas Zeit zusammen brauchen. Während der Eingewöhnungsphase.«

»Wann muss ich zu dem Therapeuten? Wie heißt er noch?« Mein Scharfrichter.

»Sie. Doktor Mehldau praktiziert in Baltimore, also fahren wir morgen hin.« Das ist ihr großer Plan. Dr. Subramaniam konnte Therese nicht zurückbringen, also rennen sie zu jedem, der behauptet, er oder sie könne es. »Weißt du, sie hatte große Erfolge bei Menschen in deiner Situation. Das Buch da ist von ihr.« Sie nickt zum Tisch hinüber.

»Ach ja? Dr. Subramaniam schreibt auch eins.« Ich nehme mir das Buch. Der Weg nach Hause: Auf der Suche nach den verlorenen Kindern des Zen. »Was, wenn ich da nicht mitmache?«

Sie sagt nichts und zerteilt die Eier. In vier Monaten werde ich achtzehn sein. Dr. S sagt, dass es dann viel schwieriger für sie wird, mich zu zwingen, bei ihnen zu bleiben. Diese ablaufende Uhr tickt permanent in meinem Kopf, und bestimmt ist sie so laut, dass auch Alice und Mitch sie hören.

»Versuchen wir’s erst mal mit Dr. Mehldau.«

»Erst mal? Und dann?« Sie antwortet nicht. Plötzlich sehe ich ein Bild vor meinem geistigen Auge, wie ich auf ein Bett gefesselt bin, und ein Priester schlägt ein Kreuz über meinem sich windenden Körper. Ein Hirngespinst, keine Therese-Erinnerung – ich merke den Unterschied. Außerdem, wenn es Therese passiert wäre, dann wäre kein Priester dabei gewesen.

»Also gut«, sage ich. »Was, wenn ich einfach weglaufe?«

»Wenn du zum Fisch wirst«, sagt sie leise, »werde ich zum Fischer, der nach dir angelt.«

»Was?« Ich lache. Ich habe Alice noch nie anders reden gehört als in klaren, ernsten Sätzen.

Alices Lächeln ist traurig. »Du erinnerst dich nicht?«

»Ach, ja.« Die Erinnerung rastet ein. »Häslein sucht Unterschlupf. Gefiel ihr das?«

*** 

Das Buch von Dr. S handelt von mir. Na ja, allgemein von Leuten mit Zen-Überdosis, aber es gibt nur ein paar Tausend von uns. Z ist keine besonders weit verbreitete Droge, weder in den USA noch anderswo. Ein Halluzinogen. Kein Aufputschmittel oder Depressivum. Du drehst nicht auf, schlaffst nicht ab oder wirst in der gebräuchlichen Bedeutung des Wortes high. Es ist schwer zu verstehen, was das Anziehende daran ist. Ehrlich, sogar ich habe Probleme, das zu verstehen.

Dr. S sagt, bei den meisten Drogen geht es nicht darum, sich besser zu fühlen, es geht darum, überhaupt nichts zu fühlen. Es geht um Betäubung, Flucht. Und Zen ist so was wie ein kunstvoller, eleganter Notausstieg. Zen fesselt den Pagen, schließt ihn in sein Zimmer ein, sodass er seinen Botengang zur Königin nicht erledigen kann. Also wird die neuronale Landkarte nicht auf den neusten Stand gebracht, und die Königin erfährt nicht mehr, wie das Parlament entscheidet. Weil sie keine Befehle bellen kann, versinkt sie in Schweigen. Es ist dieses Schweigen, nach dem sich Leute wie Therese sehnen.

Aber die eigentliche Anziehungskraft – wieder für Leute wie Therese – liegt in der Überdosis. Schluck zu viel Zen, und der Page kommt für Wochen nicht frei. Und wenn er es schließlich raus schafft, hat er den Weg zum Schloss der Königin vergessen. Der gesamte Prozess der Weiterentwicklung des Selbst, seit Jahren ungebremst, ist plötzlich aus dem Ruder gelaufen. Die stumme Königin ist nirgends mehr zu finden.

Der Page, der arme Kerl, macht das Einzige, was ihm bleibt. Er geht los und übergibt die Proklamation dem erstbesten Mädchen, das ihm begegnet.

Die Königin ist tot. Lang lebe die Königin.

*** 

»Hallo, Terry. Ich bin Dr. Mehldau.« Eine untersetzte Frau mit einem sympathischen runden Gesicht und kurzem schwarzem Haar mit grauen Strähnen. Sie reicht mir die Hand. Ihre Finger sind kühl und schlank.

»Sie haben mich Terry genannt.«

»Man sagte mir, dass du das bevorzugst. Soll ich dich anders nennen?«

»Nein ... ich hatte nur erwartet, sie würden mich dazu bringen zu sagen, dass mein Name ›Therese‹ sei. Wieder und wieder.«

Sie lacht und setzt sich in einen roten Lederstuhl, der weich, aber robust aussieht. »Das wäre wohl nicht besonders hilfreich, was? Ich kann dich nicht zu etwas zwingen, das du nicht tun willst, Terry.«

»Also kann ich gehen, wenn ich will?«

»Ich kann dich nicht daran hindern. Aber ich muss deinen Eltern berichten, wie wir vorankommen.«

Meine Eltern.

Sie zuckt mit den Achseln. »Das ist mein Job. Warum setzt du dich nicht, und dann reden wir darüber, weshalb du hier bist.«

Der Stuhl ihrem gegenüber ist mit Stoff bezogen statt mit Leder, aber immer noch schöner als alles in Dr. Subramaniams Büro. Das gesamte Büro ist schöner als das von Dr. S. Narzissenmuster mit weißen Zierbordüren an den Wänden, große Fenster hinter weißen Stoffvorhängen, leuchtend bunte Gemälde.

Ich setze mich nicht.

»Ihre Aufgabe ist es, mich in die Tochter von Alice und Mitch zu verwandeln. Ich werde das nicht zulassen. Darum ist jede Gesprächsminute Zeitverschwendung.«

»Terry, niemand kann dich in etwas verwandeln, was du nicht bist.«

»Gut, dann sind wir hier fertig.« Ich gehe durch den Raum – es soll aussehen, als schlendere ich – und nehme eine afrikanisch aussehende Holzpuppe aus dem Bücherregal. Es stehen genug Bücher auf den Borden, damit alles seriös wirkt, aber dazwischen ist viel Platz für kunstvolle Arrangements aus Kerzen, japanischen Fächern und Plaketten, die von Auszeichnungen und Anerkennung künden. Dr. S’ Bücherregale sollen Bücher aufnehmen, und noch mehr Bücher auf den Büchern drauf. Dr. Mehldaus Bücherregale sollen einem zeigen, mit wem man es zu tun hat.

»Was sind Sie eigentlich – Psychiater, Psychologin oder was?« Im Krankenhaus hatte ich sämtliche Varianten kennengelernt. Die Psychiater sind Ärzte wie Dr. S und dürfen einem Tabletten verschreiben. Wozu die Psychologen gut sind, weiß ich nicht.

»Nichts davon«, sagt sie. »Ich bin Therapeutin.«

»Wofür steht dann der ›Doktor‹?«

»Pädagogik.« Ihre Stimme bleibt gelassen, aber ich habe den Eindruck, dass die Frage sie ärgert. Das macht mich seltsam froh.

»Okay, Dr. Therapeutin, warum sollen Sie mich therapieren? Ich bin nicht verrückt. Ich weiß, wer Therese war, ich weiß, was sie getan hat, ich weiß, dass sie früher in meinem Körper herumspazierte.« Ich stelle die Puppe zurück auf ihren Platz neben einem Glaswürfel, der ein Briefbeschwerer sein könnte. »Aber ich bin nicht sie. Das ist mein Körper, und ich werde mich nicht umbringen, nur damit Alice und Mitch ihr kleines Mädchen wiederkriegen.«

»Terry, niemand will, dass du dich umbringst. Niemand ist in der Lage, dich zu der zu machen, die du vorher warst.«

»Ja? Wofür bezahlt man Sie dann eigentlich?«

»Lass mich versuchen, es dir zu erklären. Bitte setz dich. Bitte.«

Ich schaue mich nach einer Uhr um und entdecke endlich eine auf einem Bord weiter oben. Innerlich gebe ich ihr fünf Minuten und setze mich ihr gegenüber, die Hände auf den Knien. »Also los.«

»Deine Eltern haben mich gebeten, mit dir zu reden, weil ich anderen Menschen in deiner Lage geholfen habe – Menschen, die eine Überdosis Z genommen haben.«

»Geholfen wobei? Zu glauben, sie seien jemand, der sie nicht sind?«

»Ich helfe ihnen, wieder das zu werden, was sie sind. Deine Lebenserfahrung sagt dir, dass Therese jemand anderes war. Niemand bestreitet das. Aber du bist in einer Situation, in der du biologisch und rechtlich gesehen Therese Klass bist. Irgendeine Vorstellung, wie du damit umgehen möchtest?«

In der Tat habe ich die, und so schnell wie möglich von hier abzuhauen, gehört dazu. »Ich werd damit klarkommen«, sage ich.

»Und Alice und Mitch?«

Ich zucke mit den Achseln. »Was ist mit ihnen?«

»Sie sind immer noch deine Eltern, und du bist immer noch ihr Kind. Die Überdosis hat dich überzeugt, jemand anderes zu sein, aber das hat nichts daran geändert, wer sie sind. Sie sind immer noch verantwortlich für dich, und du bedeutest ihnen noch immer viel.«

»Da kann ich wohl nichts machen.«

»Ganz genau. Es ist eine unumstößliche Tatsache. Du hast zwei Menschen, die dich lieben, und ihr werdet für den Rest eures Lebens zusammen sein. Ihr werdet euch darüber klar werden müssen, wie ihr zueinander steht. Zen hat vielleicht die Brücke zwischen dir und deinem früheren Leben niedergebrannt, aber du kannst diese Brücke wieder aufbauen.«

»Doc, ich will diese Brücke nicht wieder aufbauen. Sehen Sie, Alice und Mitch scheinen nette Leute zu sein, aber würde ich nach Eltern suchen, würde ich mich für jemand anderes entscheiden.«

Dr. Mehldau lächelt. »Keiner von uns kann sich seine Eltern aussuchen, Terry.«

Mir ist nicht nach Lachen zumute. Ich nicke zu der Uhr. »Das ist Zeitverschwendung.«

Sie beugt sich nach vorn. Mir kommt es vor, als wolle sie versuchen, mich zu berühren, aber sie tut es nicht. »Terry, du wirst dich nicht in Luft auflösen, wenn wir darüber reden, was mit dir geschehen ist. Du wirst immer noch da sein. Der einzige Unterschied ist, dass du diese Erinnerungen wieder als deine eigenen annimmst. Du kannst dein altes Leben zurückhaben und dich für ein neues entscheiden.«

Klar, so einfach ist das. Ich verkaufe meine Seele und darf sie gleichzeitig behalten.

*** 

An meine ersten Wochen im Krankenhaus kann ich mich nicht erinnern, obwohl Dr. S sagt, ich sei wach gewesen. Irgendwann bekam ich mit, dass Zeit verging, oder besser, dass es ein »Ich« gab, das durch die Zeit glitt. Ich hatte gestern Lasagne zu Mittag, heute werde ich Hackbraten essen, ich bin das Mädchen in diesem Bett hier. Ich glaube, dass mir das mehrmals bewusst wurde und ich es wieder vergaß, bevor ich diese Erkenntnis festhalten konnte.

Jeder Tag laugte mich geistig aus, weil alles so unbarmherzig neu war. Ich starrte eine halbe Stunde lang auf die Fernbedienung des Fernsehers, und der Begriff dafür lag mir auf der Zunge, aber erst als die Schwester sie nahm und den Fernseher einschaltete, dachte ich: Fernbedienung. Und dann, manchmal, folgte dem ein Strom weiterer Vorstellungen. Fernsehen. Programm. Gameshow.

Mit den Menschen war es noch schlimmer. Sie nannten mich bei einem fremden Namen und wollten Dinge von mir. Aber mir kam jeder Besucher, von der Nachtschwester über den Hausmeister bis zu Alice und Mitch Klass, gleichermaßen wichtig vor – soll heißen, nicht im Geringsten.

Außer Dr. S. Er war von Anfang an da, und darum war er mir schon vertraut, bevor ich ihn kennenlernte. Er gehörte zu mir wie mein eigener Körper.

Aber alles übrige an der Welt – die Namen, die Details, die Fakten – musste erst ans Licht gezerrt werden, eins nach dem andren. Mein Leben war wie ein Dachboden, vollgestopft mit alten und interessanten Sachen, die alle wild durcheinandergeworfen worden waren.

Erst allmählich begriff ich, dass vor mir jemand in diesem Haus gewohnt haben musste. Und dann wurde mir klar, dass es in diesem Haus spukte.

*** 

Nach der Sonntagsmesse hänge ich in einem Strom von Menschen fest. Sie lehnen sich über die Bankreihen, um Alice und Mitch, dann auch mich zu umarmen. Sie klopfen mir auf den Rücken, drücken mir die Arme, küssen mich auf die Wangen. Von kurzen Tauchgängen in Thereses Erinnerungen weiß ich, dass viele dieser Menschen ihr so nahe sind wie Onkel oder Tanten. Und geriete Therese je in Schwierigkeiten, würde jeder und jede von ihnen sie bei sich aufnehmen, ihr zu essen geben und ein Bett zum Schlafen.

Das ist ja alles ganz nett, aber die ganzen Streicheleinheiten bringen mich fast zum Schreien.

Ich möchte einfach nur noch nach Hause fahren und diese Klamotten ausziehen. Ich hatte keine andere Wahl, als eines von Thereses schrillen Kleinmädchenkleidern anzuziehen. Ihr Schrank war voll davon, und schließlich fand ich eines, das passte, wenn auch nicht ganz. Sie liebte solche Sachen wirklich. Das waren ihre blumenbedruckten Tarnuniformen. Wer würde je die Reinheit eines Mädchens in einem hochgeschlossenen Laura-Ashley-Kostüm in Zweifel ziehen?

Wir schlagen uns langsam durch zur Vorhalle, dann zum Gehweg und auf den Parkplatz, und unablässig fallen Leute über uns her. Ich höre auf, in Thereses Erinnerungen nach bekannten Gesichtern zu suchen.

Vor unserem Wagen steht schon eine Gruppe Teenager Schlange; die Mädchen umarmen mich fest, die Jungen lehnen sich vor zu halben Umarmungen: die Schultern nah, der Unterleib fern. Eines der Mädchen, sommersprossig und mit weichen roten Locken, die ihr über die Schultern fallen, hält sich eine Weile zurück, ehe sie mich unvermittelt an sich drückt und mir ins Ohr flüstert: »Ich bin so froh, dass es dir gut geht, Miss T.« In eindringlichem Tonfall, als überbrächte sie eine Geheimbotschaft.

Ein Mann kämpft sich durch die Menge, die Arme weit offen, stolz lächelnd. Er ist Ende zwanzig oder Anfang dreißig, mit einer wilden gegelten Kurzhaarfrisur, die zehn Jahre zu jung für ihn ist. Er trägt gebügelte Khakihosen, sein blaues Baumwollhemd ist an den Ärmeln hochgekrempelt, die Krawatte am Hals gelockert.

Er erdrückt mich fast, sein Eau de Cologne raubt mir den Atem. In Thereses Erinnerungen ist er schnell gefunden: Jared, der Jugendpfarrer. Er war der spirituell anregendste Mensch, den Therese kannte, und sie war in ihn verknallt.

»Es ist so schön, dass du wieder da bist, Therese«, sagt er. Seine Wange presst sich an meine. »Wir haben dich vermisst.«

Ein paar Monate vor der Überdosis fuhr die Jugendgruppe von einem Wochenendausflug im Schulbus der Kirche nach Hause. Gegen Ende der Fahrt, es war fast Mitternacht, saß Jared neben ihr, und sie schlief an ihn gelehnt ein, das gleiche Duftwasser in der Nase.

»Das hast du ganz bestimmt«, sage ich. »Pass auf, wo du deine Hände lässt, Jared

Er lächelt unverzagt, und seine Hände liegen noch auf meinen Schultern. »Entschuldigung?«

»Oh, bitte, du verstehst schon.«

Er nimmt seine Hände weg und blickt meinen Vater fragend an. Die Unschuld kriegt er verdammt gut hin. »Ich verstehe nicht, Therese, aber wenn du …«

Mein Blick lässt ihn einen Schritt zurückweichen. Irgendwann später während der Fahrt erwachte Therese, Jared immer noch neben ihr, in den Sitz gesunken, die Augen geschlossen und der Mund offen. Sein Arm ruhte zwischen ihren Schenkeln, ein Daumen an ihrem Knie. Sie trug Shorts, und seine Haut an ihrer war heiß. Sein Unterarm war nur Zentimeter von ihrem warmen Schritt entfernt.

Therese glaubte, er hätte geschlafen.

Sie glaubte auch, das Schaukeln des Schulbusses hätte Jareds Arm an den Saum ihrer Shorts geschoben. Therese erstarrte, von Erregung und Abscheu erfüllt.

»Dann streng dich an, Jared.« Ich steige ins Auto.

*** 

Eine wichtige Frage, bei deren Beantwortung ich helfen kann – sagt Dr. S –, lautet: Warum gibt es ein Bewusstsein? Oder, um auf meine Lieblingsmetapher zurückzukommen – wenn das Parlament alle Entscheidungen fällt, wozu gibt es dann überhaupt eine Königin?

Er hat natürlich Theorien. Er glaubt, bei der Königin geht es nur ums Geschichtenerzählen. Das Gehirn braucht eine Geschichte, um den ganzen Entscheidung einen Anschein von Sinnhaftigkeit zu geben, einen Anschein von Kontinuität, damit es sich an sie erinnert und sie bei zukünftigen Entscheidungen verwenden kann. Das Gehirn kann nicht all die anderen Milliarden von Entscheidungen speichern, die in jedem Moment möglich gewesen wären, und es braucht ein wer und ein wieso. Das Gehirn legt die Erinnerungen fest, und das Bewusstsein versieht sie mit einer Identität: Ich habe dies getan, ich habe das getan. Diese Erinnerungen gehen ins offizielle Archiv und helfen dem Parlament bei zukünftigen Entscheidungen.

»Die Königin, verstehst du, ist ein Symbol«, sagt Dr. S. »Sie repräsentiert das Königreich, aber sie ist nicht das Königreich, sie herrscht nicht mal darüber.«

»Ich fühle mich nicht wie ein Symbol«, sage ich.

Dr. S lacht. »Ich auch nicht. Das tut keiner.«

*** 

Dr. Mehldaus Therapie schließt gelegentliche Gruppensitzungen mit Alice und Mitch ein, bei denen aus Thereses alten Tagebüchern vorgelesen wird und Amateurvideos gezeigt werden. Heute sehen wir Therese als Kind, in Laken gehüllt, umgeben von Kindern in Bademänteln, die gebannt auf eine Puppe in einer Krippe starren.

Dr. Mehldau fragt mich, was Therese dabei dachte. Hat es ihr Spaß gemacht, Maria zu spielen? War sie gern auf der Bühne?

»Woher soll ich das wissen?«

»Dann stell es dir vor. Was glaubst du, denkt Therese da gerade?«

Sie sagt mir oft, dass ich das tun soll. Stell dir vor, was sie denkt. Nur als Annahme. Versetz dich in sie hinein. In ihrem Buch nennt sie das »Rückeroberung«. Sie erfindet oft eigene Begriffe und definiert sie dann nach eigenem Gutdünken, ohne sich durch Forschungen abzusichern. Verglichen mit den neurologischen Texten, die Dr. S mir geborgt hat, ist Dr. Mehldaus kleines Buch ein Teenie-Comic mit Fußnoten.

»Wissen Sie was, Therese war eine gute kleine Christin, also war sie wahrscheinlich begeistert.«

»Bist du sicher?«

Die Weisen aus dem Morgenland betreten die Bühne, drei kleine Jungs. Sie entledigen sich ihrer Gaben und ihrer Sätze, und Therese blickt argwöhnisch drein. Ihr Satz rückt näher.

Therese hatte schreckliche Angst, es zu vermasseln. Alle würden sie anstarren. Fast kann ich die Gemeinde im Dunkeln hinter den Scheinwerfern sehen. Alice und Mitch sind dort draußen, und sie lauern auf jeden Satz. Mein Magen verkrampft sich, und ich merke, wie ich den Atem anhalte.

Dr. Mehldau gibt sich größte Mühe, mich neutral anzuschauen.

»Wissen Sie was?« Ich habe keine Ahnung, was ich als Nächstes sagen werde. Ich schinde Zeit. Ich rutsche unruhig in dem beigen Sessel hin und her und schlage ein Bein unter. »Am Buddhismus gefällt mir, dass Buddhisten kapiert haben, warum ihr Leben so beschissen ist – ihre ganzen bisherigen Leben lasten auf ihnen. Ich habe nichts zu tun mit den Entscheidungen, die Therese getroffen oder mit dem guten oder schlechten Karma, das sie mitbekommen hat.«

Darüber habe ich wieder und wieder in Thereses großem Kleinmädchenzimmer nachgedacht. »Sehen Sie, Therese war Christin. Also hat sie vielleicht gedacht, dass sie nach einer Überdosis wiedergeboren werden würde, und alle ihre Sünden wären vergeben. Die perfekte Droge für sie: Selbstmord ohne Leiche.«

»Hat sie in jener Nacht über Selbstmord nachgedacht?«

»Ich weiß es nicht. Ich könnte mich ein paar Wochen lang durch Thereses Erinnerungen wühlen, aber ehrlich gesagt interessieren sie mich nicht. Was immer sie dachte, sie ist nicht wiedergeboren worden. Ich bin hier, und ich schleppe weiterhin ihre Bürde. Ich bin Thereses Packesel. Ein Karma-Esel.«

Dr. Mehldau nickt. »Dr. Subramaniam ist Buddhist, nicht wahr?«

»Ja, aber was ...?« Es macht klick. Ich rolle mit den Augen. Dr. S und ich haben über Übertragung gesprochen, und ich weiß, wie vorhersehbar es war, dass ich mich in ihn verknallte. Und es stimmt, dass ich viel Zeit damit verbrachte – und immer noch verbringe –, mir vorzustellen, mit diesem Mann zu vögeln. Aber das heißt nicht, dass ich mich irre. »Darum geht es nicht«, sage ich. »Darüber habe ich mir meine eigenen Gedanken gemacht.«

Sie widerspricht mir nicht. »Würde ein Buddhist nicht sagen, dass du und Therese dieselbe Seele teilt? Das Selbst ist eine Illusion. Also gibt es keinen Reiter, der die Zügel hält, keinen Packesel. Nur dich

»Vergessen Sie’s einfach«, sage ich.

»Denken wir das mal weiter, Terry. Glaubst du nicht, dass du für dein altes Selbst eine Verantwortung hast? Für die Eltern deines alten Selbst, für deine alten Freunde? Vielleicht schuldest du ein bestimmtes Maß an Karma?«

»Und wem gegenüber sind Sie verantwortlich, Doktor? Wer ist Ihr Patient? Therese oder ich?«

Sie sagt nichts, einen Moment lang, dann: »Ich bin dir gegenüber verantwortlich.«

*** 

Dir.

Du schluckst – überrascht, dass die Pille nach Zimt schmeckt. Die Wirkung der Pille entfaltet sich zuerst nur schubweise. Du sitzt auf dem Rücksitz eines Wagens, dein Handy in der Hand, und deine Freundinnen um dich herum lachen. Du redest mit deiner Mutter. Wenn du dich konzentrierst, kannst du dich daran erinnern, wie du den Anruf entgegengenommen hast und wie du ihr erzählt hast, im Haus welcher Freundin du heute übernachtest. Bevor du »Auf Wiedersehen« sagen kannst, steigst du schon aus dem Auto. Der Wagen steht, dein Telefon ist weggesteckt – und du weißt noch, wie du deiner Mutter eine gute Nacht gewünscht hast und wie ihr eine halbe Stunde herumgefahren seid, ehe ihr dieses Parkhaus fandet. Joelly schüttelt ihre roten Locken und zerrt dich Richtung Treppenhaus: Komm schon, Miss T!

Dann blickst du hoch und merkst, dass du auf dem Gehsteig genau vor einem Club stehst, der auch Minderjährige reinlässt, einen Zehn-Dollar-Schein in der Faust, um ihn dem Türsteher in die Hand zu drücken. Die Musik dröhnt jedes Mal, wenn die Tür aufschwingt. Du drehst dich zu Joelly um und ...

Du bist in einem anderen Wagen. Auf der Interstate. Der Fahrer ist ein Junge, den du vor ein paar Stunden kennengelernt hast; er heißt Rush, aber du hast nicht gefragt, ob das sein Vor- oder Nachname ist. Im Club habt ihr euch aneinandergeschmiegt und über die Musik hinweg laut unterhalten – über Eltern und Essen und den Unterschied zwischen dem Geschmack einer frischen Zigarette und dem Geruch von kaltem Rauch. Und plötzlich merkst du, dass du eine Zigarette im Mund hast, dass du sie dir selbst aus Rushs Packung genommen hast, obwohl du gar keine Zigaretten magst. Magst du sie jetzt? Du weißt es nicht. Sollst du sie aus dem Mund nehmen oder weiterrauchen? Du durchforstest dein Gedächtnis, aber du findest keinen Grund, warum du die Zigarette angezündet hast, keinen Grund, warum du zu diesem Jungen ins Auto gestiegen bist. Du fängst an, dir eine Geschichte zu erzählen: Er muss vertrauenswürdig sein, sonst wärst du schließlich nicht eingestiegen. Du hast diese eine Zigarette genommen, weil du sonst die Gefühle des Jungen verletzt hättest.

Du bist heute Abend nicht ganz du selbst. Und das gefällt dir. Du nimmst noch einen Zug von der Zigarette. Du denkst zurück an die letzten Stunden und staunst über die Dinge, die du getan hast, alles ohne diese dauernde Bürde der Selbstbeobachtung: Sorge, Erwartung, sofortige Reue. Ohne die innere Stimme, die dich unablässig kritisiert.

Jetzt trägt der Junge nur noch Boxershorts, und er greift hoch auf ein Regal nach einer Packung Cornflakes, und sein Rücken ist wunderschön. Fades Licht fällt durch das kleine Küchenfenster herein. Er kippt Froot Loops in eine Schüssel, für dich, und er lacht, wenn auch leise, denn seine Mutter schläft im Zimmer nebenan. Er schaut dir ins Gesicht und runzelt die Stirn. Er fragt, was denn los sei. Du blickst an dir herab – du bist vollständig angezogen. Du denkst zurück und weißt, dass du Stunden in der Wohnung des Jungen verbracht hast. Ihr habt in seinem Schlafzimmer herumgeknutscht, der Junge hat sich ausgezogen, und du hast seine Brust geküsst, und deine Hände haben seine Beine gestreichelt. Du hast ihm erlaubt, unter dein Shirt zu greifen und deine Brüste zu umfassen, aber weiter bist du nicht gegangen. Warum habt ihr nicht miteinander geschlafen? Hat er dich nicht interessiert? Nein – du warst feucht. Du warst erregt. Hast du dich schuldig gefühlt? Hast du dich geschämt?

Was hast du dir dabei gedacht?

Wenn du heimkommst, wird die Hölle los sein. Deine Eltern werden wütend sein, und schlimmer noch, sie werden für dich beten. Die ganze Gemeinde wird für dich beten. Jeder wird es wissen. Und niemand wird dich jemals wieder mit denselben Augen anschauen.

Aber jetzt erfüllt ein Zimtgeschmack deinen Mund, und du sitzt wieder im Auto des Jungen, direkt vor einem Lebensmittelladen. Es ist Nachmittag. Dein Handy klingelt. Du schaltest es aus und packst es zurück in die Tasche. Du schluckst, und deine Kehle ist trocken. Der Junge – Rush – kauft dir noch eine Flasche Wasser. Was hast du noch mal geschluckt? Ach ja. Du denkst zurück und erinnerst dich, wie du dir all die kleinen Pillen in den Mund gestopft hast. Warum hast du so viele genommen? Warum hast du überhaupt noch eine weitere genommen? Ach ja.

***

Stimmen dringen aus der Küche zu mir hoch. Es ist noch nicht mal sechs Uhr morgens, und ich will nur pinkeln und zurück ins Bett, schlafen, aber dann merke ich, dass sie über mich reden.

»Sie läuft sogar ganz anders. Ihre Haltung, die Art, wie sie redet ...«

»Das liegt an den Büchern, die Dr. Subramaniam ihr gegeben hat. Jede Nacht ist sie wach bis nach eins. Therese war nie so eine Leseratte, nicht wenn es um Naturwissenschaften ging.«

»Nein, es sind nicht nur die Worte, sondern auch, wie sie klingt. Diese tiefe Stimme ...« Sie seufzt. »O Schatz, ich wusste nicht, dass es so wird. Als ob sie recht hat, als ob sie wirklich nicht sie selbst ist.«

Er sagt gar nichts. Alices Weinen wird lauter, durchdringender. Geschirr klirrt im Abwaschbecken. Ich trete einen Schritt zurück, als wieder Mitch spricht.

»Vielleicht sollten wir doch das mit dem Camp ausprobieren«, sagt er.

»Nein, nein, nein! Nicht jetzt. Dr. Mehldau sagt, sie macht Fortschritte. Wir müssen —«

»Natürlich sagt sie das.«

»Du hast gesagt, du willst es versuchen, du willst dem eine Chance geben.« Ihre Wut ist stärker als ihre Enttäuschung, und Mitch murmelt irgendeine Entschuldigung. Ich schleiche zurück in mein Zimmer, aber ich muss immer noch pinkeln, darum mache ich möglichst viel Krach, als ich das Zimmer wieder verlasse. Alice kommt zur Treppe. »Alles in Ordnung, Schatz?«

Ich schaue verschlafen und gehe ins Bad. Ich schließe die Tür und setze mich im Dunkeln auf die Toilettenschüssel.

Was für ein verfluchtes Camp?

*** 

»Versuchen wir es noch mal«, sagt Dr. Mehldau. »Irgendetwas Angenehmes und Lebendiges.«

Es fällt mir schwer, mich zu konzentrieren. Die Broschüre liegt mir wie eine Bombe in der Tasche. Sie war nicht schwer zu finden, nachdem ich mir vorgenommen hatte, sie zu suchen. Ich will Dr. Mehldau nach dem Camp fragen, aber ich weiß, wenn ich erst einmal drüber rede, bricht zwischen der Therapeutin und den Klasses der große Streit aus, und ich mittendrin.

»Lass deine Augen geschlossen«, sagt sie. »Denk an Thereses zehnten Geburtstag. In ihrem Tagebuch steht, das sei der beste Geburtstag gewesen, den sie je gefeiert hat. Erinnerst du dich an Seaworld?«

»Vage.« Ich hatte Delphine springen gesehen – zwei auf einmal, drei auf einmal. Es war sonnig und heiß gewesen. Mit jeder Sitzung wurde es leichter für mich, in Thereses Erinnerungen einzudringen. Ihr Leben auf DVD, und ich hatte die Fernbedienung.

»Weißt du noch, wie du bei der Show mit Namu und Schamu nassgespritzt wurdest?«

Ich lachte. »Denk schon.« Ich konnte die Metallbänke erkennen, die Glaseinfriedung direkt vor mir, die riesigen Umrisse in dem blaugrünen Wasser. »Sie brachten die Wale dazu, mit den Schwanzflossen zu wedeln. Wir wurden total nass.«

»Weißt du noch, wer dich begleitet hat? Wo waren deine Eltern?«

Da war ein Mädchen, in meinem Alter, ihr Name will mir nicht einfallen. Die Wassermassen fluteten auf uns herab, und wir schrien und lachten. Hinterher trockneten meine Eltern uns ab. Sie müssen höher gesessen haben, sodass sie nicht nass wurden. Alice sah viel jünger aus: glücklicher und etwas schwerer. Um die Hüften etwas runder. Das war, bevor sie Diät hielt und Sport trieb, als sie noch Mutti-Maße hatte.

Ich reiße die Augen auf. »O Gott.«

»Alles in Ordnung?«

»Mir geht’s gut – es war nur ... wie Sie sagten. Lebendig.« Das Bild der jüngeren Alice brennt noch nach. Zum ersten Mal wird mir klar, wie traurig sie jetzt ist.

»Ich hätte bei der nächsten Sitzung gerne alle dabei«, sage ich.

»Wirklich? Gut, ich rede mit Alice und Mitch. Gibt es irgendwas Spezielles, worüber du reden willst?«

»Ja. Wir müssen über Therese reden.«

*** 

Dr. S sagt, jeder will wissen, ob die ursprüngliche Landkarte des Gehirns, die alte Königin, zurückkommen kann. Wenn die Karte mit dem Weg zur ursprünglichen Karte weg ist, kann man sie dann wiederfinden? Und wenn ja, was geschieht mit der neuen Karte, der neuen Königin?

»Nun, ein guter Buddhist würde dir jetzt sagen, dass diese Frage bedeutungslos ist. Denn der Kreislauf des Seins findet nicht nur von Leben zu Leben statt. Samsara ist allgegenwärtig. Das Selbst stirbt fortwährend und schafft sich neu.«

»Sind Sie ein guter Buddhist?«, frage ich ihn.

Er lächelt. »Nur am Sonntagmorgen.«

»Sie gehen in die Kirche?«

»Ich spiele Golf.«

*** 

Ein Klopfen, und ich öffne die Augen. Alice kommt in mein Zimmer, einen Stapel zusammengelegter Wäsche auf den Armen. »Oh!«

Ich habe das Zimmer umgeräumt, das Bett in die Ecke geschoben, damit ich ein paar Schritt freien Fußboden habe.

Ihr Gesicht zeigt verschiedenste Regungen. »Ich nehme nicht an, dass du betest.«

»Nein.«

Sie seufzt, aber es ist ein gespieltes Seufzen. »Hätte mich auch gewundert.« Sie geht um mich herum und legt die Wäsche aufs Bett. Dann hebt sie das Buch auf, Ein Mann namens Buddha. »Hat dir Dr. Subramaniam das gegeben?«

Sie schaut sich den Absatz an, den ich unterstrichen habe. Aber die selbstlose Liebe – metta – zu uns selbst heißt nicht, dass wir alles andere loslassen müssen. Entscheidend ist, dass wir nicht versuchen, uns selbst zu ändern. Meditationsübungen dienen nicht dazu, uns selbst fortzuwerfen und etwas Besseres zu werden. Sie dienen dazu, uns mit dem anzufreunden, was wir sind.

»Also.« Sie legt das Buch hin, vorsichtig, damit dieselbe Seite aufgeschlagen bleibt. »Das klingt ein wenig nach Dr. Mehldau.«

Ich lache. »Ja, tut es. Hat sie euch gesagt, dass ich dich und Mitch bei der nächsten Sitzung dabeihaben will?«

»Wir werden dort sein.« Sie arbeitet sich durch das Zimmer, greift nach T-Shirts und Unterwäsche. Ich stehe auf, um ihr aus dem Weg zu gehen. Irgendwie schafft sie es aufzuräumen, während sie in Bewegung bleibt – umgekippte Bücher aufzustellen, Buh W. Bär wieder auf seinen Platz auf dem Bett zu setzen, eine leere Chipstüte in den Papierkorb zu werfen – sodass sie, während sie meine schmutzige Wäsche einsammelt, das Zimmer saubermacht, so wie Dr. Seuss’ Aufräummaschine in ›Der Kater mit Hut‹.

»Alice, während der letzten Sitzung habe ich mich an Sea World erinnert, aber da war noch ein anderes Mädchen. Außer Therese.«

»Sea World? Ach, das war die Tochter der Hammels, Marcy. Sie hatten dich damals auf ihren Urlaub nach Ohio mitgenommen.«

»Wer?«

»Die Hammels. Du warst die ganze Woche weg. Alles, was du zum Geburtstag wolltest, war Geld für diesen Urlaub.«

»Ihr wart nicht dabei?«

Sie hebt die Jeans auf, die ich am Fußende des Bettes liegen gelassen habe. »Wir wollten immer nach Sea World, aber dein Vater und ich haben es nie da raus geschafft.«

*** 

»Das ist unsere letzte Sitzung«, sage ich.

Alice, Mitch, Dr. Mehldau – ich habe ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.

Frau Doktor findet natürlich als Erste wieder die Fassung zurück. »Das klingt, als hättest du uns etwas zu sagen.«

»O ja.«

Alice scheint wie erstarrt, reißt sich mit ganzer Kraft zusammen. Mitch kratzt sich im Nacken und ist plötzlich sehr am Teppich interessiert.

»Ich werde das nicht länger mitmachen.« Ich gestikuliere vage. »Alles: die Gedächtnisübungen, sich Thereses Gefühle vorzustellen. Ich hab’s endlich begriffen. Es ist euch egal, ob ich Therese bin oder nicht. Ihr wollt nur, dass ich denke, ich sei sie. Ich werde diese Manipulation nicht länger mitmachen.«

Mitch schüttelt den Kopf. »Schatz, du hast eine Droge genommen.« Er starrt mich an, schaut dann wieder auf seine Füße. »Hättest du LSD genommen und Gott gesehen, hätte das nicht bedeutet, dass du wirklich Gott gesehen hast. Wir versuchen, die Manipulation rückgängig zu machen.«

»Das ist völliger Quatsch, Mitch. Ihr benehmt euch alle, als wäre ich schizophren, als wüsste ich nicht, was real ist und was nicht. Und ein Teil des Problems ist, dass ich mich umso mehr in die Scheiße reinreite, je länger ich mit Dr. Mehldau rede.«

Alice schnappt nach Luft.

Dr. Mehldau streckt eine Hand aus, um sie zu beruhigen, aber ihr Blick ruht auf mir. »Terry, was dein Vater zu sagen versucht, ist, dass es ein Du gibt, das vor der Droge existiert hat, obwohl du dich wie jemand anderes fühlst. Und dieses Du existiert immer noch.«

»Ach ja? Sie kennen doch die ganzen Überdosis-Leute in Ihrem Buch, die behaupten, sie hätten sich selbst ›zurückerlangt‹? Vielleicht fühlen die sich nur wie ihr altes Selbst?«

»Das ist möglich«, sagt sie. »Aber ich glaube nicht, dass sie sich etwas vormachen. Sie lernen diejenigen Teile von sich zu akzeptieren, die sie verloren haben, und die Familienmitglieder, die sie verlassen haben. Sie sind Menschen wie du.« Sie bedenkt mich mit einem dieser besorgten Blicke von der Stange, die Ärzte zusammen mit dem Diplom bekommen. »Möchtest du dich wirklich den Rest deines Lebens wie eine Waise fühlen?«

»Was?« Wie aus dem Nichts schießen mir Tränen in die Augen. Ich schlucke, um meinen Hals freizukriegen, und wische die Tränen dann mit dem Ärmel weg. Das war wie ein Schlag in die Magengrube. »Guck mal, Alice, genau wie du«, sage ich.

»Das ist normal«, sagt Dr. Mehldau. »Als du im Krankenhaus aufgewacht bist, hast du dich völlig allein gefühlt. Wie ein komplett neuer Mensch, ohne Familie, ohne Freunde. Und du bist immer noch am Anfang dieses Weges. In gewisser Weise bist du nicht einmal zwei Jahre alt.«

»Verdammt, sind Sie gut«, sage ich. »Ich hab das nicht mal kommen sehen.«

»Bitte, bleib. Lass uns ...«

»Keine Angst, ich geh noch nicht.« Ich stehe an der Tür und nehme meinen Rucksack vom Haken neben der Tür. Ich greife in die Tasche und hole die Broschüre heraus. »Wussten Sie davon?«

Zum ersten Mal sagt auch Alice etwas. »O Schatz, nein ...«

Dr. Mehldau nimmt das Heft, runzelt die Stirn. Vorne drauf ist das allerliebste Bild eines lächelnden Teenagerjungen, der seine erleichterten Eltern umarmt. Sie mustert Alice und Mitch. »Erwägen Sie das ernstlich?«

»Das ist ihr Knüppel in der Hinterhand. Wenn Sie nicht halten, was sie sich von Ihnen versprechen, oder wenn ich aussteige – peng. Wissen Sie, was da abgeht?«

Sie schlägt es auf, schaut auf die Bilder von den Hütten, vom Hindernislauf, vom Haupthaus, wo Kids wie ich sich in »intensiven Gruppensitzungen mit geschulten Beratern einbringen«, wo sie »ihre wahre Identität zurückerlangen«. Sie schüttelt den Kopf. »Dieser Ansatz ist anders als meiner ...«

»Ich bin mir da nicht so sicher, Doc. Dieser Ansatz klingt mächtig nach ›zurückerlangen‹. Ich muss zugeben, für eine Weile hatten Sie mich am Wickel. Diese Visualisierungsübungen? Ich wurde so gut, dass ich mir sogar Dinge vorstellen konnte, die nie passiert sind. Ich wette, Sie könnten mich echt in Thereses Kopf reinvisualisieren.«

Ich wende mich zu Alice und Mitch um. »Ihr müsst eine Entscheidung treffen. Dr. Mehldaus Programm ist ein Reinfall. Steckt ihr mich jetzt ins Gehirnwäsche-Camp oder nicht?«

Mitch hält seine Frau im Arm. Alice hat erstaunlicherweise völlig trockene Augen. Ihre Pupillen sind riesig, und sie starrt mich an wie eine Fremde.

*** 

Den ganzen Weg zurück von Baltimore regnet es, und es regnet immer noch, als wir am Haus vorfahren. Alice und ich rennen zur Veranda, die vom Licht der Scheinwerfer erleuchtet wird. Mitch wartet, bis Alice die Tür aufschließt und wir hineinflitzen, und fährt dann weg.

»Macht er das oft?«, frage ich.

»Er fährt gern herum, wenn er wütend ist.«

»Oh.« Alice geht durchs Haus, macht die Lichter an. Ich folge ihr in die Küche.

»Keine Sorge, er wird wieder.« Sie öffnet die Kühlschranktür und kniet sich hin. »Er weiß nur nicht, was er mit dir anfangen soll.«

»Also will er mich ins Camp schicken.«

»Ach, das nicht. Er hatte nur noch nie eine Tochter, die ihm Widerworte gegeben hat.« Sie trägt eine Tupperware-Kuchenbox zum Tisch. »Ich habe Karottenkuchen gemacht. Kannst du die Teller runterholen?«

Sie ist eine so kleine Frau. Angesicht zu Angesicht reicht sie mir gerade bis zum Kinn. Das Haar auf ihrem Kopf ist dünn, dünner noch durch den Regen, und ihre Kopfhaut ist rosa.

»Ich bin nicht Therese. Ich werde nie Therese sein.«

»Ach, ich weiß«, sagt sie, halb seufzend. Und sie weiß es wirklich; ich sehe es an ihrem Gesichtsausdruck. »Aber du siehst ihr so ähnlich.«

Ich lache. »Ich kann mir die Haare färben. Und vielleicht die Nase operieren lassen.«

»Das würde nichts bringen, ich würde dich immer noch erkennen.« Sie zieht den Deckel ab und legt ihn beiseite. Der Kuchen ist rund und mit Zuckerguss, der mehr als einen Zentimeter dick zu sein scheint. Minikarotten markieren den Rand.

»Wow, das hast du gemacht, bevor wir losgefahren sind? Wieso?«

Alice zuckt mit den Achseln und schneidet den Kuchen an. Sie legt das Messer quer und benutzt die Klinge, um ein großes dreieckiges Stück auf meinen Teller zu hieven. »Ich dachte, wir würden ihn brauchen, so oder so.«

Sie stellt den Teller vor mich hin und berührt mich sacht am Arm. »Ich weiß, dass du ausziehen willst. Ich weiß, dass du vielleicht nie zurückkommen wirst.«

»Es ist nicht, dass ich ...«

»Wir werden dich nicht daran hindern. Aber wohin du auch gehst, du wirst meine Tochter bleiben, ob du es willst oder nicht. Man kann nicht entscheiden, wer einen liebt.«

»Alice ...«

»Pssst. Iss deinen Kuchen.«

 

 

Deutsch von Stefan Pannor

 

© 2005 by Daryl Gregory
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Erstveröffentlichung unter dem Titel »Second Person, Present Tense« in Asimov's Science Fiction Magazine, September 2005.

Deutsche Erstveröffentlichung in Pandora, Frühjahr 2007, Hrsg. Hannes Riffel, Shayol Verlag

Alle Rechte vorbehalten


Daryl Gregory, Jahrgang 1965, hat an der Illinois State University englische Literatur und Theaterwissenschaften studiert. Seine Romane wurden vielfach ausgezeichnet und für fast alle großen Genre-Preise nominiert.

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