Kurzgeschichte von Autor Kij Johnson: Die Brücke über dem Nebel Teil 3

FICTION

Die Brücke über den Nebel (Kij Johnson), Teil 3/3


Eine große Kluft spaltet die Welt in zwei Hälften – ein »Fluss« genannter Abgrund, in dem undurchdringlicher Nebel wabert und riesige Geschöpfe lauern, die manchmal gutmütig sind und manchmal nicht. Bislang ist es noch niemand gelungen, eine Brücke über diesen Abgrund zu bauen. Bis heute ...

 

Dies ist Teil 3 der Erzählung ›Die Brücke über den Nebel‹ von Kij Johnson.


>> Teil 1 "Die Brücke über den Nebel"
>> Teil 2 "Die Brücke über den Nebel"



Die Fundamente und die Türme wuchsen. Arbeiter kamen auf beiden Uferseiten aus Städten flussauf- und flussabwärts, und die Dorfbewohner wurden auf der Stelle angeheuert. Die Neuen waren im Allgemeinen willkommen. Sie zahlten für Zimmer und Essen und alle möglichen Waren. Die Tavernen gewöhnten sich daran, erst doppelte und dann dreifache Mengen von allem zu machen, und bauten neue Flügel und Ställe an. Diesseits nahm die neuen Leute ohne Probleme an, nur wenn die Menschen abends zu viel getrunken und zu viel geflirtet hatten, gab es nachts Streit. Jenseits erlebte mehr Schlägereien, aber sie wurden weniger, als die Skeptiker angesichts des Geldes, das nach Jenseits floss, nachgaben und angesichts der Brücke selbst, deren Pfeiler zu groß war, um ihn zu ignorieren.

Bauern und Viehzüchter verkauften ihre Felder, und neue Gebäude breiteten sich um die Dörfer herum aus. Manche waren aus Lehm und Flechtwerk, die einfach auf festen Erdböden hochgestampft wurden und immer noch nach Schafskötteln rochen. Andere waren klein, aber stabiler, und wurden langsamer von den Brückenarbeitern erbaut, die abends oder an ihren freien Tagen Holz und Feldsteine verlegten.

Die neuen Leute und die Dorfbewohner vermischten sich, bis es schwer war, sie auseinanderzuhalten, wenn auch die älteren Leute genau im Auge behielten, wer wirklich wohin gehörte. Für jene, die Liebhaber oder Freunde suchten, waren die neuen Menschen eine Gelegenheit, jemand kennenzulernen, den man noch nicht seit der eigenen Kindheit kannte. Viele fingen Gelegenheitsliebschaften an, und manche fanden befristete Partner. Es gab sogar eine Hochzeit in Diesseits, zwischen Kes Flieser und einer schwarzäugigen Arbeiterin tief aus dem Süden, die Jolite Deveren hieß, was auch immer das bedeutete.

Kit hatte keine Geliebten. Er arbeitete jede Nacht, bis er über seinen Papieren einschlief. So fehlte ihm nicht viel, außer spät in bestimmten Nächten, wenn Gewitter ihn rastlos und unnatürlich aufmerksam machten, als zuckten Blitze unter seiner Haut. In manchen Nächten dachte er an Rasali und fragte sich, ob sie in jener Nacht mit jemandem zusammen schlief oder alleine, und ob der Sturm sie geweckt, sie auch rastlos gemacht hatte.

Kit sah Rasali, wenn sie auf der gleichen Seite des Nebels waren, recht oft. Sie war klug und besonnen und der einzige Mensch, der nicht die ganze Zeit über die Brücke reden wollte.

Er vergaß nicht, was Rasali über Valo gesagt hatte. Vor gar nicht so vielen Jahren war Kit selber ein junger Mann gewesen, und er erinnerte sich an das Bedürfnis, sich der Welt gegenüber zu beweisen, das junge Männer und Frauen verspüren. Für Kit war es nicht wichtig, dass Valo die Brücke akzeptierte – er war gerade erst erwachsen geworden, und sein einziger Einfluss auf die Dorfbewohner kam von seiner Arbeit –, aber Kit mochte den Jungen, der Rasalis Augen hatte und ihre mühelose Art, sich zu bewegen.

Valo begann Fragen zu stellen, erst den Arbeitern und dann Kit. Seine Erfahrung mit dem Bootsbau bedeutete, dass es gute Fragen waren. Kit gab die ersten Dinge weiter, die er als Kind auf den Baustellen seines Vaters gelernt hatte, und zeigte ihm, wie man die riesigen Steinblöcke handhabte und das schwierige Gleichgewicht zwischen Materialien und Plan einhielt, die Willenskraft, die mach brauchte, um tausend Menschen einer einzigen Vision entgegenzuführen. Valo war zu ehrlich, um Kits Begabung nicht anzuerkennen, und zu ehrgeizig, um nicht zu versuchen, Kit auf seinem eigenen Gebiet entgegenzutreten. Er kam öfter, um die Baustellen zu besuchen.

Nach einer Jahreszeit nahm Kit ihn beiseite. »Du könntest ein Baumann werden, wenn du wolltest.«

Valo errötete. »Dinge bauen? Du meinst Brücken?«

»Oder Häuser oder Gutshöfe oder Ufermauern. Oder Brücken. Du könntest das Leben der Menschen verbessern.«

»Das Leben der Menschen verändern?« Seine Stirn lag plötzlich in Falten. »Nein.«

»Unser Leben verändert sich die ganze Zeit, ob wir es wollen oder nicht«, entgegnete Kit. »Valo Ferge aus Jenseits, du bist intelligent. Du bist gut im Umgang mit Menschen. Du lernst schnell. Wenn du wolltest, könnte ich selbst anfangen, dich zu lehren, oder dich nach Atyar schicken, um dort zu studieren.«

»Valo Baumann ...«, sagte er, den Namen ausprobierend, und dann: »Nein.« Aber danach war er, wann immer er Zeit vom Bootsbauen und dem Fährbetrieb erübrigen konnte, auf den Baustellen anzutreffen. Kit wusste, dass die Antwort eine andere sein würde, wenn er das nächste Mal fragte. Es gab für alles eine Möglichkeit, ein unsichtbares Muster, das sichtbar gemacht werden konnte, wenn man die Arbeit und die richtigen Materialien investierte. Kit schrieb an ein oder zwei alte Freunde, um Kontakte zu knüpfen, die Valo helfen würden, wenn die Zeit reif war. Er würde sich seines neuen Protegés nicht schämen.

Die Türme und die Verankerungen wuchsen. Der Winter kam und der Sommer, und ein zweiter Winter. Es gab Stürze, einen gebrochenen Arm, zwei Reihen angebrochener Rippen. Eine Frau in Jenseits verlor ihren Fuß, als einer der Steine von seinen Rollen rutschte und ihre Zehen zerschmetterte. Trotz der Verzögerung durch den langsamen Abbau der Steine lag der Bau im Zeitplan. Es gab keine Probleme mit der Bezahlung oder dem Straßenbauamt oder dem Kaiserreich, und nur gelegentlich kleinere, lösbare Angelegenheiten mit Störenfrieden aus Triple oder den örtlichen Verwaltungen.

Kit wusste, dass er Glück hatte.

 

Der erste Todesfall geschah während einem von Valos Besuchen. Das war am Anfang des zweiten Winters der Brücke, und Kit war seit drei Monaten in Jenseits. Er hatte bereits gelernt, dass Winter hier grauer Himmel bedeutete und Regen und manchmal Schnee. Bald würden sie die schweren Arbeiten für das Jahr ruhen lassen müssen. Aber es war ein guter Tag gewesen, und die Arbeiter hatten den größten Teil einer Steinreihe hochgezogen und verlegt.

Valo war nach drei Wochen aus Diesseits zurückgekehrt, wo er ein Boot für Jenna Blaufisch gebaut hatte. Kit entdeckte ihn, wie er den schlanken Turm hinaufstarrte, durch einen Regen, der so leicht war, dass er sich beinahe wie Nebel anfühlte. Auf halber Höhe des Pfeilers befand sich das schwarze Loch, durch das später die Straße hindurch führen würde; es sah sehr fehl am Platze aus.

Valo sagte: »Seit ich das letzte Mal hier war, sind Sie sehr viel weiter gekommen. Wie hoch ist er jetzt?«

Diese Frage wurde Kit oft gestellt. »Einhundertfünf Fuß, ungefähr. Gut ein Viertel ist fertig.«

Valo lächelte und schüttelte den Kopf. »Schwer vorstellbar, dass er stehen bleiben wird.«

»In Atyar gibt es einen Turm aus schwarzem Basalt und Eisen, der fünfhundert Fuß hoch ist. Fünf Mal so hoch.«

»Er sieht einfach so zerbrechlich aus«, sagte Valo. »Ich weiß, dass Sie gesagt haben, die meiste Kraft, die auf ihn wirkt, ist Kompression, aber er sieht trotzdem aus, als könnte er einfach umknicken.«

»In ein paar Jahren wirst du mehr Erfahrung mit Hängebrücken haben, und es wird weniger ... beunruhigend wirken. Möchtest du sehen, wie wir vorankommen?«

Valos Augen leuchteten auf. »Darf ich? Ich will nicht im Weg sein.«

»Ich bin heute noch nicht oben gewesen, und sie werden bald Schluss machen. Gerüst oder Treppe?«

Valo sah an dem Gerüst auf einer Seite des Turmes empor, zu den Leitern, die darin festgebunden waren, und erschauerte. »Ich kann nicht glauben, dass Menschen da raufklettern. Ich nehme die Treppe.«

Kit folgte Valo. Die steile Innentreppe war drei Fuß breit und schraubte sich endlos nach oben, fünf Stufen bis zu einer Plattform, Linksdrehung, fünf weitere Stufen und Drehung. Später würde die Treppe in jeder dritten Biegung von Laternen in Alkoven beleuchtet werden, aber heute tasteten Valo und Kit sich hinauf, die Finger auf dem kalten feuchten Stein, eine kleine Laterne in der Hand des Jungen. Die Treppe roch nach Wasser und Erde und dem schwachen Geruch von Lampenöl. Manche von den Arbeitern hassten die Treppen und nahmen lieber die Leitern draußen, aber Kit gefiel es hier. Für diese wenigen Momente war er ein Teil der Brücke, ein starker Knochen tief im Fleisch, das er erschaffen hatte.

Sie kamen oben an und hielten einen Moment inne, um die halbfertige Steinreihe zu begutachten und die schwarze Silhouette des Krans vor dem verblassenden Himmel. Die letzten Arbeiter waren gerade dabei, den zweibeinigen Scherenkran, mit dem sie die Steine umgesetzt hatten, in seine Einzelteile zu zerlegen. Eine Laterne hing an einem Mast, der in einem der Löcher steckte, die die Arbeiter später mit Stäben und flüssigem Eisen füllen würden. Kit nickte ihnen zu, während Valo zur Kante ging, um hinunterzuschauen.

»Es ist wunderbar«, sagte Valo lächelnd. »So hoch oben zu sein – man kann bis in die Gärten der Leute sehen. Sehen Sie doch, Teli Schreiner räuchert ein Schwein.«

»Das muss man nicht sehen, um es zu wissen«, bemerkte Kit trocken. »Ich rieche es schon seit zwei Tagen.«

Valo schnaubte. »Kann man schon bis zum Weißen Gipfel sehen?«

»Ja, an klaren Tagen«, sagte Kit. »Ich war vor zwei Tagen hier oben ...«

Ein lautes Krachen und ein Schrei. Kit wirbelte herum und sah eine der Arbeiterinnen auf dem Rücken liegen, Loreh Gerber, eine Frau aus dem Dorf. Eine der Stützen des Krans lag quer über ihrer Brust. Kit rannte die paar Schritte zu Loreh hinüber und kniete sich neben sie. Der Mann, der mit ihr gearbeitet hatte, sagte: »Sie ist abgerutscht – o Loreh, halt bitte durch«, aber Kit konnte bereits sehen, dass es zwecklos war. Sie war zwischen dem Balken und dem Turm eingeklemmt, ihre Brust war  zerquetscht, eine Schulter offensichtlich ausgekugelt, bewusstlos, schwer atmend. Schaum erblühte, schwarz im Licht der Laterne, auf ihren Lippen.

Kit nahm ihre kalte Hand. »Alles wird gut, Loreh. Alles wird gut.« Das war eine Lüge, und sie konnte ihn sowieso nicht verstehen, aber die anderen würden es hören. »Holt Hall«, sagte einer der Arbeiter, und Kit nickte: Hall war der Wundarzt. Und dann: »Jemand muss Obal holen. Holt ihren Mann.« Schritte rannten die Treppe hinunter und verloren sich im Zischen des einsetzenden Regens, in lautem Schluchzen und Lorehs feuchtem Atmen.

Kit sah auf. Valo starrte mit bebender Brust auf sie herab. Kit sagte zu ihm: »Hilf ihnen, Hall zu finden«, und als der Junge sich nicht bewegte, wiederholte er die Anweisung mit schärferer Stimme. Valo sagte nichts, aber er hörte nicht auf, Loreh anzustarren, bis er herumwirbelte und die Treppe hinunterrannte. Kit hörte die Rufe tief unten, als der erste Bote in Richtung Dorf rannte.

Loreh atmete noch einmal zitternd aus und starb.

Kit sah die anderen an, die sich um Lorehs Leiche scharten. Der Mann, der Lorehs andere Hand hielt, drückte sein Gesicht dagegen und weinte hilflos. Die beiden anderen Arbeiter knieten zu ihren Füßen, ein Mann und eine Frau, dicht zusammengedrängt, obwohl sie kein Paar waren. »Erzählt mir, was geschehen ist«, sagte er.

»Ich habe versucht zu verhindern, dass er auf ihr landet«, sagte die Frau. Sie hielt sich den offensichtlich gebrochenen Arm, schien es jedoch nicht zu bemerken. »Aber er fiel einfach weiter.«

»Sie war müde. Sie muss unvorsichtig geworden sein«, meinte der Mann, und die Frau mit dem gebrochenen Arm flüsterte: »Ich will nicht über das Geräusch nachdenken.«

Worte strömten aus ihnen heraus wie Blut aus einer Wunde. Das war, was sie jetzt brauchten – sie mussten reden und gehört werden. Also hörte er zu, und als die anderen kamen, Lorehs Mann Obal, mit weißen Lippen und zornigem Blick, und der Wundarzt Hall und sechs andere Arbeiter, da hörte Kit auch ihnen zu und führte sie allmählich den Turm hinunter und zurück zu den warmen Lichtern und dem Trost von Jenseits.

Kit hatte schon früher Arbeiter verloren, und so war es immer. Heute Nacht würde es Tränen geben, die Leute würden auf ihn und seine Brücke wütend sein und auf das Schicksal, das dies erlaubt hatte. Es würde Trauer und Albträume geben. Und Menschen würden sich lieben und ihre Kinder und Freunde und Hunde in die Arme schließen und das Leben in der kalten, nassen Nacht bejahen.

 

Seine Mentorin an der Universität hatte ihm, während einer ihrer häufigen Abschweifungen von Materialien und den Prinzipien der Architektur, erklärt: »Dinge gehen schief.«

Es war Winter, aber obwohl es schneite, schlenderten sie gemächlich zum Kaffeehaus. Skossa suchte nach Halt für ihren Gehstock und fuhr fort: »Bei längeren Bauvorhaben wirst du vergessen, dass du nicht einer von ihnen bist. Aber wenn es einen Unfall gibt, dann ist das wie ein Schlag ins Gesicht. Was auch immer du empfindest, ist dann unwichtig. Schuld, Trauer, Einsamkeit, Sorgen hinsichtlich des Zeitplans. Nichts davon. Was wichtig ist, sind ihre Gefühle. Also höre ihnen zu. Respektiere, was sie durchmachen.«

Sie hielt inne und tippte nachdenklich mit dem Stock auf den Boden. »Nein, das stimmt nicht. Es ist wichtig, was du empfindest, aber du wirst deine Kraft irgendwo anders suchen müssen.«

»Freunde?«, fragte Kit zweifelnd. Er wusste bereits, dass er eine Karriere wie sein Vater anstrebte. Er würde nirgends mehr als ein paar Jahre verweilen.

»Ja, Freunde.« Schnee fiel auf Skossas Haar, aber sie schien es nicht zu bemerken. »Kit, ich mache mir Sorgen um dich. Du kannst gut mit Menschen umgehen, das habe ich gesehen. Du magst sie. Aber du hast deine Grenzen.« Er öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber sie hob die Hand und gebot ihm zu schweigen. »Ich weiß, sie sind dir nicht gleichgültig. Allerdings im Rahmen eines Projektes. Im Moment ist das dein Studium. Später werden es Straßen und Brücken sein. Aber die Menschen um dich herum – ihre Leben gehen außerhalb des Projektes weiter. Sie sind nicht nur Werkzeuge in deiner Hand, auch, wenn du sie magst. Dein Leben muss ebenfalls weitergehen. Du solltest noch andere Dinge haben, für die du lebst, als nur Straßen. Denn wenn ein Unfall geschieht, dann wirst du jemanden brauchen, dem es wichtig ist, was du empfindest, irgendjemanden, irgendwo.«

 

Kit ging durch Jenseits zur Hündin. Die meisten Menschen waren inzwischen zu Hause oder in einer der Tavernen, ein in sich gekehrtes Dorf, aber er hörte Schritte hinter sich herrennen. Schnell drehte er sich um. Es war nicht ungewöhnlich, dass Menschen, die von der Trauer aus der Bahn geworfen waren, auf das einschlugen, was sie dafür verantwortlich machten, und manchmal war das eben ein Mensch.

Es war Valo. Obwohl seine Hände zu Fäusten geballt waren, erkannte Kit sofort, dass er wütend, aber nicht auf einen Kampf aus war. Einen Moment lang wünschte sich Kit, nicht zuhören zu müssen, einfach in sein Zimmer gehen und tausend Stunden lang schlafen zu können, aber Valo wirkte zutiefst betroffen. Valo, der Rasali so ähnlich sah. Er hoffte, dass Rasali und Loreh nicht befreundet gewesen waren.

Kit sagte leise: »Warum bist du nicht drinnen? Es ist kalt.« Während er das sagte, bemerkte er plötzlich, dass es wirklich kalt war. Der Regen war zu einem steten kalten Strom geworden.

»Ich geh gleich. Ich meine, ich war drin, aber ich bin wieder rausgekommen, weil ich dachte, dass ich dich finden könnte, weil ...« Der Junge zitterte.

»Wo sind deine Freunde? Komm, lass uns reingehen. Da ist es besser.«

»Nein«, sagte er. »Erst muss ich eine Sache wissen. Ist das immer so? Wenn ich das mache, Sachen baue, wird mir das geschehen? Wird jemand sterben?«

»Vielleicht. Wahrscheinlich, früher oder später.«

Valo sagte etwas Unerwartetes. »Ich verstehe. Es ist nur – sie hatte gerade erst geheiratet.«

Das Blut auf Lorehs Lippen, das feuchte Geräusch ihrer zerschmetterten Brust, als sie ihre letzten Atemzüge tat ... »Ja«, sagte Kit. »Das ist wahr.«

»Ich musste nur... ich wollte nur wissen, ob ich damit klarkomme. Wahrscheinlich werde ich das jetzt herausfinden.«

»Ich hoffe, du musst das nicht.« Der Regen wurde stärker. »Du solltest reingehen, Valo.«

Valo nickte. »Rasali – ich wünschte, sie wäre hier. Sie könnte vielleicht helfen. Du solltest auch reingehen. Du zitterst.«

Kit sah ihm nach. Valo hatte ihn nicht gebeten, ihn zurück ins Licht und in die Wärme zu begleiten. Er war nicht so dumm, das zu erwarten, aber einen Moment lang hatte er sich die Hoffnung gestattet.

Kit schlich durch die Ställe und durch die Hintertür der Hündin. Widson Zapfer, die Hände voller Humpen aus dem Schankraum, sah ihn und nickte ihm zu. Sein Gesicht war nicht freundlich, aber auch nicht abweisend. Das war gut, dachte Kit, besser würde es heute nicht mehr werden.

Er ging auf sein Zimmer und schloss die Tür, lehnte sich dagegen, wie um die Welt auszusperren. Jemand war bereits da gewesen. Eine Lampe war angezündet worden, ein Feuer entfacht, und Brot, Käse und ein Humpen Bier standen auf dem Fensterbrett, um sie kühl zu halten. Er begann zu weinen.

 

Die Nachricht überquerte den Fluss mithilfe der Signalflaggen. Am nächsten Tag arbeitete niemand an der Brücke, und auch am Tag darauf nicht. Kit tat alles, was zu tun war, und ließ sich nur von seiner Trauer und seiner Schuld überwältigen, wenn er zusammengekauert alleine vor dem Feuer in seinem Zimmer saß.

Am dritten Tag traf Rasali aus Diesseits mit einer Bootsladung Kisten voller Kräuter aus dem Norden ein, die auf dem Weg nach Osten waren. Kit saß im Schankraum der Hündin und hörte zu. Die Menschen wurden allmählich damit fertig und begannen, wieder nach vorne zu blicken. Bald würden sie an ihre Arbeit zurückkehren können, am nächsten klaren Tag. Er würde ihnen etwas bieten, einen sofortigen, sichtbaren Erfolg, etwas anderes – vielleicht würde er die Rampe ausrichten lassen.

Er sah Rasali nicht in den Schankraum kommen, aber er spürte ihre Hand auf seiner Schulter und hörte ihre Stimme in seinem Ohr. »Komm mit«, murmelte sie.

Er sah verwirrt auf, als wäre sie eine Fremde. »Rasali Ferge, warum bist du hier?«

Sie sagte nur: »Geh mit mir spazieren, Kit.«

Es regnete, aber er begleitete sie trotzdem. Als die ersten kalten Tropfen sein Gesicht berührten, zog er sich einen Schal über den Kopf.

Er sagte nichts, während sie durch Jenseits platschten. Sie führte ihn irgendwohin, aber das war ihm egal, er war nur dankbar, dass einmal nicht er derjenige war, der die Entscheidung treffen und stark sein musste. Nach einer Weile öffnete sie eine Tür und ließ ihn in ein kleines Zimmer voller Licht und Wärme eintreten.

»Mein Haus«, sagte sie. »Und das von Valos. Er ist noch auf der Werft. Setz dich.«

Sie deutete auf eine Bank neben dem Feuer, und Kit ließ sich darauffallen. Rasali hob einen Topf vom Feuer und schöpfte etwas in eine Tasse. Sie reichte sie ihm und setzte sich. »So. Trink.«

Es war gewürzter Porter, und die Wärme löste etwas von dem Druck, der auf seiner Brust lastete. »Danke.«

»Rede.«

»Es ist für euch alle ein großer Verlust, das weiß ich. Hast du Loreh gut gekannt?«

Sie schüttelte den Kopf. »Es geht hier nicht um mich. Es geht um dich. Rede.«

»Es geht mir gut«, sagte er, und als sie nichts sagte, wiederholte er es. Dabei spürte er Zorn in sich aufflackern. »Es geht mir gut, Rasali. Ich kann damit umgehen.«

»Wahrscheinlich kannst du das«, sagte Rasali. »Aber gut geht es dir nicht. Sie ist gestorben, und es war deine Brücke, für die sie gestorben ist. Du fühlst dich nicht schuldig? Das glaube ich nicht.«

»Natürlich fühle ich mich schuldig«, blaffte er.

Als sie sich ihm zuwandte, ergoss sich goldener Feuerschein über ihre breiten Wangenknochen, aber sie sagte nichts, sondern sah ihn nur an und wartete.

»Sie ist nicht die Erste«, hörte Kit sich überrascht sagen. »Das erste Projekt, das ich alleine leitete, war ein Tor mit Schlagbaum. Es war so ein kleines Projekt, so ein dummes kleines Projekt, um jemanden dabei zu verlieren. Das hölzerne Gerüst des Torbogens brach zusammen, bevor wir den Scheitelstein einsetzen konnten. Der ganze Bogen stürzte ein. Jemand wurde getötet.« Es war ein sehr junger Mann gewesen, schlank und hochgewachsen. Er humpelte beim Gehen und zog seine kleine Schwester groß. Damals war sie nicht älter als zehn gewesen. Sie war auf dem Bauplatz umhergestreift und hatte den Zusammenbruch und den Tod des Jungen nicht miterlebt. Dafuen? Naus? Er wusste seinen Namen nicht mehr. Und das Mädchen – wie hatte sie geheißen? Ich sollte mich daran erinnern. Das schulde ich ihnen.

»Jedes Mal, wenn ich jemanden verliere«, sagte er endlich, »erinnere ich mich an all die anderen. Es sind zwölf gewesen in den siebzehn Jahren. Nicht so sehr viele, wenn man es genau betrachtet. Bauen ist gefährlich. Meine Bilanz ist besser als die der meisten.«

»Aber das ist egal, nicht wahr?«, sagte sie. »Du hast trotzdem das Gefühl, dass du jeden einzelnen von ihnen umgebracht hast, so sicher, als hättest du sie selbst von einer Brücke gestoßen.«

»Es ist meine Verantwortung. Der Erste, Duar ...« Das war sein Name gewesen, da war es. Der Name löste etwas in Kit. Sein Gesicht wurde warm, Tränen, heiße Tränen liefen ihm über die Wangen.

»Ist ja gut«, sagte sie. Sie hielt ihn, bis er aufhörte zu weinen.

»Woher wusstest du das?«, fragte er schließlich.

»Ich bin das älteste lebende Mitglied der Familie Ferge. Mein Vater ist gestorben. Meine Mutter. Meine Tante starb vor sieben Jahren. Und dann habe ich meinen Bruder losfahren sehen, um den Nebel zu überqueren, vor drei Jahren. Es war ein idealer Tag, ruhig und sonnig, aber er hat es nicht geschafft. Er ist an meiner Stelle gefahren, weil der Fluss sich für mich falsch anfühlte. Es hätte genauso gut mich treffen können. Vielleicht hätte es mich treffen sollen. Also verstehe ich es.«

Sie streckte sich ein wenig. »Die meisten Leute verstehen das. Wenn Petro Kistner seine Tochter in die Berge schickt, um Holz auszuwählen, und sie nicht zurückkommt – von Wölfen gefressen, vom Blitz getroffen, wer weiß –, ist Petro dann schuld? Wahrscheinlich sind es die Wölfe oder der Blitz. Vielleicht ist es die Tochter, wenn sie etwas Dummes getan hat. Und ein wenig ist es auch Petro, denn sie wäre nicht dort gewesen, wenn er sie nicht losgeschickt hätte. Und ihre Mutter ist es auch, denn sie war furchtlos und hat es ihrer Tochter beigebracht, und Thom Grün, weil er ein neues Zimmer in seinem Haus haben wollte. Jeder, außer vielleicht den Wölfen, fühlt sich verantwortlich. Dieser Weg führt nirgendwohin. Loreh wäre früher oder später gestorben. Das tun wir alle«, fügte sie leise hinzu.

»Kannst du den Tod so einfach hinnehmen?«, fragte er. »Selbst deinen eigenen?«

Sie lehnte sich zurück, und ihr Gesicht wirkte plötzlich erschöpft. »Was kann ich sonst tun, Kit? Irgendjemand muss die Fähre steuern, und ich bin besser dafür geeignet als die meisten anderen, und nicht nur meines Blutes wegen. Ich liebe den Nebel, seine Strömungen und seinen Geruch und die Kraft in meinem Körper, wenn ich uns alle hindurchschiebe. Petros Tochter Cilar – sie wollte nicht sterben, als die Wölfe kamen, da bin ich mir sicher, aber sie liebte es, Holz auszuwählen.«

»Wenn deine Zeit kommt«, sagte er, »bist du dann auch so zuversichtlich?«

Sie lachte, und die Nachdenklichkeit war verschwunden. »Natürlich nicht. Ich werde die Sterne verfluchen und kämpfend untergehen. Aber es wird trotzdem wunderbar gewesen sein, den Nebel zu überqueren.«

 

An der Universität hatte Kit nur Gelegenheitsbeziehungen gehabt. Es gab Vorträge, die alle besuchten, und er lebte in der Nähe von Straßen und Kneipen voller Studenten. Aber die Studenten der technischen Berufe blieben traditionell unter sich, sowohl der Vorlieben ihrer Vorgänger als auch ihrer eigenen wegen. Die einzigen Menschen, die härter arbeiteten als die Ingenieure, waren die Bierbrauer, so lautete ein Scherz an der Universität. Kit und die anderen Techniker redeten und lebten und schliefen miteinander.

In seinem dritten Jahr begegnete er in dem Laden, in dem er sein Papier und Pergament kaufte, Domhu Canna: eine kleine Frau mit einem herzförmigen Gesicht und einer Wolke aus schwarzem Haar, die sie mit grauen Schleifen ein wenig bändigte. Eine Philosophiestudentin aus einer Stadt zweitausend Meilen im Osten, an der Küste.

Sie faszinierte ihn. Ihr Geist war sprunghaft und schnell wie ein Fisch und stellte Zusammenhänge her, die er nicht begreifen konnte. Für sie war alles eine Metapher, ein Symbol für etwas anderes. Menschen, so sagte sie, konnte man leichter verstehen, wenn man sie mit dem Leben von Tieren, den Jahreszeiten, der Struktur von gewissen Gedichten oder Wettspielen verglich.

Er begriff, dass dies eine andere Art und Weise war, Muster zu erkennen. Vielleicht waren Menschen wie Ochsengespanne, die man führen musste, oder wie Metalle, die man schmelzen und für die eigenen Zwecke formen musste, oder wie die Steine für eine Trockenmauer, die man gewissenhaft nach Form und Stärke auswählen, sortieren und platzieren musste. Letzteres leuchtete ihm am meisten an. Was sie zusammenhielt war kein Mörtel von außen, sondern ihr eigenes Gewicht und die Planung und Geduld des Trockenmaurers. Aber es war eine unzureichende Metapher. Menschen waren so, aber sie waren auch viele andere Dinge.

Er hatte nie begriffen, was Domhu an ihm anziehend fand. Sie sprachen nie darüber, ihre Beziehung förmlicher zu gestalten. Als sie ihr Studium abschloss, mitten in seinem letzten Jahr, kehrte sie in ihre Heimat zurück, um bei der Gründung einer neuen Universität zu helfen. Überhaupt schloss ihr Volk keine Ehen auf Zeit. Sie trennten sich freundschaftlich und, wenigstens auf seiner Seite, mit dem Gefühl, etwas verloren zu haben. Erst Jahre später kam es ihm in den Sinn, dass sich die Dinge auch hätten anders entwickeln können.

 

Der Winter war regnerisch, aber es gab Tage, an denen sie arbeiten konnten und dies auch taten. Bis zum Frühjahr hatte es auf beiden Ufern noch mehr Todesfälle gegeben, die nichts mit der Brücke zu tun hatten: eine Frau, die im Kindbett starb, ein Kind, das in seinem kurzen Leben nie richtig atmete, zwei Fischer, die kenterten, mehrere, die aus all den Gründen starben, aus denen alte und kranke Menschen sterben.

Im Laufe des Frühjahrs und des Sommers stellten sie die Verankerungen fertig, nichtssagende Ansammlungen von Steinblöcken und Mörtel, die im Felsboden befestigt waren. Sie waren tief eingegraben, sodass nur einige wenige Steinreihen über der Erdoberfläche sichtbar waren. Die Ankerbolzen waren jeweils mannshoch und in den Nischen versteckt, durch die die Ketten laufen würden.

Der Pfeiler in Jenseits wurde im Mittwinter des dritten Jahres fertig, lange vor dem in Diesseits. Jenner und Teniant Planer hatten ein Signalsystem perfektioniert, mit dem man detaillierte technische Informationen zwischen den Ufern hin und her schicken konnte, und Kit nutzte es weidlich aus. Dokumente wurden immer dann transportiert, wenn eine Fähre übersetzte. Rasali kreuzte achtunddreißig Mal. Obwohl er die meiste Zeit mit Kit verbrachte, kreuzte Valo neunzehn Mal. Kit überquerte den Nebel überhaupt nicht, es sei denn, die Flaggen sagten ihm, er würde gebraucht.

Es war zu Beginn des Frühlings, und Kit befand sich in Jenseits, als die Signale meldeten: Nachricht. Kaiserliches Siegel. Er ging sofort zu Rasali.

»Ich kann nicht«, sagte sie. »Ich bin erst gestern angekommen. Die Großen ...«

»Ich muss hinüber, und Valo ist in Diesseits. Es gibt Neuigkeiten aus der Hauptstadt.«

»Nachrichten haben bisher immer warten können.«

»Nein, haben sie nicht. Sie sind rastlos auf dem Deich hin und her gelaufen, bis wir sie abgeholt haben.«

»Benutz die Flaggen«, sagte sie ungeduldig.

»Das Siegel darf von niemand erbrochen werden außer Jenner und mir. Er ist auf dieser Seite. Es tut mir leid.« Er dachte an ihren Bruder, der vor vier Jahren gestorben war.

»Wenn du stirbst, kann niemand es lesen«, sagte sie, aber sie brachen trotzdem kurz nach Einbruch der Dämmerung auf. »Wenn wir fahren müssen, dann lieber jetzt als früher oder später.«

Sie trafen sich am oberen Kai. Der Himmel war mit hellen grünen und goldenen Streifen durchzogen. Die Wolken spiegelten den letzten Rest Sonnenlicht wider, sodass sie glühten, aber kein Licht abgaben. Die Strömung war gleichmäßig. Der Nebel zwischen den Deichen lag bereits im Halbdunkel, sanft geschwungene Dünen, zwanzig Fuß hoch.

Rasali wartete schweigend, wobei sie immer wieder ein Tau auf- und abwickelte. Neben ihr standen zwei Frauen, ein Mann und ein Hund: Gewürzhändler, die von den Pflanzungen in Gloth zurückkehrten. Der Hund winselte und war unruhig. Kit war mit Dokumentenmappen beladen, die mit fest zusammengerolltem und in Öltuch eingeschlagenem Pergament und Papier vollgestopft waren. Rasali setzte die Händler und den Hund in den Bug der Fähre, ihre vierzig Kisten Zimt und Muskat mittschiffs und Kit in das Heck in ihrer Nähe. Schweigend band sie das Tau los und stieß das Boot vom Kai ab.

Sie stand achtern, auf ihr Ruder gelehnt. Einen Moment konnte er so tun, als bewegten sie sich auf Wasser, und er erwartete beinahe, das Gluckern zu hören, aber das große Paddel machte kein Geräusch. Es war so still, dass er ihren Atem hören konnte, das nervöse Hecheln des Hundes vorne und seinen eigenen überhöhten Puls. Dann glitt die Überfahrt die lange, sanfte Kurve einer Düne hinauf, und es war nicht mehr möglich, dies für etwas anderes als Nebel zu halten.

Er hörte ein leises Seufzen, wie Luft, die in einen lange Zeit versiegelten Raum eindrang. Es war schwer, so weit zu sehen, aber das letzte Licht zeigte ihm den sich wölbenden Nebel auf einer benachbarten Düne, wie eine Blase, die an die Oberfläche von Schlamm tritt. Die Kuppel wuchs und platzte. Eine der Frauen keuchte auf. Ein Schatten rollte davon, zu dunkel, um mehr als seine Länge zu erkennen.

»Was ...«, sagte er verwundert.

»Fische«, raunte Rasali ihm zu. »Keine Kleinen. Sie beißen heute Nacht. Wir hätten nicht kommen sollen.« Inzwischen war es dunkel geworden. Der erste winzige Mond ging auf, von Sternen gefolgt. Rasali ruderte behutsam durch die Dünen, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Zuerst glaubte er, sie würde beten, aber dann begriff er, dass sie versuchte, den Kurs zu halten. Immer mehr Fische tauchten auf, und jedes Mal ertönte das Seufzen, jedes Mal war aus den Augenwinkeln ein dunkler Schatten zu erkennen. Er hörte jemanden singen, eine Stimme, die von weit hinter ihnen zu ihnen herübergeweht wurde.

»Die Fischer«, sagte Rasali. »Sie werden heute Nacht nahe an den Deichen bleiben. Ich wünschte ...«

Aber sie ließ den Wunsch unausgesprochen. Inzwischen befanden sie sich über dem tiefen Nebel. Er vermochte nicht zu sagen, woher er das wusste. Plötzlich sah er vor seinem geistigen Auge die Brücke, die sich irgendwo über ihnen befinden würde, ein dunkler Bogen, der den sternenbestickten Himmel überspannte. Die Parabelkurve der Kette wäre vielleicht sichtbar, vielleicht auch nicht. Die Menschen würden über den Fluss gehen, einen Bogenschuss über ihnen, ohne sich bewusst zu sein, was unter ihnen lag. Möglicherweise würden sie stehen bleiben und über das Brückengeländer nach unten blicken, aber sie würden zu hoch oben sein, um irgendetwas zu erkennen außer kleinen Schatten – wenn sie die Fische denn überhaupt sahen, wenn sie überhaupt stehen blieben. Die Großen würden etwas Neues sein, seltsame Wesen, die einen gefahrlosen Schauer auslösten, als lauschte man spätnachts einer Gruselgeschichte.

Vielleicht sah Rasali das Gleiche, denn sie sagte plötzlich: »Deine Brücke. Sie wird all das verändern.«

»Das muss sie. Es tut mir leid«, sagte er wieder. »Wir sollten nicht hier auf dem Nebel sein.«

»Wir sollten ihn überhaupt nicht überqueren, ohne ihn zu durchqueren. Kit ...« Sie verstummte. Nach einer Weile hob sie erneut an, mit gesenkter Stimme, als spräche sie mit sich selbst. »Die Seele hängt oft in einer Art Gleichgewicht. Lege ich mich heute Nacht mit Dirna Gerber in das hohe Feld, oder tue ich es nicht? Kaufe ich auf dem Jahrmarkt Bänder oder Wein? Nehme ich für das Kopfbrett der neuen Fähre Kampfer oder Birnenholz? Kleinigkeiten. Ein Kuss, eine Schleife, eine Maserung, die das Messer in diese oder jene Richtung lenkt. Sie sind es nicht, Kit Meinem aus Atyar. Unsere Seelen warten auf unsere Antwort, weil jede Antwort uns verändert. Darum warte ich ab, bevor ich beschließe, was ich von deiner Brücke halte. Ich warte, bis ich weiß, wie sie mich verändert.«

»Man weiß nie, wie die Dinge einen verändern«, sagte Kit.

»Wenn man es nicht weiß, hat man nicht gewartet, bis man es herausgefunden hat.« Sie hörten etwas platzen, kaum einen Steinwurf nach Steuerbord. »Ruhig!«

Sie fuhren weiter. Kit wusste, dass die Fahrt bei Tageslicht weniger als eine Stunde dauerte, aber sie kam ihm jetzt viel länger vor. Vielleicht war sie es auch. Er blickte zu den Sternen hinauf und glaubte, dass sie sich bewegt hatten, aber vielleicht irrte er sich.

Er hatte die Zähne zusammengebissen, und all seine Muskeln waren angespannt. Als er versuchte, sie zu lockern, begriff er, dass es nicht die Angst war, die ihn verkrampfte, sondern etwas anderes, etwas außerhalb von ihm. Rasalis Ruderschlag stockte. Jetzt erkannte er es, das Geräusch, das keines war, wie die tiefsten Töne einer Orgel, ein Dröhnen, das zu leise war, um es zu hören, aber es verflüssigte seine Knochen und verwandelte seine Muskeln in rostiges Eisen. Sein Atem entwich ihm ächzend aus der Brust. Sein Blickfeld verengte sich. Er bewegte sich wie durch Honig, zwang seine Hände hoch, um sie schützend um seinen Kopf zu legen. Kaum konnte er Rasali sehen, außer als einen Schatten vor dem etwas weniger schattigen Nebel, aber er hörte sie keuchen, ihre winzigen, schmerzvollen Atemzüge, wie ein verletzter Hund.

Das Sirren in seinem Körper pochte jetzt gegen seine Knochen, zersetzte sie. Er wollte schreien, aber in seiner Lunge war keine Luft mehr. Plötzlich bemerkte er, dass der Nebel unter ihnen sich wölbte. Er türmte sich an der Reling entlang auf. Ich habe die Brücke nicht fertig gebaut, dachte er. Und ich habe sie nie geküsst. Ob Rasali etwas bereute? Die Dünung geriet in Aufruhr und wurde zu einem Hügel, der zu einem Berg wurde und Teile des Himmels verdeckte. Der Gipfel zerschmolz zu kleinen Wellen, und darin verbarg sich ein Schatten, groß und dunkel wie die Nacht, der sich vorwärtsschob und dem in sich zusammenfallenden Nebel folgte. Er schien sich nicht zu bewegen, aber Kit wusste, dass das nur an der Größe dessen lag, was er da sah, sodass es ewig dauerte, bis es in seiner ganzen Länge vorbeigezogen war. Das war alles, was er sah, bevor seine Augen sich schlossen.

Wie lange er auf dem Boden des Bootes gelegen hatte, wusste er nicht. Irgendwann begriff er, dass er da war. Etwas später bemerkte er, dass er sich wieder bewegen konnte, dass seine Knochen und Muskeln wieder das waren, was sie sein sollten. Der Hund bellte. »Rasali?«, fragte er zitternd. »Sinken wir?«

»Kit.« Ihre Stimme war dünn wie ein Faden. »Du lebst noch. Ich dachte, wir wären tot.«

»War das ein Großer?«

»Ich weiß es nicht. Niemand hat je einen gesehen. Vielleicht war es nur ein ziemlich Großer.«

Der alte Scherz. Kit würgte ein schwaches Lachen hervor.

»Verdammt«, sagte Rasali in der Dunkelheit. »Ich habe das Ruder verloren.«

»Was nun?«, fragte er.

»Ich habe kleinere Reserveruder dabei, aber es wird länger dauern, und wir werden an der falschen Stelle anlanden. Wir werden das Boot festbinden und ein ganzes Stück zu Fuß gehen müssen, um Hilfe zu holen.«

Er sagte nicht: Ich lebe noch. Ich kann heute Nacht tausend Meilen weit laufen.

Der Tag dämmerte beinahe, bevor sie in Diesseits ankamen. Die zwei großen Monde gingen auf, kurz bevor sie eine Meile südlich des Docks anlandeten. Die Gewürzhändler und ihr Hund gingen voran, während Kit und Rasali das Boot vertäuten und zusammen losliefen. Auf halbem Weg kam Valo ihnen entgegengerannt.

»Ich habe gewartet, und ihr seid nicht gekommen ...« Er war blass und keuchte. »Aber sie haben es mir gesagt, die anderen Passagiere, dass ihr es geschafft habt, und ...«

»Valo.« Rasali umarmte ihn und hielt ihn fest. »Wir sind sicher, Kleiner. Wir sind da. Es ist geschafft.«

»Ich dachte ...«, sagte er.

»Ich weiß«, sagte sie. »Valo, bitte, ich bin furchtbar müde. Kannst du die Überfahrt zum Kai bringen? Ich gehe nach Hause und werde einen Tag lang schlafen, und es ist mir egal, wenn die Kaiserin selbst am Kai steht, sie wird warten müssen.« Sie ließ Valo los, verabschiedete sich mit einem müden Lächeln von Kit und ging den langen Hang des Deiches hinauf. Kit sah ihr nach.

 

Das »Kaiserliche Siegel« entpuppte sich als Brief aus Atyar – irgendein untergeordneter Beamter, der sich die Autorität anmaßte, eine Erklärung für eine Reihe von Zahlen zu fordern, die Kit geschickt hatte. An einem guten Tag war dieses Schreiben kaum die Reise wert, und schon gar nicht in einer schlechten Nacht über den Nebel. Kit verfluchte die Hauptstadt, das Kaiserreich und das Straßenbauamt und schickte die gewünschten Informationen zusammen mit einem geharnischten Zusatz über Siegel und ihre ordnungsgemäße Verwendung zurück.

Zwei Tage später erreichte ihn eine Nachricht, die ihn so oder so veranlasst hätte, den Nebel zu überqueren. Die Karavane, die die ersten Bolzen und Augenstäbe brachte, befand sich zwölf Meilen entfernt auf der Minenstraße von Hoic. Kit und seine Eisenmeisterin Tandreve Fabri ritten den langsam südwärts rollenden Wagen entgegen und trafen sie nahe dem Dorf Oud. Sie waren gerade dabei, einen nicht allzu steilen Hang hinunterzufahren. Die Wagen waren lang und stark gebaut, ihr Inhalt abgedeckt. Jeder wurde von einem Gespann kräftiger, geduldiger Ochsen gezogen. Sie gingen in gemächlichem Tempo, und die Wagenlenker schritten singend neben ihnen einher. In Kits stadtgewohnten Ohren klang der Gesang seltsam.

»Ochsenlieder. Wir haben sie früher auf dem Bauernhof meines Onkels gesungen«, sagte Tandreve und erhob die Stimme:

 

»Erinnerst du dich an den Traum von gestern,

das süße kühle Gras, die einsamen Kühe,

damals hattest du noch Klöten.«

Tandreve kicherte, und Kit mit ihr.

 

Eine der Lenkerinnen schlenderte, als Kit sein Pferd zügelte,  zu ihnen herüber. Ihr Gespann bewegte sich auch ohne ihre Führung weiter. »Seid gegrüßt«, sagte sie und nickte. Eine wortkarge Frau.

Kit schwang sich aus dem Sattel. »Das sind die Ketten?«

»Du kommst von der Brücke?«

»Kit Meinem aus Atyar.«

Die Frau nickte wieder. »Berralit Rotochse aus Ilver. Deine Schmiede sitzen hinten auf dem letzten Wagen.«

Einer der Schmiede, ein langgliedriger Mann mit angesengten Augenbrauen, schritt ihnen entgegen und stellte sich als Jared Wurf aus Klein Hoic vor. Sie liefen neben den Wagen her, während sie sich unterhielten, und er zog eine der Planen beiseite, um Kit und Tandreve zu zeigen, was sie brachten: Stapel von Eisenstangen, jede davon zehn Fuß lang, mit Ösen an jedem Ende. Tandreve ging seitwärts und begutachtete sie im Gehen. Jared und sie verloren sich bald in einer technischen Diskussion. Kit leistete ihnen Gesellschaft und führte sowohl Tandreves vergessenes Pferd als auch sein eigenes. Für den Augenblick war er damit zufrieden, die Meister alles unter sich ausmachen zu lassen. Er ging ein paar Schritte vor, bis er mit den Ochsen gleichauf lag. Erinnerst du dich an den Traum von gestern, dachte er, und dann: Was Rasali wohl geträumt hat?

 

Nach jener Nacht auf dem Nebel schien Rasali keine schlechten Tage mehr zu haben. Sie brachte Leute am Tag nach ihrer Ankunft hinüber, ganz gleich, wie das Wetter oder die Stimmung des Nebels war. Die Besitzer der Gasthöfe murrten deshalb, aber die kürzere Aufenthaltszeit wurde dadurch wettgemacht, dass mehr ernst dreinblickende Männer und Frauen von Firmen in Atyar geschickt wurden, um Kontore in den Städten am anderen Flussufer zu eröffnen. Was es auch für die Brücke einfacher machte, denn Kit und die anderen konnten nun über den Nebel gelangen, wann immer es nötig war. Kit widerstrebte es allerdings weiterhin, noch mehr als vor ihrer nächtlichen Überfahrt.

Es gab genug zu tun für zwei Fähren. Valo bot an, öfter zu fahren, aber Rasali schlug die Hilfe aus und erlaubte ihm nur überzusetzen, wenn sie es nicht verhindern konnte. »Die Großen scheinen sich diesen Winter nicht um mich zu kümmern«, sagte sie zu ihm, »aber ich kann nicht garantieren, dass das auch für zartes Fleisch wie dich gilt.« Kit gegenüber war sie ehrlicher. »Wenn er das Fährgeschäft verlassen will, um in der Hauptstadt zu studieren, dann besser früher als später. Der Nebel bleibt gefährlich, bis die letzte Fähre ihn überquert hat. Und auch dann noch, selbst wenn deine Brücke fertig ist.«Rasali war offenbar die Einzige, die diesen Schutz genoss. Die Fischer hatten genauso viele Schwierigkeiten wie in jedem Jahr. Denis Rotboot verlor sein Korakel, als es gerammt wurde (»von einem Mittelgroßen«, wie er später in der Taverne lachend erzählte – manchmal waren die ältesten Scherze wirklich die besten), und er wurde von einem in der Nähe treibenden Boot herausgefischt, bevor er zu tief sank. Der Ausschlag war nur oberflächlich, aber sein Haar wuchs nur stellenweise nach.

 

Kit saß im überfüllten Biergarten des Wilden Hirschen und schaute zu, wie Rasali und Valo in der Werft nebenan ein kleines Ruderboot aus Kiefernholz mit Fischhaut bezogen. Als Kit sich gesetzt hatte, hatte Valo ihn mit einem Ruf begrüßt, und Rasali hatte ihm den Kopf zugewandt und ihn angelächelt, aber seitdem beachteten sie ihn nicht mehr. Einige Dorfbewohner kamen vorbei, um ihn zu begrüßen, und der Wirt blieb eine ganze Weile, um ihm von seinen schrecklichen, nicht nachlassenden Rückenschmerzen zu erzählen, aber den größten Teil des Nachmittags über saß Kit alleine in der Sonne, trank kellerkühlen Porter und schaute zu, wie das Boot Gestalt annahm.

Im Mittsommer des vierten Jahres war es selten, dass Kit den ganzen Nachmittag eines schönen Tages für sich selbst hatte. Seit einigen Monaten waren die Verankerungen fertig. Die Geröllrampen, die zu den gewölbten Durchgängen in den Türmen führten, waren ebenfalls bereit. Für die Türme hatten sie länger gebraucht, und die Granitsättel, die die Ketten über den Pylonen halten würden, waren gerade erst angebracht worden. Bei den meisten Materialien lagen sie nur wenig hinter Kits Zeitplan zurück. Mehr als tausend Augenstäbe und Bolzen warteten in langen Reihen auf ihren Einsatz. Das Eisen roch noch nach dem Leinöl, mit dem es während der Reise geschützt worden war. Vor dem Winter würden noch mehr geliefert werden. In der Nähe der Rampen lagen die vielen Fischhautseile und -taue, die gebraucht wurden, um die erste Kette über den Fluss zu ziehen. Sie waren unersetzlich – wahrscheinlich waren sie das Wertvollste überhaupt auf den Baustellen – und wurden auch so behandelt. Aufbewahrt wurden sie in geschlossenen Zelten, in denen es fürchterlich stank.

Auch Kits Hochbauspezialisten waren eingetroffen: die Männer und Frauen, die die ersten gefährlichen Aufgaben übernehmen würden, größtenteils Experten, die an den anderen großen Brücken oder den Türmen Atyars mitgearbeitet hatten.

Valo und Rasali waren nicht alleine auf der Werft. Rasali hatte nach den Fährleuten von Ubmie geschickt, das hundert Meilen weiter südlich lag, und sie waren vor ein paar Tagen eingetroffen: eine Frau und ihr Vetter, Chell und Lan Kreuzer. Die Fremden hatten die gleichen massigen Schultern wie die Ferges und sahen genauso gut aus, aber ihr entrückter Gesichtsausdruck war unverwechselbar. Der Fluss war in Ubmie breiter und tiefer, vielleicht war ihnen der Tod näher. Kit fragte sich, was sie von der Brücke hielten. Sie würde das Fährgeschäft über Hunderte von Meilen flussauf- und abwärts beeinträchtigen, und Ubmie war als möglicher Ort für die Brücke in Betracht gezogen worden. Doch es schien sie nicht zu stören, sonst wären sie nicht gekommen.

Alle warteten auf die Fährleute. Sie mussten jetzt die Seile über den Fluss bringen, um die Pfeiler miteinander zu verbinden – um die Ketten zusammenzusetzen, wurden provisorische Taue und Stege gebraucht –, aber erzwingen konnte man das nicht. Rasali, Valo und die Kreuzer mussten alle zur gleichen Zeit das Gefühl haben, dass sie sicher übersetzen konnten. Kit bemühte sich, nicht ungeduldig zu sein. So oder so gab es für ihn genug zu tun: Posten, die zu Listen hinzugefügt werden mussten, formelle Berichte und höfliche Nachfragen, die an die vielen interessierten Parteien in Atyar und Triple geschickt, Anweisungen, die den Seilern, Maurern, Straßenbauern und dem Schatzamt erteilt werden mussten. Und Jenner: Kit hatte in die Hauptstadt geschrieben, und das Straßenbauamt hatte Jenner die Führung bei einer zweiten Brücke über den Fluss angeboten, die ein paar hundert Meilen weiter nördlich gebaut werden sollte. Kit würde den Vertrag überbringen, wenn sie das nächste Mal auf der gleichen Seite waren, aber er war sehr erleichtert, dass die Beamten zugestimmt hatten, Jenner bei ihm zu belassen, bis die erste Kette dieser Brücke fertig war. Viel zu tun.

Er verdrängte all diese Gedanken. Später, sagte er halb entschuldigend zu diesen Dingen. Später kümmere ich mich um euch. Lasst mich jetzt erst einmal in der Sonne sitzen und anderen Menschen bei der Arbeit zuschauen.

Die Sonne schien schräg und pfirsich-golden durch die Blätter der Eiche, bevor Rasali und Valo für heute Schluss machten. Das Boot war fertig, ein eleganter kleiner Bogen aus hellem Holz, rotgefärbter Fischhaut und verblassendem Sonnenlicht. Kit lehnte sich gegen den Zaun, während sie einen Becher voll Wasser über seinen Bug gossen und es dann in den Schatten des Vorratsschuppens zogen. Valo rannte fort – so viel Energie nach einem langen Tag, ach, die Jugend –, und Rasali kam zum Zaun und lehnte sich auf ihrer Seite dagegen.

»Es ist wunderschön«, sagte er.

Sie lockerte ihren Nacken. »Ich weiß. Wir stellen gute Boote her. Hast du Hunger? Von so einem anstrengenden Nachmittag hast du doch sicher Appetit bekommen.«

Er musste lachen. »Wir haben heute Morgen den Schlussstein gelegt. Ich habe wirklich Hunger.«

»Dann komm. Thalla wird uns verköstigen.«

Das Abendessen war einfach. Der Wilde Hirsch war mehr für sein Bier bekannt als für sein Essen, aber Thalla servierte einen herzhaften Eintopf mit Kerbel, der so dick war, dass man einen Löffel aufrecht hineinstellen konnte. Valo war mit Freunden verabredet, also aßen sie mit Chell und Lan, die, wie sich herausstellte, Rasali recht ähnlich waren – eher ruhig, aber mit einem fröhlichen Gemüt. Bei Einbruch der Dämmerung gingen die Kreuzer fort, um die Tavernen in Diesseits zu erkunden, und Kit und Rasali blieben alleine zurück und beobachteten das Wetterleuchten im Westen. Die Luft war dick und warm und weich wie Wolle.

»Du kommst nie zu den Baustellen, auf keiner Seite«, sagte Kit unvermittelt, nachdem sie, leicht beschwipst, eine ganze Weile versonnen geschwiegen hatten. Er begutachtete seinen Steingutbecher, der inzwischen, bis auf den Hefegeruch, leer war.

Rasali hatte die Bänke abgeschrieben und saß nun auf einem der Gartentische. Sie lehnte sich zurück, bis sie schließlich auf dem Tisch lag, das Gesicht dem Himmel zugewandt. »Ich hatte viel zu tun, was dir vielleicht aufgefallen ist?«

»Es ist mehr als nur das. Jeder findet hier und da ein wenig Zeit. Und früher hast du das auch.«

»Ja, das habe ich, nicht wahr? In letzter Zeit habe ich einfach keinen Sinn mehr darin gesehen. Die Brücke verändert alles, aber ich weiß noch nicht, wie sie mich verändert. Also warte ich, bis es so weit ist. Vielleicht ist das wie mit dem Nebel.«

»Wie wäre es mit jetzt gleich?«

Sie drehte den Kopf, bis ihre Wange auf dem rauen Holz der Tischplatte lag. Obwohl ihre Augen im Schatten lagen, wusste er, dass sie ihn anschaute. Was sie wohl sah, fragte er sich. Was hoffte sie zu sehen? Es freute ihn, aber es beunruhigte ihn auch.

»Komm heute Abend mit zum Turm«, bat er. »Bald wird sich alles verändern. Wir werden die Seile hinüberziehen und die Ketten montieren und die Stützen einziehen und die Straße bauen. Es wird aufhören, ein Projekt zu sein, und stattdessen eine Brücke werden, eine Straße. Aber heute sind es immer noch nur zwei Türme und ein paar Pläne. Rasali, klettere mit mir hinauf. Ich kann nicht beschreiben, wie es dort oben ist – der Wind, der Himmel, der einen umgibt, der Fluss, der unter einem liegt.« Er errötete angesichts der Dringlichkeit in seiner Stimme. Als sie weiterhin schwieg, fügte er hinzu: »Du veränderst dich, ob du darauf wartest oder nicht.«

»Es blitzt«, sagte sie.

»Er springt von Wolke zu Wolke«, sagte er. »Nicht zur Erde.«

»Wetterleuchten.« Sie setzte sich auf. »Na, dann zeig mir diesen Ort.«

Die Baustelle lag verlassen da. Der Himmel war voller Wolken, die von innen von Blitzen erleuchtet wurden, was schlimmer war, als gar kein Licht zu haben, denn es beeinträchtigte ihre Nachtsicht. Sie stolperten über den Platz, versuchten, den Weg in den Momenten des Lichts vorauszuplanen, und bewegten sich hartnäckig durch das Dunkel. »Verdammt«, sagte Rasali plötzlich. Dann: »Ich bin über irgendwas gestolpert. Wohl ein Geisterschaf.« Kit musste unwillkürlich lachen.

Sie nahmen nicht das Gerüst, sondern die Innentreppe. Kit kannte sie genau, kannte jede überraschende Biegung und jede unebene Stufe, also zählte er sie Rasali laut vor und führte sie an der Hand hinauf. Sie schafften einhundertvierundneunzig, bevor ein Blitz über sie hinwegzuckte, und zweihundertachtzehn, bevor sie endlich nach Luft schnappend auf das Dach traten.

Sie waren nicht allein. Eine Frau keuchte auf, rannte zusammen mit einem Mann lachend die Treppe hinunter. Rasali sagte befriedigt: »Sera Eichenfeld. Dieses Lachen würde ich überall erkennen. Dann war das Erno Brückmann bei ihr.«

»Er hat sich nach der Brücke benannt?«, fragte Kit, doch Rasali sagte nur mit Kinderstimme: »Oh.« Lautlose Blitze schossen zwischen einem Dutzend Wolkenschichten hin und her und malten den Himmel über ihrem Kopf purpur-weiß an, ein unfassliches Labyrinth aus Licht und Schatten.

»Der Himmel ist so viel näher.« Sie ging zur Brüstung und blickte auf Diesseits hinunter. Schwaches goldenes Licht floss aus Türen, die der schwülen Luft wegen offen standen. Kit blieb, wo er war, völlig zufrieden damit, sie anzusehen. Das Licht – wann immer es aufleuchtete – war schattenlos, und ihr Gesicht wirkte jung und erstaunt. Nach einer Weile kam sie zu ihm.

Sie sagten nichts, sie küssten sich nur und liebten sich dann in einem Nest aus ihren abgelegten Kleidern. Kit spürte den Stein seiner Brücke an den Knien, am Rücken. Er war noch immer so warm wie Haut nach der Hitze des Tages, aber nicht so warm wie Rasali. Sie war weicher als die Steine und schmeckte süß.

Ein Gefühl, das er nicht beschreiben konnte, öffnete ihm die Brust, die Kehle, den Bauch. Es war lange her, seit er zum letzten Mal mit jemandem geschlafen und sich nicht selbst Erleichterung verschafft hatte. Beinahe hatte er die Freude vergessen, den heftigen, plötzlich anschwellenden Schock, wenn er kam, den sich wiegenden Ozean, wenn sie kam. Selbst ihre gemeinsame Unbeholfenheit freute ihn, denn sie verhieß die Möglichkeit, es wieder zu tun, und besser.

Als sie fertig waren, redeten sie. »Du kennst mein Ziel, die Brücke zu bauen.« Kit sah auf ihr Gesicht hinab, das im Flackern der Blitze auftauchte und wieder verschwand. »Aber ich kenne deines nicht.«

Rasali lachte leise. »Und doch hast du mich tausendmal dabei beobachtet, wie ich es erreicht habe, und ein paar mal, wie ich gescheitert bin. Ich möchte gut leben.«

»Das ist kein Ziel«, sagte Kit.

»Warum? Weil es nicht das deine ist? Was ist besser, Kit Meinem aus Atyar? Ein großer Sieg oder tausend kleine?« Und dann: »Morgen«, sagte sie. »Morgen bringen wir die Seile hinüber.«

»Bist du sicher?« fragte Kit.

»Das ist eine seltsame Frage, jedenfalls wenn du sie stellst. Bei der Brücke geht es doch darum, die Überquerung zur Gewissheit zu machen, nicht wahr? Wie die Sonne, die jeden Morgen aufgeht. Wir haben uns heute Nachmittag geeinigt. Es ist so weit.«

 

Der Morgen kam früh mit dem Klopfen des Wirts an der Tür. Kit erwachte völlig desorientiert, die Decken seines kleinen Schrankbettes ein wirres Knäuel. Nachdem Rasali und er vom Pfeiler heruntergekommen waren, war sie schlafen gegangen. Er hatte alles getan, was geschehen musste, bevor die Leine hinübergebracht wurde, und das in den paar Stunden, die von der Nacht blieben. Seine Haut roch nach ihr, doch er war vom Schlafmangel ganz benommen und konnte nicht recht glauben, dass sie sich wirklich geliebt hatten. Aber in seinen Handflächen klebte noch Steinstaub. Er lächelte, und obwohl es Hochsommer war, sang er, während er sich schnell wusch und ankleidete, ein Frühlingslied aus Atyar. Im Schankraum trank er eine Schale voll Brühe. Sie war würzig und lauwarm. Ein einsamer kleiner Barsch starrte aus einem gesalzenen Auge zu ihm hoch. Er ließ den Fisch liegen und verließ den Gasthof.

Die Wolken und der Blitz waren fort. Obwohl es früh am Morgen war, war der Himmel bereits blass und heiß. Die Nachricht hatte sich überall verbreitet, und der ganze Ort, so schien es zumindest, schlenderte zusammen mit Kit zum Bauplatz, schwärmte über den Deich und ließ sich am Flussufer nieder.

Der Fluss war ein grelles, sämiges Band – ganz so, wie Kit ihn zum ersten Mal gesehen hatte –, und einen Moment lang hatte er das Gefühl, sich in der Zeit verirrt zu haben. Hoher Nebel wurde als gutes Omen gewertet, und obwohl er nicht an Omen glaubte, war er doch froh darüber. Die Flaggen des Signalturms hingen schlaff unter dem heißen, weißblauen Himmel.

Kit ging zu Rasalis Boot hinunter, das fast inmitten einer dichten Menschentraube verschwand. Als Kit sich näherte, rief Valo: »Hey, Kit!« Rasali sah auf. Ihr Lächeln war wie willkommener Schatten an einem hellen Tag. Der Kreis öffnete sich, um ihn einzulassen.

»Ich grüße dich, Valo Ferge aus Jenseits, Rasali Ferge aus Jenseits«, sagte er. Als er nahe genug war, nahm er Rasalis Hände in seine eigenen und genoss trotz der Hitze des Tages ihre Wärme.

»Kit.« Sie küsste ihn auf den Mund. Gedämpftes Gejohle wurde laut, und Valo stieß einen überraschten Ausruf  aus. Sie schmeckte nach Endivie.

Daell Reepschläger nickte Kit geistesabwesend zu. Sie war die Hauptseilerin. Sie, ihr Mann Stivvan und die Gesellen und Meister, die sie gerufen hatten, inspizierten die Hunderte von Klafter lange Leine aus verdrillter Fischhaut, drehten sie mit sicherer Hand auf Spulen von jeweils drei Fuß Durchmesser und luden diese auf einen Holzrahmen, der auf der Ruhigen Überfahrt festgeschraubt war.

Das Seil war dünn, kaum mehr als eine Schnur, schmaler als Kits kleinster Finger. Es wirkte zerbrechlich, kaum stark genug, um sein Eigengewicht eine Viertelmeile weit zu tragen, aber ihre Versuche widerlegten diese Annahme.

Mehrere der stärkeren Leute von der Brücke reichten kleine, schwere Kisten an Valo und Chel Kreuzer im Bug weiter. Silberarbeiten aus Hedeclin und Kupfer in Barren: Die Fähre sollte ein wenig bugwärts gewichtet werden, was zwar den Anfang der Überfahrt etwas schwieriger machen, aber dafür gegen Ende helfen würde, wenn die Leine sich entrollte und vom Nebel beschwert wurde.

»Glauben wir jedenfalls«, hatte Valo vor zwei Monaten gesagt, als Rasali und er den Plan mit Kit besprachen. »Aber wir wissen es nicht mit Sicherheit. Niemand hat so etwas je gemacht.« Kit hatte genickt und sich, nicht zum ersten Mal, gewünscht, der Fluss wäre ein wenig schmaler. Flussaufwärts vielleicht – aber nein, dies war die einzige Möglichkeit gewesen. Er schrieb an einen alten Kommilitonen in Atyar, der inzwischen Mathematik lehrte, und präsentierte ihm ihre Lösung. Sein Freund hatte zurückgeschrieben, dass es so aussehe, als müsste es funktionieren, aber dass er von Nebel nur wenig verstünde.

Ein Ende des Seils schlängelte sich über den Boden und den Deich hinauf. Niemand berührte es. Sie drängten sich nahe heran, ließen aber eine schmale Gasse frei und stiegen nur vorsichtig darüber. Daell und Stivvan Reepschläger folgten der Gasse bergauf und über den Damm, um den vorläufigen Anker am Sockel des Pfeilers in Diesseits zu überprüfen.

Sie warteten. Die Menschen saßen im Gras oder gingen zurück, um den Reepschlägern zuzuschauen. Jemand brachte Brühe und kleine Krüge voller Bier aus der Fischertaverne. Valo und Rasali und die zwei Kreuzer waren unnahbar, bereits ganz auf die vor ihnen liegende Aufgabe konzentriert.

Und er selbst? Kit war überdreht, aber er durfte nichts außer einem ruhigen, zuversichtlichen Gesicht zeigen. Er ging zwischen den Zuschauern hin und her und wechselte mit jedem von ihnen ein paar Worte oder ein Lächeln. Inzwischen kannte er sie alle, selbst die Kinder.

Es war später Vormittag, bevor Daell und Stivvan zurückkehrten. Die Fährleute nahmen ihre Plätze in der Überfahrt ein, zwei auf jeder Seite und so weit voneinander entfernt, dass sie in verschiedenen Rhythmen rudern konnten. Bis sie auf der anderen Seite ankamen, war Kit nutzloser Ballast, also saß er im Bug, wo sein Gewicht noch zu etwas gut war. Daell stolperte, als man ihr ins Heck half. Sie würde das Seil im Auge behalten, aber sie war, wie sie ihnen allen sagte, nervös: Sie hatte den Nebel noch nie überquert. »Ich glaube, ich warte, bis die Stege verlegt sind, bevor ich zurückfahre«, fügte sie hinzu. »Stivvan wird so lange alleine schlafen müssen.«

»Bereit, Kit?«, rief Rasali nach vorne.

»Ja«, sagte er.

»Daell? Lan? Chel? Valo?« Alle stimmten zu.

»Ein historischer Moment«, verkündete Valo. »Der Tag, an dem der Nebel überwunden wurde.«

»Mach dich nützlich, Junge«, sagte Rasali. »Nimm die Ruder.«

»Klar«, sagte Valo.

»Stoßt uns ab«, sagte sie zu den Menschen auf dem Kai. Jubel ertönte.

 

Die Anlegestelle und alle Geräusche hinter ihnen verschwanden beinahe sofort. Die Fährleute hatten recht gehabt mit ihrer Behauptung, dass dies ein guter Tag für ein solches Unterfangen war. Der Nebel war eine sanfte Reihe von allerhöchstens mannshohen Wellen und so fest, dass die Überfahrt trotz des zusätzlichen Gewichts und Widerstands hoch lag. Er hatte den Fluss noch nie so ruhig erlebt.

Kits Augen schmerzten von der Helligkeit. »Wird es klappen?«, fragte er und meinte damit das Seil und ihre Fahrt über den Nebel und die Brücke selbst – eher eine Frage als eine Aussage. Er musste einfach fragen, obwohl er die Berechnungen selbst angestellt hatte und Jenner und Daell und Stivvan und Valo und ein Spezialist aus Atyar alles nachgerechnet hatten, obwohl es eine kindische Frage war. So abgeschieden im Nebel schien nicht einmal Tüchtigkeit genug zu sein.

»Ja«, sagte Daell Reepschläger von achtern.

Die Ruderer sagten wenig. Irgendwann murmelte Rasali in die gedämpfte Luft: »Nach rechts«, und Valo und Lan Kreuzer veränderten ihren Schlag, um einen kleinen, ein paar Fuß hohen Hügel direkt vor ihnen zu umschiffen. Während der meisten Zeit glitt die Überfahrt langsam über die gleichmäßigen Wellen. Anders als bei seinen anderen Überfahrten sah Kit heute keine dunklen Schatten im Nebel, weder große noch kleine. Von hier aus konnten sie den Kai nicht sehen, aber der Deich vor ihnen war voller Jenseiter, die darauf warteten, sich der Arbeit anzunehmen, sobald die Fähre anlegte.

Er konnte nichts tun, um zu helfen, also schaute er Rasali im Gleißen der Sonne beim Rudern zu. Je mehr sich das Seil entrollte, desto schwerer mussten sie ziehen, und sie und die anderen begannen zu keuchen. Ihre Haut glänzte von Schweiß und war beinahe so hell wie der Nebel in der Sonne, und er fragte sich, wie sie das Licht aushielt, ohne zu verbrennen. Ihr Gesicht sah ernst aus, auf das östliche Ufer fixiert. In ihren Augen spiegelte sich der Nebel. Da begriff er, was ihr Gesichtsausdruck bedeutete. Es war Freude.

Wie wird sie es ertragen, dachte er plötzlich, wenn sie keine Fähre mehr steuern kann? Er wusste, dass sie das, was sie tat, liebte, aber er hatte nie begriffen, wie sehr. Er fühlte sich, als hätte man ihm in den Bauch getreten. Was würde das mit ihr machen? Seine Brücke würde das zerstören, was sie liebte, was ihr ihren Namen gab. Wie war es möglich, dass er daran nicht gedacht hatte? »Rasali«, sagte er – er konnte nicht schweigen.

»Nicht jetzt«, sagte sie. Die Ruderer rangen bei jedem Zug nach Luft.

»Es ist, als ... als würden wir durch Schlamm fahren«, schnaufte Valo.

»Sei still«, blaffte Rasali, und dann schwiegen sie, von ihrem schweren Atem abgesehen. Kits Muskeln zogen sich mitfühlend zusammen. Fuß für Fuß schleppte sich die Fähre vorwärts. Irgendwann waren sie nahe genug am Kai von Jenseits, und jemand warf Kit ein Tau zu. Endlich konnte er etwas tun, so wenig es auch war. Er nahm das Tau und zog. Die Ruderer taten ihre letzten Schläge. Das Boot glitt an den Kai. Menschen schwärmten an Bord, vertäuten das Boot, das Seil an einem vorläufigen Anker am Ufer.

Erlöst umarmten sich die Ferges und die Kreuzer und lachten ein wenig benommen. Sie gingen den Deich in Richtung Stadt hinauf und blickten nicht zurück.

Kit verließ die Fähre und gesellte sich zu Jenner Ellar.

 

Es war harte Arbeit. Das Seil musste über einen geölten Steinsattel auf dem Deich geführt werden, zu einem vorläufigen Anker und einer Winde am Fuß des Turmes. Dafür mussten sie ein Ochsengespann durch eine zeitweilige, von Jenner geschnittene Lücke im Deich treiben: ein Risiko, das sie eingehen mussten.

Weitere Ochsen waren vor die Winde gespannt. Daell Reepschläger war immer noch blass und zittrig von der Überfahrt, aber nach einem Glas von etwas Kühlem und Dunklen gingen sie und ihre Partner aus Jenseits zum Seil, um nach neuen Schwachstellen zu suchen. Sie fanden keine. Jenner blieb bei der Winde. Daell und Kit kehrten zu dem vorläufigen Sattel im Deich zurück, dessen Kerbe wie Glas poliert war und von Öl glänzte.

Das Seil wurde vom Anker am Kai gelöst. Das über den Deich geführte Stück wimmerte, als es das Gewicht aufnahm und sich spannte, und ein tiefes Sirren ertönte, als es sich anhob  und eine gerade Linie vom Sattel in den Nebel bildete. Die Ochsen an der Winde legten sich ins Geschirr.

Die nächsten Stunden waren die angespanntesten in Kits Leben. Eine Zeit lang schien sich das Seil nicht zu verändern. Die Winde stöhnte und klickte, und endlich glitt das Seil erst zollweise, dann fußweise durch den Sattel. Er konnte nichts tun, außer zuzuschauen und im Kopf noch einmal alle Berechnungen durchzugehen. Rasali sah er nicht, aber nach einer Weile kam Valo herauf, um zu sehen, wie sie vorankamen. Seine Fragen zu beantworten beruhigte Kits Nerven. Die Berechnungen waren korrekt. Er machte das alles nicht zum ersten Mal. Plötzlich war er halb verhungert und aß gierig das Essen, das Valo ihm gebracht hatte. Wie lange war es seit der Brühe im Fisch her? Stunden. Fast ein ganzer Tag.

Die Ochsen prusteten und grunzten und wurden von neuen Gespannen abgelöst. Selbst geschmiert und mit Ledermanschetten bewegte sich das Seil nur zögernd durch den Sattel, aber es bewegte sich. Und dann ließ der Druck langsam nach, und das Seil glitt schneller durch die Kerbe. Die Sonne hing tief im Westen, als das Seil sich endlich aus dem Nebel erhob. Bis es dämmerte, war das Seil bereits sechzig Fuß darüber, fest gespannt zwischen den Deichen von Diesseits und Jenseits und den vorläufigen Ankern.

Kurz bevor es dunkel wurde, sah Kit die Flaggen am Signalturm hochgehen: Alles klar.

 

Nachdem er die Universität verlassen hatte, arbeitete Kit fünf Jahre lang an unterschiedlichen Projekten, erst als Hilfskraft, dann als rechte Hand des Bauleiters. Sein Vater kannte Männer und Frauen in den höheren Positionen des Straßenbauamtes, und Skossa Timt, seine alte Mentorin, kannte noch mehr, also waren viele prestigeträchtige Projekte darunter. Kit war von allen begeistert, selbst von seinem ersten eigenen, dem kleinen Zolltor, bei dem der Junge Duar gestorben war.

Alle öffentlichen Baumaßnahmen – Entwässerungsanlagen, Straßenbau, Amphitheater, Plätze, Abwasserkanäle, Gassen und Ställe – waren wie Alchemie. Sie verwandelten die unsichtbaren Muster, die Menschen mit ihrem Leben bildeten, in Stein und Ziegel und Holz und Raum. Die Dinge, die Kit baute, bewegten die Menschen durch die unfassbare Architektur seines Geistes und seiner Vorstellung (und der des Kaiserreichs) davon, wie ihre Leben verbessert werden konnten.

Das erste große Projekt, das er leitete, war eine neue Brücke in der Viergipfelregion nördlich von Atyar, die eine alte ersetzen sollte, die eingestürzt war. Die ursprüngliche Brücke war eine Hängebrücke gewesen, aber eine viel kleinere als die, die er nun baute. Sie hatte gerade einmal hundert Schritte überspannt, und ihre Pfeiler waren nur vierzig Fuß hoch gewesen. Dank guter Wartung hatte sie drei Jahrhunderte schweren Gebrauchs ausgehalten, während sie unter den Karren voller Quecksilbererz erzitterte, das in die Schmelzhütten von Oncalion gebracht wurde. Die schweren Schneefälle des Winters, der als Wolfswinter in die Geschichte einging, brachten eine der Felswände der Schlucht zum Einsturz, und mit ihr den Nordpfeiler. Es blieb kein fester Grund, um ihn neu zu bauen, also war es besser, zweihundert Schritte flussaufwärts von vorne anzufangen.

Die Menschen von Oncalion waren nicht freundlich. Harte Arbeit brachte harte Männer und Frauen hervor. Ihre Bereitschaft, an der Brücke zu arbeiten, war verbissen und grenzte an Verzweiflung, denn ihr Lebensunterhalt und ihre Leben hingen von der Mine ab. Man musste sie am Ende jedes Tages davon abhalten, trotz der Gefahren die mondbeschienenen Nächte durchzuarbeiten.

Es war eine einsame Arbeit, selbst für Kit, dem Einsamkeit nichts ausmachte, und als der Schnee des ersten Winters die Bauarbeiten unterbrach, kehrte er mit einiger Erleichterung zu seinem Vater nach Atyar zurück. Davell Meinem war inzwischen alt geworden. Sein Gedächtnis ließ nach, obwohl es noch immer gut war. Er verbrachte seine Zeit damit, den Bau eines ausgedehnten und sagenhaften öffentlichen Labyrinths zu beaufsichtigen, das aus Trockenmauern bestand, für die Steine aus dem ganzen Kaiserreich verwendet wurden – sein letztes Projekt, wie er Kit anvertraute, eine zutreffende Prophezeiung. Skossa Timt war während des Wolfswinters gestorben, aber viele von Kits Kommilitonen lebten noch immer in der Hauptstadt. Er verbrachte seine Abende mit ihnen, besuchte Vorträge und Konzerte und ging für die Saison eine Beziehung mit einer Architektin ein, die auf Wasserwerke spezialisiert war.

Kit kehrte zum Bauplatz in Oncalion zurück, sobald die Straßen frei wurden. Während seiner Abwesenheit hatten die Menschen von Oncalion, trotz des Schnees und der folgenden Schneeschmelze, in der bitteren Kälte weitergearbeitet und Reihe auf Reihe von Steinen gelegt. Die Arbeit musste noch einmal gemacht werden.

Den zweiten Sommer über arbeiteten sie jeden Tag und in jeder mondhellen Nacht, und Kit arbeitete mit ihnen.

Kit wertete die Brücke als Misserfolg, obwohl sie kaum den Etat überschritt, nur ein paar Monate zu spät fertig wurde und niemand während des Baus gestorben war. Es war ein hässlicher Entwurf, die Menschen von Oncalion hatten hart, aber ohne Freude daran gearbeitet, und er war unzufrieden und fühlte sich schuldig wegen all der Arbeit, die wiederholt werden musste.

Vielleicht schwang etwas davon im Tonfall der Briefe an seinen Vater mit, denn eines Tages im Frühherbst kam Davell Meinem, auf einem stämmigen Bergpferd reitend, in Oncalion an. Er wurde von einem Gesellen begleitet, der sofort in einer der drei Tavernen des Ortes verschwand. Es war spät am Nachmittag.

»Ich möchte deine Brücke sehen«, erklärte Davell. Er wirkte erschöpft, hielt sich aber so aufrecht wie eh und je. »Zeig sie mir.«

»Wir gehen morgen hin«, wehrte Kit ab. »Du bist bestimmt müde.«

»Jetzt«, widersprach Davell. Gemeinsam stiegen sie vom Dorf aus hinauf. Es war ein kühler, sonniger Tag, wenn auch die Straße von Kiefern und Tannen überschattet wurde. Felszungen aus Basalt waren von dunkelgrünen und schwarzen Flechten überwuchert. Sein Vater bewegte sich langsam und blieb oft stehen, um zu verschnaufen. Sie begegneten einem beständigen Rinnsal von Einwohnern, die schwer beladene Ponys führten. Das Straßenbett auf der Brücke war noch nicht ganz fertig und konnte noch keine Wagen tragen, aber Ponys mit erzgefüllten Körben auf dem Rücken konnten sie bereits überqueren. Oncalion schmolz bereits diese ersten kleinen Ladungen ein.

An der Brücke stellte Davell die gleichen Fragen, die er Kit als spielendes Kind auf seinen Baustellen gestellt hatte. Kit beantwortete sie, wie er sie Jahre zuvor beantwortet hatte, wobei er bereitwillig jede Entscheidung erklärte oder verteidigte – und immer, immer zogen die Ponys vorbei.

Sie stiegen zu dem Standort der alten Brücke hinunter. Der Pfeiler war abgetragen worden, um die Steine für den Neubau zu verwenden, und so blieb nichts außer Schutt. Von hier aus konnten sie jedoch die neue Brücke gut sehen: die kastenartigen Stützen, die Biegung der Hauptketten, die dicken vertikalen Halteketten, der leicht gefederte Bogen der massigen Straße. Sie sah so klobig aus, wie eine Hängebrücke nur aussehen konnte. Ein weiteres Pony überquerte sie. Es wurde von einer Frau geführt, die etwas im örtlichen Dialekt sang.

»Es ist eine gute Brücke«, meinte Davell.

Kit schüttelte den Kopf. Sein Vater, der für seine spitze Zunge auf den Baustellen bekannt war, auch wenn er sie nie seinem Sohn gegenüber einsetzte, sagte: »Eine Brücke ist ein Mittel zum Zweck. Sie zählt nur um ihrer Funktion willen. Sie führt von hier nach dort. Wenn du deine Arbeit richtig machst, dann bemerken sie sie nicht, genauso wenig wie du selten bemerkst, woher Quecksilber kommt. Es ist eine gute Brücke, weil sie bereits benutzt wird. Hör auf, dir selber leidzutun, Kit.«

 

An jenem Abend wurde groß gefeiert. Die Menschen von Jenseits (und, wie Kit wusste, auch jene in Diesseits) tranken und tanzten im Schatten ihrer zukünftigen Brücke. Fackellicht und Feuerschein berührten die Steine am Fuß des Turmes und der Verankerungen, doch über dem Licht war der Pfeiler nur ein dunkler Umriss, die Abwesenheit von Sternen. Fackeln säumten die Brüstung des Turmes, kaum mehr als goldene Sterne zwischen den kälteren am Himmel.

Kit gesellte sich zu ihnen. Alle lächelten, winkten ihm zu oder wollten mit ihm anstoßen, aber niemand sprach viel mit ihm. Es war, als hätte das Seil ihn von ihnen getrennt. Die riesigen Türme hatten es nicht getan, da war er immer noch einer von ihnen gewesen, wenigstens in gewissem Maße. Der Anstifter zu großen Werken, ja, aber immer noch einer von ihnen. Aber jetzt, oder wenigstens für heute Nacht, war er der Mann, der den Nebel überwunden hatte. Seit seinem ersten Tag hatte er sich hier nicht mehr so einsam gefühlt. Selbst der Tod von Loreh Gerber hatte ihn nicht so vollkommen von der Welt dieser Leute abgeschnitten.

Einen Tag wie diesen gab es bei jedem Projekt. Kit begriff plötzlich, dass die Distanz vielleicht auch aus ihm selbst heraus kam. Er tauchte irgendwo auf und baute dort etwas, wurde für ein paar Monate oder Jahre ein Teil des dortigen Lebens. Und dann ging er wieder fort. Eine Straße durch ein gefährliches Gebiet oder eine Brücke über den Nebel retteten Leben und steigerten das Handelsaufkommen, aber sie veränderten auch die ganze Welt. Es war seine Aufgabe, etwas zu bauen und dann fortzugehen, um das nächste Projekt zu planen – aber er wollte es auch so, er mochte nicht bleiben und miterleben, was für Folgen sein Werk hatte. Wie würden Diesseits und Jenseits in zehn Jahren aussehen, in fünfzig? Er war nie an einen früheren Bauplatz zurückgekehrt.

Dieses Mal war es schwieriger oder vielleicht auch nur anders. Vielleicht war er anders. Er blieb länger, weil das Projekt so umfangreich war, und er hatte sich erlaubt, das Land auf beiden Seiten der Brücke zu lieben. Mehr zu haben bedeutete, mehr zu vermissen, wenn er schließlich fortging.

Rasali – wie würde ihr Leben aussehen?

Valo tanzte vorbei, eine Frau im Arm, die einen halben Kopf größer war als er, Rica Brücke, und Kit blieb stehen. »Wo ist Rasali?«, rief er, und dann, wohl wissend, dass er über die Trommeln und Flöten nicht zu verstehen war, formte er mit den Lippen den Namen Rasali. Er hörte nicht, was Valo sagte, aber er folgte seinem ausgestreckten Finger.

Rasali lag auf der Flussseite des Dammes alleine auf dem Rücken und blickte himmelwärts. Monde waren keine zu sehen, und so hing der Himmelsnebel dicht über ihnen, ein Fluss aus Sternen, der von Osten nach Westen strömte. Kit kniete sich ein paar Fuß entfernt hin. »Rasali Ferge aus Jenseits.«

Ihre Zähne blitzten im Dunkeln. »Kit Meinem aus Atyar.«

Er legte sich neben sie. Das Gras strich ihm wie schlechtes Stroh rau über Rücken und Hals. Rasali reichte ihm, ohne ihn anzusehen, ein Glas mit irgendetwas. Der Geschmack war stark wie Teer, und Kit schnappte nach Luft.

»Ich wollte nicht ...«, begann er und verstummte wieder, weil er unsicher war, wie er fortfahren sollte.

»Ja«, sagte sie, und er wusste, dass sie die Worte gehört hatte, die er nicht ausgesprochen hatte. Ihre Stimme war wie ein Schulterzucken. »Viele Menschen, die in eine Fährfamilie geboren werden, überqueren den Nebel nie.«

»Aber du ...« Er hielt inne und wählte seine Worte mit Bedacht. »Andere vielleicht nicht, aber du. Und ich glaube, vielleicht musst du es auch tun.«

»Genau, wie du bauen musst«, sagte sie leise. »Klug von dir, das zu begreifen.«

»Und bald wird es nicht mehr notwendig sein, nicht wahr? Nicht mit Booten. Wir werden mehr Fischhaut brauchen, also werden die Fischer immer noch ausfahren, aber sie ...«

»... bleiben dicht am Ufer«, sagte sie.

»Und du?«, fragte er.

»Ich weiß es nicht, Kit. Tage kommen, Tage gehen. Ich fahre auf dem Nebel, oder ich tue es nicht. Ich lebe oder nicht. Es gibt keine Gewissheit, aber die gibt es nie.«

»Es macht dir nichts aus?«

»Natürlich macht es mir etwas aus. Ich liebe und ich hasse deine Brücke. Ich werde mich nach dem Nebel sehnen, nach der Notwendigkeit, ihn zu überqueren. Aber ich will kein Teil einer Familie sein, in der alle jung sterben und noch nicht einmal eine Leiche zum Verbrennen hinterlassen. Wenn ich ein Kind bekomme, wird es nicht die Entscheidung treffen müssen, die ich getroffen habe: den Nebel überqueren und sterben, oder sicher auf einer Seite der Welt bleiben und niemals die andere sehen. Sie wird etwas verlieren. Sie wird etwas anderes gewinnen.«

»Hasst du mich?«, fragte er endlich, sich vor der Antwort fürchtend, sich vor jeder Antwort fürchtend, die sie geben mochte.

»Nein. O nein.« Sie drehte sich zu ihm um und küsste ihn, und Kit konnte nicht erkennen, ob das Salz, das er schmeckte, seine eigenen Tränen waren oder die ihren.

 

Sie verbrachten den Herbst damit, die Ketten über den Fluss zu bringen. In den Tagen nach der Überfahrt verbanden sie das Seil mit einem zweiten und zogen es denselben Weg wieder zurück, den es gekommen war, und dann führten zwei Seile parallel über den Fluss. Es war eine kitzlige Angelegenheit, für die gewissenhaft über die Signaltürme Nachrichten ausgetauscht werden mussten, aber sie schafften es ohne Zwischenfälle, und Kit konnte endlich wieder eine Nacht lang ruhig schlafen. Wenn das Seil gerissen wäre, hätten sie von vorne anfangen müssen mit der langen, schweren Überfahrt. In den nächsten Tagen ersetzten sie das Seil durch Taue aus Fischhaut, die stark genug waren, die Ketten zu tragen, bis sie gesichert waren.

Die Taue wurden zu den Spitzen der Pfeiler hochgehievt, sodass sie die Position der acht Ketten vorzeichneten. Sie wurden mit schweren Bolzen in geschützten Nischen in der Verankerung befestigt, stiegen geradewegs zu den Sätteln auf den Pfeilern hoch und bildeten dann, zweihundert Fuß über dem Nebel, die lange, vollkommene Kettenkurve. Stege wurden an den Tauen aufgehängt. Zum ersten Mal konnten Menschen den Nebel ohne Boot überqueren, aber nur wenige taten es, außer den Hochbauern aus der Hauptstadt und von der Küste. Hundert Männer und Frauen waren das, so stark und anmutig, dass sie kaum menschlich erschienen, und sie blieben meistens unter sich. Sie wurden von einer Frau geleitet, mit der Kit schon früher gearbeitet hatte, Feinlin. Die Hochbauer hatten keine Nachnamen. Irgendetwas an Feinlin erinnerte ihn an Rasali.

Das Wetter wurde kälter und die Tage kürzer, und Kit trieb alle an, um die ersten zwei Ketten zu vollenden, bevor der Winterregen einsetzte. Wenn der Boden erst einmal zu feucht wurde, um den Ochsengespannen festen Halt zu bieten, konnten sie keine schwere Arbeit mehr leisten. Trotz all ihrer Berechnungen konnte Kit nicht ganz glauben, dass Taue, selbst die aus Fischhaut, einen ganzen Winter lang das Gewicht der riesigen Bögen halten konnten – oder dass kein Großer eines, von einem Gewitter aufgebracht, herunterreißen würde.

Die Augenstäbe, aus denen die Ketten bestehen würden, waren zehn Fuß lang und mussten unter großem Aufwand mit Bolzen verbunden werden, die so lang wie der Unterarm eines Mannes waren. Diese Glieder wurden zu einer Kette, die noch weit unhandlicher war. Winden zogen die Kettenenden zu den Sätteln hoch und auf den Steg hinaus.

Danach wurde die Arbeit noch schwerer und komplizierter. Feinlin und ihre Leute schafften einzelne Stäbe und Bolzen auf die Stege hinaus und fügten sie zusammen, eine gefährliche Knochenarbeit, die genau mit der Arbeit auf der anderen Seite abgestimmt werden musste, damit die Taue nicht zu sehr belastet wurden.

Während der meisten Abende arbeitete Kit bis weit in die Dunkelheit hinein. Wenn die Monde hell genug schienen, arbeiteten er, die Hochbauer und die Brückenarbeiter in Schichten, Tag und Nacht. In jenem Herbst überquerte er den Nebel sechs weitere Male. Die Hocharbeiter mochten es nicht besonders, wenn Leute über die Stege liefen, aber er war schließlich der Architekt, also überschritt er den Nebel einmal auf diesem Weg, wobei er unablässig mit seiner Höhenangst kämpfte. Danach bevorzugte er wieder die Fähren. Wenn er mit Valo übersetzte, redeten sie nur über die Brücke. Valo hatte beschlossen zu bleiben, bis die Brücke fertig war und die Fähren den Dienst einstellten, obwohl sein Geist schon von der Hauptstadt erfüllt war. Wenn Kit mit Rasali hinüberfuhr, schwiegen sie und hörten dem Zischen des V-förmigen Ruders im Nebel zu. Seine Angst vor dem Nebel nahm mit jedem Tag ab, der sie der Vollendung der Brücke näher brachte, aber er hätte nicht erklären können, woran das lag.

Wenn Kit nicht die Nacht durcharbeitete und Rasali auf der gleichen Seite des Nebels war, verbrachten sie die Nächte miteinander. Manchmal liebten sie sich, andere Male wiederum waren sie es zufrieden, zusammen zu trinken oder im Garten des Wilden Hirschen zu kegeln. Kits Können überraschte alle außer ihm selbst – in Atyar war er für seine Treffsicherheit bekannt gewesen. Rasali und er sprachen nicht wieder darüber, was sie tun würde, wenn die Brücke fertig war, oder darüber, was er dann tun würde.

Die harte Arbeit zahlte sich aus. An dem Tag, an dem sie den letzten Bolzen einsetzten, war es noch warm genug, dass die Hände der Hochbauer nicht am Eisen festfroren. Die erste Kette war fertig.

Im Winter ging die Arbeit zwar langsamer voran, aber in jenem Jahr war er mild, und bis zum Frühjahr hatten sie die zweite Kette angebracht und auch die dritte. Bis zum Ende des Sommers waren alle Ketten fertig.

 

Nachdem die schwerste Arbeit getan war, kehrten einige der Arbeiter in ihre Heimat zurück. Mehr als die Hälfte von ihnen hatte den Namen Brückner oder eine Spielart davon angenommen. »Wir haben die Dinge verändert«, sagte Kit während einem seiner Besuche in Diesseits zu Jenner, kurz bevor Jenner fortging, um sich seinem neuen Projekt zuzuwenden. »Nein«, sagte Jenner. »Du hast die Dinge verändert.« Kit antwortete nicht, aber er behielt die Worte im Kopf und dachte manchmal voller Stolz und Angst an sie.

Die Arbeiter, die blieben, waren alle Hochbauer, Menschen, denen es nichts ausmachte, auf den Halteketten herumzuklettern und die Stütztaue festzumachen. Die Seiler Hunderte von Meilen flussauf- und flussabwärts hatten die letzten zwei Jahre damit verbracht, die Trossen aus Fischhaut, die die Straße halten würden, zu drehen, zu verkabeln, miteinander zu verflechten und aufzuwickeln. Kisten, jede mit der Position der Stütze markiert, standen in ordentlich sortierten Stapeln auf der alten Schafweide.

Kits Arbeit bestand jetzt nur noch aus Papierkram, so schien es jedenfalls – so viele Rechnungen, so viele Berichte für die Hauptstadt –, aber er schaffte es trotzdem jeden Tag, eine Weile lang den Hochbauern zuzuschauen. Manchmal kletterte er zu den Spitzen der Pfeiler hinauf und blickte in den Nebel hinunter, sah Rasalis oder Valos Fähre, ein Umriss wie ein offenes Auge, halb versteckt zwischen Ranken von leuchtendem Weiß oder blassem Grau.

Kit verlor noch einen Arbeiter. Tommer Stierhüter kletterte einer trunkenen Wette wegen auf den Steg und verschwand mit einem schrillen Schrei, der im Fall zu manischem Gelächter wurde, im Nebel. Seine Frau weinte vor Wut und Trauer, und die Dörfler trugen Aschfarben, und die Brücke wuchs weiter. Rasali hielt Kit in den Armen, während er in seinem Zimmer in der Hündin weinte. »Lass gut sein«, sagte sie. »Tommer war ein braver Kerl. Ein Trunkenbold, aber er war zu seiner Frau und seinen Söhnen gut und kümmerte sich gewissenhaft um die Tiere. Menschen sind schon immer gestorben. Die Brücke wird daran nichts ändern.«

Kit beobachtete, wie die Orte ihre Gestalt veränderten. Handelsgesandte aus allen Himmelsrichtungen versammelten sich. Manche wohnten in Gasthöfen oder zur Untermiete. Andere bauten kleine Häuser, Läden und Lagerhäuser. Viele benutzten die Fähren, und es war nicht ungewöhnlich, dass diese Leute Rasali und Valo großzügige Trinkgelder gaben – »in der Hoffnung, dass ich nie wieder mit Ihnen fahren muss«, wie sie sagten. Valo lachte und lud seine Freunde zum Bier ein. Der Brief von der Universität war angekommen, und er würde im Winterhalbjahr sein Studium aufnehmen, also hatte er viele Abschiede zu feiern. Rasali sagte niemandem, was sie mit ihrem Geld vorhatte, nicht einmal Kit.

Im Frühjahr des fünften Jahres begannen sie, die Straße zu bauen. Holzplanken, breit genug für zwei Ochsen, wurden mit eisernen Stützstreben vernagelt. Die Brücke bestand aus mehreren hundert Abschnitten, die auf den Baustellen zusammengefügt und dann von Arbeitern hinaufgeschafft wurden. Jeder Abschnitt musste weiter geschleppt werden als der letzte, bevor man ihn einsetzen und befestigen konnte. Die zwei Dörfer feierten die ganze Nacht lang, als eine Frau aus Diesseits das erste Mal von ihrem Ende der Brücke einen Gruß hinüberrief und von Jubel aus Jenseits begrüßt wurde. Die Abende wurden länger, und es wurde zu einem beliebten Zeitvertreib, auf die Brücke zu gehen und auf dem Bauch liegend über das Ende in den Nebel tief unten zu blicken. Manchmal bewegten sich dunkle Schatten darin, aber niemand sah etwas, das groß genug war, um ein Großer zu sein. Ein paar leichtsinnige Dorfbewohner warfen schwere Steine, um zuzuschauen, wie der Nebel sich teilte und sich Löcher in die Tiefe öffneten, aber ihre Nachbarn geboten ihnen Einhalt. »Es ist respektlos«, sagte einer, und ein anderer fragte: »Willst du sie wütend machen?«

Obwohl Kit sie darum bat, ging Rasali niemals mit ihm hinaus. »Ich sehe genug vom Fluss«, sagte sie.

 

Kit war in Diesseits, in seinem Zimmer im Fisch. Er lebte inzwischen seit fünf Jahren hier, und so sah der Raum auch aus. Entwürfe und Zeittafeln überlappten einander, in der Reihenfolge an die Wände gepinnt, in der er sie gebraucht hatte. Der Stuhl neben dem Feuer war vollgestapelt mit Kleidern, Büchern und einem Stück roter Seide, dem er auf einem Markt nicht hatte widerstehen können. Er hatte seit Jahren nicht mehr darauf gesessen. Die Pläne in seinem Folianten und auf dem übergroßen Tisch waren Frachtbriefen, Belegen für Materialien, Gehaltslisten und Kopien der Korrespondenz zwischen Kit und seinen Sponsoren in der Regierung gewichen. Das Fenster war offen, und Kit saß auf dem Bett im Alkoven und schaute einer Biene zu, die sich ihren Weg durch die sonnige Luft suchte. Er hatte eine halbe Birne auf dem Tisch liegen lassen. Nun wartete er ab, ob das Insekt sie finden würde, und dachte über die kleinen, sechseckigen Zellen eines Bienenstocks nach und darüber, ob sie wohl stabiler waren als Quadrate, und wie er das herausfinden könnte.

Eilige Schritte hallten über den Korridor. Seine Tür flog auf. Rasali stand blinzelnd im Gegenlicht, das so golden war, dass Kit zunächst nicht bemerkte, wie blass sie war oder dass Tränen ihre Wangen hinunterliefen. »Was ...«, sagte er und schwang sich vom Bett.

»Valo«, sagte sie. »Die Perlensucher.«

Er hielt sie fest umklammert. Bald war die Biene fort und die Sonne auch, und er hielt sie immer noch fest, während sie sich still auf dem Bett wiegte. Erst als das Stück Himmel im Fenster zu Lila verblasste und die Sichel des kleinen Mondes darüber hinwegzog, sprach sie. »Oh«, sagte sie, ein Seufzen wie ein Keuchen. »Ich bin so müde.« Sie schlief plötzlich ein, die Tränen noch nass auf ihrem Gesicht. Kit schlich aus dem Zimmer.

Der Schankraum war voller Menschen in aschfarbenen Kleidern, voller leiser Stimmen und gelegentlichen Schluchzern. Kit fragte sich einen Moment, ob alle stets ihre Trauerkleider zur Hand hatten, und was das über sie aussagte.

Brana Schank sah Kit in der Tür stehen und kam hinter der Theke hervor, um mit ihm zu sprechen. »Wie geht es ihr?«, fragte sie.

»Ich glaube, sie schläft«, sagte Kit. »Kannst du mir etwas zu essen für sie richten und etwas zu trinken?«

Brana nickte, sprach mit ihrer Tochter Lixa, während diese nach hinten ging, und kehrte dann zurück. »Wie geht es dir, Kit? Du hast Valo selbst gern gehabt.«

»Ja«, sagte Kit. Valo, der mit den Kindern im Steinfeld Haschen spielte, Valo, der lachend auf der Spitze eines Turmes stand, Valo mit ernstem Gesicht und einem Rechenbuch im Schatten eines halbfertigen Fischerboots. »Was ist geschehen? Sie hat noch nichts gesagt.«

Brana breitete die Hände aus. »Was soll man schon sagen? Die Flaggen haben uns mitgeteilt, dass er kurz nach Mittag übersetzen wollte, aber er kam nicht an. Als wir nachfragten, sagten sie, dass er losgefahren sei, nachdem sie uns das signalisiert hatten.«

»Kann er noch am Leben sein?«, fragte Kit und dachte an die Nacht, als Rasali das große Ruder verloren hatte, die Stunden, die die Überfahrt länger gedauert hatte. »Vielleicht ist sein Ruder gebrochen, und er ist irgendwo flussabwärts gelandet.«

»Nein«, sagte Brana. Auch sie weinte. »Ich weiß, das wollten wir alle hoffen. Aber Asa, eine der Fremden, eine von den Hochbauern, sie hat oben gearbeitet und das Boot kentern hören, hat ihn schreien hören. Sie konnte nichts sehen und wusste nicht, was sie gehört hatte, bis wir eins und eins zusammenzählten.«

»Noch drei Monate«, sagte Kit mehr zu sich selbst. Er sah, dass Brana ihn ansah, und so erklärte er: »Noch drei Monate. Die Brücke wäre fertig gewesen. Dann wäre das nicht passiert.«

»Es war heute«, sagte Brana, »nicht in drei Monaten. Menschen sterben, wenn sie sterben. Wir trauern und leben weiter, Kit. Du bist schon lange genug bei uns, um zu verstehen, wie wir diese Dinge sehen. Hier ist das Tablett.«

 

Rasali schlief noch immer, als Kit zurückkehrte. Er betrachtete sie im dunklen Zimmer, denn er mochte nicht mehr Licht machen als die einzelne Lampe, die er mit nach oben gebracht hatte. Menschen sterben, wenn sie sterben. Aber er konnte nicht aufhören, an die Brücke zu denken, an die fast fertige Straße. Noch drei Monate. Noch ein Monat.

Als sie aufwachte, lächelte sie ihn einen Moment lang an, ihr Gesicht müde, aber ruhig. Dann erinnerte sie sich, ihre Züge spannten sich an, und sie begann wieder zu weinen. Nach einer Weile schaffte Kit es, sie dazu zu bewegen, etwas Brot und Fisch und Käse zu essen und ein wenig verdünnten Wein zu trinken. Sie tat es gehorsam, wie ein Kind. Als sie fertig war, lehnte sie sich an ihn. Ihr verfilztes Haar drückte gegen seinen Mund.

»Wie kann er fort sein?«

»Es tut mir so leid«, sagte Kit. »Die Brücke ist fast fertig. Noch drei Monate, und es wäre nicht ...«

Sie entzog sich ihm. »Was? Was wäre nicht? Es wäre nicht nötig gewesen?« Sie stand auf und sah ihn an. »Sein Tod wäre unnötig gewesen?«

»Ich ...«, begann Kit, aber sie unterbrach ihn, während neue Tränen ihr das Gesicht hinunterrannen.

»Er ist gestorben, Kit. Es war nicht nötig, es war nicht unwichtig, es war nichts außer dem Lauf der Dinge. Aber er ist fort, und ich bin es nicht, und was soll ich jetzt tun, Kit? Ich habe meinen Vater und meine Tante und meine Schwester und meinen Bruder und jetzt den Sohn meines Bruders verloren, und jetzt verliere ich den Nebel, wenn die Brücke fertig ist, und was dann? Was bin ich dann? Wer sind die Ferges dann?«

Kit kannte die Antwort. Wie auch immer sie sich veränderte, sie wäre noch immer Rasali. Ihr Volk würde noch immer stark und klug und schön sein. Der Nebel wäre noch immer da, der Nebel und die Großen. Aber sie konnte diese Worte nicht hören, noch nicht, vielleicht erst in einigen Monaten. Also hielt er sie fest, ließ seinen eigenen Tränen freien Lauf und versuchte, nicht zu denken.

 

Fünf Jahre, nachdem die Brücke in Oncalion fertiggestellt worden war, baute Kit im zweiten Jahr an einem Aquädukt über das Bakyar-Tal. Es gab Schwierigkeiten. Die ersten Steine konnten das Gewicht des Aquäduktes und des Wassers, das es befördern sollte, nicht tragen. Seine Vorgängerin bei dem Projekt war entweder inkompetent oder korrupt gewesen, und Kit arbeitete sich noch immer durch das Chaos, das sie hinterlassen hatte. Sie lagen eine Jahreszeit hinter dem Zeitplan, aber als er von Davell Meinems Tod erfuhr, kehrte er sofort nach Atyar zurück. Die Angelegenheiten seines Vaters zu regeln würde einige Zeit in Anspruch nehmen, aber vor allem wollte Kit nicht den Zwanzigsten Tag versäumen, an dem man Davells gedenken würde. Kit wusste, dass Davells Tod eine Leere in ihm hinterlassen würde, aber er hatte seit Jahren gewusst, dass sein Vater sterben würde. Dass es so wehtun würde, hätte er nicht gedacht, 

Das Graufeld war ein kleines Amphitheater, das Davell in seiner Jugend entworfen hatte. Inzwischen war es zu einem von Kirschbäumen umgebenen, warmen Halbkreis aus weißem Stein und Gras gereift. Die Luft roch nach Honigkuchen und den letzten Kirschblüten. Kit war Davells einziges Kind, und so stand er alleine unter dem mit roten Quasten geschmückten Torbogen, um die Trauergäste zu begrüßen. Er war nicht überrascht, wie viele kamen, um seinen Vater zu ehren, immer mehr, bis das Amphitheater überquoll, die Honigkuchen alle aufgegessen und die silbernen Schalen randvoll mit Blumen waren, eine von jedem Besucher. Davell Meinem hatte sieben Brücken gebaut, drei Aquädukte, ein Forum, zwei Gebäudekomplexe in der Provinz und unzählige kleinere Projekte, und er war mit vielen alten Freunden von jeder Baustelle in Kontakt geblieben. Noch viel mehr Menschen hatten ihn für seinen Humor und seine Freundlichkeit gemocht.

Was Kit überraschte, waren all die Menschen, die um seinetwillen kamen: Kommilitonen, Tutoren, frühere Geliebte und Gefährten, selbst der Mann, dem der Weinladen gehörte, den Kit besuchte, wann immer er in der Stadt war. Viele von ihnen waren seinem Vater nie begegnet. Er hatte nicht gewusst, dass er ein Teil ihrer Muster war.

Fünf Monate später, als er wieder im Bakyar-Tal war, kam ein Brief an, in schmutziges Öltuch gewickelt und offensichtlich weit gereist. Er stammte von den Bergarbeitern in Oncalion. »Ein Händler hat uns von Eurem Vater erzählt, als wir nach Ihnen gefragt haben«, stand in dem Brief. »Es tut uns leid, von Eurem Verlust zu hören.«

 

Das Volksfest zur Feier der Brückeneröffnung begann einige Tage vor dem offiziellen Datum, dem Mittsommertag. Vertreter des Kaiserreiches, aus Atyar und Triple, der Provinzgouverneure und aller anderen, die einen Grund erfinden konnten, hier zu sein, feilten an ihren Reden und warteten ungeduldig in Reihen von Zelten, die eilig auf zurechtgemachten Feldern in der Nähe von Diesseits (aber nicht zu nahe) aufgebaut worden waren. Die Stadt hatte sich nach Norden hin ausgebreitet, bis sie den Westpfeiler der Brücke umgab. Das Land am Fuß des Pfeilers, das einmal eine Schafweide gewesen war, hieß nun Hammelfeld und war mit Festzelten und Buden übersät, die sich zwischen festeren Gebäuden aus Holz und Stein drängten, in denen Essen verkauft wurde und all die anderen Dinge, die Reisende gebrauchen konnten.

Kit war stolz auf die neuen Straßen. Er hatte den Bau des Gitterwerks aus festen Pflastersteinen organisiert, damit er etwas zu tun hatte, während er das letzte Jahr des Brückenbaus abwartete. Die neuen Brunnen waren ein Projekt Jenners gewesen, aber Kit hatte sie fertigbauen lassen. Er hatte gerade einen Brief von Jenner bekommen, der von seiner neuen Nebelbrücke berichtete, hoch oben in den Keitchebergen. Sie lag im Zeitplan, eine fröhliche Baustelle. Der Felsboden bestand aus Gneis, also benutzte er Sprengstoff und hatte dafür Liu Steinbeiß angeheuert. Sie war jetzt dort und ließ ihn grüßen.

Kit ging alleine über das Fest, das sich den Deich hinauf bis zur Kuppe ausgebreitet hatte. Einige Leute, Ortsansässige und Arbeiter, grüßten ihn, andere machten nur ihre Freunde auf ihn aufmerksam (der Mann, der die Brücke gebaut hat, siehst du, der kleine, dunkle Mann dort), und wieder andere ignorierten ihn vollkommen, ein Fremder unter vielen eben. Als er hier angekommen war, um die Brücke zu bauen, hatte jeder in Diesseits jeden gekannt, ob Einwohner oder Besucher. Er fühlte, wie sich die Einsamkeit wieder um ihn legte, die Vereinsamung, die daher rührte, dass man an einen fremden Ort kam und etwas baute und dann wieder fortging. Die Menschen von Diesseits bewegten sich in diese neue Welt hinein, die er gebaut hatte, die Welt der Brücke über den Nebel, aber er ging nicht mit ihnen.

Er fragte sich, was Rasali wohl drüben in Jenseits tat, und wünschte, er könnte sie sehen. Seit jenen Tagen nach Valos Tod hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen, von ein paar Minuten abgesehen, als er sie zufällig in der Hündin getroffen hatte. Sie war distanziert gewesen, aber nicht feindselig. Das hatte ihn ziemlich aus dem Gleichgewicht gebracht, und er hatte sie seitdem nicht mehr aufgesucht.

Jetzt, am Ende dieser großen Aufgabe, sehnte er sich danach, sie zu sehen. Wann würde sie das nächste Mal übersetzen? Er lachte. Von allen Leuten sollte er es am besten wissen: zehn Minuten zu Fuß.

Die Brücke war noch nicht offiziell eröffnet, aber Kit war der Architekt. Die Wärter am Zollhaus nickten, als er um Durchlass bat, und hoben die Schranke für ihn. Ein paar Menschen bemerkten es und zeigten auf ihn, während er hinaufstieg. Als Uni Klinker, die Hände voller Mitbringsel, ihm etwas zurief, das er nicht wirklich verstehen konnte, lächelte Kit nur, winkte ihr zu und ging weiter.

Er hatte die Brücke schon vorher überquert. Während der ersten Bauphase waren die schweren Eichengestelle, die nun die Basis der Straße bildeten, noch ein schmaler Steg aus Planken gewesen, der von einem Ufer zum anderen führte. Beinahe jeder Arbeiter hatte irgendeine Ausrede gefunden, um ihn wenigstens einmal zu überqueren, bevor das Kaiserreich die Zolltore hatte bemannen lassen. Kit selbst hatte sie während der letzten beiden Monate fast täglich überquert, immer mit seiner Höhenangst ringend.

Jetzt war es anders. Es war nicht mehr seine Brücke, sie gehörte dem Kaiserreich und den Menschen in Diesseits und Jenseits. Er sah sie mit den Augen eines Fremden.

Die Steinrampe war eine Viertelmeile lang und stieg sanft an, sodass die Wagen gut hinaufkamen. Kit schritt hinauf, und die Geräusche blieben hinter und unter ihm zurück. Die Barrieren, die verhindern würden, dass Tiere (und Menschen) in den Abgrund links und rechts von ihnen hinunterblicken konnten, waren noch nicht fertig. Es gab immer Dinge, die bei der Eröffnung einer Brücke noch nicht fertig waren, nachträgliche Einfälle und Ergänzungen. Vor ihm war die Brücke eine Abfolge von vollendeten dunklen Linien und Bögen.

Die Rampe verbreiterte sich, je näher sie dem Pfeiler kam, und ließ genug Platz, damit ein Wagen vorsichtig auf die Brücke selbst einbiegen konnte. Das Straßenbett auf dem hängenden Teil war gerade einmal breit genug für einen Karren mit zwei nebeneinander eingespannten Ochsen, also würden Diesseits und Jenseits abwechselnd Wagen hinüberschicken müssen. Vorerst, dachte Kit. Später können wir sie verbreitern oder noch eine bauen. Sie. Das würde jemand anderes übernehmen.

Der Himmel war von hohen, zinnfarbenen Wolken bedeckt, deren metallischer Glanz sich unter Kit im Nebel spiegelte. Es gab kein Geländer, nur Seile aus Fischhaut, die zwischen den Haltetauen gespannt waren, die zu den Ketten hinaufführten. Ochsen und Pferden würde das nicht gefallen, genauso wenig wie die dumpfen Geräusche, die ihre Hufe auf den Planken machen würden. Kit beobachtete, wie das Deck vor ihm im Wind schwankte, der beständig aus Südwesten wehte. Bei diesem Wind war es nicht so stark, aber vielleicht sollten sie ein eisernes Geländer anbringen, damit die Brücke nicht so sehr wackelte und die Überquerung bequemer war. Das Kaiserreich hatte eine neue Ingenieurin geschickt, die sich um alles kümmern würde, was noch anstand: Jeje Tesanthe aus Atyar. Er würde es ihr vorschlagen.

Kit ging auf eine Seite hinüber, sodass er hinabblicken konnte. Der Nebel hinter ihm erstickte wie immer alle Geräusche. Beinahe konnte er so tun, als wäre er ganz allein. Es ging mehrere hundert Fuß nach unten, aber es gab nichts, an dem man die Größe des sich windenden Feldes aus getriebenem Metall unter ihm hätte ermessen können. Tief im Nebel sah er Schatten, die ein Großer sein mochten oder auch etwas Kleineres oder auch nur dichter werdender Nebel. Dann, als seine Augen lernten, wonach sie Ausschau halten mussten, sah er mehr von den Schatten, als befände sich dort unten ein Schwarm Fische. Einer löste sich von der Gruppe und wurde dunkler, während er im Nebel aufstieg, bis sein Rücken beinahe direkt unter Kit aus dem Nebel hervortrat.

Er war dunkel und knubblig, glänzend vor Feuchtigkeit, flach wie ein Rochen, und er nahm kein Ende – vielleicht dreißig Fuß lang oder auch vierzig, er drehte sich, während er aufstieg, und zeigte seine Unterseite, oder jedenfalls das, was Kit für seine Unterseite hielt. Kit schaute zu, wie der Nebel von einem geschwungenen, schuppigen Flügel zurückwich und dann von einem Fleck, der entweder ein einzelnes Auge sein mochte oder eine Vielzahl von Augen oder etwas ganz anderes, und dann von einem Maul, das dem Bogen der Hängeketten glich. Das Maul stand weit offen und entblößte einen weiteren Bogen, eine Wölbung aus Zahnfleisch oder Knorpel. Das Wesen drehte sich und versank und wurde zu einem Schatten und dann, als der Nebel sich wieder darüber schloss, zu nichts.

Kit war stehen geblieben, als er es gesehen hatte. Er zwang sich weiterzugehen. Ein Großer, oder vielleicht nur ein Mittelgroßer. Von so weit oben hatte er gar nicht so groß oder beängstigend ausgesehen. Kit war überrascht, wie traurig er sich fühlte.

Auch Jenseits war voller Farben und Feste, aber Kit konnte Rasali nirgends finden. Er kaufte einen Humpen Roggenbier und ging los, um sich einen Ort zu suchen, an dem er alleine sein konnte.

 

Als es dunkel wurde und die Vertreter des Kaiserreiches brav in ihren Betten lagen, lockerten die Wärter die Regeln und ließen ihre Freunde – und dann alle Anwohner – auf die Brücke, um sich umzusehen. Diejenigen, die an der Brücke gearbeitet hatten, besaßen Papiere, die ihnen erlaubten, die Brücke den Rest ihres Lebens lang umsonst zu passieren, aber viele andere hatten sie wachsen sehen, und nun bezirzten oder bestachen oder bettelten sie sich auf ihre Brücke. Geschlossene Laternen waren erlaubt, aber Fackeln waren wegen des Öls, das die Taue aus Fischhaut schützte, verboten. Von seinem Platz auf dem Deich aus beobachtete Kit die Lichter, die sich die Brücke entlangbewegten, hier und da von den Hängewerken oder dem Deck verborgen, schummrig und unbeständig wie Glühwürmchen.

»Kit Meinem aus Atyar.«

Kit stand auf und wandte sich zu der Stimme hinter ihm um. »Rasali Ferge aus Jenseits.« Sie trug blau und weiß und ging barfuß. Ihr dunkles Haar hatte sie mit einem Band zusammengebunden, und ihre blassen Schultern schimmerten. Sie leuchtete im Mondlicht wie Nebel. Er wollte sie berühren, sie küssen, aber sie hatten fast seit Valos Tod nicht mehr miteinander gesprochen.

Sie kam ihm entgegen und nahm ihm den Humpen aus der Hand, trank das lauwarme Bier, und so plötzlich und so einfach war die Welt wieder in Ordnung. Er schloss die Augen und ließ sich von dem Gefühl einhüllen.

Er nahm ihre Hand, und sie setzten sich in das kalte Gras und sahen auf den Fluss hinaus. Die Brücke war ein schwarzes Netz aus Bögen und Linien. Hinter ihr glühte der Nebel blauweiß im Mondlicht. Nach einer Weile fragte er: »Bist du immer noch Rasali Ferge, oder wirst du einen neuen Namen annehmen?«

»Ich denke, ich werde einen neuen finden.« Sie drehte sich in seinen Armen halb zu ihm um, sodass er ihr Gesicht, ihre Augen sehen konnte. »Und du? Bist du noch immer Kit Meinem, oder wirst du jemand anders? Kit Der Den Nebel Überwand? Kit Der Die Welt Veränderte?«

»Namen haben in der Stadt nicht dieselbe Bedeutung«, sagte Kit gedankenverloren. »Habe ich die Welt verändert?« Er kannte die Antwort bereits.

Sie sah ihn einen Moment lang an, als versuchte sie, seine Gefühle zu erraten. »Ja«, sagte sie nach einer Weile. Sie wandte ihr Gesicht dem über ihnen tanzenden Lichterstrang zu. »Da ist dein Beweis, so dauerhaft wie Stein und Sterne.«

»Dauerhaft wie Stein und Sterne«, wiederholte Kit. »Heute Nachmittag – sie schwingt sehr stark, die Brücke. Das muss man irgendwie in den Griff bekommen können, aber dafür ist sie noch nicht ausgelegt. Es gibt tausend Dinge, die sie zerstören könnten. Sie wird zusammenbrechen, Rasali. Dieses Jahr, nächstes Jahr, in hundert Jahren, in fünfhundert.« Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »All diese Menschen, sie glauben, dass sie für die Ewigkeit gebaut ist.«

»Nein, das tun wir nicht«, sagte Rasali. »Vielleicht glaubt Atyar das, aber wir hier wissen es besser. Musst du einer Ferge sagen, dass nichts Bestand hat? Diese Taue werden eines Tages reißen, diese Steine werden fallen – aber nicht der Traum von der Nebelüberquerung, der Traum von der Verbundenheit. Jetzt, da wir wissen, dass es möglich ist, wird es immer da sein. Mein Vater ist gestorben. Meine Schwester Rothiel. Mein Bruder Ster. Valo.« Sie hielt inne, schluckte. »Ferges sterben, aber es gibt immer einen Fährmann oder eine Fährfrau, die den Nebel überqueren. Brücken und Ferges, so verschieden sind sie nicht, Kit.« Sie beugte sich vor, über den Abstand zwischen ihnen hinweg, und sie küssten sich.

 

»Gehst du bald fort?«

Rasali und Kit hatten sich auf dem Deich im kalten Gras geliebt. Gemeinsam hatten sie die Brücke im Licht der untergehenden Monde überquert und waren in den Wilden Hirschen gegangen, um noch mehr Bier zu trinken. Die Menschenmassen hatten sich zerstreut, die Leute waren nach Hause zu ihren Familien oder Freunden oder Geliebten gegangen – die Fremden von außerhalb quartierten sich in Gästezimmern, Zelten oder anderswo ein. Aber Kit war zu rastlos, um zu schlafen, und Rasali und er fanden sich am Nebel wieder, unten am Kai. Der Morgen war nur ein paar Stunden entfernt, und der kleinere Mond war untergegangen. Es war jetzt dunkler, und der Nebel hatte sich verdüstert.

»In ein paar Tagen«, sagte Kit und dachte an die Truhen und Taschen, die fest gepackt und verschnürt in seinem Zimmer im Fisch aufgestapelt waren: der Foliant, dicker und fleckig von Wasser, Nebel, Erde und Schweiß. Vielleicht war es Zeit für einen neuen. »Zurück in die Hauptstadt.«

Auf dem gegenüberliegenden Ufer bewegten sich Lichter – Fischer, die sich für ihre Arbeit bereit machten, trotz des Festes, trotz der Brücke. Manche Dinge ändern sich nicht.

»Ah«, sagte sie. Sie hatten es beide gewusst. Es war keine Überraschung. »Was wirst du dort tun?«

Kit rieb sich das Gesicht und spürte Bartstoppeln unter seinen Fingern. »Hundert Jahre schlafen. Und dann möchten sie noch eine Brücke haben, unten an der Mündung des Flusses, ein Ort namens Ulei. Der Nebel ist beinahe eine Meile breit. Ich werde hinfahren und mir den Bauplatz ansehen und anfangen, einen Etat aufzustellen.«

»Eine Meile«, sagte Rasali. »Schaffst du das?«

»Ich glaube schon. Ich habe das hier geschafft, nicht wahr?« Seine Geste schloss die Brücke und die Frau neben ihm ein. »Ulei liegt im Schwemmland. Es gibt ein paar flache Inseln. Das ist der einzige Grund, warum es überhaupt möglich ist. Also bauen wir vielleicht eine Reihe von niedrigen Steinbögen, einen neben dem anderen. Und du? Wirst du weiter Boote bauen?«

»Nein.« Sie lehnte den Kopf zurück, und er konnte ihr Gesicht an seinem Ohr spüren. Sie roch süß und salzig. »Das muss ich nicht. Ich habe viel Geld. Der Rest meiner Familie kann Boote bauen, aber für mich war das nur etwas, das ich tat, während ich darauf wartete, wieder den Nebel zu überqueren.«

»Es wird dir fehlen«, sagte Kit. Es war keine Frage.

Ihre starke Hand legte sich auf die seine. »Mmm«, sagte sie, ein bedeutungsloses Geräusch.

»Aber es war die Überquerung, die dir wichtig war«, sagte Kit, dem das in diesem Moment klar wurde. »Genau wie mir, nur anders.«

»Ja«, sagte sie, und nach einer Pause: »Und jetzt frage ich mich: Wie groß werden die Großen im Nebelozean? Und was ist auf der anderen Seite?«

»Nichts ist auf der anderen Seite«, sagte Kit. »Man kann nichts überqueren, das kein Ende hat.«

»Man kann alles überqueren. Natürlich hat es ein Ende. Tief unter dem Nebelfluss ist ein Wasserfluss, nicht wahr? Und das Wasser fließt irgendwohin. Und all die anderen Flüsse, all die Seen – sie alle fließen irgendwohin ab. Unter dem Nebelozean ist ein Wasserozean, und ich frage mich, ob der Nebel irgendwo dort draußen endet, ob er sich ausbreitet und verschwindet und man plötzlich auf Wasser schwimmt.«

»Es ist ein anderes Element«, sagte Kit und betrachtete das Problem von allen Seiten. »Also würdest du ein Boot brauchen, das im Nebel fahren kann, leicht genug und mit dem breiten Rumpf und einem Überzug aus Fischhaut, aber es müsste auch einen Kiel haben, der für Wasser tief genug ist.«

Sie nickte. »Ich möchte eines der Küstenboote umbauen und herausfinden, was dort draußen ist. Inseln, Kit. Große. Riesige. Vielleicht eine ganz andere Welt. Ich glaube, ich wäre gerne Rasali Ozean.«

»Wirst du mit mir nach Ulei kommen?« fragte er, aber er kannte die Antwort bereits. Sie würde kommen, für einen Monat oder eine Jahreszeit oder ein Jahr, oder vielleicht sogar länger. Sie würden ineinander verschlungen in einem Gasthof wie dem Fisch oder der Hündin schlafen, und wenn ihr Boot fertig war, würde sie über den Ozean segeln, und er würde sich die nächste Brücke oder die nächste Straße vornehmen. Oder vielleicht würde er in die Hauptstadt zurückkehren und eine Stellung an der Universität annehmen. Oder er würde sich endlich ausruhen.

»Ich werde mitkommen«, sagte sie. »Für eine Weile.«

Plötzlich spürte er ein tiefes, starkes Gefühl in seiner Brust: überwältigt von allem, was geschehen war und in ihrem Leben noch geschehen würde, die Veränderungen in Diesseits und Jenseits, das Ende der Fähre, Valos Tod, dass sie ihn letztendlich verlassen würde oder er sie. »Es tut mir leid«, sagte er.

»Mir nicht«, sagte sie und beugte sich zu ihm hinüber, um ihn zu küssen, ihr Mund warm von Sonnenlicht und Leben. »Es ist es wert. Alles.«

All diese Verluste, aber diesen konnte er wenigstens abwenden.

»Wenn die Zeit kommt«, sagte er. »Wenn du segelst. Dann werde ich dich begleiten.«

 

A fo ben, bid bont. Um ein Anführer zu sein, sei eine Brücke.

Walisisches Sprichwort.

  

Weiter geht es mit Teil 3 der Erzählung ›Die Brücke über den Nebel‹ von Kij Johnson >>


Deutsch von Laura Gutmann


© 2011 by Kij Johnson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung unter dem Titel ›The Man Who Bridged the Mist‹ in Asimov's (Oktober/November 2011)
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2014 by Golkonda Verlag GmbH
Abdruck der Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Deutscher Erstdruck in: Kij Johnson, Pinselstriche auf glattem Reispapier (Berlin: Golkonda, 2014)

Kij Johnson wurde 1960 in Harlan, Iowa, geboren. Sie hat als Lektorin für TOR Books und TSR gearbeitet und lehrt am Center for the Study of Science Fiction. Seit 1988 veröffentlicht sie phantastische Erzählungen, für die sie unter anderem mit dem Theodore Sturgeon Award, dem Crawford Award, dem World Fantasy Award, dem Hugo Award‹ und dem Nebula Award ausgezeichnet wurde. Bisher hat sie drei Romane publiziert, von denen Die Fuchsfrau auf Deutsch erschienen ist.

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