Kurzgeschichte von Autor Kij Johnson: Die Brücke über dem Nebel Teil 2

FICTION

Die Brücke über den Nebel (Kij Johnson), Teil 2/3


Eine große Kluft spaltet die Welt in zwei Hälften – ein »Fluss« genannter Abgrund, in dem undurchdringlicher Nebel wabert und riesige Geschöpfe lauern, die manchmal gutmütig sind und manchmal nicht. Bislang ist es noch niemand gelungen, eine Brücke über diesen Abgrund zu bauen. Bis heute ...

 

Dies ist Teil 2 der Erzählung ›Die Brücke über den Nebel‹ von Kij Johnson.



Zu Teil 1 geht es hier.


Die Fundamente und die Türme wuchsen. Arbeiter kamen auf beiden Uferseiten aus Städten flussauf- und flussabwärts, und die Dorfbewohner wurden auf der Stelle angeheuert. Die Neuen waren im Allgemeinen willkommen. Sie zahlten für Zimmer und Essen und alle möglichen Waren. Die Tavernen gewöhnten sich daran, erst doppelte und dann dreifache Mengen von allem zu machen, und bauten neue Flügel und Ställe an. Diesseits nahm die neuen Leute ohne Probleme an, nur wenn die Menschen abends zu viel getrunken und zu viel geflirtet hatten, gab es nachts Streit. Jenseits erlebte mehr Schlägereien, aber sie wurden weniger, als die Skeptiker angesichts des Geldes, das nach Jenseits floss, nachgaben und angesichts der Brücke selbst, deren Pfeiler zu groß war, um ihn zu ignorieren.

Bauern und Viehzüchter verkauften ihre Felder, und neue Gebäude breiteten sich um die Dörfer herum aus. Manche waren aus Lehm und Flechtwerk, die einfach auf festen Erdböden hochgestampft wurden und immer noch nach Schafskötteln rochen. Andere waren klein, aber stabiler, und wurden langsamer von den Brückenarbeitern erbaut, die abends oder an ihren freien Tagen Holz und Feldsteine verlegten.

Die neuen Leute und die Dorfbewohner vermischten sich, bis es schwer war, sie auseinanderzuhalten, wenn auch die älteren Leute genau im Auge behielten, wer wirklich wohin gehörte. Für jene, die Liebhaber oder Freunde suchten, waren die neuen Menschen eine Gelegenheit, jemand kennenzulernen, den man noch nicht seit der eigenen Kindheit kannte. Viele fingen Gelegenheitsliebschaften an, und manche fanden befristete Partner. Es gab sogar eine Hochzeit in Diesseits, zwischen Kes Flieser und einer schwarzäugigen Arbeiterin tief aus dem Süden, die Jolite Deveren hieß, was auch immer das bedeutete.

Kit hatte keine Geliebten. Er arbeitete jede Nacht, bis er über seinen Papieren einschlief. So fehlte ihm nicht viel, außer spät in bestimmten Nächten, wenn Gewitter ihn rastlos und unnatürlich aufmerksam machten, als zuckten Blitze unter seiner Haut. In manchen Nächten dachte er an Rasali und fragte sich, ob sie in jener Nacht mit jemandem zusammen schlief oder alleine, und ob der Sturm sie geweckt, sie auch rastlos gemacht hatte.

Kit sah Rasali, wenn sie auf der gleichen Seite des Nebels waren, recht oft. Sie war klug und besonnen und der einzige Mensch, der nicht die ganze Zeit über die Brücke reden wollte.

Er vergaß nicht, was Rasali über Valo gesagt hatte. Vor gar nicht so vielen Jahren war Kit selber ein junger Mann gewesen, und er erinnerte sich an das Bedürfnis, sich der Welt gegenüber zu beweisen, das junge Männer und Frauen verspüren. Für Kit war es nicht wichtig, dass Valo die Brücke akzeptierte – er war gerade erst erwachsen geworden, und sein einziger Einfluss auf die Dorfbewohner kam von seiner Arbeit –, aber Kit mochte den Jungen, der Rasalis Augen hatte und ihre mühelose Art, sich zu bewegen.

Valo begann Fragen zu stellen, erst den Arbeitern und dann Kit. Seine Erfahrung mit dem Bootsbau bedeutete, dass es gute Fragen waren. Kit gab die ersten Dinge weiter, die er als Kind auf den Baustellen seines Vaters gelernt hatte, und zeigte ihm, wie man die riesigen Steinblöcke handhabte und das schwierige Gleichgewicht zwischen Materialien und Plan einhielt, die Willenskraft, die mach brauchte, um tausend Menschen einer einzigen Vision entgegenzuführen. Valo war zu ehrlich, um Kits Begabung nicht anzuerkennen, und zu ehrgeizig, um nicht zu versuchen, Kit auf seinem eigenen Gebiet entgegenzutreten. Er kam öfter, um die Baustellen zu besuchen.

Nach einer Jahreszeit nahm Kit ihn beiseite. »Du könntest ein Baumann werden, wenn du wolltest.«

Valo errötete. »Dinge bauen? Du meinst Brücken?«

»Oder Häuser oder Gutshöfe oder Ufermauern. Oder Brücken. Du könntest das Leben der Menschen verbessern.«

»Das Leben der Menschen verändern?« Seine Stirn lag plötzlich in Falten. »Nein.«

»Unser Leben verändert sich die ganze Zeit, ob wir es wollen oder nicht«, entgegnete Kit. »Valo Ferge aus Jenseits, du bist intelligent. Du bist gut im Umgang mit Menschen. Du lernst schnell. Wenn du wolltest, könnte ich selbst anfangen, dich zu lehren, oder dich nach Atyar schicken, um dort zu studieren.«

»Valo Baumann ...«, sagte er, den Namen ausprobierend, und dann: »Nein.« Aber danach war er, wann immer er Zeit vom Bootsbauen und dem Fährbetrieb erübrigen konnte, auf den Baustellen anzutreffen. Kit wusste, dass die Antwort eine andere sein würde, wenn er das nächste Mal fragte. Es gab für alles eine Möglichkeit, ein unsichtbares Muster, das sichtbar gemacht werden konnte, wenn man die Arbeit und die richtigen Materialien investierte. Kit schrieb an ein oder zwei alte Freunde, um Kontakte zu knüpfen, die Valo helfen würden, wenn die Zeit reif war. Er würde sich seines neuen Protegés nicht schämen.

Die Türme und die Verankerungen wuchsen. Der Winter kam und der Sommer, und ein zweiter Winter. Es gab Stürze, einen gebrochenen Arm, zwei Reihen angebrochener Rippen. Eine Frau in Jenseits verlor ihren Fuß, als einer der Steine von seinen Rollen rutschte und ihre Zehen zerschmetterte. Trotz der Verzögerung durch den langsamen Abbau der Steine lag der Bau im Zeitplan. Es gab keine Probleme mit der Bezahlung oder dem Straßenbauamt oder dem Kaiserreich, und nur gelegentlich kleinere, lösbare Angelegenheiten mit Störenfrieden aus Triple oder den örtlichen Verwaltungen.

Kit wusste, dass er Glück hatte.

 

Der erste Todesfall geschah während einem von Valos Besuchen. Das war am Anfang des zweiten Winters der Brücke, und Kit war seit drei Monaten in Jenseits. Er hatte bereits gelernt, dass Winter hier grauer Himmel bedeutete und Regen und manchmal Schnee. Bald würden sie die schweren Arbeiten für das Jahr ruhen lassen müssen. Aber es war ein guter Tag gewesen, und die Arbeiter hatten den größten Teil einer Steinreihe hochgezogen und verlegt.

Valo war nach drei Wochen aus Diesseits zurückgekehrt, wo er ein Boot für Jenna Blaufisch gebaut hatte. Kit entdeckte ihn, wie er den schlanken Turm hinaufstarrte, durch einen Regen, der so leicht war, dass er sich beinahe wie Nebel anfühlte. Auf halber Höhe des Pfeilers befand sich das schwarze Loch, durch das später die Straße hindurch führen würde; es sah sehr fehl am Platze aus.

Valo sagte: »Seit ich das letzte Mal hier war, sind Sie sehr viel weiter gekommen. Wie hoch ist er jetzt?«

Diese Frage wurde Kit oft gestellt. »Einhundertfünf Fuß, ungefähr. Gut ein Viertel ist fertig.«

Valo lächelte und schüttelte den Kopf. »Schwer vorstellbar, dass er stehen bleiben wird.«

»In Atyar gibt es einen Turm aus schwarzem Basalt und Eisen, der fünfhundert Fuß hoch ist. Fünf Mal so hoch.«

»Er sieht einfach so zerbrechlich aus«, sagte Valo. »Ich weiß, dass Sie gesagt haben, die meiste Kraft, die auf ihn wirkt, ist Kompression, aber er sieht trotzdem aus, als könnte er einfach umknicken.«

»In ein paar Jahren wirst du mehr Erfahrung mit Hängebrücken haben, und es wird weniger ... beunruhigend wirken. Möchtest du sehen, wie wir vorankommen?«

Valos Augen leuchteten auf. »Darf ich? Ich will nicht im Weg sein.«

»Ich bin heute noch nicht oben gewesen, und sie werden bald Schluss machen. Gerüst oder Treppe?«

Valo sah an dem Gerüst auf einer Seite des Turmes empor, zu den Leitern, die darin festgebunden waren, und erschauerte. »Ich kann nicht glauben, dass Menschen da raufklettern. Ich nehme die Treppe.«

Kit folgte Valo. Die steile Innentreppe war drei Fuß breit und schraubte sich endlos nach oben, fünf Stufen bis zu einer Plattform, Linksdrehung, fünf weitere Stufen und Drehung. Später würde die Treppe in jeder dritten Biegung von Laternen in Alkoven beleuchtet werden, aber heute tasteten Valo und Kit sich hinauf, die Finger auf dem kalten feuchten Stein, eine kleine Laterne in der Hand des Jungen. Die Treppe roch nach Wasser und Erde und dem schwachen Geruch von Lampenöl. Manche von den Arbeitern hassten die Treppen und nahmen lieber die Leitern draußen, aber Kit gefiel es hier. Für diese wenigen Momente war er ein Teil der Brücke, ein starker Knochen tief im Fleisch, das er erschaffen hatte.

Sie kamen oben an und hielten einen Moment inne, um die halbfertige Steinreihe zu begutachten und die schwarze Silhouette des Krans vor dem verblassenden Himmel. Die letzten Arbeiter waren gerade dabei, den zweibeinigen Scherenkran, mit dem sie die Steine umgesetzt hatten, in seine Einzelteile zu zerlegen. Eine Laterne hing an einem Mast, der in einem der Löcher steckte, die die Arbeiter später mit Stäben und flüssigem Eisen füllen würden. Kit nickte ihnen zu, während Valo zur Kante ging, um hinunterzuschauen.

»Es ist wunderbar«, sagte Valo lächelnd. »So hoch oben zu sein – man kann bis in die Gärten der Leute sehen. Sehen Sie doch, Teli Schreiner räuchert ein Schwein.«

»Das muss man nicht sehen, um es zu wissen«, bemerkte Kit trocken. »Ich rieche es schon seit zwei Tagen.«

Valo schnaubte. »Kann man schon bis zum Weißen Gipfel sehen?«

»Ja, an klaren Tagen«, sagte Kit. »Ich war vor zwei Tagen hier oben ...«

Ein lautes Krachen und ein Schrei. Kit wirbelte herum und sah eine der Arbeiterinnen auf dem Rücken liegen, Loreh Gerber, eine Frau aus dem Dorf. Eine der Stützen des Krans lag quer über ihrer Brust. Kit rannte die paar Schritte zu Loreh hinüber und kniete sich neben sie. Der Mann, der mit ihr gearbeitet hatte, sagte: »Sie ist abgerutscht – o Loreh, halt bitte durch«, aber Kit konnte bereits sehen, dass es zwecklos war. Sie war zwischen dem Balken und dem Turm eingeklemmt, ihre Brust war  zerquetscht, eine Schulter offensichtlich ausgekugelt, bewusstlos, schwer atmend. Schaum erblühte, schwarz im Licht der Laterne, auf ihren Lippen.

Kit nahm ihre kalte Hand. »Alles wird gut, Loreh. Alles wird gut.« Das war eine Lüge, und sie konnte ihn sowieso nicht verstehen, aber die anderen würden es hören. »Holt Hall«, sagte einer der Arbeiter, und Kit nickte: Hall war der Wundarzt. Und dann: »Jemand muss Obal holen. Holt ihren Mann.« Schritte rannten die Treppe hinunter und verloren sich im Zischen des einsetzenden Regens, in lautem Schluchzen und Lorehs feuchtem Atmen.

Kit sah auf. Valo starrte mit bebender Brust auf sie herab. Kit sagte zu ihm: »Hilf ihnen, Hall zu finden«, und als der Junge sich nicht bewegte, wiederholte er die Anweisung mit schärferer Stimme. Valo sagte nichts, aber er hörte nicht auf, Loreh anzustarren, bis er herumwirbelte und die Treppe hinunterrannte. Kit hörte die Rufe tief unten, als der erste Bote in Richtung Dorf rannte.

Loreh atmete noch einmal zitternd aus und starb.

Kit sah die anderen an, die sich um Lorehs Leiche scharten. Der Mann, der Lorehs andere Hand hielt, drückte sein Gesicht dagegen und weinte hilflos. Die beiden anderen Arbeiter knieten zu ihren Füßen, ein Mann und eine Frau, dicht zusammengedrängt, obwohl sie kein Paar waren. »Erzählt mir, was geschehen ist«, sagte er.

»Ich habe versucht zu verhindern, dass er auf ihr landet«, sagte die Frau. Sie hielt sich den offensichtlich gebrochenen Arm, schien es jedoch nicht zu bemerken. »Aber er fiel einfach weiter.«

»Sie war müde. Sie muss unvorsichtig geworden sein«, meinte der Mann, und die Frau mit dem gebrochenen Arm flüsterte: »Ich will nicht über das Geräusch nachdenken.«

Worte strömten aus ihnen heraus wie Blut aus einer Wunde. Das war, was sie jetzt brauchten – sie mussten reden und gehört werden. Also hörte er zu, und als die anderen kamen, Lorehs Mann Obal, mit weißen Lippen und zornigem Blick, und der Wundarzt Hall und sechs andere Arbeiter, da hörte Kit auch ihnen zu und führte sie allmählich den Turm hinunter und zurück zu den warmen Lichtern und dem Trost von Jenseits.

Kit hatte schon früher Arbeiter verloren, und so war es immer. Heute Nacht würde es Tränen geben, die Leute würden auf ihn und seine Brücke wütend sein und auf das Schicksal, das dies erlaubt hatte. Es würde Trauer und Albträume geben. Und Menschen würden sich lieben und ihre Kinder und Freunde und Hunde in die Arme schließen und das Leben in der kalten, nassen Nacht bejahen.

 

Seine Mentorin an der Universität hatte ihm, während einer ihrer häufigen Abschweifungen von Materialien und den Prinzipien der Architektur, erklärt: »Dinge gehen schief.«

Es war Winter, aber obwohl es schneite, schlenderten sie gemächlich zum Kaffeehaus. Skossa suchte nach Halt für ihren Gehstock und fuhr fort: »Bei längeren Bauvorhaben wirst du vergessen, dass du nicht einer von ihnen bist. Aber wenn es einen Unfall gibt, dann ist das wie ein Schlag ins Gesicht. Was auch immer du empfindest, ist dann unwichtig. Schuld, Trauer, Einsamkeit, Sorgen hinsichtlich des Zeitplans. Nichts davon. Was wichtig ist, sind ihre Gefühle. Also höre ihnen zu. Respektiere, was sie durchmachen.«

Sie hielt inne und tippte nachdenklich mit dem Stock auf den Boden. »Nein, das stimmt nicht. Es ist wichtig, was du empfindest, aber du wirst deine Kraft irgendwo anders suchen müssen.«

»Freunde?«, fragte Kit zweifelnd. Er wusste bereits, dass er eine Karriere wie sein Vater anstrebte. Er würde nirgends mehr als ein paar Jahre verweilen.

»Ja, Freunde.« Schnee fiel auf Skossas Haar, aber sie schien es nicht zu bemerken. »Kit, ich mache mir Sorgen um dich. Du kannst gut mit Menschen umgehen, das habe ich gesehen. Du magst sie. Aber du hast deine Grenzen.« Er öffnete den Mund, um zu widersprechen, aber sie hob die Hand und gebot ihm zu schweigen. »Ich weiß, sie sind dir nicht gleichgültig. Allerdings im Rahmen eines Projektes. Im Moment ist das dein Studium. Später werden es Straßen und Brücken sein. Aber die Menschen um dich herum – ihre Leben gehen außerhalb des Projektes weiter. Sie sind nicht nur Werkzeuge in deiner Hand, auch, wenn du sie magst. Dein Leben muss ebenfalls weitergehen. Du solltest noch andere Dinge haben, für die du lebst, als nur Straßen. Denn wenn ein Unfall geschieht, dann wirst du jemanden brauchen, dem es wichtig ist, was du empfindest, irgendjemanden, irgendwo.«

 

Kit ging durch Jenseits zur Hündin. Die meisten Menschen waren inzwischen zu Hause oder in einer der Tavernen, ein in sich gekehrtes Dorf, aber er hörte Schritte hinter sich herrennen. Schnell drehte er sich um. Es war nicht ungewöhnlich, dass Menschen, die von der Trauer aus der Bahn geworfen waren, auf das einschlugen, was sie dafür verantwortlich machten, und manchmal war das eben ein Mensch.

Es war Valo. Obwohl seine Hände zu Fäusten geballt waren, erkannte Kit sofort, dass er wütend, aber nicht auf einen Kampf aus war. Einen Moment lang wünschte sich Kit, nicht zuhören zu müssen, einfach in sein Zimmer gehen und tausend Stunden lang schlafen zu können, aber Valo wirkte zutiefst betroffen. Valo, der Rasali so ähnlich sah. Er hoffte, dass Rasali und Loreh nicht befreundet gewesen waren.

Kit sagte leise: »Warum bist du nicht drinnen? Es ist kalt.« Während er das sagte, bemerkte er plötzlich, dass es wirklich kalt war. Der Regen war zu einem steten kalten Strom geworden.

»Ich geh gleich. Ich meine, ich war drin, aber ich bin wieder rausgekommen, weil ich dachte, dass ich dich finden könnte, weil ...« Der Junge zitterte.

»Wo sind deine Freunde? Komm, lass uns reingehen. Da ist es besser.«

»Nein«, sagte er. »Erst muss ich eine Sache wissen. Ist das immer so? Wenn ich das mache, Sachen baue, wird mir das geschehen? Wird jemand sterben?«

»Vielleicht. Wahrscheinlich, früher oder später.«

Valo sagte etwas Unerwartetes. »Ich verstehe. Es ist nur – sie hatte gerade erst geheiratet.«

Das Blut auf Lorehs Lippen, das feuchte Geräusch ihrer zerschmetterten Brust, als sie ihre letzten Atemzüge tat ... »Ja«, sagte Kit. »Das ist wahr.«

»Ich musste nur... ich wollte nur wissen, ob ich damit klarkomme. Wahrscheinlich werde ich das jetzt herausfinden.«

»Ich hoffe, du musst das nicht.« Der Regen wurde stärker. »Du solltest reingehen, Valo.«

Valo nickte. »Rasali – ich wünschte, sie wäre hier. Sie könnte vielleicht helfen. Du solltest auch reingehen. Du zitterst.«

Kit sah ihm nach. Valo hatte ihn nicht gebeten, ihn zurück ins Licht und in die Wärme zu begleiten. Er war nicht so dumm, das zu erwarten, aber einen Moment lang hatte er sich die Hoffnung gestattet.

Kit schlich durch die Ställe und durch die Hintertür der Hündin. Widson Zapfer, die Hände voller Humpen aus dem Schankraum, sah ihn und nickte ihm zu. Sein Gesicht war nicht freundlich, aber auch nicht abweisend. Das war gut, dachte Kit, besser würde es heute nicht mehr werden.

Er ging auf sein Zimmer und schloss die Tür, lehnte sich dagegen, wie um die Welt auszusperren. Jemand war bereits da gewesen. Eine Lampe war angezündet worden, ein Feuer entfacht, und Brot, Käse und ein Humpen Bier standen auf dem Fensterbrett, um sie kühl zu halten. Er begann zu weinen.

 

Die Nachricht überquerte den Fluss mithilfe der Signalflaggen. Am nächsten Tag arbeitete niemand an der Brücke, und auch am Tag darauf nicht. Kit tat alles, was zu tun war, und ließ sich nur von seiner Trauer und seiner Schuld überwältigen, wenn er zusammengekauert alleine vor dem Feuer in seinem Zimmer saß.

Am dritten Tag traf Rasali aus Diesseits mit einer Bootsladung Kisten voller Kräuter aus dem Norden ein, die auf dem Weg nach Osten waren. Kit saß im Schankraum der Hündin und hörte zu. Die Menschen wurden allmählich damit fertig und begannen, wieder nach vorne zu blicken. Bald würden sie an ihre Arbeit zurückkehren können, am nächsten klaren Tag. Er würde ihnen etwas bieten, einen sofortigen, sichtbaren Erfolg, etwas anderes – vielleicht würde er die Rampe ausrichten lassen.

Er sah Rasali nicht in den Schankraum kommen, aber er spürte ihre Hand auf seiner Schulter und hörte ihre Stimme in seinem Ohr. »Komm mit«, murmelte sie.

Er sah verwirrt auf, als wäre sie eine Fremde. »Rasali Ferge, warum bist du hier?«

Sie sagte nur: »Geh mit mir spazieren, Kit.«

Es regnete, aber er begleitete sie trotzdem. Als die ersten kalten Tropfen sein Gesicht berührten, zog er sich einen Schal über den Kopf.

Er sagte nichts, während sie durch Jenseits platschten. Sie führte ihn irgendwohin, aber das war ihm egal, er war nur dankbar, dass einmal nicht er derjenige war, der die Entscheidung treffen und stark sein musste. Nach einer Weile öffnete sie eine Tür und ließ ihn in ein kleines Zimmer voller Licht und Wärme eintreten.

»Mein Haus«, sagte sie. »Und das von Valos. Er ist noch auf der Werft. Setz dich.«

Sie deutete auf eine Bank neben dem Feuer, und Kit ließ sich darauffallen. Rasali hob einen Topf vom Feuer und schöpfte etwas in eine Tasse. Sie reichte sie ihm und setzte sich. »So. Trink.«

Es war gewürzter Porter, und die Wärme löste etwas von dem Druck, der auf seiner Brust lastete. »Danke.«

»Rede.«

»Es ist für euch alle ein großer Verlust, das weiß ich. Hast du Loreh gut gekannt?«

Sie schüttelte den Kopf. »Es geht hier nicht um mich. Es geht um dich. Rede.«

»Es geht mir gut«, sagte er, und als sie nichts sagte, wiederholte er es. Dabei spürte er Zorn in sich aufflackern. »Es geht mir gut, Rasali. Ich kann damit umgehen.«

»Wahrscheinlich kannst du das«, sagte Rasali. »Aber gut geht es dir nicht. Sie ist gestorben, und es war deine Brücke, für die sie gestorben ist. Du fühlst dich nicht schuldig? Das glaube ich nicht.«

»Natürlich fühle ich mich schuldig«, blaffte er.

Als sie sich ihm zuwandte, ergoss sich goldener Feuerschein über ihre breiten Wangenknochen, aber sie sagte nichts, sondern sah ihn nur an und wartete.

»Sie ist nicht die Erste«, hörte Kit sich überrascht sagen. »Das erste Projekt, das ich alleine leitete, war ein Tor mit Schlagbaum. Es war so ein kleines Projekt, so ein dummes kleines Projekt, um jemanden dabei zu verlieren. Das hölzerne Gerüst des Torbogens brach zusammen, bevor wir den Scheitelstein einsetzen konnten. Der ganze Bogen stürzte ein. Jemand wurde getötet.« Es war ein sehr junger Mann gewesen, schlank und hochgewachsen. Er humpelte beim Gehen und zog seine kleine Schwester groß. Damals war sie nicht älter als zehn gewesen. Sie war auf dem Bauplatz umhergestreift und hatte den Zusammenbruch und den Tod des Jungen nicht miterlebt. Dafuen? Naus? Er wusste seinen Namen nicht mehr. Und das Mädchen – wie hatte sie geheißen? Ich sollte mich daran erinnern. Das schulde ich ihnen.

»Jedes Mal, wenn ich jemanden verliere«, sagte er endlich, »erinnere ich mich an all die anderen. Es sind zwölf gewesen in den siebzehn Jahren. Nicht so sehr viele, wenn man es genau betrachtet. Bauen ist gefährlich. Meine Bilanz ist besser als die der meisten.«

»Aber das ist egal, nicht wahr?«, sagte sie. »Du hast trotzdem das Gefühl, dass du jeden einzelnen von ihnen umgebracht hast, so sicher, als hättest du sie selbst von einer Brücke gestoßen.«

»Es ist meine Verantwortung. Der Erste, Duar ...« Das war sein Name gewesen, da war es. Der Name löste etwas in Kit. Sein Gesicht wurde warm, Tränen, heiße Tränen liefen ihm über die Wangen.

»Ist ja gut«, sagte sie. Sie hielt ihn, bis er aufhörte zu weinen.

»Woher wusstest du das?«, fragte er schließlich.

»Ich bin das älteste lebende Mitglied der Familie Ferge. Mein Vater ist gestorben. Meine Mutter. Meine Tante starb vor sieben Jahren. Und dann habe ich meinen Bruder losfahren sehen, um den Nebel zu überqueren, vor drei Jahren. Es war ein idealer Tag, ruhig und sonnig, aber er hat es nicht geschafft. Er ist an meiner Stelle gefahren, weil der Fluss sich für mich falsch anfühlte. Es hätte genauso gut mich treffen können. Vielleicht hätte es mich treffen sollen. Also verstehe ich es.«

Sie streckte sich ein wenig. »Die meisten Leute verstehen das. Wenn Petro Kistner seine Tochter in die Berge schickt, um Holz auszuwählen, und sie nicht zurückkommt – von Wölfen gefressen, vom Blitz getroffen, wer weiß –, ist Petro dann schuld? Wahrscheinlich sind es die Wölfe oder der Blitz. Vielleicht ist es die Tochter, wenn sie etwas Dummes getan hat. Und ein wenig ist es auch Petro, denn sie wäre nicht dort gewesen, wenn er sie nicht losgeschickt hätte. Und ihre Mutter ist es auch, denn sie war furchtlos und hat es ihrer Tochter beigebracht, und Thom Grün, weil er ein neues Zimmer in seinem Haus haben wollte. Jeder, außer vielleicht den Wölfen, fühlt sich verantwortlich. Dieser Weg führt nirgendwohin. Loreh wäre früher oder später gestorben. Das tun wir alle«, fügte sie leise hinzu.

»Kannst du den Tod so einfach hinnehmen?«, fragte er. »Selbst deinen eigenen?«

Sie lehnte sich zurück, und ihr Gesicht wirkte plötzlich erschöpft. »Was kann ich sonst tun, Kit? Irgendjemand muss die Fähre steuern, und ich bin besser dafür geeignet als die meisten anderen, und nicht nur meines Blutes wegen. Ich liebe den Nebel, seine Strömungen und seinen Geruch und die Kraft in meinem Körper, wenn ich uns alle hindurchschiebe. Petros Tochter Cilar – sie wollte nicht sterben, als die Wölfe kamen, da bin ich mir sicher, aber sie liebte es, Holz auszuwählen.«

»Wenn deine Zeit kommt«, sagte er, »bist du dann auch so zuversichtlich?«

Sie lachte, und die Nachdenklichkeit war verschwunden. »Natürlich nicht. Ich werde die Sterne verfluchen und kämpfend untergehen. Aber es wird trotzdem wunderbar gewesen sein, den Nebel zu überqueren.«

 

An der Universität hatte Kit nur Gelegenheitsbeziehungen gehabt. Es gab Vorträge, die alle besuchten, und er lebte in der Nähe von Straßen und Kneipen voller Studenten. Aber die Studenten der technischen Berufe blieben traditionell unter sich, sowohl der Vorlieben ihrer Vorgänger als auch ihrer eigenen wegen. Die einzigen Menschen, die härter arbeiteten als die Ingenieure, waren die Bierbrauer, so lautete ein Scherz an der Universität. Kit und die anderen Techniker redeten und lebten und schliefen miteinander.

In seinem dritten Jahr begegnete er in dem Laden, in dem er sein Papier und Pergament kaufte, Domhu Canna: eine kleine Frau mit einem herzförmigen Gesicht und einer Wolke aus schwarzem Haar, die sie mit grauen Schleifen ein wenig bändigte. Eine Philosophiestudentin aus einer Stadt zweitausend Meilen im Osten, an der Küste.

Sie faszinierte ihn. Ihr Geist war sprunghaft und schnell wie ein Fisch und stellte Zusammenhänge her, die er nicht begreifen konnte. Für sie war alles eine Metapher, ein Symbol für etwas anderes. Menschen, so sagte sie, konnte man leichter verstehen, wenn man sie mit dem Leben von Tieren, den Jahreszeiten, der Struktur von gewissen Gedichten oder Wettspielen verglich.

Er begriff, dass dies eine andere Art und Weise war, Muster zu erkennen. Vielleicht waren Menschen wie Ochsengespanne, die man führen musste, oder wie Metalle, die man schmelzen und für die eigenen Zwecke formen musste, oder wie die Steine für eine Trockenmauer, die man gewissenhaft nach Form und Stärke auswählen, sortieren und platzieren musste. Letzteres leuchtete ihm am meisten an. Was sie zusammenhielt war kein Mörtel von außen, sondern ihr eigenes Gewicht und die Planung und Geduld des Trockenmaurers. Aber es war eine unzureichende Metapher. Menschen waren so, aber sie waren auch viele andere Dinge.

Er hatte nie begriffen, was Domhu an ihm anziehend fand. Sie sprachen nie darüber, ihre Beziehung förmlicher zu gestalten. Als sie ihr Studium abschloss, mitten in seinem letzten Jahr, kehrte sie in ihre Heimat zurück, um bei der Gründung einer neuen Universität zu helfen. Überhaupt schloss ihr Volk keine Ehen auf Zeit. Sie trennten sich freundschaftlich und, wenigstens auf seiner Seite, mit dem Gefühl, etwas verloren zu haben. Erst Jahre später kam es ihm in den Sinn, dass sich die Dinge auch hätten anders entwickeln können.

 

Der Winter war regnerisch, aber es gab Tage, an denen sie arbeiten konnten und dies auch taten. Bis zum Frühjahr hatte es auf beiden Ufern noch mehr Todesfälle gegeben, die nichts mit der Brücke zu tun hatten: eine Frau, die im Kindbett starb, ein Kind, das in seinem kurzen Leben nie richtig atmete, zwei Fischer, die kenterten, mehrere, die aus all den Gründen starben, aus denen alte und kranke Menschen sterben.

Im Laufe des Frühjahrs und des Sommers stellten sie die Verankerungen fertig, nichtssagende Ansammlungen von Steinblöcken und Mörtel, die im Felsboden befestigt waren. Sie waren tief eingegraben, sodass nur einige wenige Steinreihen über der Erdoberfläche sichtbar waren. Die Ankerbolzen waren jeweils mannshoch und in den Nischen versteckt, durch die die Ketten laufen würden.

Der Pfeiler in Jenseits wurde im Mittwinter des dritten Jahres fertig, lange vor dem in Diesseits. Jenner und Teniant Planer hatten ein Signalsystem perfektioniert, mit dem man detaillierte technische Informationen zwischen den Ufern hin und her schicken konnte, und Kit nutzte es weidlich aus. Dokumente wurden immer dann transportiert, wenn eine Fähre übersetzte. Rasali kreuzte achtunddreißig Mal. Obwohl er die meiste Zeit mit Kit verbrachte, kreuzte Valo neunzehn Mal. Kit überquerte den Nebel überhaupt nicht, es sei denn, die Flaggen sagten ihm, er würde gebraucht.

Es war zu Beginn des Frühlings, und Kit befand sich in Jenseits, als die Signale meldeten: Nachricht. Kaiserliches Siegel. Er ging sofort zu Rasali.

»Ich kann nicht«, sagte sie. »Ich bin erst gestern angekommen. Die Großen ...«

»Ich muss hinüber, und Valo ist in Diesseits. Es gibt Neuigkeiten aus der Hauptstadt.«

»Nachrichten haben bisher immer warten können.«

»Nein, haben sie nicht. Sie sind rastlos auf dem Deich hin und her gelaufen, bis wir sie abgeholt haben.«

»Benutz die Flaggen«, sagte sie ungeduldig.

»Das Siegel darf von niemand erbrochen werden außer Jenner und mir. Er ist auf dieser Seite. Es tut mir leid.« Er dachte an ihren Bruder, der vor vier Jahren gestorben war.

»Wenn du stirbst, kann niemand es lesen«, sagte sie, aber sie brachen trotzdem kurz nach Einbruch der Dämmerung auf. »Wenn wir fahren müssen, dann lieber jetzt als früher oder später.«

Sie trafen sich am oberen Kai. Der Himmel war mit hellen grünen und goldenen Streifen durchzogen. Die Wolken spiegelten den letzten Rest Sonnenlicht wider, sodass sie glühten, aber kein Licht abgaben. Die Strömung war gleichmäßig. Der Nebel zwischen den Deichen lag bereits im Halbdunkel, sanft geschwungene Dünen, zwanzig Fuß hoch.

Rasali wartete schweigend, wobei sie immer wieder ein Tau auf- und abwickelte. Neben ihr standen zwei Frauen, ein Mann und ein Hund: Gewürzhändler, die von den Pflanzungen in Gloth zurückkehrten. Der Hund winselte und war unruhig. Kit war mit Dokumentenmappen beladen, die mit fest zusammengerolltem und in Öltuch eingeschlagenem Pergament und Papier vollgestopft waren. Rasali setzte die Händler und den Hund in den Bug der Fähre, ihre vierzig Kisten Zimt und Muskat mittschiffs und Kit in das Heck in ihrer Nähe. Schweigend band sie das Tau los und stieß das Boot vom Kai ab.

Sie stand achtern, auf ihr Ruder gelehnt. Einen Moment konnte er so tun, als bewegten sie sich auf Wasser, und er erwartete beinahe, das Gluckern zu hören, aber das große Paddel machte kein Geräusch. Es war so still, dass er ihren Atem hören konnte, das nervöse Hecheln des Hundes vorne und seinen eigenen überhöhten Puls. Dann glitt die Überfahrt die lange, sanfte Kurve einer Düne hinauf, und es war nicht mehr möglich, dies für etwas anderes als Nebel zu halten.

Er hörte ein leises Seufzen, wie Luft, die in einen lange Zeit versiegelten Raum eindrang. Es war schwer, so weit zu sehen, aber das letzte Licht zeigte ihm den sich wölbenden Nebel auf einer benachbarten Düne, wie eine Blase, die an die Oberfläche von Schlamm tritt. Die Kuppel wuchs und platzte. Eine der Frauen keuchte auf. Ein Schatten rollte davon, zu dunkel, um mehr als seine Länge zu erkennen.

»Was ...«, sagte er verwundert.

»Fische«, raunte Rasali ihm zu. »Keine Kleinen. Sie beißen heute Nacht. Wir hätten nicht kommen sollen.« Inzwischen war es dunkel geworden. Der erste winzige Mond ging auf, von Sternen gefolgt. Rasali ruderte behutsam durch die Dünen, das Gesicht dem Himmel zugewandt. Zuerst glaubte er, sie würde beten, aber dann begriff er, dass sie versuchte, den Kurs zu halten. Immer mehr Fische tauchten auf, und jedes Mal ertönte das Seufzen, jedes Mal war aus den Augenwinkeln ein dunkler Schatten zu erkennen. Er hörte jemanden singen, eine Stimme, die von weit hinter ihnen zu ihnen herübergeweht wurde.

»Die Fischer«, sagte Rasali. »Sie werden heute Nacht nahe an den Deichen bleiben. Ich wünschte ...«

Aber sie ließ den Wunsch unausgesprochen. Inzwischen befanden sie sich über dem tiefen Nebel. Er vermochte nicht zu sagen, woher er das wusste. Plötzlich sah er vor seinem geistigen Auge die Brücke, die sich irgendwo über ihnen befinden würde, ein dunkler Bogen, der den sternenbestickten Himmel überspannte. Die Parabelkurve der Kette wäre vielleicht sichtbar, vielleicht auch nicht. Die Menschen würden über den Fluss gehen, einen Bogenschuss über ihnen, ohne sich bewusst zu sein, was unter ihnen lag. Möglicherweise würden sie stehen bleiben und über das Brückengeländer nach unten blicken, aber sie würden zu hoch oben sein, um irgendetwas zu erkennen außer kleinen Schatten – wenn sie die Fische denn überhaupt sahen, wenn sie überhaupt stehen blieben. Die Großen würden etwas Neues sein, seltsame Wesen, die einen gefahrlosen Schauer auslösten, als lauschte man spätnachts einer Gruselgeschichte.

Vielleicht sah Rasali das Gleiche, denn sie sagte plötzlich: »Deine Brücke. Sie wird all das verändern.«

»Das muss sie. Es tut mir leid«, sagte er wieder. »Wir sollten nicht hier auf dem Nebel sein.«

»Wir sollten ihn überhaupt nicht überqueren, ohne ihn zu durchqueren. Kit ...« Sie verstummte. Nach einer Weile hob sie erneut an, mit gesenkter Stimme, als spräche sie mit sich selbst. »Die Seele hängt oft in einer Art Gleichgewicht. Lege ich mich heute Nacht mit Dirna Gerber in das hohe Feld, oder tue ich es nicht? Kaufe ich auf dem Jahrmarkt Bänder oder Wein? Nehme ich für das Kopfbrett der neuen Fähre Kampfer oder Birnenholz? Kleinigkeiten. Ein Kuss, eine Schleife, eine Maserung, die das Messer in diese oder jene Richtung lenkt. Sie sind es nicht, Kit Meinem aus Atyar. Unsere Seelen warten auf unsere Antwort, weil jede Antwort uns verändert. Darum warte ich ab, bevor ich beschließe, was ich von deiner Brücke halte. Ich warte, bis ich weiß, wie sie mich verändert.«

»Man weiß nie, wie die Dinge einen verändern«, sagte Kit.

»Wenn man es nicht weiß, hat man nicht gewartet, bis man es herausgefunden hat.« Sie hörten etwas platzen, kaum einen Steinwurf nach Steuerbord. »Ruhig!«

Sie fuhren weiter. Kit wusste, dass die Fahrt bei Tageslicht weniger als eine Stunde dauerte, aber sie kam ihm jetzt viel länger vor. Vielleicht war sie es auch. Er blickte zu den Sternen hinauf und glaubte, dass sie sich bewegt hatten, aber vielleicht irrte er sich.

Er hatte die Zähne zusammengebissen, und all seine Muskeln waren angespannt. Als er versuchte, sie zu lockern, begriff er, dass es nicht die Angst war, die ihn verkrampfte, sondern etwas anderes, etwas außerhalb von ihm. Rasalis Ruderschlag stockte. Jetzt erkannte er es, das Geräusch, das keines war, wie die tiefsten Töne einer Orgel, ein Dröhnen, das zu leise war, um es zu hören, aber es verflüssigte seine Knochen und verwandelte seine Muskeln in rostiges Eisen. Sein Atem entwich ihm ächzend aus der Brust. Sein Blickfeld verengte sich. Er bewegte sich wie durch Honig, zwang seine Hände hoch, um sie schützend um seinen Kopf zu legen. Kaum konnte er Rasali sehen, außer als einen Schatten vor dem etwas weniger schattigen Nebel, aber er hörte sie keuchen, ihre winzigen, schmerzvollen Atemzüge, wie ein verletzter Hund.

Das Sirren in seinem Körper pochte jetzt gegen seine Knochen, zersetzte sie. Er wollte schreien, aber in seiner Lunge war keine Luft mehr. Plötzlich bemerkte er, dass der Nebel unter ihnen sich wölbte. Er türmte sich an der Reling entlang auf. Ich habe die Brücke nicht fertig gebaut, dachte er. Und ich habe sie nie geküsst. Ob Rasali etwas bereute? Die Dünung geriet in Aufruhr und wurde zu einem Hügel, der zu einem Berg wurde und Teile des Himmels verdeckte. Der Gipfel zerschmolz zu kleinen Wellen, und darin verbarg sich ein Schatten, groß und dunkel wie die Nacht, der sich vorwärtsschob und dem in sich zusammenfallenden Nebel folgte. Er schien sich nicht zu bewegen, aber Kit wusste, dass das nur an der Größe dessen lag, was er da sah, sodass es ewig dauerte, bis es in seiner ganzen Länge vorbeigezogen war. Das war alles, was er sah, bevor seine Augen sich schlossen.

Wie lange er auf dem Boden des Bootes gelegen hatte, wusste er nicht. Irgendwann begriff er, dass er da war. Etwas später bemerkte er, dass er sich wieder bewegen konnte, dass seine Knochen und Muskeln wieder das waren, was sie sein sollten. Der Hund bellte. »Rasali?«, fragte er zitternd. »Sinken wir?«

»Kit.« Ihre Stimme war dünn wie ein Faden. »Du lebst noch. Ich dachte, wir wären tot.«

»War das ein Großer?«

»Ich weiß es nicht. Niemand hat je einen gesehen. Vielleicht war es nur ein ziemlich Großer.«

Der alte Scherz. Kit würgte ein schwaches Lachen hervor.

»Verdammt«, sagte Rasali in der Dunkelheit. »Ich habe das Ruder verloren.«

»Was nun?«, fragte er.

»Ich habe kleinere Reserveruder dabei, aber es wird länger dauern, und wir werden an der falschen Stelle anlanden. Wir werden das Boot festbinden und ein ganzes Stück zu Fuß gehen müssen, um Hilfe zu holen.«

Er sagte nicht: Ich lebe noch. Ich kann heute Nacht tausend Meilen weit laufen.

Der Tag dämmerte beinahe, bevor sie in Diesseits ankamen. Die zwei großen Monde gingen auf, kurz bevor sie eine Meile südlich des Docks anlandeten. Die Gewürzhändler und ihr Hund gingen voran, während Kit und Rasali das Boot vertäuten und zusammen losliefen. Auf halbem Weg kam Valo ihnen entgegengerannt.

»Ich habe gewartet, und ihr seid nicht gekommen ...« Er war blass und keuchte. »Aber sie haben es mir gesagt, die anderen Passagiere, dass ihr es geschafft habt, und ...«

»Valo.« Rasali umarmte ihn und hielt ihn fest. »Wir sind sicher, Kleiner. Wir sind da. Es ist geschafft.«

»Ich dachte ...«, sagte er.

»Ich weiß«, sagte sie. »Valo, bitte, ich bin furchtbar müde. Kannst du die Überfahrt zum Kai bringen? Ich gehe nach Hause und werde einen Tag lang schlafen, und es ist mir egal, wenn die Kaiserin selbst am Kai steht, sie wird warten müssen.« Sie ließ Valo los, verabschiedete sich mit einem müden Lächeln von Kit und ging den langen Hang des Deiches hinauf. Kit sah ihr nach.

 

Das »Kaiserliche Siegel« entpuppte sich als Brief aus Atyar – irgendein untergeordneter Beamter, der sich die Autorität anmaßte, eine Erklärung für eine Reihe von Zahlen zu fordern, die Kit geschickt hatte. An einem guten Tag war dieses Schreiben kaum die Reise wert, und schon gar nicht in einer schlechten Nacht über den Nebel. Kit verfluchte die Hauptstadt, das Kaiserreich und das Straßenbauamt und schickte die gewünschten Informationen zusammen mit einem geharnischten Zusatz über Siegel und ihre ordnungsgemäße Verwendung zurück.

Zwei Tage später erreichte ihn eine Nachricht, die ihn so oder so veranlasst hätte, den Nebel zu überqueren. Die Karavane, die die ersten Bolzen und Augenstäbe brachte, befand sich zwölf Meilen entfernt auf der Minenstraße von Hoic. Kit und seine Eisenmeisterin Tandreve Fabri ritten den langsam südwärts rollenden Wagen entgegen und trafen sie nahe dem Dorf Oud. Sie waren gerade dabei, einen nicht allzu steilen Hang hinunterzufahren. Die Wagen waren lang und stark gebaut, ihr Inhalt abgedeckt. Jeder wurde von einem Gespann kräftiger, geduldiger Ochsen gezogen. Sie gingen in gemächlichem Tempo, und die Wagenlenker schritten singend neben ihnen einher. In Kits stadtgewohnten Ohren klang der Gesang seltsam.

»Ochsenlieder. Wir haben sie früher auf dem Bauernhof meines Onkels gesungen«, sagte Tandreve und erhob die Stimme:

 

»Erinnerst du dich an den Traum von gestern,

das süße kühle Gras, die einsamen Kühe,

damals hattest du noch Klöten.«

Tandreve kicherte, und Kit mit ihr.

 

Eine der Lenkerinnen schlenderte, als Kit sein Pferd zügelte,  zu ihnen herüber. Ihr Gespann bewegte sich auch ohne ihre Führung weiter. »Seid gegrüßt«, sagte sie und nickte. Eine wortkarge Frau.

Kit schwang sich aus dem Sattel. »Das sind die Ketten?«

»Du kommst von der Brücke?«

»Kit Meinem aus Atyar.«

Die Frau nickte wieder. »Berralit Rotochse aus Ilver. Deine Schmiede sitzen hinten auf dem letzten Wagen.«

Einer der Schmiede, ein langgliedriger Mann mit angesengten Augenbrauen, schritt ihnen entgegen und stellte sich als Jared Wurf aus Klein Hoic vor. Sie liefen neben den Wagen her, während sie sich unterhielten, und er zog eine der Planen beiseite, um Kit und Tandreve zu zeigen, was sie brachten: Stapel von Eisenstangen, jede davon zehn Fuß lang, mit Ösen an jedem Ende. Tandreve ging seitwärts und begutachtete sie im Gehen. Jared und sie verloren sich bald in einer technischen Diskussion. Kit leistete ihnen Gesellschaft und führte sowohl Tandreves vergessenes Pferd als auch sein eigenes. Für den Augenblick war er damit zufrieden, die Meister alles unter sich ausmachen zu lassen. Er ging ein paar Schritte vor, bis er mit den Ochsen gleichauf lag. Erinnerst du dich an den Traum von gestern, dachte er, und dann: Was Rasali wohl geträumt hat?

 

Nach jener Nacht auf dem Nebel schien Rasali keine schlechten Tage mehr zu haben. Sie brachte Leute am Tag nach ihrer Ankunft hinüber, ganz gleich, wie das Wetter oder die Stimmung des Nebels war. Die Besitzer der Gasthöfe murrten deshalb, aber die kürzere Aufenthaltszeit wurde dadurch wettgemacht, dass mehr ernst dreinblickende Männer und Frauen von Firmen in Atyar geschickt wurden, um Kontore in den Städten am anderen Flussufer zu eröffnen. Was es auch für die Brücke einfacher machte, denn Kit und die anderen konnten nun über den Nebel gelangen, wann immer es nötig war. Kit widerstrebte es allerdings weiterhin, noch mehr als vor ihrer nächtlichen Überfahrt.

Es gab genug zu tun für zwei Fähren. Valo bot an, öfter zu fahren, aber Rasali schlug die Hilfe aus und erlaubte ihm nur überzusetzen, wenn sie es nicht verhindern konnte. »Die Großen scheinen sich diesen Winter nicht um mich zu kümmern«, sagte sie zu ihm, »aber ich kann nicht garantieren, dass das auch für zartes Fleisch wie dich gilt.« Kit gegenüber war sie ehrlicher. »Wenn er das Fährgeschäft verlassen will, um in der Hauptstadt zu studieren, dann besser früher als später. Der Nebel bleibt gefährlich, bis die letzte Fähre ihn überquert hat. Und auch dann noch, selbst wenn deine Brücke fertig ist.«Rasali war offenbar die Einzige, die diesen Schutz genoss. Die Fischer hatten genauso viele Schwierigkeiten wie in jedem Jahr. Denis Rotboot verlor sein Korakel, als es gerammt wurde (»von einem Mittelgroßen«, wie er später in der Taverne lachend erzählte – manchmal waren die ältesten Scherze wirklich die besten), und er wurde von einem in der Nähe treibenden Boot herausgefischt, bevor er zu tief sank. Der Ausschlag war nur oberflächlich, aber sein Haar wuchs nur stellenweise nach.

 

Kit saß im überfüllten Biergarten des Wilden Hirschen und schaute zu, wie Rasali und Valo in der Werft nebenan ein kleines Ruderboot aus Kiefernholz mit Fischhaut bezogen. Als Kit sich gesetzt hatte, hatte Valo ihn mit einem Ruf begrüßt, und Rasali hatte ihm den Kopf zugewandt und ihn angelächelt, aber seitdem beachteten sie ihn nicht mehr. Einige Dorfbewohner kamen vorbei, um ihn zu begrüßen, und der Wirt blieb eine ganze Weile, um ihm von seinen schrecklichen, nicht nachlassenden Rückenschmerzen zu erzählen, aber den größten Teil des Nachmittags über saß Kit alleine in der Sonne, trank kellerkühlen Porter und schaute zu, wie das Boot Gestalt annahm.

Im Mittsommer des vierten Jahres war es selten, dass Kit den ganzen Nachmittag eines schönen Tages für sich selbst hatte. Seit einigen Monaten waren die Verankerungen fertig. Die Geröllrampen, die zu den gewölbten Durchgängen in den Türmen führten, waren ebenfalls bereit. Für die Türme hatten sie länger gebraucht, und die Granitsättel, die die Ketten über den Pylonen halten würden, waren gerade erst angebracht worden. Bei den meisten Materialien lagen sie nur wenig hinter Kits Zeitplan zurück. Mehr als tausend Augenstäbe und Bolzen warteten in langen Reihen auf ihren Einsatz. Das Eisen roch noch nach dem Leinöl, mit dem es während der Reise geschützt worden war. Vor dem Winter würden noch mehr geliefert werden. In der Nähe der Rampen lagen die vielen Fischhautseile und -taue, die gebraucht wurden, um die erste Kette über den Fluss zu ziehen. Sie waren unersetzlich – wahrscheinlich waren sie das Wertvollste überhaupt auf den Baustellen – und wurden auch so behandelt. Aufbewahrt wurden sie in geschlossenen Zelten, in denen es fürchterlich stank.

Auch Kits Hochbauspezialisten waren eingetroffen: die Männer und Frauen, die die ersten gefährlichen Aufgaben übernehmen würden, größtenteils Experten, die an den anderen großen Brücken oder den Türmen Atyars mitgearbeitet hatten.

Valo und Rasali waren nicht alleine auf der Werft. Rasali hatte nach den Fährleuten von Ubmie geschickt, das hundert Meilen weiter südlich lag, und sie waren vor ein paar Tagen eingetroffen: eine Frau und ihr Vetter, Chell und Lan Kreuzer. Die Fremden hatten die gleichen massigen Schultern wie die Ferges und sahen genauso gut aus, aber ihr entrückter Gesichtsausdruck war unverwechselbar. Der Fluss war in Ubmie breiter und tiefer, vielleicht war ihnen der Tod näher. Kit fragte sich, was sie von der Brücke hielten. Sie würde das Fährgeschäft über Hunderte von Meilen flussauf- und abwärts beeinträchtigen, und Ubmie war als möglicher Ort für die Brücke in Betracht gezogen worden. Doch es schien sie nicht zu stören, sonst wären sie nicht gekommen.

Alle warteten auf die Fährleute. Sie mussten jetzt die Seile über den Fluss bringen, um die Pfeiler miteinander zu verbinden – um die Ketten zusammenzusetzen, wurden provisorische Taue und Stege gebraucht –, aber erzwingen konnte man das nicht. Rasali, Valo und die Kreuzer mussten alle zur gleichen Zeit das Gefühl haben, dass sie sicher übersetzen konnten. Kit bemühte sich, nicht ungeduldig zu sein. So oder so gab es für ihn genug zu tun: Posten, die zu Listen hinzugefügt werden mussten, formelle Berichte und höfliche Nachfragen, die an die vielen interessierten Parteien in Atyar und Triple geschickt, Anweisungen, die den Seilern, Maurern, Straßenbauern und dem Schatzamt erteilt werden mussten. Und Jenner: Kit hatte in die Hauptstadt geschrieben, und das Straßenbauamt hatte Jenner die Führung bei einer zweiten Brücke über den Fluss angeboten, die ein paar hundert Meilen weiter nördlich gebaut werden sollte. Kit würde den Vertrag überbringen, wenn sie das nächste Mal auf der gleichen Seite waren, aber er war sehr erleichtert, dass die Beamten zugestimmt hatten, Jenner bei ihm zu belassen, bis die erste Kette dieser Brücke fertig war. Viel zu tun.

Er verdrängte all diese Gedanken. Später, sagte er halb entschuldigend zu diesen Dingen. Später kümmere ich mich um euch. Lasst mich jetzt erst einmal in der Sonne sitzen und anderen Menschen bei der Arbeit zuschauen.

Die Sonne schien schräg und pfirsich-golden durch die Blätter der Eiche, bevor Rasali und Valo für heute Schluss machten. Das Boot war fertig, ein eleganter kleiner Bogen aus hellem Holz, rotgefärbter Fischhaut und verblassendem Sonnenlicht. Kit lehnte sich gegen den Zaun, während sie einen Becher voll Wasser über seinen Bug gossen und es dann in den Schatten des Vorratsschuppens zogen. Valo rannte fort – so viel Energie nach einem langen Tag, ach, die Jugend –, und Rasali kam zum Zaun und lehnte sich auf ihrer Seite dagegen.

»Es ist wunderschön«, sagte er.

Sie lockerte ihren Nacken. »Ich weiß. Wir stellen gute Boote her. Hast du Hunger? Von so einem anstrengenden Nachmittag hast du doch sicher Appetit bekommen.«

Er musste lachen. »Wir haben heute Morgen den Schlussstein gelegt. Ich habe wirklich Hunger.«

»Dann komm. Thalla wird uns verköstigen.«

Das Abendessen war einfach. Der Wilde Hirsch war mehr für sein Bier bekannt als für sein Essen, aber Thalla servierte einen herzhaften Eintopf mit Kerbel, der so dick war, dass man einen Löffel aufrecht hineinstellen konnte. Valo war mit Freunden verabredet, also aßen sie mit Chell und Lan, die, wie sich herausstellte, Rasali recht ähnlich waren – eher ruhig, aber mit einem fröhlichen Gemüt. Bei Einbruch der Dämmerung gingen die Kreuzer fort, um die Tavernen in Diesseits zu erkunden, und Kit und Rasali blieben alleine zurück und beobachteten das Wetterleuchten im Westen. Die Luft war dick und warm und weich wie Wolle.

»Du kommst nie zu den Baustellen, auf keiner Seite«, sagte Kit unvermittelt, nachdem sie, leicht beschwipst, eine ganze Weile versonnen geschwiegen hatten. Er begutachtete seinen Steingutbecher, der inzwischen, bis auf den Hefegeruch, leer war.

Rasali hatte die Bänke abgeschrieben und saß nun auf einem der Gartentische. Sie lehnte sich zurück, bis sie schließlich auf dem Tisch lag, das Gesicht dem Himmel zugewandt. »Ich hatte viel zu tun, was dir vielleicht aufgefallen ist?«

»Es ist mehr als nur das. Jeder findet hier und da ein wenig Zeit. Und früher hast du das auch.«

»Ja, das habe ich, nicht wahr? In letzter Zeit habe ich einfach keinen Sinn mehr darin gesehen. Die Brücke verändert alles, aber ich weiß noch nicht, wie sie mich verändert. Also warte ich, bis es so weit ist. Vielleicht ist das wie mit dem Nebel.«

»Wie wäre es mit jetzt gleich?«

Sie drehte den Kopf, bis ihre Wange auf dem rauen Holz der Tischplatte lag. Obwohl ihre Augen im Schatten lagen, wusste er, dass sie ihn anschaute. Was sie wohl sah, fragte er sich. Was hoffte sie zu sehen? Es freute ihn, aber es beunruhigte ihn auch.

»Komm heute Abend mit zum Turm«, bat er. »Bald wird sich alles verändern. Wir werden die Seile hinüberziehen und die Ketten montieren und die Stützen einziehen und die Straße bauen. Es wird aufhören, ein Projekt zu sein, und stattdessen eine Brücke werden, eine Straße. Aber heute sind es immer noch nur zwei Türme und ein paar Pläne. Rasali, klettere mit mir hinauf. Ich kann nicht beschreiben, wie es dort oben ist – der Wind, der Himmel, der einen umgibt, der Fluss, der unter einem liegt.« Er errötete angesichts der Dringlichkeit in seiner Stimme. Als sie weiterhin schwieg, fügte er hinzu: »Du veränderst dich, ob du darauf wartest oder nicht.«

»Es blitzt«, sagte sie.

»Er springt von Wolke zu Wolke«, sagte er. »Nicht zur Erde.«

»Wetterleuchten.« Sie setzte sich auf. »Na, dann zeig mir diesen Ort.«

Die Baustelle lag verlassen da. Der Himmel war voller Wolken, die von innen von Blitzen erleuchtet wurden, was schlimmer war, als gar kein Licht zu haben, denn es beeinträchtigte ihre Nachtsicht. Sie stolperten über den Platz, versuchten, den Weg in den Momenten des Lichts vorauszuplanen, und bewegten sich hartnäckig durch das Dunkel. »Verdammt«, sagte Rasali plötzlich. Dann: »Ich bin über irgendwas gestolpert. Wohl ein Geisterschaf.« Kit musste unwillkürlich lachen.

Sie nahmen nicht das Gerüst, sondern die Innentreppe. Kit kannte sie genau, kannte jede überraschende Biegung und jede unebene Stufe, also zählte er sie Rasali laut vor und führte sie an der Hand hinauf. Sie schafften einhundertvierundneunzig, bevor ein Blitz über sie hinwegzuckte, und zweihundertachtzehn, bevor sie endlich nach Luft schnappend auf das Dach traten.

Sie waren nicht allein. Eine Frau keuchte auf, rannte zusammen mit einem Mann lachend die Treppe hinunter. Rasali sagte befriedigt: »Sera Eichenfeld. Dieses Lachen würde ich überall erkennen. Dann war das Erno Brückmann bei ihr.«

»Er hat sich nach der Brücke benannt?«, fragte Kit, doch Rasali sagte nur mit Kinderstimme: »Oh.« Lautlose Blitze schossen zwischen einem Dutzend Wolkenschichten hin und her und malten den Himmel über ihrem Kopf purpur-weiß an, ein unfassliches Labyrinth aus Licht und Schatten.

»Der Himmel ist so viel näher.« Sie ging zur Brüstung und blickte auf Diesseits hinunter. Schwaches goldenes Licht floss aus Türen, die der schwülen Luft wegen offen standen. Kit blieb, wo er war, völlig zufrieden damit, sie anzusehen. Das Licht – wann immer es aufleuchtete – war schattenlos, und ihr Gesicht wirkte jung und erstaunt. Nach einer Weile kam sie zu ihm.

Sie sagten nichts, sie küssten sich nur und liebten sich dann in einem Nest aus ihren abgelegten Kleidern. Kit spürte den Stein seiner Brücke an den Knien, am Rücken. Er war noch immer so warm wie Haut nach der Hitze des Tages, aber nicht so warm wie Rasali. Sie war weicher als die Steine und schmeckte süß.

Ein Gefühl, das er nicht beschreiben konnte, öffnete ihm die Brust, die Kehle, den Bauch. Es war lange her, seit er zum letzten Mal mit jemandem geschlafen und sich nicht selbst Erleichterung verschafft hatte. Beinahe hatte er die Freude vergessen, den heftigen, plötzlich anschwellenden Schock, wenn er kam, den sich wiegenden Ozean, wenn sie kam. Selbst ihre gemeinsame Unbeholfenheit freute ihn, denn sie verhieß die Möglichkeit, es wieder zu tun, und besser.

Als sie fertig waren, redeten sie. »Du kennst mein Ziel, die Brücke zu bauen.« Kit sah auf ihr Gesicht hinab, das im Flackern der Blitze auftauchte und wieder verschwand. »Aber ich kenne deines nicht.«

Rasali lachte leise. »Und doch hast du mich tausendmal dabei beobachtet, wie ich es erreicht habe, und ein paar mal, wie ich gescheitert bin. Ich möchte gut leben.«

»Das ist kein Ziel«, sagte Kit.

»Warum? Weil es nicht das deine ist? Was ist besser, Kit Meinem aus Atyar? Ein großer Sieg oder tausend kleine?« Und dann: »Morgen«, sagte sie. »Morgen bringen wir die Seile hinüber.«

»Bist du sicher?« fragte Kit.

»Das ist eine seltsame Frage, jedenfalls wenn du sie stellst. Bei der Brücke geht es doch darum, die Überquerung zur Gewissheit zu machen, nicht wahr? Wie die Sonne, die jeden Morgen aufgeht. Wir haben uns heute Nachmittag geeinigt. Es ist so weit.«

 

Weiter geht es mit Teil 3 der Erzählung ›Die Brücke über den Nebel‹ von Kij Johnson >>


Deutsch von Laura Gutmann


© 2011 by Kij Johnson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung unter dem Titel ›The Man Who Bridged the Mist‹ in Asimov's (Oktober/November 2011)
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2014 by Golkonda Verlag GmbH
Abdruck der Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Deutscher Erstdruck in: Kij Johnson, Pinselstriche auf glattem Reispapier (Berlin: Golkonda, 2014)

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