Kurzgeschichte von Autor Kij Johnson: Die Brücke über dem Nebel Teil 1

FICTION

Die Brücke über den Nebel (Kij Johnson), Teil 1/3


Eine große Kluft spaltet die Welt in zwei Hälften – ein »Fluss« genannter Abgrund, in dem undurchdringlicher Nebel wabert und riesige Geschöpfe lauern, die manchmal gutmütig sind und manchmal nicht. Bislang ist es noch niemand gelungen, eine Brücke über diesen Abgrund zu bauen. Bis heute ...

Die US-Amerikanerin Kij Johnson wurde für diesen Kurzroman sowohl mit dem Hugo Award als auch mit dem Nebula Award ausgezeichnet.



Kit kam mit zwei Truhen nach Diesseits und mit einem in Öltuch gebundenen Folianten voller Pläne für die Brücke über den Nebel. Seine Truhen lagen wie Findlinge zu seinen Füßen, genau dort, wo der Postkutscher sie hatte fallen lassen. Den Folianten hielt er an sich gedrückt, um ihn nach dem gestrigen Gewitter von dem trocknenden Schlamm fernzuhalten.

Diesseits war klein, vor allem für einen Mann aus der Hauptstadt, wo die Bauwerke sieben oder acht Stockwerke aufragten, einer Stadt, die so groß war, dass selbst ein eifriger Wanderer sie nicht in einem Tag durchqueren konnte. Hier in Diesseits schlängelten sich Straßen aus gestampfter Erde durch ungleichmäßige Lücken zwischen den verstreuten Gebäuden und Zäunen. Sogar der Gasthof war schlicht, zwei Stockwerke aus goldenem Kalkstein und blauen Schieferdachziegeln, hinter denen (er roch es) irgendwelche Tiere lebten. Auf dem Schild über ihm vollführte ein flacher, hellblauer Fisch, einem Rochen nicht unähnlich, einen Bogensprung.

Eine bunt gekleidete Frau stand in der Tür des Gasthofes. Ihre Haut und ihre Augen waren blass, fast farblos. »Verzeihen Sie«, sagte Kit. »Wo kann ich die Fähre finden, die mich über den Nebel bringt?« Er spürte, wie er gemustert wurde, aber auf eine freundliche Art: ein Fremder, klein und sehr dunkel, grau gekleidet – ein Mann aus dem Osten.

Die Frau lächelte. »Nun, die Fähren sind beide gerade auf dieser Seite, am oberen Kai. Aber ich nehme an, Sie suchen vor allem jemand, der die Fähre steuert, nicht wahr? Rasali Ferge ist letzte Nacht aus Jenseits gekommen. Mit ihr müssen Sie sprechen. Sie verbringt viel Zeit im Wilden Hirschen. Aber Ihnen wird der Hirsch nicht gefallen, mein Herr«, fügte sie hinzu. »Er ist nicht halb so gut wie der Fisch hier. Suchen Sie ein Zimmer für die Nacht?«

»Ich hoffe, heute in Jenseits zu übernachten«, erwiderte Kit entschuldigend. Er wollte nicht arrogant erscheinen. Das unsichtbare Netz der Verbindungen, die er für seine Arbeit brauchte, begann hier: mit dem ersten Eindruck, den er hinterließ, und all den anderen ersten Eindrücken in den nächsten Tagen.

»Das glauben Sie«, sagte die Frau. »Ich vermute, es wird ein oder zwei Tage – oder mehr – dauern, bevor Rasali zurückfährt. Vielleicht fährt Valo Ferge, aber er überquert den Nebel nicht so oft.«

»Ich könnte für alle Plätze auf der Fähre bezahlen, wenn das der Grund ist, warum sie wartet.«

»Das ist es nicht«, entgegnete sie. »Sie wird den Nebel nicht überqueren, bis sie so weit ist. Bis sie spürt, dass der richtige Moment gekommen ist, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber Sie können sie natürlich fragen.«

Kit verstand es nicht, aber er nickte trotzdem. »Wo ist der Wilde Hirsch?«

Sie wies ihm die Richtung. »Links, dann rechts, dann unten an der kleinen Werft.«

Kit bedankte sich und fragte: »Darf ich meine Truhen hierlassen, während ich die Dinge mit ihr regele?«

»Reisende stellen ihre Truhen immer bei uns unter.« Die Frau schmunzelte. »Und wir bieten ihnen auch unsere Dienste an, wenn sie herausfinden, dass es für sie heute keinen Weg über den Nebel gibt.«

 

Der Wilde Hirsch war kleiner als der Fisch, und dort war mehr los. Es war Mittag, und die von Eichen überschatteten Bänke im Biergarten neben dem Gasthaus waren voller Menschen mit heller Haut und bunter Kleidung. Sie tranken und unterhielten sich über den niedrigen Zaun hinüber lauthals mit den Leuten auf der Werft nebenan. Dort standen, halb im Dunst verborgen, ein junger Mann und zwei Frauen, die Planken bogen, um daraus den Rumpf eines kleinen, flachbauchigen Bootes zu formen. Kit sprach einen Mann an, der zwei Krüge trug, die mit etwas gefüllt waren, das wie Schlamm aussah und nach Hefe roch. Der Mann wies mit dem Kinn auf die Werft. »Die Ferges sind dort drüben. Rasali ist die in Rot«, sagte er im Fortgehen.

»Die in Rot« war groß und ihre Haut so blass wie die der anderen Menschen hier, mit einem schwarzen Zopf, der so lang war, dass sie ihn sich um den Hals geschlungen hatte, damit er ihr nicht im Weg war. Ihre Schultern spannten sich im Sonnenlicht, während sie und der Jüngling eine gebogene Planke in die Form des Bootsskelettes drückten und mit Zwingen befestigten. Die andere Frau, die ein wenig kleiner war und deren Haare, wie es hier weitverbreitet war, aschblond waren, trieb einen Bohrer durch die Planke und in einen Spant und hämmerte dann einen Zapfen in das Loch. Nach drei Zapfen richteten sich die Bootsbauer auf. Die Planke hielt. Sie sind kräftig, dachte Kit. Ob ich sie für die Brücke bekommen kann?

»Rasali!«, bellte eine Stimme Kit beinahe ins Ohr. »Dieser Herr hier sucht nach dir.« Kit drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um den Mann mit den Krügen wieder mit dem Kinn deuten zu sehen. Kit seufzte und ging zu dem hüfthohen Zaun hinüber. Die Bootsbauer hielten inne, um aus blauen Tonschalen zu trinken. Dann kamen die Frau in Rot und der junge Mann herüber.

»Ich bin Rasali Ferge aus Jenseits«, sagte die Frau. Ihre Stimme war weicher und höher, als er es bei einer so starken Frau erwartet hätte, mit den flüssigen Vokalen der örtlichen Mundart. Sie nickte zu dem Jungen neben ihr: »Valo Ferge aus Jenseits, der älteste Sohn meines Bruders.« Valo war eher ein junger Mann als ein Junge, mit hellerem Haar als Rasali und ein wenig größer. Sie hatten die gleichen buschigen Brauen und die gleichen bernsteinfarbenen Augen, mit denen sie ihn offen und ehrlich ansahen.

»Kit Meinem aus Atyar«, stellte Kit sich vor.

Valo fragte: »Was ist das für ein Name, Meinem? Er hat keine Bedeutung.«

»In der Hauptstadt benennen wir uns anders als Sie.«

»Ach, so wie Jenner Ellar.« Valo nickte. »Ich hab mir gedacht, dass Sie aus der Hauptstadt sind – Ihre Kleidung und Ihre Haut.«

»Was können wir für Sie tun, Kit Meinem aus Atyar?«, erkundigte sich Rasali.

»Ich muss noch heute nach Jenseits hinüber«, antwortete Kit.

Rasali schüttelte den Kopf. »Ich kann Sie nicht fahren. Ich bin gerade erst angekommen, und es ist zu früh. Vielleicht du, Valo?«

Der Jüngling legte den Kopf schief, und sein Gesichtsausdruck war plötzlich entrückt. »Nein, ich glaube, heute nicht.«

»Ich kann für sämtliche Plätze bezahlen, falls das hilft. Ich muss Jenner Ellar sprechen.«

Valo wirkte interessiert, sagte jedoch »Nein« zu Rasali, und sie fügte hinzu: »Was ist so wichtig, dass es nicht ein paar Tage warten kann?«

Besser jetzt als später, dachte Kit. »Ich bin hier, um Teniant Planer als leitender Ingenieur und Architekt des Brückenbaus über den Nebel abzulösen. Wir werden wieder mit der Arbeit beginnen, sobald ich alles überprüft habe. Und mit Jenner gesprochen habe.« Er beobachtete ihre Gesichter.

»Teniant ist bereits vor einem Jahr gestorben«, bemerkte Rasali. »Ich dachte allmählich schon, dass das Reich uns vergessen hat und dass eure Lieferungen hier liegen würden, bis das Eisen vor Rost zerfallen wäre.«

Valo runzelte die Stirn. »Jenner Ellar übernimmt den Posten nicht?«

»Der neue Vertrag des Amts für Straßenbau lautet auf meinen Namen«, erklärte Kit. »Aber ich hoffe, dass Jenner als meine rechte Hand bleiben wird. Sie verstehen sicher, warum ich ihn gerne so bald wie möglich sprechen möchte. Er wird ...«

Valo platzte heraus: »Sie werden Jenners Posten übernehmen, nachdem er so hart gearbeitet hat? Und was ist mit uns? Was ist mit unserer Arbeit?« Seine Wangen waren vor Wut gerötet. Wie können sie mit solcher Haut irgendetwas verbergen?, fragte sich Kit.

»Valo«, sagte Rasali in warnendem Tonfall. Noch tiefer errötend drehte der Jüngling sich um und ging davon. Rasali schnaubte, meinte jedoch nur: »Jungs. Er mag Jenner, und er hat sowieso Schwierigkeiten mit der Brücke.«

Darüber mussten sie sprechen. Später. »Wie kann ich Sie dazu bewegen, mich über den Nebel zu fahren, Rasali Ferge aus Jenseits? Das Projekt wird jeden vernünftigen Preis bezahlen.«

»Ich kann nicht«, entgegnete sie. »Nicht heute, nicht morgen. Sie werden warten müssen.«

»Warum?«, fragte Kit. Es erschien ihm eine angemessene Frage, aber sie sah ihn an, als könnte sie sich nicht entscheiden, ob sie wütend werden sollte oder nicht.

»Haben Sie den Nebel schon einmal überquert?«, fragte sie schließlich.

»Natürlich«, sagte er.

»Aber nicht den Fluss«, vermutete sie.

»Nicht den Fluss«, bestätigte er. »Er ist hier eine Viertelmeile breit, nicht wahr?«

»Richtig.« Sie lächelte plötzlich und entblößte weiße, ebenmäßige Zähne. Wärme wie Sonnenlicht in ihren Augen. »Lassen Sie uns hinuntergehen, und vielleicht kann ich es Ihnen dort besser erklären.« Mit einer einzigen kraftvollen Bewegung schwang sie sich über den Zaun und landete neben ihm, begleitet von einem Chor von anfeuernden Zurufen der Gartengäste. Bei einem von ihnen schlug sie ein, dann bedeutete sie Kit, ihm zu folgen. Offensichtlich war sie hier beliebt. Ihre Meinung würde zählen.

Die Werft lag tief im Schatten schwerer Eichen und Kastanien und wurde nach Osten von einem offenen Schuppen begrenzt, der voller Fässer und Bauholzstapel war. Rasali deutete auf die zweite Frau, die noch immer ihr Werkzeug wegräumte. »Tilisk Helling aus Diesseits. Die Frau meines Bruders«, sagte sie zu Kit. »Sie baut mit uns Ruderboote, aber sie will nicht übersetzen. Sie ist nicht dazu geboren, so wie Valo und ich es sind.«

»Wo ist Ihr Bruder?«, fragte Kit.

»Tot«, antwortete Rasali, und ihre Schritte wurden länger.

Sie gingen ein paar Straßen weiter und stiegen eine lange, gleichmäßige Anhöhe hinauf, die vielleicht achtzig Fuß hoch war und zu ebenmäßig, um natürlichen Ursprungs zu sein. Ein Deich, dachte Kit und lenkte sich von dem steilen Pfad ab, indem er abschätzte, wie viel Erde und Arbeitskraft nötig gewesen waren, um ihn zu bauen. Jahrzehnte vielleicht, aber vor wie langer Zeit? Wie viele Meilen war er lang? Welches Amt hatte sich darum gekümmert, oder waren es die Einwohner selbst gewesen? Der Deichwall war baumlos. Das einzige hervorstechende Merkmal war ein schlanker, mit Flaggen behangener Holzturm auf der Deichkuppe, wahrscheinlich um Signale über den Nebel nach Jenseits zu senden, denn für alle anderen Zwecke erschien er zu zerbrechlich. Kit wusste, dass es hier draußen Stürme gab, so wie in der vergangenen Nacht. Wie oft wurde der Turm vom Blitz getroffen?

Rasali blieb stehen. »Hier sind wir.«

Kit hatte nur nach unten geblickt und auf seine Füße geachtet. Nun sah er auf und unterdrückte einen Schrei, als ihm das Licht in die plötzlich tränenden Augen stach. Er stolperte einen Schritt zurück und schirmte sein Gesicht ab. Das riesige Nebelband vor ihm reflektierte die Morgensonne und hatte ihn geblendet.

Kit hatte den eigentlichen Nebelfluss noch nie gesehen, obwohl er schon Brücken über den Nebel gebaut hatte, zwei einfache Holzgebilde über schmalen Schluchten nahe der Hauptstadt. Aufgrund seiner Arbeit in Atyar wusste er, was es zu wissen gab. Das war kein Wasser oder irgendetwas Vergleichbares. Der Nebel bildete sich irgendwie in der tiefen Schlucht des großen Flussbettes vor ihm. Er bahnte sich mehrere hundert Meilen weit seinen Weg nach Norden, stromaufwärts durch hundert sich verjüngende Nebelbäche und -ströme, bis er endlich in Fetzen von trocknendem Schaum auslief, die, wo sie sich sammelten, kahle Flecken auf der Erde hinterließen.

Der Nebel erstreckte sich auch südwärts, ein tiefer und breiter werdendes Band, das sich schließlich tausend Meilen entfernt aus der Flussmündung ergoss und den Nebelozean bildete, der auf der Oberfläche des Salzwasserozeans lag. Es musste Wasser geben, das dem Flussbett folgte und entweder unter oder durch den Nebel floss, aber niemand konnte das beweisen. Nirgendwo sonst gab es solchen Nebel, außer in diesem Fluss und seinen Ablegern und Seen, aber trotzdem teilte er das Kaiserreich in zwei Hälften.

Nach einer Weile klang der Schmerz in Kits Augen ab, und er öffnete sie wieder. Der Fluss war dort, wo sie standen, etwa eine Viertelmeile breit, eine große Lichtschneise zwischen den Dämmen. Er schien über keinerlei besondere Merkmale zu verfügen, sondern gleißte in der Sonne wie ein Strom aus Sahne oder gebleichter Seide. Während sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnten, erkannte er jedoch, dass die Oberfläche nicht glatt war, sondern hügelig und löchrig, und dass sie sich vor seinen Augen langsam und kaum merklich bewegte.

Rasali trat einen Schritt auf ihn zu, und Kit zuckte zusammen. »Verzeihung«, sagte er mit einem nervösen Lachen. »Wie lange habe ich ihn angestarrt? Es ist nur ... ich hatte ja keine Ahnung.«

»Das hat niemand«, sagte Rasali. Ihr Blick war belustigt, als er ihn erwiderte.

Die östlichen und westlichen Wälle waren beinahe identisch, beide baumlos und mit Büschen bedeckt, und auf jedem erhob sich ein Signalturm. Der Deichwall auf ihrer Seite führte zu einem kahlen Uferstreifen, der etwa ein halbes Dutzend Schritte breit war. Es gab einen hölzernen Steg und eine Bootsrampe, und einen unebenen Weg, der in Haarnadelkurven hinunterführte. Zwei große Boote waren dort auf das Ufer gezogen worden. Hundert Schritte flussabwärts war ein weiterer, kleinerer Kai sichtbar, der von einem Gewirr aus Booten, Schuppen und von Planen bedeckten Haufen umgeben war.

»Lassen Sie uns hinuntergehen.« Rasali schlenderte voraus, und ihre Worte wehten über ihre Schulter zu ihm hin. »Die kleine Fähre gehört Valo. Perlensucher. Mir gehört die Ruhige Überfahrt.« Ihre Stimme wurde warm, als sie den Namen aussprach. »Achtzehn Fuß lang, acht Fuß breit. Hauptsächlich Kiefer, aber ihr Kiel ist aus Amarant und das Kopfstück aus Birnenholz. Man kann es von hier aus nicht sehen, aber der Rumpf ist mit blau gefärbter Fischhaut bezogen. Ich kann drei Pferde oder anderthalb Tonnen Fracht oder fünfzehn Passagiere transportieren. Oder das eine mit dem anderen. Einmal habe ich vierundzwanzig Jagdhunde und zwei Führer gefahren. Das mache ich bestimmt nie wieder.«

Aus dem Norden wehte eine beständige leichte Brise, von den Deichen kanalisiert. Die Luft roch ein wenig, nicht unangenehm, aber etwas sauer, wild. »Wie schaffen Sie es, so ein großes Boot alleine zu lenken? Sind Sie so stark?«

»Sie ist gerade so groß, dass ich mit ihr klarkomme«, sagte sie. »Aber bei besonders sperrigen Lasten hilft mir Valo manchmal. Man rudert nicht wirklich durch den Nebel. Ich lenke die Überfahrt eher dorthin, wohin ich steuern möchte. Außerdem, je größer das Boot, umso wahrscheinlicher ist es, dass ein Großer es bemerkt. Andererseits kentert ein kleineres Boot leichter, wenn man auf einen Fisch trifft. Da wären wir.«

Sie standen am Ufer. Die Nebelströme, über die er Brücken gebaut hatte, hatten ihn auf so etwas nicht vorbereitet. Das waren hübsche kleine Flüsse gewesen, eher wie gewöhnlicher Nebel, der sich in einer Senke sammelt, als das, wovor er jetzt stand. Von hier aus sah der Fluss nicht mehr wie ein geschmeidiger Strom weißer Sahne aus oder wie sanft aufgetürmte Wolken. Der Nebel drängte sich zu Hügeln und Tälern aneinander, zu engen, vielleicht zwanzig Fuß hohen Gefällen, die einander kreuzten und miteinander verschmolzen. Er hatte eine Oberfläche, das schon, aber sie war unregelmäßig, an manchen Stellen rissig und an anderen durchsichtig. Der Übergang war nicht so klar definiert wie der zwischen Wasser und Luft.

»Wie kann man sich darauf nur fortbewegen?«, fragte Kit fasziniert. »Oder auch nur darauf treiben lassen?« Der Hügel direkt vor ihnen sank vor seinen Augen in sich zusammen. Dahinter breitete sich einige Dutzend Schritte weit so etwas wie ein Tal aus, bevor es sich drehte und er es aus den Augen verlor.

»Nun, ich kann nicht. Nicht heute«, sagte Rasali. Sie setzte sich auf das Dollbord ihres Bootes, ließ ein Bein baumeln und beobachtete ihn. »Ich kann die Überfahrt nicht diese Steigungen hochzwingen oder einen sicheren Weg finden, wenn ich es nicht spüren kann. Wenn ich heute fahre, dann weiß ich – weiß ich« – sie klopfte auf ihren Bauch – »dass ich auf einem Gipfel stranden oder mich in einem Loch verirren würde. Darum kann ich Sie heute nicht hinüberbringen, Kit Meinem aus Atyar.«

 

Als Kind war Kit im Umgang mit Menschen nicht besonders gut gewesen. Er war klein und leicht zu ärgern oder zu ignorieren, und dann war er auch noch den größten Teil seines siebten Lebensjahres krank gewesen und hatte die Krippe vor der üblichen Zeit verlassen müssen, um sich im Haus seiner Mutter zu erholen. Keines der Kinder aus der Krippe war ihn besuchen gekommen, aber das hatte ihn nicht gestört. Er hatte Bücher und Puzzles und ganze Blöcke voller weißer Bögen, die ihm seine Mutter zu verschandeln erlaubte.

Die Uhr in dem Zimmer, in dem er schlief, funktionierte nicht, also benutzte er eines Tages sein Federmesser, um sie zu zerlegen. Er ordnete die Räder und Zahnkränze in sauberen Reihen auf seiner Bettdecke an, erst nach Typ und dann nach Größe, nach Material, nach Gewicht, nach Form. Es machte ihm Freude, die winzigen Teile in der Hand zu halten und darüber nachzudenken, wie sie hergestellt worden waren und wie sie zusammenarbeiteten. Die Muster, die sie bildeten, waren interessant, aber er wusste, dass das beste Muster dasjenige war, in dem sie funktionierten, wenn sie alle wieder an ihrem rechten Platz waren und die Uhr wieder ihre Aufgabe erfüllte. Es kam ihm in den Sinn, dass auch die Uhr dann glücklicher wäre.

Er versuchte, die Uhr wieder zusammenzusetzen, bevor seine Mutter am Ende des Tages aus ihrem Kontor heraufkam. Aber als er alles wieder zusammengebaut hatte, war ein Stapel nicht verwendeter Rädchen übrig geblieben, und die Uhr lief noch immer nicht. Also schloss er die Uhr und hoffte, sie würde nicht bemerken, dass sie nicht tickte. Vier weitere Tage lang probierte er tagsüber Dinge aus und versteckte seine Misserfolge nachts, und am fünften Tag ging die Uhr wieder. Ein Teil hatte nirgendwohin gepasst, ein kleines Zahnrad aus Messing. Kit bewahrte dieses Zahnrad noch immer in seinem Federkasten auf.

 

Spät an jenem Nachmittag kehrte Kit an das Flussufer zurück. Inzwischen war es  heißer geworden, und der Schlamm war zu rissigem Staub getrocknet. Die Luft roch nach alten Lumpen, die zu lange in einem Eimer gelegen hatten. Am Fährkai sah er niemanden, aber am Fischerkai flussaufwärts versammelten sich Menschen, zwei Dutzend oder mehr Männer und Frauen mit herumlaufenden Kindern.

Das Durcheinander wirkte noch unübersichtlicher, als er sich näherte. Die Fischerboote waren breite Paddelboote aus Leder, das auf Rahmen gespannt war, und so, wie sie alle kieloben in der Sonne lagen, sahen sie wie riesige Warzen aus. Der Nebelstand war gesunken, und er konnte unterhalb des Ufers einen Streifen nackten Steins sehen und die Pfosten des Kais deutlich erkennen. Sie waren nicht senkrecht, sondern in einem Winkel angesetzt und bildeten ein frei tragendes Dock, das im Stein des darunter liegenden Ufers verankert war. Die Holzpfähle waren mit Metall ummantelt.

Er näherte sich einer silberhaarigen Frau, die etwas mit einem dreizinkingen Haken anstellte, der so lang war wie ihre Hand. »Was fangen Sie damit?«, fragte er sie.

Ihre Stirn lag in tiefen Falten, als sie aufsah, aber sie lächelte, als sie ihn erblickte. »Ach, Sie sind ein Fremder. Aus Atyar, so wie Sie angezogen sind. Habe ich recht? Wir fangen Fische« – sie streckte ihre Arme aus, so weit sie konnte – »manche von ihnen sogar noch größer. Sieht nach weiteren Stürmen aus, also werden sie heute Abend beißen. Ich bin Meg Dreihaken. Aus Diesseits, natürlich.«

»Kit Meinem aus Atyar. Ich nehme an, Sie können den Grund nicht finden?« Er deutete auf die Pfähle.

Meg Dreihaken folgte seinem Blick. »Er ist dort irgendwo, aber hier ist es sehr tief, und wir können keine Pfosten versenken, weil der Nebel das Holz zersetzt. Und weil Fische es fressen. Genauso wie Seile, Boote, uns – eigentlich alles, außer Metall und Steinen.« Sie knotete eine Schnur an die Öse des Hakens. Die Leine war dunkel und sah nicht schwer genug für irgendetwas aus, das man an einem Haken von solcher Größe fangen konnte.

»Woraus sind die dann gemacht?« Er hockte sich hin, um sich den Rahmen eines der Boote anzusehen.

»Vorsicht, das ist meins«, sagte Meg. »Die Häute sind aus Fischhaut. Und auch alle Seile. Nebelfische, nicht Wasserfische. Das Gerben entfernt einen Teil des Schleims, also halten sie nicht für immer, nicht, wenn sie schwimmen.« Sie zog eine Grimasse. »Wir haben ein Sprichwort: so garstig wie Fischschleim. Der ist ziemlich eklig, Sie werden sehen.«

»Ich muss nach Jenseits gelangen«, sagte Kit. »Könnte ich Sie bezahlen, um mich hinüberzubringen?«

»In meinem Boot?« Sie schnaubte. »Nein, Fischer bleiben immer dicht am Ufer. Gehen Sie zu Rasali Ferge. Oder Valo.«

»Mit ihr habe ich schon gesprochen«, sagte er kleinlaut.

»Das dachte ich mir. Sie müssen der neue Architekt sein – Stadtmenschen sind immer so ungeduldig. Haben Sie es so eilig, zum Abendessen für einen Großen zu werden? Wenn Rasali nicht fahren will, dann fahren Sie nicht, das leuchtet doch ein.«

Als Kit in den Fisch zurückkehrte, war er frustriert und fußlahm. Seine Truhen waren bereits oben, in einem heiteren kleinen Zimmer, das von einem Tisch beinahe ausgefüllt wurde und über ein erstickend heißes Alkoven-Bett verfügte. Brana Schank, die Besitzerin des Fisches (dessen richtiger Name Des Großen Fisches Freude zu sein schien), lachte, als er ihr alles erzählte. »Rasali ist so schwer zu bewegen wie Felsgestein«, sagte sie. »Und ehrlich, es würde Ihnen im Hirschen nicht gefallen.«

 

Am nächsten Morgen, als Kit herunterkam, um Fladenbrot und gepfefferten Wasserfisch zu frühstücken, schienen bereits alle alles über ihn zu wissen, vor allem über seine Aufgabe. Er hatte sich gefragt, ob es Widerstand gegen das Projekt geben würde, aber wenn es welchen gegeben hatte, dann war er jetzt vorüber. Es gab ein paar Beschwerden, hauptsächlich über verspätete Zahlungen – ein allgemeines Problem bei öffentlichen Aufträgen –, aber keine einzige über die Arbeit oder die Organisation. Den meisten im Schankraum schien die Brücke nichts auszumachen, und wohin auch immer er sich im Ort wandte, war die Stimmung optimistisch. Anderswo hatte er mehr Widerstand gegen kleinere Brücken erlebt.

»Nun, warum sollten wir uns Sorgen machen?«, fragte Brana Schank Kit. »Sie bringen Arbeiter von außerhalb her, nicht wahr? Also werden wir ihnen Zimmer und Essen und Kleidung und Bier verkaufen. Und Sie werden einige von uns einstellen, und wir werden alle gut verdienen, während Sie Ihre Brücke bauen. Ich habe vor, knietief in Gold zu waten, wenn alles vorbei ist.«

»Und danach«, sagte Kit, »wenn die Brücke fertig ist – denken Sie doch, die erste echte Verbindung zwischen der Ost- und Westseite des Kaiserreichs! Der einzige Ort auf dreitausend Meilen, wo Menschen Handel treiben und den Nebel einfach und sicher überqueren können, wann immer sie wollen. In zehn Jahren werden Sie das Herz des Kaiserreichs sein. In fünf.« Er lachte, ein wenig peinlich berührt von der Leidenschaft, die in seiner Stimme mitschwang.

»Ja nun«, stimmte Brana Schank zu, im ungezwungenen Tonfall einer Frau, die sich ihren Lebensunterhalt damit verdient, Kunden nicht gegen sich aufzubringen, »das Geschirr fertigen wir, wenn das Fohlen geboren ist.«

Während der nächsten sechs Tage erforschte Kit das Dorf und das umliegende Land. Er lernte die Maurer kennen, die Teniant vor ihrem Tod ausgewählt hatte, um den Bau der Pfähle und Verankerung in Diesseits zu beaufsichtigen. Die Klinker-Geschwister, Bruder und Schwester, waren stille, aber tüchtige Leute, und Kit beschäftigte sie gerne weiter.

Kit sprach auch mit den Seilern aus Diesseits und prüfte ihre Seile und Trosse aus Fischhaut. Sie waren sogar noch stärker, als er gehofft hatte, und wunderbar widerstandsfähig gegen Fäulnis, plötzliches Versagen und Verschleiß. Die Seiler erklärten ihm, dass sich die Taue während der ersten zwei Jahre ausdehnten, sodass man sie nicht benutzen konnte, um die riesigen Ketten zu ersetzen, die die Last der Brücke tragen würden. Aber sie konnten die Tausende von vertikalen Halteketten ersetzen, die das Straßenbett tragen würden, und damit viel Gewicht einsparen.

Er verbrachte viel Zeit damit, den Nebel zu beobachten. Er veränderte sich auf unvorhersehbare Weise: ein geschmeidiger, gekräuselter Strom wurde Stunden später zu einem Ödland aus Schaumflocken, danach zu einem Feld aus hohen Dünen, die sich vor seinen Augen vereinten und veränderten. Im Allgemeinen sank der Nebel jeden Tag, wenn die Sonne schien, und stieg in der Dunkelheit an, aber auch diese Gezeiten waren nicht gleichförmig.

Die Winde waren leichter vorherzusagen. Zwischen den Deichen eingezwängt wehten sie morgens nach Süden und abends nach Norden, bliesen gegen Mittag und in der Dämmerung stärker und flauten nachmittags und nachts ganz ab. Sie schienen den Nebel nicht wirklich zu beeinflussen, außer dass sie Fetzen davon abrissen, die als getrockneter Schaum auf den Ufern landeten.

Durch den Wind würde mehr Kraft auf die Brücke einwirken, als Teniant Planer vorgesehen hatte. Kit würde ihre Arbeit niemals öffentlich kritisieren, und er erkannte ihre phantastischen zwischenmenschlichen Fähigkeiten, die die Stadt zu einer fröhlichen Zusammenarbeit animiert hatten, gerne an, aber er war dankbar, dass die Brücke nicht so gebaut worden war, wie sie sie geplant hatte.

Er studierte den Nebel genauer, indem er mit einem Ruder ein Stück von der Flussoberfläche hob. Der Nebel war fester, als er aussah, und im hellen Licht glaubte Kit, winzige Umrisse darin erkennen zu können, vielleicht Tiere oder Pflanzen oder etwas ganz anderes. In Atyar gab es Mikroskope und Menschen, die sich mit derlei Dingen beschäftigten, aber er hatte sich nie die Mühe gemacht, mehr darüber zu erfahren. Er interessierte sich nur für das Bauwerk, das den Nebel überspannen würde. Überhaupt interessierten ihn Lebewesen weniger als Bauwerke.

Nachts arbeitete Kit an dem Tisch in seinem Zimmer. Teniants Pläne mussten revidiert werden. Er öffnete die Folianten und Kisten, die sie hinterlassen hatte, und las alles, was er darin fand. Er verfasste Briefe, Listen und Zeitpläne, schrieb Duplikate von allem, schickte in die Hauptstadt nach jemandem, der in Zukunft all die Abschriften anfertigen würde. Seine neuen Pläne für die Brücke nahmen allmählich Gestalt an. Er begann, die unsichtbare Architektur zu erkennen, die die Leitung des großen Projektes ausmachte. Rasali Ferge sah er nur selten, außer um sie jeden Morgen zu fragen, ob sie an diesem Tag fahren konnten. Die Antwort lautete immer nein.

 

Eines Nachmittags, als die Wolken sich zu Gebirgen voller Regen auftürmten, ging er zu dem Bauplatz eine halbe Meile nördlich von Diesseits. Zwei Jahre lang waren, mit Unterbrechungen, Karren südwärts der Minenstraße von Hoic und der Westlichen Flussstraße gefolgt und hatten Kalksteinblöcke und Eisenstangen gebracht, die nun in verstreuten Haufen herumlagen. Ein riesiger Kran ruhte, in seine Einzelteile zerlegt, neben einer Verwalterhütte aus Lehm und Flechtwerk. Es gab Tausende großer rechteckiger Blöcke.

Kit untersuchte einige von ihnen. Kalkstein war oft zu instabil für große Bauwerke, aber dieser Stein war solide, ohne erkennbare Risse oder Defekte. Natürlich waren es nicht genug, aber gewiss waren mehr abgebaut worden. Er hatte bereits die Wiederaufnahme der Lieferungen befohlen, die ersten Ladungen würden bald eintreffen.

Die Eisenträger waren Jahre zu früh geliefert worden. Jetzt lagen sie ordentlich gestapelt, zum Schutz vor Feuchtigkeit schwarz angestrichen, unter geölten Planen auf Holzplanken. Schafe weideten in dem hüfthohen Gras, das überall wuchs. Als eines ihn ohne Neugier ansah, ertappte Kit sich dabei, wie er sich verbeugte. »Entschuldige die Störung«, sagte er und lachte. Er war zu alt, um mit Schafen zu reden.

Die Schürfgrube war noch offen, und nicht weit entfernt lag eine Leiter auf der Erde. Unkraut klammerte sich daran, als er sie bewegte – offenbar ließ es die Leiter nur ungern los. Kit stieg hinab. Auf der Weide war es nicht laut gewesen, aber er war überrascht, als er unter die Erdoberfläche kam und die Insekten und flüsternden Gräser mit einem Schlag verstummten. Das Erdreich um ihn herum bestand aus hellgrauen und gelblichen Schichten. Auf halbem Weg nach unten schnitt er mit seinem Federmesser ein Stück heraus – viel Ton, genau wie man ihm gesagt hatte. Eine gute Grundlage. In etwa zwanzig Fuß Tiefe sah der Grund des Loches den Wänden ähnlich, aber als er anfing, zwischen seinen Füßen mit dem Messer zu graben, stieß er beinahe sofort auf Felsen. Es sah nach Schiefer aus. Kit fragte sich, wie tief der Grundwasserspiegel lag. War es für die Diesseiter schwer, Brunnen zu bohren? Gab es in den Brunnen Nebelrückströme? An der Universität in Atyar studierten Menschen, die versuchten, den Nebel zu begreifen, aber es gab noch so viel, das nicht erforscht oder gemessen werden konnte.

Er sammelte einen Stein auf, um ihn in besserem Licht zu untersuchen, und kletterte gerade rechtzeitig aus dem Loch, um eine Frau mit einem Maultiergespann auf sich zukommen zu sehen. Der Wagen stöhnte unter dem Gewicht der ersten neuen Blöcke. Eine Handvoll Männer und Frauen aus Diesseits folgte ihr, rollten mit den Schultern und ließen die Gelenke knacken. Sie riefen ihm Grüße zu, und er ging zu ihnen hinüber.

Als er Stunden später am Fisch ankam, vom Abladen des Wagens erschöpft und durchnässt vom Gewitter, das sich währenddessen entladen hatte, fand er eine Nachricht von Rasali vor. Dämmerung war alles, was da stand.

 

Bis er sich auf den Weg zu der Ruhigen Überfahrt machte, fühlte Kit sich steif und gereizt. Er hatte einen Träger aus dem Fisch angeheuert, um eine seiner Truhen zum Kai zu bringen, aber die anderen blieben in seinem Zimmer zurück, das er wahrscheinlich behalten würde, bis die Brücke fertig war. Den Folianten mit seinen Plänen und Unterlagen trug er selbst. Er hatte zwar Duplikate von allem in Diesseits gelassen, aber nach so viel Arbeit war es schwer, etwas davon anderen anzuvertrauen.

Der Sturm war vorbei. Die Wolken trieben fort, sodass der Himmel in allen Schattierungen zwischen lavendelfarben und einem tiefen Purpurblau changierte. Der größere Mond war eine Sichel im Westen, der kleinere ein Halbmond direkt über ihm. Im verblassenden Licht war der Nebel ein dunkler, rauchiger Streifen. Die Luft roch frisch. Kits Laune besserte sich, und er trabte den letzten Hang hinunter.

Die anderen Passagiere waren schon da: ein wohlhabend aussehender Mann mit einem Wurf Ferkel in einem Weidenkäfig (Weiße Tengoner, vertraute der Mann Kit an, die beste Rasse im ganzen Kaiserreich); eine Frau in der dunklen Kleidung, wie man sie in der Hauptstadt trug, mit messingbeschlagenen Dokumententaschen und einem Folianten wie Kits; zwei Händler mit vielen Kisten voller Pigmentpulver; eine Kurierin mit abgeschlossenen Ledertaschen und zwei Wächtern. Uni und Tom Klinker begrüßten Kit, nervös wegen ihrer ersten Überfahrt.

In der zunehmenden Dunkelheit bildete der Nebel eng zusammengestauchte Hügel und Täler. Seeschwalben schossen, auf dem Wind reitend, der das Tal hinaufblies, dicht über der Oberfläche hin und her. Kit vermutete, dass sie Insekten jagten. Einmal tauchte plötzlich eine schwarze Gestalt von unten auf, zu schnell, um sie genau zu erkennen, und dann waren sie und einer der Vögel auch schon wieder verschwunden.

Die Stimmen der Fischer wehten von dem anderen Kai zu ihnen herüber. Sie brachten ihre Boote zu Wasser, und er sah zu, wie erst eines, dann noch eines und schließlich eine ganze Flotte der kleinen Korakel eine Anhöhe im Nebel hinaufglitten. Sie hatten keine Lichter.

»Sind alle bereit?« Kit hatte Rasali nicht kommen hören. Sie schwang sich in die Fähre. »Reichen Sie mir Ihre Sachen.«

Das Verladen und Einsteigen ging schnell vonstatten, auch wenn die Ferkel sich beschwerten. Kit strengte seine Augen an, aber er konnte die Boote nicht mehr sehen. Als er bemerkte, dass Rasali auf ihn wartete, entschuldigte er sich. »Sieht so aus, als würden die Fische heute beißen.«

Rasali blickte kurz auf den Fluss, während sie seine Truhe verlud. »Kleine. Nur ein paar Fuß lang. Die Fischer haben größere lieber, fünf, sechs Fuß lang, wenn auch nicht zu groß. Aber das sind keine Fische, jedenfalls nicht, wie Sie sie kennen. Geben Sie mir das.«

Er zögerte einen Moment, dann reichte er ihr den Folianten und stieg in die Fähre. Unter seinem Gewicht schwankte Die ruhige Überfahrt ein wenig, aber bedächtig – eher wie ein Kaltblüter denn wie ein Rennpferd. Sein Magen machte sich bemerkbar. »Oh!«, sagte er.

»Was ist?«, fragte einer der Händler beunruhigt. Rasali entknotete das Seil, das sie hielt, und zog es in das Boot.

Kit schluckte. »Die Bewegung des Bootes. Das hatte ich vergessen. Sie ist überhaupt nicht wie auf dem Wasser.«

Seine Angst erwähnte er nicht, aber das war auch nicht nötig. Die anderen murmelten zustimmend. Die Kurierin mit dem scharfkantigen Falkengesicht knurrte: »Jedes Mal, wenn ich hinüberfahre, überrascht es mich. Das ist mir zuwider.«

Rasali schob ein Ruder hinaus und ließ das große dreieckige Blatt in den Nebel gleiten, der sich widerstrebend teilte. »Ich bin mehr auf dem Nebel gewesen als auf dem Wasser, aber ich erinnere mich, wie sich Wasser anfühlt. Schnell und zittrig. Das hier ist besser.«

»Nur für dich, Rasali Ferge«, entgegnete Uni Klinker.

»Wasser ist sicherer«, sagte der Mann mit den Ferkeln.

Rasali lehnte sich auf das Ruder, und das Boot glitt vom Kai fort. »Alles ist sicher, bis es dich umbringt.«

Der Nebel schluckte beinahe sofort die leisen Geräusche des Ufers. Eines von Kits ersten Projekten war eine steinerne Bogenbrücke über Wasser gewesen, hoch im Norden in der Provinz Eskje. Er war hingefahren, bevor die Bauarbeiten begannen, und hatte wegen eines Schneesturms fünf Tage länger als erwartet bleiben müssen. Der Sturm hatte fast zwei Fuß hoch Schnee zurückgelassen. Dies erinnerte ihn an jene schneereichen, mondlosen Nächte, die Luft so dick und geräuschlos wie ein Kissen auf den Ohren.

Rasali steuerte mehr, als dass sie ruderte. Es war schwer, in irgendeine Richtung etwas zu erkennen außer nach oben, aber vielleicht stimmte es, dass der Nebel mit ihr sprach, denn sie schien zu wissen, wo sie das Boot am besten hinsteuerte, damit der Nebel es vorwärtstrug. Sie folgte einem kleinen Tal, bis es abzuflachen und sich dann aufzutürmen begann. Die Überfahrt kippte ein wenig, während sie ein paar Fuß nach Backbord glitt. Die Kurierin stieß einen Laut aus und unterdrückte ihn sofort.

Nebel war das falsche Wort. Er war dichter, als er aussah. Manchmal schien sich das Boot weniger durch ihn hindurch als auf seiner Oberfläche zu bewegen. Heute Abend sah er aus wie der schmutzige Schaum, den starke Winde manchmal auf den Wellen des Churash-Sees nahe der westlichen Küste des Kaiserreichs aufpeitschten. Kit griff mit einer Hand über den Bootsrand. Der Nebel fühlte sich beinahe trocken an, er häufte sich in seiner Hand an und glitt seinen Unterarm empor. Er konnte das Gefühl nicht gleich einordnen, aber als er merkte, dass es kribbelte, zog er den Arm schnell zurück und rieb ihn an seinem Mantel ab. Die Haut brannte. Natürlich, schließlich war der Nebel ätzend.

Der Mann mit den Schweinen flüsterte: »Werden sie kommen, wenn wir reden oder Geräusche machen?«

»Sie kommen nicht, wenn man spricht oder ein Schwein quiekt«, antwortete Rasali. »Sie scheinen eher tiefe Geräusche zu mögen. Manchmal tauchen sie bei Donner auf.«

Die Händlerin fragte: »Was sind sie, wenn sie keine Fische sind? Wie sehen sie aus?« Ihre Stimme zitterte. Der Nebel schlug ihnen allen auf das Gemüt, Rasali ausgenommen.

»Wenn Sie das wissen wollen, müssen Sie selbst einen sehen«, sagte Rasali. »Oder versuchen Sie, einen Fischer dazu zu überreden, es Ihnen zu sagen. Sie entgräten und nehmen sie auf ihren Booten aus und werfen die Reste über Bord. Niemand sonst sieht etwas anderes außer in Papier eingewickeltes Fleisch oder aufgerollte schwarze Fischhaut für die Seiler und Gerber.«

»Sie haben sie gesehen«, sagte Kit.

»Sie sind breit und flach. Aber hässlich.«

»Und die Großen?«, fragte Kit.

Ihre Stimme wurde schroff. »Über die reden wir hier nicht.«

Eine ganze Weile sprach niemand. Nebel – Schaum – häufte sich vor dem Bug des Bootes an und teilte sich, zerstreute sich mit einem fast unhörbaren Zischen zur Seite hin. Einmal hob sich der Nebel auf der Backbordseite, und etwas Dunkles durchbrach für einen Moment die Oberfläche. Weitere dunkle Umrisse folgten, aber sie waren zu weit weg, um sie wirklich zu sehen. Einer der Händler weinte laut- und reglos.

Der Deich von Jenseits wurde endlich sichtbar, eine schwarze Masse, die stundenlang nicht näher zu kommen schien. Gegen seine Angst ankämpfend lehnte Kit sich über die Reling, wobei er darauf achtete, sein Gesicht von der Oberfläche fernzuhalten. »Er kann nicht wirklich bodenlos sein«, murmelte er vor sich hin. »Was ist darunter?«

»Sie würden sowieso nicht bis zum Grund gelangen«, sagte Rasali.

Die Ruhige Überfahrt glitt langsam einen langen Nebelhügel empor und in eine Senke. Rasali steuerte die Fähre eine Falte entlang, und plötzlich waren sie nur einen Steinwurf vom Kai von Jenseits und dem Licht seiner Fackeln entfernt.

Auf dem Dock bewegten sich Menschen. Eine sanfte Baritonstimme rief, gerade laut genug, um bis zum Boot zu reichen: »Rasali?«

Sie rief zurück: »Heute sind es zehn, Pen.«

Eine andere Stimme rief: »Braucht jemand Träger?« Mehrere Passagiere antworteten.

Während die Fähre noch ein paar Fuß vom Dock entfernt war, zog Rasali ihr Ruder ein und ließ sie mit dem letzten bisschen Schwung vorwärtsgleiten. Sie stieg auf den Bug und griff nach einem aufgewickelten Tau, das dort lag. Ein Ende warf sie über den sich schließenden Spalt. Jemand auf dem Kai fing es auf und zog das Boot heran, und innerhalb kürzester Zeit lag die Fähre am Kai vertäut.

Das Aussteigen und die Bezahlung gingen schneller vonstatten als das Einsteigen. Kit war der Letzte, der ausstieg, und nach kurzer Verhandlung heuerte er einen Träger an, um seine Truhe in ein Wirtshaus im Ort schaffen zu lassen. Er drehte sich um, um Rasali Lebewohl zu sagen. Sie und der Mann – Pen, erinnerte Kit sich – lösten die Taue des Bootes. »Sie fahren doch noch nicht zurück«, wunderte er sich.

»O nein.« Ihre Stimme klang gelöst, zufrieden, entspannt. Kit hatte nicht gewusst, unter was für einem großem Druck sie gestanden hatte. »Wir werden das Boot nur dorthin schleppen, wo die Zwillinge es raufziehen.« Sie wies mit einer Hand Richtung Bootsrampe. Ein Paar weißer Ochsen leuchtete in der Nacht, und neben ihnen stand eine Frau, die kaum dunkler war.

»Warten Sie«, sagte Kit zu Uni Klinker und reichte ihr seinen Folianten. »Bitte sagen Sie im Gasthof Bescheid, dass ich bald da sein werde.« Er drehte sich zu Rasali zurück. »Darf ich helfen?«

In der Dunkelheit spürte er ihr Lächeln mehr, als dass er es sah.

 

Der Rote Windhund, besser bekannt als die Hündin, war ein kleiner, aber lauter Gasthof, fünf Gehminuten vom Nebel entfernt, zehn (so sagte man ihm) vom Bauplatz. Sein Zimmer war größer als im Fisch, mit einem ungemütlichen Bett und einem Fenstersitz, der mit Bänden voll alter handgeschriebener Noten vollgestopft war. Jenner wohnte hier, das wusste Kit, aber als er den Besitzer fragte (Widson Zapfer, ein stämmiger Mann mit rotem Haar, das langsam silbern wurde), hatte der ihn nicht gesehen. »Sie sind wohl der Neue, der Architekt?«, fragte Widson.

»Ja«, entgegnete Kit. »Sagen Sie Jenner bitte, dass ich hier bin, wenn er wiederkommt.«

Widson legte die Stirn in Falten. »Ich weiß nicht, er ist in den letzten Tagen lange weggeblieben, seit ...« Er brach mit einem schuldbewussten Gesichtsausdruck ab.

»... seit die Signale ihm gesagt haben, dass ich hier bin«, sagte Kit. »Das kann ich verstehen.«

Der Wirt schien einen Moment lang über etwas nachzudenken, dann sagte er langsam: »Wir alle hier mögen Jenner.«

»Dann werden wir versuchen, ihn hierzubehalten«, antwortete Kit.

Nachdem der kleine Kit sich von seiner Krankheit erholt hatte, kehrte er nicht in die Krippe zurück – er hätte sie sowieso in einem Jahr verlassen –, sondern ging gleich zu seinem Vater. Davell Meinem war ein bedächtig sprechender, humorvoller Mann, der auf seinen vielen Baustellen trotzdem für seine spitze Zunge bekannt war. Er nahm Kit zu seinen Arbeitsplätzen mit – für den Jungen war es am besten, ein wenig Erfahrung in der Branche zu sammeln.

Kit liebte alles an den Projekten seines Vaters: die präzise gezeichneten Pläne, den ordentlichen Ablauf der Bauarbeiten, die Linien und Bögen von Ziegeln und Eisen und Stein, die unter dem endlosen Himmel emporwuchsen.

Die ersten ein, zwei Jahre ahmte Kit seinen Vater und die Arbeiter nach und baute Dinge aus winzigen Pfählen und Ziegeln, die ihm die Frau machte, die auf ihn aufpasste, eine Fliesenlegerin, die vor einigen Jahren eine Hand verloren hatte. Davell holte den Jungen am Ende jeden Tages ab. »Ich bin hier, um den Bau zu inspizieren«, sagte er, und Kit führte seine Brücke oder seinen Turm vor oder die Materialien, die er in ordentlichen Reihen und Stapeln ausgelegt hatte. Davell besprach Kits Arbeit mit großer Ernsthaftigkeit, bis es zu dunkel wurde, um irgendetwas zu sehen, und sie zu ihrem Gasthaus oder zu ihrem gemieteten Zimmer zurückkehrten, je nachdem, was in der Nähe der Bauplätze als Zuhause herhalten musste.

Davell verbrachte die Nächte in die endlosen Papierstapel seiner Projekte vertieft, und auch das fand Kit interessant. Die Struktur, die dazugehörte, etwas Großes zu bauen, bestand nicht nur aus Bauplänen oder der Arbeit selbst, sondern auch aus Zeitplänen und Dokumentation und Baustofflieferungen. Er begann, seine eigenen Pläne zu zeichnen, aber er erfand auch endlose Briefwechsel mit imaginären Lieferanten.

Nach einer Weile bemerkte Kit, dass ein großer Teil der Struktur, die eine Brücke oder einen Turm ausmachte, aus Menschen bestand.

 

Spät an jenem Abend klopfte es an Kits Tür, ein forsches Pochen. Kit legte die Schreibfeder, die er gerade anspitzte, beiseite und rollte die Schultern, um sie zu lockern. »Herein«, sagte er laut, während er aufstand.

Der Mann, der durch die Tür stürmte, war so dunkel wie Kit, wenn auch wohl ein paar Jahre jünger. Er trug schlammbespritzte Reitkleidung.

»Ich bin Kit Meinem aus Atyar«, sagte Kit.

»Jenner Ellar aus Atyar. Zeigen Sie ihn mir.« Schweigend reichte Kit Jenner den Vertrag. Der starrte ihn einen Moment lang wütend an, bevor er ihn auf den Tisch warf. »Sie haben lange gebraucht, um einen Ersatzmann zu finden.«

Wir können es auch gleich hinter uns bringen, dachte Kit. »Sie haben gehofft, dass die Wahl auf Sie fallen würde.«

Jenner musterte Kit einen Moment lang. »Ja. Ja, das habe ich.«

»Sie glauben, Sie sind der beste Mann für dieses Projekt, weil Sie das letzte – was war es, ein ganzes Jahr? – hier gewesen sind?«

»Ich kenne die Bauplätze«, sagte Jenner. »Ich habe mit Teniant gearbeitet, um diese Pläne zu erstellen. Und dann schickt das Kaiserreich  ...« Er drehte sich um und blickte in den leeren Kamin.

»... dann schickt das Kaiserreich jemand Neues«, sagte Kit zu Jenners Rücken. »Jemand mit Beziehungen in der Hauptstadt, einflussreichen Freunden, aber keiner Erfahrung mit dieser Baustelle, dieser Brücke. Sie hätten den Auftrag bekommen sollen, nicht wahr?«

Jenner schwieg.

»Aber Sie haben ihn nicht bekommen«, sagte Kit und ließ die Worte einen Moment lang im Raum stehen. »Ich habe in den letzten fünfzehn Jahren acht Brücken gebaut. Vier Hängebrücken, zwei sehr lange. Zwei über Nebel. Sie haben drei gebaut, und der größte Abstand, den Sie überwunden haben, betrug dreihundertfünfzig Fuß, sechs Steinbögen über flaches Wasser und rutschigen Kies am Mati-Fluss.«

»Ich weiß«, blaffte Jenner.

»Das ist eine gute Brücke.« Kit goss zwei Gläser Whiskey aus einem Steingutkrug auf dem Fenstersims ein. »Ich bin hinuntergefahren, um sie mir anzuschauen, bevor ich hierhergekommen bin. Sie ist gut gebaut, und Sie haben den Etat und beinahe auch den Zeitplan eingehalten, trotz der Dürre. Und was besser ist, die Einwohner dort mögen Sie noch immer. Sie haben mich gefragt, wie es Ihnen geht. Hier.«

Jenner nahm das Glas entgegen. Gut. Kit fuhr fort: »Die Meinems haben seit tausend Jahren für das Kaiserreich Brücken gebaut – und Straßen und Aquädukte und Stadien und hundert andere öffentliche Bauwerke.« Jenner wandte sich um, um zu sprechen, aber Kit hielt die Hand hoch. »Das bedeutet nicht, dass wir es besser können als die Ellars. Aber das Kaiserreich kennt uns – und wir kennen das Kaiserreich und wissen, wie man tut, was wir tun müssen. Wenn sie Ihnen die Brücke gegeben hätten, dann hätte man Sie innerhalb eines Jahres abgelöst. Aber ich kann diese Brücke bauen lassen, und das werde ich auch tun.« Kit setzte sich hin und beugte sich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt. »Zusammen mit Ihnen. Sie haben Talent. Sie kennen den Standort. Sie kennen die Menschen. Helfen Sie mir, diese Brücke zu bauen.«

Endlich sagte Jenner: »Sie ist real für Sie.« Kit wusste, was er meinte: Diese Arbeit ist dir wichtig. Sie ist nicht nur ein weiterer Haken auf einer Liste.

»Ja«, sagte Kit. »Sie werden bei dieser Brücke meine rechte Hand sein. Ich zeige Ihnen, wie man mit Atyar umgeht, und ich werde Ihnen mit Kontakten helfen. Und Ihr nächstes Projekt wird ganz Ihnen gehören. Dies ist die erste Brücke über den Nebel, aber sie wird nicht die einzige bleiben.«

Sie tranken zusammen. Der Whiskey brannte Kit in der Kehle, und seine Augen tränten. »Oh«, sagte er. »Ist der widerlich.«

Jenner lachte plötzlich und sah ihm zum ersten Mal in die Augen – noch immer ein wenig auf der Hut, aber bereit, sich überzeugen zu lassen. »Whiskey aus Jenseits ist furchtbar. Wenn Sie zu viel davon trinken, werden Sie in einem Monat nach Atyar zurückfliehen.«

»Vielleicht lassen wir uns etwas Besseres hier herüberbringen«, sagte Kit.

 

Auf dieser Seite waren die Vorbereitungen noch nicht so weit gediehen. Die Stapel von Steinblöcken am Bauplatz waren nicht ganz so hoch, und es war schwerer, Arbeiter aus der Gegend zu finden. Die endgültigen Pläne kristallisierten sich in Gesprächen zwischen Kit, Jenner und den Maurern von Diesseits und Jenseits, die den Bau beaufsichtigen würden, heraus. Sie würde einzigartig werden, das größte Bauwerk dieser Art, das je in Angriff genommen wurde: eine Hängebrücke, die eine Viertelmeile lang war. Der Plan blieb im Wesentlichen derselbe: Die Brücke würde von Ketten aus Zugstäben getragen werden, vier auf jeder Seite, die sich voneinander unabhängig bewegen konnten, um die Schwingungen durch den Verkehr auf der Straße auszugleichen. Die riesigen Zugstäbe und Bolzen wurden fünfhundert Meilen entfernt geschmiedet, weit im Norden, wo Eisen alltäglich war und die Hüttenwerke und Schmiedearbeiten die besten im Kaiserreich waren. Kit hatte gerade an die Gießerei geschrieben, dass die Arbeit wieder aufgenommen werden sollte.

Der Pfeiler und die Verankerung in Diesseits würden aus goldenem Kalkstein gebaut und mit Bolzen im Felsgestein verankert werden; in Jenseits würde es grau-violetter Granit sein mit einem trichterförmigen Fundament. Die Türme würden beinahe vierhundert Fuß hoch werden. In Atyar gab es höhere Türme, aber keiner von ihnen musste dem Zug einer Brücke standhalten.

Die ersten Versuche mit den Seilen aus Fischhaut hatten gezeigt, dass sie fast so stark wie Eisen waren und dabei nur ein Bruchteil wogen. Als Kit die Gerber und Seiler in Jenseits nach ihrer Langlebigkeit gefragt hatte, hatte man ihn eine Tagesreise Richtung Osten nach Feknai gebracht. Dort zeigte man ihm ein Wasserrad, das geknotete Riemen aus Fischhaut zum Antrieb gebrauchte. Die Riemen, so sagte man ihm, seien fünfundsiebzig Jahre alt und immer noch tadellos. Fischhaut alterte wie Ahornholz, solange man sie nicht im Nebel ließ, aber man musste sie regelmäßig pflegen.

Er beobachtete den kleinen Fluss in Feknai eine Weile lang. Im Vorgebirge hatte es vor Kurzem geregnet, und das Wasser war so schnell und unberechenbar wie Licht. Wasserbrücken sind leicht, dachte er ein wenig sehnsüchtig, und dann – Brücken über Wasser bauen, das kann jeder.

Kit überarbeitete die Pläne noch einmal, um das leichtere Material zu verwenden, wo immer sie konnten. Jenner setzte nach Diesseits über, um mit Daell und Stivvan Reepschläger an der Erweiterung ihrer Werkstatt und ihrer Reeperbahn zu arbeiten.

Ohne Jenner (der, wie man Kit immer wieder sagte, beinahe schon einer von ihnen war) spürte Kit die Unterschiede in der Einstellung der Menschen auf den zwei Ufern deutlicher. Die meisten Jenseiter waren mit den Diesseitern einer Meinung – Geld war Geld und immer willkommen –, und eine gewisse Erregung, die mit jedem großen Projekt einhergeht, war zu spüren, aber hier gab es mehr Widerstand. Das Kaiserreich wurde durch den Fluss geteilt, und die östlichen Länder – mit Jenseits angefangen – waren nie so eng mit Atyar verbunden gewesen wie der Westen. Sie wurden von Triple, der Hauptstadt im Osten, beaufsichtigt, und ihre Steuern flossen in wichtige Bauten auf ihrer Seite des Nebels. Der Einfluss des Kaiserreichs war nie stark gewesen, und bisher hatte er das auch nie sein müssen.

Die Brücke würde dies ändern. Reisen zwischen Atyar und Triple würden alltäglicher werden, und vielleicht würde das Kaiserreich den östlichen Ländern nicht mehr so freie Hand lassen. Die fehlende Begeisterung Triples für das Projekt zeigte sich in verspäteten Lieferungen von Stein und Eisen. Kit reiste fünf Tage auf der Triple-Straße zum Verwaltungssitz, um dem Gouverneur seine Qualifikationen zu präsentieren, und schrieb wütende Briefe an das Straßenbauamt von Triple. Manches wurde ein wenig einfacher.

Es war Mittwinter, bevor die Pläne fertig waren. Kit vermied es, den Nebel zu überqueren. Rasali Ferge setzte siebzehn Mal über. Er schaffte es beinahe jedes Mal, sie zu treffen, wenigstens lang genug, um zusammen ein Bier zu trinken.

 

Zum zweiten Mal überquerte Kit den Nebel an einem frühen Frühlingsvormittag. Der Nebel spiegelte den bedeckten Himmel über ihnen: blass und flach, wie ein Dunstschleier in einer Talsenke. Als Kit ankam, belud Rasali gerade am oberen Kai die Fähre, und zu seiner Überraschung lächelte sie ihn an. Ihr Gesicht war plötzlich wunderschön. Kit nickte der Fremden zu, die Valo dabei zusah, wie er Rasali riesige in Stoff gewickelte Ballen zuwarf, und begrüßte dann die Ferges. Valo hielt einen Moment inne, aber er erwiderte Kits Gruß nicht, sondern wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Er war Kit seit dem Anfang seiner Zeit hier aus dem Weg gegangen. Im Geiste mit den Schultern zuckend wandte Kit sich von Valo zu Rasali. Sie fing die riesigen Ballen auf und stapelte sie mit Leichtigkeit.

»Was ist in denen drin? Sie werfen Sie, als ob sie ...«

»... Papier wären«, vollendete sie seinen Satz. »Das beste Maulbeerpapier aus Ibrar. So leicht wie Lammwolle. Sie haben wahrscheinlich eine Menge davon in Ihrem Folianten.«

Kit dachte an das Pergament, das er für seine Pläne gebrauchte, und an das Papier, das er für alles andere benutzte. Es war aus Baumwolle aus dem Süden gemacht, und seine Oberfläche wurde abgeraut, bis es sich so hart und glatt wie Lack anfühlte. Ibrar-Papier war nur für bestimmte Arten des Druckhandwerks zu gebrauchen. Er antwortete: »Massenhaft.«

Rasali stapelte Ballen um Ballen auf, bis sie sich in der Fähre drei Lagen hoch auftürmten. Er fragte: »Ist da noch Platz für mich?«

»Pilar Fragner und Valo kommen nicht mit uns«, sagte sie. »Sie werden auf den Ballen sitzen müssen, aber da ist genug Platz, solange Sie still sitzen.«

Während Rasali vom Kai abstieß, fragte Kit: »Warum fährt die Händlerin nicht mit ihrem Papier?«

»Warum sollte sie? Pilar hat auf der anderen Seite einen Zwischenhändler.« Da ihre Hände beschäftigt waren, neigte sie den Kopf in einer Geste zur Seite, die irgendwie ein Schulterzucken vermittelte. »Nebel ist gefährlich.« Alle paar Monate ging irgendwo entlang des Flusses eine Fähre verloren: Pferde, Menschen, Last, alles dahin. Die Fischer blieben näher am Ufer und starben weniger oft. Es war schwer, den Einfluss auf Handel und Kommunikation zu berechnen, den diese Barriere mitten durch das Kaiserreich hatte.

Diese Überfahrt – bei Tageslicht und alleine mit Rasali – unterschied sich grundlegend von seiner vorherigen: Sie war weniger beängstigend, aber irgendwie wilder, seltsamer. Der kalte Wind, der flussabwärts wehte, war schneidend und blies ihm trockene Nebelfetzen auf die Haut, doch diese wurden schnell und schmerzlos wieder fortgeblasen und hinterließen keine Spuren. Der Wind flaute erst zu einer Brise ab und legte sich, während sie durch den Nebel steuerten, dann ganz.

Sie bewegten sich durch etwas, das wie ein vielschichtiges Labyrinth aus Federwolken aussah. Er beobachtete den Nebel über die Reling der Überfahrt hinweg, bis sie ein kleines Loch wie eine Pockennarbe überquerten, das direkt unter ihnen lag und im Durchmesser nicht mehr als einen Fuß maß. Einen Moment blickte er unter dem Boot ins Nichts. Sie schwebten auf einer Lage Nebel über einer Luftblase, die groß genug war, um das Boot zu verschlingen. Er rollte sich auf den Rücken und starrte in den Himmel, bis er aufhörte zu zittern. Als er wieder hinsah, waren sie anscheinend aus dem Labyrinth heraus. Das Boot manövrierte einen leicht geschwungenen Kanal entlang. Er entspannte sich ein wenig und drehte sich um, sodass er Rasali sehen konnte.

Endlich fragte sie: »Wie kommen Sie mit Ihrer Brücke voran?« Ihre Stimme war halb erstickt von der dampfigen Luft. Die Frage war sicher reine Höflichkeit – jeder in der Stadt schien alles über den Fortschritt der Brücke zu wissen –, aber Kit war Fragen gewohnt, deren Antworten die Menschen bereits kannten. Geduld war ein sehr effektives Werkzeug, das hatte er inzwischen begriffen.

»Das Fundament in Jenseits macht gute Fortschritte. Es wird vielleicht noch sechs Monate dauern, bevor die Verankerung fertig ist, aber die Pfähle für das Fundament des Pfeilers sind schon gesetzt, und wir können anfangen zu bauen. Sechs Wochen früher als geplant«, sagte Kit ein wenig selbstgefällig, obwohl dies ein Sieg war, der niemand sonst interessieren würde, und überhaupt war das Wetter genauso dafür verantwortlich wie seine Bemühungen. »In Diesseits sind wir auf Basalt gestoßen, der zu hart ist, um ihn einfach anzubohren, also haben wir nach einer Spezialistin geschickt. Die Signalflaggen sagen, dass sie angekommen ist, und darum setze ich über.«

Sie sagte nichts und war anscheinend vollauf damit beschäftigt, das große Ruder zu bewegen. Er beobachtete sie eine ganze Weile, zufrieden damit, ihre Schultern sich dehnen zu sehen und die gleichmäßigen Wellen ihres Atems zu hören. Über dem leichten Hefegeruch des Nebels konnte er ihren Schweiß riechen, oder glaubte es zumindest. Sie legte die Stirn leicht in Falten, aber er wusste nicht, ob wegen ihrer Arbeit oder wegen des Nebels oder wegen etwas ganz anderem. Wer war sie wirklich? »Darf ich Sie etwas fragen, Rasali Ferge aus Jenseits?«

Rasali nickte, den Blick auf den Nebel vor dem Boot gerichtet.

Eigentlich gab es viele Dinge, die er wissen wollte: über sie, über den Fluss, über die Menschen hier. Er fragte etwas wahllos: »Was ärgert Valo so sehr?«

»Er ist so leicht zu durchschauen, nicht wahr? Er glaubt, dass Sie ihm etwas wegnehmen«, sagte Rasali. »Er ist zu jung, um zu begreifen, dass das, was Sie ihm nehmen, unwichtig ist.«

Kit dachte darüber nach. »Seine Arbeit?«

»Seine Arbeit ist unwichtig?« Sie lachte, ein plötzliches Ausatmen, während sie ruderte. »Wir haben viel Geld, wir Ferges. Wir besitzen Land und verpachten es – der Wilde Hirsch gehört unserer Familie, wussten Sie das? Aber Valo ist jung und will das, was wir alle in seinem Alter wollen – eine Gelegenheit, gegen die Welt anzutreten und herauszufinden, ob er besteht. Und weil er ein Ferge ist, sucht er das Abenteuer, um sich zu bewähren. Die Gefahr. Den Nebel. Valo glaubt, dass Sie ihm das wegnehmen.«

»Aber er ist nicht unsterblich«, sagte Kit, »was auch immer er glauben mag. Der Fluss kann ihn töten. Er wird es früher oder später tun. Er ...« ... wird Sie umbringen. Kit unterbrach sich und drehte sich wieder auf den Rücken, um in den Himmel zu sehen.

Eines Abends, im Schankraum der Hündin, hatte ihm ein Mann aus dem Dorf die Geschichte von Rasalis Familie erzählt: eine Geschichte von Todesfällen, von Booten, die im Nebel verloren gingen, begleitet von einem leisen Zischen, vom Splittern von Holz oder von Schreien, die von Menschen oder Pferden stammen mochten. »Also tragen alle ein oder zwei Monate lang Aschfarben, und dann übernimmt der nächste Ferge das Geschäft. Rasali ist noch nicht so lange dabei, vielleicht zwei Jahre. Wenn sie geht, wird Valo an der Reihe sein und danach Valos Schwester. Es sei denn, Rasali oder Valo bekommen vorher Kinder. Sie sind schön«, fügte der Mann nach etwas mehr Porter hinzu. »Die Ferges. Vermutlich soll das ihr kurzes Leben ausgleichen.«

Kit sah von den Papierballen zu Rasali. »Aber Sie sind anders. Sie haben nicht das Gefühl, dass Sie etwas verlieren.«

»Sie wissen nicht, was ich empfinde, Kit Meinem aus Atyar.« Kühles Licht spielte auf ihren Armmuskeln. Ihre Stimme hob wieder an, sanfter. »Ich bin nicht jung, ich muss mich nicht beweisen. Aber ich werde das hier verlieren. Den Nebel, die Stille.«

Dann erkläre es mir, sagte er nicht. Zeige es mir.

Den Rest der Fahrt über schwieg sie. Kit dachte, dass sie vielleicht wütend war, aber als er sie einlud, begleitete sie ihn zum Bauplatz.

 

Die stille Weide war fort. Alles, was vom hohen Gras geblieben war, waren einsame Büschel und Stroh. Die Luft roch nach Schweiß und Fleisch und dem bitteren Aroma von heißem Metall. Es waren mehr Blöcke da, viel mehr. Die Gruben für die Verankerung und den Pfeiler waren bis zum Fels hinabgetrieben worden und wurden von Bergen von Erde überschattet. Ein einzelnes Schaf war noch da, gehäutet und aufgespießt, und fettiger Rauch stieg auf, während ein Junge es über einem Feuer neben der provisorischen Schmiede drehte. Kit hatte die Weide als Ärgernis betrachtet, aber als er das aufgespießte Schaf sah, hatte er doch ein leichtes schlechtes Gewissen.

Der Rest der Herde war von stämmigen Frauen und Männern verdrängt worden, die mit Rollen Steine eine Rampe hinunter in das Loch für das Ankerfundament schafften. Staub ließ ihre Haut verblassen und erstickte die bunten Farben ihrer kurzen Röcke und Brustbänder. Trotz der Kälte hatte der Schweiß Streifen auf ihren Muskeln freigewaschen.

Einer der Arbeiter winkte Rasali zu, und sie winkte zurück. Kit erinnerte sich an seinen Namen: Mik Stromer. Er war sehr stark, aber er brauchte klare Anweisungen. Hatten sie einmal ein Verhältnis gehabt? Beziehungen waren hier auf eine Art und Weise verwoben, die Kit nicht verstand. In der Hauptstadt waren solche Dinge formeller, oft gab es Verträge.

Jenner und eine kleine Frau knieten auf dem nackten Steinboden des größeren Loches und berieten sich. Als Kit die Leiter hinunterglitt, um sich zu ihnen zu gesellen, verbeugte sich die Frau leicht. Ihre Augen, Haare und Haut schienen alle das gleiche Eisengrau anzunehmen. »Ich bin Liu Steinbeiß aus Hoic. Ihre Spezialistin.«

»Kit Meinem aus Atyar. Was sollen wir hier tun?«

»Ihr Jenner sagt, etwas von dem Basalt muss fort, nicht wahr?«

Kit nickte.

Liu kniete sich hin und fuhr mit der Hand über den Boden der Grube. »Sehen Sie, wo die Farbe und die Textur sich entlang dieser Linie verändern? Ihr Jenner hatte recht: Diese Basalthebung ist ein Problem. Hier, wo der Schiefer ist, kann man den größten Teil des Fundaments auf die übliche Art aushöhlen, mit Bohrern und Hacken. Aber der Basalt ist zu hart, um hineinzubohren.« Sie richtete sich auf und fegte den Staub von ihren Knien. »Haben Sie jemals Sprengstoff eingesetzt?«

Kit schüttelte den Kopf. »Wir haben für keines meiner Projekte welchen benötigt. Ich bin auch noch nie in den Minen gewesen.«

»Für etwas anderes ist er auch kaum zu gebrauchen«, gab Liu zu. »Aber um große Mengen von Gestein aufzubrechen, ist er sehr nützlich. Viele von den Blöcken, die Sie hier haben, sind mit Sprengstoff gelöst worden.« Sie grinste. »Der Krach wird Ihnen gefallen.«

»Wir können es uns nicht leisten, das Grundgestein zu zerstören. Es muss stabil bleiben.«

»Ich habe genug Pulver für mehrere kleine Ladungen dabei. Relativ klein.«

»Wie ...«

Liu hielt eine wettergegegerbte Hand hoch. »Ich muss Brücken nicht verstehen, um eine zu überqueren, nicht wahr?«

Kit lachte laut. »Stimmt.«

 

Liu Steinbeiß hatte recht, der Krach gefiel Kit sehr. Sie duldete niemanden in der Nähe der Grube, doch selbst aus dem, was sie für eine sichere Entfernung hielt, hinter einem riesigen Erdhaufen, war die Explosion ein gewaltiges, betäubendes Ereignis, ein Donnerschlag, der die Erde erschütterte. Eine Sekunde herrschte dröhnendes Schweigen. Nach einem kollektiven Keuchen und ein paar verstreuten Schreien jubelten die Arbeiter und stampften mit den Füßen. Eine kleine Wolke aus Rauch und Steinstaub wehte über den Rand der Grube. Sie roch scharf nach Salpeter. Die Vögel waren nicht glücklich. Während der Explosion waren sie von ihren Bäumen aufgestoben und kreisten nun nervös über allem.

Liu kletterte grinsend aus ihrem Bunker neben der Grube. Ihr Gesicht war mit Staub bedeckt, außer um die Augen herum, die von einer Brille aus Holz geschützt worden waren, die ihr jetzt um den Hals hing. »So weit, so gut«, rief sie über das Dröhnen in Kits Ohren hinweg. Sie lachte, als sie sein Gesicht sah. »Das ist gar nichts. Mückenniesen. Sie sollten hören, wie wir in Hoic Granit abbauen.«

Kit wollte sich noch länger mit ihr unterhalten, bis er Rasali bemerkte, die mit großen Schritten Richtung Fluss ging. Er hatte vergessen, dass sie da war. Er folgte ihr, halb schreiend, um sich selber zu hören: »Ganz schöner Krach, was?«

Rasali wirbelte herum. »Was haben Sie sich dabei gedacht?« Sie zitterte, und ihre Lippen waren weiß.

Erstaunt antwortete Kit: »Wir sprengen für das Fundament.« Wut? Angst? Er wünschte, er könnte klarer denken, aber der Krach schien seinen Verstand betäubt zu haben.

»Und bringt damit die Erde zum Beben! Die Großen kommen zum Donner, Kit!«

»Es war kein Donner«, sagte er.

»Sagt mir, dass es nicht schlimmer war!« Tränen glänzten in ihren Augen. Ihre Stimme war vom Klingen in seinen Ohren gedämpft. »Sie werden kommen, ich weiß es.«

Er streckte eine Hand nach ihr aus. »Der Damm ist hoch, Rasali. Selbst wenn sie kommen, über den kommen sie nicht hinüber.« Das Herz in seiner Brust trommelte. Der Kopf tat ihm weh. Es war so schwer, sie zu hören.

»Niemand weiß, was sie tun werden! Früher haben sie, wenn sie in nebligen Nächten landeinwärts trieben, ganze Städte zerstört. Warum glauben Sie, dass man vor tausend Jahren die Dämme gebaut hat? Die Großen ...«

Sie hörte auf zu schreien und lauschte. Sie flüsterte etwas, aber Kit konnte sie über dem Dröhnen in seinen Ohren, in seinem Herz, in seinem Kopf nicht hören. Plötzlich begriff er, dass dies nicht die Folge der Explosion war: Die Luft selbst dröhnte. Aus dem Augenwinkel bemerkte er die anderen Arbeiter, jedes Gesicht dem Nebel zugewandt. Außer dem bedeckten Himmel war nichts zu sehen. Niemand bewegte sich.

Aber der Himmel bewegte sich.

Hinter dem Deich hob sich der Nebelfluss, ein großer, wallender Aufruhr von schmutzigem Graugold vor dem Stahlgrau der Wolken, mindestens hundert Fuß hoch, über dem Deich gut sichtbar. Der Nebel brodelte, brach in großen Rissen und Wirbeln auf, alles bewegte sich, alles veränderte sich. Kit hatte einmal ein großes Feuer gesehen, als in Atyar ein Warenhaus voller Leinen abgebrannt war, und der Rauch war aufwärts geflossen und hatte so ausgesehen, bevor der Wind ihn zerstreute.

Lücken öffneten sich im Nebelberg und schlossen sich wieder, andere öffneten sich – je tiefer sie waren, desto dunkler. Und durch diese Lücken konnte man in den schwarzbraunen Schatten im Herzen des Nebels Bewegungen erkennen.

Die Lücken schlossen sich. Nach einer Ewigkeit glättete sich der Nebel langsam und sank zurück hinter den Deich, bis man ihn nicht mehr sehen konnte. Kit war sich nicht wirklich sicher, wann das Dröhnen der Luft wieder in das Klingen in seinen Ohren überging.

»Fort«, sagte Rasali mit einem Geräusch wie einem Schluchzen.

Ein Arbeiter machte einen jener derben Scherze, die auf Angst folgen, und die anderen lachten zu laut. Eine Frau lief den Deich hinauf und rief herunter: »Die Deiche in Jenseits sind in Ordnung, unsere auch.« Mehr Gelächter, Menschen liefen in Richtung Diesseits, um nach ihren Familien zu sehen.

Kits Handrücken brannte. Eine Nebelflocke war darauf liegen geblieben und hatte ein unregelmäßiges Mal hinterlassen. »Ich habe nur Nebel gesehen«, sagte er. »War Ein Großer darin?«

Rasali schüttelte sich, streng, aber nicht mehr wütend oder verängstigt. Kit hatte das schon über die Ferges gelernt – ihre Gefühle durchströmten sie und verflogen dann. »Er war dort drin. Ich habe den Nebel schon früher so schäumen sehen, aber noch nie so hoch. Nichts anderes könnte ihn so anheben.«

»Absichtlich?«

»Ach, wer weiß das schon. Sie sind rätselhaft, die Großen.« Sie sah ihm in die Augen. »Ich hoffe, Ihre Brücke ist sehr hoch, Kit Meinem von Atyar.«

Kit sah dorthin, wo der Nebel gewesen war, aber er sah nur Himmel. »Das Deck wird zweihundert Fuß über dem Nebel sein. Hoch genug. Hoffe ich.«

Liu Steinbeiß kam zu ihnen und rieb sich die Hände an ihren ledernen Hosen. »Also, das ist etwas, was in Hoic nicht geschieht. Sehr aufregend. Wie nennt ihr so etwas? Wie verhindern wir es das nächste Mal?«

Rasali sah die kleinere Frau einen Moment lang an. »Ich glaube nicht, dass man das kann. Große kommen, wenn sie kommen.«

»Sie kommen nicht immer?«, fragte Liu.

Rasali schüttelte den Kopf.

»Nun, schlechter Trost ist besser als gar kein Trost, sagt mein Vater.«

Kit rieb sich die Schläfen. Der Kopfschmerz blieb. »Wir machen weiter.«

»Dann müssen Sie vorsichtig sein«, sagte Rasali, »oder Sie bringen uns alle um.«

»Die Brücke wird viele Leben retten«, entgegnete Kit. Deines auch, irgendwann.

Rasali wandte sich ab.

Kit folgte ihr nicht, nicht an jenem Tag. Ob es daran lag, dass die nächsten Explosionen kleiner waren (»So klein, wie sie sein können, damit ich noch meinen Lohn verlangen kann«, sagte Liu Steinbeiß), oder weil sie mit anderen Dinge beschäftigt waren, die Großen kamen nicht wieder. Allerdings gab es in den drei Monaten, während sie planten, die Ladungen setzten und den Felsen aufbrachen, reichlich Fische.

 

Unter den Meinems fanden sich traditionell auch viele Schmiede, und einige Meinems waren Deichvorsteher gewesen, und viele von ihnen entschieden sich für ganz andere Berufe, aber Kit hatte beinahe von Anfang an gewusst, dass er einer der Baumeister-Meinems sein würde. Er liebte die unsichtbare Architektur des Bauens, er liebte es, einen Kompromiss zwischen der Vision in seinem Kopf und dem Bauplatz, den Materialien und den Menschen zu finden und sie Realität werden zu lassen. Die Herausforderung bestand darin, den Kompromiss so klein wie möglich zu halten.

Architektur lernte man an der Universität. Seine Mentorin war eine Materialspezialistin gewesen, eine Frau, die unglaubliche dreiundzwanzig Brücken gebaut hatte. Skossa Timt war so alt, dass ihre Haut und ihr Haar zum Weiß von Gani-Marmor verblasst waren, und sie ging an einem Stock, den sie selbst entworfen hatte. Sie brachte ihm viel bei. Materialien hatten Regeln, Verhaltensstrukturen: sie verbogen sich oder zerfielen oder rissen oder zerbrachen unter bestimmten messbaren Voraussetzungen. Sie machten sich gegenseitig haltbarer oder zerstörten einander. Selbst die besten Materialien in den stabilsten Kombinationen hielten nicht für immer – sie tippte sich mit einem ihrer knotigen Finger an die Stirn und lachte –, aber wenn er seine Arbeit richtig machte, dann konnten sie tausend Jahre oder länger halten. »Aber nicht für immer«, hatte Skossa gesagt. »Tu dein Bestes, aber vergiss das nicht.«

 

Weiter geht es mit Teil 2 der Erzählung ›Die Brücke über den Nebel‹ von Kij Johnson >>


Deutsch von Laura Gutmann


© 2011 by Kij Johnson
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung unter dem Titel ›The Man Who Bridged the Mist‹ in Asimov's (Oktober/November 2011)
Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2014 by Golkonda Verlag GmbH
Abdruck der Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Verlages
Deutscher Erstdruck in: Kij Johnson, Pinselstriche auf glattem Reispapier (Berlin: Golkonda, 2014)

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