Kurzgeschichte von Autor Karsten Kruschel: Teufels Obliegenheiten

FICTION

Teufels Obliegenheiten (Karsten Kruschel)


Karsten Kruschel
29.08.2016

In einer Welt, in der der Zweite Weltkrieg ausgeblieben ist, steht von Hofstaetter kurz davor, mit seiner Firma DISQUE DUR den Durchbruch ins Informationszeitalter zu schaffen. Als ein Luftschiff, das seine neueste Erfindung transportieren soll, nicht am Zielort ankommt, vermutet er, dass eine der großen konkurrierenden Firmen ihm übel mitspielen will. Doch dann taucht ein mysteriöser Mann auf, der etwas Seltsames bei sich hat: einen weißen, eckigen Kasten, auf dem ein Apfel-Emblem aufleuchtet – wie aus einer anderen Zeit …

 

A.   Danzig, 1. Dezember 2005: Kein Luftschiff aus Dresden

Es war ein klirrend kalter Wintertag, an dem die weit entfernten Luftschiffe so deutlich zu sehen waren, als wären sie hinter der Silhouette des Krantores von einem detailversessenen Kupferstecher in den Himmel graviert worden. Aaron Chevalier von Hofstaetter nestelte tief in der rechten Tasche nach den Stellrädchen der Jackenheizung. Das Ding brauchte zehn Minuten, um auf Temperatur zu kommen. In dieser Zeit könnte er bei dem klirrend  kalten Wetter schon Frostbeulen haben.

Wo blieb der Dresdner Zeppelin heute so lange? Die Reichslufthansa war längst nicht mehr, was sie zu ihren Glanzzeiten dargestellt hatte. In diesem Punkt – und nur in diesem – stimmte Aaron von Hofstaetter dem Spectateur zu, wenn er auch in sonst jeder anderen Hinsicht mit dem Blatt konträr ging. Diese neue Regierung in Berlin mit ihren possierlichen Ideen hatte nicht nur das Kriegsministerium durcheinander gebracht, sondern obendrein die Reichslufthansa heruntergewirtschaftet. Nun ja; im Grunde genommen war diese Regierung hier auf dem Boden der Freien Hansestadt Danzig gar nicht zuständig.

Als hinten an der alten kaiserlichen Abfertigungshalle eine aufgeregte Menge auftauchte, begann der Chevalier zu ahnen, dass irgendetwas schiefgegangen sein musste.

Er zögerte kurz.

Das waren Menschen mit breiten Händen, ölverschmierten Arbeitshosen und dick wattierten Jacken, in denen es bestimmt keine eingebauten Heizungen gab. Niemand, mit dem sich ein von Hofstaetter abgeben mochte. Allerdings schien es bei dem Aufruhr, von dem einzelne auf Deutsch und zahlreiche auf Polnisch gerufene Sätze bis zu ihm drangen, um genau den Linienflug zu gehen, auf dem auch er ein Billett hatte. Er hielt es in der Hand: Danzig–Dresden, 1. 12. 2005, 11 Uhr 42. Ein Donnerstag. Man erwartete ihn in Dresden. Es gab auch im Zeitalter der verzugslosen Ferntelegraphie Gespräche, die man besser von Angesicht zu Angesicht führen sollte. Zaudernd tat Aaron einige Schritte. Weil die lärmende Menge ihm entgegenkam, verstand er langsam mehr. Von irgendeinem Attentat war die Rede und von hektischen Telegrammen der königlich-polnischen Luftüberwachung, von verschwundenen Luftschiffen und merkwürdigen Gerüchten, an denen doch etwas dran sein müsse.

»Warten Sie«, sagte eine Stimme, und eine Hand berührte Aaron leicht am Ärmel. Dennoch fuhr von Hofstaetter erschrocken herum. Es hatte Zeiten gegeben, da hätte er sofort Satisfaction gefordert, wenn ein Wildfremder ihn so ungebührlich angefasst hätte, ohne ihm vorgestellt worden zu sein. Er war ruhiger heute, und der Anblick des Fremden, der wie vom Himmel gefallen neben ihm aufgetaucht war, tat das seine dazu, den Chevalier in die gewohnte Contenance zurückzugeleiten.

»Sie sollten sich mit denen nicht einlassen«, sagte der Herr, dessen Erscheinung in nichts der neuesten Pariser Elegance nachstand. Von den handgearbeiteten Schuhen über den maßgeschneiderten Anzug bis hin zu einer mit dezenten Intarsien geschmückten Aktentasche: Alles teuer, erlesen und vermutlich nahezu unbezahlbar. »Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf«, stellte er sich vor und berührte mit einer angedeuteten Verbeugung die Krempe seines vielleicht eine Spur zu sommerlichen Hutes. »Falls, was Gott behüte, dem Zeppelin tatsächlich etwas zugestoßen sein mag, werden diese Leute sich noch deutlich mehr echauffieren.«

Aaron stellte sich gleichfalls vor, schüttelte sich, weil es schlagartig noch viel kälter geworden war, und warf einen Blick auf die lärmende Gruppe. Der von schreienden Menschen umringte Uniformierte versuchte vergeblich, sich gegen den Lärm durchzusetzen. Die Worte, die halbwegs verständlich herüberwehten, hatten einen starken Akzent, und die bunte Uniform legte den Schluss nahe, dass es sich um einen Offizier der königlich-polnischen Luftüberwachung handelte. Das machte die Sache bedenklich.

»Die Mannschaft«, sagte der Vicomte und zog Aaron kaum merklich mit sich fort, »war natürlich an Bord des Zeppelins, nebst der Fracht, und falls das Schlimmste eintreffen sollte – nun, auf diesen Linien-Luftschiffen tun fast nur Kaschuben Dienst.«

Chevalier von Hofstaetter beschleunigte seine Schritte, ohne in Eile zu verfallen. Es hatte in jüngster Zeit einige Zwischenfälle zwischen den Volksstämmen in der Gegend gegeben. Er hatte die Gründe dafür nicht völlig verstanden. Nun ja, um ehrlich zu sein, hatte er sich nicht sonderlich dafür interessiert.

Der fein gekleidete Vicomte zupfte das Billett aus Aarons nachlassendem Griff und warf einen Blick darauf. »Darf ich fragen, in welcher Art von Geschäften Sie nach Dresden reisen wollten?«, erkundigte er sich.

»Oh, nichts Besonderes. Mein Unternehmen arbeitet mit einigen Partnern aus ganz Europa an einem Durchbruch in der Datenverarbeitung.« Aaron von Hofstaetter verlor das Interesse an dem Tohuwabohu, das sich um den polnischen Offizier bildete. »Wenn wir es richtig anfangen, dann gelingt uns vielleicht ein Sprung, der bedeutender ist als damals die Verbilligung der Zeppeline nach der Entdeckung der ...«

»Das wäre in der Tat bedeutsam«, unterbrach ihn der Vicomte und überreichte von Hofstaetter mit schwungvoller Geste zunächst dessen eigenes, jetzt wohl wertloses Billett und danach ein goldgerändertes Kärtchen, das wie durch Zauberei zwischen seinen Fingern aufgetaucht war. Finger übrigens, die in sehr weichem und sehr teurem Leder steckten, wie von Hofstaetter bemerkte.

»Alle Fortschritte auf diesem Gebiet interessieren mich sehr«, setzte zu Teufel-Walldorf hinzu.

Von Hofstaetter konnte seinen Blick für etliche Sekunden nicht von der Visitenkarte wenden. Er hatte nicht richtig hingesehen. Es war kein Goldrand auf der Karte. Es war nicht einmal eine Karte, zumindest keine aus Papier. Diese spezielle Visitenkarte bestand aus dünnem Platin, das von Hand gehämmert und so mit farbigem Lack bemalt worden war, dass der Rand und die Buchstaben platinschimmernd sichtbar blieben. Solche Visitenkarten wurden in Übersee und in den Kolonien hergestellt, wo Rohstoffe und Arbeit billig waren, und nur wenige Unternehmen leisteten sich den Luxus, solche Karten herstellen zu lassen. NIXDORF & SIEMENS ELECTRICITÄTS-ACTIENSOCIETÉ stand da geschrieben, und unter dem Namen des Vicomtes prangte der Titel Directeur. Aaron stand einem der mächtigsten Menschen der Welt gegenüber, einem Mitbesitzer des Datenverarbeitungsmolochs, der mit seinen Lochbandmaschinen und neuerdings mit seinen revolutionären Magnetbändern über das Wohl und Wehe ganzer Volkswirtschaften entscheiden konnte und nur von der A.E.G. überflügelt wurde.

Nachdem Aaron von Hofstaetter einige Schocksekunden damit verbracht hatte, wie ein Kretin auf die Visitenkarte zu starren, blickte er auf und stellte fest, dass er verlassen worden war. Der Vicomte war wieder zu seinen Geschäften übergegangen. Auf dem Flugplatz befand sich außer Aaron nur mehr eine wachsende Menge zorniger Kaschuben, die einige Dutzend Meter entfernt allmählich zu einer Meuterei übergingen. Eine Lautsprecherstimme verkündete die Streichung aller Abflüge für diesen Vormittag.

Im Südwesten quoll, dicht über dem Horizont, eine schwarze Rauchwolke in den klaren Himmel und verbreitete sich langsam, ein düsterer Tintenklecks im stahlblauen Himmel.

Ein Wutschrei brandete auf.

Zeit, zu retirieren, dachte von Hofstaetter und bummelte davon. An sein Luftschiff-Billet dachte er nicht mehr. Seine Gedanken befassten sich mit dieser überraschenden Begegnung auf dem Danziger Luftschiffhafen, und die Finger in seiner mittlerweile aufgewärmten Jackentasche strichen über die Ränder der Visitenkarte.

  

B.   Stockholm, 20. Januar 2006: Der lange Arm der A.E.G.

Die nächste Gelegenheit, bei der Aaron Chevalier von Hofstaetter den offenbar sehr bedeutenden Vicomte zu Teufel-Walldorf treffen durfte, kam einige Wochen später, Ende Januar 2006, auf ebenfalls merkwürdige Weise zustande.

Von Hofstaetters Firma DISQUE DUR war eingeladen worden, auf einer kleinen, aber feinen Messe in Stockholm ihre neuesten Entwicklungen zu präsentieren. Die pekuniären Mittel des Unternehmens schmolzen mittlerweile zusammen. Immer wieder waren die Ideen der kreativen Köpfe, die daheim in Itzehoe in ihren Labors werkelten, als vollkommen utopisch verlacht worden. Von Hofstaetter hatte in finsteren Momenten, wenn der Himmel über Itzehoe nachts vor Luftschiffen brummte und er trotz eines genau abgemessenen Gläschens Absinth nicht einschlafen konnte, schon darüber nachgedacht, ob es eine verborgene Macht gab. Jemanden, der raffiniert dabei zu Werke ging, die Kreise seines Unternehmens zu stören. Vielleicht brauchten sie, um nicht unterzugehen, einen mächtigen Gönner, einen Mäzen. So jemanden, wie ihn damals der Graf Zeppelin gefunden hatte, als er den späteren Reichskanzler für seine Idee vom starren Luftschiff erwärmen konnte. Und wenn man es genau nahm, benötigten sie in den nächsten paar Monaten einen solchen Wohltäter dringend, um nicht unter die Bankrotteure zu gehen. Insofern war die Reise nach Stockholm kühn. Es war teuer in Schweden, teurer noch als in Paris. Diese Messe war jedoch eine der Veranstaltungen, bei denen geniale Spinner auf Investoren trafen – eine Kombination, die Imperien begründen konnte.

Nun stand Aaron von Hofstaetter in einem der prächtigen Häuser mitten in der Gamla Stan. Die hohen, schmalen Gebäude in den schmalen Gassen waren bunt gestrichen und lehnten aneinander wie Familienmitglieder bei einer feuchtfröhlichen Feier. Dies hier war die Handelskammer. Das Haus verriet seinen gehobenen Status allenfalls mit dem polierten Messingschild an der Eingangtür. Es gab nicht mal einen Concierge. Jeder konnte hinein. Nun ja, dies war Schweden. Ein Land, in dem jeder Hausmeister den Premierminister auf der Straße treffen und mit Du anreden konnte.

In mehreren Sälen der Handelskammer präsentierten allerlei Kreative ihre Ideen. Aaron betrachtete gelangweilt die bunten Bilder eines Cinematographen, auf denen ein Hochleistungsluftschiff hoch über einer der französischen Kolonien einen Flugkörper in eine niedrige Umlaufbahn abfeuerte. Irgendwann einmal. Der Sprecher näselte dazu einen hochtrabenden Text darüber, wie die neuesten Stratosphärenplattformen endlich der bemannten Raumfahrt den lang erwarteten Durchbruch bescheren würden. Reichlich hochgestochen, dachte von Hofstaetter. Würde besser ankommen, wenn es von Deutschen präsentiert würde. Die nehmen uns hier alles ab. Die Schweden sind fasziniert von dem gewaltigen Zeppelinflugnetz des Reiches, und sie sind hingerissen von der großen Namensreform Rathenaus, bei der jeder Bürger der Reiches sich einen adlig klingenden Namen seiner Wahl hatte zulegen dürfen. Tatsächlich war damals sozusagen das ganze Volk geadelt worden. Keine Lehmanns und Schmidts mehr, aber auch keine Kohns und keine Goldsteins. Eine der genialen Ideen des Kanzlers, der sich selbst mit einem schlichten »von Rathenau« begnügt hatte. Raketen von einem Riesenluftschiff über den Wolken abzuschießen war damit verglichen keine geniale Idee...

»Dies alles hat keinen wirklichen Wert«, sagte jemand direkt hinter der Schulter von Hofstaetters, und als er sich erschrocken umsah, lächelte ihn, als wären nicht Wochen vergangen, das Gesicht des Vicomte zu Teufel-Walldorf an. Ehe von Hofstaetter etwas sagen konnte, legte der directeur seinen Zeigefinger verschwörerisch vor die gespitzten Lippen.

»Es gibt Kräfte«, flüsterte er, »die Ihren Unternehmungen feindlich gegenüberstehen.« Aaron von Hofstaetter hatte genau dieses Gefühl schon eine Weile lang, und plötzlich fror er, als stünde er auf einer zugigen Schäre statt im geheizten Salon der Handelskammer. Die Zwischenfälle waren gar zu seltsam gewesen. Hochversicherte Kuriersendungen, die niemals anlangten; Experimente, die zu unerklärlichen Explosionen führten; neu entwickelte Datenträger, die von heute auf morgen Alterungsspuren zeigten, als wären sie jahrzehntelang in Betrieb gewesen. Das war alles so surreal, als stammte es aus einem dieser cinematographischen Schauermärchen, wie sie beim breiten Publikum so beliebt waren. Unter diesen Umständen war es kein Wunder, dass Aaron den verführerisch nach teuerstem Ziegenleder duftenden Handschuhen des Franz zu Teufel-Walldorf in eine Nische des üppig dekorierten Saales folgte. Hinter den Fenstern sah man die engen Gassen der Stockholmer Innenstadt, auf denen die braven Schweden in der Dämmerung Unmengen von bunten Lampen entzündeten.

»Wie haben Sie ...?«, begann von Hofstaetter, aber von Teufel-Walldorf bedeutete ihm mit einer herrischen Handbewegung, still zu sein. »Ist Ihnen und den andren Entrepreneuren Ihres Unternehmens schon der Gedanke gekommen, dass es Leute geben könnte, die es nicht mögen, wenn die Entwicklung der Rechnertechnik allzu rasch voranschreitet?«

Von Hofstatter vergaß, wie kalt ihm war, und sah den directeur neugierig an. Natürlich war ihm dieser Gedanke nicht neu. Und Nixdorf-Siemens stand mit auf der Liste der Unternehmen, die Vorteil aus den merkwürdigen Missgeschicken ziehen konnten. Andererseits war kein Grund vorstellbar, dass von Teufel-Walldorf ausgerechnet ihn derart warnen sollte, den Mitinhaber der kleinen Firma DISQUE DUR. Der Hauptverdächtige für Umtriebe dieser Art war immer und vor allem die Allgemeine Electricitäts-Gesellschaft, die im ganzen Reich und auf allen Gebieten der Elektrotechnik eine marktbeherrschende Stellung innehatte. Nach kurzem Zögern teilte von Hofstatter dem Vicomte seine Überlegungen unumwunden mit.

Der lächelte finster.

»Sie haben schon Recht. Seitdem der Sohn des A.E.G.-Gründers Reichskanzler ist, kommt kaum eine andere Gesellschaft gegen diese Übermacht an. Rathenau hatte nicht viel übrig für Konkurrenz, unter uns gesagt, bei all seinen Verdiensten.«

»Oh ... Sie meinen, es sei durchaus möglich, dass die alte Krake A.E.G. ihre Fangarme in unseren Labors hat?«

»Oder in Ihren Laboranten«, bestätigte von Teufel-Walldorf. Das Herz des Aaron von Hofstaetter schwamm in Eiswasser, seine Gedanken überschlugen sich: Sollte es unter den Mitarbeitern von DISQUE DUR einen Verräter geben? Einen, der insgeheim im Auftrag des großen Ungeheuers und für dessen Geld den Saboteur spielte?

Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf griff beherzt zu, als von Hofstaetter wankte und zu fallen drohte. Er stützte ihn, während der Vortrag mit bunten Filmchen weiterging.

In der Nische, in die der Vicomte den schwächelnden von Hofstaetter unbemerkt schob, gab es ein Fenster, das man öffnen konnte. Noch mehr kalte Luft drang herein und die Geräusche von den Straßen. Fröhliche Menschen waren in den Gassen der schwedischen Hauptstadt unterwegs, beleuchtet von unzähligen Lampen und Fackeln.

Zu Teufel-Walldorf zauberte ein Riechfläschchen aus einer Westentasche und beobachtete, wie der scharf-aromatische Duft wieder Farbe in das Gesicht seines Patienten trieb. »Zu viel Arbeit«, flüsterte Aaron, »zu wenig Bewegung, zu sehr fokussiert, zu viel Fortschritt ...«

»Wenn Sie gestatten«, sagte der Vicomte leise, »unterstütze ich Sie bei der Suche in Ihrem Hause. Mir ist an allem gelegen, was der Krake schaden könnte. Sie ist uns auf mehr als einem Felde im Weg, wie Sie sich vorstellen können.«

Er schaute den jungen Industriellen verschmitzt an.

»Es wäre allerdings unumgänglich, meine Hilfe gegenüber dritten Personen unerwähnt zu lassen. Immerhin könnte ebenjener dritte genau der gesuchte Agent sein.«

»Versteht sich«, sagte von Hofstaetter, und er spürte, wie die Hand des anderen in die seine glitt, umspannt von weichem, samtenem Leder, ein ziegenlederduftender Händedruck, ein Versprechen, ein Abkommen. Er fühlte sich, als habe er ein Abkommen mit dem Teufel geschlossen.

»Nun«, sagte der Vicomte im Plauderton, »was ist es denn nun, woran Sie und die Ihren so geheimnisvoll werkeln?«

Aaron von Hofstaetter wusste, dass er besser nichts sagen sollte, er spürte jedoch eine Art Verbundenheit mit diesem vermögenden Fremdling.

»Wir entwickeln eine neue Methode, mit der wir sehr viel Information gleichsam magnetisch auf sehr kleinem Raum abspeichern können. Eine Revolution, wenn es funktioniert. Gigantische Mengen von Daten, im Format einer Damenhandtasche. Wie gesagt, eine Revolution.«

»Interessant«, sagte Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf. Dann  wies er aus dem Fenster, wo die engen Gassen der Stockholmer Altstadt mit bunten Lichtern illuminiert waren.

»Schön, ein wirklich reiches Land zu sehen«, setzte er völlig unmotiviert hinzu. »Fast so reich wie Deutschland oder Frankreich. Nicht auszudenken, wie es in Berlin aussehen würde, wenn es dort nach dem Weltkrieg nicht seit fast hundert Jahren Frieden gegeben hätte. Man würde nicht so viel Licht haben an den langen Winterabenden, glaube ich.«

Von Hofstaetter rieselte es kalt den Rücken herunter. Es gab Momente, in denen ihm der Vicomte so unheimlich wurde, als lebte dieser Mensch in mehr als nur dieser Welt.

  

C.   Itzehoe, 5. Februar 2006: Unter dem Zeppelinhimmel

»Wie weit wir gekommen sind«, sagte Graf Pedro von Ehrenberg, »und dennoch, wie wenig wissen wir!«

Er schaute auf den Himmel über Itzehoe, an dem nicht weniger als zwei Dutzend Luftschiffe standen, die meisten wartend über dem Landefeld Heiligenstedten, wo an der Juljanka die Zollstation ihre Arbeit tat. Oder eben nicht. Dann kam es zu Stauungen im Luftverkehr. Die ins deutsche Exil entsandten dänischen Beamten entwickelten in letzter Zeit eine erstaunliche Kreativität darin, gewissen Unternehmen aus dem Reich Hindernisse in den Weg zu legen. Nun gut, das war ihr Recht, niedergelegt im deutsch-dänischen Luftfrachtabkommen.

Der Graf hob zu einer weiteren tiefsinnigen Bemerkung an, als er durch Aaron von Hofstaetter unterbrochen wurde: »Untertänigst angemerkt, dass es sehr konvenieren würde, wenn Sie statt philosophischer Etüden etwas mehr dem Thema dienliche Repliken bieten könnten.«

Von Ehrenberg seufzte. Er war seit zwanzig Jahren mit von Hofstaetter befreundet. Als Kinder hatten sie zusammen jene Funkwellendetektoren gebaut, die heutzutage von röhrenbestückten Radios abgelöst wurden. Sie hatten einander bereits damals, in kurzen Hosen, aus denen wundgeschlagene Knie herausschauten, mit Sie angeredet. Von Ehrenbergs Hoffnung, dass von Hofstaetter ihm jemals das Du anbieten könnte, war ein fahler Traum und würde es wohl auf immer bleiben.

»Vermutlich konveniert es, wenn ich anmerke, dass unsere Recherchen betreffs des Danziger Zwischenfalls erste Früchte getragen haben«, sagte er trocken.

Aarons Augen wanderten von den Geschäftspapieren zu von Ehrenbergs Gesicht hinüber. »Tatsächlich? Das wäre bei diesem Spiel hilfreich.«

Graf Pedro von Ehrenberg  löste seinen Blick von den am Himmel herumschnurrenden Luftschiffen, froh, dass er als wichtig genug erachtet wurde, eine Konversation mit ihm zu beginnen. Oft hatte er das Gefühl, dass man ihm nur zuhörte, weil manche seiner verrückten Ideen sich als brauchbar erweisen könnten. »Mir war neu, dass es sich um ein Spiel handelt«, sagte er.

Von Hofstaetter biss sich auf die Lippen. Ein Hinweis zuviel, womöglich. Er wusste immer noch nicht, wo das Leck in der Firma war. Es würde ernsthaft wehtun, wenn es gerade der Graf wäre, der die Geheimnisse von DISQUE DUR an die A.E.G. verriet. Ausgerechnet er, der die geldbringenden Einfälle hatte.

»Vergessen Sie das«, sagte der Chevalier, »manchmal scheint mir unsere Technik schneller voranzuschreiten, als gut für uns ist. Was war denn nun mit dem Zeppelin, der es nicht bis nach Danzig geschafft hat?«

»Vergessen Sie alles, was über kaschubische Terroristen im Spectateur zu lesen war. In Wirklichkeit war ein Prototyp an Bord«, sagte von Ehrenberg, »für die Herstellung von etwas, das alle Elektronenröhren überflüssig machen sollte. Ein winziges Stück aus einem Zeug namens Silicium, mit irgendwas bedruckt. Sehr interessant, wenn ich auch zugegebenermaßen nicht wirklich verstanden habe, worum es da ging. Die Informationen sind spärlich, es sollte da zukünftig satt Patente hageln. Alles kam aus den Labors von Oskar Heil, und es war leider das komplette Paket. Gut möglich, dass ...«

»Wie ist das zu verstehen, das komplette Paket?« Von Hofstaetter hatte keine Lust auf die haltlosen Spekulationen des Grafen.

»Nun, die vorbereiteten Patentpapiere, der Prototyp, das Herstellungsverfahren, die Technologie, der erste Apparat, mit dem diese Silicium-Dinger produziert werden konnten, alles. Nach der Explosion des Luftschiffs ist die Erfindung wohl verloren. Die Erben von Oskar Heil sind entsetzt. Es ist, als hätte ihr Vorfahr in seiner jahrzehntelangen Arbeit nie etwas von irgendeinem Wert geschaffen. Sie hatten das alles zu einem vortrefflichen Preis und sehr exklusiv veräußern können – und nun bekommen sie gar nichts.«

Ein offenbar fehlgeleiteter Zeppelin brummte über das Gebäude hinweg, gefährlich nahe dem Dachfirst und weitab von seinen üblichen Routen. Die beiden Männer unterbrachen das Gespräch und ließen den Lärm und das Luftschiff vorüberziehen. Es kam immer öfter vor, dass die riesigen Gefährte einander in die Quere gerieten. Zu viel Verkehr, zu viel Zeitdruck, zu viele dänische Fluglotsen.

Aaron von Hofstaetter stellte seine Frage, kaum dass man sein eigenes Wort wieder verstehen konnte. »An wen hatten sie denn das alles veräußert?«

Graf Pedro von Ehrenberg schüttelte den Kopf. »Damit wollten sie zunächst nicht herausrücken. Aber am Ende haben sie zugegeben, dass alles in die Hände der Oliwa-Laboratorien S.A. übergehen sollte, die am Stadtrand von Danzig liegen. Zahlung erst nach wohlbehaltenem Eintreffen der Erfindung dort. Eine sehr üppige Zahlung übrigens. Die nun niemals geleistet wird. Ach ja, diese Laboratorien gehören zu hundert Prozent einer der zahlreichen A.E.G.-Tochterfirmen.«

Aaron von Hofstaetter zuckte zusammen. Die Krake. Jemand hatte eine – so weit er es beurteilen konnte – wegweisende Technologie vernichtet, die der Rathenau-Firma gehören sollte. Oder hatte die Firma selbst etwas aus dem Wege geräumt, das ihr hätte gefährlich werden können? Eine Bedrohung für die Zukunft ausgeschaltet und die obendrein Versicherungssumme dafür kassiert?

»Weiß man schon etwas darüber, was dieses Luftschiff für einen Unfall hatte?«

»Unfall?« Von Ehrenberg lachte bitter. »Wenn ein angeblich defektes Steuergerät dafür sorgt, dass in allen fünf Tragekammern gleichzeitig Funken sprühen, und sich das Luftschiff daraufhin in einen Feuerball verwandelt, kann man ja wohl kaum von einem Unfall sprechen. Das war ein Attentat.«

»Ich habe in den Nachrichtensendungen nichts dergleichen gehört«, gab von Hofstaetter zu.

Von Ehrenberg zuckte die Schultern. »Darüber sollten Sie sich nicht wundern«, meinte er. »Nachrichten aus dieser Gegend werden handverlesen.«  Er begann, gespitzte Bleistifte im Rhythmus der Aufzählung auf den Tisch zu legen. »Es gibt so viele Spannungen derzeit. Der polnische König hat mit seinen aufsässigen Wojewoden zu tun und mit der reichsdeutschen Diplomatie, die wie üblich erst im dritten Anlauf begreift – wenn überhaupt –, was die Polen umtreibt. Die haben an der Ostseeküste mit dem Widerstand der Kaschuben zu tun, extrem dickköpfige Leute, wenn es gegen das ferne Warschau geht. Inzwischen sind die Kaschuben derart auf dem Quivive, dass sie mit anderen Kräften gemeinsame Sache machen. Sie haben Unterstützung in der heimlichen Hauptstadt Krakau und auch von den Huzulen weht der Wind dem ersten Lech entgegen.«

Fünf Faber-Castell-Stifte lagen nun säuberlich aufgereiht auf dem Tisch und wurden wieder in ihren Köcher zurückgestellt. »Ein Zeppelin-Attentat würde die Situation nur komplizierter machen«, stellte Pedro währenddessen fest.

»So, so«, murmelte von Hofstaetter gelangweilt. Er versuchte, einen Sinn zu sehen in der Vernichtung einer solch wichtigen Innovation. Wenn die A.E.G. diese Siliciumerfindung hätte stehlen lassen, wäre ihm das logisch erschienen. Neue, womöglich revolutionäre Technologie. Heim ins Reich damit. Aber sie zu zerstören? Was wäre damit gewonnen?

»Wer auch immer den Zeppelin in die Luft gejagt hat«, redete Pedro von Ehrenberg weiter, »muss in Danzig gewesen sein. Die Höllenmaschine ist zweifelsfrei in einem Frachtabteil gewesen, in dem ausschließlich Sendungen für die Freistadt untergebracht waren, verzollt und verplombt.«

Aaron von Hofstaetter schüttelte den Kopf, und sein Blick folgte dem nächsten Luftschiff, das bedenklich tief über das Nachbargrundstück hinwegbrummte.

»Da wäre es also möglich, dass der Attentäter mit mir gemeinsam in Danzig auf dem Flugfeld gewesen ist.«

»Das wäre möglich.«

Beide dachten darüber nach, während sie eine Weile die Leichtmetall-Zigarren beobachteten, die um die besten Plätze auf dem Flugfeld kämpften. Der Termindruck der Luftschiffer musste enorm sein, wenn man die riskanten Manöver am Himmel über Itzehoe richtig deutete.

  

D.   Danzig, 28. Februar 2006: Auslieferung Adresse Königsstraße

Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf, Directeur der NIXDORF & SIEMENS ELECTRICITÄTS-ACTIENSOCIETÉ, betrat das von Bodelschwinghsche Delicatessengeschäft in der Danziger Königsstraße durch den Haupteingang. Auf dem blank gewienerten Marmorboden waren direkt am Einlass dicke weiche Teppiche ausgelegt, um jedem Neuankömmling den Straßenschmutz von den Schuhen zu streifen. In diesen Genuss kam nur jemand, der die muskulösen Grandseigneurs vor dem Portal mit seinem Erscheinungsbild hatte davon überzeugen können, dass seine Person und seine Schuhe dieser Ehre würdig waren.

Die Teppiche wurden jede Stunde ausgetauscht.

Der Vicomte schlenderte ein wenig auf dem flauschigen Bodenbelag herum und musterte die deckenhohen Regale zur Rechten, in denen erlesene Singlemalt-Whiskies, italienische Grappa-Spezialitäten und sündhaft teure französische Cognacs in Geschenkverpackungen thronten. Zur Linken waren die Regale mit tintenfischgefärbter Pasta, Argan-Öl-Phiolen, russischem Beluga-Kaviar und persischem Safran beladen. Als der Vicomte tiefer in den Gourmet-Tempel hineinschritt, wurde er von der Seite angesprochen. Ob er bei seinem Einkauf beraten zu werden wünsche? Zufrieden registrierte zu Teufel-Walldorf, dass sich seine Einkäufe in Genève und Marseille gelohnt hatten. Man sprach ihn auf Französisch an, der in Danzig  gleich nach Deutsch und vor Polnisch meistgenutzten Sprache. Offenbar war er elegant genug gekleidet. Das Diplomatenköfferchen mit den Elfenbeinintarsien wolle man gern für ihn aufbewahren, damit er die Hände frei habe für seinen Rundgang. Er lehnte höflich, aber bestimmt ab und schritt die freischwebende Treppe in den ersten Stock hinauf.

Damit verließ Teufel-Walldorf das Reich auserlesener Spezereien und goldbedampfter Absinthflaschen, um sich oben zwischen Folianten und kostbaren Drucken wiederzufinden. Von Bodelschwingh frönte hier seiner zweiten Obsession, der Literatur und den seltenen Büchern.

Der Vicomte schritt vollgestopfte Regale entlang, von denen seltene Karten und Stadtansichten herabhingen. Eine mit Blattgold belegte Weltprojektion zeigte die Länder – geographische Realitäten ignorierend – in jener Größe, die ihrer Wichtigkeit in der Weltpolitik entsprach. Europa mit den drei Elefanten Frankreich, Deutschland und Russland überstrahlte alles. England und Japan versuchten mehr schlecht als recht, mitzuhalten, während die Neue Welt mit den hoffärtigen Vereinigten Staaten nur eine Rolle am Katzentisch spielte. Sehr schön, dachte zu Teufel-Walldorf und ging weiter, da hat sich des alten Kanzlers Hartnäckigkeit gelohnt. Achtzehn Genueser und Rapallo-Verträge in zwanzig Jahren, und am Ende sprach er beinah besser Französisch als Briand.

Hier oben gab es keine Verkäufer, die den Kunden nach Wünschen befragten. In den Regalen standen Erstausgaben, Inkunabeln und Prachtbände mit alten Stichen, direkt neben Sammelbänden mit Photographien in der neuesten Sechzehn-Farben-Drucktechnik, der man nachsagte, sie liefere Abbilder, die um vieles lebendiger und beeindruckender wären als die Wirklichkeit. Dazwischen sah der Vicomte Romane, Lexika und Stundenbücher. Wer hier etwas finden wollte, verfügte sich hinter die Vorhänge am Eingang und fragte die Bodelschwinghschen Connaisseurs, die sich auf unergründliche Weise in diesem Wunschtraum jedes Büchernarren zurechtfanden. Wenn es irgendetwas Gedrucktes hier mit Sicherheit nicht zu kaufen gab, dann war es der Spectateur  mit seinen riesigen Schlagzeilen.

Am Ende des weitläufigen, völlig überladenen Raumes blickte zu Teufel-Walldorf gelassen um sich, der komplette Grandseigneur.

Niemand achtete auf ihn.

Er verschwand durch eine verborgene Tür, von deren Existenz nur wenige Menschen wussten; und keiner von ihnen war derzeit in Danzig. Mit wenigen Schritten gelangte er in jenen Raum, in dem sich abends die Bodelschwinghsche Gesellschaft einfinden würde, um über die nächsten Schritte zu beraten. Man wollte dem Fortschritt einen gewaltigen Schub geben, unerhörte Neuheiten einführen, die Contenance des Reiches erschüttern.

Teufel-Walldorf kannte einige ihrer Pläne, andere ahnte er.

Heute Abend würden sich hier die gewitztesten Köpfe einfinden, die das deutsche Reich, die französische Republik und die polnischen Wojewoden aufzutreiben wussten. Selbst aus Russland würden seltsame Genies anwesend sein. Eine gute Gelegenheit, um ordnend in die Angelegenheit einzugreifen. Eine Zusammenkunft wie ein Wendepunkt, der über die Zukunft mitentscheiden konnte. Ein Nexus.

Der Vicomte öffnete sein Köfferchen, indem er seinen Daumen auf einen versteckt angebrachten Fingerabdruckleser drückte, das einzige derartige Gerät auf dem ganzen Planeten. In dem Köfferchen befand sich neben anderen Dingen ein in graues Leinen eingeschlagenes Päckchen, das zu Teufel-Walldorf sehr vorsichtig heraushob. Er schloss das Köfferchen und deponierte die Höllenmaschine an genau dem vorgesehenen Ort. Die Detonation würde alle Türen auf dieser Etage aus den Angeln reißen und einen Feuersturm aus den Fenstern von drei Zimmern treiben. Verheerung, Desaster, Zerstörung. Die Elite von drei Staaten hatte keine Chance. Leider die vielen wertvollen Bücher auch nicht.

Auf dem Rückweg bog der Vicomte ab und betrat den verschwenderisch ausgestatteten Waschraum. In diskreten Nischen befanden sich die Plätze, zu denen sich selbst ein König allein begibt. Er kontrollierte sicherheitshalber ein letztes Mal das Privé, in dem er als einziger der ganzen Gesellschaft das Attentat zu überleben gedachte. Die Feuerwolke würde an dieser Tür Halt machen. Sie war dick, schwer und für ein stilles Örtchen völlig überdimensioniert. Mooreiche, um Himmels willen, ein Holz, das Jahrhunderte Zeit gehabt hatte, hart und immer härter zu werden.

Zu Teufel-Walldorf nickte zufrieden. Seine Berechnungen waren wie immer perfekt. Er schloss die tresorartige Klotür, überprüfte in den deckenhohen Kristallspiegeln sein Erscheinungsbild und stellte zufrieden fest, dass seine Garderobe unauffällig und geschmackvoll mit seinem Aktenköfferchen harmonierte.

Als er durch den prachtvollen Laden nach draußen schlenderte, kaufte er aus einer Laune heraus einen unbeachteten Erstdruck von Konrad Zuses Plankalkül aus den Fünfzigerjahren. Noch so ein Genie, dachte er, dem man leider die Tour vermasseln musste. Schade. Aber es musste sein.

 

E.   Danzig, 1. März 2006: Hinter den Intarsien

Cyrus, der Schah von Persien, geruhte ein paar aufmüpfige Religionsführer zu begnadigen, nachdem er ihre Familien hatte erschießen lassen. In Afrika erwiesen sich die Gerüchte um eine neue Goldmine als stark übertrieben, und der Wert der betreffenden Kolonie hatte sich flugs halbiert. In Mittelamerika hatte irgendein völlig unbekannter Staat den Botschafter der Vereinigten Staaten hinausgeworfen, nachdem eine niederträchtige Militäroperation aufgeflogen war.

Soweit die Welt. Und Europa?

Die Kaschuben waren weiterhin aufsässig, und der Starrsinn der Wojewoden half der königlich-polnischen Macht nicht sonderlich weiter. Das deutsche Reich freute sich insgeheim der Zwistigkeiten im Nachbarland, während offiziell die französischen Verbündeten zugunsten Warschaus intervenierten. Auf dem Balkan hatten russische Truppen irgendwelche verfeindeten Volksstämme zur Ruhe gebracht, mit reichlich Schießpulver, so wie sie es üblicherweise taten.

»Alles wie immer«, sagte Aaron von Hofstaetter. Er warf die raschelnden Seiten des Spectateurs beiseite und schielte nach der Aktentasche, die in einem üppig gepolsterten Fauteuil nahe dem Kaminfeuer ruhte. Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf hatte sein aufwendig verziertes Diplomatenköfferchen dort deponiert, ehe er zu dem Empfang im Danziger Königshof entschwebt war, wie immer à la mode, geschniegelt und ausstaffiert, als würde er zu einem Defilée in Paris gehen.

Natürlich stand von den schrecklichen Ereignissen des Vorabends nichts im Blatt. So schnell waren die Druckerpressen denn doch nicht.

Die Ärzte hatten sich geweigert, den einzigen Überlebenden des furchtbaren Sprengstoffattentats am selben Abend zu entlassen. Von Hofstaetter hatte nur kurz mit ihm telefonieren können; die Doctores waren wirklich sehr besorgt. Natürlich war Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf zutiefst indigniert gewesen, die Nacht in der Obhut der Barmherzigen Schwestern verbringen zu müssen. Es blieb ihm allerdings nichts anderes übrig.

»Verflixt und zugenäht«, hatte er gesagt, »die tun hier so, als wäre es geradezu ein Skandal, dass ich am Leben bin. Dabei hatte ich nur zuviel Wasser zum Chardonnay getrunken, und kaum bin ich retiriert, verwandelt sich Danzigs Königsstraße in eine Feuerhölle!« Die Stimme klang ungläubig. »Der Innenarchitekt des Hauses Bodelschwingh hat Toilettentüren aus massiver Mooreiche einbauen lassen, was ich schon ein wenig dekadent finde. Anderenfalls jedoch könnte ich gar nicht mehr telefonieren, sondern Sie müssten mittels einer Séance mit mir Kontakt aufnehmen.«

Von Hofstaetter fand den müden Witz unpassend angesichts der verheerenden Folgen des Anschlags. Einige der verheißungsvollsten Köpfe der verbündeten Mächte waren ihm zum Opfer gefallen. Der Verdacht hatte sich sofort auf die einzige europäische Monarchie konzentriert, die einen Vorteil aus dem Zwischenfall ziehen konnte. London hatte natürlich sofort jede Beteiligung an der Geschichte weit von sich gewiesen. Hinter den Kulissen ratterte das Räderwerk der Diplomatie.

»Und passen Sie bitte gut auf  meine Aktentasche auf«, hatte zu Teufel-Walldorf noch gesagt. »Sie enthält Dinge von beträchtlichem Wert, deren Verlust für mich vollkommen inakzeptabel wäre.« Dann wurde das Gespräch von irgendeiner besorgten Florence Nightingale beendet.

Aaron Chevalier von Hofstaetter warf einen langen, nachdenklichen Blick auf die Aktentasche. Ein Kunstwerk, unzweifelhaft, und der Vicomte pflegte es fast immer bei sich zu führen. Er trieb geradezu einen Kult um dieses Gepäckstück, und von Hofstaetter hatte sich sehr gewundert, dass ausgerechnet er zum Beschützer des Köfferchens avanciert war. Andererseits war es kaum vorstellbar, zum Bodenschwinghschen Empfang in klassischer Abendgarderobe zu erscheinen und dabei ein Gepäckstück mit sich zu schleppen, wie edel gearbeitet es auch sein mochte.

Wenn ich darauf aufpassen soll, sagte sich von Hofstaetter, kann ich mir das Schmuckstück getrost näher ansehen. Er drehte es vorsichtig in den Händen, überrascht von dem beträchtlichen Gewicht. Er musterte die Verzierungen und ließ seine Fingerspitzen über perfekt eingebettete Intarsien gleiten. In der Nähe des Schlosses stutzte er. Da war eine winzige Klappe. So raffiniert getarnt, dass ein weniger geschultes Auge sie unmöglich entdecken konnte. Von Hofstaetter öffnete den verborgenen Mechanismus und entblößte unter der Klappe ein tiefschwarz schimmerndes Viereck, ein daumenabdruckgroßes Stück Obsidian. Sehr mysteriös.

Aaron von Hofstaetter stutzte.

Daumenabdruck? Hatte er nicht einmal, nur aus dem Augenwinkel, den Vicomte gesehen, wie er an seiner Tasche hantierte und seinen Daumen kurz neben das Schloss hielt, ehe er samt der Tasche in irgendeinem cabinet particulière entschwand?

Das Vergrößerungsglas an seiner Schnur war rasch aus der Westentasche geholt, und für Minuten studierte von Hofstaetter das rätselhafte Detail. Dann griff er zum Telefon und verlangte eine eilige Verbindung nach Itzehoe.

Es meldete sich nach einigen Sekunden Graf Pedro von Ehrenberg. Nachdem etwa fünf Minuten lang die unvermeidlichen Höflichkeitsfloskeln und der Austausch über das Wetter in Danzig und an der Juljanka ausgetauscht worden waren, beschrieb von Hofstaetter, was er vor sich hatte, ohne allzu sehr ins Detail zu gehen. Er erwähnte nicht, was gestern geschehen war, und er vergaß mitzuteilen, wem die in Frage stehende Vorrichtung gehörte.

»Wäre es vorstellbar«, fragte er dann, »dass so ein kleines Fensterchen einen Mechanismus enthält, der ein daktylogramme prüft? Und nur demjenigen den Zugang gestattet, der im Innern auf irgendeine Weise gespeichert ist?«

Nun war Graf Pedro von Ehrenberg ein begnadeter Spinner, dem jedes Rätsel ein Gräuel und Anlass zu wilden Spekulationen war. Einmal in Gang gesetzt, spuckte sein überreiztes Hirn eine schräge Theorie nach der anderen aus. Auf dieser Fähigkeit beruhten alle Patente, die DISQUE DUR besaß. Schwierig war es nur, den Müll unter von Ehrenbergs Ideen von jenen Gedanken zu trennen, die man tatsächlich verwerten konnte. Der Graf sprudelte los, als habe jemand den Stöpsel aus einer Phiole Unsinn gezogen. Er fand die ganze Idee viel zu weit fortgeschritten, im Grunde genommen Zukunftsmusik, selbst wenn es schon Karteien gab mit den Fingerkuppenmustern von Verbrechern. Die französische Justiz, deutlich weniger skrupulös als deutsche Gerichtsbarkeit, hatte bereits Leute auf die Guillotine geschickt, nur irgendwelcher Papillarabdrücke wegen, die an kompromittierenden Stellen gefunden worden waren.

Eine Weile ließ von Ehrenberg sich über forensische Forschung aus und die Unverwechselbarkeit von solchen Abdrücken. Von Hofstaetter ließ alles über sich ergehen. Er wusste, dass Pedro früher oder später zum Thema zurückfinden würde. So war es immer. Eine spinnerte Idee nach der anderen verstellte fürs erste den Weg dahin. Aaron von Hofstaetter hörte geduldig zu und notierte gelegentlich etwas in seinem Notizbuch. Die abwegigsten Gedankengänge des Grafen ignorierte er völlig, die verrückten bekamen ein Stichwort, während einleuchtende Einfälle ausführlicher niedergeschrieben wurden. Etliche Minuten und vier Seiten eng beschriebener Notizbuchseiten später war das Gespräch beendet. Von Hofstaetter verdrängte den Gedanken daran, wie viel hunderte Reichsmark dieses ausgiebige Ferntelefonat gekostet haben mochte, und brütete eine Weile über seinen Notizen.

Dann stand er auf, holte Talkumpuder aus dem gut ausgestatteten Bad und bestäubte damit die Champagnerflöte, die der Vicomte am Abend zuvor benutzt hatte, ehe er zu dem verhängnisvollen Empfang gegangen war. Muster mit verschlungenen Linien erschienen auf dem Glas. Komplizierte Siegel, bei jedem Menschen unverwechselbar und einmalig. Aaron hatte wieder was dazugelernt. Mit einem Stück Celluloid nahm von Hofstaetter das Muster vorsichtig ab und applizierte es auf dem Fensterchen der Aktentasche. Dann hielt er den Atem an. Ein kurzes Summen ertönte, und das Schloss sprang auf.

Aha.

Sehr aufschlussreich. Von wegen viel zu fortschrittlich, erst in zwanzig Jahren, Zukunftsmusik und so weiter. Das mochte ja für Itzehoe und DISQUE DUR zutreffen, bei der NIXDORF & SIEMENS ELECTRICITÄTS-ACTIENSOCIETÉ und ihrem directeur sah das offensichtlich anders aus.

Von Hofstaetter spähte angemessen beeindruckt ins Innere des Köfferchens. Allerlei Papiere in schmalen Aktenmappen. Eine winzige Börse aus feinstem Ecrasé-Leder, die offenbar mehr Geld gekostet hatte, als man in ihr unterbringen konnte. Und ein flaches rechteckiges Ding, etwas größer als eine Aktenmappe, aus einem geheimnisvoll schimmernden Material, das aussah, als wäre es eben erst auf dieser Welt erschienen. Neben einem länglichen Knopf leuchtete ein zartes Licht, glomm auf und erstrahlte, verblasste bis fast zur Unsichtbarkeit und erstrahlte langsam wieder. Ein Licht, das den Rhythmus eines atmenden Menschen imitierte.

Aaron von Hofstaetter konnte nicht anders. Er zog das Ding heraus, staunte über das Gewicht, und als er es aufklappte, schnappte er nach Luft. Leises Summen ertönte. Licht drang aus der Oberfläche des Artefakts. Da war eine komplette Schreibmaschinentastatur, edel und berückend schön, darüber im Innern des Deckels eine schimmernde Fläche, auf der Licht zuckte und ein Symbol bildete. Da leuchtete die Zeile »Bitte Kennwort eingeben«. Darunter eine leere Zeile, offenbar wartend auf das besagte Kennwort. Von Hofstaetter starrte minutenlang darauf, als bestünde die komplette Welt ausschließlich aus diesen Buchstaben. Er spürte, wie der Boden unter seinen Füßen davonglitt. Hätte er nicht in einem dieser unverschämt bequemen Fauteuils gesessen, er wäre umgefallen. Er wusste, was das war.

Er hatte es in Stockholm gesehen.

Einer der verrückten Spinner aus Übersee, gekleidet in skandalöse Jeanshosen und einen schwarzen Schlabberpullover, hatte dort einen Zeitstrahl entwickelt, eine phantastische Reise von einer Erfindung zur nächsten, und am Endpunkt hatte so was Ähnliches gestanden. Ein mobiler ordinateur. Ein Rechner, der eingegebene Befehle ausführte, mit winzigen elektrischen Schaltkreisen arbeitete und seine Informationen auf rotierenden magnetischen Scheiben vorrätig hielt. Und genau das war die Erfindung, die DISQUE DUR entwickeln wollte. So in zehn, zwanzig Jahren. Andere Leute mussten erst einmal solche Anzeigeflächen erfinden, solche Tastaturen und solche atmenden Lichter. Die Zukunft würde großartig sein...

Aber an diesem Ding war das alles schon da. Aaron von Hofstaetter ließ seine Finger wie in Trance über die Tasten gleiten. Er würde nicht versuchen, ein Kennwort einzugeben, was auch immer das sein mochte. Dies hier überstieg bei weitem alles, was er sich hatte vorstellen können. Es war nicht von dieser Welt.

Er schloss sehr langsam den Deckel und hörte zu, wie jenes leise sirrende Etwas im Innern des Gerätes zur Ruhe kam, eine Mechanik, die er nur ansatzweise begriff. Ein paar Minuten saß er da, auf dem Schoß dieses Dinges mit dem atmenden Lämpchen, und versuchte, seine Gedanken in den Griff zu bekommen. Ohne Erfolg. Als er das Gerät umdrehte, las er, was dort stand. Die Buchstaben kannte er. Was mochte Apple, Inc. Nur bedeuten? Und von einem Ort namens Cupertino hatte er nie zuvor gehört. California allerdings war ihm ein Begriff. Irgendwo in der Neuen Welt war das. In einer Gegend, von der man einen guten, fruchtigen Wein erwarten konnte oder ein herzhaftes Dosenfleisch, jedoch kein hirnsträubendes Stück Technologie wie das hier. NIXDORF oder sonst jemand waren ihrer Zeit um Jahrzehnte voraus. Oder in California geschahen neuerdings Wunder. Oder der directeur war ein Ding aus einer anderen Welt.

Von Hofstaetter erschauerte.

Er hatte kürzlich einen Band ausländischer histoires extraordinaires konsumiert, alle vollkommen verrückt. Zeug der grüblerischen Sorte ... wenn die Römer nicht anno 09 von den Germanen massakriert worden wären, wenn Napoleon bei Waterloo gewonnen hätte oder wenn Rathenau erschossen worden wäre, ehe er Kanzler werden konnte. Insbesondere die Vision über den ermordeten Reichskanzler hatte von Hofstaetter tief schockiert, all diese hasserfüllten Phantasien über einen neuen Krieg mit Frankreich, einen Weltenbrand und die Rückstufung des deutschen Reiches zu einem ebenso friedlichen wie bedeutungslosen Agrarland, dessen Bevölkerung vor lauter Gräberpflege nicht mehr zur Besinnung kommen konnte.

Unendlich langsam, sehr vorsichtig, steckte er das weißschimmernde Ding – es atmete lautlos mit seinem fahlen Licht – in die Aktentasche zurück und schloss sie. Fasziniert beobachtete Aaron von Hofstaetter, wie die Klappe über dem Daumenerkennungsfenster zuschnappte.

Er sollte mehr über Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf in Erfahrung bringen. Sehr viel mehr.

  

F.   Dresden, 14. April 2006: Auf der falschen Seite der Falle 

Die große Villa auf dem Weißen Hirsch blickte über die Elbe hinüber auf die Silhouette der alten Stadt, deren Kirchtürme nur undeutlich über dem Dunst zu sehen waren, der von den Elbauen aufstieg. Aaron Chevalier von Hofstaetter hatte angesichts der kühlen Witterung beizeiten die Innenheizung seines Jacketts eingeschaltet und umrundete zusammen mit Herrn Kowalski ein weiteres Mal das Gebäude. Herr Kowalski seinerseits war sehr geduldig, was kein Wunder war angesichts des Stundensatzes, den das Danziger Büro für seine Dienste berechnete.

»Die großen Flügeltüren zum Garten hinaus sind verstärkt worden«, sagte er und schaute gelangweilt in die hereinbrechende Dämmerung über der Stadt, die hinter dem Garten undeutlich wie ein impressionistisches Gemälde ausgebreitet lag. Es war kein einziger Zeppelin in der Luft. Die Reichslufthansa durfte sich über der alten Stadt nicht zeigen, um das schöne Landschaftsbild nicht zu stören, und musste große Umwege in Kauf nehmen, um nach Klotzsche zu gelangen.

»Das Glas ist kugelsicher«, erklärte Herr Kowalski. »Ohne Werkzeug und viel Zeit kann man es nicht durchdringen.« Sein Deutsch war makellos, allerdings mitunter zu korrekt, zu bemüht, um jede Spur eines polnischen Akzents zu vermeiden. »Die Seitenausgänge werden bewacht. Unsere Leute dort tragen die Livreen des Besitzers und geben sich als seine Bediensteten aus. Der Haupteingang liegt im Scheinwerferlicht und wird ganz offen von mehreren Bewaffneten abgesichert.«

»Gut«, sagte Aaron und betrachtete das Haus, ein ganz normales prächtiges Anwesen aus der späten Kaiserzeit, wie sie auf dem Weißen Hirsch nicht ungewöhnlich waren. Man sah ihm nicht an, dass es in eine Festung verwandelt worden war.

Herr Kowalski räusperte sich. »Ich muss gestehen, dass ich den Sinn all dieser Vorkehrungen nicht begreife«, sagte er. »Wenn Sie Sorge wegen eines Einbrechers tragen, dann  ...«

»Das ist es nicht«, unterbrach ihn von Hofstaetter. »Eher das Gegenteil. Ich erwarte einen Gast, den ich mit einigen sehr unangenehmen Informationen konfrontieren will. Und ich muss unbedingt verhindern, dass er danach das Grundstück wieder verlässt, ohne mir ein paar Fragen beantwortet zu haben.«

Herr Kowalski bedachte dies einige Minuten. »Ich verstehe«, sagte er. »In diesem Fall muss ich Sie fragen, ob Sie sich bewaffnet haben?«

Der Chevalier betrachtete den Agenten verblüfft. »Natürlich nicht. Es handelt sich um einen Mann von Ehre.«

Herr Kowalski nahm es mit einem leichten Nicken zur Kenntnis. Dann ging er wie vereinbart auf seine Runde, um die anderen Mitarbeiter reihum abzugehen – Herrn Kowalski am Lieferanteneingang, Herrn Kowalski an der Gärtnertüre, die beiden Herren Kowalski am Haupttor und so weiter. Diese Männer, die man um gutes Geld anwerben konnte, waren sehr verschwiegen, sehr zuverlässig, sehr sportlich, und alle hießen Kowalski.

Der Gebrauch der Namen sagt eine Menge über die Menschen aus, dachte Aaron von Hofstaetter, während er in den Salon hinüberging. In Deutschland gibt es seit Rathenau ausschließlich Adelstitel, und in der Agentur nur Kowalskis. So werden die Dinge einfacher.

Im Salon war alles vorbereitet. Dokumente, Beleuchtungseffekte, die Camera Obscura. Von Hofstaetter hatte sich eine Menge Gedanken gemacht, und gemeinsam mit Graf Pedro von Ehrenberg war ein Plan entstanden, von dem sich Aaron eine Menge versprach. Der Kern dieses Planes bestand darin, einen directeur der NIXDORF & SIEMENS ELECTRICITÄTS-ACTIENSOCIETÉ nach Dresden zu locken, genau in dieses Gebäude, und dann eine Falle zuschnappen zu lassen.

»Eine Mausefalle für einen der bedeutendsten Menschen der Welt«, hatte Graf Pedro geschwärmt.

»Für einen der rätselhaftesten Menschen der Welt«, hatte von Hofstaetter ihn korrigiert. Pedro hatte diese Feststellung hingenommen, dabei wusste er noch nicht einmal alles, was Aaron herausgefunden hatte.

Er sollte es auch niemals erfahren.

Als eine halbe Stunde später Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf die Freitreppe des Schlösschens emporschritt, war alles für seine Einschließung bereit, und fünf Kowalskis beobachteten von ihren schattigen Standpunkten aus, wie sich die Flügeltüren hinter ihm schlossen. Von nun an würden sie niemanden mehr aus dem Gebäude herauslassen – ganz gleich, was geschah.

In der Linken trug zu Teufel-Walldorf seine kostbar aussehende Aktentasche, die mit den fein gearbeiteten Intarsien. Er hielt sie immer noch in derselben Hand, als er Aaron von Hofstaetter begrüßte. Er stellte sie direkt neben seinen Fauteuil, während er unter belanglosem Geplauder ein leichtes souper mit seinem Gastgeber einnahm. Und er spielte mit seinen Fingern gedankenverloren auf den Verzierungen des Gepäckstücks herum, während der Mitinhaber von DISQUE DUR ihn über die Einzelheiten der Erfindung in Kenntnis setzte, die sein Unternehmen zur Marktreife entwickeln wollte. In schmalen Gläsern stand auf dem Tischchen zwischen ihnen hundertjähriger Rémy Martin, den der Vicomte ebenso wenig anrührte wie von Hofstaetter. Mit bunten Bildern, die auf schneeweißes Leinen geworfen wurden, illustrierte von Hofstaetter die grundlegenden Konzepte seiner Erfindung, und er ließ den großen Anteil Graf Pedros nicht unerwähnt.

»Ich habe Ihnen mehr enthüllt, als ich durfte«, sagte Aaron und ließ sich in die Polster eines Fauteuils zurücksinken. Obwohl alle Fenster und Türen geschlossen waren, wehte ihn ein frostiger Hauch an. Die Schautafeln und Diagramme auf ihren heruntergefahrenen Leinwänden schaukelten leicht vom Schwung seiner Präsentation. »Graf Pedro von Ehrenberg würde mir glühende Zigarren auf den Händen ausdrücken, wenn er von diesem Gespräch wüsste.«

»Oh«, machte zu Teufel-Walldorf, »Graf Pedro von Ehrenberg ist überraschenderweise gar nicht derjenige, um den es in dieser Sache geht ...«

Aaron schaute seinen Gast verwundert an. Dies war nur eine weitere von vielen merkwürdigen Bemerkungen, die der Vicomte gemacht hatte. Nun beschloss von Hofstaetter, endlich auf den Punkt zu kommen.

»Ich habe Nachforschungen anstellen lassen«, sagte er.

»Das ist mir nicht entgangen«, kommentierte der Vicomte kühl.

Aaron von Hofstaetter ignorierte ihn.

»Ich weiß, dass Sie in den Zwischenfall mit dem Luftschiff bei Danzig verwickelt waren«, fuhr er fort. »Wie die Sache genau durchgeführt wurde, weiß ich nicht. Aber eine sehr bedeutende Erfindung von Oskar Heil wurde dabei vernichtet, mit allen Dokumentationen und allen experimentellen Geräten. Ein enormer Verlust.«

»Was Sie nicht sagen.«

»Niemand auf dieser Welt kann sagen, welche Einbuße die Menschheit bei diesem Luftschiffabsturz erlitten hat, oder um wie viele Jahre die moderne Technik zurückgeworfen wurde.«

Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf hob eine Augenbraue; was weniger wie eine Geste der Belustigung als eher wie der Ausdruck von Respekt wirkte. Aaron fand das beunruhigend, und er redete schnell weiter, ehe ihn sein Mut und der Fluss der Worte verlassen konnten.

»Das Bombenattentat in Danzig, das Sie so überaus glücklich hinter der Mooreiche überleben konnten, wird mit gewissen anderen Ereignissen in Zusammenhang gebracht. Zum Beispiel damit, dass jemand, dessen Beschreibung sehr nach Ihrer Person klingt, einen Tag vorher im Gebäude gesehen wurde.« Von Hofstaetter warf einen viel sagenden Blick auf den Aktenkoffer. »An diese Tasche beispielsweise konnte man sich sehr gut erinnern, fürchte ich.«

Der Vicomte legte die Fingerspitzen beider Hände aneinander und entspannte sich; sein Blick ruhte interessiert auf dem Gesicht seines Gesprächspartners.

»Ah ja.«

»Viel interessanter waren die Informationen, die ich mithilfe gewisser dienstbarer Geister sammeln konnte«, sprach Aaron weiter. Jetzt nur nicht erwähnen, was all die Kowalskis für ein Heidengeld gekostet haben, dachte er. »Ich fand es außerordentlich bemerkenswert, dass ein directeur der NIXDORF & SIEMENS ELECTRICITÄTS-ACTIENSOCIETÉ existiert, den kein Geschäftsbericht aufführt und den selbst im Hauptsitz des Unternehmens niemand zu kennen glaubt – ein directeur, der nichtsdestotrotz einige der wichtigsten Patente der Firma hält, in zahlreiche finanzielle Transaktionen verstrickt ist und der«, von Hofstaetter beugte sich vor und blickt dem Vicomte direkt in die Augen, »vor etwa sechs Jahren aus dem Nichts auf der Bildfläche erschienen ist.«

Mit einer raschen Bewegung stand Aaron auf und zog an einer besonders markierten Schnur eine weitere aufgerollte Schautafel herab. Auf ihr war der Lebenslauf des Vicomte verzeichnet, ein Zeitstrahl mit zahlreichen Verweisen auf entsprechende Dokumente. Alle Belege waren von den Kowalskis sorgfältig geprüft worden. Und jene, deren Echtheit sie nicht bestätigen konnten, hatte man mit Fragezeichen versehen. Bei allen Nachweisen, die älter waren als die besagten sechs Jahre, sprangen die points d'interrogation umher wie Mailämmer. Die Vergangenheit des zu Teufel-Walldorf war eine Landschaft aus anklagend dreinschauenden Fragezeichen.

Aaron ließ sich wieder in seinen Fauteuil sinken.

Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf tippte die Fingerspitzen in einem vertrackten Rhythmus aneinander, und für einige Sekunden starrte Aaron wie hypnotisiert darauf. Er erkannte das Metrum als einen 7/4-Takt und sprach rasch weiter.

»Ihr Studium, Ihr Gymnasium, Ihre Abstammung – alles das ist nicht nachprüfbar. Ihre Vergangenheit liegt verborgen unter Schichten zweifelhafter Dokumente. Ob Sie vor Ihrem einunddreißigsten Lebensjahr existiert haben, ist nicht tatsächlich nachweisbar. Daran haben Fachleute gearbeitet und sind beinah in den Wahnsinn geraten. Erstklassige Arbeit.«

Er ließ offen, ob er die Tarnung des Gegners meinte oder die Recherchen seiner Kowalskis. In einer bedeutungsvollen Pause rutschte er auf seinen ledernen Polstern nach vorn, nippte sehr langsam am Rande des Cognacs und kam zum Schluss.

»Ich bin bereit, das alles ruhen zu lassen und all die Dossiers im Tresor zu belassen, bis sie vom Schimmel zernagt sind. Es interessiert mich nicht sonderlich. Was mich interessiert, ist die Frage danach, ob Nixdorf oder Siemens oder beide bereit sind, in die phantastischen Möglichkeiten zu investieren, die DISQUE DUR möglicherweise bietet.«

In die Augen des Vicomte schlich sich ein belustigter Ausdruck. Er stand auf, öffnete das geheimnisvolle Köfferchen  – und zog daraus nicht etwa das geheimnisvolle Ding aus Cupertino hervor, sondern einen länglichen Gegenstand, eine Röhre von vielleicht vierzig Zentimetern Länge. Danach begann er durch den Salon zu stolzieren und mit dem Ding im Takt seiner Worte in der Luft herumzufuchteln.

»Sehen Sie, sehr geehrter von Hofstaetter, es gibt gewisse Knotenpunkte, die alles zusammenhalten, viele verschiedene Dinge miteinander verbinden«, sagte er in einem leicht dozierenden Tonfall. »Solche Zusammenballungen von Schicksal nennt man einen Nexus. Wenn man einen solchen ausschaltet, rasten Erfindungen, Menschen und Ereignisse in die Schienen einer anderen Fügung ein. Der Zug der Geschichte nimmt ein anderes Gleis. Seit der Detonation in Danzig können gewisse Ereignisse nicht mehr eintreten, weil die beteiligten Personen nicht mehr am Leben sind, beispielsweise.«

Er hielt inne, nahm nun doch das schimmernde Gerät heraus und klappte es auf. Blitzschnell tackerten seine Finger ein Kennwort hinein, eine Fläche erstrahlte bunt.

»Eine Welt, in der Rathenau niemals Reichskanzler wurde, weil er anno 1922 ermordet worden ist, ist ein anderes Beispiel. Dies wäre eine Welt, in der von dieser schönen Stadt dort«, er wies hinüber zu dem matten Lichtermeer, das aus der Dresdner Innenstadt durch den Nebel heraufschimmerte, »nur Trümmer übrig sind. Eine Welt, in der Kopien der wichtigsten Bauwerke errichtet werden mussten.«

Das Gerät zeigte ein Bild, das unmöglich war. Von Hofstaetter benötigte einige Augenblicke, um zu begreifen, was er da sah. Er erkannte erst an der Silhouette des Zwingers im Hintergrund, was das sein sollte. Die Innenstadt von Dresden, zermalmt und zerstört. Nur ein fragmentarischer Rest der Frauenkirche erhob sich aus dem Schutt. Der Künstler hatte einer äußerst morbiden Phantasie freien Lauf gelassen und sogar Leichen zwischen die Trümmer gezeichnet  ... dennoch sah dieses Bild aus wie eine Photographie.

Aaron von Hofstaetter löste seine Augen von dieser Abnormität und sah den Vicomten verwirrt an.

»Ein Nexus«, wiederholte er.

»Ja«, bestätigte zu Teufel-Walldorf. »Als Sie meinen ... Sie würden es einen ordinateur nennen  ... besichtigt haben, hat eine eingebaute Kamera Ihr verblüfftes Gesicht aufgenommen, wissen Sie. Aber da hatte ich bereits erfahren, dass Sie das Zentrum des nächsten Nexus' sein würden, und habe mir die Pläne all der alten Weinkeller auf dem Weißen Hirsch besorgt.«

Ein Gefühl der Bedrohung beschlich Aaron von Hofstaetter. Langsam ging ihm auf, dass alle Wege nach draußen versperrt waren, und versperrt bleiben würden. Dafür würde Herr Kowalski schon sorgen, und zwar an allen Türen und Pforten gleichzeitig. Er war hier drinnen eingesperrt mit einem Irren, der als einziger einen geheimen Ausgang kannte; kein gutes Gefühl.

»Mein ordinateur kann Opferschätzungen ausgeben, je nachdem, ob ein Nexus ausgeschaltet wird oder nicht. Den Attentäter Rathenaus brutal zu garottieren war sicherlich eine scheußliche Gewalttat. Dieser Mord jedoch hat einen fürchterlichen Krieg verhindert und vielen Millionen das Leben gerettet  ... die Geschichte in andere Bahnen gelenkt. Ich weiß es.« Der Vicomte klappte den ordinateur wieder zu und ließ ihn hinter den Intarsien verschwinden. Dann schaute er von Hofstaetter in die Augen, und es war keine Spur von Leichtigkeit in seinem Gesicht.

»Ich kenne eine Welt, in der es weder Rathenaus viele Rapallo-Verträge gegeben hat noch das Zeppelin-Förderungsgesetz. Ich komme aus einer Welt, in der Leute wie Ihr Freund Pedro nicht existieren, nur weil ihre Famile früher Güldenstern hieß.«

Aaron von Hofstaetter spürte, wie sich der Boden unter seinen Füßen zu bewegen schien  ... als zöge jemand einen Teppich unter ihm weg.

Der directeur schraubte das längliche Futteral auf und spähte nachdenklich hinein. »Keine schöne Welt«, murmelte er, »verglichen mit der Ihren. Weniger friedlich.«

Aaron von Hofstaetter schauderte. Ein Eisschrank hatte hinter ihm seine Türen geöffnet. Was zum Teufel ging hier vor?

»Das Dresdener Luftschiff zum Absturz zu bringen«, sagte der Vicomte, »ließ den ersten Nexus erlöschen. Eine sehr gefährliche Erfindung wurde, nun ja, entfunden. Das Attentat in der Königsstraße brachte den zweiten Nexus zum Verschwinden, genauer gesagt, eine Gruppe von Leuten, deren Ideen zu Veränderungen hätte führen können. Zu sehr gefährlichen Veränderungen. Ein letzter Nexus bleibt übrig, der dritte. Ganz wie im Märchen, wenn der Held drei Aufgaben zu erledigen hat. Ich dachte, es wäre der notorische Kreativling, den ich zu tilgen hätte, aber nein  ... Graf Pedro darf weiterleben. Sie allerdings nicht, Aaron Chevalier von Hofstaetter.«

Ein hauchdünn geschliffener Stahl, von einem Moment zum anderen hervorgerissen aus seinem Gehäuse, zielte plötzlich auf den entsetzten Aaron von Hofstaetter. Über die Klinge zogen sich jene feinen Streifen, die das Schmieden nach Damaszener Art mit sich brachte.

»Wollen Sie damit sagen«, Aaron rang nach Luft, »dass Sie aus einer fremden Welt kommen ... von einem anderen Planeten?«

Vielleicht ließ der Verrückte von seinem Tun ab, wenn man ihm gestattete, sich als einen gestrandeten Außerirdischen darzustellen – sein ganzes Wahngebilde zu offenbaren, alle seine verschlungenen Gedanken. Das würde viel Zeit kosten.

Aaron brauchte dringend ein bisschen Zeit, um sich irgendwas einfallen zu lassen.

»Kein fremder Planet«, sagt Franz Vicomte zu Teufel-Walldorf, »ich komme genau wie Sie von der Erde. Nur einer anderen, unbearbeiteten Version. Einer viel zu schrecklichen Version, glauben Sie mir. Ich für mein Teil bringe lediglich ein paar weitere Korrekturen an. Ich sorge mit ein bisschen Gewalt für ein wenig mehr Friede.«

Es war zu spät, auf Zeit zu spielen: Die Klinge fuhr durch von Hofstaetters Kleidung, als wäre sie nicht vorhanden, und durchbohrte seine Brust. Als die Spitze des Stiletts an seinem Rücken herausdrang und die Lederbespannung des Fauteuils durchbohrte, ertönte ein kurzes, hässliches Knirschen.

Es tat überraschenderweise nicht so weh, wie Aaron sich derlei vorgestellt hatte.

»Glauben Sie mir«, flüsterte Teufel-Walldorf, und sein Mund war nur Zentimeter von Aarons erbleichendem Gesicht entfernt, »viele, viele Menschen werden nicht leiden und sterben, wenn Ihre Lebenslinie hier endet. Eine einfache Abwägung  ... und eine Abschätzung der Folgen.«

Er riss mit einem Ruck den Kurzdegen aus von Hofstaetters Leib. Jetzt tat es doch weh, und zwar höllisch.

Aaron stöhnte.

Sprechen konnte er nicht mehr. All die Venen und Arterien, die der wohlgezielte Stich getroffen und erbarmungslos durchtrennt hatte, begannen für das rasche Verbluten des Mitinhabers von DISQUE DUR zu sorgen.

Der Mund des Sterbenden bewegte sich. Über seine Lippen floss hellrotes Blut, und in seinen Augen stand eine Frage. Der Vicomte verstand, worum es ging, und zuckte bedauernd die Schultern.

»Warum ich hier bin, weiß ich nicht«, sagte er, »aber das weiß ja auch von euch niemand.«

 

 

 

©  2012 by Karsten Kruschel
Mit freundlicher Genehmigung des Autors
Erstveröffentlichung in Olaf G. Hilscher und Michael K. Iwoleit (Hrsg.), Nova 20 (Amrum Verlag, 2012)

Alle Rechte vorbehalten


Karsten Kruschel ist Schriftsteller aus Havelberg, der sich in der Science Fiction besonders zuhause fühlt. Für seine Romane und Kurzgeschichten wurde er mit zahlreichen deutschen Genre-Preisen ausgezeichnet. ›Teufels Obliegenheiten‹ war 2013 für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert.
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