Kurzgeschichte von James Tiptree: Ein Leben für eine Hudson-Bay-Wolldecke

© Paul Itkin/Unsplash

FICTION

Ein Leben für eine Hudson-Bay-Wolldecke (James Tiptree)


James Tiptree Jr.
15.08.2016

Das Zeitreisen birgt so manche Gefahr. Dass man möglicherweise in einer einsamen Berghütte von einer wunderschönen jungen Frau heimgesucht wird, ist die eine Seite. Dass man damit aber auch sein ganzes Leben aufs Spiel setzen kann, die andere ...

Mit dieser ebenso schönen wie schrägen Geschichte möchten wir auf das Werk einer großen Autorin aufmerksam machen, das gerade mit einer Gesamtausgabe gewürdigt wird: James Tiptree Jr. im Wiener Septime Verlag erscheinen ihre vollständigen Erzählungen, ihr einziger Roman sowie die großartige Biographie von Julie Phillips.

 

Dov Rapelle war ein netter Mensch, menschlich gesehen. Tatsächlich war er so nett, dass niemand bemerkte, dass er nicht der Hellste war, im Überlebenssinne. Zudem hatte er einen schlaksigen Skifahrer-Körper und ein einsames, verträumtes Kanadiergesicht, welches er von seinem fünften Großvater, der als Rutengänger hier raus nach Calgary, Alberta, zog, geerbt hatte. Zu der Zeit, als Dov zu diesem Gesicht kam, kam ein ganzer Batzen Alberta Hydroelectric mit. Doch die Rapelles lebten in einfachen Verhältnissen: Calgary, Alberta, war einer der wenigen Orte im einundzwanzigsten Jahrhundert, an denen ein junger Mann so wie Dov sein konnte, ohne total verzogen zu werden.

Calgary hat bekanntermaßen die höchsten Wassertürme auf dem Kontinent, und all den Tetra-Weizen und das Wintersportgeld. Und es war weit weg vom Boswash- und San-Frangeles-Lifestyle. Die Leute aus Calgary machen immer noch so Sachen wie nach Hause fahren, um ihre Familie über die Winterferien zu besuchen. Außerdem war man in Calgary nicht daran gewöhnt, von fremden Mädchen aus Callao, Peru, um 0200 am Weihnachtsmorgen angerufen zu werden.

Das Mädchen war recht emotional. Dov fragte unentwegt nach ihrem Namen, und sie weinte und schluchzte unentwegt: »Sag etwas Dovy, Dovy, bitte!« Sie hatte ein schnaufendes Quieken an sich, das jung und teuer klang.

»Was soll ich sagen?«, fragte Dov sachlich.

»Deine Stimme, o Dovy!« Sie weinte: »Ich bin so weit weg! Bitte, bitte sprich mit mir, Dovy!«

»Ähm, hör mal …«, setzte Dov an, dann war die Leitung tot.

Als ihn seine Familie fragte, was das war, zuckte er die Achseln und grinste sein freundliches Grinsen. Er verstand es nicht.

Weihnachten war am Montag. Mittwochnacht klingelte das Telefon erneut. Diesmal kam der Anruf aus Frankreich, aber es war ganz sicher dasselbe Mädchen.

»Dovy? Dovy Rapelle?« Sie atmete heftig.

»Ja, am Apparat. Wer spricht da?«

»O Dovy, Dovy! Bist du es wirklich?«

»Ja, ich bin's. Sag mal, hast du schon mal angerufen?«

»Habe ich das?«, fragte sie unsicher. Und dann fing sie an zu heulen: »O Dovy, o Dovy«, und sie führten denselben Dialog noch einmal, bis die Verbindung abriss.

Er verstand es nicht.

Am Freitag fühlte sich Dov eingeengt, also beschloss er, mal nach der Hütte am Split Mountain zu sehen. Die Rapelles waren keine Jetsetter, sie mochten es ruhig und friedlich. Dov fuhr mit seinem unspektakulären alten Geländewagen bis hinter Bragg Creek den Pass hinauf, so weit die Schneepflüge gekommen waren, zog seinen Rucksack und seine Skier an und machte sich auf den Weg. Der Schnee war perfekt, trocken und schnell. In kürzester Zeit war er, vorbei an den kahlen Espen und Lärchen, im hohen Fichtenwald.

Bei Sonnenuntergang kam er auf der Moräne am See heraus. Der Schnee hatte hier vom Wind ein Wellenmuster. Dov überquerte das blanke Eis und fand seine Hütte begraben unter einem Zwei-Meter-Überhang aus Schnee. Es war bereits dunkel, als er sich reingeschaufelt und mit Holz vom großen Stapel im hinteren Teil der Hütte ein Feuer angezündet hatte. Er trug gerade seinen zweiten Eimer Schnee zum Schmelzen hinein, als er das Tschunka-Tschunka eines Helikopters hörte, der über den Pass kam.

Er stoppte über der Lichtung und schwebte. Dov konnte drinnen zwei Köpfe ausmachen. Dann landete er zwanzig Meter entfernt in einer wirbelnden Wolke aus Schnee, und jemand stolperte heraus.

Das Erste, woran Dov dachte, war, dass zu Hause etwas passiert sein könnte. Das Nächste war sein Feuer. Er hatte sich gerade umgedreht, um es zu löschen, als er merkte, dass der Heli schon wieder abhob.

Er ging ab wie ein Yak in einer Daunenfabrik.

Durch den Blizzard sah Dov einen kleinen blassen Körper auf sich zutapsen.

»Dovy! Dovy! Bist du das?«

Es war das Mädchen, oder zumindest ihre Stimme.

Sie taumelte wie verrückt und versank im verblassenden Licht bis zum Schritt im Schnee. Gerade als Dov sie erreichte, fiel sie auf alle Viere, und das Einzige, was er sehen konnte, war ihr kleiner nackter rosiger Arsch, der in die Höhe ragte, mit einem grünen Glitzer-Ding auf einer Backe. Und ungefähr einen Meter silbernes Haar.

»Jo ho«, sagte er unfreiwillig, was bei den Indianern so viel bedeutet wie: »Sieh mal einer an!«

Sie erhob ihr kleines Babygesicht mit einer grünen Schildwanze auf der Stirn.

»Du bist es!«, nieste sie. Ihre Zähne klapperten.

»Du bist wirklich nicht richtig angezogen für Schnee«, bemerkte er. »Hier.« Er hob sie auf und trug sie rein, Schnee und grüne Schmetterlinge und rosiger Arsch und alles. Seine eisige pinkfarbene Weihnachtstorte mit einem Rasiermesser drin.

Als er die Lampe anbekam, stellte sich heraus, dass sie vorne genauso nackt war wie hinten und höchstens sechzehn Jahre alt. Ein Kind, befand er, das von zu Hause abgehauen ist. Während er sie in seine Hudson-Bay-Wolldecke einwickelte, versuchte er sich daran zu erinnern, wo er sie schon mal getroffen haben könnte. Ohne Erfolg. Er ließ sie auf den Schneeschuh-Stuhl plumpsen und legte Holz aufs Feuer. Sie schniefte und plapperte unentwegt, doch es war nicht sehr informativ.

»O Dovy, Dovy, du bist es! D-Dovy! Sprich mit mir. Sag etwas, bitte, Dovy!«

»Also, erstmal –«

»Magst du mich? Ich bin attraktiv, nicht wahr?« Sie hob die Wolldecke, um sich anzusehen. »Ich meine, bin ich für dich attraktiv? O Dovy, s-sag etwas! Ich bin so weit gekommen, ich habe drei Jets gechartert, ich, ich … o Dovy L-Liebling

Und sie sprang aus der Wolldecke in seine Arme, wie ein Affe, der an ihm hochzuklettern versucht, und winselte: »Bitte Dovy, liebe mich«, tastend, ihren kleinen Körper windend, zitternd und pulsierend und ihre kleinen Finger in seinen verschneiten Schneeanzug schiebend, unter seinen Gürtel. »Bitte Dovy, bitte. Wir haben nicht viel Zeit. Liebe mich

Worauf Dov nicht ganz so reagierte, wie man es erwarten würde. Da diese Hütte, wie es sich nun einmal zugetragen hatte, der Hauptschauplatz seines frühen Phantasielebens war. Insbesondere der Winterphantasie, in der Dovy in die Wolldecken gekuschelt da lag, das Flackern des Feuers betrachtete und dem heulenden Sturm lauschte … als er ein kraftloses Scharren an der Tür vernahm … welches sich als wunderschönes Mädchen entpuppte, das sich verlaufen hatte. Und er muss ihr all ihre Klamotten ausziehen und sie am ganzen Körper aufwärmen und sie in die Hudson-Bay-Wolldecke wickeln … und er ist sehr zärtlich und respektvoll, aber sie weiß, was passieren wird, und später macht er dann alle möglichen Dinge mit ihr auf der Wolldecke. (Als Dov vierzehn war, konnte er die Worte Hudson-Bay-Wolldecke nur in einem merkwürdigen, heiseren Flüsterton aussprechen). In einer Version war das Mädchen ein Rotschopf namens Georgiana Ochs, und später schaffte er es tatsächlich, Georgiana mit in die Hütte zu nehmen, wo sie ein Wochenende damit verbrachten, sich schreckliche Erkältungen einzufangen. Seitdem wurde die Hütte zum Schauplatz mehrerer anderer romantischer Inszenierungen, doch irgendwie folgten sie nie dem Originaldrehbuch.

Diesmal war es tatsächlich das Originaldrehbuch, das um ihn herum Wirklichkeit wurde, doch es war immer noch nicht ganz perfekt. Im Drehbuch zog Dov das Mädchen aus, Dovs Hände tasteten sie ab. Die Rolle des Mädchens verlangte bebende Begeisterung, so weit so gut. Aber sie verlangte nicht, an ihm hochzuklettern wie eine Wahnsinnige und seinen Schwanz mit ihren eiskalten Pfoten zu greifen.

So stand er also für eine Minute da, während seine Hände ihre Babypobacken kneteten, und hielt sie bewusst von seinem Schritt fern, bis sie sich verständigten und sie hechelnd zu ihm aufsah.

»Warte, oh«, keuchte sie und runzelte die Stirn, offenbar ärgerlich über sich selbst. »Bitte … ich bin nicht verrückt, Dovy, ich – ich ...«

Steif lief er mit ihr zum Kamin hinüber, mühsam den Schneeanzug oben haltend, und ließ sie auf die Koje fallen, wo sie lag wie ein Welpe, mit gespreizten Knien und dem kleinen flachen Bauch, der rein und raus ging, rein und raus. Da war ein smaragdfarbener Schmetterling auf ihrer aschblonden Schambehaarung.

»Okay«, sagte er nachdrücklich (aber freundlich). »Hör mal. Wer bist du?«

Ihre Lippen bewegten sich lautlos, und ihre Augen schickten Ich liebe dich, liebe dich, liebe dich zu ihm hoch. Ihre Augen blickten nicht wild oder wie unter Drogeneinfluss, doch tief in ihnen war ein seltsames Funkeln, als würde dort etwas leben.

»Dein Name, Kind. Wie heißt du?«

»L-Loolie«, flüsterte sie.

»Loolie wer?«, hakte er geduldig nach.

»Loolie Aerovulpa.« Irgendwo in seinem Kopf zuckten ein paar Neuronen, doch sie verknüpften sich nicht.

»Weshalb bist du hierher gekommen, Loolie?«

Ihre Augen glitzerten, sprudelten über. »O nein«, schluchzte sie, schluckte schwer. »Es ist so lange her, so ein schrecklich langer, langer Weg ...« Ihr Kopf rollte hin und her, voller Schmerz. »O Dovy, bitte, wir werden später noch Zeit dafür haben, ich weiß, du erinnerst dich nicht an mich – aber bitte lass mich dich anfassen, bitte – es tut so weh –«

Weiche Arme flehten ihn an, kleine Brüste flehten mit ihren gekräuselten Nippeln. Es entwickelte sich mehr und mehr so wie im Drehbuch. Als Dov sich nicht rührte, heulte sie plötzlich los und rollte sich wie ein Fötus zusammen.

»Ich hab alles versaut«, schluchzte sie und vergrub sich in die Hudson-Bay-Wolldecke.

Das brachte das Fass zum Überlaufen, selbst für so einen netten Menschen wie Dov. Eine seiner Hände bewegte sich abwärts und tätschelte den Rücken des kleinen Babys, und dann gesellte sich seine zweite Hand zu der ersten, und der Schneeanzug fiel zu Boden. Ihr Rücken wurde irgendwie zu ihrer Vorderseite und umklammerte ihn, und seine Knie fühlten die Bretter der Koje, während zwei flaumige Schenkel sich um seine Hüften schlangen und ihn einsogen.

Und er bekam einen Schock.

Der Schock kam ein bisschen zu spät, der Schock war um ihn gewickelt und stieß gegen ihn, so dass er keine andere Wahl hatte als weiterzurammeln, bis sie aufhörte zu quietschen … und danach gab es nichts mehr, worum er sich hätte kümmern müssen, außer darum, die Sonne hereinzulassen.

Allerdings ist es auch eine Tatsache, dass man in Calgary nicht viele Jungfrauen trifft. Es spricht für Dov, dass er sich damit auskannte.

Nun, eine Jungfrau im einundzwanzigsten Jahrhundert ist keine dolle Sache, sozio-psychologisch betrachtet. Andererseits war es auch nicht nichts, vor allem für einen netten Menschen wie Dov. Das bewirkte, dass der Vorfall sich ein Stück weit aus dem Reich der Phantasie löste beziehungsweise in eine andere Phantasie überging.

Vor allem, als Loolie sagte, was Mädchen oft sagen, hinterher. Sie sah ihn auf ängstlich-demütige Weise an, während sie seinen Bauch streichelte: »Stört es dich? Ich meine, dass ich Jungfrau bin?«

»Also«, antwortete Dov und versuchte angestrengt nachzudenken, während er sich einen zerquetschten grünen Schmetterling vom Hals pulte.

»Wirklich, ganz ehrlich, stört es dich?«

»Ganz ehrlich, nein.« Er platzierte den Schmetterling auf ihrem Kopf.

»Es tat ein kleines bisschen weh … oh, ooh«, sie fing verwirrenderweise an zu weinen, »Deine Wolldecke –«

Sie beschlossen, dass die Wolldecke egal war, als Loolie ihren kleinen Fingernagel betrachtete und anfing, seinen Bauch zu küssen.

»Dovy Liebling, denkst du nicht, könnten wir es nicht«, murmelte sie, »ich meine, es war mein allererstes Mal – es noch mal versuchen?«

Dov merkte, wie er zustimmte.

Das zweite Mal war unendlich viel besser. Das zweite Mal war etwas, das selbst seine Phantasie herausforderte. Es war so gut, dass der letzte Fetzen von Dovs Verstand, der nicht mit dem elektrischen Baby beschäftigt war, das sich auf und unter und um ihn herum aalte … anfing sich zu fragen. Jungfrauenficks haben, seiner Erfahrung nach, keine solch lendenzerreißende Poesie, solche Passgenauigkeit, solch fließendes Anschwellen zu Geschwindigkeiten jenseits jeden Entkommens, solch Stoßen und Brennen, gekrönt vom rhythmischen Schluchzen der Erstmalsgefickten: »Ich liebe dich Dovy, Dovy, Do-o-ovy«, alles gebend, in der besten aller Positionen, bis alle Ebenen gleichzeitig explodierten –

»… Noch nicht einschlafen, Dovy, bitte wach auf?«

Er öffnete ein Auge und drehte sich zu ihr um; er war ein sehr netter Mensch.

Loolie lehnte an seiner Brust, himmelte ihn durch ihr blasses feuchtes Haar an.

»Fast hätte ich's vergessen.« Sie grinste plötzlich neckisch. Er spürte ihr Haar, ihre Brüste bewegten sich von seinem Bauch abwärts, seine Schenkel und Schienbeine hinab bis zu seinen Füßen. Verschlafen bemerkte er eine warme Feuchte, die sich um seinen großen Zeh schloss. Ihr Mund? Irgendeine Art von Zehenfetisch, dachte er – und dann erreichte das Signal fast zwei Meter entfernt sein Gehirn.

»Hey-y-y!« Er schlug ihr auf den Po. »Das tat weh! Du hast mich gebissen

Ihr Gesicht tauchte lachend auf. Sie sah wirklich gut aus.

»Ich habe dich in den großen Zeh gebissen.« Sie nickte feierlich. »Das ist sehr wichtig. Es bedeutet, dass du meine wahre Liebe bist.« Auf einmal wurden ihre Augen wieder feucht. »Ich liebe dich so sehr, Dovy. Wirst du dich daran erinnern, dass ich dich in den Zeh gebissen habe?«

»Aber natürlich werde ich mich daran erinnern«, grinste er unbehaglich.

Die Neuronen, die vor einer Weile gezuckt hatten, stellten, verstärkt durch die Stimulation seines Zehs, endlich eine Verbindung her.

»Hey, Loolie. Du meintest … dein Name ist Aerovulpa?«

Sie nickte, ja.

»Die Aerovulpa?«

Ein weiteres Nicken, ihre Augen strahlten ihn an.

»O Gott.« Er versuchte sich zu erinnern, was er darüber gesehen hatte. Aerovulpa … Die Familie … Mr. Aerovulpa, erinnerte er sich, war nicht im Einklang mit dem einundzwanzigsten Jahrhundert – vielleicht nicht einmal mit dem zwanzigsten. Und das war eine Aerovulpa-Jungfrau, die da auf seinen Beinen lag. Ex-Jungfrau.

»Besteht die Möglichkeit, dass dein Vater dir eine Privatarmee hinterherschickt, Loolie?«

»Armer Papa«, sie lächelte. »Er ist tot.« Das ferne Leuchten ihrer Augen kam näher. »Dovy. Du hast mich noch nicht nach meinem vollen Namen gefragt.«

»Deinem was?«

»Ich bin Loolie Aerovulpa … Rapelle.«

Er starrte sie an. Er verstand nichts mehr.

»Ich … ähm – sind wir irgendwie verwandt?«

Sie nickte, ihre Augen riesig, sonderbar.

»Sehr nah verwandt.« Ihre Lippen strichen über seine Wange.

»Ich hab dich noch nie gesehen. Ich schwöre es.« Er spürte ihr Schlucken. Loolie zog sich zurück und sah ihn für die Dauer einiger langer Atemzüge an, blickte dann hinunter auf ihren kleinen Finger. Ihm fiel auf, dass in ihrem Fingernagel ein kleiner Timer implantiert war.

»Du hast mich auch nicht gefragt, wie alt ich bin«, erwiderte sie ruhig.

»Also?«

»Ich bin fünfundsiebzig.«

Dov starrte sie an. Keine Geriatrie der Welt könnte …

»Ich bin wirklich fünfundsiebzig Jahre alt. Innerlich, ich meine, ich, jetzt.«

Dann kapierte er es.

»Du – du –«

»Ja. Ich springe durch die Zeit.«

»Zeitspringer …!« Er hatte davon gehört, es jedoch nicht geglaubt. Und jetzt schaute er hin und sah … fünfundsiebzig Jahre, die ihn aus ihren Babyaugen anschauten. Der Funke in ihnen war alt.

Loolie prüfte erneut ihren Nagel. »Ich muss dir etwas sagen, Dovy.« Sie legte feierlich ihre Hände um sein Gesicht. »Ich muss dich warnen. Es ist sehr wichtig. Liebster, du darfst niemals ag-g-g-ugh-gh –«

Ihre Kiefer zuckten, ihr Kopf kippte nach unten, und ihr Körper sackte über ihm zusammen, totes Mädchen.

Er kletterte unter ihr hervor und hatte gerade sein Ohr an ihrem Herzschlag, als Loolies Mund nach Luft schnappte. Er drehte seinen Kopf und sah ihre Augen offen, sich weitend, zu seinem Körper wandernd, zu ihrem Körper und zurück zu seinem.

»Wer bist du?«, fragte sie interessiert. Als würde sie nach Auskunft fragen.

Er wich zurück.

»Ähm, Dov Rapelle.« Er blickte in ihr Gesicht, ihre Augen waren anders. Sie setzte sich auf. Ein fremder Teenager saß in seiner Koje und musterte ihn so klinisch-distanziert, dass er nach der Wolldecke griff.

»Hey, schau mal!« Sie zeigte zum Fenster.

»Schnee! O wie toll! Wo bin ich? Wo ist das hier?«

»In meiner Hütte. Calgary, Alberta. Sag mal, alles in Ordnung? Du bist durch die Zeit gesprungen, denke ich.«

»Ja«, sagte Loolie abwesend, den Schnee anlächelnd. »Ich erinnere mich an nichts, das ist immer so.« Sie drehte sich und sah sich um. Dann drehte sie sich plötzlich wieder und rief: »Oh, meine« – und hörte auf sich umzuschauen. Sie schob ihre Hand unter sich, ihre Augen fixierten seine.

»Hä … hey – was ist passiert

»Nun ja«, setzte Dov an, »du, ich meine wir ...« Er war zu nett, um alles auf sie zu schieben.

Sie kniff die Augen zusammen, sich immer noch betastend.

»Aber das ist unmöglich

Dov schüttelte den Kopf: nein. Dann änderte er es: ja.

»Nein«, entgegnete sie fassungslos. »Ich meine, ich war total aufgeregt. Daddy ließ mich manipulieren, so dass ich es nicht konnte. Ich meine, Männer wirken abstoßend auf mich.« Sie nickte. »Mädchen auch. Sex ist ein Nichts. Alles, was ich mache, alles, was ich mache sind Segelrennen. Bootsklasse Star, ätsch. Mir ist so langweilig!«

Dov wusste nicht, was er sagen sollte. Er saß einfach nur auf der Koje und hielt seine Wolldecke fest. Loolie streckte die Hand aus und berührte probeweise seine Schulter.

»Hey.« Sie runzelte die Stirn. »Ist ja witzig. Du fühlst dich nicht abstoßend an.« Sie legte auch ihre andere Hand auf ihn. »Du fühlst dich in Ordnung an. Vielleicht sogar schön. Hey, das ist ja merkwürdig. Du meinst, wir haben es getan

Er nickte.

»Hat es mir, na ja, gefallen

»Es schien mir so, ja.«

Sie schüttelte erstaunt den Kopf, grinsend.

»Oh, ho, ho. Hey, Daddy wird ausrasten!«

»Dein Vater?«, fragte Dov. »Ist er nicht – du sagtest, er sei tot.«

»Daddy? Natürlich ist er nicht tot.« Sie starrte ihn an. »Ich erinnere mich an gar nichts mehr. Alles, was ich noch weiß, ist, dass ich in irgendeinem großen alten Haus war, dass ich fünfundsiebzig war. Es war schrecklich.« Sie schüttelte sich bei dem Gedanken. »Alles kahl und unheimlich. Ich fühlte mich, bäh. Und diese merkwürdigen alten Leute. Ich behauptete einfach, ich sei krank, und ging mich hinlegen und fernsehen. Und schlief. Zwei Tage lang, vermute ich. Hey, welches Datum haben wir? Ich hab Hunger!«

»Neunundzwanzigster Dezember«, verriet Dov ihr verwirrt. »Springst du oft durch die Zeit?«

»O nein.« Sie warf ihr Haar zurück. »Nur ein paar Mal, ich meine, Daddy hat es ja gerade erst installiert. Ich war so gelangweilt, ich dachte, na ja, es wäre schön, mir mal was zu gönnen. Ich meine, wenn ich alt bin, kann ich es wieder eine Weile lang genießen, sechzehn zu sein, nicht wahr?«

»Keine Ahnung, so etwas haben wir hier nicht. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht geglaubt, dass es sie gibt.«

»Oh, es gibt sie.« Sie nickte wichtigtuerisch und sah ihn missbilligend an. »Natürlich sind sie sehr teuer. Es gibt nur eine Handvoll davon auf der ganzen Welt, denke ich. Hey, weißt du, ich habe dein Foto dort gesehen. Neben dem Spiegel. Ich bin so hungrig. Es muss hier doch etwas zu essen geben. Sex soll hungrig machen, stimmt´s?«

Sie kletterte von der Koje, die Wolldecke hinter sich herziehend. »Ich bin am Verhungern! Kann ich dir beim Kochen helfen? Oh, meine Glitzerkäfer. Du liebe Güte. Sind wir auf dem Mond? Wir sind oben in echten Bergen?« Sie rannte von Fenster zu Fenster. »Daddy hat mich nie irgendwohin gehen lassen. Oh, Berge sind fantastisch! Hey, du siehst wirklich nett aus. Ich meine, ein Mann zu sein ist doch gar nicht so scheußlich.« Sie trudelte zu ihm zurück, Nase an Nase. »Hör mal, du musst mir alles darüber erzählen.« Plötzlich wandte sie schüchtern den Blick ab. »Ich meine, alles, Gott, ich bin am Verhungern. Sag mal, seit wir, also, ich erinnere mich nicht, weißt du? Könnten wir es nicht, na ja, nochmal versuchen? Hey, ich hab deinen Namen vergessen, es tut mir so leid ...«

»Loolie.« Dov schloss die Augen. »Kannst du bitte einen Moment die Klappe halten? Ich muss nachdenken.«

Doch das Einzige, woran er dachte, war, dass sie eine gute Idee hatte: Essen.

Also brutzelte er ihnen etwas Pökelfleisch, während Loolie wie ein Mungo kreuz und quer durch die Hütte huschte. Sie öffnete die Tür, schmierte sich Schnee ins Gesicht, himmelte den Mond und die Berge an und hüpfte zu ihm rüber, um ihn mit einem hübschen Eiszapfen zu pieksen. Als ihre Aufmerksamkeit auf das Feuer fiel, war er erfreut zu sehen, dass sie das Holz richtig nachlegte. Sie setzten sich hin, um zu essen. Dov wollte sie unbedingt nach ihrem Vater fragen. Doch wie er nunmal war, gelang es ihm nicht, durch ihre Aufregung zu ihr durchzudringen. Ihre Aufregung um ihn und um die Berge und um ihn und um die Hütte und um ihn und –

Langsam dämmerte es Dov, dass diese kleine Aerovulpa ein ziemlich trauriges, eingesperrtes Stückchen vom einundzwanzigsten Jahrhundert erlebt hatte.

»Du musst diesen Ort hier mal sehen, wenn das Eis schmilzt«, erzählte er ihr. »Die große Schmelze. Und die Lawinen.«

»O Dovy, ich hab so die Schnauze voll von Menschen. Ich meine, niemand interessiert sich für irgendetwas Reales. Zum Beispiel, das hier ist wunderschön. Dovy, wirst du, wenn ich ...«

In diesem Moment schwebte die Privatarmee ihres Vaters Tschunka-Tschunka aus dem Nachthimmel herab.

Dov kletterte in seinen Schneeanzug und entdeckte, dass die Armee aus einem kleinen hysterischen Mann und einem großen Glatzkopf bestand.

»Onkel Vic!«, rief Loolie. Sie rannte zu ihnen hinüber und tätschelte den kleinen Mann, während Dov von der Brust des großen mehrere geprägte Dienstgradabzeichen entgegenprangten.

»Dein Vater, dein Vater!«, stieß Onkel Vic spuckend hervor, schubste Loolie von sich weg und musterte die Hütte. Sein Blick fiel auf die Koje. Der große Mann stand breitschultrig in der Tür.

»Wütend, ja!«, ächzte Onkel Vic. Er setzte seinen Hut ab, setzte ihn wieder auf und packte Dovs Schneeanzug.

»Weißt du, wer dieses Mädchen ist?«, zischte er.

»Sie sagt, sie ist Loolie Aerovulpa. Sie ist durch die Zeit gesprungen«, erklärte Dov sachlich.

»Ich weiß, ich weiß! Schrecklich!« Der kleine Mann rollte mit den Augen. »Louis – Mr. Aerovulpa – hat es ausgeschaltet. Wie konntest du ihm das nur antun, Mädchen?«

»Ich habe Daddy gar nichts angetan, Onkel Vic.«

Ihr Onkel marschierte zur Koje hinüber, hob die Wolldecke hoch, zischte und warf sie auf den Boden.

»Du – du –«

»Daddy hat kein Recht das zu tun!«, heulte Loolie.

»Das ist mein Leben. Es hat sowieso nicht funktioniert. Ich – Ich liebe es hier, ich meine, ich denke, ich ...«

»Nein!«, kreischte der kleine Mann. Er flitzte zurück zu Loolie und fing an, sie zu schütteln. »Dein Vater!«, schrie er. »Er wird dich durchschauen, er wird dich löschen! Puta! Pfui! Und was dich angeht, du ...« Er wirbelte zu Dov herum und begann, ihn auf Spanisch zu beschimpfen.

An diesem Punkt hatte es Dov, obwohl er ein netter Mensch war, allmählich gründlich satt. Er erinnerte sich daran, auf der Suche nach ein bisschen Ruhe und Frieden hier herauf gekommen zu sein. Nun sah er den kleinen Mann an, und den großen Mann, und Loolie, und schnürte sich die Schuhe zu. »Steh auf! Beweg dich!«, schrie der kleine Mann. »Du kommst mit uns!«

»Meine Familie wird sich fragen, wo ich bin«, wandte Dov sachlich ein und dachte dabei, dass die beiden Männer wie Städter aussahen.

»Aufstehen, Freundchen!« Onkel Vic wedelte mit seinen Händen in Richtung des großen Mannes, der sogleich von der Tür wegtrat und den Kopf zu Dov hinunter beugte.

»Beweg dich, Junge.« Er hatte eine Hand in der Tasche, wie in einem alten Film.

Dov stand auf.

»Okay, aber wir brauchen noch ein paar Klamotten für Miss Aerovulpa, meinen Sie nicht? Vielleicht wird ihr Vater nicht ganz so wütend, wenn Sie sie angezogen zurückbringen.«

Onkel Vic schaute Loolie verwirrt an, wie sie auf ihre Wolldecke schielte.

»Ich hole einen Schneeanzug aus dem Kleiderschrank«, sagte Dov. Er bewegte sich vorsichtig in Richtung der Tür des Holzschuppens neben dem Kamin, fragte sich, ob Städter ihm abkaufen würden, dass eine Berghütte einen Kleiderschrank hatte. Der große Mann zog etwas aus der Tasche und richtete es auf Dovs Rücken, doch er bewegte sich nicht.

In dem Moment, in dem Dovs Hand die Klinke berührte, hörte er, wie sich Loolies Mund öffnete, und hielt den Atem an, doch sie sagte nichts.

Dann zwängte er sich durch die Tür und riss die Hauptstütze aus dem Holzstapel. Klafterholz krachte gegen die Tür, während Dov nachhalf, indem er auf den Stapel sprang und dabei die Axt packte. Er kletterte den Dachvorsprung entlang zum Anbau und zum Schornstein, als er von unten Schläge hörte.

Vom Schornstein warf er sich auf den Dachfirst. Die große Schneewehe war noch da. Er ritt auf dem Schneerutsch hinunter, über die Eingangstür, knallte sie beim Landen zu, schnappte sich seine Skier und galoppierte durch die Schneewehen zur abgewandten Seite des Helikopters.

Die ersten Schüsse kamen durch das Hüttenfenster, als er seine Axt gegen die zentrale Rotorverankerung schlug. Sein Körper befand sich hinter dem Helikopter, und das Hüttenfenster war zu klein für den großen Mann. Nachdem seine Axt eine ungesunde Wirkung auf die Rotoren erzielt hatte, versetzte Dov dem Treibstofftank ein paar Hiebe, beschloss, sich nicht damit aufzuhalten, ihn anzuzünden, grub die Axt in den Heckrotor und flitzte die Moräne hinunter, in eine abgeschiedene Schlucht. Glas zersplitterte, Stimmen bellten hinter ihm.

Die Schlucht wurde ein langer, schmaler Tunnel unter den schneegebeugten Fichten. Dov krabbelte auf allen Vieren den Abhang hinunter, bis die Geräusche so leise wurden wie das Winseln von Koyotenwelpen. Jetzt verbreiterte sich die Schlucht und mündete in einem abschüssigen Schneefeld. Dov schnallte sich die Skier an. Der Mond brach durch einen Wolkenspalt. Dov richtete sich auf und hob ab, das glitzernde Weiß hinunter. Während er flog, verschlang er die Ruhe und den Frieden geradezu und hoffte, dass mit Loolie alles in Ordnung sein würde. Vic ist ihr Onkel, es wird schon okay sein.

Nach einer Stunde hatte er die geparkte Pistenwalze erreicht und fuhr zurück nach Calgary, wo sein Onkel, Ben Rapelle, der Leiter der RCM-Bergpatrouille war.

Er fühlte sich frei.

Doch er war es nicht.

Weil Loolie – das heißt, Loolie Nummer Eins – gesagt hatte, ihr Nachname sei Rapelle. Und sein Zeh schwoll an.

Dass dies sehr wichtig sei, wie sie außerdem gesagt hatte, zeigte sich später.

Am nächsten Morgen, nachdem die Patrouille Loolie und Onkel Vic und seinen Vollstrecker alle sicher ins Hauptquartier gebracht hatten, bestand Loolie darauf, ihren Psychiater anzurufen. Als ihr Vater, Mr. Aerovulpa, dann in seinem privaten Senkrechtstarter ankam, war der Psychomed bei ihm.

Wie sich herausstellte, unterschied sich Mr. Aerovulpa sehr von Onkel Vic, der eigentlich nur, wie es schien, ein entfernter Cousin war. Über zu viele Generationen sickerte schwarzes Aerovulpa-Sperma in die Gebärmütter blonder Skandinavierinnen: Der derzeitige Mr. Aerovulpa war ein großer, gelb-grauer Gletscher mit einem besorgten, kantigen schwedischen Gesicht. Sofern er wütend war, zeigte er es jedenfalls nicht. Er schien nur sehr erschöpft zu sein.

»Eulalia«, seufzte er ausgelaugt in Ben Rapelles Büro. Das war Loolies richtiger Name, und er nannte sie immer so, ohne das geringste väterliche Talent. Von seinem einzigen Kind sah er zum Psychomed, den er engagiert hatte, um ein verheiratbares Produkt zu garantieren.

Jetzt flog ihm das alles um die Ohren.

»Aber wie …?«, fragte Mr. Aerovulpa. »Sie versicherten mir, Doktor ...« Seine Stimme war ruhig, aber nicht warm.

»Onkel« Vic wirkte verlegen und nervös. Sie alle standen im Patrouillenbüro herum, Dov mit einem Pantoffel an einem Fuß.

»Der Zeitsprung«, stammelte der Psychomed. Er war plump und schielte leicht, was ihm einen Hauch von Wahnsinn verlieh. »Es war die ältere Loolie, die in diesem Körper steckte, Louis. Diese ältere Persona war nicht länger eingeschränkt. Sie hätten vorsichtiger sein sollen. Was zur Hölle wollten Sie mit so einem Ding? Zeitspringen in Ihrem Alter? Und die Kosten, mein Gott.«

Mr. Aerovulpa seufzte.

»Ich habe es für einen speziellen Zweck gekauft.« Er warf den Rapelles einen abwesenden, finsteren Blick zu. »Ein sehr kurzer Abstecher. Ich wollte beobachten –«

»Um zu sehen, ob Sie einen Enkel haben würden, nicht wahr? Na, na?«, gluckste der Psychomed. »Aber natürlich. Und, werden Sie?«

Aus irgendeinem Grund entschied sich Mr. Aerovulpa, mit diesem intimen Gesprächsthema fortzufahren. »Ich saß an meinem Schreibtisch«, erzählte er. »Darauf stand ein Portrait.« Sein trüber Blick suchte nach seiner Tochter, erstarrte auf Dov.

Dov blinzelte. Es dämmerte ihm, dass eine wohlbehütete und bewachte Jungfrau möglicherweise nicht noch auf andere Weise verhütete. Loolie sog ihre Unterlippe ein und schnitt eine Grimasse.

Der Psychomed beäugte sie beide mit schiefgelegtem Kopf.

»Sag mir, Loolie, als du wieder zu dir gekommen bist, fandest du diesen jungen Mann, ähm, ekelhaft? Abstoßend? War die Situation traumatisch?«

Loolie lächelte ihn an, breiter und breiter, schwang ihren Kopf langsam hin und her. »O nein. O nein! Es war fantastisch, er ist fantastisch, er ist wunderschön. Nur ...«

»Nur was?«

Ihr Lächeln wandte sich Dov zu, schmolz. »Nun ja, wir haben nie, ich meine, ich wünschte ...«

»In Ordnung!« Der Psychomed hielt die Hand hoch.

»Ich verstehe. Nun, Loolie, erzähl mir. Denk nach. Hast du ihn vielleicht in den großen Zeh gebissen?«

»Onkel« Vic machte ein Geräusch. Loolie schaute ungläubig. »Ihn in den Zeh gebissen?«, wiederholte sie. »Natürlich nicht.«

Der Psychomed wandte sich an Dov. Sein Blick fiel auf den Pantoffel. »Hat sie, junger Mann?«

»Warum?«, fragte Dov vorsichtig. Alle blickten auf den Pantoffel.

»Hat sie?«

»Das habe ich nie!«, rief Loolie empört.

»Du weißt es nicht mehr«, erklärte Dov ihr. »Du hast es getan, vorher. Als du fünfundsiebzig warst.«

»Dich in den Zeh gebissen? Wozu

»Weil das der Schlüsselreiz war«, erklärte der Psychomed. Er kniff sich ins Ohr. »So ein Mist. Erinnern Sie sich, Louis? Ich hab's Ihnen gesagt.«

Mr. Aerovulpas Gesichtsausdruck zog sich noch weiter in die Eiszeit zurück.

»Du solltest nicht dein Leben lang asexuell bleiben, meine Liebe«, erläuterte der Psychomed Loolie. »Es musste einen Auslösereiz geben, um die Einschränkung aufzuheben. Etwas, das einfach, jedoch unwahrscheinlich ist, das unmöglich durch Zufall passieren kann. Ich durchdachte mehrere Möglichkeiten. Ja. Nach reiflicher Überlegung erschien mir das Zeh-Beißen als das Beste.« Er nickte wohlwollend. »Erinnern Sie sich, Louis, Sie wollten keine ehelichen Skandale.«

Mr. Aerovulpa sagte nichts.

»Eine großartige Prägung, wenn ich das so sagen darf«, strahlte der Psychomed. »Absolut unwiderruflich. Ich garantiere es. Der Mann, in dessen Zeh sie beißt –« Er zeigte auf Dov, rollte spielerisch mit einem Auge. »– oder besser gesagt, biss, sie wird diesen Mann und nur diesen Mann lieben, so lange sie lebt. Garantiert!«

In der Stille strich sich Mr. Aerovulpa mit einer Hand über seine Dag-Hammarskjöld-Stirn und atmete vorsichtig aus. Sein Blick verweilte einen Moment auf Loolie, dann auf Dov, dann auf Ben Rapelle, wie eine Python, die verständnislos ungenießbare Kaninchen betrachtet.

»Es ist … möglich … dass wir uns wiedersehen«, bemerkte er kalt. »Im Moment will ich hoffen, dass es Ihnen genehm ist, wenn meine Tochter sich wieder ihrer Ausbildung widmet. Victor.«

»Zur Stelle, Louis!«

»Du wirst hierbleiben, um diesen Herren unsere … Entschuldigung auszusprechen und dich um jegliche erforderlichen, ähm, Instandsetzungen zu kümmern. Ich bin … nicht erfreut. Komm, Eulalia.«

»O Dovy!«, heulte Loolie, während sie weggeschleppt wurde. Dovs Onkel Ben grunzte warnend. Und die Aerovulpas reisten ab.

Jedoch, selbstverständlich, nicht … endgültig.

Dann kam der Frühling in die Rockies und mit ihm ein rundbäuchiger und liebeshungriger Teenager, diesmal eskortiert von einer Matrone von unmissverständlichem Charakter und unmissverständlicher Zähigkeit. Dov holte die Ponys aus dem Stall, und sie ritten hoch in die singenden Wälder und Regenbogenfluten und all die zaghaften freien Freuden des wilden Landes, das Dov so liebte. Und er merkte, dass Loolie nicht nur vollkommen in ihn verliebt war, sondern wirklich hierbleiben und seine Art zu leben mit ihm teilen wollte, und jeder konnte sehen, dass sie sinnlich und warmherzig war und stellenweise recht erfinderisch, besonders wenn es darum ging, die Matrone loszuwerden. Und Dov war ein wirklich netter Mensch, trotz seines Misstrauens gegenüber der Aerovulpa-Gesellschaft.

(Die Gesellschaft zeigte sich in Gestalt einer sogenannten Bevölkerungs-Überwachungs-Einheit, die überall in Calgary herumschnüffelte.)

Als sich dann also der Sommer über die Rockies senkte, reiste Dov argwöhnisch zur Aerovulpa-Insel vor Pulpit Harbor, wo er bald entdeckte, dass die Gesellschaft ihn nicht halb so sehr abschreckte wie Loolie ihn anzog. Sogar der netteste junge Mann ist nicht immun gegen die Vorstellung von einer semi-jungfräulichen, ihn anhimmelnden Kindsbraut mit großem Vermögen.

»Welche Art, ähm, Karriere strebst du an?«, fragte Mr. Aerovulpa Dov bei einem seiner seltenen Auftritte auf der Insel.

»Lawinenforschung«, erzählte ihm Dov und bestätigte damit den Bericht der Überwachungseinheit. In diesem Moment senkten sich Mr. Aerovulpas Lider. Die Verbindungen, die er für Loolie in Betracht gezogen hatte, waren deutlich weltbewegender.

»Im Grunde, Sir, bin ich Geo-Ökologe. Es ist ein großartiges Fachgebiet.«

»Oh, es ist wundervoll, Daddy!«, trällerte Loolie. »Ich werde mich um all seine Unterlagen kümmern!«

Mr. Aerovulpas Augen wanderten von seiner Tochter zu ihrem Bauch. Die Schwellung war jetzt bekanntermaßen ein Junge. Mr. Aerovulpa hatte es nicht so weit gebracht, indem er Fakten ignorierte, und er war wirklich kein Mann des einundzwanzigsten Jahrhunderts. »Ah«, sagte er gelangweilt und reiste ab.

Doch die Hochzeit selbst war weit davon entfernt, langweilig zu sein. Sie war wunderbar schlicht, draußen auf dem Rasen über dem Meer, mit einem Kraftfeld, das das Maine-Wetter abhielt, und einem Feld voller importierter Wildblumen. Die Gästeliste war kurz, dominiert von einer Anzahl komplizierter alter Damen mit exotischen Titeln samt Gefolgschaft, unter denen der Alberta-Anteil wie freundliche Getreidesilos herausstach.

Und dann reisten alle ab und überließen Dov und Loolie für eine Woche sich selbst, im Paradies.

»O Dovy«, seufzte Loolie am dritten Tag, »Ich wünschte, ich könnte für den Rest meines Lebens so bleiben!«

Diese nicht sehr bemerkenswerte Empfindung wurde geäußert, während sie im Sauna-Solarium lagen, glühend wie frisch gekochte Shrimps.

»Das sagst du nur, weil du mich in den Zeh gebissen hast«, bemerkte Dov. Er dachte daran, segeln zu gehen, womit er erst vor kurzem angefangen hatte.

»Das habe ich nie!«, protestierte Loolie. Sie drehte sich zu ihm um. »Hey, weißt du, ich frage mich, wann ich dich wirklich getroffen habe?«

»Letzte Weihnachten.«

»Eben nicht, darum geht es ja. Ich meine, ich bin dorthin gekommen, weil ich dich bereits geliebt habe, nicht wahr? Und dort habe ich dich zum ersten Mal getroffen. Das ist seltsam.«

»Tja.«

»Ich liebe dich so sehr, Dovy.«

»Ich liebe dich auch. Hör mal, lass uns heute mit deinem großen Boot rausfahren, okay?«

Und sie hatten einen wundervollen Segeltörn auf dem tanzenden Trimaran, einmal um Arcadia Park Island und zurück zu einem großen Muschel-Festessen. An diesem Abend, im Bett, fing Loolie erneut davon an.

»Hm«, stöhnte Dov schläfrig.

Sie strich mit der Nase seine Wirbelsäule entlang.

»Hör mal, Dovy. Wäre es nicht fantastisch, wenn wir diesen Tag noch einmal erleben könnten? Ich meine, wenn wir alt sind.«

»Mhm.«

»Daddy hat den Springer hier, weißt du. Ich war über Weihnachten hier, als ich es tat. Dafür ist das große Kraftwerk in der Bucht da, ich hab's dir gesagt.«

»Mhm.«

»Warum machen wir's nicht morgen?«

»Hm«, grunzte Dovy. »Hey, was hast du gesagt?«

»Wir könnten morgen Zeitspringen, gemeinsam.« Loolie lächelte verträumt. »Und dann, wenn wir alt sind, könnten wir wieder für eine Weile jung sein. Gemeinsam.«

»Auf gar keinen Fall«, bestimmte Dov. Und er erklärte ihr, warum es eine verrückte Idee war. Erklärte und erklärte es ihr.

»Es ist gefährlich. Was, wenn sich herausstellt, dass einer von uns tot ist?«

»Oh, wenn du tot bist, passiert nichts, ich meine, du kannst nur den Ort mit dir selbst wechseln. Außerdem, die Persona-sonstwas-Symmetrie, ich meine, wenn du nicht da bist, passiert nichts. Du bleibst einfach hier. Im Buch steht, dass es absolut sicher ist.«

»Es ist trotzdem verrückt. Was ist mit dem Jungen?«

Loolie kicherte. »Es wäre eine tolle Erfahrung für ihn.«

»Was meinst du? Was, wenn er mit dem Verstand eines sechs Monate alten Embryos einen Jet fliegt?«

»Oh, er könnte es nicht! Ich meine, er hätte gewusst, dass es passieren würde, weil es schon passiert ist, verstehst du? So dass er sich, sobald er dieses Alter erreicht, hinsetzen würde oder so was. So wie wenn ich fünfundsiebzig werde, dann weiß ich, dass ich hierher zurückspringe und dich treffen kann.

»Nein, Loolie. Es ist verrückt. Vergiss es.«

Also vergaß sie es. Für ein paar Stunden.

»Dovy, ich mache mir solche Sorgen. Ist es nicht schrecklich, dass wir alt werden müssen? Stell dir vor, wie großartig es wäre, einen Tag zu haben, auf den man sich freuen kann. Gar eine halbe Stunde nur. Ist es nicht niederträchtig, daran zu denken, alt zu werden?«

Dov öffnete ein Auge. Er selbst hatte solche Gedanken ebenfalls gehabt.

»Ich meine, wir würden keine paar Stunden im Jetzt verpassen. Wir haben so viel Zeit. Aber stell dir vor, du bist, äh, sechzig, vielleicht bist du krank oder degeneriert – und du weißt, dass du zurückspringen wirst und fühlst dich großartig und, und gehst segeln und bist so wie wir jetzt!«

Ausgefuchste kleine Loolie, mit dem »segeln«; Loolie, erfasst von ihren Urinstinkten: bezahl jetzt, spiel später.

»Du kannst nicht wissen, ob es sicher ist, Loolie.«

»Ach was, ich habe es schon getan, nicht wahr? Drei Mal. Nichts kann schiefgehen, weil du weißt, dass es passieren wird«, wiederholte sie geduldig. »Ich meine, wenn du ankommst, würdest du es erwarten. Ich habe einen Zettel gefunden, den ich mir selbst geschrieben hatte, auf dem steht, was ich tun muss. Zum Beispiel, dass der Name des Butlers Johan ist. Und meine Freunde. Und dass ich sagen muss, ich sei krank.«

»Du konntest die Zukunft sehen?«, spottete Dov. »Was ist passiert? Ich meine, in den Nachrichten?«

»Oh, na ja, ich weiß es nicht, ich meine, ich war nicht sehr neugierig. Alles, was ich gesehen habe, war ein altes Haus. Und es war teilweise unterirdisch, glaube ich. Aber Dovy, du weißt von diesen Dingen, du könntest alle Nachrichten sehen, sogar in nur einer halben Stunde könntest du rausfinden, was los ist. Du könntest vielleicht sogar deine eigenen Forschungsarbeiten lesen!«

»Hm ...«

Das war natürlich noch nicht das Ende vom Lied. Es war der Abend des sechsten Tages, als Dov und Loolie vom Mondlichtspaziergang am Strand zurückkehrten und Hand in Hand durch Mr. Aerovulpas stille Korridore gingen. (Die zufälligerweise unverschlossen waren. Ganz und gar untypisch, es sei denn, man erinnert sich an die Tatsache, dass auch Mr. Aerovulpa einen Blick in die Zukunft geworfen hatte.)

Da war ein Schaltkasten auf Standby. Loolie fummelte daran herum, und Strom summte jenseits einer schimmernden Wand, in die eine schwere Luftschleuse eingelassen war. Sie drehte den Türknauf und offenbarte ihm eine eingebaute Kabine.

»Sie ist gerade groß genug für uns drei«, kicherte sie und zog ihn hinein. »Was schlägst du vor, was wir tun sollen, ich meine, die alten Wirs, die hierher zurückkamen? Ich meine, wir geben ihnen ja nicht sehr viel Zeit.«

»Frag deinen Sohn«, entgegnete Dov liebevoll, in Gedanken die aufregenden Dinge durchgehend, die er herausfinden wollte, über D I E  Z U K U N F T.

Also stellten sie die Zifferblätter so ein, dass ihre jungen Psychen mit ihren älteren Identitäten vierzig Jahre voraus tauschen würden, wenn Dov – guter Gott, zweiundsechzig wäre. Loolie ließ Dov vorsichtig sein (dieses erste Mal, sagte sie sich im Geheimen), und er wählte dreißig Minuten, nicht mehr. Sie verschränkten ihre Hände ineinander. Loolie betätigte die lautlosen Kipphebel des Beschleuniger-Schaltkreises und entfesselte die gigantischen Kondensatoren, die nur darauf warteten, um die Kammer herum eine zeitliche Anomalie zu erzeugen. U U U H M M ! ! !

Welche, mit der Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, den jungen Dov Rapelle geradewegs in die tödliche halbe Stunde schoss, in der eine Koronararterie anschwoll und riss, während er allein in einer fremden Stadt lag.

So kehrte Loolie Aerovulpa Rapelle von einem bedeutungslosen Bummel durch eine Shopping-Arkade in Pernambuco zurück, um Dovs toten Körper auf dem Boden des Kontrollraums in den Armen zu halten. Denn sterben, egal wann, ist eine Erfahrung, die man nicht überlebt. Nicht einmal – wie Loolie später den zahlreichen Zeit-Ingenieuren erklärte, die ihr Vater anheuern musste – nicht einmal, wenn es um ein Paradox geht. Denn wie hätte Dov mit zweiundzwanzig sterben können, wenn er tatsächlich mit zweiundsechzig starb. Irgend etwas lief schrecklich falsch. Irgendetwas musste in Ordnung gebracht werden, musste in Ordnung gebracht werden, und wenn es das gesamte Aerovulpa-Vermögen kosten würde, Loolie bestand darauf. Sie blieb hartnäckig, denn der Psychomed hatte Recht gehabt. Dovy war der einzige Mann, den sie jemals liebte, und sie liebte ihn ihr ganzes Leben lang.

Die Zeit-Ingenieure zuckten die Achseln, ebenso die Mathematiker. Sie erklärten ihr, dass sich Paradoxe derzeit häuften, auch anderswo in der Gesellschaft, selbst wenn nur eine Handvoll nicht ganz gesetzestreue Bonzen Zeitspringer besitzen. Alternative Zeitbahnen, möglicherweise? Zeitunabhängige Hysterese, vielleicht? Paradoxe waren natürlich falsch. Sie sollten nicht auftreten.

Doch wenn eines auftritt – bei wem beschwert man sich dann?

Das war keine große Hilfe für ein liebendes kleines Mädchen, dem neunundfünfzig lange, graue, leere Jahre bevorstanden … einundzwanzigtausendfünfhundertfünfundvierzig verdorbene Tage und einsame Nächte, um darauf zu warten … auf ihre Stunde in den Armen ihres Mannes auf der Hudson-Bay-Wolldecke.

 

 

 

Deutsch von Samuel N. D. Wohl

 

© 1971 by The Estate of James Tiptree Jr.
vermittelt durch die Paul & Peter Fritz AG, Zürich
Erstveröffentlichung unter dem Titel ›Forever to a Hudson Bay Blanket‹ in Fantastic (August 1972); from 10,000 LIGHT YEARS FROM HOME; permission granted by the author's Estate and the Estate's agents, the Virginia Kidd Agency, Inc. via Paul & Peter Fritz AG.

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2015 by Septime Verlag, Wien
Abdruck der Übersetzung mit freundlicher Genehmigung des Verlages

Nach der Neuausgabe in:
James Tiptree Jr., Liebe ist der Plan (Wien: Septime, 2015)

  

James Tiptree Jr. (1915-1987) ist das männliche Pseudonym von Alice B. Sheldon. Tiptrees geheimnisvolle Identität faszinierte die Fans und gab Anlass zu vielen Spekulationen, freilich glaubten alle, es müsse sich um einen Mann handeln. Die Aufdeckung, noch zu ihren Lebzeiten, war ein Schlag: Diese knappen, harten und frechen Kurzgeschichten, die nur allzu häufig mit dem Tod enden, waren von einer alten Dame mit weißen Federlöckchen verfasst worden.

Unter Science-Fiction-Fans zählt sie zu den großen Klassikern, gleich neben Philip K. Dick und Ursula K. Le Guin. Ihre Kurzgeschichten, die sie erst im Alter von einundfünfzig Jahren zu schreiben begann und von denen einige wohl zu den besten des späten 20. Jahrhunderts gehören, brachten ihr schnell Ruhm und zahlreiche Auszeichnungen ein. 

Dennoch litt sie ständig unter schweren Depressionen und Todessehnsucht. Nach einem vorab geschlossenen Selbstmordpakt erschießt Sheldon im Alter von einundsiebzig Jahren erst ihren vierundachtzigjährigen Mann und dann sich selbst.

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