Kurzgeschichte: Das Ende der Welt, wie wir es kennen von Dale Bailey

FICTION

Das Ende der Welt, wie wir es kennen (Dale Bailey)


Wie wäre es, wenn innerhalb einer Nacht fast alle Menschen an einer rätselhaften Erkrankung sterben? ›Das Ende der Welt, wie wir es kennen‹ handelt davon, wie ein einsamer Überlebender der globalen Katastrophe mit dem ganzen Ausmaß seines Verlusts fertigzuwerden versucht. Zugleich ist es aber auch eine Weltuntergangsgeschichte darüber, wie Weltuntergangsgeschichten funktionieren.

 

 

Von 1347 bis 1450 wütete die Pest in Europa und tötete 75 Millionen Menschen. Der »Schwarze Tod«, wie man ihn wegen der schwärzlich gefärbten Pestbeulen am Körper der Erkrankten nannte, wurde von dem Bakterium Yersinia pestis ausgelöst. Ohne Mikroskope und ohne eine klare Vorstellung von Krankheitsübertragung hielten die Zeitgenossen ihr Unglück für das Werk eines rachsüchtigen Gottes. Flagellanten zogen durch die Lande, in der Hoffnung, Seinen Zorn zu besänftigen. »Sie starben zu Hunderten, Tag und Nacht«, berichtet Agnolo di Tura. »Ich habe mit eigenen Händen meine fünf Kinder begraben ... So viele starben, dass alle glaubten, das Ende der Welt sei da.«

Heute leben in Europa um die 729 Millionen Menschen.

***

Abends sitzt Wyndham meistens auf der Veranda und trinkt. Am liebsten Gin, aber alles andere tut es auch. Er ist da nicht wählerisch. In letzter Zeit hat er immer zugeschaut, wie es dunkel wird – richtig hingesehen, meine ich, nicht nur dabeigesessen –, und ist zu dem Schluss gekommen, dass die allgemeine Vorstellung nicht stimmt: Die Nacht senkt sich nicht herab. Es ist komplizierter.

Nicht dass er so ganz sicher wäre, ob seinen Beobachtungen zu trauen ist.

Gerade ist Hochsommer, und Wyndham fängt oft um zwei, drei Uhr mit dem Trinken an, so dass er bei Sonnenuntergang, gegen neun, schon ganz schön was intus hat. Trotzdem findet er, dass die Nacht sich hebt, wenn überhaupt. Als wäre sie aus unterirdischen Seen hervorgequollen, bildet sie unter den Bäumen tintenschwarze Pfützen, breitet sich von da über den Garten aus und steigt dem noch hellen Himmel entgegen. Erst gegen Ende senkt sich auch etwas, die Schwärze des Weltalls, denkt Wyndham, die sich hoch über der Erde entfaltet. Dann treffen sich die zwei Dunkelheiten irgendwo, und es ist Nacht.

So stellt er es sich jedenfalls vor.

Es ist übrigens nicht seine Veranda und genau genommen auch nicht sein Gin – oder nur in dem Sinn, dass, soweit Wyndham es überblicken kann, jetzt alles ihm gehört.

***

Weltuntergangsgeschichten gibt es hauptsächlich in zwei Varianten.

Bei der ersten löscht ein Naturereignis alles Leben aus – eine beispiellose Katastrophe oder eine Katastrophe von beispiellosem Ausmaß. Flutwellen sind ganz vorn dabei – dafür hatte schon Gott ein Faible, wie man so hört –, aber Seuchen haben auch viele Verfechter. Neue Eiszeiten sind ziemlich beliebt. Und Dürrekatastrophen.

Bei der zweiten Variante haben verantwortungslose Menschen das Unglück ausgelöst, verrückte Wissenschaftler meistens oder korrupte Bürokraten. Typischerweise sind Interkontinentalraketen das Mittel der Wahl, wobei dieses Szenario in der heutigen geopolitischen Realität allmählich veraltet.

Man darf aber auch frei kombinieren: Wie wär’s mit genmanipulierten Viren? Mit schmelzenden Polkappen als Zugabe?

***

An dem Tag, als die Welt unterging, merkte Wyndham gar nichts davon, jedenfalls nicht gleich. Ihm kam zu der Zeit praktisch jeder Tag wie eine Katastrophe vor. Und das war kein Problem seiner Gehirnchemie. Es lag an seiner Arbeit für UPS, wo Wyndham seit sechzehn Jahren angestellt war, erst als Be- und Entlader der Lieferwagen, dann als Sortierer, bis er einen der begehrten Fahrer-Jobs ergatterte, mit brauner Uniform und allem. Die Firma war inzwischen an der Börse, und er hielt ein paar Mitarbeiteranteile. Er verdiente recht ordentlich, sogar gut. Außerdem machte ihm die Arbeit Spaß.

Trotzdem war für ihn jeder Tag eine verdammte Katastrophe. Versucht ihr mal, jeden Morgen um vier aufzustehen, dann seht ihr selbst, wie das ist.

Seine Routine sah so aus: Punkt vier Uhr klingelte der Wecker – ein altmodischer Rasselwecker, den er jeden Abend aufzog. (Radio konnte er vor dem ersten Kaffee nicht ertragen.) Er machte ihn immer schnell aus, damit seine Frau nicht aufwachte. Dann duschte er im Gästebadezimmer (auch das, um seine Frau nicht zu wecken; sie hieß Ann), füllte sich Kaffee in die Thermoskanne und aß im Stehen vor der Küchenspüle etwas Ungesundes, einen Bagel oder ein Pop-Tart vielleicht. Bis dahin war es zwanzig nach vier oder, wenn er spät dran war, fünfundzwanzig nach.

Dann tat er etwas ziemlich Widersinniges: Er ging ins Schlafzimmer zurück und weckte die Frau, die nicht zu stören er sich die ganze Zeit solche Mühe gegeben hatte.

»Schönen Tag dir«, sagte Wyndham immer.

Seine Frau tat auch immer dasselbe. Sie schmiegte sich tiefer in das Kissen und lächelte. »Hm-mmm«, machte sie dabei, und es war meistens ein so gemütliches, liebevolles, morgendlich verschmustes »Hm-mmm«, dass es ihn fast damit versöhnte, jeden scheiß Tag um vier Uhr aufstehen zu müssen.

***

Vom Anschlag auf die Twin Towers – nicht das Ende der Welt, so sehr es sich für ihn danach anfühlte – erfuhr Wyndham von einer seiner Kundinnen.

Monica war für Wyndham eine Art Stammkundin; sie kaufte wie besessen das Zeug, das auf dem Home Shopping Network angepriesen wurde. Sie war außerdem ziemlich dick. Von Frauen wie ihr sagte man gerne »Sie hat einen netten Charakter« oder »Sie hat so ein hübsches Gesicht«. Das mit dem netten Charakter stimmte, wie Wyndham fand. Deshalb machte er sich Sorgen, als sie ihm tränenüberströmt die Tür öffnete.

»Was ist denn los?«, fragte er.

Monica schüttelte nur stumm den Kopf und winkte ihn herein. Wyndham übertrat locker fünfzig UPS-Vorschriften, als er ihr ins Wohnzimmer folgte. Das Haus roch nach Bratwurst und nach blumigem Lufterfrischer. Überall war der Schrott aus dem Home Shopping Network, aber wirklich überall.

Wyndham registrierte es kaum. Er starrte auf den Fernsehbildschirm. Wie ein Projektil schlug ein Linienflugzeug in das World Trade Center ein. Er sah den Einschlag mehrere Male, aus drei, vier Perspektiven, bis er das Senderlogo in der Bildschirmecke bemerkte.

In dem Moment war er sicher, dass das Ende der Welt gekommen sei. Für nichts anderes hätte das Home Shopping Network sein Verkaufsprogramm unterbrochen.

***

Die muslimischen Extremisten, die vier Linienflugzeuge in das World Trade Center, das Pentagon sowie in die unnachgiebige Scholle eines bis dahin wenig bemerkenswerten Ackers in Pennsylvania lenkten, hatten, so sagt man, die Gewissheit, direkt im Paradies zu landen.

Es waren insgesamt neunzehn.

Jeder einzelne hatte einen Namen.

***

Wyndhams Frau las ganz gerne. Vor allem abends im Bett. Vor dem Einschlafen legte sie immer ein Lesezeichen zwischen die Seiten, das Wyndham ihr einmal zum Geburtstag geschenkt hatte: ein Papplesezeichen mit einer Kordel oben dran, auf dem ein Regenbogen schneebedeckte Berge überspannte. Lächle, stand darauf. Gott liebt dich.

Wyndham las eher weniger, aber hätte er, als die Welt unterging, einen Blick in das Buch geworfen, das seine Frau gerade las, dann hätten die ersten Seiten ihn sicher interessiert. Im ersten Kapitel entrückte Gott die wahren Christen an Seine Seite. Das betraf auch jene wahren Christen, die gerade Autos, Züge oder Flugzeuge lenkten, was nicht wenige Sach- und Personenschäden zur Folge hatte. Hätte Wyndham das gelesen, er hätte gleich an den Autoaufkleber denken müssen, den er manchmal auf der Stoßstange eines Vordermanns sah. Vorsicht, stand auf diesem Aufkleber. Fahrzeug ist am Tag der Entrückung unbemannt. Immer wenn er solche Aufkleber entdeckte, stellte Wyndham sich vor, wie Autos kollidierten, Flugzeuge abstürzten, Patienten allein auf dem OP-Tisch zurückgelassen wurden – ziemlich genau das Szenario aus dem Buch seiner Frau.

Wyndham ging sonntags gewissenhaft in die Kirche, aber er wurde den Gedanken nicht los, was mit den unzähligen Menschen passieren würde, die keine wahren Christen waren, sei es aus freien Stücken oder sei es, weil sie zufällig, sagen wir, in Indonesien zur Welt gekommen waren. Was, wenn die gerade vor einem dieser Autos die Straßen überquerten, fragte er sich, oder wenn sie den Rasen gossen, in den sich gleich ein Flugzeug pflügen würde?

 ***

Aber wie gesagt: An dem Tag, als die Welt unterging, begriff Wyndham nicht gleich, was passiert war. Sein Wecker klingelte wie immer, und er tat, was er immer tat. Duschen im Gästebadezimmer, Kaffee in der Thermoskanne, Frühstück im Stehen (ein alter Schoko-Donut in diesem Fall). Dann ging er ins Schlafzimmer, um sich von seiner Frau zu verabschieden.

»Schönen Tag dir«, sagte er wie immer, beugte sich über sie und rüttelte sanft an ihrer Schulter: nicht so, dass sie richtig aufwachte, sondern so, dass sie sich nur ein bisschen regte. In den vergangenen sechzehn Jahren, abzüglich Feiertage und zwei Wochen bezahlten Jahresurlaubs, hatte Wyndham dieses Ritual so ziemlich perfektioniert. Fast jedes Mal regte sie sich nur ein bisschen, ohne so richtig aufzuwachen.

Deshalb wäre es untertrieben zu behaupten, dass er sich wunderte, als sie sich nicht lächelnd tiefer in das Kissen schmiegte. Er erschrak. Und da war noch etwas: Sie machte auch nicht »Hm-mmm«. Weder ein wohlig morgenwarmes »Hm-mmm« wie meistens, noch das gedämpfte Ich-habe-Kopfschmerzen-und-Schnupfen-»Hm-mmm«, das auch hin und wieder vorgekommen war.

Einfach überhaupt kein »Hm-mmm«.

Die Klimaanlage schaltete sich ab. Erst dann bemerkte Wyndham einen seltsamen Geruch – eine schwache organische Ausdünstung wie von Schweißfüßen oder saurer Milch.

In dem Moment im dunklen Schlafzimmer überkam Wyndham ein ganz mieses Gefühl. Es war ein anderes mieses Gefühl als damals vor Monicas Fernseher, als das Flugzeug wieder und wieder ins World Trade Center eingeschlagen war. Das war ein starkes, aber weitgehend unpersönliches Gefühl gewesen – weitgehend, weil ein entfernter Cousin von Wyndham bei Cantor Fitzgerald arbeitete. (Chris hieß dieser Cousin, aber das musste Wyndham jedes Jahr in seinem Adressbuch nachschlagen, wenn er zum Geburtstag seines Erlösers Grußkarten verschickte.) Das miese Gefühl dagegen, das ihn jetzt überkam, als seine Frau nicht »Hm-mmm« machte, war stark und sehr persönlich.

Besorgt berührte Wyndham seine Frau an der Wange. Es fühlte sich an, als sei sie aus Wachs, so leblos und so kühl, und in dem Moment – ganz genau in dem Augenblick – begriff Wyndham, dass das Ende der Welt gekommen war.

Der Rest waren nur noch Details.

***

Von den verrückten Wissenschaftlern und korrupten Bürokraten abgesehen, gibt es in Weltuntergangsgeschichten meistens drei Sorten Menschen.

Erstens den kämpferischen Einzelgänger. Ihr kennt diese Typen: selbstsichere, respektlose Außenseiter, die sich mit Schusswaffen genauso auskennen wie mit improvisierter Geburtshilfe. Am Ende der entsprechenden Geschichte sind sie meist schon dabei, die westliche Zivilisation wieder aufzubauen. Allerdings sind sie clever genug, die alten Fehler nicht zu wiederholen.

Die zweite Sorte ist der postapokalyptische Schurke. Er tritt gern in Horden auf und bekämpft den kämpferischen Einzelgänger. Filmfans erkennen die Schurken sofort an ihrer Vorliebe für Bondage-Accessoires, punkige Frisuren und umgebaute Kraftfahrzeuge. Im Gegensatz zu den kämpferischen Einzelgängern lieben postapokalyptische Schurken die alten Fehler, freuen sich aber auch über all die neuen Möglichkeiten, zu plündern und zu schänden.

Der dritte in der Reihe – nicht selten, wenn auch seltener als die anderen beiden – ist der lebensüberdrüssige Mann von Welt. Meist trinkt er zu viel, wie Wyndham, und anders als Wyndham plagt ihn der ennui. Wyndham plagt auch so einiges, aber ennui ganz sicher nicht.

***

Aber wir waren bei den Details. Wyndham machte, was man so macht, wenn ein geliebter Mensch plötzlich gestorben ist. Er wählte die Notrufnummer. Irgendetwas schien mit der Verbindung nicht zu klappen, denn beim Notdienst nahm niemand ab. Wyndham atmete tief durch, ging in die Küche und probierte es vom Nebenanschluss aus. Wieder kam er nicht durch.

Das lag natürlich daran, dass Weltuntergang war und somit niemand mehr lebte, der ein Telefon hätte abnehmen können. Stellt euch einfach vor, sie seien von einer Flutwelle erfasst worden – wie es 1960 über 3000 Leuten passierte, bei einem Sturm in Pakistan. (Das ist den Leitstellenmitarbeitern, die Wyndhams Anruf hätten entgegennehmen sollen, natürlich nicht buchstäblich so passiert ­– worauf ich hinauswill, ist, dass sie gerade noch am Leben waren, und im nächsten Moment waren sie tot. Genau wie Wyndhams Ehefrau.)

Wyndham gab das mit dem Telefon auf.

Er ging ins Schlafzimmer zurück. Gute fünfzehn Minuten lang mühte er sich mit einer unbeholfenen Herz-Lungen-Wiederbelebung ab, dann gab er auch das auf. Er ging in das Zimmer seiner Tochter (sie war zwölf und hieß Ellen). Sie lag mit leicht geöffnetem Mund auf dem Rücken. Er wollte sie wecken – und ihr sagen, dass etwas Schreckliches passiert war, dass ihre Mutter gestorben war –, stellte dabei aber fest, dass auch mit ihr etwas Schreckliches passiert war. Dasselbe wie mit ihrer Mutter.

Wyndham geriet in Panik.

Er rannte nach draußen, wo gerade ein erster roter Schimmer am Horizont auftauchte. Bei seinem Nachbarn lief das automatische Sprinklersystem und zischte leise im Dunkeln. Wyndham spürte die Tröpfchen auf seiner Haut, als er über den Rasen rannte, wie die Berührung einer kalten Hand. Dann stand er fröstelnd vor der Nachbartür. Hämmerte mit den Fäusten degegen und schrie.

Nach einer Weile – er hätte nicht sagen können, wie lange – überkam ihn eine furchtbare Ruhe. Kein Laut war zu hören, bis auf das Zischen der Sprinkler, deren Wasserbögen im Licht der Ecklaterne glitzerten.

Wyndham hatte eine Vision. Man könnte fast sagen, dass er für einen Augenblick in die Zukunft sehen konnte. Er sah all die stillen Vorstadthäuser, die sich um ihn herum erstreckten. Sah die stillen Schlafzimmer in den Häusern. In den Schlafzimmern, in die Betten eingemummelt, sah er ein Heer schlafender Menschen, totenstill, die nie wieder erwachen würden.

Wyndham schluckte schwer.

Dann tat er etwas, das er sich noch vor zwanzig Minuten niemals zugetraut hätte. Er bückte sich, holte den Schlüssel aus dem Versteck zwischen den Ziegeln und verschaffte sich Zutritt zum Nachbarhaus.

Mit einem schlecht gelaunten Maunzen schlich die Katze der Nachbarn an ihm vorbei. Wyndham wollte sie gerade wieder einfangen, als er den Geruch bemerkte – diese unangenehme organische Ausdünstung. Das waren keine Schweißfüße, keine saure Milche. Sondern Schlimmeres: volle Windeln eher oder ein verstopftes Klo.

Wyndham richtete sich auf und vergaß die Katze.

»Herm?«, rief er. »Robin?«

Keine Antwort.

Drinnen ging Wyndham zum Telefon und wählte die Notrufnummer. Er lauschte lange dem Rufton, dann ließ er das Telefon zu Boden fallen, ohne aufzulegen. Er irrte einmal durch das stille Haus und knipste überall die Lichter an. An der Tür zum Schlafzimmer blieb er stehen. Der Geruch – es stank unverkennbar nach Fäkalien, nach dem, was passiert, wenn die Schließmuskeln versagen – war hier stärker als im Rest des Hauses. Als er noch einmal rief oder vielmehr flüsterte: »Herm? Robin?«, erwartete er schon keine Antwort mehr.

Wyndham machte das Licht an. Robin und Herm waren zwei reglose Gestalten unter den Laken. Er trat näher und blickte auf sie herab. Bilder spulten sich vor seinem inneren Auge ab, Herm und Robin, wie sie bei der Nachbarschaftsfeier vor dem Grill standen oder sich um ihren Gemüsegarten kümmerten. Für Tomaten hatten sie ein echtes Händchen, die beiden. Wyndhams Frau hatte ihre Tomaten immer sehr gemocht.

In Wyndhams Kehle blieb etwas stecken.

Er war dann eine Weile weg.

Die Welt verschwamm ihm vor Augen.

Als er zu sich kam, stand Wyndham in Robins und Herms Wohnzimmer vor dem Fernseher. Er schaltete ihn ein und zappte von einem Programm zum nächsten, aber es lief überhaupt nichts. Wortwörtlich diesmal. Da war nur Schnee. Schnee auf fünfundsiebzig Kanälen. Bisher war das Ende der Welt auch im Fernsehen ausgestrahlt worden. Dass es jetzt nicht geschah, war wohl ein Hinweis, dass es diesmal tatsächlich das Ende war.

***

Das soll nicht heißen, dass erst das Fernsehen ein Ereignis real macht – weder den Weltuntergang noch irgendetwas anderes.

Da könntet ihr die Einwohner von Pompeji fragen, wenn sie nicht 79 v. Chr. fast alle gestorben wären, zwei Jahrtausende vor der Erfindung des Fernsehers. Als der Vesuv ausbrach und seine Lava die Hänge hinunterrauschte, starben um die 16.000 Menschen. Durch einen abgefahrenen geologischen Zufall blieben ein paar dieser Menschen – oder jedenfalls ihre äußere Form ­– als Hohlräume in der Vulkanasche erhalten. Mit den Armen flehen sie um Gnade, ihre Gesichter sind angstverzerrt.

Man kann sie gegen Gebühr besichtigen.

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Ich habe übrigens ein Lieblings-Weltuntergangsszenario: fleischfressende Pflanzen.

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Wyndham stieg in sein Auto, um Hilfe zu holen – um ein funktionierendes Telefon, einen heilen Fernseher, einen hilfreichen Passanten zu suchen. Er fand jedoch immer mehr kaputte Telefone und Fernseher. Und immer mehr kaputte Menschen, wobei er auch die erst suchen musste. Sie lagen nicht auf den Straßen verstreut oder saßen in einem Riesenstau in ihren Autos. Vielleicht war das in Europa anders, dachte Wyndham, oder sonstwo, wo die Katastrophe zur Hauptverkehrszeit eingetreten sein musste.

Hier jedenfalls hatte es die meisten im Schlaf erwischt, und die Straßen waren so frei wie selten.

Völlig ratlos und wie betäubt fuhr Wyndham schließlich zur Arbeit. Er stand zu dem Zeitpunkt vermutlich unter Schock. An den Gestank hatte er sich bereits gewöhnt, und dass die ganze Nachtschicht tot dalag – Kolleginnen und Kollegen, von denen er manche seit sechzehn Jahren kannte – erschütterte ihn nicht so sehr. Was ihn sehr erschütterte, waren die vielen Pakete im Sortierbereich: Ihm wurde schlagartig klar, dass sie nie ausgeliefert werden würden. Also belud Wyndham seinen Transporter und begann seine Runde zu machen. Er wusste selbst nicht genau, warum – vielleicht, weil er mal einen Film gesehen hatte, in dem ein postapokalyptischer Nomade eine Briefträgeruniform findet und die westliche Zivilisation wiederaufbaut (ohne die alten Fehler), indem er die Rolle des Austrägers übernimmt. Wyndhams Bemühungen dagegen stellten sich ziemlich schnell als sinnlos heraus.

Er gab es auf, als er feststellte, dass selbst Monica – die Home-Shopping-Network-Lady, wie er sie nannte – keine Pakete mehr annehmen würde. Er fand sie bäuchlings auf dem Küchenboden, eine zerbrochene Kaffeetasse in der Hand. Im Tod hatte sie weder ein hübsches Gesicht noch einen netten Charakter. Sie hatte nur diesen heftigen, unangenehmen Geruch. Trotzdem blickte Wyndham sehr lange auf sie herunter. Er konnte sich gar nicht wieder losreißen.

Als er sich schließlich doch losreißen konnte, ging er in das Wohnzimmer, in dem er einmal 3000 Menschen hatte sterben sehen, und öffnete ihr neuestes Paket. Was die UPS-Vorschriften anging, war dieses Wohnzimmer eine ganze besondere Katastrophenzone.

Wyndham riss das Paketklebeband ab und ließ es zu Boden fallen. Er öffnete den Pappkarton. Darin lag, in drei Schichten Luftpolsterfolie gewickelt, eine Elvis-Presley-Figur aus Porzellan.

***

Elvis Presley, der King of Rock ’n’ Roll, starb am 16. August 1977, während er auf der Toilette saß. Die Autopsie brachte zutage, dass er beachtliche Mengen Medikamente eingenommen hatte, unter anderem Codein, Ethinamat, Methaqualon und verschiedene Barbiturate. Auch Spuren von Valium, Demerol und weiteren Arzneien fanden sich in seinem Blut.

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Eine Zeitlang tröstete sich Wyndham mit der Vorstellung, das Ende der Welt sei lokal begrenzt. Er setzte sich vor dem Haus der Home-Shopping-Network-Lady in seinen Transporter und wartete auf Rettung – auf näher kommende Sirenen, Hubschrauber oder so etwas. Mit der Elvisfigur im Schoß schlief er schließlich ein. Früh morgens wachte er wieder auf – sein Rücken schmerzte von der Nacht im Wagen – und sah einen Hund an dem Transporter schnuppern.

Mit Hilfe von außen war wohl eher nicht zu rechnen.

Wyndham verscheuchte den Streuner und stellte Elvis behutsam auf dem Gehweg ab. Dann fuhr er stadtauswärts los. Ab und zu hielt er an und überzeugte sich von dem, was er schon gewusst hatte, als er das Gesicht seiner toten Frau berührte: dass das Ende der Welt gekommen war. Überall nur kaputte Telefone, kaputte Fernseher, kaputte Menschen. Unterwegs hörte er etliche kaputte Radiosender.

***

Vielleicht würdet ihr – wie er – gern wissen, was alle Menschen um ihn herum befallen hat. Vielleicht fragt ihr euch sogar, warum Wyndham lebt.

Das ist in Weltuntergangsgeschichten meistens ziemlich wichtig, aber Wyndham wird es nie erfahren. Und ihr auch nicht, leider.

Shit happens.

So ist es nun mal am Ende der Welt.

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Die Dinosaurier haben auch nie erfahren, warum sie ausgestorben sind.

Heute sind sich die meisten Experten einig, dass die Dinos dran glauben mussten, als sich ein Asteroid von neun Meilen Dicke südlich von Yucatan in die Erde bohrte, was gewaltige Tsunamis, rasende Stürme, weltumspannende Waldbrände und verstärkte vulkanische Aktivitäten zur Folge hatte. Der Krater ist heute noch zu sehen – er misst 120 Meilen im Durchmesser und ist eine Meile tief –, aber die Dinosaurier sowie 75 Prozent der Spezies, die damals lebten, sind einfach weg. Viele krepierten schon beim Einschlag, sie wurden von der Druckwelle pulverisiert. Von den Überlebenden starben viele wenig später an dem sauren Regen, der die Gewässer vergiftete, oder weil die Staubhülle in der Atmosphäre einen jahrelangen Dauerwinter verursachte.

Übrigens war diese Katastrophe nur das dramatischste in einer langen Reihe von Ereignissen, die zu einem massenhaften Artensterben führten. Den fossilen Funden zufolge kam so etwas circa alle 30 Millionen Jahre vor. Manche Astronomen gehen davon aus, dass die Sonne, wenn sie periodisch die Ebene unserer Galaxie durchquert, in der Oortschen Wolke jenseits des Pluto Millionen von Himmelskörpern in Bewegung setzt, von denen einige dann auf die Erde herabregnen. Diese umstrittene Erklärung wird nach dem hinduistischen Gott der Zerstörung die »Shiva-Hypothese« genannt.

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So ein Vergleich hätte auch den Lissabonern gefallen, als ihre Stadt am ersten November 1755 von einem Erdbeben der Stärke 8,5 auf der Richterskala erschüttert wurde. Das Beben zerstörte über 12.000 Häuser und löste eine Feuersbrunst aus, die sechs Tage in den Ruinen wütete.

Über 60.000 Menschen starben.

Das Ereignis inspirierte Voltaire zu seinem Buch Candide, in dem es heißt, wir lebten in der besten aller möglichen Welten.

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Wyndham hätte jederzeit tanken können. An jeder Ausfahrt des Highways gab es Tankstellen, und die Zapfsäulen schienen zu funktionieren. Aber er ließ es bleiben.

Als dem Transporter der Sprit ausging, lenkte er ihn an den Straßenrand, stieg aus und ging querfeldein. Bei Einbruch der Nacht – er hatte sich noch nicht damit befasst, ob sie nun herabsank oder nicht – suchte er Unterschlupf im nächstbesten Haus.

Es war ein schönes Haus: ein zweistöckiges Backsteingebäude am Rand der Landstraße, der er inzwischen folgte. Davor standen ein paar hohe Bäume. Dahinter begann am Fuß eines schattigen Rasens die Sorte Wald, die man manchmal in Filmen sieht, aber selten im echten Leben: prachtvolle, uralte Bäume und breite, laubbedeckte Wege. Seine Frau hätte das Anwesen wunderschön gefunden, und es tat ihm leid, ein Fenster einschlagen zu müssen. Aber so war es eben: Die Welt war untergegangen, und er brauchte einen Platz zum Schlafen. Was sollte er also tun?

***

Wyndham hatte nicht vor, lange zu bleiben, aber als er am nächsten Tag erwachte, hatte er keine Ahnung, wo er hin sollte. Im großen Schlafzimmer fand er zwei kaputte alte Menschen und versuchte für sie zu tun, was er für seine Frau und seine Tochter nicht getan hatte: Mit einem Spaten aus der Garage begann er vor dem Haus ein Grab auszuheben. Nach ungefähr einer Stunde hatte er Blasen an den zerschundenen Händen. Seine Muskeln, die nach all den Jahren hinter dem Lenkrad des Transporters nicht gerade kräftig waren, begannen zu rebellieren.

Wyndham ruhte sich eine Weile aus, dann verfrachtete er die beiden in den Wagen, der in der Garage parkte, einen taubenblauen Volvo Kombi mit 37.312 Meilen auf dem Zähler. Er fuhr ein Stück die Straße runter und drapierte die zwei Menschen Seite an Seite in einen Buchenhain. Er versuchte, Worte für sie zu finden – seine Frau hätte das von ihm erwartet –, aber als ihm einfach nichts einfiel, fuhr er schließlich zu dem Haus zurück.

Es hätte auch nicht viel genützt: Wyndham konnte es zwar nicht wissen, aber die Leute waren nicht praktizierende Juden. Dem Glauben zufolge, dem Wyndham und seine Ehefrau angehörten, würden sie bis in alle Ewigkeit in der Hölle schmoren. Sie waren außerdem Immigranten – ein Großteil ihrer Verwandtschaft war in den Krematorien von Dachau und Buchenwald verbrannt.

Insofern war ihnen das Schmoren nicht einmal neu.

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Wo wir gerade vom Feuer sprechen – am 25. März 1911 brannte in New York City eine Kleiderfabrik der Triangle Waist Company vollständig aus. Einhundertsechsundvierzig Menschen starben. Viele von ihnen hätten überleben können, wenn die Türen nicht verschlossen gewesen wären, um Diebstählen vorzubeugen.

Rom hat auch mal gebrannt. Angeblich hatte da Nero seine Hand im Spiel.

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Im Haus machte Wyndham den Abwasch und mixte sich an der kleinen Hausbar in der Küche einen Drink. Vor dem Weltuntergang hatte er nie viel getrunken, aber jetzt sah er keinen Grund, es nicht einmal auszuprobieren. Das Experiment war ein solcher Erfolg, dass er von da an jeden Abend auf der Veranda saß, Gin trank und in den Himmel schaute. Einmal glaubte er ein Flugzeug zu entdecken, blinkende Lichter, die eine bogenförmige Bahn beschrieben. Am nächsten Tag kam er nüchtern zu dem Schluss, dass es ein Satellit gewesen sein musste, der immer noch rund um den Planeten flitzte und seine Daten an die verlassenen Abhörstationen und leeren Kontrollzentren funkte.

Ein, zwei Tage darauf gab es keinen Strom mehr. Und wieder ein paar Tage später ging Wyndham der Alkohol aus. Er stieg in den Volvo und machte sich auf die Suche nach der nächsten Stadt. In Weltuntergangsgeschichten kommen meistens zwei Sorten Autos vor: Der zynische Mann von Welt fährt vorzugsweise frisierte Sportwagen, mit denen er zum Beispiel die australischen Küstenstraßen entlangdonnert, weil, was soll er sonst machen. Alle anderen fahren robuste SUVs. Seit dem Zweiten Golfkrieg 1991 – in dem rund 23.000 Menschen starben, vor allem irakische Wehrpflichtige, die amerikanischen »Smart Bombs« zum Opfer fielen – sind auch Humvees im Army-Stil beliebt. Wyndham fand den Volvo völlig ausreichend.

Es wurde nicht auf ihn geschossen.

Es tauchten keine Horden mörderischer streunender Hunde auf.

Die nächste Stadt war so etwa eine Viertelstunde entfernt. Es sah nicht aus, als hätte es Plünderungen gegeben. Dazu waren die Leute einfach zu tot; so ist es eben am Ende der Welt.

Unterwegs kam Wyndham an einem Outdoorladen vorbei, in dem er nicht Halt machte, um sich mit Survival-Ausrüstung und Waffen einzudecken. Verwaiste Autos gab es auch viele, aber er parkte nicht daneben, um sich Benzin abzuzapfen. Stattdessen fuhr er zum Getränkeladen, warf einen Stein durchs Fenster und nahm sich mehrere Kisten Gin, Whiskey und Wodka. Dann ging er in einen Supermarkt, wo die stinkenden Leichen der Nachtschicht neben Paletten voller Waren lagen, die jetzt niemand ins Regal einräumen würde. Mit einem Taschentuch vor Mund und Nase holte Wyndham sich Tonic Water und andere Drink-Zutaten. Ein paar Konserven nahm er auch mit, allerdings nicht mehr, als er unmittelbar brauchte. Das abgefüllte Wasser ließ er stehen.

Was er nicht stehen ließ, war ein Buch voller Cocktailrezepte.

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In etlichen Weltuntergangsgeschichten gibt es zwei Überlebende, einen Mann und eine Frau. Die beiden machen sich daran, die Erde neu zu bevölkern, weil sie ja die westliche Zivilisation wiederaufbauen wollen, nur ohne die alten Fehler. Ihre Namen werden kunstvoll verschwiegen, bis sich ganz am Schluss überraschend herausstellt, dass er Adam heißt und sie Eva.

Im Grunde haben die meisten Weltuntergangsgeschichten so ein Adam-und-Eva-Element. Das trägt vermutlich zu ihrer Beliebtheit bei. Ich will ganz offen sein und bekennen, dass ich in weniger aktiven Phasen meines eigenen Sexuallebens - und davon gab es leider nicht wenige – Tagträume über postapokalyptische Adam-und-Eva-Szenarien immer seltsam tröstlich fand. Der einzige Mann auf der Erde zu sein senkt das Risiko einer Zurückweisung doch erheblich. Und der Leistungsdruck geht so ziemlich gegen Null.

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Auch in dieser Geschichte kommt eine Frau vor.

Macht euch bloß keine Hoffnungen.

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Inzwischen wohnt Wyndham seit zwei Wochen in dem Backsteinhaus. Er benutzt das Schlafzimmer der früheren Besitzer und kann dort ganz gut schlafen, allerdings liegt das vielleicht auch am Gin. Beim Aufwachen fragt er sich manchmal, wo seine Frau ist und was er in einem fremden Schlafzimmer verloren hat. Dann wieder erwacht er mit dem Gefühl, er hätte sein früheres Leben nur geträumt und würde schon immer dort wohnen.

Eines Tages wacht er beim ersten Morgengrauen auf. Im unteren Stockwerk ist jemand. Wyndham wundert sich, hat aber keine Angst. Er wünscht sich nicht, eine Waffe besorgt zu haben. Wyndham hat noch nie eine Schusswaffe abgefeuert. Wenn er jemanden erschießen würde, und sei es einen postapokalyptischen Punk mit kannibalistischen Neigungen, würde er bestimmt einen Nervenzusammenbruch erleiden.

Wyndham schleicht nicht, sondern geht die Treppe runter. Im Wohnzimmer ist eine Frau. Sie sieht ganz gut aus, eigentlich – verwaschen blond, gut in Form und jung. Fünfundzwanzig vielleicht oder dreißig. Sie wirkt nicht sehr sauber und riecht nicht gut, aber auch Wyndham hat in letzter Zeit nicht viel Körperpflege betrieben. Da kann er sich schlecht beschweren.

»Ich suche einen Schlafplatz«, sagt die Frau.

»Oben ist ein Gästezimmer«, antwortet Wyndham.

***

Am nächsten Morgen – oder Mittag, denn Wyndham hat sich angewöhnt, spät aufzustehen – frühstücken sie zusammen: die Frau eine Pop-Tart und Wyndham Cheerios ohne Milch.

Sie tauschen Neuigkeiten aus, aber das müssen wir hier nicht vertiefen. Die Welt ist ja untergegangen, und die Frau kennt genauso wenig den Grund dafür wie Wyndham oder wie ihr oder sonst irgendwer. Trotzdem redet die Frau die meiste Zeit. Wyndham ist nie sehr gesprächig gewesen.

Er will nicht, dass sie bleibt. Er will nicht, dass sie geht.

Er will insgesamt nicht viel von ihr.

So geht das den ganzen Tag.

***

Manchmal ist dieses ganze Sex-Ding auch der Auslöser für den Weltuntergang.

Falls ich noch einmal auf Adam und Eva zurückkommen darf, könnte man sagen, dass Sex und Tod mit dem Ende der Welt verknüpft sind, seit, ja, seit es diese Welt überhaupt gibt. Trotz aller Ermahnungen kostet Eva eine Frucht vom Baum der Erkenntnis und stellt fest, dass sie nackt ist, sprich, ein sexuelles Wesen. Dann bringt sie auch Adam auf den Geschmack, indem sie ihm von derselben Frucht zu kosten gibt.

Gott bestraft Adam und Eva, indem er sie aus dem Paradies vertreibt und den Tod in die Welt setzt. Schon haben wir die erste Apokalypse, Eros und Thanatos miteinander zu einem sauberen kleinen Päckchen verschnürt, und Schuld an dem Ganzen ist natürlich Eva.

Kein Wunder, dass diese Geschichte Feministinnen nicht gefällt. Sie enthält eine ziemlich ätzende Vorstellung von weiblicher Sexualität.

Rein zufällig, oder auch nicht, handelt eine meiner liebsten Weltuntergangsgeschichten von ein paar Astronauten, die in eine Zeitverwerfung geraten, und als sie wieder herauskommen, sind alle Männer tot. Die Frauen haben sich prima damit arrangiert. Sie brauchen keine Spermien für die Fortpflanzung und haben eine Gesellschaft gegründet, die auch ohne Männer gut funktioniert – besser sogar als alle früheren zweigeschlechtlichen Gesellschaften.

Und lassen die Männer sie in Frieden?

Natürlich nicht. Sie sind ja Männer und gieren nach sexueller Dominanz. Das ist ihnen praktisch genetisch eingeschrieben, und schon machen sie sich daran, auch dieses Paradies zu zerstören. Das Mittel der Wahl ist Sex in seiner gewaltsamen, männlichen Variante – Vergewaltigung, genauer gesagt. Eine Form von Sex, in der es mehr um die Gewalt geht als um den Sex selbst.

Von Liebe gar nicht zu reden.

Übrigens eine ziemlich ätzende Vorstellung von männlicher Sexualität.

Je mehr sich alles ändert, desto mehr bleibt wohl alles gleich.

***

Und Wyndham?

Wyndham setzt sich gegen drei auf die Veranda. Er hat Gin dabei. Er hat Tonic. Das ist jetzt so sein Ding. Er weiß nicht, wo die Frau hin ist, und interessiert sich auch nicht brennend dafür.

Stunden später gesellt sie sich zu ihm. Wyndham weiß nicht, wie spät es ist, aber die Luft hat so etwas Verschwommenes wie immer bei Einbruch der Dämmerung. Unter den Bäumen sammelt sich die Dunkelheit, die Grillen zirpen sich warm, und es ist so friedlich, dass Wyndham für eine Weile den Weltuntergang fast vergisst.

Dann klappert die Fliegengittertür, und die Frau kommt auf die Veranda. Wyndham merkt sofort, dass sie etwas mit sich angestellt hat, er kann nur nicht sagen, was – so eine Art Frauenzauber, nimmt er an. Seine Ehefrau hat das auch manchmal gemacht. In seinen Augen war sie immer schön, aber manchmal war sie einfach umwerfend. Bisschen Puder und Rouge vermutlich. Lippenstift. Und so.

Und Wyndham weiß das zu schätzen. Doch, wirklich. Er fühlt sich auch geschmeichelt. Sie ist eine attraktive Frau, und intelligent.

Im Grunde ist er trotzdem einfach nicht interessiert.

Sie setzt sich zu ihm, und dann redet sie die ganze Zeit. Und auch wenn sie es nicht wörtlich so formuliert, spricht sie davon, die Erde neu zu bevölkern und die westliche Zivilisation wiederaufzubauen. Sie redet von ihren Pflichten. Was man in solchen Zeiten eben redet. Aber unterschwellig geht es um Sex. Und noch unterschwelliger, ganz unten, geht es um Einsamkeit – was Wyndham auch durchaus nachvollziehen kann. Nach einer Weile fängt sie an, Wyndham zu streicheln, aber bei ihm regt sich nichts. Es ist, als wäre da was abgestorben.

»Was ist los mit dir?«, fragt sie.

Wyndham weiß nicht, was er darauf sagen soll. Er weiß nicht, wie er sagen soll, dass es am Ende der Welt um all diese Sachen nicht mehr geht. Es geht um etwas anderes, für das er keine Worte findet.

***

Und übrigens: Wyndhams Ehefrau. Sie hatte noch ein weiteres Buch auf dem Nachttisch liegen. Darin las sie nicht jeden Abend, nur sonntags immer. An dem Sonntag vor dem Ende der Welt hatte sie sich gerade das Buch Hiob vorgenommen.

Die Geschichte kennt ihr, oder?

Sie geht so: Gott und der Teufel – oder der Widersacher, das ist vielleicht die bessere Übersetzung – schließen eine Wette ab. Sie wollen sehen, wie viel Scheiße Gottes treuester Diener fressen wird, ehe er seinem Glauben abschwört. Dieser Diener heißt Hiob. Sie wetten also, und Gott lässt Hiob fortan Scheiße fressen. Er nimmt ihm seine Reichtümer, nimmt ihm sein Vieh, nimmt ihm seine Gesundheit. Trennt ihn von seinen Freunden. Und so immer weiter. Schließlich – und das hat Wyndham schon immer zugesetzt – schließlich nimmt er Hiob die Kinder.

Nur um das klarzustellen: »Nimmt« heißt in diesem Fall, dass er sie tötet.

Könnt ihr mir so weit folgen? Denkt an Krakatau, eine Vulkaninsel, die früher zwischen Java und Sumatra lag. Am 27. August 1883 zerbarst die Insel, spie eine Aschewolke bis in die Stratosphäre und stieß kubikkilometerweise Gesteinsbrocken aus. Die Explosion war bis in über 4000 Kilometer Entfernung zu hören. Sie erzeugte Flutwellen von vierzig Metern Höhe. Stellt euch vor, wie diese Wellen auf die kleinen Dörfer treffen, die an Javas und Sumatras Küsten lagen.

Dreißigtausend Menschen starben.

Jeder einzelne hatte einen Namen.

Hiobs Kinder – tot. Wie die 30.000 Javanesen.

Und Hiob? Frisst munter weiter Scheiße. Wendet sich nicht von Gott ab, bleibt seinem Glauben treu. Und Gott belohnt ihn: Er gibt Hiob die Reichtümer und das Vieh zurück. Stellt seine Gesundheit wieder her und schickt ihm Freunde. Gott ersetzt ihm die Kinder. Aufgemerkt, Leute: In Weltuntergangsgeschichten kommt es auf die genaue Wortwahl an.

Er hat sie ersetzt, nicht zurückgegeben.

Die ersten Kinder blieben tot, futschikato, kaputt, vom Antlitz der Erde getilgt, nicht anders als sämtliche Dinosaurier, als die zwölf Millionen Unerwünschten, die von den Nazis ermordet wurden, die 500.000 Toten in Ruanda, die 1,7 Millionen in Kambodscha, die 60 Millionen Opfer des Sklavenhandels.

Ach Gott, du altes Schlitzohr.

Du Witzbold.

***

Darum geht es am Ende der Welt, würde Wyndham am liebsten sagen. Der Rest sind nur noch Details.

***

Inzwischen hat die Frau (Wollt ihr ihren Namen wissen? Sie sollte einen haben, findet ihr nicht?) leise zu weinen angefangen. Wyndham steht auf, geht in die Küche und holt ein zweites Glas. Dann geht er wieder raus und mixt noch einen Gin Tonic. Er setzt sich neben die Frau und drückt ihr das Glas in die Hand. Ihm fällt nichts anderes ein.

»Hier, trink«, sagt er. »Das hilft.«

 

Aus dem Amerikanischen von Gesine Schröder

 

© 2004 by Dale Bailey
Deutsche Erstveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors

Erstveröffentlichung unter dem Titel ›The End of the World as we know it‹ in
The Magazine of Fantasy & Science Fiction (Oktober/November 2004)

Für die deutschsprachige Ausgabe:
© 2016 by S. Fischer Verlag GmbH, Hedderichstr. 114, D-60596 Frankfurt am Main

Alle Rechte vorbehalten

 

Dale Bailey ist der Autor dreier Romane: The Fallen, House of Bones und Copkiller (mit Jack Slay Jr.). Seine Erzählungen, in dem Band The Ressurrection Man’s Legacy and Other Stories erschienen, waren drei Mal in der engeren Auswahl für den International Horror Guild Award, zwei Mal für den Nebula Award und zudem auf der Shortlist für den Shirley Jackson Award und den Bram Stoker Award. Der Kurzroman Death and Suffrage, mit dem Preis der International Horror Guild ausgezeichnet, wurde von dem Regisseur Joe Dante für die Fernsehanthologie »Masters of Horror« verfilmt. Ein zweiter Erzählband, The End of the End of Everything, ist 2015 erschienen.

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