Tye Sheridan als Wade Watts in "Ready Player One"

© Warner Bros Pictures

KOLUMNE

Hollywood macht schlank, oder: Warum mir Tye Sheridan, Jennifer Lawrence oder Kristen Stewart auf den Nerv gehen


Lars Schmeink
25.07.2017

Es ist das alte Spiel: Der dicke Junge wird ein dünner hübscher Mann, aus der blassen und unkoordinierten Frau wird die Modelschönheit. Wenn Bücher für die große Leinwand aufbereitet werden, dann unterwirft man die Hauptdarsteller dem Diktat der Schönheit. Wie schade. 

 

Man kann es nicht oft genug sagen: Repräsentation ist wichtig. Das gilt für Frauen im Fernsehen wie auch für Persons of Color in fantastischen Blockbusterfilmen. Es gilt für uns alle, für diese bunte, vielschichtige Bevölkerung, die eben nicht gleichförmig einem willkürlich festgesetztem Ideal entsprechend aussieht. Vielmehr gibt es uns Menschen in Milliarden verschiedener Ausprägungen – aber das scheint ein Fakt zu sein, den Hollywood und Co. gerne vergessen.

Spannend ist dabei, dass vor allem in der Fantastik, bzw. insgesamt im Nerdtum die Außenseiter einen vermeintlich sicheren Hafen finden. Das ist schließlich eines der großen Argumente, das der Fantastik entgegengebracht wird: Eskapismus. Wenn ich in der realen Welt nicht klarkomme, so die Argumentation, dann flüchte ich mich halt in die der Elfen, Aliens oder Superhelden. Übergewicht, Brille, Zahnspange, Pickel, wilde Haare, billige Klamotten – wie sehr auch immer dein Äußeres Anderen Anlass dazu gibt, sich über dich lustig zu machen und dich auszugrenzen, so sehr kannst du dich darauf verlassen, dass die Helden von Computerspielen und Fantasy-Romanen für dich da sind. Nicht umsonst kämpfen Superhelden in Comics öfters mal mit Selbstzweifeln und ihrer nicht so coolen Secret Identity. In der Fantastik kann ein Nerd, ein Geek, ein Freak, ein Außenseiter trotzdem zum Helden werden. 

Übergewichtig, schwitzend, picklig

Und dann kommt der Film. Plötzlich werden aus den so liebenswert fehlerhaften, verqueren, sozial unangepassten, schüchternen oder dicken Helden der Fantastik die glamourösen, nimm-doch-mal-die-Brille-ab Schönen der Hochglanz-Factory. Da nützt es auch nichts, dass die Vorlage explizit die Imperfektionen der Teenager-Helden darstellt – wenn die Kameras laufen, dann muss selbst ein fetter Nerd mit Cheeto-Fingern zum Unterwäschemodel werden. Man nehme Ernest Clines Roman Ready Player One, in dem der Autor das Leben des Unterschicht-Teenagers Wade Watts beschreibt: Wade lebt in einem Wohnwagenpark, schläft im Wäscheraum, muss seine Essensmarken an seine Tante abgeben, ernährt sich entsprechend ausschließlich von billigem Fast Food, trägt schlabberige und kaputte Klamotten und verbringt seine gesamte Zeit in der virtuellen Realität, bewegt sich also fast nie. Ist es da ein Wunder, dass Cline ihn als übergewichtig, schwitzend und pickelig beschreibt und erklärt, dass er in der Realwelt-Schule täglich einer Tortur durch seine Mitschüler ausgesetzt war?

Die unendliche Geschichte

Wieso nur meint Steven Spielberg dann, den unsicheren 15-jährigen Nerd Wade ausgerechnet mit dem 20-jährigen Herzensbrecher Tye Sheridan besetzen zu müssen, der trotz kindlichem Aussehen über einen wohldefiniert muskulösen Körperbau verfügt? Da ist in Hinsicht auf Repräsentation die Enttäuschung vieler Gamer und Fantastik-Fans vorprogrammiert. Und doch scheint es völlig in Ordnung zu sein, diese Art der Umdeutung vorzunehmen. Und das auch nicht erst seit neuestem. Schon im 1979 erschienenen Roman Die unendliche Geschichte von Michael Ende war der Protagonist Bastian Bux ein schüchterner, dicklicher und von allen gehänselter Junge, der im Reich Phantásien ein Held wird. In der Verfilmung von 1984 jedoch hat Wolfgang Petersen den durchaus ‚niedlichen’ und schlanken Kinderstar Barret Oliver gecastet.

Jede Menge Körperbehaarung

Bei Protagonistinnen ist das Problem ähnlich gelagert: Stephenie Meyer beschreibt Bella Swan in Twilight als blasses, dünnes und unscheinbares Wesen, völlig unsportlich, irgendwie weich und unkoordiniert. Veronika Roth wiederum lässt in Die Bestimmung ihre Beatrice ‚Tris’ Prior von sich selbst sagen, sie sehe noch sehr nach einem kleinen Mädchen aus, obwohl sie 16 Jahre alt sei. Und in der Geschichte achten Altruan-Mitglieder nicht auf ihr Äußeres, sie treiben keinen Sport – Tris ist also ganz bestimmt nicht fit und muskulös. Cassie aus Rick Yanceys Die fünfte Welle nerven ihre Sommersprossen und lockigen Haare, wobei sie sich selbst als „ok“ beschreibt, im Sport, in der Schule und im Aussehen. Und letztlich Katniss Everdeen aus Suzanne Collins Die Tribute von Panem: olivfarbenen Haut, schwarze Haare und jede Menge Körperbehaarung (die von Cinnas Team in drei Stunden Arbeit entfernt werden muss), dazu eine eher dünne, drahtige Physis.

Schaut man sich nun die ausgewählten Schauspielerinnen für die Rollen an – Jennifer Lawrence als Katniss, Chloe Grace Moretz als Cassie, Shailene Woodley als Tris, und Kristen Stewart als Bella – so fällt auf, dass alle Casting-Entscheidungen massiv das Äußere verändern. Sportlich, attraktiv, erwachsen. Wenn aber aus unsicheren und eher durchschnittlichen Teenagern junge attraktive Frauen werden, die mehrere Jahre älter sind als ihre Charaktere, dann verändert das die Erwartungshaltung an Körperbilder im jugendlichen Publikum. Wenn aus der eher dunkelhäutigen, rauen, zähen, etwas burschikosen Katniss eine filigrane, hellhäutige und charmante Jennifer Lawrence wird oder die unsportlich weiche Bella zur schlank-muskulösen Kristen Stewart, dann verändert das auch die Identifikation mit diesen Figuren. Das Casting macht es ausgegrenzten und unsicheren Fans schwerer sich selbst in der Figur wiederzufinden.

Wie ein Held auszusehen hat

Das größte Problem mit diesen Darstellungen ist das Zielpublikum, denn alle oben genannten Bücher/Filme sind an ein jugendliches Publikum gerichtet, das durch die Casting-Entscheidungen darauf eingeschworen wird, dass ein bestimmtes Äußeres mit dem „Held sein“ übereingeht. Dass dem aber nicht so sein muss, beweisen fantastische Sendungen, die sich an ein erwachsenes Publikum richten. So ist Gabourey Sidibe in American Horror Story: Coven als Queenie eine wundervoll überzeugende und einzigartige Nachwuchshexe, dunkelhäutig, übergewichtig und so machtvoll, dass sie die Herrschaft im Coven an sich zu reißen droht. Ebenso dramatisch zeigt Game of Thrones, dass Körperbilder unterschiedlich sein und wichtige Figuren in allen möglichen Formen kommen können. So bleibt die TV-Serie der Beschreibung des schüchternen und übergewichtigen Bücherwurms Samwell Tarly mit der Besetzung John Bradley-Wests treu und zeigt einen Charakter, der viel Stärke und Güte in sich findet und zu einem wichtigen Spieler im Reigen um den Thron wird. Auf der weiblichen Seite wiederum steht Gwendoline Christie als muskulöse Zwei-Meter-Frau Brienne von Tarth im Mittelpunkt so mancher Folge und kann ein ungewöhnlich starkes und imposantes Bild zur Rolle von Frauen in der Fantastik beitragen.

Es wäre schön, wenn wir Jugendlichen und Kindern eine solche Vielfalt der Menschen, egal ob im Körperbild, in der Identität oder im Charakter ganz selbstverständlich präsentieren würden. Erwachsene Sendungen machen es zumindest in kleinen Schritten ja vor. Aber wie das aktuelle Beispiel von Ready Player One wieder einmal zeigt, sind wir dank Celebrity-Maschinerie und tollen Hochglanzpostern eben immer noch Meilenweit davon entfernt. Schade eigentlich.

Über den Autor

Lars Schmeink



Dr. Lars Schmeink ist Journalist und Fantastikforscher. Er ist Professor für Medienwissenschaft am Institut für Kultur- und Medienmanagement Hamburg und erster Vorsitzender der Gesellschaft für Fantastikforschung.

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