Ship it like FedEx!

© Andreas Wierer, PublicCo / pixabay

KOLUMNE

Ship it like FedEx: Auch in der Fantasy und Science Fiction wird geshippt wie nichts Gutes!


Aragorn und Éowyn gehören zusammen! Kylo Ren und Rey auch, sie wissen es nur noch nicht ... Wir lieben es, fiktive Charaktere aus Fantasy-Romanen, TV-Serien und SF-Filmen miteinander zu verkuppeln! Diese Macke hat einen Namen: Ship it (like FedEx) und erfreut sich größter Beliebtheit im Fandom.

Shippen, Shipping Wars, Crackship, Head Canon, Shippernamen, OTP (= One True Pairing)  – wer schon mal googlen musste, was das ist, weiß, wovon ich rede. Wer es noch nicht weiß: Es hat nichts mit der Seefahrt oder dem Verschicken von Artikeln zu tun. Es ist vielmehr der innere Drang, zwei fiktive Charaktere miteinander zu verkuppeln („ship“ wie in „relationship“), dazu eigene Gedanken (head canons), Fanfictions, Fan Art, Comics und YouTube-Videos (unterlegt mit meist schmalzigen Liebesliedern) zu entwickeln.

So etwas gibt es erst, seit es tumblr, Fanfiction-Archive und durchgeknallte Fangirls im Internet gibt, oder?

Hmm … ich erinnere mich noch gut: Als in Die zwei Türme Éowyn Aragorn einen Krug reichte und sich dabei ihre Hände berührten, da flammte plötzlich dieser Gedanke in meinem elfjährigen Leserinnen-Hirn auf: Die beiden passen so gut zueinander – ich will, dass sie zusammen sind!

Was ich nicht wusste: Hinter den Kulissen waren bereits Aragorn und Arwen liiert, und Éowyn hatte einfach keine Chance gegen unsterbliche Liebe. Tolkien war es egal, dass ich Aragorn und Éowyn „shippte“, er hatte sich bereits entschieden und ließ mich fassungslos mit ansehen, wie Aragorn der stolzen Schildmaid, die ihm einen Krug gereicht hatte, seinerseits einen Korb gab.

Mein innerer Wunsch, Aragorn und Éowyn zusammen zu sehen, war „Shipping“, auch wenn wir ja damals noch kein Internet hatten. (Wir hatten ja nix.) Wäre ich ein, zwei Jahrzehnte später geboren, hätte ich ihnen den zusammengesetzten Shippernamen Éogorn (oder Arawyn? – nein, zu nah an Arwen!) verpasst und ihre Abenteuer bei AO3 online gestellt. Vielleicht hätte ich mit denjenigen, die Aragorn und Arwen zusammen sehen wollen (Arawen?? Argorn?) einen kleinen Shipping War angefangen. Wobei klein – Shipping Wars können das Internet erschüttern! Ein Beispiel? Aber natürlich: Ich eröffne den Ring für Reylo vs. Finnrey!

Das erstere ist der Shippername für Bösewicht Kylo Ren und Protagonistin Rey aus Star Wars: Das Erwachen der Macht, das zweite der für Rey und den Ex-Sturmtruppler FN-2187 - Finn. Es gibt die Fraktion, die der Ansicht ist, zwischen Kylo und Rey sei Knistern getreu dem Motto „Gegensätze ziehen sich an“ im Spiel gewesen, die andere Fraktion glaubt, dass Rey und Finn füreinander bestimmt sind, auch wenn Rey nicht wirklich Händchen halten will. Gut und schön – jeder, wie er mag, kann man nun sagen. Aber in diesen Kopfkinos, die da bei so manchem Fan das Warten auf Episode VIII verkürzen, kommen noch ganz andere Faktoren ins Spiel. Kylo Ren als Sohn von Leia und Han: der verwöhnte, weiße Junge, der böse wird, weil ihm langweilig ist.  Und Finn, ein Farbiger (was in einer Galaxis weit, weit entfernt keine Rolle spielt, aber natürlich gerade in der Repräsentation in Hollywood-Franchises nicht egal ist), hineingeboren in die Erste Ordnung und desertiert, weil er ein guter Mensch ist.

Wer also Reylo shippt, ist angeblich ein Rassist. Wer Finnrey shippt, ist angeblich naiv und einfallslos. Oder versucht, Finn von Pilotenass Poe Dameron wegzushippen, dessen Schauspieler Oscar Isaac ja bereits mit einem Augenzwinkern angedeutet hat, dass er eine Romanze zwischen Poe und Finn einzufädeln versucht. (Der Preis für den poetischsten Shippernamen geht an Poe/Finn alias „Stormpilot“!) Also, kurz gesagt: In diesem Shipping War kann man nur schlecht wegkommen, denn entweder man ist angeblich ein Rassist oder homophob. Und darüber werden im Internet blutige Schlachten geschlagen und zum Boykott der Star Wars-Romane von Claudia Gray aufgerufen, die einmal bei Twitter zugab, Kylorey-Shipperin zu sein.

Ein anderes Beispiel für die Abgründe des Shipping Wars? Buffy-Schauspielerin Sarah Michelle Gellar wurde im März diesen Jahres mit ihren „Scoobies“ zu einem 20-Jahre-später-Special von Entertainment Weekly interviewt. Wer Buffy kennt, erinnert sich sicher noch, dass die Vampirjägerin gleich zwei Vampiren verfallen war: Am Anfang der Serie Angel, dem Vampir meist mit, manchmal ohne Seele – und am Ende der Serie Spike, mit dem eher die Themen einer ungesunden Beziehung durchdekliniert wurden. Sarah sagte im Interview, sie habe bereits Morddrohungen erhalten, weil sie äußerte, dass Buffys Wahl wohl eher auf Angel als auf Spike fallen würde. Huh, das geht ganz schön weit – aber Verrückte gibt es überall, nicht wahr?

Ich wage jedoch zu behaupten: Ein kleiner Shipper steckt in jedem von uns. Meine neunjährige Tochter unterhielt sich vor kurzem auf dem Schulweg angeregt mit ihrer gleichaltrigen Freundin darüber, wer bei der Serie Miraculous Ladybug mit wem zusammenkommen sollte, und selbst ein Freund gab zu: „Ich habe nur eine kleine Badewanne, und darin segeln Fisk und Vanessa aus Daredevil in einem gefalteten Papierbötchen.“

Wobei: einen Bösewicht wie Fisk zu shippen? Ist das am Ende schon ein „Crackship“? Letzteres bezeichnet abwegige, unrealistische oder schlichtweg geschmacklose Ships, die zum Beispiel über Minderjährigkeitsgrenzen hinweggehen. Mein erster Kontakt mit so etwas fand irgendwann Anfang der Zweitausender statt, als ich auf das Harry Potter-Fanfiction-Archiv „Diagon Alley“ stieß und ungläubig verfolgte, dass es tatsächlich explizite Schilderungen zu einer Liebesbeziehung zwischen Snape und Harry gab. Ich will ja niemandes Head Canon verurteilen – aber nein, danke!  (Abstrus wird es, wenn zum Beispiel Liebesbeziehungen zwischen Gandalf und dem Balrog oder Gollum und Baumbart ins Spiel gebracht werden – alles ist möglich, aber nicht alles sinnvoll.)

Ob Ships zwischen Freund und Feind immer Crackships sind, darüber ließe sich streiten. Wie zum Beispiel über „Skyward“, die Kombination der Agentin mit Superkräften Daisy/Skye und Hydra-Fiesling Grant Ward aus Marvel’s Agents of S.H.I.E.L.DDass sich die Macher von Serien und Filmreihen solcher Ships durchaus bewusst sind, zeigen zahlreiche Tweets, in denen auch Schauspieler, Drehbuchautoren und Mitarbeiter mit humoristischem Hintersinn Shippernamen benutzen, so zum Beispiel in der aktuellen Agents of S.H.I.E.L.D.-Staffel, in der Daisy in einer virtuellen Realität neben Ward aufwacht, woraufhin auch vom offiziellen Account aus mit dem Hashtag #skyward kokettiert wurde.

Shipping ist aber natürlich nicht nur das Zusammenpuzzeln möglichst abstruser Paare (oder auch Dreifach-Kombinationen, „OT3“ genannt). Auch Paare, die in Buch oder Leinwand zusammenfinden und ein tatsächliches Paar sind, können hemmungslos geshippt werden. Was also, wenn nun Shipper laut genug nach der Erfüllung ihrer Sehnsüchte schreien? Werden die schlauen Köpfe hinter den Serien sie dann erhören und zusammenfügen, was nach Ansicht der Fans zusammengehört?

So ganz genau wird sich da wohl keiner in die Karten blicken lassen, doch am Ende der Animationsserie Die Legende von Korra durften sich Fans über die Erfüllung ihrer Wünsche freuen: Protagonistin Korra und ihre langjährige platonische Freundin Asami sahen sich tief in die Augen und umarmten sich auf eine Weise, die nach mehr aussah als bloßer Freundschaft. Serienschöpfer Mike DiMartino machte es daraufhin auf seinem Blog offiziell: “KORRASAMI CONFIRMED.” Auch in den Comics, die die Serie ab diesem Jahr fortführen sollen, sind Korra und Asami ein Paar.

Interessanterweise werden jedoch deutlich seltener Frauen mit Frauen geshippt und sehr viel häufiger Männer mit Männern – Fachbegriff Slash Fiction. Da die leidenschaftlichsten Shipper meist junge Frauen sind, fragt man sich natürlich: Warum ist das Verkuppeln männlicher und meist sogar heterosexueller Charaktere in homosexuellen Beziehungen so interessant? (Besondere Stilblüten treibt es dann, wenn zum Beispiel selbst die Gebrüder Winchester aus Supernatural geshippt werden, obwohl sie … Brüder sind.) Eine Antwort darauf zu geben, würde sicherlich eine interessante soziologische Doktorarbeit füllen. Ganz kurz gesagt denke ich, es geht dabei um das Spiel mit Geschlechteridentitäten und die Faszination dessen, was sich eben als Frau nicht leben, sondern nur über die Phantasie erfahren lässt.

Und wenn nun im Shipping Frauen mit Männern, Männer mit Männern, Frauen mit Frauen und so an sich alle mit allen verkuppelt werden – kann es dann überhaupt noch Freund- und Feindschaften geben, in die nichts Romantisches hineininterpretiert wird? Des Themas etwas müde tweetete der Star Wars-„Kanonwächter“ Pablo Hidalgo im vergangenen Jahr dieses denkwürdige Meme, das es ganz gut zusammenfasst: 

Shipping-Meme von Pablo Hidalgo

P.S.: Noch nicht genug Shipping? Mit diesem Lied geht euch das Thema garantiert nie wieder aus dem Ohr: 

 

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© Judith C. Vogt
OTPs: Guybrush Threepwood & Elaine Marley aus Monkey Island, Hera Syndulla & Kanan Jarrus aus Star Wars: Rebels

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