Das Tor in unendliche Weiten – Das Historisch-Technische Museum Peenemünde auf der Insel Usedom (MV)

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KOLUMNE

Das Historisch-Technische Museum Peenemünde - Orte, die ein Nerd besucht haben muss (Folge 2)


Diana Menschig
15.04.2017

Es muss nicht gleich die ComicCon in San Diego sein, auch in der Nähe gibt es interessante Orte, an denen ein Nerd eigentlich nicht vorbeigehen darf. Bei manchen ist es offensichtlich, bei anderen handelt es sich um echte Geheimtipps, die erst auf den zweiten Blick ihr wahres Potenzial offenbaren.

 

Das Tor in unendliche Weiten – Das Historisch-Technische Museum Peenemünde auf der Insel Usedom (MV)

Koordinaten: 54° 8‘ 53‘‘ N – 13° 47‘ 39‘‘ O

 

Raketen – Pinguine und Störche – Bernstein – 200 kg Duschvorhang. Ein »Ort, der die menschliche Existenz verändert hat«*

Wer an Raketen und Raumfahrt denkt, denkt vermutlich eher ans Kennedy Space Center oder – je nach Gusto – Area 51. Dabei hat die Geschichte der Raumfahrt in Deutschland begonnen, genauer auf der Insel Usedom. Das dort beheimatete Historisch-Technische Museum Peenemünde hat es sogar in den Geek Atlas von John Graham-Cumming (O’Reilly) geschafft. Hier wurde im Oktober 1942 die erste Rakete abgefeuert, die in den Grenzbereich des Weltraums eindrang. Das Modell einer solchen A4-Rakete befindet sich direkt am Eingang auf das Gelände. Bei dem Gebäude handelt es sich um das ehemalige Kraftwerk der Heeresversuchsanstalt Peenemünde.

Das Tor in unendliche Weiten – Das Historisch-Technische Museum Peenemünde auf der Insel Usedom (MV)

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Das Museum (Eintritt 8 Euro) feiert den technischen Fortschritt und die Tatsache, dass wir es geschafft haben, die Erde zu verlassen. Es verschweigt jedoch nicht, dass der Weg ins All immer auch militärischen Zwecken dient. Die Raumfahrt ist Teil der menschlichen Rüstungsgeschichte, daran mahnt dieser Ort deutlich. Er ist nicht nur das Portal ins Weltall, sondern hatte auch seine Geschichte in der Zeit des NS-Regimes: Während des Zweiten Weltkriegs waren es Zwangsarbeiter, die Raketen zusammenbauten, ab 1943 gab es hier ein KZ-Außenlager. Der spanische Maler Gregorio Iglesias Mayo hat mit einer überdimensionalen Leinwand diese Geschichte auf buchstäblich beeindruckende Weise aufgearbeitet. Das Kunstwerk ist neben der Druckgraphik von Miguel A. Aragon im Rahmen der Sonderausstellung »Imprinting History«  (bis Herbst 2017) in der Eingangshalle des Kraftwerks zu bestaunen. Je nach Lichteinfall ist die Wirkung sehr unterschiedlich, jedoch immer bedrückend, sofern man sich diesen Teil der deutschen Geschichte vor Augen hält. Die Montage der Leinwand könnte man übrigens ebenfalls als Performance bezeichnen, sie wurde stundenlang wie ein riesiger Duschvorhang über ein Stahlseil in die Halle geschoben.

Das Tor in unendliche Weiten – Das Historisch-Technische Museum Peenemünde auf der Insel Usedom (MV)

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Wer nicht unbedingt bis ganz ins All fliegen möchte, hat auf dem Museumsgelände eine große Auswahl an Flugzeugen, die für Rundflüge genutzt werden können. Über das Modell entscheidet lediglich der Geldbeutel, die meisten stehen bereit abzuheben. Ins Reich der Phantasie gehört hingegen ein Modell des Fieseler Fi F156 Storch mit einem per Raumenergie angetriebenen Magnetmotor, mit dem der Raketeningenieur Wernher von Braun im Dienste des NS-Regimes vor den anrückenden Alliierten habe fliehen wollen. Ein Flugzeug dieses Typs ist leider nicht zu besichtigen, auch darüber hinaus gibt es keinerlei Hinweise auf erfolgreiche Forschungen zu Raumenergie. Sollten Ingenieure dem Geheimnis dieser sauberen und sparsamen (wenn nicht gar unerschöpflichen) Energiequelle auf die Spur kommen, dann nicht in Peenemünde. Bis dahin ist es für erfolgreiche Flugversuche, in welche Höhen auch immer, vermutlich gesünder, sich an gültige Gesetze der Physik und Thermodynamik zu halten.

Das Tor in unendliche Weiten – Das Historisch-Technische Museum Peenemünde auf der Insel Usedom (MV)

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Neben dem Kraftwerk ist das ehemalige Sauerstoffwerk das einzige Gebäude, das die Zerstörung des Versuchsgeländes im Zweiten Weltkrieg zumindest als Ruine überstanden hat. Leider ist es für die Öffentlichkeit nicht zugänglich, ansonsten wäre es ein großartiger Ort, um sich ein wenig zur Zombie-Apokalypse fortzubilden. Aber auch aus der Entfernung strahlt dieser Gebäuderest Endzeitstimmung aus.

Das Sauerstoffwerk ist eine Station eines insgesamt 25 Kilometer langen Rundwegs über das ehemalige militärische Gelände, wo statt Zombies ein paar handfestere Gefahren lauern. Wiederum ein Überbleibsel des Zweiten Weltkrieges, in diesem Fall von britischen Bombardements, sind zum Beispiel Phosphorklumpen, die am Strand herumliegen können. Wer beim Bernsteinsammeln nicht aufpasst und plötzlich merkt, dass es in der Hosentasche warm wird, sollte die Hose am besten schnell herunterlassen, bevor sie sich entzündet (nein, das ist jetzt kein Scherz). Wer nur Bernstein findet, kann sich mit ein wenig Geduld genug für ein ganzes Zimmer zusammensammeln. Es soll Leute geben, die so etwas als Innendekoration schätzen.

Neben dem Bernstein und der Aussicht auf die Ostsee bietet der Rundwanderweg weitere Stationen, die sich mit der Geschichte der Heeresversuchsanstalt und der Verbindung von Natur – Mensch – Technik auseinandersetzen. Mit etwas Glück (und natürlich der richtigen Jahreszeit) sieht man den ein oder anderen Storch aus dem angrenzenden Naturschutzgebiet malerisch über das Gelände segeln. Dass sie dabei Bündel mit Neugeborenen bei sich haben, konnte wiederum bisher nicht beobachtet werden, ist andererseits nicht ganz und gar auszuschließen. Es ist ungefähr so wahrscheinlich wie die Möglichkeit, dass es Raumenergie gibt. Aber vielleicht hängt am Ende alles irgendwie zusammen ...


Linktipp: Geschichte der deutschen Raumfahrt von der DLR (PDF)



Stand der Angaben: 1. Quartal 2017

 

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*Prof. Miguel A. Aragón (Mexiko/USA) in seinem Artist Statement zum Projekt »Imprinting History«

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