Die Wahl, Laotse und ein Becher voll Wasser - ein Essay von Ursula K. Le Guin

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ESSAY

Die US-Wahl, Laotse und ein Becher voll Wasser (Ursula K. Le Guin)


Ursula K. Le Guin ist die bedeutendste lebende Autorin gesellschaftskritischer Science Fiction (»Freie Geister«, »Die linke Hand der Dunkelheit«) und hat mit ihrer Erdsee-Serie den zweiten großen Fantasy-Klassiker neben Tolkiens Herr der Ringe verfasst. Nachdem das katastrophale Ergebnis der US-Wahl 2016 bekannt wurde, hat sie sich nachdrücklich mit einem Text zu Wort gemeldet, den wir hier exklusiv auf TOR ONLINE veröffentlichen.

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Die US-Amerikaner haben für eine Politik der Angst, der Wut und des Hasses gestimmt, und diejenigen von uns, die gegen diese Politik sind, überlegen nun, wie wir sinnvoll dagegen angehen können. Ich möchte mein Land, meine Republik verteidigen. In einer Atmosphäre der Angst, der Wut und des Hasses führt Opposition viel zu leicht zu Spaltung, zu festgefahrener Feindschaft. Ich suche nach einem Standpunkt oder einem Ausweg, wo das Verhalten derjenigen, gegen die ich mich widersetze, nicht mein eigenes Verhalten bestimmt.

US-Amerikaner neigen dazu, Feinde zu benennen und ihnen einen gerechten Krieg zu erklären. Indianer sind der Feind, Sozialismus ist der Feind, Krebs ist der Feind, Juden sind der Feind, Muslime sind der Feind, Zucker ist der Feind. Wir fördern nicht die Bildung, wir erklären dem Analphabetismus den Krieg. Wir bekriegen die Drogen, bekriegen Vietnam, bekriegen den Irak, bekriegen die Fettsucht, bekriegen den Terror, bekriegen die Armut. Wir betrachten den Tod, die Bedingungen, unter denen wir leben, als einen Feind, den wir bekämpfen, koste es, was es wolle.

Niederwerfung des Feindes, Sieg für uns, Aggression als Mittel zum Zweck: Diese zwanghafte Metapher wird sogar von jenen benutzt, die wissen, dass ein Angriffskrieg keine Lösung ist und nichts als Verwüstung hinterlässt.

Die Wahl 2016 war eine Schlacht innerhalb des Amerikanischen Bürgerkriegs. Die Trump-Wähler wussten das, anders als wir, und sie haben gewonnen. Ihr Sieg hilft mir zu erkennen, wo meine Überlegungen falsch waren.

Ich will versuchen, diese Kriegs-Metapher nicht mehr zu verwenden, wo sie nicht hingehört, denn ich denke, sie prägt unser Denken und bestimmt unseren Geist, so dass wir dazu tendieren, die zerstörerische Kraft der Aggression als einzigen Weg anzusehen, auf eine Herausforderung zu reagieren. Ich möchte einen besseren Weg finden.

 

Mein Lied ist "Ain’t Gonna Study War No More".

We Shall Overcome war viele Jahre lang mein Lied. Ich werde dieses Lied immer lieben, seinen Inhalt und die Leute, die es gesungen haben, während ich singend mitmarschierte. Aber inzwischen kann ich nicht mehr marschieren, und ich kann es nicht länger singen.

Mein Lied ist Ain’t Gonna Study War No More.

Obgleich wir einige großartige Friedens-Lehrer hatten, beispielsweise Martin Luther King, haben US-Amerikaner sich fast gar nicht mit dem Studium des Friedens abgegeben.

Der Weg des Kriegers kennt keine positiven Alternativen zum Kämpfen, nur negative – Reglosigkeit, Passivität, Kapitulation. »Einen Feldzug für den Frieden führen« ist bloßes Gerede, man kann nicht aggressiv friedfertig sein. Wenn wir positives Handeln auf ein dagegen kämpfen oder dafür kämpfen reduzieren, dann haben wir nicht genug nach weiteren Formen des Handelns gesucht.

Wie an den Leuten, die nach Selma marschiert sind, können wir an den Menschen, die in Standing Rock ihren Standpunkt vertreten, die harten Lektionen des Friedens studieren, daraus lernen und Lehren ziehen. Sie führen keinen Krieg. Sie sind entschieden gewaltfrei. Sie suchen nach einem Ausweg aus den Fallstricken von Angst, Hass und Feindseligkeit. Sie versuchen aktiv frei zu werden, frei zu sein und mit ihrer Freiheit andere genauso zu befreien.

Das Studium des Friedens bedeutet zuallererst einmal, das Vokabular des Krieges zu verlernen, und das ist wirklich unglaublich schwer. Ist es etwa nicht richtig, gegen Ungerechtigkeit zu kämpfen? Ist es nicht das, wofür Selma und Standing Rock stehen – gerechte Schlachten für Gerechtigkeit?

Ich glaube nicht. Gerecht ja, Schlachten nein. Die Weigerung, einem Aggressor zu seinen Bedingungen entgegenzutreten, standhaft und entschlossen zu bleiben, ist keine Aggression – obwohl der aggressive Gegner natürlich immer behaupten wird, das sei so. Die Weigerung, Gewalt mit Gewalt zu begegnen, ist ein kraftvoller positiver Akt.

Aber das ist paradox. Es ist eben schwer zu verstehen, dass Untätigkeit etwas Positiveres ist als etwas zu unternehmen. Wenn alle Wörter, die wir verwenden müssen, negative sind – untätig sein, gewaltfrei, verweigern, widerstehen, ausweichen –, dann ist es schwer zu verstehen und im Kopf zu behalten, dass das Ergebnis dieser sogenannten Negation etwas Positives ist, wohingegen das Ergebnis des augenscheinlich positiven Aktes der Kriegsführung etwas Negatives ist.

Wir verwechseln dabei Selbstverteidigung, als Antwort auf Aggression, mit der Aggression selbst. Selbstverteidigung ist eine notwendige und moralisch vertretbare Reaktion.

Aber eine Sache zu verteidigen ohne zu Kämpfen, ohne anzugreifen, ohne Aggression, stellt keine Re-Aktion dar, sondern eine Aktion. Das ist ein Ausdruck von Kraft. Dadurch übernimmt man die Kontrolle.

Eine Reaktion wird von der Macht kontrolliert, gegen die sie reagiert. Die Menschen, die derzeit behaupten, sie wären Konservative, sind gar keine Konservativen, sie sind radikale Reaktionäre. Die Position des Reaktionären ist nicht die des Handelnden, sondern die des Opfers. Der Reaktionär tendiert immer in Richtung Paranoia, er betrachtet sich selbst als das obsessiv verfolgte Objekt unermesslich feindseliger Mächte und Kräfte, er sieht überall Feinde, in jedem, den er nicht versteht und nicht beherrschen kann, in jedem Fremden, in seiner eigenen Regierung.

Momentan sehen sich viele Republikaner ausschließlich in der Position des Opfers, was wohl auch der Grund dafür ist, dass ihre Partei keine positive Agenda vorzuweisen hat und sie so ausdauernd jammern.

Die Entscheidung zu agieren, anstatt zu reagieren, durchbricht die lähmende Angst und den Teufelskreis der Aggression, sie gibt uns die Freiheit weiterzugehen, voranzukommen.

 

Wasser - das schwächste, nachgiebigste Ding auf der Welt

Seit Jahrtausenden verherrlichen wir den Weg des Kriegers. Wir sehen darin den ultimativen Test und das beste Beispiel für Wagemut, Kraft, Pflichtgefühl, Edelmut und Männlichkeit. Wenn ich mich vom Weg des Kriegers abwenden will, wo finde ich dann diese Eigenschaften? Welchen Weg soll ich dann gehen?

Laotse schlägt vor: den Weg des Wassers.

Als das schwächste, nachgiebigste Ding auf der Welt, wie er es bezeichnet, entscheidet sich das Wasser für den einfachsten Weg, nicht für die prächtigste Straße. Es macht Platz für alles, das härter ist als es selbst, bietet keinen Widerstand, umfließt Hindernisse, nimmt alles, wie es kommt, lässt sich benutzen, teilen, verunreinigen, bleibt dabei aber immer es selbst und läuft immerzu in die Richtung, in die es muss. Die Gezeiten des Meeres gehorchen dem Mond, währenddessen die großen Strömungen unterhalb der Oberfläche ihren Verlauf beibehalten. Auch das stillste Wasser ist immerzu in Bewegung; der ruhigste See verwandelt sich unablässig und unsichtbar in Dunst und steigt nach oben. Ein Fluss kann eingedämmt oder geteilt werden, sein Wasser aber kann man nicht komprimieren: Wo nicht genügend Platz ist, wird es nicht hinlaufen. Ein Fluss kann für menschliche Zwecke so weit trockengelegt werden, dass er niemals das Meer erreicht, aber in all diesen Ableitungen und Verschwendungen bleibt das Wasser sich treu und folgt seinem Kurs, fließt abwärts und weiter, ebenso über- wie unterirdisch, verflüchtigt sich wie ein Hauch in der Luft, erhebt sich als Dunst, Nebel, Wolke und kehrt als Regen zur Erde zurück und füllt erneut das Meer. Wasser kennt mehr als nur einen Weg. Es hat unendlich viele Wege, die es auf jede mögliche Weise verfolgt. Es ist vollkommen opportunistisch – und alles Leben auf der Erde hängt von diesem passiven, nachgiebigen, ungewissen, anpassungsfähigen und veränderlichen Element ab.

Der Weg des Todes oder der Weg des Lebens? Die Prachtstraße des Kriegers oder das Flussbett?

 

Ich möchte beherzt und barmherzig leben, in Langmut und Frieden.

Ich weiß, was ich will. Ich möchte beherzt und barmherzig leben, in Langmut und Frieden.

Der Weg des Kriegers lässt nur das Erstere überhaupt zu und verneint Letzteres völlig.

Der Weg des Wassers gewährt das alles.

Die Strömung eines Flusses ist für mich ein Beispiel von Beherztheit, das mich weiterbringt – es trägt mich durch schlimme Orte und schlimme Zeiten. Eine selbstbestimmte Beherztheit, die Stärke nur dort gebraucht, wo es unabdingbar ist, die jederzeit nach dem besten Weg sucht, dem leichtesten Weg, aber auch dann, wenn es keinen einfachen Weg gibt, immer weiter und weiter geht.

Der Becher voll Wasser, der sich dem Durst ergibt, ist für mich ein Beispiel freiwilligen Mitgefühls. Wasser ist großzügig, tolerant, hält sich nicht zurück, lässt sich für alles benutzen. Wasser läuft, wie Laotse sagt, den niedrigsten Orten entgegen, in die ekelhaftesten Ecken, akzeptiert Verunreinigung und Fäulnis, und trotzdem ist es am Ende immer es selbst: rein, gesäubert und säubernd.

Für mich sind fließendes Wasser und das Meer Beispiele von Langmut: ihre mühelose, stetige Gefügigkeit angesichts des Unvermeidlichen, wie der Anziehungskraft des Mondes auf die Gezeiten des Meeres und der immerwährenden Anziehungskraft der Erde; die unermessliche Kraft dieser Gefügigkeit.

Ich habe keine Blaupausen für den Frieden, nur flüchtige Blicke darauf, Metaphern dafür, Vorstellungen davon, die ich nicht gänzlich erkennen und festhalten kann. Unter anderem: eine Schüssel klares Wasser. Ein Boot, das auf einem langsamen Fluss dahintreibt. Ein Bergsee. Die unermesslichen Tiefen des Meeres. Ein Wassertropfen an der Spitze eines Blattes. Der Klang von Regen. Der Klang einer Quelle. Der lustige Tanz des Wasserstrahls aus einem Gartenschlauch und der Geruch feuchter Erde.

 

Eine Meditation

Der Fluss, der ins Tal rauscht

Formt das Tal, das ihn fasst.

 

Das ist der Zugang:

Das Tal des Flusses.

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Was schleift den harten Stein,

Den hohen Berg?

Der Wind. Der Staub im Wind.

Der Regen. Der Regen im Wind.

 

Was schleift die Härte des Hasses ab?

Atem, Tränen.

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Beherztheit, Gefügigkeit, Langmut

Halten an ihrem Weg fest:

Dem Pfad zum Zugang.

 

Aus dem amerikanischen Englisch von Horst Illmer

 

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© 2016 by Ursula K. Le GuinErstmals erschienen auf www.ursulakleguin.com
Mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Agentur Fritz + Fritz, Zürich

© der deutschen Übersetzung 2017 by Horst Illmer
Mit freundlicher Genehmigung des Übersetzers

Alle Rechte vorbehalten

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