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ESSAY

Warum Geeks tun, was sie tun


Ist Geek-Kultur das Wichtigste auf der Welt? Natürlich nicht. Warum dennoch Cosplayer, GIF-Bastler und Fan-Fiction-Autoren die Welt zu einem besseren Ort machen, erzählt uns Science-Fiction-Autorin Becky Chambers (›Der lange Weg zu einem kleinen zornigen Planeten‹).

 

Am Morgen nach dem Amoklauf in Isla Vista chattete ich mit Sam, einem Freund, der wie ich am Wochenende als Redakteur arbeitete. Eigentlich hätte ich arbeiten müssen, aber es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Ich hatte mitbekommen, wie Menschen auf Twitter nach Freunden suchten, die in der Nähe des Amoklaufs wohnten (und nicht zurückriefen), und die verstörende Tirade des Amokschützen war auf YouTube noch abrufbar. Ich sah mir so viel davon an, wie ich ertrug (was nicht sehr viel war). Sam und ich saßen beisammen, tausende Meilen voneinander entfernt, beide vor einem leeren Chat-Fenster.

Ich weiß nicht mehr, an welchem Artikel ich damals arbeitete. Vielleicht war es Sailor-Moon-Fankunst, oder auch eine filmische X-Men-Parodie. Ich weiß nur noch, dass die Arbeit mir in jenem Augenblick vollkommen sinnlos erschien. Sieben Menschen waren grundlos gestorben, und ich reagierte darauf mit dem gleichen wahnwitzigen Verhalten, das alle Menschen nach einer Tragödie an den Tag legen – ich versuchte, einen an sich sinnlosen Sachverhalt zu verstehen.

Dieser Augenblick fiel mir letztes Wochenende wieder ein, als ich einen ziemlich niederträchtigen Kommentar löschte (was zum Glück nur selten vorkommt). Beim Moderieren von Kommentaren merkt man schnell, dass alle wirklich unangenehmen Anmerkungen in der Online-Welt einem vorhersehbaren Skript folgen, wodurch sie sich leicht ignorieren lassen. Ameisen beim Picknick, weiter nichts. Mit diesem Kommentar verhielt es sich nicht anders, nur dass er praktisch dieselbe Frage enthielt, die ich mir gestellt hatte, als damals ich mit Sam beisammensaß: »Wieso schreiben Sie nicht über etwas WICHTIGES, wie zum Beispiel [hier ein beliebiges aktuelles Ereignis einsetzen]?«

Diese Sorte Kommentar ist mir schon öfter untergekommen, wie wahrscheinlich jedem, der im Internet unterwegs ist. Aber in diesem Fall war es, als hätten ich und der Kommentator etwas gemeinsam – (zumindest, was die Frage anging – den Begriff »Feminazi« benutze ich für gewöhnlich nicht). Er hatte von einem großen, schrecklichen Ereignis im wirklichen Leben gelesen, reagierte darauf mit jener wahnwitzigen menschlichen Angewohnheit – dem Versuch, es zu verstehen – und war irgendwie, noch in den Gefühlen von Furcht und Verzweiflung und Hilflosigkeit gefangen, über eine Diskussion über die Fantastic Four oder so etwas gestolpert. In jenem Moment empfand er wahrscheinlich das Gleiche wie ich an jenem Samstag, als ich mein leeres WordPress-Textfenster anstarrte und an Sam schrieb, dass mir meine Arbeit sinnlos erscheine. Wir mögen unsere Gefühle zwar unterschiedlich ausgedrückt haben, jener Kommentator und ich, aber ich glaube, wir fühlten das gleiche.

Denn die Sache ist die: Unsere Welt befindet sich in einem schlimmen Zustand. Die Umwelt ist eine Jenga-Partie, von der wir gar nicht gemerkt haben, dass wir sie spielen; unsere wirtschaftlichen und politischen Strukturen sind ein wirrer Albtraum, und wir haben immer noch nicht damit aufgehört, Konflikte auszutragen, indem wir einander umbringen. Wenn ihr ein sicheres Zuhause und auch sonst alles habt, was ihr für euch und eure Familie braucht, geht es euch besser als den meisten Menschen. Dass ich an meinen Sachen arbeiten und mich den Hobbys widmen kann, die mir am Herzen liegen, ist ein Privileg. Darüber mache ich mir keinerlei Illusionen, und es wird mir jedes Mal bewusst, wenn ich ein Videospiel rezensiere oder auf die Suche nach gutem Bildmaterial gehe. Ich weiß, dass meine Fähigkeit, mir meinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben verdienen zu können, den Umstand widerspiegelt, dass ich durch puren Zufall in ein wirtschaftlich sicheres Umfeld hineingeboren wurde, in einer gesellschaftlich stabilen Region, in der es genug zu essen, ein gutes Bildungssystem und keine Kriegshandlungen gibt. Das ist nicht gerecht, und ich habe es mir nicht mehr verdient als andere Menschen. Und mir ist außerdem klar, dass es mir auf meinem Sterbebett sehr viel wichtiger sein wird, wer bei mir ist, als die Frage, wer in Star Wars XXVI mitspielt. Überleben und Wohlergehen sind es, die unterm Strich zählen. Alles andere ist Deko.

Und doch ist diese Deko wichtig. Während der gesamten Menschheitsgeschichte folgte unsere Spezies immer demselben Muster: Sobald unsere Grundbedürfnisse befriedigt sind, erschaffen wir alles Mögliche. Wir produzieren Kunst. Wir erzählen Geschichten. Wir tauschen Ideen aus. Wir stellen Fragen. Das gilt für sämtliche Kulturen und Gesellschaften. Wir mögen zwar unterschiedliche Dinge essen und unterschiedliche Weltanschauungen haben, aber das Muster ist immer das gleiche: Sobald unsere Bäuche gefüllt und die Gefahren gebannt sind, beginnen wir, unsere Grenzen auszuloten.

Wann immer wir von vergangenen Zivilisationen hören, ist stets und überall von Kunst und märchenhaften Erzählungen die Rede, für gewöhnlich im Zusammenhang mit den Einflüssen der realen Welt, die sich in ihnen widerspiegeln. Die von den Menschen geschaffene Fiktion verrät uns, woran sie geglaubt haben, welche Werte sie hatten, wie ihr Leben aussah. Geschichten entstehen niemals in einem Vakuum, und selbst die phantastischsten haben ihre Wurzeln in uns. Zwar messen wir dem, was in Museen und Geschichtsbüchern steht, gern größere Bedeutung bei, aber dieses Prinzip gilt auch für unsere moderne Welt, selbst für die Geek-Kultur – ganz besonders für die Geek-Kultur. Der Herr der Ringe wäre ohne den Ersten Weltkrieg nicht das, was er ist. Die X-Men wären ohne die Bürgerrechtsbewegung nicht das, was sie sind. Die Werke von Hayao Miyazaki wären ohne die zunehmende Umweltverschmutzung nicht das, was sie sind. Je mehr wir uns mit imaginären Welten beschäftigen, desto deutlicher wird, dass wir damit nichts anderes tun, als die Realität in einem Zerrspiegel zu betrachten.

Das ist eine wichtige Erkenntnis. Eine sehr wichtige. Die Welt prägt unsere Geschichten, aber umgekehrt prägen unsere Geschichten auch die Welt. Das ist der Grund, weshalb Regierungen, die eine stärkere Kontrolle über ihre Bürger anstreben, die Redefreiheit einschränken, und das ist der Grund, weshalb manche Bücher aus Klassenzimmern verbannt werden. Nur wenig ist so wirkungsvoll wie eine gut erzählte Geschichte.

Bei Geschichten muss es sich außerdem nicht um Fiktion handeln. Auf ihre Weise ist auch die Wissenschaft eine Geschichte: Die Geschichte von dem, was wir sind, wie alles funktioniert, und was uns vielleicht bevorsteht. Sicherlich, diese Geschichte unterliegt anderen Regeln – nämlich der Tatsache, dass sie Regeln unterliegt – aber trotzdem ist sie ein Schlüssel zu der Welt um uns herum. Wenig überraschend deckt der Sammelbegriff »Geek-Kultur« sowohl das Phantastik-Genre als auch Naturwissenschaft und Technik ab. Wissenschaft erforscht, was ist; Fiktion erforscht, was sein könnte. Was wäre, wenn.

Wenn wir also über Tropen und Stereotypen und Erzählstile reden, über den Weltraum und seltsame Technologien und über das, was in Labors zusammengebraut wird, dann sprechen wir eigentlich gar nicht über diese Dinge. Wir sprechen über uns selbst. Wir nehmen unsere Sicht der Welt unter die Lupe und überlegen, was wir behalten und was wir verändern wollen. Dabei sind wir uns nicht immer einig (glaubt mir - ich moderiere eine Kommentarspalte), und das ist gut so. All das muss erörtert und auseinandergenommen werden, und hin und wieder sollten wir ein bisschen Abstand gewinnen und uns fragen, ob wir unsere Energien in die richtige Richtung lenken. Ich verüble dem oben erwähnten Kommentator seine Frage nicht (auch wenn die Formulierung alles andere als konstruktiv war), und ebenso wenig fühle ich mich als Verräterin, wenn ich gestehe, dass ich mir manchmal genau dieselbe Frage stelle. Es hat wenig Sinn, die Welt zu erforschen, wenn man seine Herangehensweise nicht hin und wieder überprüft.

Geek-Kultur mag zwar nur ein kleiner Teil der Ideen und Geschichten da draußen sein, aber sie ist unser Teil, und je länger ich in ihr lebe, desto mehr bin ich überzeugt, dass sie eine Kraft des Guten ist. Wir sind es, die die Grenzen ausreizen, die den status quo hinterfragen und die Zukunft neu denken. Ja, unsere Erfindungen sind fremdartig, aber seht euch an, wozu sie uns inspiriert haben. Wir glauben an Heldentum. Wir glauben an den Kampf für das Gute. Wir glauben daran, alle vorhandenen Vorteile zu nutzen, um denen zu helfen, die schlechter gestellt sind. Je länger man dabei ist, desto mehr erkennt man, wie diese Ideen – wenngleich in maskierter Form – die reale Welt durchdringen. Mir sind unzählige Geschichten von Fans und Schwärmern aller Couleur bekannt, die Erkenntnisse aus ihrer Lieblingsfiktion in die Praxis umgesetzt haben. Von Menschen, die sich ehrenamtlich betätigen, Menschen, die spenden, Menschen, die Wissenschaftler und Techniker und Forscher geworden sind, nur wegen eines Comics oder eines Buchs, auf das sie genau zum richtigen Zeitpunkt stießen (oder andersherum: Menschen, die Comics und Bücher schreiben, die von Wissenschaftlern und Technikern und Forschern inspiriert sind). Und auf einer kleineren (aber ebenso wichtigen) Ebene schenken unsere Geschichten so vielen Menschen das Rüstzeug, das sie für ihren persönlichen Weg benötigen. Geschichten helfen Menschen aus dunklen Zeiten, und die Wissenschaft hilft uns bei der Beantwortung der Fragen, die uns so viel Angst einjagen. Vor allem und in erster Linie ist Geek-Kultur ein Ausdruck der Freude. Wenn es um unsere Welt wirklich so schlecht bestellt ist, dann brauchen wir mehr als fast alles andere Optimismus und Phantasie.

Aber was ist mit der Zeit, die wir nicht mit tiefschürfenden Gedankenexperimenten oder der Verbesserung unseres Lebens zubringen? Was ist mit der Zeit, in der wir einfach nur alberne Photoshop-Montagen fabrizieren oder über Katzenvideos lachen? Ihr dürft das natürlich gern anders sehen, aber in meinen Augen haben auch diese Dinge ihren Wert. Denn an jenem furchtbaren Samstag gelangten Sam und ich zu einem Schluss, der mich davon überzeugte, weiter Fankunst herauszubringen, oder was es auch immer war (und ja, die Tatsache, dass ich mich an den Amoklauf erinnere, aber nicht mehr an den Inhalt des Artikels, zeigt deutlich, dass es eine Frage der Perspektive ist, wie man sich erinnert): Spaß ist wichtig. Man sollte das Hässliche auf der Welt nicht ignorieren, aber wer sonst nichts an sich heranlässt, wird irgendwann zusammenbrechen. Wenn mich dieser Tag in irgendetwas bestärkte, dann in dem Wunsch, so viel Spaß wie möglich zu haben, wo immer sich eine Gelegenheit bietet. Das bedeutet nicht, dass man sich nicht mehr um andere kümmern oder die „wichtigen“ Dinge ignorieren sollte. Wenn ich Dinge zum Spaß tue, fühle ich mich um so mehr verpflichtet, auf eine Welt hinzuarbeiten, in der alle diesen Luxus haben können. Das Leben ist kurz und zerbrechlich, und wo es Gelegenheit zu Spaß und Entspannung gibt, da ergreift sie um Himmelswillen. Näht ein Kostüm, bastelt ein GIF-Set, schreibt abgefahrene Fan-Fiction und seid für jede einzelne Minute davon dankbar. Das Leben ist anstrengend; Spaß ist das Gegengift. Solange bei euch und euren Verpflichtungen alles glatt läuft und ihr außerdem ein bisschen Zeit für eure Mitmenschen aufbringen könnt, kann ich nichts Schlimmes darin sehen, die Welt in vollen Zügen zu genießen.

Ist Geek-Kultur das Wichtigste auf der Welt? Natürlich nicht. Aber ist sie wertvoll? Ja. Hundertmal ja.



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Deutsch von Karin Will

 

Originaltitel »Why geeks do what they do«

© 2014 by Becky Chambers

Zuerst erschienen auf www.themarysue.com

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