Essay: Gedanken über die Rolle der Phantastik in der Gesellschaft
ESSAY

Ausbruch aus Wolkenkuckucksheim. Gedanken über die Rolle der Phantastik in der Gesellschaft


Dr. Frank Weinreich lebt als freier Lektor, Autor und Übersetzer mit Frau und Kind in Bochum. In den letzten zwanzig Jahren veröffentlichte er über 50 Bücher und Artikel zum Thema Phantastik und wurde dafür zweimal mit dem Deutschen Phantastik Preis ausgezeichnet. Den folgenden Vortrag hielt er am 21. April 2016 auf dem ersten PAN-Branchentreffen.

 

Wir leben in interessanten Zeiten, was die Chinesen bekanntermaßen auch als Fluch ansehen. Doch ob die interessanten Zeiten nun mehr Chancen oder erhöhte Risiken bedeuten, auf jeden Fall kommt es zu Umbrüchen und Krisen. Über beides werden gesellschaftliche Diskurse geführt; zumal in unserer so diversifizierten Medienlandschaft mit ihren vielgestaltigen Sprachrohren und öffentlichen Diskussionsforen. Diskussionsforen wie die Talkrunden im Fernsehen beispielsweise, in denen eine Unzahl von Meinungsmachern und Spezialisten auftritt.

Allerdings gibt es eine Gruppe von Expertinnen und Experten, die ich in dem vielstimmigen Begleitchor der aktuellen Umbruchszeit vermisse, und zwar die hauptberuflichen Zukunftsspekulanten und die Architektinnen krisengeschüttelter Welten, also Autorinnen und Autoren von Science Fiction, Horror, Fantasy und all den möglichen Mixturen der Phantastik.

Wenn es um Umbrüche geht, ist die Phantastik schließlich das Genre par excellence, diese glaubhaft darzustellen. Die Ausgangssituationen in phantastischen Geschichten sind üblicherweise von gänzlich existenzieller Art. Fast immer geht es um Leben und Tod, das Seelenheil und auch das Schicksal ganzer Städte, Länder und Welten. Wer solche Extreme überzeugend inszenieren will, muss sie sehr gut durchdenken, bevor er sie öffentlich-erzählerisch thematisieren kann. Zwar lösen Laserkanonen und Schlachtäxte keine realweltlichen Probleme, aber wer sie auf eine überzeugende dichterische Weise zum Einsatz zu bringen zu weiß, der muss sich auch mit all dem beschäftigt haben, was in dem Zusammenhang mit den Akteuren passiert. Eine Autorin, die packend von Konflikt und Kampf erzählt, die moralische und psychische Dilemmata glaubhaft darzustellen vermag, die muss wissen oder sich genau vorstellen können, zu was für Unsicherheiten, Ängsten, Hassgefühlen, aber auch zu welchem Mut und welchen Ausmaßen von Loyalität es in diesen Situationen kommen kann, ansonsten wird sie erzählerisch scheitern. Erzählerisch scheitern tut die Phantastik aber gerade nicht: Die Verkaufszahlen sind gut, das Publikum ist groß, es ist eher so – das beobachte ich zumindest in den sozialen Netzwerken und auf Conventions –, dass die Fans kaum so viel geliefert bekommen, wie sie gerne lesen oder anschauen und spielen würden.

Trotzdem sitzt kaum mal einer dieser Experten für die Katastrophe, dieser Spezialistinnen des Andersdenkens bei Anne Will, Maybrit Illner, Frank Plasberg oder schreibt einen Essay für Zeit, Spiegel, FAZ. Warum? Ich spekuliere mal, dass das vor allem an zwei Dingen liegt. Zum einen ist es der Fehler, die Inhalte der Phantastik für irreal und damit für belanglos zu halten. Daraus folgt Fehler Nummer zwei, sich die erzählerischen Möglichkeiten des Genres Phantastik nicht bewusst zu machen, die es immerhin erlauben, jegliches Thema durchzudeklinieren, das man sich nur vorstellen kann.

Bevor ich das ein bisschen ausführe, möchte ich mit Blick auf die Künstler sichergehen, dass ich nicht missverstanden werde. Ich fordere nun nicht, dass die Phantasten ab jetzt den öffentlichen Diskurs erobern. Ich habe ja auch nicht die geringste Ahnung, ob und wer von denen überhaupt Lust hätte, sich mit Sandra Maischberger und dem immer neben ihr sitzenden Hans-Olaf Henkel vor Publikum zu unterhalten. Es gibt Formate und Publikationen, denen man sich vielleicht sogar besser verweigert. Aber all diese Plattformen rekrutieren ihre Teilnehmer, und dass phantastische Autorinnen und Autoren offensichtlich nicht auf den Rekrutierungslisten der Medienmacher stehen, ist vor allem eine verpasste Chance. Eine verpasste Chance für die Diskussionsrunde, denn die Phantastik ist ja gar nicht phantastisch, sondern eine besondere Betrachtungsform der Realität.

 

Die Phantastik ist nicht phantastisch

In der Tat ist es so, dass phantastische Autorinnen und Autoren, die aufgrund ihrer Profession quer, anders und aus neuen, phantastischen Blickwinkeln denken, geradezu dafür prädestiniert sind, am gesellschaftlichen Diskurs teilzunehmen und dort auch Rollen einzunehmen, wie man sie vielleicht eher von den Publizisten der journalistischen Dickschiffe FAZ, SZ, Zeit, TAZ und anderen zu sehen gewohnt ist. Dabei muss kein Thema vor ihnen sicher sein, und auch die wissenschaftliche Diskussion ist Phantasten nicht verschlossen, wie Ursula Le Guin schon vor fast vierzig Jahren hervorgehoben hat:

„Realismus ist vielleicht die am wenigsten angemessene Form, um die unglaublichen Umstände unserer realen Existenz zu porträtieren. Ein Wissenschaftler, der in seinem Labor ein Monster erschafft, ein Bibliothekar in der Bibliothek von Babel, ein Zauberer, der beim Sprechen eines Zauberspruches versagt, ein Raumschiff, das auf seinem Weg nach Alpha Centauri verschollen geht – all diese Dinge sind präzise und fundamentale Metaphern für die menschliche Existenzweise. Der phantastische Erzähler, ob er nun Archetypen aus den Mythen oder die jüngeren Archetypen aus Wissenschaft und Technik zitiert, spricht nicht weniger ernsthaft als jeder Soziologe – und manchmal sehr viel deutlicher. Phantastische Literatur dreht sich um das menschliche Leben; darum wie es gelebt wird, wie es gelebt werden könnte, wie es gelebt werden sollte.“ (Ursula Le Guin, The Language of the Night, S. 58, meine Übersetzung)

Angesichts dieser Worte Le Guins hat sich für mich die Frage, ob mehr Phantastik ins Feuilleton gehört, eindeutig beantwortet: Natürlich gehört mehr Phantastik ins Feuilleton. Das Feuilleton hat immer schon den gesellschaftlichen Diskurs mitbestimmt. Dass es ein ganzes Genre, welches sich mit den Inhalten dieses Diskurses auf künstlerische Weise beschäftigt, nicht wahrnehmen will, ist ein großes Versäumnis.

Phantastisches als Metapher tritt in allen möglichen Formen auf, und alternative Historien beleuchten die echte Geschichte und deren mögliche Zukünfte. Schon der Einfluss allein von George Orwells 1984 genügt, um zu zeigen, dass ein phantastisches Werk die Realität diskutiert. Und von Orwell ist der Schritt zu anderer berühmter Science Fiction nicht weit. Dass auch H. G. Wells' Time Machine mit der Darstellung einer gesellschaftlich gespaltenen Zukunft politisch gemeint war, ist nicht zu bezweifeln. Aldous Huxleys Brave New World wirft medizinethische Fragen auf, die 80 Jahre später nichts an Brisanz verloren haben, vielmehr angesichts der neuen (gen-)technologischen Möglichkeiten noch nie so akut war wie heute. Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht spielt mit der Realität auf eine Weise, die den Zuschauer zwingt, die eigene Wirklichkeit infrage zu stellen. Dass die Wachowski-Geschwister dasselbe Thema arg beschleunigen und damit auch verflachen, ändert nichts daran, dass The Matrix ungeachtet des Lärms ungezählter Schüsse auch das kritische Hinterfragen von Gewissheiten provoziert.

Aber das ist alles Science Fiction, und die SF spekuliert auf Basis harter Realitäten; vielleicht ist sie als Genre also akzeptabler als die übernatürliche Phantastik, die in Teilen des Horrors oder in der Fantasy ihren Ausdruck findet? Ich denke nicht, und zwar liegt das daran, dass der Fantasy wie dem Horror die gleiche Relevanz zukommen wie der SF. Le Guin hat das am Beispiel des Monsters und dem des Zauberers ja schon deutlich gemacht. Auch ihr Einfluss kann beträchtlich sein. Tolkiens Herr der Ringe ist plottechnisch vor allem eine Parabel auf die Gefahr absoluter Macht. Und wenn man heute auf diese Gefahr hinweisen will, etwa im Falle des selbsternannten Weltpolizisten George W. Bush, so photoshopt man ihm eben den Einen Ring an die Hand. Auch philosophische Tiefe wird in der Fantasy erreicht, etwa in Le Guins Erdseezyklus, dessen drei erste Bücher die conditio humana hinsichtlich der Aspekte Entwicklung, Liebe und Tod in je einem Band genauestens ausleuchten. Der vielfach unterschätzte Dennis McKiernan stellt in jedem seiner actionreichen Bücher der Mithgar-Saga en passant ein philosophisches Problem in den Mittelpunkt der Story und seine Caverns of Socrates gehen dem Realitätsproblem aus The Matrix noch viel eingehender nach. Dass auch der Horror diese anderen Blickwinkel auf die Realität liefert, zeigt sehr schön der Topos des Vampirs. Das Aussaugen des Menschen zu thematisieren, sei es in gesundheitlicher, emotionaler, sexueller, wirtschaftlicher oder spiritueller Hinsicht, greift einen allgemeinmenschlichen Aspekt auf, den in der Realität niemand nicht versteht. Was man auch daran sieht, dass es nicht eine Kultur auf der Erde gibt, die den Vampirmythos nicht kennt.

 

Eine Frage der Qualität?

Es gibt also ein paar Werke und Themen, die allgemein doch ziemlich als relevant anerkannt sind. Aber so viele sind das nicht.

Ist es also eher eine Qualitätsfrage? Haben die Phantastik und ihre Verfasserinnen und Regisseure einen schlechten Ruf, weil ihre Werke in stilistischer oder gedanklicher Hinsicht zu wünschen übrig lassen? Geht den meisten schlicht die Qualität ab, die von einigen wenigen, wie Orwell und Le Guin, erreicht wird? Schon weil sie eine Art von Fließband-, Gebrauchs- oder Serienphantastik produzieren? Das wäre aber dann ein Vorwurf, der auch die realistischen Genres von Literatur und Film betrifft; ein Vorwurf, der mit Blick auf Postkarten- und Poster-Kitsch sowie manchen Popsong, gegen jegliche Kunst ins Feld geführt werden müsste. Die Qualität ist im Realismus schließlich genauso heterogen wie überall sonst und kann deshalb nicht dazu dienen, die Phantastik als solche zu diskreditieren. Zudem werden Qualitätsfragen sowieso sehr subjektiv wahrgenommen, was Diskussionen wiederum äußerst schnell sehr erschweren kann. Die Qualitätsdebatte, die zudem auch gerne ins Hoch-Emotionale abgleitet, ist in diesem Zusammenhang deshalb nicht zielführend, denn es geht um die Inhalte von Kunst und deren Relevanz. Und die Inhalte sind es, die unter eine undifferenzierte Pauschalkritik fallen, die mindestens bis zu der Kritikereminenz Edmund Wilson zurückreicht, der kurz nach dem Erscheinen des Herrn der Ringe das Buch in der ehrwürdigen Times verriss.

Natürlich soll mit den folgenden Einwänden nicht schlechten Büchern Vorschub geleistet werden; aber wenn es um die Phantastik als solche geht, ist ausschlaggebend, was erzählt wird. Wie etwas erzählt wird, erfordert immer eine Einzelfallprüfung.

 

Nein, eine der Inhalte

Der eigentliche Vorwurf an die Phantastik lautet, sie baue an Wolkenkuckucksheimen und erzähle Träume, die bekanntlich Schäume sind, und in die man gerade deshalb nicht fliehen sollte. Letztlich läuft diese Art der Kritik darauf hinaus, dass man den erzählten Inhalten des Genres Belanglosigkeit vorwirft, und die Beschäftigung mit Belanglosem ist eine Form der Zeitverschwendung. Von der Zeitverschwendung ist es dann nur noch ein kleiner Schritt zum viel gravierenderen Eskapismusvorwurf. Denn warum beschäftigt man sich mit Belanglosigkeiten? Weil, so der meist an dieser Stelle geäußerte Verdacht, man es vermeiden will, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Weil man Weltflucht betreiben möchte.

Es gibt zwar Ausnahmen sanktionierter Phantastik, aber deren nicht viele. Als Klassiker darf man sich anscheinend eher etwas Phantastik erlauben. Wenn ein Zauberer oder sein Lehrling bei Goethe auftauchen, dann ist das instruktiv, entwirft ein Bild, aus dem sich eine allgemeingültige Aussage ableiten lässt; das will ich weder bestreiten noch ins Lächerliche ziehen. Auch aus 1984 kann man einiges lernen – das Buch hat seinen unbestrittenen Platz im Schulunterricht völlig zu Recht. Ganz vielen anderen Genrewerken scheint man eine solche Sinnhaftigkeit jedoch nicht zubilligen zu wollen, zumindest dann nicht, wenn man erst einmal über das Genre an sich herzieht.

Aber warum sollten die Genrewerke von Kai Meyer, Diana Menschig, Markus Heitz, Bernhard Hennen, Cornelia Funke, Christoph Hardebusch und anderen per se belangloser sein? Wenn Ursula Le Guin Recht hat, und die Monster, die Raumschiffe und die Magier wertvolle Metaphern darstellen, dann könnte das doch auch für die Monster, Raumschiffe und Magier gelten, die von aktuell populären Autorinnen und Autoren und anderen Film-, Comic- und Spieleschaffenden erdacht werden. Es ist natürlich eine Frage, wie die Kreativen die Bilder einsetzen – monster encounters dürfen durchaus auch mal als reine Lust am sinnfreien Hack ’n’ Slash vorkommen, das macht schließlich Spaß! Aber die Beobachtung der bedeutungsvollen Monster bei einigen Erzählern weist eben darauf hin, dass man für jegliches Urteil die Einzelwerke ansehen muss und sich aller Pauschalkritik enthalten sollte.

Wer erzählend unterhält, muss sich keinesfalls ein Programm und eine tiefere Bedeutung auf die Fahnen seiner Werke schreiben. Aber viele tun es. Ganz bewusst loten eine Menge Autorinnen und Autoren alle Möglichkeiten der Phantastik aus. Die Science Fiction etwa hat nie etwas von ihrer politischen Relevanz eingebüßt, was auch deutsche Autoren wie Andreas Eschbach, Charlotte Kerner und andere immer wieder zeigen. Die Fantasy vermag Schlachtenlärm und Philosophie miteinander zu verbinden. Der erwähnte Dennis McKiernan ist so jemand, der realweltliche Fragestellungen erzählerisch durchdekliniert. Ich habe vor Jahren einmal mit ihm darüber gesprochen, und er sagte mir, dass der Wunsch, ein philosophisches Grundproblem unterhaltsam darzustellen, der eigentliche Grund war, seine Mithgar-Geschichten überhaupt erst zu verfassen. Und dass ein Genre, welches beständig Geschichten über das Gute und das Böse erzählt, eminent moralisch ist, sollte eigentlich keiner Erwähnung bedürfen.

 

Wirkt es?

Aber wirkt das denn auch, wenn solche Dinge thematisiert werden? Versteht das Publikum sie? Das können die Erzählerinnen und Erzähler mit Ihrem engen Kontakt zum Publikum besser beantworten als jemand wie ich, der als Theoretiker und Lektor im Hintergrund arbeitet. Mit Bernhard Hennen sprach ich vor einiger Zeit lange über die Ausdrucks- und Einflussmöglichkeiten der Phantastik. In Bezug auf Politik und Ethik, betonte er, dass er selbst immer auch moralische Ideen und politische Überzeugungen in seine Geschichten einbette. Ich zitiere einen Satz, den ich mir nach unserem Gespräch aufgeschrieben habe:

„Ich versuche, sie so zu verpacken, dass sie nicht zu aufdringlich sind, und wenn man sich nicht darum schert, dann kann man das auch wunderbar überlesen. Obwohl, das mit dem Überlesen ist vielleicht etwas zu leicht daher gesagt, denn unterschwellig haben diese Dinge immer eine Wirkung.“

Dass all diese Dinge immer eine Wirkung haben, davon bin ich auch überzeugt. SF arbeitet mit Spekulationen, und wenn die gut angestellt sind, dann können sie verdammt überzeugend sein. Die Fantasy stellt das Individuum stärker in den Mittelpunkt und knallt ihm existenzielle Probleme vor den Latz, die mit dem Tod des Protagonisten unter Umständen noch nicht enden, und dringt damit auf emotionaler Ebene weit vor. Und der Horror spielt mit den Ängsten seines Publikums und begibt sich ganz bewusst auf unsere Seite des Vorhangs. Das alles bedeutet natürlich auch eine gewisse moralische Verantwortung, denn Kunst kann in alle Richtungen propagieren. Und wenn man an die überlegenen blonden Arier in der SF Hans Dominiks denkt oder an die bedenkenlosen Genozide in den Space Operas von Edward Ellis Smith, dann sieht man, dass der Phantastik auch in dieser Richtung keine Grenzen gesetzt sind.

Diese Bücher waren natürlich auch Kinder ihrer Entstehungszeit. Phantastik ist eben immer auch Spiegel der Umstände, unter denen sie verfasst wird, und dann kann auch ethisch Bedenkliches dabei herauskommen. Aber gerade die Phantastik zeigt sich eigentlich eher als widerständig. Sie prangert an, sie zeigt Alternativen auf. Tolkien lag als Soldat in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs, in einer leblosen Mondlandschaft auf französischem Boden. Wie es dort aussah, davon vermittelt die Landschaft Mordors in Der Herr der Ringe auch den Nachgeborenen einen gewissen Eindruck. Und wenn heute in der Presse der totale Raubbau auf nigerianischen Ölfeldern oder auch nur im rheinischen Braunkohletagebau angesprochen wird, dann fällt oftmals der Name dieses Phantasielandes. Und wie es in absolutistisch regierten Gesellschaften zugeht, können nicht nur die Leser von 1984 oder Brave New World erahnen, sondern auch die der Hunger Games.

Und vielleicht helfen die literarischen Dystopien ja, dass eine Verwirklichung ähnlicher Unrechtssysteme heute erschwert wird. Erschwert, weil die Leserinnen und Leser sich vor Augen führen, wohin Schweigen, Zuschauen, Intoleranz und Duckmäusertum führen können. Die Phantastik spiegelt nicht nur die Welt, sie wirkt auch auf sie zurück. Beispielsweise in dem Sinn, wie wir Dystopien in der Art von Samjatins Wir lesen, und noch Jahrzehnte nach dem realen Stalinismus verstehen, wie perfide der einst funktionierte. Und uns dann vielleicht entsprechend gegenüber potenziellen Nachfolgern positionieren. Diese Rückwirkung hat auch nicht geendet, seit die großen Genreklassiker von Tolkien und Kollegen erschienen sind. In Bernhard Hennens Elfen findet man ganz ähnliche Beobachtungen, und, wie er sagt, „eine Wirkung haben die immer“.

Ich hatte das Vergnügen, Anfang dieses Jahres in der Jury sitzen zu dürfen, die die Bücher der Newcomer las, die für den Seraph vorgeschlagen worden waren. Das war zum einen durchweg gute Unterhaltung. Aber in allen Büchern kamen auch Überzeugungen zum Ausdruck. In jedem der Bücher wurden Denkanstöße gegeben, die sich auf die Realität bezogen. Da gab es ethisches und unethisches Verhalten und den wichtigen Hinweis darauf, dass beides nicht immer so ganz einfach voneinander zu unterscheiden ist. Ich las von Absurditäten, hinter denen plötzlich Gesellschaftskritik zum Vorschein kam. Und auch der Entwicklungsroman, der gerade in der Phantastik so oft erzählt wird, trat mit neuen Aspekten auf, die beweisen, dass auch dieses Thema noch lange nicht auserzählt ist.

 

Die Phantastik bleibt aktuell

Außerdem ist es ja auch so, dass alle wichtigen Themen in jeder Generation von jeder Generation in deren Sprache und Bildern neu erzählt werden müssen. Die großen Menschheitsthemen wie Liebe, Hass, Verrat, Loyalität, Mut und Verzweiflung bleiben, aber die Lebensumstände jeder Generation werfen ihr eigenes Licht auf diese Themen. Deshalb werden sie immer neu verarbeitet werden, und zwar auch auf phantastische Weise. Wenn man zudem auf die Reichweite des Genres in den beiden Generationen der jetzt unter Fünfzigjährigen schaut, dann gehört die Phantastik zu den einflussreichsten Stimmen der Zeit. Das wäre nicht so, wenn sie nichts zu sagen hätte. Wolkenkuckucksheim war früher nicht, rosarote Wölkchen sind es auch heute nur dann, wenn der Erzähler es so will. Wer einen Boom phantastischer Themen und Kunst reflexartig als Niedergang unserer Hochkultur beweint, der hat nicht begriffen, dass die Phantastik von einfach Allem zu erzählen vermag, und dass sie das auch sehr effektiv tut.

Was die fehlende öffentlich-publizistische Anerkennung phantastischer Literatur und Kunst angeht, so haben wir es mit einer immer noch differierenden Wertschätzung von E- und U-Kultur, Highbrow- und Lowbrow-Kunst zu tun. Hier wäre einerseits ein bisschen mehr Wertschätzung von Form und Inhalt der Populär- und Gebrauchskultur wünschenswert. Andererseits täte vielleicht auch ein nüchternerer Blick auf Hochkulturerzeugnisse und deren Rezeption Not, denn ich bin davon überzeugt, dass Hape Kerkeling auch heute noch mit seinem „Hurz“-Vortrag durchkäme.

Die Phantastik ist im Bewusstsein der Allgemeinheit angekommen, selbst wenn die das noch gar nicht richtig bemerkt haben sollte. Dass man heute kaum noch ohne zumindest grundlegende Kenntnisse phantastischer Topoi die Nachrichten versteht, hat beispielsweise Marleen Barr vor einigen Jahren auf einer Konferenz in Hamburg einmal sehr schön aufgezeigt, als sie die Schlagzeilen der New York Times im Laufe einer Woche an die Wand projizierte. Diese Schlagzeilen waren vollkommen unverständlich, wenn man nicht zumindest Grundkenntnisse der Handlungsstränge von Star WarsStar TrekLord of the Rings und Harry Potter besaß. Und die New York Times ist nun keine Publikation, die sich speziell an Nerds richtet.

Wenn Landschaften mit Mordor identifiziert und Politiker mit Sauron oder Voldemort verglichen werden, so werden damit natürlich erst einmal nur die bekanntesten Tropen der Phantastik zitiert. Da das Genre aber aus so viel mehr besteht, würde ich mir wünschen, dass sich größere Teile des Publikums für größere Teile des phantastischen Angebots interessieren. Es wäre schön, wenn ihm das durch eine intensivere Präsenz der Phantastik in den Feuilletons, aber auch auf den Literaturtipp-Seiten der Zeitungen und den entsprechenden Sendungen in Radio und Fernsehen erleichtert würde. Sollte diese größere Präsenz verhindert werden, weil in manchen Redaktionsstuben noch immer das Gefühl vorherrscht, dass die Phantastik ein belangloses Sprungbrett für eine verantwortungslose Weltflucht ist, so bitte ich, das anhand der angeführten Argumente noch einmal zu überdenken. Ich bin mir sicher, dass man danach nicht mehr daran festhalten kann.

Und vielleicht werden dann die Autorinnen und Autoren phantastischer Bücher eines Tages doch des Öfteren in Talkshows Stellung zur Tagespolitik und dem jüngsten Medienskandal beziehen. Das stelle ich mir durchaus als Bereicherung vor.

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