Rätselhaftes Biest: Warum Trico ein Vorbild für künftige Game-Companions ist

The Last Guardian © Screenshot: Sony Interactive Entertainment

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Rätselhaftes Biest: Warum Trico ein Vorbild für künftige Game-Companions ist


Sie kämpfen an unserer Seite, zeigen uns den Weg und trösten uns in dunklen Stunden: Nichtmenschliche Begleiter in Computerspielen sind oft loyal bis zur Selbstaufgabe. Manche fallen allerdings aus der Rolle – und dann wird es richtig interessant.

 

Was wären Heldenfiguren ohne ihre Begleiter? Wahrscheinlich sehr viel weniger heldenhaft. Und das gilt gleichermaßen für Filme, Bücher und Games, für Comics und TV-Serien. Han Solo braucht Chewbacca wie der Witcher sein Pferd Plötze, die Nevernight-Heldin Mia Sovere liebt ihre Schattenkatze so wie Daenerys Targaryen ihre drei Drachen. All diese nichtmenschlichen Companions sind mehr als nur nützliche Erzählwerkzeuge, mehr als nur Spiegel, in denen die Helden Kontur gewinnen. Mit ihrer Tapferkeit, ihrem Humor und ihrer Verschrobenheit sind sie oft die eigentlichen Stars – und werden von den Fans entsprechend verehrt.

Computerspiele sind da ein Sonderfall. In ihnen werden Companions von Künstlicher Intelligenz gesteuert – oder sogar vom Spieler selbst. Das Gameplay hat unmittelbaren Einfluss auf die Art und Weise, wie wir die Companions beurteilen – ob als treue Helfer, wankelmütige Gesellen oder gar als Klotz am Bein. Das gilt ganz besonders für die nichtmenschlichen Begleiter, zum Beispiel Hunde, Pferde, Drachen oder Roboter. Denn anders als menschliche Sidekicks kommunizieren sie meist nonverbal, und ihr Charakter zeigt sich erst in ihren Handlungen. Vierbeiner wie Epona oder Dogmeat wurden vor allem wegen ihrer Tapferkeit und Loyalität zu Legenden. So richtig spannend werden Companions aber erst dann, wenn sie auch mal den Dienst verweigern, wenn sie ein Eigenleben entwickeln. Mit anderen Worten: Funktionieren dysfunktionale Companions besonders gut?

Was will Trico?

Hier also kommt Trico ins Spiel. Gerade hockt das Fabelwesen aus The Last Guardian auf dem Sims einer zyklopischen Palastmauer. Unten gähnt ein bodenloser Abgrund, oben setzt sich die Mauer bis in unbekannte Höhen fort. Ich sitze auf Tricos Rücken und halte mich verbissen an seinem Federkleid fest – nur dank seiner Sprungkraft haben wir beide es bis hier hinauf geschafft. 50 Meter über uns befindet sich eine weitere Plattform, die es zu erreichen gilt. Ich versuche, Trico in diese Richtung zu lenken, doch ohne Erfolg: Der Greif hört einfach nicht auf Zurufe, Fingerzeige und angedeutete Sprungbewegungen – stattdessen wedelt er mit den Ohren, stößt ein sanftes Brüllen aus und schaut mich mit seinen seelenvollen Augen an. Nach mehrminütigem Hin und Her hat Trico offenbar verstanden, was ich will, jedenfalls setzt er nun zum Sprung an. Dass dieses Biest so schwer von Begriff sein muss!

The Last Guardian ist ein außergewöhnliches Spiel. Neun lange Jahre hat Entwickler Fumito Ueda (Ico, Shadow of the Colossus) an seinem neuen Rätsel-Abenteuer gebastelt – und mit Trico ein Wesen erschaffen, das so gar nicht in die Rolle des folgsamen Begleiters passt. Das Spiel beginnt damit, dass ein kleiner Junge – der Protagonist – aus der Bewusstlosigkeit erwacht; neben ihm auf dem Boden der gigantischen Halle liegt – verwundet und ankettet – Trico. Der Junge zieht dem Greifen Speere aus Schulter und Flanke, füttert ihn und befreit ihn aus den Ketten. Gemeinsam suchen sie einen Weg aus den Tempelruinen, überwinden Hindernisse und Feinde, retten einander mehrfach das Leben – und so wird aus ihrem zaghaften Bündnis nach und nach eine enge Symbiose.

The Last Guardian: Der Launch-Trailer

Für eine computergesteuerte Spielfigur wirkt Trico zunächst einmal unglaublich lebendig: Er schüttelt sich, legt den Kopf schief, dreht und wendet den schwanenartigen Hals, macht einen Katzbuckel, putzt und streckt sich, schleicht neugierig an Gegenstände heran oder springt übermütig durch Pfützen. Tricos Bewegungen entstanden mit der aus Zeichentrickfilmen bekannten Keyframe-Animation – das ermöglichte subtilere Reaktionen als Motion Capture, das Mensch- und Tierbewegungen mit Kameras aufzeichnet und dann digitalisiert. Als magisches Wesen hätte Trico durchaus auch Sprachfähigkeiten besitzen können. Doch dank der Animationsfülle ist er so ausdrucksstark, dass es das gar nicht braucht. Das Spiel knüpft schon dadurch ein emotionales Band, dass man ständig auf Tricos Körpersprache und seine Laute achtet, sie zu deuten versucht. Wo andere Figuren ins Leere blicken, schaut Trico uns direkt an – und wir fühlen uns sofort mit ihm verbunden. Die Zuneigung ist fast körperlich spürbar, wenn Trico unser Nackenkraulen mit einem tiefen, zufriedenen Brummen quittiert.


Und doch stellt uns Trico im Spielverlauf immer wieder auf harte Geduldsproben. Fumito Ueda hat in Interviews erklärt, er wolle ein rätselhaftes, wildes Tier erschaffen – eines, dass sich nicht rumkommandieren lässt. Trico sollte keine Drohne sein, sondern ein Wesen mit eigenem Willen. Zwar lernen wir schon bald ein paar Gesten, mit denen wir Trico basale Anweisungen (Springen, Aufstampfen etc.) geben können. Doch bleibt der Greif stets unberechenbar, ignoriert die Anweisungen oder sitzt ein wenig planlos in der Gegend herum. Manchmal scheint er den richtigen Weg durch die Tempelruinen tatsächlich selbst zu finden, kehrt dann aber abrupt um – eine Echternacher Springprozession, die an den Nerven der Spieler zerrt. Besonders bitter wird es, wenn die Lösung eines Rätsels offensichtlich ist, Trico aber in seinen Routinen gefangen bleibt – und erst nach quälend langen Minuten die Kurve kriegt. Hunde- und besonders Katzenhalter können von dieser Unberechenbarkeit ein Lied singen. Aber braucht man die wirklich in einem Computerspiel? Müssen wir Trico erst hassen, damit wir ihn wirklich lieben können?

Rätselhaftes Biest: Warum Trico ein Vorbild für künftige Game-Companions ist

The Last Guardian © Screenshot: Sony Interactive Entertainment

Im Internet findet man zahllose Listen berühmter Companions – die aber längst nicht alle auch beliebt sind. Als ausgesprochen ambivalent erweist sich etwa die Fee Navi aus The Legend of Zelda: Ocarina of Time, ein schwebender Lichtfunken, der den Helden Link auf seinen Abenteuern begleitet. Einerseits ist Navi sehr hilfreich: Sie warnt vor Gefahren, gibt Tipps bei Rätseln und dient auch als Zielhilfe. Andererseits hat ihr penetrantes "Hey! Listen!" schon unzählige Zelda-Fans zur Weißglut gebracht.


Der Schäferhund Dogmeat aus Fallout ist zwar eine Kampfmaschine, die furchtlos selbst riesige Gegner attackiert. Allerdings lässt Dogmeats KI entschieden zu wünschen übrig: Er steht häufig im Weg herum, apportiert unnütze Gegenstände und stürzt sich in blinder Euphorie von Hausdächern. Nun kann man natürlich argumentieren, dass ein nicht abgerichteter Hund auch mal den einen oder anderen Fehler begeht, vor allem in einer stressgeladenen postapokalyptischen Einöde. Allerdings wäre es dann auch nur konsequent, wenn Dogmeat im Lauf des Spiels nicht nur stärker, sondern auch smarter würde – was aber nicht der Fall ist. Trotz seiner unzureichenden KI ist der von verschiedenen Film-Hunden (Mad Max, A Boy and his Dog) inspirierte Dogmeat der mit Abstand beliebteste Fallout-Companion: Im Gegensatz zu den humanoiden Begleitern macht er seine Loyalität nicht vom Verhalten der Hauptfigur abhängig.

Rätselhaftes Biest: Warum Trico ein Vorbild für künftige Game-Companions ist

Fallout 4 © Screenshot: Bethesda Softworks

Trico könnte ein Vorbild für künftige Companion-Generationen sein: Ein KI-gesteuerter Charakter, der lebendig wirkt, weil er die passenden Ausdrucksmittel und die nötige Unabhängigkeit besitzt. Der sich Freiheiten nimmt, aber gleichzeitig aufmerksam bleibt für das, was Spieler an ihn herantragen. Der kein KI-Zombie und auch kein Werkzeug auf vier Beinen ist, dafür rätselhaft wie ein wildes Tier und spannend für Companion-Zoologen.

Übertrieben erratisch


Fumito Ueda und sein Team haben jahrelang an Trico gefeilt. Man darf also davon ausgehen, dass viel Zeit und Geld in die KI des Greifen gesteckt wurde. Ueda wird Trico bestimmte Handlungswahrscheinlichkeiten mitgegeben haben: Wann er Anweisungen versteht, wann er gehorcht, wann seine Neugier ihn übermannt und wann seine Angst. Diese Wahrscheinlichkeiten ergeben ein komplexes System teils widersprüchlicher Interessen, die Tricos Verhalten letztendlich bestimmen. Die Spieler bekommen von den internen Abwägungsprozessen allerdings nichts mit – sie können nur nach bestimmten Handlungsmustern Ausschau halten und darauf reagieren, etwa durch die Kopplung von Befehl und Belohnung (Streicheln, Füttern etc.). Das übertrieben Erratische an Tricos Verhalten sorgt aber für viel zu viel Frust – und viel zu wenige Aha-Effekt. Falls Uedas Fabelwesen eine KI besitzt, die ihren Namen tatsächlich verdient, dann ist diese KI aber so schlecht austariert, dass sie das Gameplay nachhaltig beeinträchtigt. Und damit unsere Zeit verschwendet.


The Last Guardian macht vieles richtig: atmosphärisch, beim Storytelling und den kleinen, charakteristischen Details. Es sind gerade die ruhigen Momente, die stark im Gedächtnis haften bleiben: Wenn etwa Trico auf einer sonnigen Wiese inmitten uralter Mauern sitzt und sich entspannt nach seinem kleinen Begleiter umdreht. Oder wenn er sich über einem schwindelerregenden Abgrund das Federkleid putzt, als gäbe es nichts Normaleres auf der Welt. Wir vermissen Trico schon jetzt – obwohl er uns mit seiner Widerborstigkeit ordentlich geärgert hat.

Eine Bildergalerie mit berühmten und berüchtigten Game-Companions

  • Claptrap aus "Borderlands"

    Claptrap aus "Borderlands". © 2K Games

  • Diddy Kong aus "Donkey Kong Country

    Diddy Kong aus "Donkey Kong Country: Tropical Freeze". © Nintendo

  • Dogmeat aus "Fallout 4"

    Dogmeat aus "Fallout 4". © Bethesda Softworks

  • Dog aus "Half-Life 2"

    Dog aus "Half-Life 2". © Valve Corporation

  • D-Dog aus "Metal Gear Solid V: The Phantom Pain"

    D-Dog aus "Metal Gear Solid V: The Phantom Pain". © Konami Digital Entertainment

  • Spot aus "The Whispered World"

    Spot aus "The Whispered World". © Daedalic Entertainment

  • Wheatley aus "Portal 2"

    Wheatley aus "Portal 2". © Valve Corporation

  • Clank aus "Ratchet & Clank"

    Clank aus "Ratchet & Clank". © Sony Interactive Entertainment

  • Mack aus "ReCore"

    Mack aus "ReCore". © Microsoft Studios

  • Agro aus "Shadow of the Colossus"

    Agro aus "Shadow of the Colossus". © Sony Interactive Entertainment

  • Yoshi aus "Super Mario Galaxy 2"

    Yoshi aus "Super Mario Galaxy 2". © Nintendo

  • Navi und Epona aus "The Legend of Zelda: Ocarina of Time

    Navi und Epona aus "The Legend of Zelda: Ocarina of Time". © Nintendo

  • Trico aus "The Last Guardian"

    Trico aus "The Last Guardian". © Sony Interactive Entertainment

  • Plötze aus "The Witcher 3: Wild Hunt"

    Plötze aus "The Witcher 3: Wild Hunt". © Bandai Namco Entertainment

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