Fünf Mal Tilda Swinton: Die Seele der Maschine

© Computerizer / pixabay

FILM

Fünf Mal Tilda Swinton: Die Seele der Maschine


Anja Kümmel
10.08.2017

Die beiden experimentellen Spielfilme „Conceiving Ada“ und „Teknolust“ der Regisseurin Lynn Hershman Leeson denken den Schöpfungsmythos künstlicher Intelligenzen einmal andersherum – und zwar aus dezidiert weiblicher Sicht.

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Dass Ada Lovelace Stimmen aus der Zukunft gehört haben könnte, ist für Fans der 1815 geborenen Computerpionierin wahrscheinlich gar keine abwegige Idee. Wie sonst hätte eine behütete Adlige im Viktorianischen England auf die Idee kommen können, zusammen mit ihrem Freund und Mentor Charles Babbage an einer Programmiersprache für dessen „analytische Maschine“, einem Vorläufer des heutigen Computers, zu tüfteln? Lovelace war ihrer Zeit eindeutig weit voraus. Rund 150 Jahre, so zumindest in „Conceiving Ada“, dem Spielfilmdebüt der US-amerikanischen Multimediakünstlerin Lynn Hershman Leeson von 1997.

Hauptfigur ist die hochbegabte Programmiererin Emmy, die sich auf die Erforschung künstlicher Intelligenzen spezialisiert hat. Mittels „unsterblicher Informationswellen“ nimmt sie Kontakt mit der Vergangenheit auf und landet – natürlich nicht ganz zufällig – mitten im Leben der „Mutter aller Programmierer_innen“ (gespielt von Tilda Swinton). Zunächst zappt sich Emmy lediglich durch Adas Leben (an diesen Stellen wirkt der Film ein bisschen zu sehr wie eine digital bebilderte Geschichtsstunde), doch dann öffnet sich ein Chatfenster direkt ins 19. Jahrhundert. Und es wird klar, dass in „Conceiving Ada“ weit mehr steckt als ein pseudo-authentisches Biopic über eine vernachlässigte Pionierin der Wissenschaft. Vielmehr lässt sich der Film – zusammen mit Hershmans späterem Werk „Teknolust“ – als hochinteressanter feministischer Kommentar zur Leinwand-Darstellung weiblicher Cyborgs/Androidinnen lesen.

Sind es im Mainstream-Kino fast ausschließlich männliche Nerds und egomanische Programmierer, die sich künstliche Frauen für ihre eigenen Zwecke erschaffen, so vermittelt schon der doppeldeutige Titel, der sowohl „Ada begreifen“ als auch „Mit Ada schwanger werden“ heißen kann, dass dieser Schöpfungsmythos hier ein gehöriges Gender Bending erfährt.

Zu Zeiten von Ada Lovelace ist Schwangerschaft so ziemlich die einzige schöpferische Tätigkeit, die Frauen zugestanden wird. Auch wenn Ada offen zugibt, durch ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter von ihren eigentlichen Leidenschaften abgehalten zu werden, und sogar ihrer Vertrauten Mary Shelley gegenüber ihre Schwangerschaft als „monströsen Zustand“ bezeichnet. Tatsächlich kann man sich bei dieser augenzwinkernden Anspielung auf Frankensteins Monster fragen, was wirklich „monströser“ anmutet: die planvolle Erschaffung eines künstlichen Lebewesens oder der blutige, schmerzhafte Kreislauf der „natürlichen“ Reproduktion?

Bis zur Erzählgegenwart des Films (1994) sind zwei Feminismuswellen vorbeigerollt, und dennoch hat Emmy mit ganz ähnlichen Grundproblemen zu kämpfen wie Ada Lovelace: Nach einer ungeplanten Schwangerschaft droht ihr etwas tumber Freund Nicholas, sie zu verlassen, wenn sie das gemeinsame Kind nicht behält. Emmy hingegen hat Angst, durch ihre Mutterrolle keine Zeit mehr für die Forschung – und für Ada – zu finden. Indes sorgt sich Nicholas einzig darum, dass die Strahlungen aus Emmys technischen Geräten das gemeinsame Kind gefährden könnten. Und überhaupt: „Die Toten ins Leben zurückzuholen“, einen „Code für die Schöpfung“ finden zu wollen, sei unnatürlich und gewissenlos. Für eine Frau, wohlgemerkt – denn dass Männer sich als kleine Götter imaginieren, hat seit Jahrtausenden Tradition. In einer makabren Parallele heißt es im Jahr 1852, als Ada mit gerade mal 36 Jahren einem Zervixkarzinom erliegt, die „Mathematik habe ihre Gebärmutter zerstört“.

Die Frage, ob es sich bei dem Avatar, mit dem Emmy kommuniziert, nun um die historisch verbürgte Augusta Ada Byron King, Countess of Lovelace, handelt oder vielmehr um deren nach Emmys subjektiven Vorstellungen gestaltete 90er-Jahre-Version, lässt der Film dankenswerterweise offen. Klar ist nur, dass sich Gegenwart und Vergangenheit verändern, indem sie miteinander in Interaktion treten. So sickert die putzige Low-Tech-Ästhetik der Erzählgegenwart mehr und mehr ins Damals, zum Beispiel in Form eines virtuellen Feuers, das in Adas Kamin brennt. Was Hershman uns vorführt, ist also nicht so sehr die Illusion Viktorianischer Realität, sondern vielmehr einen mit reichlich Zeitkolorit ausstaffierten Cyberspace. Schade nur, dass der Übergang vom Digitalen ins Fleischliche letztendlich doch durch eine „natürliche“ Geburt vonstattengehen muss – wie, sei hier allerdings nicht verraten.

Da wagt Hershmans nächstes Werk schon weitaus mehr: Weniger didaktisch, dafür herrlich campy und überdreht, nimmt sich „Teknolust“ (2002) in seiner feministischen Botschaft nicht mehr ganz so ernst. Dafür kommen ironisch-popkulturelle Referenzen von William Gibson bis Björk hier voll zum Tragen (tatsächlich erinnert die schrill-bunte Ästhetik des Films stark an einige Musikvideos der isländischen Künstlerin).

Gleich vier Rollen darf die großartige Tilda Swinton diesmal verkörpern: die altjüngferlich-verhärmte Wissenschaftlerin Rosetta sowie ihre drei Klone, Marinne, Olive und Ruby, ausgestattet jeweils mit einem ganz eigenen Charakter und individuellen Farbcodes. Zunächst scheint es, als seien die drei Klone in ihren farblich auf ihre Kostüme abgestimmten Cyber-Räumen gefangen – während  Rosetta sie (eine absurd-geniale Idee) durch das Fenster ihrer Mikrowelle überwacht. Meist gibt  sich  die Erfinderin mütterlich-liebevoll, doch einem Gast gegenüber erwähnt sie auch schon mal, sie habe sich ihre „Selbst Reproduzierenden Automaten“ eigentlich vor allem zur Erledigung von Hausarbeiten und zur Gesellschaft herangezüchtet.

Kein Wunder, dass die Klone zu rebellieren beginnen. Zumal sie dazu gezwungen sind (noch so ein abstruser Twist), aus Sperma gekochten Tee zu sich zu nehmen, damit ihr Immunsystem nicht zusammenbricht. Während Marinne und Olive in einer engen Beziehung leben, die man – je nach Perspektive – als inzestuös oder lesbisch bezeichnen könnte, gibt Ruby den männerverschlingenden Vamp, der sich nächtlich auf verbotene Streifzüge durch San Francisco begibt, um sich und ihre Schwestern mit männlicher Essenz zu versorgen. Das künstliche Derivat, das Rosetta ihnen vorsetzt, mundet nämlich so gar nicht.

Die Durchdringung von Fleisch und Technik, die in „Conceiving Ada“ noch ein wenig unbeholfen wirkte, illustriert „Teknolust“ auf zwar nicht unbedingt logische, dafür umso leichtfüßigere und originelle Weise. In den 2000ern sind die Grenzen zwischen Real Life und Virtualität sichtlich durchlässiger geworden. So haben die von Ruby verführten Männer fortan sowohl mit Erektionsstörungen als auch mit Computerabstürzen zu kämpfen. Allerdings sind Computerviren nicht nur auf  Menschen übertragbar – auch umgekehrt werden Marinne und Olive nach ihrem ersten Ausflug in die reale Welt von ein paar an sich harmlosen Erkältungsviren an ihr (virtuelles) Bett gefesselt.

So wie in „Brave New World“ bereits kleinen Kindern im Schlaf das Wissen über ihre Kastenzugehörigkeit eingetrichtert wird, erlernt auch Ruby die Codes zwischenmenschlichen Verhaltens – insbesondere die des Flirtens zwischen Mann und Frau – im Schlaf. Ihr Wissen und ihre Anmachsprüche bezieht sie direkt aus Hollywood-Klassikern, die über eine Leinwand und zugleich über den Körper der schlafenden Androidin flimmern. Eine schöne, unaufdringliche Visualisierung, wie ein  Crash-Kurs in „doing gender“ in der Zukunft ablaufen könnte.

Dass Ruby am Schluss ein Kind von dem liebenswert lebensuntüchtigen Kopierer Sandy erwartet, kann einerseits als eine dramatische Grenzsprengung zwischen Mensch und Technik verstanden werden. Andererseits macht einen die Rückkehr zur heteronormativen Erzählung (Happy End = Kleinfamilie) dann doch ein wenig ratlos. Zwar gibt sich „Teknolust“ alle Mühe, die klassischen Machtverhältnisse zu untergraben (in den 20 Jahren seit „Blade Runner“ hat sich das Männerbild ganz offenkundig drastisch verändert: Sandy wirkt naiv, schüchtern und sexuell unerfahren, sodass es an Ruby ist, die Initiative zu ergreifen). Der Grundton jedoch bleibt bestehen: Erst die Liebe zu einem Mann macht aus der Androidin einen Menschen.

Vielleicht ist es, weitere 15 Jahre später, Zeit für eine neue feministische Antwort auf Hollywoods Männerphantasien von künstlichen Frauen – eine Antwort, die nicht kurz vor Schluss doch noch den Kopf einzieht vor der eigenen Courage.

Über die Autorin

Anja Kümmel

Anja Kümmel wurde 1978 in Karlsruhe geboren. Sie studierte Gender Studies und Spanisch in Los Angeles, Madrid und Hamburg. Heute lebt sie als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Neben zahlreichen Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlichte sie fünf Romane: „La Danza Mortale“ (2004), „Das weiße Korsett“ (2007), „Hope’s Obsession“ (2008), „Träume Digitaler Schläfer“ (2012) und „V oder die Vierte Wand“ (2016). www.anjakuemmel.com

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