Die Monster sind wir. Warum "Life" besser ist als "Alien: Covenant"

© 20th Century Fox /Sony Pictures Releasing / tpsdave (pixabay)

FILM

Die Monster sind wir. Warum "Life" besser ist als "Alien: Covenant"


Peter Osteried
15.06.2017

Seit jeher stellt das Unbekannte eine Gefahr dar. Das gilt vor allem auch für Außerirdische, die uns im Film und TV begegnen. Doch was ist, wenn sich die Rollen umkehren und nicht die Aliens eine Bedrohung sind, sondern der Mensch selbst. Ein Vergleich von Alien: Covenant und Life.

 

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Trailer: Life

Im Weltall hört dich niemand schreien. Das weiß man spätestens seit 1979, als ALIEN in die Kinos kam. Seitdem ist der Außerirdische, das Fremde, das Andersartige gemeinhin das Böse. Der Formel bleibt das Kino mehrheitlich auch treu, so auch im jüngsten Ableger der Reihe, ALIEN: COVENANT.

Aber was, wenn nicht das außerirdische Wesen das Monster ist, sondern der Mensch? Der Mensch ist des Menschen Wolf, heißt es. Aber vielleicht ist er auch des Außerirdischen Wolf. Zumindest, wenn man es wagt, die bekannte Formel umzustellen, was zwar nicht bei ALIEN: COVENANT geschieht, stattdessen aber dieses Jahr in Daniel Espinosas LIFE ausprobiert wurde - ein Film, den man gemeinhin als „ALIEN meets GRAVITY“ beschreiben könnte.

Es geht hier um ein Team von Wissenschaftlern, die auf der ISS eine Probe untersuchen, die vom Mars kommt. Es handelt sich um eine Zelle, was für sich schon eine gigantische Entdeckung ist, aber dann beginnt sie zu wachsen. Der „Marsianer“ erhält den Namen Calvin und entwickelt sich zu einer amorphen Masse. Als ein Unfall geschieht und das Wachstum stoppt, versucht ein Wissenschaftler, aus Calvin mittels Elektroschocks eine Reaktion herauszukitzeln. Das Wesen interpretiert das als Angriff und wehrt sich.

Was folgt, ist die Antithese zu ALIEN. Denn obschon hier der Kampf gegen ein außerirdisches Wesen auf einer Raumstation im Mittelpunkt steht, ist es doch aus einem einfachen Grund mehr: Weil der Mensch hier der Aggressor ist.

Das ist in der filmischen Science Fiction ein nicht häufig genutztes Motiv. Schon seit den 1950er Jahren, als die Invasionsfilme Hochkonjunktur hatten, war der Außerirdische als Sinnbild für eine Gefahr von außen fast immer aggressiv. Damals war das eine verklausulierte Angst vor der Roten Gefahr. 

Trailer: ALIEN - Covenant

Seitdem hat sich nicht viel geändert. Beispiele, die aus dem Muster ausbrechen, gibt es nicht viele; Jack Arnolds GEFAHR AUS DEM WELTALL oder Steven Spielbergs UNHEIMLICHE BEGEGNUNG DER DRITTEN ART gehören dazu. Mehrheitlich ist es jedoch das Böse, dem der Mensch, der damit inhärent als gut gezeichnet wird, sich erwehren muss.

Bei LIFE ist das anders. Auf gleich mehrerlei Art und Weise. Weil der Film von einer Arroganz des Menschen gegenüber dem Anderen erzählt, da Calvin eher wie ein Versuchskaninchen benutzt wird. Aber auch, weil hier im Grunde von einem Erstkontakt erzählt wird, der vollkommen schiefläuft. Oder anders gesagt: Eine Kultur trifft auf eine andere und glaubt, sich über sie erhöhen zu können. Natürlich ist das ein wenig überzogen, da die Kreatur in LIFE zunächst nicht intelligent erscheint. Es ist aber erstens ein Fehler, das nicht genauer – und weniger invasiv – zu untersuchen, und zweitens ein Fall von Versagen, weil der Glaube an die eigene Überlegenheit auch den eigenen Untergang besiegelt. Der Mensch als Spezies hat hier nicht so viel Glück wie der europäische Invasor, der den Indios in Südamerika begegnet ist.

Weil der Außerirdische widerstandsfähiger und kräftiger ist, aber auch, weil er einen Plan verfolgt, der immens simpel ist: Er will nur überleben. Das wollen die Menschen auch, aber sie scheinen nicht mal zu verstehen, dass sie es waren, die diesen Konflikt ausgelöst haben. Wo es nun an ihnen wäre, eine Form von Verständnis aufzubauen, für Frieden zu sorgen, gibt es bloße Aggression, weil das Xenophobe überhandnimmt. Die Angst vor dem, was anders ist, versperrt diesen Wissenschaftlern, die im Grunde die Speerspitze der Menschheit sind, den Blick.

Hier findet eine Umkehr statt. Auch und gerade, was die Sympathien des Rezipienten betrifft. Denn man findet sich plötzlich nicht mehr auf Seiten der eigenen Spezies wieder, sondern drückt dem Andersartigen die Daumen.

Soziokulturell mag der Film auch fruchten, weil im Zuge der Terrorjahre nach dem 11. September Film und Fernsehen härter wurden. Weil einfache Lösungen propagiert wurden, weil die Jack Bauers der Unterhaltungswelt auf Folter und Gewalt setzen, um an ihr Ziel zu kommen. Diese Verschärfung der Erzählweise, aber auch der Darstellung und Charakterisierung hielt auch in die Science Fiction Einzug. Bestes Beispiel ist hierfür BATTLESTAR GALACTICA, eine Serie, in der es keine Außerirdischen gibt. Nur den Menschen und seine Schöpfung, die ebenfalls derart behandelt wurde, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als zurückzuschlagen. Nicht anders verhält es sich bei LIFE, dem Anti-ALIEN, der dadurch umso beeindruckender zeigt, wie rückständig ALIEN: COVENANT im Gegenzug ist.

Erfolgreicher ist der Film aber trotz enttäuschenden Kinoeinspiels immer noch, sodass LIFE wohl kaum einen Trend begründet, sondern eher ein Aufflackern darstellt. Aber das Monster ist nun freigelegt – und es trägt menschliche Züge. Pandoras Box lässt sich nicht mehr so leicht schließen, da wir in das Antlitz des Bösen geblickt haben, das aus Gedankenlosigkeit und Überheblichkeit entsteht. 

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