Die Herrschaft des Feuers

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Die Herrschaft des Feuers


Es gab eine Zeit, da kannte man Christian Bale noch nicht als Batman, sondern bloß als American Psycho, Matthew McConaughey war noch kein True Detective, sondern lediglich ein Offizier an Bord von U-571 und Gerard Butler ... den hatte eigentlich noch kaum jemand auf dem Schirm. In dieser Zeit geschah es, dass ein TV-Regisseur, der sich seine Sporen u.a. bei „Raumschiff Enterprise – Das nächste Jahrhundert“, „Parker Lewis“ und insbesondere „Akte-X“ verdient hatte, einen Film über Drachen drehte, die der Menschheit ihren Rang als dominante Spezies des Planeten streitig machen. Der Film erschien 2002, hatte ein Budget von 60 Millionen (wobei ich mich ernsthaft frage, wo das ganze Geld geblieben ist) und hieß: „Die Herrschaft des Feuers“.

Der Film – ich sah ihn damals im Kino in einer Pressevorführung – ist die vielleicht größte Mogelpackung, die mir auf der Leinwand je untergekommen ist. Auf dem Plakat sieht man Feuer speiende Drachen über einem brennenden London, die sich im Luftkampf mit Geschwadern schwer gerüsteter Militärhubschrauber befinden. Und der Covertext der DVD beginnt mit dem Satz „Der Kampf um die Erde hat begonnen!“. Was wird die Fantasie durch die Werbung beflügelt! Was malt man sich für epische Schlachten aus!

Und dann? Dann beginnt der Film mit einem 12-jährigen Jungen, Quinn Abercromby, der bei Bauarbeiten unter London versehentlich einen Drachen weckt. Es folgt eine Collage aus erzähltem Tagebucheintrag und Medienberichten, die das Ende der Menschheit schildert. Und plötzlich befinden wir uns gute zehn Jahre später in einer alten Burgruine irgendwo in Nordengland, wohin sich Quinn, nun verkörpert von einem extrem virilen Christian Bale, mit einer Gruppe Überlebender zurückgezogen hat. Sie führen ein einfaches Leben unter dem Radar der alles beherrschenden Drachen, allerdings wird ihr Dasein von Tag zu Tag schwerer.

Und dann tauchen die Amis auf. Wunderschöne Szene. Quinn und sein Kumpel Creedy (Gerard Butler) stehen mit Gewehren im Anschlag auf den Mauern der Burg. Es wurde Alarm gegeben. Etwa eine halbe Meile entfernt rollt ein Panzer die Landstraße hinunter, gefolgt von Begleitfahrzeugen und mit einem Helikopter als Luftunterstützung. Mordsauftritt! Die Fahrzeuge halten und Matthew McConaughey – glatzköpfig und mit muskulösen, ölglänzenden, tätowierten Oberarmen – entsteigt dem Panzer, ein martialisches Alpha-Männchen sondergleichen. Kommentar Creedy: „Es gibt nur eins, das noch schlimmer ist als Drachen: Amerikaner.“

Wenn’s doch nur so wäre. Die Wahrheit allerdings: Das wird der einzige Panzer im Film bleiben und auch der einzige Helikopter. Der Panzer feuert keinen einzigen Schuss ab und der Helikopter ist nicht mal bewaffnet. Luftkämpfe? Epik? Von wegen! Die vermeintlichen Drachenjäger können keine einzige Bestie erlegen, ohne selbst ihr halbes Personal an „Profis“ dabei zu verlieren. Und wenn es wirklich ernst wird, schreien und rennen sie auch bloß herum, wie jeder andere. Eine unfassbare Enttäuschung! Oder anders gesagt: Genau wie das Plakat und der Werbetext sind diese Krieger eine große Mogelpackung, die viel versprechen, am Ende jedoch deutlich „kleiner“ sind als erwartet.

Also warum rede ich hier eigentlich über diesen Film, wenn er doch scheinbar großer Mist ist? Weil er mir nämlich trotzdem irgendwie gefällt. Um „Die Herrschaft des Feuers“ genießen zu können, muss man einen Trick anwenden. Man muss von vornherein davon ausgehen, dass alles nicht so groß ist wie behauptet. Denn dann hat man plötzlich einen extrem coolen Film vor sich.

„Tanks and Castles, Soldiers and Dragons“ – das war das Rezept, das Regisseur Rob Bowman laut einem Interview an dem Filmstoff so sehr reizte. Man kriegt von all dem zu wenig zu sehen, aber die Grundatmosphäre stimmt absolut. Postapokalypse. Staub und Asche überall. Schmutzige, verzweifelte Menschen, die darum ringen, sich ihre Menschlichkeit zu bewahren. Und die ständige Angst vor den todbringenden Echsen. All das steckt in „Die Herrschaft des Feuers“, und obwohl man nur einen winzigen Ausschnitt des Geschehens auf der Erde präsentiert bekommt, wird die Fantasie angeregt – vor allem bei einem alten Pen-&-Paper-Rollenspieler wie mir. Was für großartige Geschichten vom Überlebenskampf in dem Setting doch stecken!

Abgesehen davon kann man sich den Figuren kaum entziehen. Christian Bale und Matthew McConaughey beherrschen einfach das Bild. Quinn und Van Zan sind beide kraftstrotzende Anführer mit einem ausnehmend intensiven Gefühlsleben (Van Zan mag sich auf dem Dach seines Panzers zwar cool geben, aber eigentlich brennt er innerlich). Ihr Zusammenprallen, ihr mit Worten und Fäusten ausgetragener Kampf um die Frage, wie man in der Endzeit am Besten überlebt, ermöglicht es überhaupt erst, über die derbsten Plotmängel hinwegzusehen.

Und eins muss man dem Regisseur und vor allem seinem Special-Effects-Team lassen. Sie wissen, wie man aus Bits und Bytes richtig fiese Drachen schafft und wie man sie so in Szene setzt, dass sie verdammt realistisch und furchteinflößend wirken. Tonnenweise Propangas, das brennend aus Druckdüsen geschossen wurde und Weinberge und Ruinenlandschaften in Flammen aufgehen ließ, haben sicher ihren Teil dazu beigetragen. Ja, das Feuer ist alles echt! Das waren noch Zeiten, als CGI nur eingesetzt wurde, wenn es wirklich nötig war.

Letzten Endes ist „Die Herrschaft des Feuers“ ein B-Movie, das mit dem Anspruch eines A-Movies gedreht und beworben wurde, aber in Wahrheit diesen Liga-Wechsel nicht vollzogen hat. Obwohl in der Ausführung – und hier vor allem der Story – etwas unbeholfen, hat er das Herz am rechten Fleck und vermittelt tolle Endzeit-Atmosphäre. Vielleicht mag mal jemand eine TV-Serie aus dem Stoff machen. Das wäre bestimmt spannend. Und dann hätte man auch genug Raum für Epik.

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