Der zweite Blick – Phantastische Fernseh-Archäologie: Die Crux mit Crusade, oder: Willkommen auf Babylon 5.0
REWATCH

Die Crux mit Crusade, oder: Willkommen auf Babylon 5.0


Captain Matthew Gideon ist nicht zu beneiden. Das Schicksal der kompletten Menschheit ruht auf seinen attraktiven Schultern, seit auf der Erde eine außerirdische Seuche ausbrach, für die man keine Heilung kennt. Gideons Mission: In den bislang unerforschten Weiten des Alls nach eben dieser Heilung suchen. Und die Uhr tickt …

Die Welt von Crusade

Ein Raumschiff namens Excalibur, allein in den unendlichen Weiten. Zugegeben, sonderlich neu klingt diese Prämisse nicht, doch Crusade hatte etwas Besonderes. Zum einen bot die Prämisse der zu rettenden Menschheit eine folgenübergreifende Dramatik, die ähnlichen Serien abgeht. Zum anderen besiedelte Serienschöpfer und US-SF-Ikone Joe Michael Straczynski sein tapferes Schiff mit durchaus interessanten Charakteren – und das vor wie hinter der Kamera.

Im Jahr 2267 hat die Erde nur noch eine Lebenserwartung von fünf Jahren, denn die fiesen Drakh haben sie verseucht. Gelingt es der Excalibur, die Zukunft zu retten? Ihre Besatzung aus Magiern, Aliens, Militärs und Archäologen strengt sich nach Kräften an, doch nicht die Gefahren der schwarzen Leere werden ihr größtes Hindernis, sondern die mangelnde Weitsicht von allein profitorientierten Senderchefs.

Crusade Opening

Die nackten Fakten

Diese Serie ist ein einziges Trauerspiel – und dafür kann sie gar nichts. Entwickelt als Pseudo-Fortsetzung der leidlich erfolgreichen (und damals just zu Ende gegangenen) Serie Babylon 5, ebenfalls aus Straczynskis Feder, sollte Crusade Ende der 1990er-Jahre das interstellare Zepter übernehmen, und die in fünf Staffeln B5 gesammelten Zuschauer langfristig bei der Stange halten. Jedoch gab man ihr dazu nie die Chance. TNT, auf dem Crusade beheimatet war, hatte vom ersten Tag an wenig Geduld mit der Produktion. Schon während der Dreharbeiten der anfänglichen, von Natur aus noch eher unausgewogenen Episoden, mischte sich der Sender wiederholt ein. Er verlangte schmissigere Drehbücher und sogar komplett neue Uniformen für die Hauptfiguren, obwohl schon ganze Episoden in alter Kluft abgedreht waren.

Kein Wunder, dass man auch bei der Marktforschung nicht sonderlich zimperlich war. Noch bevor auch nur die erste Episode ausgestrahlt war, legte TNT das Projekt Crusade schon wieder zu den Akten. Schlicht, weil die ersten Testvorführungen unter den eigenen, vielleicht unrealistischen Erwartungen blieben. Gerade einmal 13 Folgen waren zu dem Zeitpunkt vollendet, mehr durften es nicht werden. Die Serie endet daher mitten im Geschehen … und ohne eigene Schuld.

Das Erbe

Es gab natürlich eine DVD-Auswertung, gar keine Frage. Sogar ein Pen&Paper-Rollenspiel auf dem amerikanischen Markt. Und ein echter Babylon 5-Anhänger kommt an Crusade sowieso nicht vorbei. Aber davon abgesehen … Von einem wirklichen Erbe darf man im Falle dieser Produktion nicht sprechen. Selbst die Deutschlandpremiere ließ stolze zwölf Jahre auf sich warten! Nein, Crusade zählt weit eher zu den Fußnoten ihres Genres, und auch Mutterschiff B5 gerät aktuell zusehends in Vergessenheit. Beides ist bedauerlich.

Allerdings zeigt Crusade auch, wie kreativ Fans sein können, wenn es um ihre Kultserien geht: Um das Wirrwarr hinter den Kulissen narrativ irgendwie abzufedern und innere Brüche zu erklären, entwickelten sie – und Serienschöpfer Straczynski – seit Einstellung der Produktion gleich mehrere chronologische Reihenfolgen, in denen man die 13 Episoden idealerweise anschauen soll. Keine davon entspricht der – von TNT bestimmten – Reihenfolge auf den DVDs.

 

--


Manche Serien ziehen so schnell an uns vorbei, dass wir sie kaum registrieren. Andere liegen zu lange zurück – und waren zu wenig massentauglich –, als dass sie sich noch heute häufiger Wiederholungen oder gar eines DVD-Releases erfreuen könnten. Doch was, wenn sie dennoch sehenswert sind? Diesen Produktionen gewähren wir ab sofort … den zweiten Blick.

Share:   Facebook