Rewatch des Films: Dragonheart mit Dennis Quaid, David Thewlis, Dina Meyer und Julie Christie

© Universal Pictures

REWATCH

Dragonheart



Gollum, Neytiri, Jar-Jar Binks … Gleich, ob man sie liebt oder hasst – Protagonisten aus dem Computer haben seit ein paar Jahren mit großem Erfolg Einzug ins Hollywood-Kino gefunden. Motion Capturing, also mit Punkten übersäte Schauspieler, die vor der Kamera agieren und als Bildreferenz für die Digitalkünstler dienen, sowie enorme Steigerungen der Rechenleistung haben es möglich gemacht.

Der wahrscheinlich erste dieser neuen Generation von Digitaldarstellern war ein Drache mit der Stimme von Sean Connery (im Deutschen: Mario Adorf) und einem halben Herzen. Draco, so hieß die große, gutmütige Echse, war die Attraktion des Films Dragonheart von 1996. Laut ihren Schöpfern bei ILM hatte Draco, der unter der Regie von Rob Cohen gleichberechtigt Seite an Seite mit Schauspielern wie Dennis Quaid, David Thewlis, Dina Meyer und Julie Christie agierte, mehr Datenvolumen in einem Flügel als vier T-Rex aus dem drei Jahre zuvor erschienenen Jurassic Park zusammen. 150 PC-Prozessoren – darunter 12- und 16-Prozessor-Challenge-Supercomputer von SGI – ratterten Nacht für Nacht bei der Spezialeffektschmiede, um jede Falte und Schuppe des Drachen zu rendern (denn mit Texturentricks arbeiten ja nur Leute, die es nicht besser können). Und unterm Strich lieferten die 96 Animatoren und Spezialisten spektakuläre 181 Effekt-Shots ab, die etwa 30 Minuten des Films ausmachen.

Aber das sind Zahlenspiele. Wer noch mehr – viel mehr – über die Entstehung von Draco wissen möchte, kann darüber in einem extrem interessanten Interview mit Kevin Rafferty lesen, einem der Väter von Draco bei ILM. Wichtig hier und jetzt ist nur: Draco fühlte sich erstmals so richtig echt auf der Leinwand an. Mit dem Gummi-Godzilla, der Tokyo verwüstete, oder den Stop-Motion-Ungeheuern von Ray Harryhausen hatte er nicht mehr viel gemein. Womit ich Ray Harryhausen keinesfalls schlecht machen will. Der Mann ist eine Legende unter den Filmtricktechnikern, nur damit das klar ist!

Doch zurück zu Dragonheart. Worum geht es eigentlich? Wir befinden uns im Jahr 984 in einem magischen England. Ein König schlachtet rebellische Bauern ab, sein Sohn Einon (als Junge gespielt von Lee Oakes, als Erwachsener von David Thewlis – beide herrlich fies) schaut staunend zu. Als der Vater stirbt, begibt sich der Prinz, von Gier und Unvorsicht getrieben, selbst in Gefahr und wird prompt lebensgefährlich verletzt. Seine Mutter, Königin Aislinn (Julie Christie), die den „alten Wegen“ folgt, bringt ihn daraufhin zu einem alten, weisen Drachen, der dem Jungen sein halbes Herz schenkt, um ihn zu retten. Dieser soll sich dafür dem „alten Schwur“ des Rittertums verpflichten: Ehre, Aufrichtigkeit, Schutz der Schwachen, solche Dinge – Tugenden, die auch den Mächtigen heute gut zu Gesicht stünden.

Andererseits: Warum sollten sie besser sein als der junge Einon? Der hat die heiligen Worte nämlich auch keine fünf Tage später wieder vergessen. Weswegen sein Lehrer Ritter Bowen (Dennis Quaid) glaubt, dass das Drachenherz den Knaben verdorben habe. Auf Rache sinnend beginnt er ein ruheloses Leben als Söldner und Drachenjäger – bis sich sein Weg erneut mit dem alten Drachen kreuzt. Draco, wie Bowen ihn nennen wird, öffnet dem Ritter nicht nur die Augen, die beiden anfänglichen Gegner werden auch bald beste Freunde. Gemeinsam mit dem widerspenstigen Bauernmädchen Kara (Dina Meyer als heißblütiger Rotschopf) und dem charmant verpeilten Geistlichen und Barden Gilbert von Glockenspur (Pete Postlethwaite) nehmen sie den Kampf gegen den grausamen Einon auf.

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Die Geschichte des in der Slowakei rund um Bratislava gedrehten Films ist eingängig und gefällig, das menschliche Personal kommt einem tiefen Griff in die Kiste der Archetypen für Fantasy-Abenteuer gleich. Das sorgt für gute Unterhaltung, keine Frage, macht den Film aber gewiss nicht zu einem Klassiker seines Genres. Was Dragonheart herausragen lässt, ist wirklich seine Drachenfigur. Dabei kommt Draco als eine erstaunliche Mischung aus verspieltem, Sprüche klopfendem Jungspund und weisem, sanftherzigem Mentor daher – ob man das nun Drehbuchschwäche oder dreidimensionale Persönlichkeit nennt, mag jeder für sich entscheiden.

Apropos Persönlichkeit: Um dem virtuellen Charakter einen möglichst echten Ausdruck zu verleihen, verpflichtete Rob Cohen Sean Connery nicht nur als Sprecher, er ackerte sich auch durch Connerys umfangreiches Werk, um eine „Bibliothek der Emotionen“ für die Digitalkünstler bei ILM anzulegen. So sammelte er aus zahlreichen Filmen Momente, in denen der Schauspieler wütend, belustigt, skeptisch oder melancholisch agierte und nutzte diese als Referenz für Dracos Mimik, ein Umstand, der Connery den Drachen letzten Endes nicht nur sprechen, sondern tatsächlich spielen ließ – und das bereits in Zeiten vor dem Einsatz von Motion Capturing

Mittlerweile gibt es computergenerierte Drachen in jedem zweiten Fantasy-Film, unter anderem in Dragonheart – Ein neuer Anfang (2000) und Dragonheart – Der Fluch des Druiden (2015). Die eine Hälfte dieser Feuerspeier sieht schlechter aus als Draco seinerzeit (was schlicht daran liegt, dass auch heute noch gute Spezialeffekte teuer sind), der anderen fehlt die Seele des Charakters. Natürlich existieren rühmliche Ausnahmen, etwa Saphira aus Eragon – der einzige Grund, den Film zu schauen – oder Smaug aus Peter Jacksons Tolkien-Verfilmung Der Hobbit. Aber selbst große Echsen wie sie, die die Leinwand beherrschen und die Zuschauer in ihren Bann schlagen, verweisen zurück auf ihren Urahn, den ersten filmreifen Digital-Drachen: Draco aus Dragonheart.

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