Empathielose, unvollkommene Zweibeiner: Zum Verhältnis von Fiktion und Politik

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ESSAY

Empathielose, unvollkommene Zweibeiner: Zum Verhältnis von Fiktion und Politik


Foz Meadows
05.09.2017

Nazi-Aufmärsche in Charlottesville, UKIP und identitäre Bewegung. Bilder von Ausgrenzung und Hass bestimmen die Medienwelt und nichts deutet darauf hin, dass es in nächster Zeit besser wird. Eine gute Gelegenheit, um über das Verhältnis von Science Fiction & Fantasy und Politik nachzudenken.

Aufgrund der jüngsten politischen Entwicklungen habe ich in letzter Zeit viel über Politik in Science Fiction und Fantasy (SFF) nachgedacht. Nicht nur im Allgemeinen, sondern auch in Bezug auf meine eigene Erfahrung als langjährige Leserin dieses Genres. Wenn über politische Aspekte in SFF diskutiert wird, dann geht es häufig darum, dass Autoren mit ihren Texten – zu Recht oder zu Unrecht, bewusst oder unbewusst, geschickt oder weniger geschickt – ihre persönlichen Positionen und Ansichten vermitteln; darum, wann und wie dies geschieht und warum das, je nach Kontext, relevant ist. Außerdem wird oft aus persönlicher Sicht über die Bedeutung von Erzählungen für die Leser gesprochen, besonders die jungen; über den Effekt, den es haben kann, wenn man sich selbst oder jemanden, der einem ähnlich ist, in den verschiedensten Arten von Geschichten wiederfindet. Diese Diskussionen sind allesamt wichtig und werden es auch zukünftig sein, weil sich sowohl unsere Kultur als auch das Genre weiterentwickeln. Weit weniger aber wird nach meiner Erfahrung über etwas ebenso Wichtiges diskutiert, nämlich darüber, wie SFF unsere Vorstellungen von Politik im institutionellen Sinne prägt, indem sie verschiedene Herrschaftsformen, Kulturen und Gesellschaftssysteme in Erzählungen darstellt, und was wir daraus lernen können.

Im Zeichen der Sterne

Das finde ich verwunderlich, denn so lange ich mich zurückerinnern kann, war ich mir immer der Bedeutung von Politik in SFF bewusst, selbst wenn ich dieses Wissen früher nicht immer in Worte fassen konnte. Ich war gerade auf die Highschool gekommen, da begann ich, mit der Lektüre der Axis-Trilogie (dt.: Unter dem Weltenbaum) von Sara Douglass die Welt der Fantasy für Erwachsene zu entdecken (im Gegensatz zur Fantasy für Kinder und Jugendliche). Rückblickend enthält diese Trilogie – wie auch die spätere Trilogie der Autorin The Wayfarer Redemption (dt.: Im Zeichen der Sterne) – vieles, was mich heute zutiefst beunruhigt, was ich aber als Heranwachsende nicht infrage gestellt habe. Doch zugleich erkannte ich in der engstirnigen monotheistischen Verehrung des Gottes Artor eine beabsichtigte Analogie zu bestimmten üblen Ausdrucksformen des Christentums. Und die Propaganda gegen die beiden Völker der Ikarier und Awaren sowie ihre Zurückdrängung erinnerten mich an die Lügen, die die weißen Eroberer über verschiedene indigene Völker verbreitet haben. Ich hatte noch nicht genug Leseerfahrung, um die Rasse-Stereotypen wiederzuerkennen, die vor allem die Beschreibung der Awaren prägen. Die Awaren sind eine dunkelhäutige Rasse, die für sich beansprucht, Gewalt zu „verabscheuen“, aber in der Erzählerbeschreibung heißt es, dass sie Gewalttätigkeit „verströmen“. Es gab an dieser Beschreibung jedoch etwas, das mich beunruhigte; ich weiß noch, wie ich das sichere Gefühl hatte, dass diese Charakterisierung unfair war, und zwar auf eine Art und Weise, die über die Geschichte hinausging, aber ich konnte es nicht genauer erklären.

Ein paar Jahre später begann ich mit der Lektüre von Raymond E. Feist, den mir meine damaligen Geek-Freunde – allesamt Feist-Fans – empfohlen hatten. Erst Jahre später sollte ich ein gewisses Verständnis von Motiven und ihrer Rolle in dem Genre erlangen. Und doch hatte ich, was Erzählungen betraf, bei der Lektüre von A Darkness at Sethanon (dt.: Dunkel über Sethanon) eine der wichtigsten Erkenntnisse in meinem jungen Leben. In dem Roman waren die Protagonisten gerade einer mächtigen, dunklen Armee begegnet und eilten zu ihren Verbündeten, um ihnen von dieser noch nie dagewesenen Gefahr zu berichten. Aber als sie die nächste Festung erreichen, will ihnen der Befehlshaber der dortigen Truppen nicht glauben, dass eine böse Macht magischen Ursprungs, deren Kommen man seit Langem prophezeit hatte, nun tatsächlich im Anrücken war. Meine erste Reaktion auf die Zweifel des Truppenführers war Entrüstung: Ich hatte die dunkle Armee doch gerade durch die Augen der Protagonisten „gesehen“, ich wusste, dass die Bedrohung – und die Magie – sehr real waren. Warum glaubt er ihnen nicht?, fragte ich mich. Es stimmt doch so offensichtlich!

Und da kam mir die Erleuchtung. Mir wurde schlagartig klar, dass die Wahrheit aus der Perspektive des Befehlshabers gar nicht so offensichtlich war; und dass, würde mir im wirklichen Leben jemand etwas vergleichbar Ungewöhnliches berichten, ich denjenigen wahrscheinlich auch abweisen würde. Ich war – und bin heute noch – Atheistin, ich glaubte nicht an Götter und Zauberei, genauso wenig wie der zweifelnde Oberbefehlshaber. Der einzige Unterschied zwischen uns war, dass ich als Leserin eine allwissende Perspektive darauf hatte, was in seiner Welt wahr war und was nicht, die ihm als Individuum fehlte. Ich hatte vor allem deshalb zu dem Buch gegriffen, weil ich meine Ungläubigkeit, was die Existenz von Magie betrifft, willentlich aussetzen wollte (Anm. d. Ü.: im Coleridge‘schen Sinne), doch bis dahin war mir noch nie der Gedanke gekommen, dass dies mit einem tiefgreifenden Perspektivwandel meinerseits einherging, nicht nur dahingehend, was in einer Welt möglich und unmöglich war, sondern er betraf auch meine Sicht auf Menschen. Mir wurde erstmals bewusst, dass Geschichten die Macht haben, den Leser dazu zu bringen, mit Haltungen zu sympathisieren, die von den eigenen abweichen. Und ich erkannte, dass das Genre SFF dafür besonders gut geeignet ist, weil dort bekannte Dilemmata in fremden Settings neu erzählt werden.

Das Schwert der Wahrheit

Wenn ich zurückblicke, dann war dies der Moment, in dem ich begann, eine kritische Leserin zu werden und mir Gedanken über das Verhältnis von Fiktion und Politik zu machen. Meine Schlüsse waren oftmals falsch oder unvollständig, und immer wieder sind mir Parallelen entgangen, die ich erst heute erkenne, aber jeder fängt irgendwann einmal an, und in meinem Fall war es bei der Lektüre von Raymond E. Feist.

Bald darauf las ich auf Empfehlung des gleichen, vorwiegend männlichen Freundeskreises Terry Goodkinds Sword of Truth-Reihe (dt.: Das Schwert der Wahrheit). Bis dahin hatte ich überwiegend Fantasy von Autorinnen gelesen, was vor allem daran gelegen haben mag, dass ich in Australien aufgewachsen bin und der Fantasy-Markt dort lange von Frauen beherrscht wurde, anders als in Amerika und Großbritannien. Daher waren für mich, im Gegensatz zu Lesern mit einem anderen Hintergrund, SFF-Geschichten ungewohnt, in denen Frauen immer wieder Sexismus und geschlechtsspezifische Gewalt erfahren, was von der Erzählung und den Figuren her nicht entschieden verurteilt wird, sondern einen Schockeffekt erzielen soll. Selbst heute finde ich es schwierig, hier die Trennlinie zu finden, und ich möchte dazu anmerken, dass man dies bei Autoren beiderlei Geschlechts beobachten kann und es außerdem oft Ansichtssache ist. Ich hatte natürlich bereits Bücher gelesen, in denen Vergewaltigung oder sexuelle Gewalt gegen Frauen thematisiert wird. Als besonders markantes Beispiel fällt mir dazu Anne McCaffreys Acorna-Zyklus ein, obwohl mich die massive Präsenz von Vergewaltigungen in einigen Büchern von Sara Douglass rückblickend geradezu entsetzt. Goodkinds Reihe aber war für mich die erste, in der das wiederkehrende Vergewaltigungs- und Missbrauchs-Motiv bei mir ein Gefühl der Befremdung hinterließ.

Dass Kahlan so oft und in detaillierter Schilderung beinahe vergewaltigt wird, während andere Frauen in der Geschichte dieses Schicksal tatsächlich erleiden, das machte mir bewusst, wie eine Geschichte eine bestimmte Idee eindringlich vermitteln kann, ohne sie explizit zu formulieren. In diesem Fall war es der Gedanke, dass Vergewaltigung das Schlimmste, das Abscheulichste ist, was einer Frau zustoßen kann. Goodkinds Bücher beunruhigten mich noch in anderer Hinsicht – nicht nur, was erzählerische Aspekte, sondern auch was die politische Dimension betraf. Die Lektüre von Feists Büchern hatte bei mir ein kritisches Bewusstsein über die Rolle von narrativer Empathie und die Macht von Geschichten geweckt, die dem Leser neue Sichtweisen eröffnen können. Bei der Lektüre von Goodkind habe ich gelernt, dass man Vorstellungen, die die Geschichte – und damit auch der Autor – als moralisch richtig präsentiert, infrage stellen kann beziehungsweise nicht teilen muss.

In Goodkinds Buch wird aus der Perspektive eines Mannes erzählt, der Mitglied einer maßgeblichen, sich mit magischen Studien befassenden Institution ist. Er ist entsetzt, dass sich Frauen aus der Stadt absichtlich von den männlichen Magiern schwängern lassen, damit die Institution nach altem Brauch großzügige Zahlungen leistet. Das Geld ermöglicht es ihnen, die magisch begabten Kinder großzuziehen. Als der besagte Mann eine Machtposition innerhalb der Institution erlangt, ist es seine erste Amtshandlung, dieses Unterstützungssystem abzuschaffen. Dann, so heißt es, würden die Frauen nämlich nicht weiter dazu verleitet, die Magier-Institution finanziell auszunutzen, und die zynische Praxis, sich für Magier-Nachwuchs schwängern zu lassen, hätte ein Ende. Im Text wird diese vom (sympathisch gezeichneten) Entscheider eingeleitete Reform als vernünftig und moralisch richtig dargestellt. Zu der positiven Einschätzung trägt auch bei, dass der Mann daneben noch eine weitere, ganz klar notwendige Änderung herbeiführt: Der Aufstieg eines Magiers soll nicht mehr davon abhängig gemacht werden, wie viel Schmerz er ertragen kann, vielmehr soll seine Weiterentwicklung als Individuum entscheidend sein.

Dragon Age & UKIP

Mit dieser letztgenannten Reform war ich einverstanden – die bis dahin angewandte Eignungsprobe war definitiv eine schreckliche Praxis –, doch ich fand, dass die erste Entscheidung völlig falsch war. Obgleich das System finanzieller Unterstützung von den Frauen der Stadt und auch von den Magiern rücksichtslos ausgenutzt wurde (wobei aber anscheinend nur die Frauen dafür kritisiert wurden), bedeutete seine komplette Abschaffung doch, dass die bereits geborenen Kinder darunter leiden würden, weil ihre Mütter der Armut anheimfielen. Zwar protestierten die Stadtbewohner gegen die Änderung, doch das kümmerte den verantwortlichen Magier nicht, und da der Aufstand als genauso rückschrittlich dargestellt wird wie die Ablehnung der Reform durch die Magier, war klar, dass die Entscheidung dieser Figur erzählerisch befürwortet wird.

Selbst mir als Teenager fiel die Ähnlichkeit der Argumentation dieser Romanfigur Goodkinds zu der von echten Politikern auf, die sich über den – wie sie es nannten – Missbrauch von Sozialleistungen durch unverheiratete Mütter empörten, eine Haltung, gegen die ich aktiv Stellung bezog. Obwohl mir schon früher viele Parallelen zwischen SFF-Geschichten und realen historischen Begebenheiten aufgefallen waren, etwa bei der Thematisierung von Religion und Kolonialisierung in den Büchern von Sara Douglass, entdeckte ich bei der Lektüre von Goodkinds Romanen erstmals eine direkte Parallele zur Politik unserer Zeit. Beim Lesen von Feists Texten hatte ich mit der Religiosität bestimmter Figuren sympathisiert, obgleich ich Atheistin bin – das war auch schon früher in anderen Büchern der Fall gewesen, doch bei Feists Romanen ist es mir das erste Mal aufgefallen. Als ich das erkannte, habe ich nicht nur manche der vorgefassten Meinungen überdacht, die ich im wirklichen Leben über Religion hatte, sondern konnte auch eine Figur, die ich zunächst verachtet hatte, nun besser, differenzierter verstehen. Die Lektüre Goodkinds war indes eine andere Erfahrung: Ja, die Story forderte mich auf, einer Ansicht, die nicht meine eigene war, Verständnis entgegenzubringen, aber damit ging einher, dass ich meine Empathie gegenüber einer anderen sozialen Gruppe hätte über Bord werfen müssen; es wurde ein Personenkreis moralisch diskreditiert, dem ich selbst angehörte.

Als ich dieses Jahr meine Begeisterung für Dragon Age 2 auf Twitter bekannt gab, kam ich mit einem Anhänger der United Kingdom Independence Party (UKIP) ins Gespräch, der, zu meiner Überraschung, von diesem Spiel ebenso begeistert war wie ich. Ich sage Überraschung, weil die UKIP - für diejenigen Leser, die das Programm dieser Partei nicht kennen – erklärtermaßen gegen Flüchtlinge ist und immer wieder homophobe Ansichten vertritt. Demgegenüber ist DA2, das ist wohl unstrittig, ein Spiel über einen queeren Flüchtling, der hart daran arbeitet, die Lebensbedingungen in der neuen Heimat zu verbessern. Als ich den UKIP-Anhänger darauf hinwies, meinte er, ich sei naiv, wenn ich Ähnlichkeiten zwischen den politischen Aspekten im Spiel und denen in der wirklichen Welt sah. Seiner Meinung nach waren Hawkes Flucht aus Ferelden im Zuge der fünften Verderbnis und sein darauffolgender Aufenthalt in Kirkwall voll und ganz nachvollziehbar, nicht aber die Nöte der syrischen Flüchtlinge, die Krieg und Unruhen entkommen und in Großbritannien leben wollen.

Wir haben nicht lange miteinander diskutiert, aber ich habe seitdem oft an unseren Gedankenaustausch gedacht und mich gefragt, was für eine kognitive Dissonanz hinter dieser Auffassung von Erzählungen stecken muss, wenn man Geschichten als etwas völlig Abgegrenztes begreift und nicht einmal zugeben kann, dass zwischen der Wirklichkeit und der Fiktion Ähnlichkeiten bestehen. Vielleicht fand dieser Mann, dass Hawke eindeutig ein „guter“ Immigrant ist, jemand, der seiner neuen Heimat dienen will, und möglicherweise war er deshalb der Ansicht, dass Hawkes Figur die Ausnahme von der Regel ist. Vielleicht meinte er, dass Hawkes verwandtschaftliche Verbindungen zur Adelsschicht von Kirkwall bedeuteten, dass die Figur gar kein Flüchtling oder Immigrant war, sondern ein rechtmäßiger Bewohner der Stadt; dass er einen unfairen Kampf darum führen musste, sein Geburtsrecht geltend machen zu können, und dass die Figur deshalb über jede Kritik erhaben ist. Vielleicht fand der Mann auch, dass die teuflische Verderbnis ein eindeutig böser, völkervernichtender Schrecken war, der die Flucht aus der Heimat rechtfertigte, und ein Bürgerkrieg, der nichts mit Magie zu tun hat, eben nicht. Vielleicht war es auch einfach nur der Umstand, dass Hawke in der Standardeinstellung von DA2 ein für das allgemeine Empfinden attraktiver weißer Mann ist, der fließend Englisch spricht und der deshalb nicht wie fremde Menschen anderer Hautfarbe mit Akzent automatisch Vorurteile weckt. Vielleicht war es auch nichts dergleichen, oder es war eine Kombination aus allen diesen Überlegungen, vielleicht fasste der Mann das Spiel einfach als Fiktion auf, ohne darüber nachzudenken, was diese Fiktion bedeutete. Aber wie dem auch sei, sein mangelndes Bewusstsein für politische Aspekte in Erzählungen ist kein Einzelfall – und das finde ich faszinierend und erschreckend zugleich.

Dumbledores Army …

Dunkle Herrscher, Dämonen, Invasionen völkermordender Aliens und andere unmissverständliche Gefahren sind ein beliebtes Element in SFF. Tatsächlich sind sie für viele unserer Lieblingsstorys unverzichtbar. Aber das bedeutet noch lange nicht, dass solche Geschichten keine politisch komplexen Inhalte haben können, ganz abgesehen davon, dass in ihnen natürlich auch ganz gewöhnliche politische Systeme vorkommen. Selbst in Erzählwelten, in denen die zugrundeliegende Moralität durch den Kampf von Licht und Dunkelheit, Gut und Böse veranschaulicht wird, sind die Handlungen der Figuren selten so schwarz-weiß gestaltet – und dennoch vermute ich, dass es uns leicht passieren kann, dass wir das gar nicht erkennen; denn wenn die Guten eindeutig auf der Seite der (nachweislich realen) Engel stehen, wer sind wir dann, dass wir ihre Handlungen in Frage stellen könnten? Als Leser sind wir allwissend: Wir wissen genau, anders als in den meisten Fällen die Figuren, weshalb ihr Handeln wichtig ist, welche Folgen es nach sich zieht und wie wenige Möglichkeiten es tatsächlich gibt, das Ziel zu erreichen. Aus dieser allwissenden Perspektive ist es leichter zu akzeptieren, dass der Zweck die Mittel heiligt, weil wir in der denkbar besten, objektivsten Position sind, um Motive gegen Taten, Intention gegen Folgen abzuwägen und die ganze Kette von Ereignissen aus einer gewissen Distanz zu sehen. Wir kennen die Figuren besser, als sie sich selbst kennen, und das lässt uns zu anderen Bewertungen kommen, als wenn wir neben ihnen stünden und uns mit den gleichen Einschränkungen den gleichen Problemen stellen müssten.

So, wie das sonst im wirklichen Leben der Fall ist.

Seit der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten kursiert in den sozialen Medien ein Post, der mir aufgefallen ist. Ich glaube, dieser Tweet ist das Original:

 

If you’ve ever said you would join Dumbledore’s Army; if you’d follow the Mockingjay; if you’d fight back against the Empire: now’s the time.

(Wenn du jemals Dumbledores Armee beitreten, dem Spotttölpel folgen, gegen das Imperium kämpfen wolltest: Jetzt ist der Zeitpunkt gekommen.)

 

Ich habe gesehen, wie dieser Tweet Irritation und Augenrollen bei Leuten hervorrief, von denen ich weiß, dass sie eigentlich den Gedanken dahinter unterstützen – nämlich dass Diktaturen, Imperialismus und Faschismus etwas sind, gegen das zu kämpfen sich lohnt. Sie meinten, dass dieser Tweet die aktuelle politische Lage in unangemessener Weise vereinfachen würde; wenn man das, was gerade passiert, nur dann als schlimm bewerten kann, wenn man es mit Fiktion in Verbindung bringt, dann hat man die Situation wahrscheinlich überhaupt nicht verstanden, so die Logik. In gewisser Hinsicht kann ich diesen Gedanken nachvollziehen: Für diejenigen, die in ein privilegiertes Umfeld hineingeboren wurden, ist die Lektüre von Geschichten über Unterdrückung und unterdrückende Systeme die einzige Art und Weise, wie sie diese Form von Diskriminierung „erfahren“ können. Und deshalb gehört man wohl nicht zu einer betroffenen Gruppe, wenn man als erste Reaktion auf (beispielsweise) den eklatanten Anstieg von Hassverbrechen nach den Präsidentschaftswahlen diese Verbrechen mit einer Geschichte in Verbindung bringt und nicht mit Angst um sich selbst oder andere. In einer vollkommenen Welt würden wir Geschichten nicht als emotionale Trockentests benötigen, bei denen wir uns darin üben, Mitgefühl für die unterschiedlichsten Menschen zu empfinden, weil unsere Empathie von vornherein jeden einschließen würde. Aber in so einer Welt leben wir nicht; denn wenn es so wäre – und das ist ein wenig paradox –, dann würden wir diese Empathie weit weniger dringend benötigen, weil ihr uneingeschränktes Vorhandensein es uns deutlich erschweren würde, überhaupt jemanden zu diskriminieren.

What would Buffy do?

Und genau deshalb sind Geschichten wichtig; deshalb sind sie immer wichtig gewesen und werden es auch in Zukunft sein, solange es unsere Spezies gibt. Geschichten können uns die Empathie lehren, die uns sonst abgeht oder die sich aufgrund bestimmter Umstände nicht entwickeln kann. Und ja, der Gedanke ist frustrierend, dass ein anderer Mensch nicht akzeptieren kann, dass du bist, wie du bist, und sich sagt: ein Mensch, in mancher Hinsicht anders als ich, aber grundsätzlich genauso vollkommen, liebens- und schützenswert und mit den gleichen Grundrechten wie ich. Doch eines muss man begreifen: Wir sind ein Haufen zweibeiniger Säugetiere, die eine Illusion von Moralität vor Augen haben, ein Konzept, das wir erfunden haben und das wir durch unsere Kultur und Umgangsformen, durch den Glauben, die Geschichte und die Erinnerung aufrecht erhalten – das heißt durch Geschichten, die sich verändern, so wie wir uns verändern (obwohl wir das oft nur ungern zugeben). Und vor diesem Hintergrund liegt der Wert des Unmöglichen – von SFF als Genre – darin, dass es uns diese Dinge in imaginären Settings präsentiert, uns weit genug aus der Gegenwart herausholt, dass wir sie aus einer objektiveren Distanz betrachten können, als es uns im wirklichen Leben möglich ist. Und so können wir sie besser greifen, als unsere sich sofort einschaltenden Befangenheiten es sonst erlauben würden.

Geschichten spiegeln uns wider, und wir reflektieren sie zurück auf sich selbst. Wie im Zentrum der Spiegelkammer von einer der Hexen bei Terry Pratchett: Die Menschheit, reflektiert ins Unendliche. In der Politik der wirklichen Welt mit ihren sich ständig weiterentwickelnden Konsequenzen gleicht unsere enge persönliche Perspektive der einer erfundenen Figur, der die Allwissenheit des Autors verweigert wird: Wir wissen nicht, wie wir das Muster interpretieren sollen, das sich in den Ereignissen zeigt – wenn es überhaupt eines gibt. Wir wissen nicht, wohin bestimmte Ereignisse führen, und doch müssen wir uns immer wieder entscheiden, wie wir handeln wollen. Und so suchen wir außerhalb von uns selbst, in Geschichten, bei denen wir wirklich wissen, was passiert, bei Figuren, in deren Hoffnungen und Ängsten wir unsere eigenen wiedererkennen. Wir machen darüber mitunter Witze und kreieren Memes, kaufen kleine Armbändchen aus Gummi mit der Prägung ‚WWBD‘ (What Would Buffy Do) und lachen darüber, dass Personen, die gar nicht existieren, uns derart beschäftigen, aber zum Schluss sind es ihre Worte, die bleiben, nicht unsere.

Ich soll keine Lügen erzählen.

Wir sind keine Sachen.

Wenn wir brennen, brennen Sie mit.

Wir brauchen jetzt keinen Jedi-Meister, der uns sagt, dass Furcht zu Wut führt, Wut zu Hass, und Hass zu unsäglichem Leid: Das ist kein abstrakter mystischer Lehrsatz, sondern die Basis unser aktuellen politischen Realität. In den letzten Jahren haben die Sad Puppies und die Rabid Puppies – unter Leitung eines echten Neonazis – eine Kampagne gegen die ihrer Wahrnehmung nach neuere Politisierung des Genres SFF geführt, als wäre es möglich, eine Geschichte über Figuren zu schreiben, die keine politische Dimension hat, als würde „politische Erzählung“ bedeuten: „Ich war nicht einverstanden mit der Prämisse oder dem Inhalt, und darum ist sie falsch“ und nicht: „eine Erzählung, in der Menschen vorkommen und die von Menschen geschrieben wurde“.

Sad Puppies und Rabid Puppies

Und so denke ich über den UKIP-Anhänger nach, der Mitgefühl für einen fiktiven Flüchtling hatte, aber mit seiner Wählerstimme dafür eintrat, realen Flüchtlingen ihre Menschenwürde abzusprechen; über die Millionen von Menschen, die mit Geschichten über die Schrecken des Nationalsozialismus großgeworden sind, jetzt aber nach Trumps Wahl zum Präsidenten die Augen vor den Hakenkreuz-Graffitis verschließen; über die Sad Puppies und die Rabid Puppies, die behaupten, dass die Präsenz von Politik in dem Genre eine linke Verschwörung sei, während sie unverhohlen etwas vorantreiben, was sogar sie selbst eine politische Agenda nennen; über die Autoren von Fake News und das Ministerium für Wahrheit; über jede verd***** Dystopie, bei der man, wenn der Titel fällt, spürt, dass sie den Nagel auf den Kopf trifft und gerade beunruhigend aktuell ist – denn man muss nicht auf The Handmaid‘s Tale (dt.: Der Report der Magd) zurückgreifen, um deutlich zu machen, warum Mike Pence und Steve Bannon (ganz zu schweigen von Trump mit seinen berüchtigten Kommentaren) erschreckend sind, und doch – und ich verweise dabei auf den Titel dieses Artikels: empathielose, unvollkommene Zweibeiner für alle Ewigkeit; und doch…

Terry Pratchett hat einmal geschrieben: „Die Menschen brauchen Fantasie, um menschlich zu sein. Um den Platz zu behaupten, wo der gefallene Engel dem emporkletternden Affen begegnet.“ Dieses Zitat habe ich immer für sehr überzeugend gehalten, aber heute mehr denn je. Ich habe Zitate und Textfragmente im Kopf, Zeilen, die andere geschrieben haben und die mich an eine politische Realität erinnern, deren zutiefst erschreckendes Wesen ich immer noch zu fassen versuche. Manchmal erfüllen mich diese Textfragmente mit Verzweiflung, aber in anderen finde ich Kraft, Mut und Hoffnung. Von ihren frühesten mythologischen Formen bis zu ihren neuesten CGI-Versionen haben Science Fiction- und Fantasy-Geschichten immer an unsere Empathie appelliert, in Zeiten, wenn wir sie am dringendsten benötigten; sie haben uns immer dabei geholfen, unsere eine, greifbare Welt durch angrenzende ätherisch-phantastische Welten zu verstehen, die von unserer eigenen nur durch die Spitze von Will Parrys Magischem Messer oder Nakors Rucksack voller Orangen getrennt sind.

Mögen Geschichten uns in diesen Zeiten ein Licht sein, das an dunklen Orten leuchtet, wenn alle anderen Lichter verlöschen.


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Foz Meadows: Unempathic Bipeds of Failure.

Dieser Artikel ist ursprünglich auf der Website von Amazing Stories erschienen. 

Deutsch von Anne-Marie Wachs, anne.wachs@gmx.net

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