Interview mit Nevernight-Autor Jay Kristoff

© Christopher Tovo

INTERVIEW

"Wie Harry Potter, aber mit viel mehr Gewalt, Schimpfwörtern und Sex." – Jay Kristoff über "Nevernight"


TOR Team
25.08.2017

TOR ONLINE: Hallo Jay, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, mit uns über deinen Fantasy-Roman “Nevernight” zu reden. Erzähl mal, wer ist Jay Kristoff überhaupt?

JAY KRISTOFF: Natürlich doch. Ich bin ein internationaler Bestsellerautor, der sich in der Fantasy und Science Fiction zuhause fühlt. Hier und da habe ich einen dieser Preise abgesahnt, von denen noch nie jemand etwas gehört hat, und meine Romane wurden in mehr als 30 Länder verkauft – keine Ahnung, wie das passieren konnte. Außerdem bin ich ein Nerd, genauer gesagt wirke ich auf den gemeinen Nerd, wie der gemeine Nerd auf normale Menschen.

Beschreibe deinen Roman “Nevernight” in einem Satz.

Wie Harry Potter, wenn die Handlung in einer Assassinenschule spielen würde – aber mit viel mehr Gewalt, Schimpfwörtern und Sex.

Die Hauptperson aus »Nevernight«, Mia, ist 16 Jahre alt. Dennoch ist dieses Buch kein Jugendbuch. Manch einer tut sich mit dieser fehlenden Abgrenzung schwer. Warum?

Das ist eine gute Frage, die eine lange und detaillierte Antwort verdient. Unter Jugendliteratur versteht fast jeder etwas anderes, und es gibt wohl nur zwei Dinge, die Jugendbücher gemeinsam haben:

1. Die Hauptperson ist im Teenageralter.

2. Der Verlag sagt, dass es sich um ein Jugendbuch handelt.

Das ist alles. Es gibt keine gültige Genre-Definition. Nicht in allen Jugendbüchern geht es um das Erwachsenwerden – Katniss in »Die Tribute von Panem« zum Beispiel sorgt schon zu Beginn der Geschichte für den Unterhalt ihrer Familie, sie hat festgefügte Ansichten über sich selbst, ihre Regierung und das System, in dem sie lebt, und diesen Ansichten bleibt sie treu. Sie wird nicht »erwachsen«, sie verhält sich von Anfang an wie eine Erwachsene.

Jugendliteratur handelt auch nicht unbedingt von Teenagerproblemen – mit welchen Teenagerproblemen setzt sich Katniss denn auseinander? Jugendliteratur ist kein Genre. Und dieser Begriff bietet auch ganz sicher keine Einordnung, die man mit der Altersfreigabe bei Filmen oder Spielen vergleichen könnte. Ein Jugendbuch ist nicht automatisch jugendfrei. Ein Buch wird zum Jugendbuch, weil der Verlag sagt, dass es eins ist. Im Grunde bezeichnet es lediglich grob die Zielgruppe, auf die der Verlag sein Marketing zuschneidet.  Was Leser aus dieser Debatte lernen können? LEST EINFACH, WORAUF IHR BOCK HABT.

Was hat dich am meisten beeinflusst, während du die Welt erschaffen hast, in der Mia lebt, und wie lange hat es gedauert, die Grundlagen für dieses Universum zu entwerfen?

Alle großen SF-/Fantasy-Werke haben eines gemeinsam: Es gibt immer ein herausragendes Merkmal, durch das sie sich von allen anderen unterscheiden. »Game Of Thrones« hat einen ganz eigenen Wetterzyklus, bei dem Sommer und Winter jeweils mehrere Jahre dauern, bei »Dune« gibt es das Melange und bei »Der Name des Windes« die Sympathie. Die Welt von »Nevernight« ist von einem speziellen Tag-Nacht-Rhythmus geprägt, bei dem auf zweieinhalb Jahre Tageslicht eine kurze Nacht folgt. Dieser Umstand beeinflusst alles – in erster Linie die Religion, aber auch Wirtschaft und Politik sowie das ganz normale Leben von Tag zu Tag (oder von Wende zu Wende, wie es im Roman heißt). Es hat ungefähr zwei Jahre gedauert, bis in dieser Welt alles stimmig war; mit Unterbrechungen habe ich seit 2012 an »Nevernight« gearbeitet.

Welche Szene hat dir beim Schreiben am meisten Spaß gemacht?

Das war eine Unterhaltung zwischen Mia und Tric, in der es um das F-Wort geht – denn in dieser Szene zeigt Mia endlich ihr wahres Gesicht. Plötzlich wusste ich, wer sie wirklich war, was ihre Persönlichkeit ausmacht, was sie will und was sie tief im Herzen bewegt. Eine wahre Schöpfungsgeschichte also.

Welche Rolle spielt Herr Freundlich, der schwarze Kater, der Mia ständig begleitet?

Herr Freundlich ist gewissermaßen eine verdrehte Version von Jiminy Grille aus Pinocchio. Er ist Mias Gewissen und ihr Berater. Er sagt ihr, wann sie impulsiv reagiert oder sich einfach nur idiotisch verhält. Allerdings wollte ich dieser Beziehung auch ein düsteres Element mitgeben – die Idee, dass sich diese Kreatur von ihren Ängsten ernährt, macht Mia selbst zu einer kühnen Mörderin, die kräftig Blut vergießt. So vorteilhaft diese Beziehung auch ist – sie bleibt parasitär. Mia ist sich selbst nicht sicher, wer oder was Mister Freundlich eigentlich genau ist, oder was er davon hat, ihre negative Gefühle und Ängste aufzusaugen.

Wie kamst du auf die Idee, dass Herr Freundlich Mias Ängste trinken kann?

Ich habe normalerweise die Tendenz, tierische Figuren in meinen Romanen zu töten; vielleicht brauchte ich mal einen Companion für meine Hauptfigur, den ich nicht so leicht aus dem Weg schaffen kann, nur weil er mir gerade mal Angst macht? :)

Welche Künstler, Bands und Alben waren dein Soundtrack für die Arbeit an diesem Roman?

Ich höre tatsächlich viel Rock, aber nicht unbedingt beim Schreiben – die Songtexte lenken mich oft zu sehr von meinen eigenen Worten ab. Während »Nevernight« entstand, habe ich vor allem einen italienischen Pianisten namens Ludovico Einaudi gehört. Er ist phantastisch. Umwerfende, wunderbare, düstere, herrliche Musik. Ohne ihn hätte ich das Buch nicht schreiben können. Die wichtigsten Tracks waren wohl »Primavera«, »Divernire« und vor allem »Eros« (das für mich sozusagen Mias musikalisches Thema ist). Aber während des Brainstormings höre ich gerne jede Menge harter Sounds. Bands wie Bring Me The Horizon, Tool, Karnivool und Type O Negative haben »Nevernight« besonders beeinflusst.

Eine letzte Frage noch: Was sollen deine Leser aus »Nevernight« mitnehmen, während wir auf den zweiten Band warten?

Weiche nie zurück. Fürchte dich nie. Und vergiss niemals.

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