Eine kurze Geschichte der Fantasy, Teil 6

ESSAY

Eine kurze Geschichte der Fantasy, Teil 6


Farah Mendlesohn & Edward James
07.08.2017

Im sechsten Kapitel erleben wir das Aufkommen eines ersten Fantasy-Booms, bestaunen die weitläufigen Welten von Katherine Kurtz und Andre Norton, ziehen mit Elric von Melniboné in die Schlacht und stoßen mit Joan Aiken gar in die Gefilde der Mainstream-Literatur vor.

***

Sechstes Kapitel | Die 1960er Jahre

Zu Beginn der 1960er war nicht augenscheinlich, dass ein Boom bevorstand. Das lag zum Großteil daran, dass es im Vertrieb der Fantasy zwei Trennlinien gab, die das Genre spalteten. Die erste war geographischer Natur. In den 1960ern waren die Importkosten für Bücher sowohl in die Vereinigten Staaten als auch nach Großbritannien so hoch, dass die beiden Märkte mehr oder weniger unabhängig voneinander operierten (und dies sollte bis zur Umgestaltung und Internationalisierung vieler Verlagshäuser und dem Zeitalter Amazons auch so bleiben). Viele Bücher, die wir in diesem Kapitel besprechen werden, kamen aus Großbritannien und entfalteten ihren Einfluss in den Vereinigten Staaten mindestens zehn Jahre später. Es erschienen weitaus mehr US-amerikanische Bücher in britischen Ausgaben als umgekehrt. Für Schriftsteller, die für Zeitschriften schreiben wollten, erwiesen sich allein schon das Porto für den internationalen Versand sowie die Kosten für die verschickten Kopien, die unausweichlich nicht zurückgesendet wurden, als ähnlich unerschwinglich. Dies begünstigte die Blüte britischer Fantasy, die von heimischen Autoren abhängig war.

Die zweite Spaltung des Marktes fand zwischen der Fantasy für Erwachsene und der für Kinder statt. Die 1960er waren geradezu ein goldenes Zeitalter für die Fantasy im Kinderbuch, aber ob zufällig oder nicht, kam sie genau zu dem Zeitpunkt auf, als »das Kinderbuch« verstärkt zur verkaufsträchtigen Kategorie wurde. Gleichzeitig wurde immer öfter behauptet, Fantasy sei an und für sich etwas für Kinder, wodurch der Begriff »erwachsene Fantasy«, der später in diesem Jahrzehnt aufkam (und durch Ballantine Books und Michael Moorcocks Zeit bei New Worlds repräsentiert wird), möglicherweise erst entstand. Um die Sache noch etwas komplizierter zu machen, kam Ende der 1960er die Young-Adult-Literatur auf, eine Gattung, die in dieser Zeit ausgesprochen realistisch war und die Fantasy zu ebenjener Zeit ablehnte, als diese als Literatur für Kinder große Fortschritte machte.

Das vielleicht wichtigste Veröffentlichungsereignis der 1960er, vor allem hinsichtlich der langfristigen Entwicklungen auf dem Fantasy-Markt, war das Erscheinen von Der Herr der Ringe als Taschenbuch. In Amerika wurde Der Herr der Ringe zunächst als nicht-autorisierte Ausgabe 1965 bei Ace herausgegeben, dann kam später im selben Jahr die offizielle Ausgabe von Ballantine Books heraus.

Ian und Betty Ballantine waren langjährige Science-Fiction-Verleger, aber der Erfolg von Tolkien im Taschenbuch regte sie dazu an, auch Fantasy im Taschenbuch zu bringen. Nach Tolkien machten sie mit Nachdrucken von E. R. Eddison, Mervyn Peak und David Lindsay weiter und starteten dann 1969 die Reihe Ballantine Adult Fantasy, die durch den Nachdruck etlicher jener Klassiker der Fantasy, die im ersten und zweiten Kapitel angesprochen wurden, die Vorstellung von Fantasy als Genre in den Köpfen der lesenden Öffentlichkeit etablierte. Zwischen Mai 1969 und April 1974 brachten sie 65 Fantasy-Titel heraus, von denen 63 Titel Nachdrucke waren und die übrigen die beiden ersten Bände einer neuen, mittelalterlich anmutenden Fantasy-Serie von Katherine Kurtz, Das Geschlecht der Magier (1970) und Die Zauberfürsten (1972), mit denen wir uns im nächsten Kapitel befassen werden. Die Reihe von Ballantine trug dazu bei, dass ernsthafte Kritiker sich der Fantsy widmeten, und schuf außerdem eine kollektive Geschichte für das Genre. Fantasy-Fans konnten nun erörtern, was Fantasy überhaupt war, und neue Autoren älteren Traditionen zuordnen. Von den Büchern des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die wir angesprochen haben, wurden die wichtigsten alle in dieser Reihe nachgedruckt.

Eine der bedeutendsten Fantasy-Autorinnen der 1960er war Andre Norton, die aus der Science Fiction und dem Jugendbuch zur Fantasy für Erwachsene überwechselte. Damit nahm Norton einen breiteren Trend vorweg, den wir im Kapitel über die 1970er näher beleuchten werden, da in dieser Zeit eine ganze Reihe von SF-Autoren in die Fantasy abwanderte. In den 1950ern und frühen 1960ern war Andre Norton eine der produktivsten Schriftstellerinnen von SF für Jugendliche gewesen, hatte dort Robert A. Heinlein als den beliebtesten Autor abgelöst und behauptet einen Großteil dieser Beliebtheit bis zum heutigen Tag. In den 1950ern hatte Norton ein wenig Fantasy geschrieben, zum Beispiel Huon of the Horn (1951), die Nacherzählung eines mittelalterlichen Romans, aber 1963 veröffentlichte sie den ersten Teil einer Serie, die langlebig und äußerst beliebt werden sollte und in der sogenannten »Hexenwelt« spielte. Der erste Band »Gefangene der Dämonen« (1963; dt. in Hexenwelt) ist in ein Science-Fiction-Paradigma eingebettet: Der Protagonist ist ein Engländer namens Simon Tregarth, der durch einen alten Steinbogen in Cornwall auf einen Planeten namens Hexenwelt befördert wird und die Hexen von Estcarp trifft, die mit besonderen Edelsteinen ihre Kräfte verstärken. Er verteidigt den Planeten gegen eine Invasion durch die außerirdischen Kolder, deren überlegene Technologie ihnen eine Art Gedankenkontrolle gestattet. Die außerirdischen Kolder treten jedoch sehr früh in der Serie ab, Tregarth wird integriert, und etliche Geschichten handeln von seiner neuen Familie und der matriarchalischen Gesellschaft von Estcarp, die von den Hexen beherrscht wird. Von da an liest sich die Reihe ausschließlich wie Fantasy.

Die Beliebtheit der Hexenwelt-Bücher gründete sich zum Teil auf die Sehnsucht der neuen Tolkien-Fans nach weiterem Lesestoff mit Fantasy-Welten in einer einigermaßen öden Verlagslandschaft. In den 1960ern schrieb Andre Norton sechs Hexenwelt-Romane; schmale Bände mit etwa jeweils 150 Seiten, die zusammen beinahe so lang sind wie Der Herr der Ringe und eine ausgedehnte Welt voller Tiefe bieten. In Nortons Werk vermischen sich verschiedene Gattungen: Vordergründig sind es Sword & Sorcery-Bücher mit wenig Technologie und den üblichen muskelbepackten Kriegern, aber körperliche Gewalt löst nur selten einen Konflikt und steht bei den Erzählungen mit ihrer deskriptiven Sprache nicht im Fokus. Konflikte werden hier fast ausnahmslos durch die gewissenhafte Anwendung von Magie gelöst, und Frauen haben in der Hexenwelt nahezu das Monopol auf magische Kräfte. Starke Frauenfiguren waren in der Fantasy zu jener Zeit ziemlich ungewöhnlich, und die Bücher stehen – auch wenn sie manchmal ein wenig hölzern sind – bei den Lesern aus diesem Grund noch immer hoch im Kurs. Darüber hinaus stellen die Bücher eine klassische Reaktion der 1960er auf die damaligen politischen Schwerpunkte dar. Sie befassen sich auf vielfältige Art und Weise mit dem Thema Intoleranz, vielleicht am unvergesslichsten in der Behandlung, die man Werwölfen und anderen Gestaltwandlern angedeihen lässt. Norton schrieb bis in die 1990er hinein weiter an den Hexenwelt-Büchern und legte darüber hinaus den Grundstein für ein Modell, das Marion Zimmer Bradley fortsetzte – sie lud zu Anthologien mit Fan-Geschichten ein, die in ihrem Universum spielten.

Wie bereits zu Anfang des Kapitels angedeutet, nahm die Entwicklung der Fantasy in Großbritannien und den USA einen sehr unterschiedlichen Verlauf. In Großbritannien war die wichtigste Entwicklung vermutlich das Debüt von Michael Moorcock als Fantasyautor und Hauptakteur dessen, was man später British New Wave nannte (auch wenn einige der Beteiligten in London lebende Amerikaner und Kanadier waren). Moorcocks erste bedeutende Fantasy-Veröffentlichung war eine Novelle namens »The Dreaming City«, die 1961 im Magazin Science Fantasy erschien. Die Geschichte führte die Figur Elric ein, den 428. König von Melniboné. Elric lebt in einer ziemlich typischen Fantasy-Welt, die mit Dämonen und Drachen ausgestattet ist, aber obwohl das stark nach Tolkien klingt (besonders hinsichtlich des Unheils, das durch ein mächtiges Artefakt angerichtet wird), ist Elric eine bewusste Antithese zu früheren Fantasy-Helden. Er ist ein nervenschwacher Albino, der aus eigener Kraft niemals zum Helden werden würde. Seine Macht – und der eigentliche Reiz der Geschichten – entsteht aus der Verbindung mit seinem Schwert Sturmbringer. Wenn Elric sein Schwert in die Hand nimmt, durchfließen ihn gleichermaßen Energie als auch Blutdurst: Sturmbringer ernährt sich von den Seelen seiner Opfer. Bis zu einem sehr späten Zeitpunkt seines Lebens dient Elric, um sein Schwert zu füttern, den dämonischen Herren des Chaos. Die Elric-Geschichten wurden nicht chronologisch verfasst, und noch dreißig Jahre später wurden Erzählungen eingefügt. Außerdem ist Elric in Comics, Rollenspielen und auf den Alben der Rockband Hawkwind zu finden, mit der Moorcock zusammenarbeitete.

Moorcock wurde sehr stark von Tolkien beeinflusst, jedoch eher im Sinne der Ablehnung: Das, was er »Tolkiens tröstlichen Konservatismus« nannte, war ihm zuwider. Die Elric-Serie bringt verschlüsselt etliche Kritikpunkte an der Fantasy zur Sprache, die Moorcock in Wizardry and Wild Romance (1987) äußerte. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass gerade Moorcocks Werk, obwohl er damit sowohl das Sword & Sorcery-Genre als auch die von Tolkien festgelegten moralischen Themen untergraben wollte, zur Zielscheibe von Terry Pratchetts Humor in den frühen Scheibenwelt-Romanen der 1980er wurde.

Moorcock war während der 1960er und 1970er äußerst produktiv – viele seine Sachen waren eilig heruntergeschrieben, wurden erst an Science Fantasy verkauft und kamen dann auf den schnell wachsenden Taschenbuchmarkt. Für diesen schuf Moorcock eine Reihe von subversiven Fantasy-Helden wie etwa Dorian Hawkmoon, Corum und einen Helden mit vielen Namensvarianten, der meist als Jerry Cornelius bezeichnet wird. Wenn Moorcock als Vielschreiber begann, wie wurde er dann zu einem der wichtigsten Schriftsteller des Genres, mit einem Ruf, der seit über vierzig Jahren Bestand hat? Zum Teil liegt dies an der bloßen Quantität, aber ebenso an der Art und Weise, wie er seine Protagonisten im Konzept des »Ewigen Helden« miteinander verband, bei dem alle Hauptfiguren zu Manifestationen derselben Figur werden und Campbells Begriff vom Heros in tausend Gestalten (aus dem Buch ebendieses Titels) in einen phantastischen Mythos verwandeln. Eines der bekanntesten Bücher aus dieser Serie ist Zeitnomaden (1982), dessen Protagonist, ein erwachsener Oswald Bastable, eine Hommage an Edith Nesbit darstellt.

Moorcocks eindrucksvollste Prosa entstand zum Großteil in den 1970ern: Am Ende der Zeit (1972-78) wird eher der Science Fiction zugeordnet, ist aber in einer weit entfernten Zukunft angesiedelt, einem Nachkommen von Vances Sterbender Erde, und spielt mit den Grenzregionen zwischen Science Fiction und Fantasy. Moorcocks bekannteste für sich stehende Romane sind Gloriana (1978), das an einem phantastischen elisabethanischen Hof spielt und starke Anleihen bei Edmund Spenser und Peake nimmt, sowie Mother London (1988), eine zeitgenössische Fantasy, die ihre Figuren im Nachkriegs-London ansiedelt. All diese Werke sind, wie wohl offensichtlich ist, von einem enorm metakritischen Ansatz gekennzeichnet – der Autor beeindruckt umso stärker, je mehr der Leser mit ihm in das Genre eintaucht. Moorcocks Vertiefung in das Genre resultierte sowohl aus seinem kritischen Interesse als auch aus seiner Rolle als Herausgeber in den 1960ern.

1964 wurde Moorcock Herausgeber von New Worlds, eine Stellung, die er bis 1971 innehielt, auch wenn er nicht jede einzelne Ausgabe betreute. Unter John Carnell war New Worlds ein Science-Fiction-Magazin gewesen, das sich nicht von seinen US-amerikanischen Konkurrenten unterschied, von der Publikation ehrgeiziger junger britischer Autoren wie etwa Aldiss, J. G. Ballard und anderen einmal abgesehen. Moorcocks New Worlds legte keinen größeren Schwerpunkt auf Fantasy an sich, stellte jedoch experimentelle Schreibweisen, Sprachgewandtheit und die Unzufriedenheit mit bestimmten Aspekten der Science Fiction und Fantasy der 1950er stärker heraus, darunter den bedingungslosen Glauben an die menschliche Erfindungsgabe und einen gewissen sexuellen Puritanismus. Moorcock bot Schriftstellern wie etwa Samuel R. Delany, Thomas M. Disch, Pamela Zoline, Harlan Ellison und später M. John Harrison und Christopher Priest (zwei Schriftsteller, die von den 1980ern an in der britischen Fantasy an vorderster Front standen) eine Plattform. Die Werke dieser Schriftsteller wurden unter dem Label Science Fiction präsentiert, können jedoch häufig als Fantasy aufgefasst werden. Was diese Schriftsteller, die zusammen als New Wave bekannt sind, vereinte, war das Gefühl für die Durchlässigkeit einer Rabelaisschen Welt: Wie in den Elric-Geschichten waren die Universen, die diese Schriftsteller ersannen, von Chaos geprägt.

Moorcock war ein polemischer Herausgeber, aber seine Vision war stärker als das Produkt, das daraus hervorging. Die fiktionalen Inhalte von New Worlds entstammten größtenteils der Science Fiction und sind damit hier im Grunde nicht von Belang, aber die Rezensionen von New Worlds hatten einen überproportionalen Einfluss auf die britische SF und Fantasy. Hier definierten Moorcock, Harrison und John Clute die Kritik innerhalb dieses Genres neu und legten etliche der Herausforderungen fest, an denen sich spätere Fantasy-Autoren messen mussten. Im nächsten Kapitel werden wir sehen, wie beispielweise M. John Harrison eine Fantasy anstrebte, die den tröstlichen Konservatismus untergraben sollte, den sowohl er als auch Moorcock verabscheuten.

Als Carnells Magazin New Worlds von Moorcock übernommen wurde, tat Kyril Bonfiglioli das Gleiche mit dem Schwestermagazin Science Fantasy, das zwei Jahre später zu Impulse wurde. Einer der Herausgeber dieser Zeitschrift war der Schriftsteller Keith Roberts, der seine Laufbahn mit seinen Erzählungen über die junge Hexe Anita in Science Fantasy begonnen hatte. Doch seine größte Leistung war eine Folge von Kurzgeschichten für Impulse, die zu dem Roman Pavane (1968) zusammengefasst wurden. Auf den ersten Blick liest dieser sich wie eine gewöhnliche Alternativweltgeschichte, die einige Kritiker als Science Fiction klassifizieren würden. Er spielt in einer Welt des 20. Jahrhunderts, aus der der Protestantismus nach dem Tod von Elisabeth I. verbannt wurde. Aber neben dem Katholizismus gab es darin Spuren einer mythischen Vergangenheit, wie zum Beispiel Dryaden. In Die Kreideriesen (1974) und Gráinne (1987) befasste Roberts sich noch stärker mit diesem Konzept uralter Mächte, die in einer modernen Welt überlebt haben, wie es auch Robert Holdstock in seiner Mythago-Serie tun sollte, die ab 1984 erschien.

Während die Fantasy für Erwachsene erst allmählich wieder auf die Beine kam, erlebte die Fantasy für Kinder einen Höhepunkt nach dem anderen. Bei den Kinderbuchautoren, die in den 1960ern bekannt wurden, gibt es kein erkennbares Muster. Fantasy für Kinder zu schreiben, galt nach wie vor nicht als Berufung, und einige herausragende Schriftsteller schufen eine oder zwei Fantasy-Geschichten innerhalb eines sehr viel größeren Werks. Penelope Farmers Charlotte Sometimes (1969), die dritte Fantasy-Geschichte über Charlotte Makepeace, ist eine Zeitreise-Fantasy, in der Charlotte an eine moderne Internatsschule kommt und dort den Platz mit Clare tauscht, die die Schule 1918 besucht hat. Clare begegnen wir niemals, und die beiden Mädchen kommunizieren mittels schriftlicher Nachrichten. Norton Juster, ein US-amerikanischer Schriftsteller, veröffentlichte 1961 Milos ganz und gar unmögliche Reise, eine Portal-Fantasy, in der ein Junge namens Milo in eine phantastische und abstruse Welt gelangt, das Königreich der Weisheit, das von Wortspielen und Metaphern durchzogen ist. Die beiden Hauptstädte sind die miteinander im Krieg stehenden Städte Diktionopolis und Digitopolis, die Sprache und Mathematik repräsentieren. Dodie Smith hatte bereits 1956 mit Hundertundein Dalmatiner einen Hit gelandet, einer Tiergeschichte, in der zwei Dalmatiner sich aufmachen, ihre entführten Welpen zu retten. Wenn man davon absieht, dass wir die Hunde verstehen können, war an diesem Buch nichts Phantastisches. Der Folgeband The Starlight Barking (1967) beginnt mit dem Erwachen der beiden Hauptfiguren (Pongo und Missis), die feststellen, dass alle Menschen und Tiere mit Ausnahme der Hunde schlafen. Mittels Telepathie werden sie von ihrer jüngsten Tochter, die beim Premierminister lebt, nach London gerufen und reisen per Telekinese dorthin. In dieser Nacht besucht sie der Stern Sirius und wünscht sich, dass alle Hunde der Erde zu ihm kommen, um seine Einsamkeit zu lindern.

Susan Cooper, deren Werk zum Großteil in den 1970ern entstand, veröffentlichte 1965 Bevor die Flut kommt, eine ziemlich blutleere Gralssuche, in der sich drei Geschwister in einem Seebad unter Führung einer Merlin-Figur auf eine geheimnisvolle Suche begeben. Die vier nachfolgenden Bände, beginnend mit Wintersonnenwende (1974), sind sehr eindrucksvoll, und wir würden niemandem raten, die Serie mit dem ersten Band zu beginnen. William Mayne war möglicherweise einer von Großbritanniens wichtigsten Kinderbuchautoren, der vor allem realistische Geschichten schrieb. Doch sein Buch Earthfasts (1966) wird als klassischer Fantasy-Roman betrachtet: Zwei Jungen hören unter einem Hügel in der Nähe ihrer Häuser Trommeln, und Nelly Jack John, ein Trommler aus dem 18. Jahrhundert, marschiert aus dem Hügel heraus und in das 20. Jahrhundert. Nach seiner Rückkehr lässt er eine Kerze zurück, die seltsame Kräfte besitzt und einen der Jungen in Schwierigkeiten bringt. Rosemary Harris begann ihre Schriftstellerkarriere mit einer Trilogie, deren erster Band Wolken vor dem Mond (1968) ist und dessen Grundlage die Geschichte der Sintflut bildet. Ihr späteres Werk setzt sich sowohl aus Nicht-Phantastischem als auch aus Science Fiction zusammen.

Elizabeth Beresfords The Wombles erschien 1968. Die Wombles leben auf dem Wimbledon Common; es sind kleine, pelzige Wesen, die sich vor Menschen verstecken, aber menschlichen Abfall für ihre Zwecke wiederverwerten. Eine ihrer eindrücklichsten Eigenschaften ist, dass sie sich nach Orten auf Landkarten benennen und daher Namen wie Bulgaria, Tobermory und Orinoco tragen. Das Buch und seine Nachfolger waren in Großbritannien sehr beliebt, aber wirklich erfolgreich wurden sie in den 1970ern nach ihrer Adaption fürs Fernsehen (1974-1975) – kurzen, fünfminütigen Sendungen, die am Ende des Kinderprogramms von BBC1 ausgestrahlt wurden. Auf demselben Sendeplatz lief auch ein Import aus Frankreich namens Das Zauberkarussell (Großbritannien, 1965-1977). Diese Stop-Motion-Animation spielte in einem Park und enthielt eine Anzahl nicht menschlicher Figuren, darunter Dougal den Hund, Brian die Schnecke, Dylan den Hasen und zwei weitere Figuren, das Menschenmädchen Florence und Zebedee, eine merkwürdige außerirdische Kreatur auf einer Sprungfeder. Erstaunlich an dieser Sendung war, dass sie nicht aus dem Französischen synchronisiert wurde – stattdessen schrieb der englische Erzähler Eric Thompson seine eigenen Dialogbücher, die voller Anspielungen auf britische Politik und bewusstseinserweiternde Drogen waren (auch wenn Letzteres umstritten ist). Auf der anderen Seite des Atlantiks demonstrierte Maurice Sendak, ein Autor und Illustrator für ganz kleine Kinder, die Macht des Phantastischen in Bilderbüchern. Er war seit den 1950ern als Illustrator tätig, wurde aber erst mit Wo die wilden Kerle wohnen (1963) international berühmt. In diesem Buch wird die Phantasie des Kindes Max dargestellt, als wäre sie real, und als er ohne Abendessen zu Bett geschickt wird, nimmt Max uns mit auf eine Insel mit echten Ungeheuern, wo wir uns einem wilden Spektakel anschließen und Max zum König der Ungeheuer wird.

Neben den oben besprochenen Autoren gab es außerdem eine Reihe von Schriftstellern, die im Laufe einer langen Karriere Fantasy für Kinder verfassten. Alan Garner begann seine Laufbahn mit der Alderley-Serie, die in jenem Teil von Cheshire spielt, in dem er aufgewachsen war, und wohin er zurückkehrte, nachdem er am Ende seines ersten Studienjahres in Oxford die Universität verließ. Sowohl in Feuerfrost (1960) als auch in Der Mond von Gomrath (1963) begegnen Colin und Susan Gestalten aus verschiedenen mythologischen Vergangenheiten, darunter aus dem Artus-Zyklus. Im ersten Buch bergen sie Feuerfrost, ein Juwel, das es hundertvierzig Artus-Rittern ermöglicht, weiterhin unter dem Hügel zu schlafen, während im zweiten Buch ein böser Geist von Susan Besitz ergreift und die Wilde Jagd in die Welt eindringt. In Garners drittem Roman, Elidor (1965), finden sich ebenfalls Analogien zum Artus-Zyklus; er spielt jedoch größtenteils in einer Parallelwelt, deren Eingang in einer verlassenen Kirche in Manchester liegt. Der letzte Roman von Garner in den 1960ern ist Eulenzauber (1967), der zum Großteil im gegenwärtigen Wales angesiedelt ist und sich aus dem mittelalterlichen walisischen Geschichtenzyklus Mabinogion speist. Eulenzauber ist eine Geschichte vom Wiederaufleben der Liebe und einem Muster, das aus der Vergangenheit rührt: Eine Gestalt aus der walisischen Legende, die in einem Porzellanteller mit Eulenmustern eingeschlossen ist, sucht drei junge Leute aus der Gegenwart heim. Die Geschichten nach Eulenzauber sind weniger klassisch phantastisch (Rotverschiebung [1973] ist ein Zeitreise-Roman), mit Ausnahme von Strandloper (1996) wurden sie aber auch regionaler. Garner war zunehmend von Cheshire und seinem Dialekt als alternative Grundlage für das Phantastische fasziniert. In den zusammenhängenden Erzählungen, die 1983 als The Stone Book Quartet vorgelegt wurden, erkundet er die Macht des Dialekts und der Magie in der Geologie von Cheshire. In jüngster Zeit fand dieses Interesse in Thursbitch (2003) seinen Höhepunkt, einem Roman, der in zwei verschiedenen Zeiten spielt, einerseits im 18. Jahrhundert und andererseits in der Gegenwart, und sich mit den Überbleibseln der römischen Bullenverehrung befasst. Der Roman ist beinahe komplett im Cheshire-Dialekt geschrieben, womit er die einer ungewohnten (und verachteten) Sprache innewohnende Kraft nutzt, um ein Gefühl der Phantastik zu schaffen, und den Leser mit der Infragestellung der vorgegebenen Sprache konfrontiert. Wie sich aus dieser Aussage entnehmen lässt, gehörte Alan Garner in den 1990er Jahren zu den interessanteren jener Kritiker der Fantasy für Kinder, die sich auch selbst als Autoren des Genres betätigten (siehe The Voice that Thunders, 1997).

Ein weiterer Autor, der sich für keltische Fantasy-Traditionen und Legenden interessierte, die stärker mit dem Ländlichen verbunden waren als der Artus-Mythos, war Lloyd Alexander, ein US-amerikanischer Schriftsteller, der während des Zweiten Weltkrieges vorübergehend in Wales gedient hatte. Dieser kurze Zeitabschnitt hatte einen gewaltigen Einfluss auf ihn, und die Bücher, die zusammen The Chronicles of Prydain ergeben, haben ihre Wurzeln eindeutig sowohl in den walisischen Legenden des Mabinogion als auch in den Landschaften jener Region. Im ersten Roman, Das Buch der drei (1964), macht sich Taran, ein Hilfsschweinehirte, auf die Suche nach seinem Orakelschwein, das vom gehörnten König entführt wurde. Auch wenn das Buch viele bewegende Augenblicke enthält, ist es recht eindeutig ein Kinderbuch, und vergnüglich sind oft die anderen Figuren: Eilonwy, die Prinzessin mit dem rotgoldenen Haar und dem wilden Temperament; Fflewddur Fflam, ein Barde, dessen Harfensaiten immer reißen, wenn er übertreibt; und Gurgi, ein nicht ganz menschliches Wesen auf der verzweifelten Suche nach dem Edlen in seinem Inneren. Auf den ersten Blick wirken sie stereotyp, aber Eilonwy, die meistens gegen Taran arbeitet, ist eine der ersten wahrhaft funkelnden Fantasy-Heldinnen, und Fllewddur erweist sich als Mensch von unerwartetem Mut. Die späteren Bücher sind düsterer. In Der schwarze Kessel (1965) lösen sich Tarans Vorstellungen von Heldentum allmählich auf, als er entdeckt, wie sehr alles Heldentum vom Kontext abhängig ist, und dass Opfer wirklich wehtun. In Die Prinzessin von Llyr (1966) muss Eilonwy sich zwischen verschiedenen Arten der Macht entscheiden (auf eine Art und Weise, die moderne feministische Leser und Leserinnen erzürnt), und in Der Fürst des Todes (1968) erfolgt ein finaler Angriff auf den König der Toten, bei dem Taran und seine Gefährten bis an ihre Grenzen getrieben werden. Erst als alle Hoffnung gewichen ist und einige seiner engsten Freunde gestorben sind, wird Taran zum Hochkönig erhoben und in einer Szene, die an das Ende von Der Herr der Ringe erinnert, mit dem Schwinden der Magie konfrontiert. Im Großen und Ganzen sind diese Romane deutlich von Tolkien beeinflusst, doch das vierte Buch der Serie, das wir noch nicht erwähnt haben, ist ganz anders. In Der Spiegel von Llunet (1967) macht sich Taran auf, um seine Abstammung zu ergründen. Er hofft, sich als Adliger zu erweisen, um somit der Prinzessin Eilonwy einen Antrag machen zu können. Die Handlung verläuft nicht ganz so, wie man es erwarten würde. Taran bekommt das Angebot, von einem König adoptiert zu werden, und weist es zurück; er rettet das Leben eines Schäfers, der fälschlicherweise behauptet, sein Vater zu sein; er gibt seine Suche auf und geht stattdessen dreimal bei verschiedenen Handwerkern aus dem Volk der Freien Commots in die Lehre. Entgegen der klassischen Fantasy-Tradition erweist sich Taran bei den Handwerkskünsten, die er erlernt (Schmiedekunst, Webkunst, Töpferkunst), als lediglich mittelmäßig begabt. Am Ende des Buches findet Taran tatsächlich heraus, wer ist: Er ist Taran, der Wanderer.

Die Autorin Madeleine L'Engle ist eine der wenigen Autorinnen in der Tradition von George MacDonald. Sie glaubte an die universelle Liebe Gottes, weswegen ihre Bücher aus einigen christlichen Buchhandlungen verbannt wurden. Ihre Science Fantasy ist eindeutig von ihrem Glauben geprägt, aber beim Lesen ihrer bekanntesten Bücher kann man diese Tatsache völlig außer Acht lassen. Die ersten drei Kairos-Bücher – Die Zeitfalte (1962), Der Riss im Raum (1974) und Durch Zeit und Raum (1978) – sind Science-Fantasy-Romane. Im ersten werden Meg Murry, ihr recht zerbrechlicher Bruder Charles Wallace und eine Bekanntschaft aus der Highschool, Calvin O'Keefe, von Mrs Whatsit, Mrs Who und Mrs Which mit Hilfe eines Tesserakts durch die Galaxis transportiert, um eine dunkle Wolke abzuwehren, die in der sehr binären Philosophie dieser Bücher das Böse selbst ist. Sie retten außerdem Megs Vater von einem anderen Planeten und finden heraus, dass Mrs Whatsit die Reinkarnation eines explodierten Sternes ist. In den folgenden Büchern verteidigt Meg die Galaxis gegen die Echthroi, die diese durch Un-Benennung vernichten wollen. In Durch Zeit und Raum verändert Charles Wallace die Vergangenheit, um den Diktator eines lateinamerikanischen Landes durch sein mögliches Selbst, das entstanden wäre, wenn sein Vorfahr jemand anderen geheiratet hätte, zu ersetzen. In einer solchen Zusammenfassung klingen die Bücher nach Science Fiction, doch diese Lesart erweist sich als Missgriff. Um auf George MacDonald zurückzukommen, könnte man sagen, L'Engle schreibt in einem Universum, das zum Lied Gottes schwingt. Wie in Lewis' Werk sind die Sterne lebendige, moralische Wesen, und der Dimensionsraum ist eher ein theologisches Konzept denn ein astronomisches. Die Bücher haben überdauert, wobei sie jedoch für die heutige Leserschaft unter dem Manko der recht eingeschränkten Ziele Megs, deren Rolle sich von der Tochter zur Schwester, Freundin und Frau wandelt, leiden.

Zwei Schriftsteller, die in den 1960ern als Fantasy-Autoren begannen und sich im Lauf der nächsten drei Jahrzehnte von einem Höhepunkt zum nächsten bewegten, sind Joan Aiken und Roald Dahl. Beide kann man als Schriftsteller betrachten, die das Skurrile neu definiert haben, indem sie seine abstoßenden Aspekte eliminierten und ein trockenes, schelmisches Element hinzufügten. Joan Aiken ist bekannt als Autorin von Gothic Novels für Erwachsene, als Fantasy-Autorin für Kinder und als Autorin herausragender Kurzgeschichten. Unter ihren Gothic Novels finden sich Castle Barebane (1946) und eine Sammlung von zusammenhängenden Geschichten namens Der Geist von Lamb House (1981). Weit bekannter sind ihre Romane für Kinder, deren erster Wölfe ums Schloss (1963) war. Dieser Roman erzählt von einem alternativen England, in dem die Stuart-Dynastie Bestand und James III 1832 den Thron bestiegen hat. Großbritannien ist von hannoveranischen Verschwörern durchsetzt. Im ersten Buch verlieren zwei Kinder durch eine böse Gouvernante ihr Zuhause, und ein Junge namens Simon hilft ihnen dabei, aus dem Waisenhaus zu fliehen und ihr Heim wieder für sich zu beanspruchen. In Verschwörung auf Schloss Battersea (1964) gerät Simon unter die Hannoveraner und entdeckt, dass er Erbe eines Fürstentums ist. In einem abgelegenen Winkel der Handlung versteckt sich jedoch Dido Twite, das Kind eines der Verschwörer. In den weiteren zehn Büchern folgen wir dann Dido Twites Abenteuern. Die Handlung wird dabei immer haarsträubender und phantastischer, denn die Bösewichte greifen auf Nantucket auf Superwaffen zurück und stehlen in Peru einen See. Neben den als Dido Twite-Serie bezeichneten Büchern gibt es noch weitere Serien, darunter die Arabel and Mortimer-Serie, von denen etliche im Kinderfernsehen (Jackanory) der 1970er vorgelesen wurden, und die Felix-Trilogie, die 1978 mit Geh, zügle den Sturm begann. Aiken schrieb auch einen Schauerroman mit dem Titel Mitternacht ist ein Ort (1974), der in derselben Welt wie die Dido Twite-Serie spielt und durch eine Verfilmung, die auf ITV gesendet wurde, einem breiteren Publikum bekannt wurde. Trotz der Popularität dieser Bücher hatte Aiken jedoch als Kurzgeschichtenautorin den größten Einfluss auf andere Fantasy-Autoren.

Einen Abriss über Aikens Kurzgeschichten zu geben, ist äußerst schwierig. Es gibt über zwanzig Sammelbände, in denen die Geschichten nachgedruckt wurden, und der Leser kann nicht davon ausgehen, dass zwei Sammlungen desselben Titels, von denen die eine in Großbritannien und die andere in den USA erschien, dieselben Geschichten enthalten. Im St James Guide to Fantasy Writers (dritte Auflage, 1996, S. 11) teilt Edward James ihre Geschichten in drei Typen ein: Märchen traditioneller Art, Geschichten des »magischen Realismus«, in denen Magie zum Alltag gehört, und Geistergeschichten. Ein klassisches Märchen von Aiken ist »The Rose of Puddlefrattrum« (1972). Eine Ballerina rutscht auf einer unter Rosenblüten verborgenen Bananenschale aus, bricht sich das Bein und verflucht das Ballett, das fortan verhext ist, bis es von einbeinigen Tänzerinnen aufgeführt wird: Der »Feenfluch« wird aufgehoben, als Roboter das Ballett übernehmen. Geistergeschichten von Aiken können gleichzeitig düster und tröstlich sein. In »Humblepuppy« (1972) wird ein Geister-Welpe in einer Kiste mit Restposten von einer Auktion gefunden. Der Welpe bleibt unsichtbar, macht sich jedoch durch Winseln und das Zusammenzucken unter einem eingebildeten Schlag bemerkbar. Nachdem sie sich einige Monate lang um den Welpen gekümmert hat, lässt die Familie ihn bei ihrem Aufbruch zum Sommerurlaub bei einem Vikar zurück und stellt bei der Rückkehr fest, dass der Welpe seine Zuneigung auf diesen verlagert und zugleich an Selbstvertrauen gewonnen hat. Die Erzählung folgt exakt dem »Befrieden der Geister« aus klassischen Geistergeschichten, ist jedoch voller Zärtlichkeit. »Humblepuppy« ist außerdem ein Beispiel einer Technik, die Aiken als eine der ersten anwandte, indem sie die Magie zum wesentlichen Teil einer ansonsten völlig vertrauten Szenerie machte und damit eine Art alternatives 50er-Jahre-Setting schuf. Viele von Aikens Geschichten sind in alltäglichem Tonfall erzählt, bei dem die Magie teilweise deswegen so spannend ist, weil sie sich als so gewöhnlich präsentiert. Aiken konnte jedoch auch in einem eindrucksvolleren Stil schreiben. »A Harp of Fishbones« (1960) erzählt von einem jungen Mädchen, das als Waise aufwächst und mit einem Müller an einem Fluss lebt. Hin und wieder findet sich Gold im Fluss. Eines Tages weist ein Karpfen das Mädchen an, ihn zu töten, zu essen und aus seinen Gräten eine Harfe machen. Anschließend folgt sie dem Fluss und stößt auf eine ehemals mächtige Stadt, in der alle Menschen zu Stein geworden sind; sie kehren ins Leben zurück, als das Mädchen die Harfe spielt, und sie stellt fest, dass sie die Prinzessin einer Stadt ist und einst eine Göttin erzürnte, weil sie für Gold entbrannte und die religiösen Pflichten vernachlässigte. Diese Geschichte ist weitaus moralischer als Aikens sonstiges Werk, und sie sticht auch durch die Zartheit und Eindringlichkeit der Beschreibung hervor.

Roald Dahls schriftstellerische Laufbahn begann in den späten 1940ern, vor allem mit Kurzgeschichten für Erwachsene, von denen etliche 1979 als Tales of the Unexpected für das Fernsehen verfilmt wurden. Sein erstes Kinderbuch The Gremlins (1943) fand nur wenige Leser, aber 1961 erschien James und der Riesenpfirsich, in dem James in einem riesigen Pfirsich vor seinen grausamen Tanten flieht und mit den im Pfirsich lebenden Insekten den Atlantik überquert. 1964 veröffentlichte er Charlie und die Schokoladenfabrik und im Lauf der nächsten zwanzig Jahre unter anderem Charlie und der große gläserne Fahrstuhl (1972), Sophiechen und der Riese (1982), Hexen hexen (1983) und Matilda (1988). Nach Ansicht von John Clute gehören diese Werke wegen ihrer leicht absurden Anmutung des Wunderlands, in dem sie spielen, nicht wirklich zur Fantasy. In den Büchern um Charlie gelangt dieser aus einer gewöhnlichen, von Armut gebeutelten Welt in ein Schlaraffenland, wo Süßigkeiten auf Bäumen wachsen. In Sophiechen und der Riese erblickt Sophie den guten Riesen, der gute Träume fängt und diese dann den Kindern schickt. Sophie und der Riese machen sich auf, um die anderen Riesen zu besiegen, die die Kinder fressen wollen. Die Erzählung entwickelt sich zu einem Abenteuer, an dem auch die Queen, der König von Schweden und der Sultan von Bagdad teilhaben. Das Buch behält jedoch die kindliche Anmutung von Dahls Texten bei; so gehört etwa zu den Strafen, die über die Riesen verhängt werden, das Verzehren schrecklich schmeckender Kotzgurken. In Hexen hexen entdecken zwei Kinder eine Hexenorganisation, deren Ziel die Eliminierung von Kinden ist, während in Matilda eine lesefreudige Fünfjährige sich gegen ihre indifferenten Eltern und ihre böse Schulleiterin durchsetzt und sich mit der wunderbaren jungen Lehrerin Miss Honey anfreundet. Matilda entdeckt, dass sie über telekinetische Kräfte verfügt, und setzt diese ein, um der Schulleiterin (und Tante von Miss Honey) einen Schrecken einzujagen. Dahls Werk ist reizvoll aufgrund der Macht, die er Kindern verleiht, und es setzt Phantastik ein, um die Absurditäten der Erwachsenenwelt hervorzuheben. Besonders Matilda hat bei der Darstellung der Erwachsenen starke Bezüge zu Alice. Charlie und die Schokoladenfabrik jedoch wurde trotz einiger Versuche, die Oompa-Loompas umzuschreiben, den Vorwurf des Rassismus niemals ganz los. Obwohl ihre Farbe mehrmals verändert wurde, von schwarzen Pygmäen zu rosarot-weißhäutigen Zwergen bis hin zu orangehäutigen Wesen mit grünem Haar (in der Verfilmung von 1971) und in der Filmversion von 2005 wieder zurück zur braunhäutigen Ausgabe, kann man letzten Endes nicht ignorieren, dass sie die Fabrik nicht verlassen dürfen und mit Kakaobohnen bezahlt werden. Des Weiteren wurden Dahls Mädchenfiguren in den 1980ern zwar wehrhafter und zeigten mehr Eigeninitiative, ihnen steht jedoch, den erwachsenen Vorbildern in den Büchern folgend, eine Zukunft als Heilige oder Hexe bevor. Nichtsdestotrotz gehören diese Bücher mit zur besten Fantasy, die je für Kinder geschrieben wurde.

In der Welt der Fantasy für Erwachsene konnte das Skurrile in der amerikanischen Szene seine Stellung halten. George Seldens Die Abenteuer der Grille Chester (1960) erzählt von einer musikalisch begabten Grille, die von Connecticut nach New York City reist und sich dort mit einem kleinen Jungen anfreundet, dessen Eltern einen Zeitungsstand betreiben. Diese Tiergeschichte klingt nach einem Kinderbuch und gewann in der Tat den Newbery Honor Award, war jedoch mit seinem neunmalklugen Tonfall bei Erwachsenen sehr erfolgreich und fügt sich in die Tradition der erfolgreichen Bücher, die sich in der amerikanischen Belletristik großer Beliebtheit erfreuen. Eine der besten Geschichten in der skurrilen Phantastik ist Peter Beagles He! Rebeck! (1960), einen Roman, den er mit gerade einmal neunzehn Jahren schrieb. Es ist die empfindsame Geschichte über einen Mannes, der auf einem Friedhof lebt, über zwei frisch eingezogene Geister und eine einsame, ältere Frau. Das Buch wirft viele Fragen über Leben und Tod auf, und bemerkenswerterweise wirkt der Friedhof weitaus weniger bedrohlich als die »wirkliche Welt« vor seinen Toren. 1968 ließ Beagle Das letzte Einhorn (1968) folgen, in dem ein Einhorn, das glaubt, es sei womöglich das letzte seiner Art, sich auf die Suche nach Artgenossen macht. Das Buch bedient sich einer Märchenstruktur, in der die Begegnungen des Einhorns als Gesellschaftssatire und Kommentar sowohl auf das Leben wie auch auf die Phantastik an sich fungieren. Das letzte Einhorn kann als erste der aufkommenden Gegenerzählungen zum nahenden Tolkien-Tsunami gesehen werden, denn es stellt bereits die Prämissen der Questen-Struktur infrage. Ebenfalls mit dem Skurrilen arbeitete Richard Brautigan, dessen Gegenkultur-Werke Ein konfödertierter General aus Big Sur (1947), Forellenfischen in Amerika (1967) und In Wassermelonen Zucker (1968) skurril bis an die Grenze zum Surrealen sind. John Bellairs, der später vor allem für seine Kinderbücher bekannt wurde, schrieb damals Das Gesicht im Eis (1969), in dem Prospero (aber nicht Shakespeares Prospero) und Roger Bacon nach einem Ursprung des Bösen suchen. Der Roman ist eine schelmenhafte »Armband«-Fantasy (bei der man jedes Abenteuer weglassen oder ein anderes hinzufügen könnte, ohne den Erzählverlauf zu stören) und endet damit, dass Prospero einen anderen Zauberer in einer anderen Welt findet, der seinen und Bacons Feind für sie besiegen kann. Es ist die Zufälligkeit ihrer Abenteuer, durch die sich dieses Buch von der Questen-Tradition unterscheidet: Es gibt keinen moralischen Nutzen und kein Gefühl der persönlichen Entwicklung. Und schließlich ist in dieser Kategorie noch Russell Hobans The Mouse and His Child (1967) erwähnenswert, das als Klassiker des Kinderbuchs gilt, obwohl es unserer Erfahrung nach trotz seiner Beliebtheit bei Eltern und Kritikern von Kindern nicht sehr geschätzt wird. Es handelt von zwei automatischen Mäusen, Vater und Sohn; nachdem sie verkauft wurden, vermisst die Kindermaus seine Freunde im Spielzeugladen, und die beiden brechen zu einer Reise auf, in deren Verlauf sie sowohl bedrohliche als auch freundliche Begegnungen erleben. Das Buch steckt voller philosophischer Erörterungen, und die schonungslosen Beschreibungen der Härten des Lebens macht es zu einem Werk der späten 1960er Jahre, einem Vetter der bitteren Reflexionen des Krieges und der Ungerechtigkeiten, von denen die Literatur zum Ende jenes Jahrzehnts geprägt war.

Über die Serie "Eine kurze Geschichte der Fantasy"

Fantasy ist, obwohl Literaturkritiker wie Akademiker dies gerne ausblenden, das einfluss- und erfolgreichste Genre des 21. Jahrhunderts. Einige der frühsten Bücher unserer Kultur, darunter das Gilgamesch-Epos und die Odyssee, handeln von Ungeheuern, Wundern, phantastischen Reisen und Magie. Gegenwärtig reicht das Spektrum der Fantasy von weltweit rezipierten mehrbändigen Serien bis zu anspruchsvollsten Nischenpublikationen.

Die vorliegende Einführung stellt das Genre in den Zusammenhang der euröpäischen Literatur, erzählt seine Geschichte von den Anfängen bis zu den Highlights der modernen Fantasy im 21. Jahrhundert und widmet sich in ihren Hauptkapiteln der Zeit seit Tolkiens Herr der Ringe, vom Fantasy-Boom der 70er und 80er Jahre über den Erfolg der Harry Potter-Serie bis hin zu aktuellen Entwicklungen.


---

Deutsch von Simone Heller

 

© 2012 by Libri Publishing

Erstveröffentlichung 2009 in der Middlesex University Press

Die erweiterte Ausgabe erschien 2012 bei Libri Publishing

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2017 by Golkonda Verlag GmbH

Mit freundlicher Genehmigung von AutorInnen und Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten



Farah Mendlesohn
hat − unter anderem − mit Rhetorics of Fantasy eines der klügsten Bücher über ein Genre verfasst, das von Akademikern nur selten mit dem nötigen Ernst und den nötigen Kenntnissen behandelt wird. Zu ihrer Internetseite geht es hier.

 

Edward James ist − unter anderem − der Herausgeber des maßgeblichen Cambridge Companion to Fantasy Literature, eines Handbuchs, in dem sich Schriftsteller, Kritiker und Akademiker auf allerhöchstem Niveau mit den unterschiedlichsten Aspekten des Genres befassen. Im Internet ist er hier vertreten. 

Share:   Facebook