Seth Dickinson: Die geheime Struktur hinter Die Verräterin - Das Imperium der Masken

ESSAY

Warum ich über mächtige Geschichten schreibe (von Autor Seth Dickinson)


Seth Dickinson
04.07.2017

Autor Seth Dickinson hat mit seinem Debütroman „Die Verräterin“ eine grandiose politische Fantasy geschaffen, die vor allem durch einzigartige Figuren und einen besonderen Ansatz überzeugt. In diesem Essay schreibt er über sein Hauptanliegen: mächtige Narrative zu hinterfragen.

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Vor einigen Monaten habe ich einen langen Essay über meine Ziele in Die Verräterin verkauft - zum einen künstlerische Ziele, ja, aber auch menschliche. Über meine Hoffnungen, was das Buch erreichen könnte.

Ich habe diesen Essay zurückgezogen, bevor er veröffentlicht wurde, da ich das Gefühl hatte, das Buch solle für sich selbst sprechen.

Autor zu sein bringt eine seltsam bedeutungslose Bürde mit sich. Zeitweise muss man so tun als wäre man keiner. Leser könnten ein Buch nicht diskutieren, wenn sie dieses Buch als Mensch betrachten würden. Es gibt da also diese Grenze, die wir zwischen dem Autor, dem Text und dem Publikum ziehen müssen, eine Grenze aus Unpersönlichkeit und Distanz.

Wenn du nichts darüber wissen möchtest, was mir durch den Kopf ging, als ich dieses Buch geschrieben habe, kehre jetzt um; lies nicht weiter.

Falls doch, habe ich hier einige der zentralen Punkte herausgearbeitet.

Das Buch muss unterhalten

Das Buch muss in handwerklicher Hinsicht erfolgreich sein. Es muss eine stringente Geschichte erzählen. Alles andere ist unwichtig.

Wenn du nur eine tolle Geschichte lesen möchtest, kannst du an dieser Stelle abbrechen! Nichts, was weiter unten steht, wird für dich von Bedeutung sein. Dieser Roman wurde geschrieben, um als rasanter, emotional packender Thriller zu funktionieren. Es liegt an dir, zu entscheiden, ob ihm das gelingt.

Wenn niemand dein Buch liest, kann es auch niemanden außer dir selbst verändern. Das gilt nicht nur für Bücher, sondern für alles! Wenn du die Politik verändern willst, musst du ein effektiver Politiker sein. Wenn du die Welt verändern willst, benötigst du Macht. Wenn du reden möchtest, musst du die Menschen überzeugen, dir zuzuhören.

Wie viele deiner Überzeugungen bist du bereit zu opfern, um effektiv zu sein?

Im Buch geht es um den schmalen Grat zwischen Subversion und Komplizenschaft

Junot Diaz schreibt, »der größte Trick der weißen Vorherrschaft sei es gewesen, die Menschen davon zu überzeugen, dass sie immer in anderen Menschen existiert hätte, doch nie in uns.«

Die Verräterin ist ein Roman genau darüber: die Trennlinie zwischen Subversion und Komplizenschaft.

Die großen Mächte konfrontieren die junge Baru Kormoran mit einer Geschichte darüber, wer sie ist und wer sie werden muss. Baru tritt ihr bei und versucht, sie von innen heraus zu verändern. Doch mit diesem Prozess riskiert sie, selbst verändert zu werden.

Kann Baru die Geschichten umsetzen, die man ihr gegeben hat, ohne von ihnen verschlungen zu werden? Kann sie diese Narrative unterlaufen, um sie zu besiegen?

Ich glaube an den Tod des Autors. Das ist mein Leseverständnis des Buches. Das ist nicht unbedingt richtiger oder bedeutungsvoller als dein Verständnis.

Hier die drei Geschichten, denen sich Baru stellen muss ...

Das Buch spricht zur Welt

... doch reden wir zunächst über die Macht von Geschichten. Der menschliche Verstand ist ein kognitiver Geizhals. Er hasst es, zu denken, weil dieser Prozess wirklich kostspielig ist. Also benutzen wir Geschichten, um Fakten zu sortieren. Sie versorgen uns mit kognitiven Schemata und verändern unsere Modelle vom Verhalten des Universums.

Über viele Jahre habe ich den Einfluss der Hautfarbe bei Schießereien der Polizei studiert. Ich habe Reaktionstracker bedient, die im Bereich von Millisekunden operieren; habe Daten untersucht, die aus den Aufzeichnungen von Augenreaktionen entstanden sind; und habe in einem Labor gearbeitet, das sich auf der Jagd nach neuralen Zusammenhängen auf direkte Einflüsse durch die Hautfarbe/Rasse [1] befand: nicht die unverblümten, bewussten Vorurteile, die wir hegen, sondern die automatischen, unbewussten Assoziationen, mit denen wir alle infiziert sind.

Wir konnten darin die Kulturgeschichte sehen, die schwarze Amerikaner mit Gewalt in Verbindung bringt. Wir konnten sie in den Daten der Reaktionszeiten sehen, in den Augenbewegungen und in den elektrischen Mustern im Gehirn. Wir konnten sehen, wie es sich veränderte, wenn jemand den Abzug betätigte.

Wir konnten sehen, wie diese Geschichte Menschen tötet.

Es steckt in uns allen. Tief in den automatisierten Teilsystemen unseres Gehirns, den evolutionären Schichten, die unser Bewusstsein unterstützen und formen. Dort unten gibt es Arten zu lernen, zu denen man keinen Zugang findet, die man nicht überschreiben kann, und sie lernen vom bloßen Input, sie werden von einfachen Emotionen genährt, und sie sagen: Ich habe diese beiden Sachen zusammen gesehen, also sind sie miteinander verbunden. Ich habe diese Menschen in Verbindung mit dieser Angst gesehen, also sind sie eins.

Diese Systeme entscheiden zum Beispiel, wie nah wir uns neben Menschen mit anderer Hautfarbe setzen. Sie verändern unsere Mikrogesichtsausdrücke innerhalb des Bruchteils einer Sekunde zu Feindseligkeit und Ekel. Sie geben den entscheidenden Anstoß, wenn wir uns zwischen zwei Kandidaten für eine Stelle entscheiden. Wir alle sind also infiziert.

Woher kommen diese Geschichten? Wie lernen wir sie? Wie erhalten sie Macht über uns, obwohl wir sie mit unserem wachen Verstand ablehnen?

Deshalb habe ich mich entschieden, über das Problem von mächtigen Geschichten zu schreiben. Sie funktionieren. Unsere Welt ist voll von ihnen, und sie verbreiten sich immer weiter.

Wir müssen sie infrage stellen.

Ein weiterer Grund, warum ich über diese Geschichten schreibe

In den letzten Jahren gab es im Internet eine Debatte darüber, wer ProtagonistIn in unseren Erzählungen sein darf. In einigen Geschichten, so heißt es, sei es unrealistisch, wenn bestimmte Arten von Menschen die Hauptrolle übernehmen würden - weil sie mit zu viel Unterdrückung konfrontiert wären, um als interessante Figur zu agieren. Frauen in einem beliebigen mittelalterlichen Setting wären zum Beispiel auf die Rolle als »Hausfrau« oder »Prostituierten« beschränkt. Menschen, die keine weiße Hautfarbe haben, könnten als Fremde angesehen werden, oder einfach als nicht vorhanden, gelöscht aus den demografischen Statistiken. Homosexuelle Figuren würden niemals auftauchen (da viele Autoren nicht ausreichend Recherche auf dem Gebiet des relativ jungen Konstrukts des modernen Geschlechts betrieben haben) oder schreckliche Strafen erhalten.

Doch diese Argumente halten einem Faktencheck nicht stand. Sie sind historisch inakkurat, und, was noch wichtiger ist: historische Genauigkeit ist nicht immer unser Ziel.

Aber nehmen wir an hier gäbe es eine Welt, die für diejenigen, die nicht Teil der kleinen Machtelite sind, die absolute Hölle ist. Dann kann man immer noch über eine Figur schreiben, die in der Machtstruktur ganz unten steht, die augenscheinlich keine Chance hat, und diese trotzdem überzeugend gestalten! Du hast schließlich die Macht! Du verschließt die Augen vor den großen Geschichten, die du erzählen könntest.

In diesem Sinne ist Die Verräterin eine Infiltrationsmission. Baru muss die archetyptische Dark-Fantasy-Narration betreten, um sie von innen heraus zu revolutionieren.

Diesen drei Geschichten stellt sich Baru

Dies sind die Bösewichte der Geschichte, und die Geschichten dieser Bösewichte.

  • Geschlecht ist Biologie. (In einem feudalen Machtspiel dienen Frauen als Preise, nicht als Oberhäupter oder Führer.)
  • Rasse ist ein Schicksal. (Wenn die Kolonisatoren eintreffen, werden die armen, einfachen Menschen einfach kolonisiert und überwältigt.)
  • Gleichgeschlechtliche Beziehungen sind verdammt. (In einer homophoben Welt leiden homosexuelle Menschen und sterben.)

Diese Geschichten haben in unserer Realität Macht. In einem Roman werden sie dadurch zu einem heiklen Thema, denn ein Fehltritt kann wirklichen Schaden anrichten. Das erlegt dem Autor die Bürde auf, zu erklären: Warum treten diese Narrative auch in einer fantastischen Sekundärwelt auf? Schließlich sind sie auf der Erde weder universell noch ewig.

Wenn ich auch nur eine dieser Geschichten aufgreife, muss ich sie alle aufgreifen, denn sie stehen im Zusammenhang. (Man bezeichnet dies oft als Intersektionalität - und es ist von entscheidender Bedeutung.)

Diese Narrative werden im Buch von der Maskerade verwirklicht, einer hegemonialen Macht, die anstrebt ihre Bürger nach einem ideologischen Plan zu kontrollieren und spezialisieren, den sie als Inkrastizismus bezeichnen. Die Maskerade lechzt nach einer geordneten und friedlichen Welt. Sie stellen sich dabei sehr clever an. Ihr schlimmster Trick ist der Einsatz von psychologischer Konditionierung, sowohl auf einer individuellen als auch einer gesellschaftlichen Ebene, um ihre Subjekte vom Gehorsam zu überzeugen.

Um Baru zu einer nützlichen Bürgerin zu machen, hofft die Maskerade, einen Zustand der erlernten Hilflosigkeit kreieren zu können: Ganz gleich, was du tust, am Ende dient es immer ihren Zwecken. Akzeptiere deinen Platz.

Um diese Hilflosigkeit beizubringen, zwingt die Maskerade ihre Bürger dazu, Narrative so lange nachzustellen, bis sie ihre Lektion gelernt haben.

Dem muss sich auch Baru stellen. Auf Taranoke sieht sie sich den eintreffenden Kolonisatoren mit ihren Rassendoktrinen gegenüber. In Aurdwynn muss sie ihre Rolle im feudalen Machtspiel einnehmen. In der Feste Ellipsis muss sie gegen den Drachen der tragischen gleichgeschlechtlichen Geschichte ankämpfen, der dominierenden Narrative über ihr eigenes Glück und ihre Zukunft. Jede dieser Geschichten berichtet von einer Frau wie Baru, die traditionell keine Macht oder Mittel besitzt, und doch entscheidet sie sich jedes Mal dafür, sie nicht abzulehnen, sondern ein Schlupfloch zu finden, um sie zu überstehen.

(Kleine Anmerkung: Die ersten beiden Kapitel des Buchs sind so konstruiert, dass sie rasch jeden dieser Aspekte ansprechen, damit die Leser, die sich nicht damit auseinandersetzen wollen, einen Rückzieher machen können. Die Kolonisatoren treffen ein, kümmern sich schnell darum, Sexualität zu kontrollieren, und lassen Barus Vater Salm verschwinden.)

Fazit

In einem Interview, das mich über Jahre nicht mehr losließ, schrieb Junot Díaz:

»... in den Werken von zum Beispiel Toni Morrison oder Octavia Butler wird uns die furchtbare, schonungslose Wahrheit darüber gezeigt, wie tief wir in unserer Unterdrückung verankert sind. Oder, um es anders zu sagen: wie unauflösbar unsere Identitäten an jene Regime gefesselt sind, die uns einsperren. Diese Schwestern beschreiben nicht nur das düstere Labyrinth der Macht, in dem wir uns als neokoloniale Subjekte befinden, sondern heben auch hervor, dass wir sowohl Theseus als auch den Minotaurus in diesem alptraumhaften Drama spielen.«

Und das ist alles, was man wissen muss, wirklich: dieser zentrale Konflikt des Buches ist der Versuch der Maskerade, Baru in die Komplizenschaft zu konditionieren, während Tain Hu in die andere Richtung zieht (und ha, es gäbe so viel zu Tain Hu zu sagen, aber ich versuche, mich zu beherrschen.)

Diese Konditionierung wirkt auch auf die Leser. Was passiert am Ende des Buches? Wird Baru triumphieren oder besiegt werden? Hat sie die gesamte Maschinerie der Maskerade untergraben, indem sie ihre Geschichten übernommen hat, oder wurde sie zur Komplizin, indem sie sie selbst ausgeführt hat?

Dies zu entscheiden, liegt an dir.

Aber vergiss nicht den Trick, den die Maskerade bei ihren Gefangenen anwendet: Erlaube ihnen, zu entkommen und zerschmetter ihre Hoffnungen in dem Moment, in dem sie die Freiheit willkommen heißen. Wiederhole und wiederhole das so lange, bis der Gefangene sich weigert, zu fliehen, wenn ihm die Möglichkeit geboten wird. Das ist der Plan der Maskerade für Baru, und das hofft die Maskerade, auch dem Leser anzutun: Erkennst du die Geschichte? Siehst du, wie sie sich wiederholt, immer und immer wieder? Sie ist jetzt in dir drin. Ist Teil von dir. Wir haben sie dir buchstäblich ins Gehirn eingraviert. Es besteht keine Hoffnung, sich je von ihr befreien zu können.

Das ist es, was kulturelle Narrative - wie jene drei, die ich beschrieben habe - mit uns machen. Auf einer bestimmten Ebene fangen wir an, sie zu glauben, auch wenn wir sie bewusst ablehnen. Sie haben noch immer Macht. Also:

Gibt es noch Hoffnung? Kann Baru gewinnen?

Das sind schwierige Fragen, vielleicht sogar die schwierigsten. Aber es sind die Fragen, die auch in unserem Leben Raum einnehmen. Jeden Tag müssen wir entscheiden, was wir bereit sind, aufzugeben, um zu überleben. Nehmen wir ein Leben in einem Staat hin, der Attentate auf seine eigenen Bürger verübt, uns aber Frieden und Sicherheit bietet? Fahren wir mit unserem Auto, obwohl wir wissen, wie viel wir damit zur Umweltverschmutzung beitragen? Beteiligen wir uns (erneut) an einem globalen System der Ausbeutung und Ungerechtigkeit, wenn es uns dafür mit billigen Waren und einem Job versorgt?

Wir tun diese Dinge, weil wir es müssen. Die Alternative wäre es, ineffektiv zu werden.

Doch nicht immer merken wir, wie uns diese Entscheidungen verändern.

Das also sind meine Geheimnisse. Ich habe das Buch nicht geschrieben, um diese Dinge zu sagen, aber ich habe es mit ihnen im Hinterkopf geschrieben. Ob das gelungen ist, musst du entscheiden.


[1] Anm. d. Übers.: Dickinson verwendet im Original den Begriff »race« dessen Nutzung im Deutschen so nicht mehr üblich ist, da es inzwischen zum wissenschaftlichen Kanon gehört, dass es bei Menschen keine unterschiedlichen Rassen gibt. Bei uns benutzt man eher den Begriff Hautfarbe, um Dickinsons Argumentation im Weiteren aber folgen zu können, in der er sich auf den Rassenbegriff aus der Zeit des Kolonialismus bezieht, wird auch in der deutschen Übersetzung der Begriff »Rasse« verwendet.


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Deutsch von Markus Mäurer

 

© 2015 Seth Dickinson

Zuerst erschienen auf www.sethdickinson.com

 

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