Eine kurze Geschichte der Fantasy

Frank B. Dicksee „La Belle Dame Sans Merci“ 1901

ESSAY

Eine kurze Geschichte der Fantasy, Teil 5


Farah Mendlesohn & Edward James
16.07.2017

Im fünften Kapitel lernen wir mit Mervyn Peake einen weiteren wirkmächtigen Klassiker kennen, Namen wie Michael Moorcock und Fritz Leiber flimmern an uns vorbei, bis uns dann mit Shirley Jackson eine Meisterin des Schauerromans und der modernen Schock-Geschichte begegnet.

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Fünftes Kapitel | Die 1950er Jahre

Die beiden wichtigsten Trends, die wir in diesem Kapitel behandeln werden, sind erstens die offensichtliche Dominanz des Skurrilen bei vielen Fantasy-Autoren dieses Zeitabschnitts und zweitens eine Art Anti-Trend, denn in dieser Zeit endet die Epoche, in der Autoren sowohl Science Fiction als auch Fantasy schrieben, ohne dass man diese Tatsache für bemerkenswert hielt.

In Mervyn Peakes Der junge Titus zeigt sich einer der beiden Haupttrends, die man unserer Ansicht nach in den 1950ern erkennen kann, einer Zeitspanne, in der sich die Fantasy-Literatur ansonsten nicht sonderlich weiterentwickelte. Das Skurrile ist eine Phantastik des Merkwürdigen und Abstrusen. Anders als in der »modernen Fantasy« gibt es hier notwendigerweise weder Kohärenz noch das Gefühl, dass die Welt einer moralischen Ordnung unterliegt. Im Skurrilen können die Ereignisse rein willkürlich erscheinen. Das Skurrile ist mitunter eine stimmungsvolle Erzählweise, muss es aber nicht sein. Oft weckt es beim Leser angenehme Gefühle: Erheiterung, Freude und manchmal bittersüße Wehmut. Das Skurrile kann jedoch auch düster sein.

Mevyn Peakes Der junge Titus (1946) und die Fortsetzungen Im Schloss (1950) und Der letzte Lord Groan (1959) stellten für die Kritiker der Phantastik (professionelle wie auch Fans) lange Zeit eine Herausforderung dar. Diese Romane muten ganz wie Fantasy an: Es gibt ein Schloss (namens Gormenghast), in dem merkwürdige Dinge vorgehen und das von grotesken Gestalten bewohnt wird; und zumindest in den ersten beiden Bänden scheint Gormenghast ziemlich wenig Bezug zu unserer eigenen Geographie und Geschichte zu haben. Es gibt jedoch keine Magie.

Mervyn Peake wurde 1911 als jüngster Sohn zweier Missionsärzte in China geboren. Dort verbrachte er den Großteil seiner Kindheit und zog 1923 zurück nach England, wo er sich 1929 an der Royal Academy of Art einschrieb. Während der 1930er Jahre machte Peake sich als Künstler und Illustrator einen Namen, und in neuerer Zeit wurden seine Illustrationen zu Texten wie Lewis Carrolls Die Jagd auf den Snark und Samuel Taylor Coleridges Die Ballade vom alten Seemann durch eine aktuelle Ausstellung, durch Nachdrucke und Erörterungen von Peakes Werk im gegenwärtigen Jahrhundert einem größeren Publikum bekannt. Peake begann in den frühen 1940er Jahren mit der Arbeit an Der junge Titus, wurde jedoch in die Armee eingezogen. Seine Bewerbung als Kriegskünstler wurde abgelehnt, aber nach einem Nervenzusammenbruch 1942 erhielt er eine Anstellung als Zeichner im Informationsministerium. Seine produktivste Zeit als Illustrator lag zwischen 1943 und 1948. Seine Kunst mutete skurril an, wurde dabei jedoch immer düsterer, und die Bilder, die Peake von Gormenghast anfertigte, sind eindeutig verstörend. Zwar sollte man einen einzelnen Vorfall nicht überbewerten, aber 1945 besuchte Peake im Auftrag einer Zeitschrift Frankreich und Deutschland und betrat als einer der ersten politischen Zivilisten das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Möglicherweise floss dieses Erlebnis in die vergleichsweise beiläufige Grausamkeit und die Schrecken ein, von der die Figuren im zweiten Buch Im Schloss heimgesucht werden.

Man kann die Gormenghast-Trilogie als ruritanische Romanze verstehen, eine opportunistische Erzählform, die sich im späten 19. Jahrhundert entwickelte, als eine Reihe von kleinen Fürstentümern auf dem Balkan an Aufmerksamkeit gewann, wo es offenbar noch jene Königs- und Adelshäuser gab, die im postrevolutionären Europa nicht mehr zu finden waren. Die ruritanische Romanze hat sowohl Bezüge zum historischen Roman als auch zu den Romanen über untergegangene Welten jener Zeit. Das Wort »ruritanisch« taucht erstmalig in Anthony Hopes ausgesprochen beliebtem Roman Der Gefangene von Zenda (1894) auf, ist inzwischen jedoch weithin im Gebrauch. Ruritanische Reiche sind Königreiche, die es nicht gibt und in denen daher alles geschehen kann. Ihre Beziehung zur Fantasy entsteht häufig durch den Einsatz märchenhafter Elemente; die klassische Variante ist der verlorene Prinz. Die Gormenghast-Trilogie greift den Großteil dieser Motive auf, jedoch in düsterer Form. Die Riten und der Pomp, die für das Ruritanien aus der Mitte des 19. Jahrhunderts typisch sind, werden in Der junge Titus absurd und bedrohlich.

Die ersten beiden Bücher der Trilogie, Der junge Titus und Im Schloss, erzählen die Geschichte der Familie Groan nach, vordergründig anhand des Erben der Grafschaft, Titus. Dieser kommt jedoch erst spät im ersten Roman zur Welt und tritt im zweiten über weite Teile gar nicht auf. Wenn es einen Protagonisten gibt, aus dessen Sicht erzählt wird, so ist es der widerwärtige junge Steerpike, zu Beginn ein Sklave, der aufsteigt, bis er die Familie beherrscht und schließlich zerstört. Anhand der Handlung lässt sich nicht verstehen, weshalb dieses Buch als Fantasy gelesen wurde. John Clute verweist auf das Schloss selbst als Hauptfigur und benutzt dabei den Begriff »Bauwerks-Fantasy« (edifice fantasy) für einen Text, in dem das Gebäude lebendig wirkt und eine körperliche und moralische Verbindung zu seinen Einwohnern zu haben scheint.[1] Hier finden wir einen der Hinweise auf die »Pfahlwurzeln« von Gormenghast, denn in diesem Zusammenhang ist einer seiner nächsten Verwandten Walpoles Das Schloss von Otranto. Wie Otranto ist Gormenghast eine Welt voller Omen und Prophezeiungen. Dass es häufig Steerpike ist, der »hilft«, diese Prophezeiungen eintreten zu lassen, tut ihren phantastischen Qualitäten keinen Abbruch. Der Leser begreift Gormenghast demnach als Fantasy, weil wir das Phantastische durch die Wechselbeziehungen zwischen diesem Text und seinen Vorläufern erkennen. Das führt zum zweiten Faktor, der Gormenghast als Fantasy konstituiert, und das ist seine Landschaft, die in der Sprache der Schauerliteratur beschrieben wird. In dem gewaltigen Gormenghast wirken die Menschen wie Zwerge, und vor diesem einschüchternden Hintergrund haben die Familie Groan und ihre Bediensteten, um die Illusion von Kontrolle zu schaffen, ein Regime strenger Rituale entwickelt, durch die die Protagonisten inzwischen ebenfalls winzig erscheinen. Die Gormenghast-Trilogie ist außerdem ein Schelmenroman, in dem selbst das Konzept eines moralischen, von Schicksal und Vorherbestimmung strukturierten Universums bis zum Zerreißen angespannt wird, was eindeutig auf Laurence Sternes Tristram Shandy zurückgeht, dessen Struktur die Gormenghast-Trilogie offenbar nachbildet.

Mervyn Peakes Modus des Skurrilen ist für diese Epoche ungewöhnlich düster. Charakteristischer sind Schriftsteller wie etwa Ray Bradbury, Lucy M. Boston, Fredric Brown, Eleanor Cameron, Edward Eager, Paul Gallico, Mary Norton, Barbara Sleigh, James Thurber, P. L. Travers und E. B. White, auch wenn jeder von ihnen ein anderes Publikum anspricht. An dem einen Ende der Skala findet sich Paul Gallicos Meine Freundin Jennie (1950), in dem ein kleiner Junge in eine Katze verwandelt wird und von Jennie, einer anderen Katze, lernt, wie man als Streuner überlebt. Ob man das Buch bezaubernd oder entsetzlich kitschig findet, hängt davon ab, wie viel Zucker man verträgt. Ganz ähnlich weckt auch E. B. Whites Wilbur und Charlotte (1952) über ein Schwein, dem eine Spinne das Leben rettet, ein erstaunliches Maß von Loyalität und Begeisterung bei seinen Fans (siehe auch Scott Westerfelds kürzlich erschienene Geschichte »Ass Hat Magic Spider«, 2008). Doch nicht alles Skurrile ist sentimental. Mary Nortons Borger-Bücher zeigen, angefangen mit Die Borger (1952), winzige Leute, die in einer Welt zurechtkommen müssen, die für viel größere Menschen gemacht ist. Die daraus resultierende Komik ist durch die Absurdität dieser Gegensätze ganz klar skurril, aber die Geschichten sind häufig ziemlich düster. P. L. Travers' Mary Poppins ist so, wie sie sich in den 1950ern entwickelte, geradezu furchterregend. Die Skurrilität dieser Bücher lässt das Kinderzimmer und die Straßen von London als ausgesprochen labile Gebilde erscheinen und als Orte, wo das Sichtbare und das öffentlich Eingestandene zwei völlig verschiedene Dinge sind. In späteren Büchern, wie etwa Mary Poppins im Park (1952), führt Travers eine Menge heidnischer Bilder ein, und zu den Abenteuern gehört ein Besuch bei Katzen auf einem anderen Planeten und eine merkwürdige Szene, in der die Kinder mit ihren eigenen Schatten tanzen. Eleanor Camerons Voyage to the Mushroom Planet (1954) und die Folgebände werden sowohl als Science Fiction als auch als Fantasy gelesen. Cameron schrieb den ersten Roman auf die Bitte ihres Sohnes hin, der sich ein Buch über Raumflüge wünschte, und das Buch handelt von zwei Jungen, die aus altem Blech und Holzabfall ein Raumschiff bauen. Sie bringen das Schiff zu Mr. Bass, einem Astronomen, der in einem geheimen Observatorium lebt. Dieser zeigt ihnen einen Planeten, den man nur durch einen besonderen Filter sehen kann, gibt ihnen einen speziellen Brennstoff für ihr Raumschiff und schickt sie auf eine Mission. In späteren Büchern wird enthüllt, das Mr. Bass ein Magier ist.

Ebenfalls auffällig ist die hohe Qualität der Kinderliteratur in diesem Zeitabschnitt. Einer der beliebtesten neuen Autoren war Edward Eager. Sein Roman Half Magic (1954), in dem jeweils nur die Hälfte eines Wunsches wahr wird, verbindet den Pragmatismus von Edith Nesbit mit der Gattung des Skurrilen. Die amerikanischen Kinder müssen in der Geschichte logisches Denken auf die Willkür der Magie anwenden. Philippa Pearces Als die Uhr dreizehn schlug (1958) ist ein Zeitverschiebungsroman, in dem Tom jeden Abend einen Garten betritt und, in unterschiedlichen Phasen ihres Lebens, Hattie begegnet, einem Mädchen aus dem 19. Jahrhundert. Der Roman ist von bittersüßer Melancholie durchzogen, die in Toms Erkenntnis gipfelt, dass die alte Vermieterin seine Kindheitsfreundin ist. Vielleicht eine der bekanntesten Kinderbuchautorinnen dieser Zeit ist Lucy M. Boston, eine Britin, die ihr erstes Buch mit über sechzig Jahren veröffentlichte. Der erste Band einer sechsteiligen Serie über das erfundene Anwesen Green Knowe trägt den Titel Die Kinder von Green Knowe (1954). Das Haus wird von den Geistern der Kinder bewohnt, die früher in dem Haus gelebt haben, aber eigentlich keine richtigen Geister sind, denn der Leser sieht sie aufwachsen. Die Zeit verläuft eher parallel als folgerichtig, und Tolly kann zwischen Türflügeln der Zeit hindurchschlüpfen. In erster Linie geht es in der Serie um Zugehörigkeit; das Haus wird als Beschützer und die Kinder als sein Daseinszweck hervorgehoben. Zwei weitere erwähnenswerte Kinderbuchautorinnen sind Elizabeth Marie Pope, deren historische Geistergeschichte The Sherwood Ring (1958) die Zeit überdauert hat, und Eleanor Farjeon, die besser als Lyrikerin bekannt ist.

Das Skurrile ist untrennbar mit einem spielerischen Zugang zur Sprache verbunden. James Thurbers Die 13 Uhren (1950) und Das geheimnisvolle O (1955) zeigen die Möglichkeiten auf, die sich aus diesem Zugang ergeben. In Die 13 Uhren verrennt sich ein Mann in das Problem der stehengebliebenen Uhren seines Schlosses, die zum Symbol seines Frevels werden, da ihn die Zeit zurückweist. Die Handlung ist unsinnig, aber die Sprache nimmt den Leser gefangen, und erst nach der Lektüre wird er sich der Ungereimtheiten bewusst. In Das geheimnisvolle O belegen Piraten den Gebrauch des Buchstaben O mit einem Bann, was Thurber abermals ein heiteres Spiel mit der Sprache erlaubt. Der König des Anarchistisch-Skurrilen ist schließlich Dr Seuss (Theodore Seuss Geisel). Dr Seuss hatte sich schon in den 1940ern mit Kindergedichten und kleinen Geschichten einen Ruf erworben, aber Der Kater mit Hut (1957), das mit einem vorher festgelegten, eingeschränkten Vokabular verfasst wurde, besiegelte seinen Ruf als einer der besten Kinderbuchautoren des 20. Jahrhunderts.

In Amerika, und in den Fantasy-Magazinen, waren die 1950er die letzte Periode der »Lohnschreiber«, also Autoren, die quer durch die Genres schrieben und oft mit bestimmten Zeitschriften oder Herausgebern identifiziert wurden anstatt mit der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Genre. Die Zeit der späten 1950er und die 1960er ist eine Epoche, in der sich Science Fiction und Fantasy mit ihren jeweiligen Fans langsam in zwei ganz unterschiedliche Richtungen entwickeln, auch wenn es (bei Ereignissen wie etwa den Hugo Awards) genug Hinweise darauf gibt, dass die Sprache jener Abgrenzung starrer ist als die Wirklichkeit. Bei dieser Entwicklung spielt auch eine Rolle, dass die 1950er zwar keine besonders dynamische Zeit für die Fantasy waren, allerdings von vielen als das goldene Zeitalter der Science Fiction betrachtet werden. Insbesondere kam zum ersten Mal die »Hard SF« auf, die in ideologischer Hinsicht weitaus gegensätzlicher zur Fantasy positioniert ist, als es bei den »wissenschaftlichen Abenteuergeschichten« der 1930er Jahre der Fall war. Die 1950er sind außerdem der letzte Zeitabschnitt, in dem das Science-Fiction-Magazin die vorherrschende Veröffentlichungsplattform des Genres war. Ab 1955 zog das Taschenbuch daran vorbei, und es sollte das primäre Veröffentlichungsformat bleiben, bis der Preis gebundener Bücher (im Vergleich zum Taschenbuch) in den 1990ern zu sinken begann.

Während eines Großteils der 1950er gab es keine Zeitschrift, die sich ausschließlich auf Fantasy spezialisierte: Weird Tales wurde 1954 eingestellt (um 1988 wieder neu aufzuleben). Ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der Fantasy war jedoch das Erscheinen zweier neuer Magazine: The Magazine of Fantasy and Science Fiction in den USA Ende 1949 und Science Fantasy in Großbritannien im Jahr 1950. Zwar wurde in beiden Zeitschriften sehr viel Science Fiction veröffentlicht, doch durch das Fehlen einer auf Fantasy spezialisierten Plattform wurden sie zum vorrangigen Markt für Autoren, die Fantasy verkaufen wollten. Science Fantasy, die es zwischen 1950 und 1966 auf 81 Ausgaben brachte, und zwar fast alle unter dem Herausgeber John Carnell, beheimatete verschiedene Spielarten der Fantasy, vor allem von britischen Autoren. Sowohl Brian Aldiss als auch J. G. Ballard veröffentlichten hier ihre ersten Kurzgeschichten, John Brunner war einer der wichtigsten Mitarbeiter, und Michael Moorcock entwickelte seine Elric-Serie, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, zunächst dort.

The Magazine of Fantasy und Science Fiction (das bis zum heutigen Tag ohne Unterbrechung in regelmäßigen Abständen erscheint) war die weitaus wichtigere der beiden Zeitschriften. Anthony Boucher, bis 1958 der Herausgeber von F&SF, war bestrebt, das literarische Niveau der Geschichten zu heben und veröffentlichte Autoren, die überhaupt nicht als Autoren des Genres bekannt waren, darunter Robert Graves, P. G. Wodehouse und Shirley Jackson.

Zunächst einmal verbannte Boucher »heroische« Fantasy im Stil von Robert E. Howard aus der Zeitschrift. Heroische Fantasy ist häufig episodisch; die Questen-Fantasy hingegen, die während der späten 1950er aufkam, als sich Tolkiens Werk verbreitete, war weitaus weniger zur Veröffentlichung in Fortsetzung in Zeitschriften geeignet, und wir werden dort im weiteren Verlauf des Jahrhunderts nur sehr wenig von dieser Gattung zu Gesicht bekommen, auch wenn sie (wie wir feststellen werden) im Taschenbuch eine Blüte erlebte. Stattdessen förderte Boucher die Horror-Literatur mit übernatürlichen Elementen sowie Geistergeschichten und verlegte sich sogar auf Nachdrucke alter Erzählungen von Autoren wie Lord Dunsany. In Großbritannien veröffentlichte Dennis Wheatley Bücher wie To the Devil – a Daughter (1953), und für den Beginn der 1960er Jahre kann man mit einiger Berechtigung behaupten, dass Belletristik mit übernatürlichem Hintergrund inzwischen die Fantasy dominierte.

Boucher übernahm einige Autoren von Weird Tales, darunter Ray Bradbury, begann aber auch neue Autoren zu drucken, von denen der vermutlich wichtigste Richard Matheson war. Richard Matheson verfasste eine große Zahl von Kurzgeschichten, von denen die meisten zur Science Fiction gehören. Er schrieb Echoes (1958), einen Roman über die übersinnlichen Rückstände eines Mordes; sein bekanntester Roman ist allerdings das dreimal verfilmte Ich bin Legende (1954).[2] Damit kommen wir jedoch zu einem entscheidenden Punkt: Ich bin Legende ist ein Vampirroman mit einer SF-Prämisse. In diesem Roman ist Vampirismus eine ansteckende Krankheit und somit alles andere als mysteriös. »Rationalisierte Fantasy« oder Science Fiction, die sich wie Fantasy anfühlte, war vielleicht eine der vorherrschenden »Gemütsverfassungen« dieser Zeit. Eine klassische Geschichte, die das beispielhaft zeigt, ist Jerome Bixbys »Schöner leben« (1953). Diese Geschichte wurde von den Science Fiction Writers of America (SFWA) zu den zwanzig besten Science-Fiction-Geschichten gewählt, die je geschrieben wurden, doch sie ist im Grunde eine Geschichte vom Übernatürlichen: Es geht um den dreijährigen Anthony, der über enorme Macht verfügt und die Welt nach Belieben verändern kann. Er hat seine Kleinstadt in ein Taschenuniversum überführt, in dem er seine kindlichen Wünsche an der Bevölkerung auslebt. Der Titel bezieht sich auf das Mantra, das die Stadtbewohner rezitieren, um Anthony gewogen zu stimmen. Wenn das nach einer Folge von Twilight Zone klingt, liegt das daran, dass es genau diese Art von Fantasy-SF-Horror-Crossover war, die die Grundlage für die Drehbücher der Fernsehserie lieferte. Bixbys »Schöner leben« wurde in der dritten Staffel der Serie adaptiert (1961-62) und dann noch einmal für einen Abschnitt des Kinofilms Twilight Zone, bei dem Joe Dante Regie führte (1983).

Wenn wir uns die großen Namen der US-amerikanischen Fantasy in den 1950ern ansehen, fällt erstens auf, wie eindeutig wir die meisten von ihnen inzwischen als Science-Fiction-Autoren begreifen, und außerdem, wie häufig ihre »Fantasy« mit Science-Fiction-Chiffren in Zusammenhang gebracht wird, wie zum Beispiel bei Schriftstellern wie etwa Poul Anderson, Ray Bradbury, Fredric Brown, Theodore Sturgeon und Jack Vance.

An Fredric Brown und Theodore Sturgeon erinnert man sich in erster Linie aufgrund ihrer bissigen (und häufig sehr lustigen) Science-Fiction-Kurzgeschichten. Fredric Brown veröffentlichte seine vermutlich denkwürdigsten Werke in den 1940ern, war aber in den 1950ern immer noch sehr aktiv, und einige seiner besten Geschichten aus Unknown kamen 1954 als Taschenbuch unter dem Titel Angels and Spaceships heraus. Die Verbreitung der Taschenbücher in den Drugstores verschaffte Schriftstellern wie Brown eine neue Leserschaft. Wie Brown in der Einleitung von Angels and Spaceships schreibt, kann der Fantasy stets eine der Science Fiction entsprechende Rationalität unterlegt werden. Er nennt als Beispiel die Geschichte des König Midas, die, fasst man sie als die Geschichte eines Griechen in New York auf, dem ein Außerirdischer die Macht verleiht, die molekulare Struktur von Materie durch Berührung zu verändern, eindeutig Science Fiction ist. In »Etaoin Shrdlu« erwirbt eine Zeilensetzmaschine Intelligenz, vermutlich durch den Eingriff Außerirdischer, während in »The Angelic Angelworm« die Tippfehler, die Charlie Wills' Leben ins Chaos stürzen (in einem Münzschrank erscheint eine »teal duck« (dt. Krickente) anstelle eines chinesischen Tael), die Folgen eines Fehlers im Büro des himmlischen Chef-Setzers sind. Die eine Geschichte ist Science Fiction, die andere dagegen Fantasy, aber mit etwas Einfallsreichtum hätte man auch jede der Geschichten im jeweils anderen Genre neu schreiben können. Wie Fredric Brown wurde auch Theodore Sturgeons Erzählungen im Taschenbuch neu aufgelegt, und seine Kurzgeschichten aus den späten 1940er Jahren zeigten deutlich, wo die Reise hinging. Seine »Monster-Horror-Geschichten« wie etwa »Es« (1948) und »Metempsychose« (1948) kann man sowohl als SF als auch als übernatürliche Belletristik interpretieren.

Bedeutender ist jedoch das Werk von Anderson, Bradbury und Vance. Poul Andersons Dreiherz (1953) war der erste Fortsetzungsroman in F&SF. Dreiherz ist eine »Science Fantasy«, die als SF codiert, aber mit der Stimme der Fantasy erzählt ist. Der dänische Held Holgar Carlsen wird, während er im Zweiten Weltkrieg im dänischen Widerstand kämpft, von einer Explosion erfasst. Beim Aufwachen findet er sich in einer mittelalterlichen Fantasy-Welt wieder, in der er Drachen und Werwölfe bekämpft und sogar Morgan le Fay begegnet. Anderson gibt mit diesem Roman aus der Sicht des 20. Jahrhunderts einen Kommentar zu einer mittelalterlichen Fantasy-Welt ab, ganz in der Tradition von Mark Twains Ein Yankee am Hofe König Artus (1889) – ein Buch, das ebenfalls wie Fantasy klingt, aber ganz eindeutig Science Fiction ist. 1954 ließ Anderson Das geborstene Schwert folgen, in dem er den Science-Fiction-Rahmen fallen ließ und eine Fantasy schrieb, die komplett in der Welt der englischen Dark Ages angesiedelt war (das man inzwischen als Frühmittelalter bezeichnet), allerdings eine Welt, die von Elfen, Trollen und Feen bewohnt wird. Der Erfolg des Buches nahm die Popularität der voll ausgestalteten Fantasy-Welten vorweg, die noch kommen sollten.

Jack Vance versuchte sich ebenfalls an Mittelalter-Fantasy, auch wenn seine Science-Fiction-Kulisse sich völlig von der Andersons unterschied. Die aufeinander aufbauenden Erzählungen, die als Die Sterbende Erde (1950) und in weiteren Sammlungen der 1960er und 1980er Jahre zusammengetragen wurden, spielen angeblich Millionen von Jahren in der Zukunft, in einer Welt, die Arthur C. Clarkes geflügeltes Wort veranschaulicht: »Jede weit genug entwickelte Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.«[3] Man sollte an dieser Stelle anmerken, dass nicht-phantastische, nach dem nuklearen Holocaust spielende, mittelalterlich anmutende Welten damals auch in der Science Fiction beliebt waren, am bekanntesten darunter John Wyndhams Wem gehört die Erde? (1955), in dem eine verödete Welt der Zukunft Mutanten mit der pseudo-magischen Macht der Telepathie (eines der beliebtesten Themen der SF in den 1950ern) hervorbringt, und Walter M. Miller Jr.s Lobgesang auf Leibowitz (1960). Die Trennung zwischen »richtiger« SF und »richtiger« Fantasy war, was Themen und Schauplätze anging, einigermaßen verschwommen. Vances Sterbende Erde wird von amoralischen Zauberern, monströsen Wesen (von denen einige vermutlich durch Magie geschaffen wurden) und merkwürdigen, offenbar übernatürlichen Mächten wie Chun dem Unvermeidbaren bewohnt. Es passiert nicht besonders viel, aber die pikaresken Begegnungen mit magischen oder ungeheuerlichen Wesen erinnern stark an den mittelalterlichen Artusroman. Der Großteil von Vances Veröffentlichungen zwischen 1950 bis heute ist strenggenommen Science Fiction, da die Handlung auf fremden Planeten stattfindet, aber viele davon (etwa Planet der Ausgestoßenen [1952]) vermitteln eine ähnliche Atmosphäre wie sein Zyklus von der Sterbenden Erde.

Ray Bradbury begann seine Laufbahn als Schriftsteller 1941, und während der 1940er erschien ein Großteil seines Werkes in Weird Tales, wo sein vorherrschender Tonfall das Makabre war, mit oder ohne übernatürlichen Elementen. Diese Erzälungen kamen 1947 gesammelt unter dem Titel Dark Carnival heraus. Als Schauplätze bevorzugte er kleine Städte im mittleren Westen. 1950 veröffentlichte Bradbury Die Mars-Chroniken, eine Folge von miteinander verknüpften Erzählungen, die von der Kolonialisierung und der letztendlichen Aufgabe des Mars berichten. Einige der Geschichten waren bereits früher erschienen, aber die Verbindung zwischen ihnen schuf den Text, an den sich die Leute erinnern. Die Kolonialisierung des Mars ist eindeutig ein Science-Fiction-Thema, aber Bradbury ignorierte, was zu jener Zeit über die Raumfahrt oder über den Planeten bekannt war; er überträgt das Kleinstadtleben im mittleren Westen mitsamt seinem Rassismus auf Percival Lowells Mars (ein imaginierter Mars aus dem 19. Jahrhundert mit Kanälen und einer Atmosphäre). Bradbury interessiert sich nicht für Technologie, sondern für den Alltag der Siedler. Abgesehen von seinem berühmten Roman Fahrenheit 451 (1953) war Bradburys Schaffen in den 1950ern beinahe zur Gänze entweder Weird Fiction oder Science Fiction mit einem Fantasy-Element (und alles davon Kurzgeschichten). In der Sammlung Der illustrierte Mann (1951) gehören die Erzählungen zwar allesamt zur Science Fiction, doch die Rahmenhandlung ist phantastisch: Die Tätowierungen eines Landstreichers erwachen zum Leben und erzählen eine Geschichte der Zukunft. Die abgerundetste Geschichtensammlung von Bradbury ist Die goldenen Äpfel der Sonne. In der ersten Ausgabe, die 1953 erschien, zeigt sich die Bandbreite seines Schaffens innerhalb der Fantasy. Von den Erzählungen aus den 1950er Jahren ist »Das Nebelhorn« eine Monstergeschichte, in der ein Ungeheuer vom Klang eines Nebelhorns an der einsamen Ostküste Amerikas angezogen wird; »Die Aprilhexe« erzählt von einem Mädchen, das in eine magische Familie hineingeboren wird und erfährt, dass sie ihre magischen Fähigkeiten verlieren wird, wenn sie einen Menschen heiratet. Sie übernimmt den Körper eines menschlichen Mädchens, um die Liebe eines menschlichen Mannes zu erkunden. »Der goldene Drachen und der silberne Wind« ist eine Allegorie auf das menschliche Verlangen nach Feindseligkeit, die in einem phantastischen China angesiedelt ist. Auch wenn die schiere Anzahl von Science-Fiction-Elementen Bradbury in den 1950ern mit der SF verbindet, betrachtete er sich selbst als Fantasy-Autor, der das Unmögliche schrieb. Für den Leser ist es der Tonfall seiner Werke und der seiner späteren Texte aus den 1960ern und 1970ern, die ihn rückwirkend mit der Fantasy der 1950er Jahre verbinden.

Da Boucher keine heroische Fantasy veröffentlichte und da sich die Fantasy in den Magazinen im Allgemeinen eher auf übernatürliche Phantastik konzentrierte, mussten sich die damaligen Fantasy-Autoren anpassen. Drei Schriftsteller, die ihre Laufbahn in den 1950ern fortsetzten, wenn auch in anderer Form, waren L. Sprague de Camp, Fletcher Pratt und Fritz Leiber.

In dieser Zeit begann L. Sprague de Camp, der in den 1940ern Am Kreuzweg der Welten konzipiert hatte, »Planetary Romances« im Stil von Edgar Rice Burroughs' Mars-Romanen zu schreiben. Planetary Romance ist ein Subgenre der Science Fiction, das eng mit der Fantasy verbunden ist, in dem Sinne, dass die Kulturen auf den beschriebenen Planeten sehr häufig vorindustriell sind: Die pseudo-mittelalterliche Kriegsführung mit Pfeil und Bogen und Schwertern erinnert häufig an mittelalterlich anmutende Fantasy, aber innerhalb dieses Rahmens schöpften einige Autoren auch aus amerikanischen Vorstellungen des Primitiven, indem sie die Mythologie des amerikanischen Westens auf die Ebenen eines fremden Planeten projizierten. Nebenher begann L. Sprague de Camp, die Geschichten des inzwischen verstorbenen Robert E. Howard zu sammeln und herauszugeben. 1955 veröffentlichte er Tales of Conan und dann 1957 The Return of Conan, das er zusammen mit Bjorn Nyberg verfasste. Wie bereits im zweiten Kapitel erwähnt, tat de Camp mehr, als die Geschichten lediglich zu sammeln. Neben der Neubearbeitung einiger Erzählungen presste de Camp sie auch in die neue Form, die Tolkien entworfen hatte: Fantasy mit einer »tiefgehenden«, weit zurückreichenden Geschichte und Landkarten. Diese Texte, so verändert sie auch sind, bewahrten Howards Werk davor, dass es während der ablehnenden Atmosphäre unter der Vorherrschaft von Boucher als Herausgeber verschwand, und wie wir später sehen werden, waren sie dadurch den Autoren des Fantasy-Revivals Ende der 1970er zugänglich.

L. Sprague de Camps Co-Autor bei der Kreuzweg der Welten-Reihe war Fletcher Pratt, der als alleiniger Autor außerdem zwei bedeutende Fantasy-Werke verfasste: Die Einhornquelle (1948) und Der blaue Stern (1952). Für Ersteres borgte Pratt sich den Hintergrund aus einer Kurzgeschichte von Lord Dunsany. Die Einhornquelle ist in einer mittelalterlichen Welt angesiedelt, die stark an das mittelalterliche Skandinavien erinnert, aber keine Verbindungen zu unserer Welt hat und als Fantasy-Welt voll ausgestaltet ist. Der Protagonist Alvar Alvarson ist ein Krieger, verfügt aber über diverse magische Kräfte. Das Wasser aus dem titelgebenden Brunnen bringt Frieden, aber nicht die Aussicht auf eine Lösung. Als Feinde eindringen, schlägt Alvars Frau vor, Frieden aus dem Brunnen zu bringen, doch Alvar macht mobil und sagt: »Es gibt keinen Frieden außer dem in unserem Inneren«, und rätselt dann, weshalb sie weint. Die Vorstellung des Friedens und die Frage, wann er angemessen ist, beschäftigte die US-amerikanische Gesellschaft zu jener Zeit offenbar stark, was möglicherweise eine Reaktion auf den Kalten Krieg war. Ähnlich endet auch der Film Zwölf Uhr mittags von 1952, in dem eine Quäker-Ehefrau ihren Mann nicht davon abbringen kann, zur Waffe zu greifen und Rache zu nehmen. Pratts Roman war seinerzeit nicht sonderlich bekannt, wurde aber zu Beginn des Fantasy-Booms 1967 (zwei Jahre, nachdem Tolkiens Werk als Taschenbuch herauskam) neu aufgelegt und hatte beträchtlichen Einfluss. Er galt als seiner Zeit voraus, sowohl was den Tonfall, als auch was den Inhalt anging, und speziell das Thema Frieden fand bei einer Generation von US-Amerikanern Nachhall, für die die Einmischung der USA im Ausland ein immer größeres Problem darstellte. Pratts zweiter Solo-Roman, Der blaue Stern, ist ebenfalls äußerst eindrucksvoll. Er ist in der (magischen) Welt eines vorgeblichen 18. Jahrhunderts angesiedelt, wo der Held sich aufmacht, um sich für eine Revolutionsbewegung eines magischen Juwels, des sogenannten blauen Sterns, zu bemächtigen. Dieser »alternativhistorische Roman« blieb damals beinahe unbekannt, aber dieses Subgenre ist eine der beliebtesten Formen der etwas anderen Fantasy geworden. Keith Roberts Pavane (1968), die Geschichte eines England, das aus einer erfolgreichen Gegenreformation hervorgegangen ist, wurde erkennbar davon beeinflusst, und in den 1980ern und 1990ern spezialisierten sich Mary Gentle, John Whitbourn und Delia Sherman auf diese Art des Erzählens. Am erfolgreichsten wandelt heute Susanna Clarke auf Pratts Spuren, deren Jonathan Strange und Mr. Norrell diese Erzählform sehr wirkungsvoll einsetzte. Das Buch wurde weit über den »Fantasy«-Markt hinaus erfolgreich und 2004 zum allgemeinen Bestseller.

Fritz Leiber, zuvor ein Autor heroischer Fantasy – eine Erzählform, die er während des Fantasy-Booms der späten 1960er neu beleben sollte –, wandte sich in dieser Epoche größtenteils der Science Fiction zu. Er schrieb jedoch eine Reihe von Kurzgeschichten, und 1953 erschien sein Roman Hexenvolk. Diese übernatürliche Fantasy spielt auf dem Campus einer kleinen Universität, an der ein Mitglied des ausschließlich männlichen Lehrpersonal herausfindet, dass die Ehefrauen der Dozenten die akademischen Zwistigkeiten ihrer Männer durch Zauberei verstärken. Am Ende des Buches erkennt der Protagonist, dass alle Frauen Hexen sind, die ihre Männer (und die Welt) durch Zauberei beherrschen. Aus dem Buch entstanden zwei Filme, der jüngere davon Hypno (1962), aber es hatte möglicherweise auch einen gewissen Einfluss auf die Fernsehserie Verliebt in eine Hexe, die von 1964 bis 1972 lief: Bei den meisten der 254 Folgen wirkt Samantha Magie, und zwar gegen den Willen ihres Mannes Darrin, und muss anschließend das daraus entstandene Durcheinander in Ordnung bringen. In Leibers Buch, dem nicht-phantastischen I Love Lucy (1951 bis 1957), Verliebt in eine Hexe und dem schwächeren, aber weithin bekannten Bezaubernde Jeannie (1965 bis 1970), eine konkurrierende Serie über die Liebe einer Djinn zu ihrem Herrn, zeigen sich überall die gleichen Ängste vor dem Recht der Frauen auf Arbeit und Selbstverwirklichung, das gegen Ende der Dekade in der Frauenbewegung kulminieren und auch einen großen und umstrittenen Einfluss auf das Fantasy-Genre haben sollte.

Die Verbindung der vielleicht wichtigsten neuen Autorin der 1950er Jahre zur Fantasy war eher schwach. Shirley Jackson, Autorin von Kurzgeschichten und Romanen, beschäftigte sich mit dem möglicherweise Übernatürlichen. Jackson hatte mit ihrer Kurzgeschichte »Die Lotterie«, die 1948 im New Yorker erschien, sofort großen Erfolg. Es ist die beängstigende Geschichte einer Stadt, die jedes Jahr einen Sündenbock auswählt und gemeinsam tötet. In einem Amerika, das sich bereits im psychologischen Würgegriff des Komitees für unamerikanische Umtriebe befand, traf diese Erzählung einen Nerv, und sowohl der New Yorker als auch Shirley Jackson erhielten gleichermaßen Hassbriefe wie Beifall.

Die beiden eindrucksvollsten Romane Jacksons sind Spuk in Hill House (1959; 1962 und 1999 verfilmt) und Wir haben schon immer im Schloss gelebt (1962). In Spuk in Hill House versammeln sich mehrere Leute, um ihre eigenen übersinnlichen Fähigkeiten und das Wesen eines Hauses zu ergründen – in diesem spukt es möglicherweise, oder aber die sich entfaltenden Ereignisse resultieren daraus, dass eine verhaltensgestörte, unglückliche junge Frau auf eine sexuell aufgeladene Atmosphäre trifft. Dies ist einer der ersten Mainstream-Romane, in dem lesbische Sexualität nicht als bedrohlicher als Heterosexualität dargestellt wird. Wir haben schon immer im Schloss gelebt erzählt vom Überleben einer Familie, nachdem die meisten ihrer Mitglieder vergiftet worden sind, und von der Wirkung eines Eindringlings auf diese Familie. Der Protagonist besitzt übernatürliche Kräfte, aber die Erzählung bewegt sich in ihrem Verlauf zum Rationalen hin. Im vorausgehenden The Sundial (1958) erkennt man deutlich die Verbindungen zum Schauerroman des 18. Jahrhunderts, von denen Jacksons Spätwerk gekennzeichnet ist. Zwölf Menschen versammeln sich in einem phantastischen Haus, warten auf das Ende der Welt und werden von sich bewegenden Statuen und anderen übernatürlichen Vorzeichen heimgesucht. Jack Sullivan schrieb darüber: »Falls diese Leute die Welt im verkleinerten Maßstab abbilden, wie einige Rezensenten meinen, hat die Welt eindeutig ein Problem – ob sie nun endet oder nicht.«[4]

Die Fantasyliteratur schien zum Ende der 1950er Jahre, trotz der Präsenz wirklich herausragender Schriftsteller, ein Problem zu haben. Die Science Fiction boomte, Übernatürliches war beliebt, aber die Fantasy schien vom Kurs abgekommen zu sein. Im nächsten Jahrzehnt sollte sich das alles durch den Einfluss von Tolkien und der Ballantine Adult Fantasy-Reihe ändern.



[1] In: Clute und Grant (Hrsg.), The Encyclopedia of Fantasy, S. 749.

[2] Als The Last Man on Earth – Die wahre Legende (1964), Der Omega-Mann (1971) und I Am Legend (2007).

[3] Clarke, Profiles of the Future, London 1973, S. 21, Fußnote 1.

[4] In: Bleiler, Supernatural Fiction Writers, New York 2002, S. 1034.

Über die Serie "Eine kurze Geschichte der Fantasy"

Fantasy ist, obwohl Literaturkritiker wie Akademiker dies gerne ausblenden, das einfluss- und erfolgreichste Genre des 21. Jahrhunderts. Einige der frühsten Bücher unserer Kultur, darunter das Gilgamesch-Epos und die Odyssee, handeln von Ungeheuern, Wundern, phantastischen Reisen und Magie. Gegenwärtig reicht das Spektrum der Fantasy von weltweit rezipierten mehrbändigen Serien bis zu anspruchsvollsten Nischenpublikationen.

Die vorliegende Einführung stellt das Genre in den Zusammenhang der euröpäischen Literatur, erzählt seine Geschichte von den Anfängen bis zu den Highlights der modernen Fantasy im 21. Jahrhundert und widmet sich in ihren Hauptkapiteln der Zeit seit Tolkiens Herr der Ringe, vom Fantasy-Boom der 70er und 80er Jahre über den Erfolg der Harry Potter-Serie bis hin zu aktuellen Entwicklungen.


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Deutsch von Simone Heller

 

© 2012 by Libri Publishing

Erstveröffentlichung 2009 in der Middlesex University Press

Die erweiterte Ausgabe erschien 2012 bei Libri Publishing

Für die deutschsprachige Ausgabe: © 2017 by Golkonda Verlag GmbH

Mit freundlicher Genehmigung von AutorInnen und Verlag

 

Alle Rechte vorbehalten



Farah Mendlesohn
hat − unter anderem − mit Rhetorics of Fantasy eines der klügsten Bücher über ein Genre verfasst, das von Akademikern nur selten mit dem nötigen Ernst und den nötigen Kenntnissen behandelt wird. Zu ihrer Internetseite geht es hier.

 

Edward James ist − unter anderem − der Herausgeber des maßgeblichen Cambridge Companion to Fantasy Literature, eines Handbuchs, in dem sich Schriftsteller, Kritiker und Akademiker auf allerhöchstem Niveau mit den unterschiedlichsten Aspekten des Genres befassen. Im Internet ist er hier vertreten. 

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