Horror für Anfänger: Vom Noob zum Nerd in 5 Büchern

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Horror für Anfänger: Vom leichten Schrecken bis zum tiefsten Wahnsinn der Horrorliteratur


Diese fünf Horrorbücher werden euch das Gruseln lehren ...

Willkommen im Zimmer 217 der phantastischen Literatur! Bitte nehmt Platz am Kamin und beachtet die kratzenden Geräusche unter den Dielen gar nicht erst. Für manche Leute mag das hier die schmuddeligste Ecke des Hauses sein. Aber damit liegen sie falsch. Es zieht zwar ein wenig durch die Fenster und manchmal sorgt ein kaltes Lüftchen im Nacken für eine Gänsehaut. Aber insgesamt lässt es sich hier sehr gut aushalten. Moment, hat da nicht gerade etwas unter dem Sofa geatmet? 

Wie dem auch sei, der literarische Horror hat sich längst etabliert. Seine Einflüsse finden sich in fast allen Genres der Belletristik wieder. Die Namen von Poe, Lovecraft und King dürften selbst den Lesern etwas sagen, die um ihre Bücher einen großen Bogen machen. Was der beste Einstieg in das Genre ist? Ein kleiner Schritt an das dunkle Bücherregal, denn hier stehen die Romane, die für schlaflose Nächte sorgen, in denen die Vernunft im Tiefschlaf liegt und die Monster aus den Schatten treten. In fünf Büchern geht es hier vom leichten Schrecken bis in den tiefsten Wahnsinn der Horrorliteratur!

Stephen King – The Shining

Stephen King darf hier nicht fehlen. Kaum ein Autor prägte die moderne Horrorliteratur mit seinen Werken so wie Stephen King. Er löste den Boom des Grauens in den Achtzigern aus, ohne ihn gäbe es keinen Pennywise, keinen Cujo, keine Tommyknockers. Doch gerade bei dem 69-Jährigen tut sich eine ganze Reihe von Klassikern auf: Es, Friedhof der Kuscheltiere, Misery, In einer kleinen Stadt. Wo anfangen? Am besten bei The Shining.

In dem Roman von 1977 erzählt King von der Familie Torrance. Vater Jack, ehemals Lehrer und trockener Alkoholiker, soll für einen Winter den Posten des Hausmeisters beim Overlook-Hotel übernehmen. Nur seine Frau Wendy und ihr gemeinsamer Sohn Danny sind in dem riesigen Gebäude bei ihm – zumindest bis sich die falschen Türen öffnen. Denn King hat in seiner Version eines Spukhauses in jedes Zimmer einen anderen Geist untergebracht. Im schon erwähnten Zimmer 217 wartet eine tote Frau in einer Badewanne, auf dem Rasen werden die formgeschnittenen Büsche auf einmal zu sehr echten Monstern und dann wäre da noch der berühmte Ballsaal, dessen Gespenster endgültig den Wahnsinn bei Jack besorgen. King gilt als Meister der Charakterisierung und The Shining macht mit jeder Seite deutlich, warum er diesen Ruf genießt. Im Gegensatz zur gleichnamigen Verfilmung von Stanley Kubrick nimmt sich der Meister des Horrors hier sehr viel Zeit für seine Figuren – und das Overlook-Hotel. Denn das gibt wie in jeder guten Spukhaus-Geschichte eine eigene Figur ab. Schon in den ersten Momenten verheißt dieser Ort nichts Gutes, überhaupt nichts Gutes. Noch einen Ruf hat King weg, nämlich, dass er keine guten Enden schreiben könnte. Hier beweist The Shining das Gegenteil. Wer da nicht mindestens eine Träne verdrückt, muss innerlich so tot sein wie die Frau in Zimmer 217. 

Trailer: The Shining

Mary Shelley – Frankenstein

Mary Shelleys Frankenstein muss hier stellvertretend stehen – nicht nur ist ihr Roman von 1818 ein Klassiker der Horrorliteratur, sondern er ist vor allem eines der wenigen Bücher des Genres, die eine Frau als Autorin haben und noch in deutschsprachiger Übersetzung zu erhalten sind. Denn während die Werke von Caitlin R. Kiernan, Kathe Koja und Shirley Jackson heutzutage trotz ihres Status im Horror nur noch im Original zu erhalten sind, haben moderne Autorinnen wie Gemma Files oder Helen Marshall bisher nicht einmal eine Übersetzung ins Deutsche bekommen. Da muss eben Shelleys Frankenstein herhalten. Allerdings machen der Doktor und sein Monster keine schlechte Figur dabei.

Denn die britische Autorin schnitt bereits vor knapp 200 Jahren alle wichtigen Aspekte der künstlichen Intelligenz an, die uns bis jetzt beschäftigen. Eingebettet von einer Rahmenhandlung in der Arktis, erfährt der Leser die Geschichte von Viktor Frankenstein, der toten Dingen Leben geben kann. Durch seinen wissenschaftlichen Drang beschließt er, ein künstliches menschliches Wesen zu erschaffen – mit schwerwiegenden und tödlichen Folgen. Denn seine Schöpfung bekommt eine Sinnkrise. Es beginnt eine Spirale aus Hass und Ängsten, deren Geschichte extrem vielschichtig ist. Für die passende Atmosphäre sorgt aus heutiger Sicht natürlich die etwas angestaubte Sprache von Shelley, die jedoch nie den Lesefluss behindert. Frankenstein steht im Genre wie selbstverständlich neben Bram Stokers Dracula, dem anderen großen Klassiker der Horrorliteratur. Bis heute eines der gruseligsten und mitreißendsten Bücher der Geschichte.

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Thomas Ligotti - Grimscribe

Beim Lesen von Thomas Ligottis Texten schimmern in jedem Wort die Kälte der Antimaterie und der Irrsinn der Existenz durch. Jeder Ort in seinen Werken scheint von dem Licht verlassen zu sein. Hätten Nietzsche und Schopenhauer in Teamarbeit ein paar Horrorgeschichten geschrieben – es wären Ligottis Geschichten dabei herausgekommen. Es gibt bei ihm keine Ordnung mehr, das Chaos setzt sich durch. Die Bestätigung jedes Pessimisten.

Bei den Texten des 64-jährigen US-Autors geht es weniger um Brutalität als um den Wahnsinn und die nackte Angst. Immer wieder tauchen Puppen auf, Straßen in Städten verzweigen sich ohne Sinn und Verstand. All seine Geschichten liefert Ligotti mit einer unfassbaren Sprache. Die Welt zerfällt beim Lesen seiner Bücher. Das nackte Nichts breitet sich aus. Schwärzer und abgründiger kann Horror nicht sein.

Bis vor einiger Zeit waren Ligottis Werke  jedoch nur sehr schwer in deutschsprachiger Übersetzung zu bekommen – ein Glück, dass Festa erst vor einiger Zeit mit Grimscribe einen dicken Band seiner Geschichten von 1991 veröffentlichte. Während King den Blick auf die Handlung lenkt, geht es bei Ligotti um den Schrecken in der Existenz, um die Existenz im Schrecken. Das ist ohne Frage oft schwerverdaulich. Wer Horror immer noch für ein lustiges Unterhaltungsgenre mit Monstern hält, möge zu diesem Buch greifen. Denn Ligotti ist nicht nur einer der besten Autoren des Grauens, er gehört längst zum literarischen Kanon des 21. Jahrhunderts.

Adam Nevill – Im tiefen Wald 

Landlust: Locken zahlreiche Autoren ihre Protagonisten in Spukhäuser, um für Angst und Schrecken zu sorgen, schickt Adam Nevill sie in diesem Roman in die tiefste Wildnis. In den gigantischen Wäldern Schwedens wollen vier Männer in alten Zeiten schwelgen, ihre Freundschaft auffrischen. Doch das Altern hat sie verändert, ihr Ausflug wird mehr zu einer Prüfung mit integrierter Gruppentherapie. Allerdings wird das gegenseitige Nerven ziemlich schnell zur Nebensache.

Nicht nur entdecken sie auf einmal merkwürdige Kadaver, die bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt sind, auch verfolgt sie ein Wesen in diesen feindlichen Wäldern. Dazu finden sie Hütten eines Kults mitten in der menschenverlassenen Gegend. Und würde das noch nicht alles reichen, dreht Adam Nevill Im tiefen Wald in der Mitte der Handlung komplett auf links. Doch nur weil die Männer den Wald verlassen haben, heißt das nicht, dass die Jagd beendet wäre. 

Nevill schöpft in seinem Roman aus dem lovecraftschen Grauen und dem Folk Horror, der seinen Schrecken aus dem Heidentum und alten Sagen zieht. Wenn sich da ein Gott findet, ist er garantiert nicht friedlich. Im übernatürlichen Horror findet sich derzeit kaum ein Autor wie Nevill, der so passende Sätze schreibt, der die Kraft seiner Geschichte so gut zu beschwören weiß. Im tiefen Wald entwickelt sich mehr und mehr zu einem Trip in die Finsternis der alten Götter. Nach diesem Buch ist man vor allem erstmal froh, wenn man die Nacht nicht im Zelt verbringen muss.

Clive Barker – Das erste Buch des Blutes

Der Horror stammt aus der Kurzgeschichte, kaum ein Genre dürfte mit dieser Form so verbunden sein. Der britische Autor Clive Barker veröffentlichte seine Sammlung Das erste Buch des Blutes 1984 – und erhielt sehr viel Lob von zahlreichen Kollegen. »Ich habe die Zukunft des Horrors gesehen, und ihr Name ist Clive Barker«, schrieb etwa Stephen King. Kaum ein anderer Schriftsteller beherrscht die Kunst der Kurzgeschichte so wie Barker. In dieser Sammlung öffnet sich nicht nur einmal das Tor zur Hölle.

Im Mitternachts-Fleischzug hängen die Leichen an den Haltestangen, die Welt vor dem Fenster verschwindet, der Zug taucht in eine Zwischenwelt ein, in der sehr hungrige Wesen warten. Zu dumm, dass nicht jeder Passagier an Bord bereits tot ist. In einer anderen Geschichte treibt ein Dämon namens Geyatter sein Unwesen, trifft jedoch auf ein mehr als stoisches Opfer, dem jede Gemeinheit so ziemlich egal zu sein scheint. Und der Schweineblut-Blues lotet mal eben zwischen Coming-Of-Age den Ekel aus, den ein dickes Schwein verursachen kann. Barker versteht sich darauf, seine Geschichten sehr blutig zu machen, dabei jedoch nie in den Selbstzweck des Splatters abzurutschen. Er pumpt das Blut durch seine Geschichten, um sie lebendig zu machen, um dem Leser mit jedem Satz einen Schauer über den Rücken zu jagen. Die Zukunft des Horrors ist jetzt – und ja, Clive Barker gehört immer noch zu den besten Autoren des Grauens. 

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