Physis! Rhema! Plasma! – Über die Geistererscheinungen in Christine Wunnickes „Katie“ und Rudolph Herzogs „Truggestalten“

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Physis! Rhema! Plasma! – Über die Geistererscheinungen in Christine Wunnickes „Katie“ und Rudolph Herzogs „Truggestalten“


Anja Kümmel
18.05.2017
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Je unsicherer die Zeiten, desto mehr gewinnt das Übernatürliche an Einfluss. Die Rede ist jetzt aber nicht von Transzendentaler Meditation oder Esoterik-Messen, sondern von ganz ernstzunehmender deutschsprachiger Gegenwartsliteratur: Dieses Frühjahr wurden gleich zwei Bücher auf den Markt geworfen, die in sehr unterschiedlicher Manier der klassischen Gothic Novel huldigen.

 

Mitten hinein ins Viktorianische Zeitalter platziert Christine Wunnicke die Handlung ihres neuen Romans Katie – wer nun allerdings einen pseudo-realistischen Historienschinken erwartet, liegt falsch. Zwar basiert „Katie“ auf realen Personen und Ereignissen, herausgekommen ist jedoch eine novellenhaft verdichtete Miniatur voller postmoderner Brechungen. Auf nur 160 Seiten zeichnet die Münchner Autorin ein so amüsantes wie erhellendes Bild der Blüte des Spiritismus: Einer Zeit, in der Wissenschaft und Parapsychologie Hand in Hand gingen, in der die Furcht vor neuen technologischen Errungenschaften sich die Waage hielt mit der Faszination fürs Metaphysische.

Denn was ist schon ein Akkordeon, das unvermittelt “Home, Sweet Home” zu spielen beginnt, im Vergleich zum transatlantischen Kabel, das Gespräche binnen Sekundenbruchteilen auf die andere Seite des Ozeans transportiert? Was eine flüchtige Geistererscheinung gegen den Horror Vacui, der in der unerforschten Leere zwischen Atomen und Molekülen lauert?

Um 1870 gehören Séancen, Telekinese und Levitationen in London zum Gesprächsthema Nummer eins. Dem kann sich auch die Wissenschaft nicht entziehen. Eigentlich arbeitet William Crookes – der Entdecker des Thalliums und „Virtuose der chemischen Spektographie“ – gerade fieberhaft an der Verfeinerung seines Radiometers. Seine größte Obsession: Den „vierten Aggregatzustand“ sichtbar zu machen. Da kommt ihm ein dringendes Gesuch in die Quere: Er soll das Medium Florence Cook auf ihre Glaubwürdigkeit hin überprüfen. Der 15-Jährigen aus Hackney, durch die sich eine vor 200 Jahren verstorbene Piratentochter namens „Katie“ materialisieren soll, wird Betrug vorgeworfen. Sie sei eine Kontorsionistin und Entfesselungskünstlerin, behaupten böse Zungen, und „Katie“ lediglich eine geschickt maskierte Version von Florence selbst.

Crookes gibt sein Bestes: Er fesselt Florence an einen Tisch und nagelt ihre Zöpfe an den Dielenboden; er misst ihre Gewichts- und Temperaturveränderungen, sperrt sie in einen Faraday-Käfig, leitet Strom durch ihren Körper. Diese historisch verbürgten Torturen hat Wunnicke exzellent recherchiert; was den Roman jedoch vor allem ausmacht, ist ihr Blick für skurrile Details und facettenreiche Nebenfiguren. Während Crookes mit aller Kraft versucht, die Überwindbarkeit des Todes zu widerlegen, streift seine Frau Nelly schlaflos durch die angrenzenden Gemächer. Ständig ist sie schwanger – mit dem siebten oder achten Kind, Crookes selbst scheint den Überblick verloren zu haben – und ständig trägt sie Trauer, für das ein oder andere entfernte Familienmitglied. Leben und Tod, vereint in einem Körper. In wenigen Sätzen eröffnet die Autorin Echoräume, die weit über das minimalistische Hauptgeschehen hinausweisen. Dabei dürfen ironisch verfremdete Versatzstücke aus der Schauerliteratur natürlich nicht fehlen: Jemand (oder etwas) singt des Nachts „Greensleeves“; benutzte Teetassen stehen herum; Vorhänge schlackern vor mysteriös geöffneten Fenstern. Und: „Der schöne venezianische Spiegel neben dem Kamin spiegelte etwas, das nicht Nelly war.“ Doch nicht nur die permanent Schwangere sieht Gespenster; auch der rationale Physiker erblickt Katie nach einigen durchwachten Nächten im Labor mit eigenen Augen. „Der Ton changierte, vom matten Sepia einer Albuminkopie bis hin zum Blauschwarz und Reinweiß eines kostbaren Chlorgoldabzugs“, notiert er, verzweifelt bemüht, dem Unaussprechlichen durch akribische Beschreibung Herr zu werden. Ist das hier vielleicht der „vierte Aggregatzustand“? Vergeblich versucht er, das Unfassbare in Worte zu fassen. „Onto-, Pragma-, Pneu-, Photo-, Phlog-, Phos-“, murmelt Crookes vor sich hin: „Physis! Rhema! Plasma!“

Ganz nebenbei entfaltet Wunnicke ein scharfsichtiges Bild Viktorianischer Geschlechterhierarchien: Das „rationale“ männliche Prinzip im Kampf gegen das nebulöse Weibliche, auf das allzu gerne sämtliche unerklärbaren Phänomene projiziert werden. Halbwissen und Sprachlosigkeit wabert zwischen den Geschlechtern, so dick und undurchdringlich wie der Nebel über der Themse. Wie lange sich seine Frau wohl schon in „gesegneten Umständen“ befindet, fragt Crookes sich wiederholt (darüber sprechen ist ausgeschlossen). Und, in müßigen Stunden, in denen er vergeblich auf Katies Materialisierung wartet: „Ist Langeweile etwas, das Frauen überhaupt befällt? Wen könnte man solches fragen? Einen Arzt? Eine Frau?“

Liebevoll nimmt Wunnicke die (selbstverständlich männlichen) Geeks des 19. Jahrhunderts aufs Korn, auch dies mit lockerer Hand skizziert. „Wollen wir nicht ein wenig Witze erzählen und Rätsel raten?“ fragt der exzentrische Physiker James Clerk Maxwell in die Runde der Royal Society, während er rechtshändig „Vampyre“ zeichnet und linkshändig Balladen verfasst. Frauen haben hier natürlich keinen Zutritt, außer am „Damenabend“. So löst Crookes einen veritablen Skandal aus, indem er mit einem weiblichen Medium und seiner hochschwangeren Ehefrau im Schlepptau die Vakuumkammer in den Verliesen der Royal Society zerstört.

Zum Nebel gesellt sich das ewige Halbdunkel, in dem vereinzelte Paraffinlichter vieldeutig flackern. Und alle schlucken ständig Chlorodyne – eine Mixtur aus Laudanum, Cannabis und Chloroform – für oder gegen so gut wie alles. Wem soll man da noch Glauben schenken? Ob „Katie“ wirklich aus dem Jenseits winkt, wird immer nebensächlicher. Längst hat sich ein spiritistischer Fankult verselbstständigt, der Florence in einem Moment feiert und im nächsten zerreißt. Und Crookes ist, im wahrsten Sinne des Wortes, mit seinem Latein am Ende. „Was bekümmert Sie mehr“, fragt Maxwell ihn in einem luziden Moment: „Das Weibliche, die Abschaffung des Todes, der pekuniäre Schaden oder das drohende Chaos in der Wissenschaft?“ Eine mehr als berechtigte Frage, die das Transzendentale und das Allzumenschliche aus dem Text herauskitzelt wie einen, nun ja: einen Geist aus der Flasche.

Ganz anders in Rudolph Herzogs Truggestalten. Hier werden die Geister nicht in stundenlangen Séancen beschworen – im Gegenteil. Herzogs Berlin ist, was es ist: Eine „Bubble des Jetzt“. Die aus aller Welt zugereisten Künstler, neureichen Manager, Partytouristen und „Expats“, die sich in ihr niedergelassen haben, wollen mit der Vergangenheit möglichst wenig am Hut haben. Zwar wird das Flair frisch renovierter Altbauwohnungen gerne mitgenommen – wer früher darin gehaust hat, interessiert hingegen niemanden. Ob in den heute hippen Clubs, Theatern und Weinkellern einst Luftschutzbunker waren oder Strafgegangene krepierten, verleiht bestenfalls dem absichtsvoll angeranzten Jetzt ein zusätzliches Quäntchen morbiden Charme.

In Herzogs Erzählungen allerdings gibt es kein Entkommen vor der Erinnerungstopographie Berlins, den Traumata, die bestimmten Orten unwiderruflich eingeschrieben sind. Siebenmal lässt der Autor Vergangenheit und Gegenwart aufeinanderprallen: In „Die Näherin“ behauptet die Tochter eines gestressten Top-Managers, eine altmodisch gekleidete Frau säße nachts in ihrem Zimmer. Was der zunächst ungläubige Vater nicht weiß: In dem hübschen Gründerzeitgebäude befand sich einst die „städtische Idiotenanstalt“ der Charité – und ausgerechnet an der Stelle seiner Wohnung die Leichenkammer. Tja, hätte er mal vorher einen Blick auf den Gebäudeplan geworfen!

In einer weiteren Erzählung begegnet ein griechischer Wirtschaftsflüchtling einer seltsam alterslosen Frau, die ihm bitteres Brot aus Eicheln und „falschen Fisch“ aus gemahlenem Futtermais anbietet, so als sei die Hungersnot der Nachkriegsjahre anhaltende Realität. Und in einer Kreuzberger Wohnung treibt ein anatolischer Poltergeist sein Unwesen – ein Souvenir der Gastarbeiterfamilie, die unlängst an den Stadtrand verdrängt wurde, Gentrifizierung sei Dank.

Dass sich Geschichte nicht so leicht verdrängen lässt, ist eine spannende Prämisse, die nicht nur an den traditionellen Schauerroman, sondern ebenso an die Psychoanalyse anknüpft: „Manchmal passieren Menschen gewisse Dinge, die so schwerwiegend sind, dass sie in die nächsten Generationen hineinwirken.“ Leider jedoch findet Herzog selten Bilder, die das Reale transzendieren. Stattdessen wartet er mit unbeholfenen Phrasen auf, die mehr behaupten als die Texte hergeben, und seine Figuren bleiben klischeehaft, beinahe Karikaturen ihrer selbst. So auch „Rakete“, der ehemaliger Hausbesetzer und Yogalehrer („Ich spüre gute Vibes“), der sich zum kühlen Kapitalisten gewandelt hat, am Schluss jedoch Einsicht zeigt: „Wir sind den eigenen Ansprüchen nicht gerecht geworden … Wir haben Fehler gemacht.“ Auch der skrupellose Manager geht aus der Geisterstunde geläutert hervor – ein eher unglaubwürdiges Wohlfühlende.

Echter Suspense entsteht höchstens in „Ex Patria“, der wohl komplexesten Geschichte des Bandes. Eine amerikanische Künstlerin zieht nach Alt-Treptow – direkt auf den ehemaligen Todesstreifen der Berliner Mauer. Sie driftet von einem Tag zum nächsten, nimmt ominöse japanische Drogen, wird ungewollt schwanger. Die Sinnsuche zieht sich hin. Bis sie eines Tages Blutspuren entdeckt, die sie in den Keller des Wohnhauses führen, und schließlich zum Eingang eines ehemaligen Fluchttunnels. Während sich ein Stück Berliner Geschichte entfaltet, lässt Herzog in diesem Text erfreulich offen, inwieweit Fantasie und Rausch die Geister mit heraufbeschwören. Die möglicherweise unzuverlässige Erzählerin tut ein Übriges, die Grenzen zwischen Leben und Tod zu verwischen. Zwar schieben sich die Folien der unterschiedlichen Zeitebenen übereinander, doch kommen sie nicht zur vollständigen Deckungsgleichheit. Es ist genau dieses Flimmern an den Rändern, das Durchscheinende, das eine gute Gothic Novel (egal ob alt oder modern) ausmacht, das den anderen Texten in „Truggestalten“ jedoch abgeht.

In gewisser Weise ist bereits das Buchcover ein dead giveaway: Dort sieht man ein paar Kinder in 20er-Jahre-Kluft am graffitibesprühten Spreeufer stehen – Sepiafotografien, unbeholfen hineinmontiert in die Moderne. Anstatt auf verstörende Weise mit ihrer Umgebung zu verschmelzen, mit ihrer Aura des Gewesenen das Jetzt zu infizieren, stehen Herzogs Geister in der (urbanen) Landschaft herum wie bestellt und nicht abgeholt – weniger innere Heimsuchungen als zweidimensionale Abziehbilder.

Über die Autorin

Anja Kümmel

Anja Kümmel wurde 1978 in Karlsruhe geboren. Sie studierte Gender Studies und Spanisch in Los Angeles, Madrid und Hamburg. Heute lebt sie als freie Autorin und Journalistin in Berlin. Neben zahlreichen Publikationen in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlichte sie fünf Romane: „La Danza Mortale“ (2004), „Das weiße Korsett“ (2007), „Hope’s Obsession“ (2008), „Träume Digitaler Schläfer“ (2012) und „V oder die Vierte Wand“ (2016). www.anjakuemmel.com

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