Geek! - Interview mit Brandon Sanderson

INTERVIEW

„Fantasy ist bereit für die nächste Stufe!“- Im Gespräch mit Brandon Sanderson


Brandon Sanderson ist einer der weltweit erfolgreichsten Fantasyautoren der letzten Jahre. Seine Bücher landen regelmäßig auf der Bestsellerliste der New York Times. Neben seinen eigenen Werken wie der Reihe um die Nebelgeborenen (engl. Mistborn) hat er sich seinen Platz in der Historie der Phantastik durch die Fertigstellung der Reihe Das Rad der Zeit des im Jahr 2007 viel zu früh verstorbenen Robert Jordan gesichert.

Anlässlich der Leipziger Buchmesse weilte Sanderson nun zum ersten Mal in Deutschland – vor allem, um mit Schatten über Elantel einen (zumindest hierzulande) neuen Titel vorzustellen, der im März bei Piper erschienen ist. Wir trafen ihn in Leipzig, um mit ihm über den neuen Roman, seine künftigen Projekte sowie die Zukunftsaussichten der Fantasy zu sprechen.


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Geek!: Die neuen Titel der Nebelgeborenen, die Sturmlicht-Chroniken und natürlich die Fertigstellung von Das Rad der Zeit – die letzten Jahre waren nicht gerade arbeitsarm für dich, wenn ich das mal vorsichtig ausdrücken darf.

Brandon Sanderson: Ganz ehrlich: Das Rad der Zeit zu beenden, war das Schwerste, was ich jemals in meinem Berufsleben getan habe. Es gab ja nicht nur das Problem, die zahlreichen Plotlinien und die über zweitausend im Laufe der Zeit von Robert Jordan genannten Figuren zu überblicken, sondern auch Millionen von Fans gerecht zu werden, die sehnsüchtig auf den Abschluss der Reihe warteten. Allerdings war ich als ebenfalls langjähriger Fan der Erste, der den Epilog lesen durfte, den Robert Jordan noch selbst verfasst hatte. Das hat mir enorm dabei geholfen, die bei seinem Tod noch vorhandene Lücke bis dahin zu füllen.

Wie war es für dich, danach wieder zu deinen eigenen Projekten zurückzukehren?

Ich fühlte mich sehr, sehr erleichtert! Schatten über Elantel – das Buch, das jetzt gerade bei euch in Deutschland erschienen ist – entstand ja in dieser Zeit. Vielleicht sind die Charaktere darin so locker, wie sie sind, weil ich beim Schreiben unheimlich entspannt war nach dem Abschluss von Das Rad der Zeit.

Du machst dir viele Gedanken über das Genre, in dem du dich bewegst, und gibst in deinem Schreibratgeber Writing Excuses viele Infos und Tipps zum Schreiben von epischer High-Fantasy. Auf welchem Weg siehst du diesen Teilbereich der Phantastik derzeit?

Epische Fantasy begann mit Tolkien: Sein alternativer Weltentwurf, seine Mythologie und die Quest wurden zu typischen Merkmalen dieses Genres. Dieses ist also sehr deutlich von ihm geprägt worden – vielleicht sogar zu sehr. Anstatt Tolkiens Worldbuilding zu nutzen, sollten wir uns meiner Meinung nach als Autoren mehr darum bemühen, die Fantasyliteratur auf die nächste Stufe zu bringen.

Glaubst du, dass die Leserschaft im Massenmarkt schon bereit dafür ist? In Deutschland sind die großen Erfolgsreihen noch immer sehr von den klassischen Schemata gekennzeichnet.

Bei uns startete die Fantasy auf dem Publikumsmarkt in den 1980er Jahren richtig durch, bei euch in Deutschland erst mit Beginn der 2000er, soweit ich weiß. Mit diesem zeitlichen Vorsprung wurde es bei uns einfach irgendwann langweilig. Wir haben in den Vereinigten Staaten viele Fantasyleser verloren, weil man zu lange dem Tolkien-Weg gefolgt ist. Dabei lieben wir Fantasy doch für den Sense of Wonder, für die Möglichkeiten, neue Dinge zu entdecken und erkunden, für etwas Neues anstelle des Altbekannten. Das heißt nicht, dass ich ein „Anti-Tolkien“ sein will – ganz im Gegenteil, denn auch ich bin Fan. Doch während Tolkien sich als Sprachwissenschaftler sehr auf die Entwicklung eigener Sprachen konzentriert hat, sollte man vermeiden, ihn nachzuahmen, sondern sich auf das konzentrieren, was einem persönlich wichtig ist und was man selbst in seinen Weltenbau mit einfließen lassen möchte. Viel zu viele Autoren ziehen sich auf die Blaupause Tolkiens zurück, obwohl sie eigentlich über viel mehr Potenzial verfügen. Das sollten sie meiner Ansicht nach nicht tun.

Wie kann man es anders machen?

Ein Beispiel für einen Autor, der es hervorragend versteht, bekannte Bahnen mit neuen, innovativen Ideen zu vermischen, ist für mich Guy Gavriel Kay, der fiktive, an historischen Vorbildern orientierte Settings mit phantastischen Elementen verknüpft.

Was ist dein persönliches Interesse, das du mit einbringst? Du bist ja bekannt für deine detailreich ausgearbeiteten und innovativen Magiesysteme, die auch bei den Nebelgeborenen eine große Rolle spielen. Würdest du ein schlüssiges und individuell gestaltetes Magiesystem als Kernelement deiner Arbeit bezeichnen?

Wir lesen Fantasy aufgrund des Settings, und mit einem guten Magiesystem kann man die Charaktere und die Welt aufwerten. Allerdings ist Magie nur so interessant, wie die Figuren, die sie benutzen. Ich benutze eine „magische Wissenschaft“, wenngleich mir bewusst ist, dass dies ein Oxymoron darstellt. Das Ganze derart systemisch und nachvollziehbar zu entwickeln, sorgt für mich persönlich aber für ein besseres Storytelling. Dargelegt habe ich dies für Fans und angehende Autoren in „Sanderson’s Laws“, einer Sammlung von Erklärungen und Tipps, wie man ein Magiesystem in sich schlüssig aufbauen kann. Das ist sicherlich nicht für jeden Autor geeignet, aber für mich ist es nach meinen eigenen schreiberischen Erfahrungen der beste Weg.

Warum?

Meine persönliche Begeisterung ist die Wissenschaft. Ich komme aus der Biochemie, und obwohl mich der mathematische Anteil dort immer zur Verzweiflung getrieben hat, lasse ich viele Aspekte daraus in meine Werke einfließen, vor allem in die Entwicklung meiner Magiesysteme. Die Begeisterung für ein wissenschaftlich aufgezogenes Magiesystem war letztlich auch einer der Startpunkte für die Nebelgeborenen.

Welche waren die anderen?

Die konkrete erste Idee für die Reihe hatte ich beim Lesen von Harry Potter. Ich dachte mir: Diese armen dunklen Lords! Da wollen sie hübsch die Welt unterwerfen, alles läuft gut, und am Ende kommt so ein Jüngelchen daher und macht sie platt. Mein Ansatz war also die Frage: Was passiert eigentlich, wenn der Held scheitert? Das war der Ausgangspunkt, von dem aus ich die Nebelgeborenen entwickelt habe.

Die Nebelgeborenen stellten in der ersten Trilogie klassische Fantasy dar. In Schatten über Elantel befinden wir uns nun aber in einem Pseudo-Western-Setting des 19. Jahrhunderts. Wie kam es dazu?

Erst einmal: Mein Anspruch ist es, immer etwas Neues zu kreieren, das es bislang noch nicht gab. Mein Ziel ist es, künftig mit den Nebelgeborenen auf eine Verquickung von Fantasy und Science-Fiction hinzuarbeiten.

Tatsächlich? Werden denn dann deine Romanwelten, die ja alle im gleiche Universum namens „Cosmere“ abgebildet sind, miteinander verknüpft werden?

Das ist das Ziel, ja. In der finalen Trilogie, die in etwa einem Pendant zu den irdischen 1980er Jahren entspricht, sind die Menschen dazu in der Lage, die Magie zu nutzen, um zu den Sternen aufzubrechen. Das wird der nächste Schritt für mich sein, und ich freue mich schon sehr darauf.

Und warum gibt es jetzt erst mal die Abenteuer rund um Wax und Wayne?

Die Nebelgeborenen sind nun ungefähr bei der Hälfte angelangt. Wax und Wayne waren ursprünglich als Einzelstory gedacht, die ich losgelöst von der klassischen und der kommenden „SF“-Trilogie schreiben wollte. Ich stellte dann aber fest, dass ich einen Zwischenschritt von der ersten zur zweiten Trilogie benötigte, um den Lesern die Entwicklung der Welt schlüssig darlegen zu können. Der Schritt von der klassischen Fantasy zu einem Kalter-Krieg-Szenario der 80er wäre sonst zu groß gewesen. Das Ganze wird nun also eine Trilogie, für jeden Charakter wird es ein Buch geben.

Die titelgebende Stadt wird von Arbeitskämpfen und sozialen Konflikten erschüttert. Ist dies eine Anspielung auf Entwicklungen unserer Zeit oder ganz konkret auf den Niedergang des Industriesektors in den USA?

Ich konzentriere mich nicht auf Allegorien in meinen Büchern, sondern auf die Charaktere. Dennoch sollen meine Geschichten natürlich auch eine tiefere Bedeutung mit sich bringen. Die Arbeitskämpfe in Elantel gehören einfach zu einer industrialisierten Gesellschaft, das kann man bei einer solchen Entwicklung nicht ausblenden. Sie waren allerdings nicht als konkrete Allegorie gedacht.

Was erwartet uns denn im abschließenden Band deiner „Zwischentrilogie“?

Bänder der Trauer, das nächste Buch, das euch in Deutschland erwartet, ist mein persönlicher Favorit von allen bisherigen Romanen in der Welt der Nebelgeborenen. Jäger der Macht erzählte eine Detektivgeschichte, in Schatten über Elantel jagten wir einen Massenmörder, und nun folgt ein Abenteuer in Indiana-Jones-Manier. Ich liebe einfach die Reisen, das Erforschen unbekannter Orte und alle Dinge, die damit zusammenhängen.

Was sind deine Erwartungen für die Zukunft der Fantasyliteratur?

Die Fantasy ist bereit für das nächste Level, bereit dafür, mit anderen Genres, Epochen und Kulturen vermischt zu werden. Wir sehen derzeit beispielsweise viele neue Einflüsse aus Asien und Afrika, die der Fantasy guttun. Die Weiterentwicklung der Nebelgeborenen soll mein Beitrag dazu sein.

Geek! - Interview mit Brandon Sanderson

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Danke an das GEEK-Magazin für die Bereitstellung dieses tollen Interviews.

Autor: Henning Mützlitz / Geek! Magazin

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