Margaret Atwood: Das Herz kommt zuletzt
BUCH

Das Herz kommt zuletzt (Margaret Atwood)


In ihrem neuen dystopischen Roman „Das Herz kommt zuletzt“ schreibt Margaret Atwood, die kanadische Grande Dame der Science Fiction, über Freiheit, Sicherheit, Liebe, Lust und Sexbots. 


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Margaret Atwood zählt zu den profiliertesten Autorinnen unserer Zeit – und das trotz der Tatsache, dass sie jede Menge Science-Fiction-Romane geschrieben hat, wie man mit einem gewissen Genre-Komplex zynisch anmerken könnte. Während die Adaption ihres berühmtesten Romans „The Handmaid’s Tale“ von 1985 kurz vor ihrem Debüt als zeitgenössische TV-Serie steht, erschienen neben der sinnigen Neuauflage zu u. a. eben "Der Report der Magd" zuletzt gleich drei neue Bücher der 1939 geborenen Kanadierin auf Deutsch: Die Kurzgeschichtensammlung "Die steinerne Matratze", die Shakespeare-Neuinterpretation "Hexensaat" und der dystopische Roman "Das Herz kommt zuletzt"

Trailer: „Der Report der Magd"

Seinen Anfang nahm „Das Herz kommt zuletzt“ zwischen 2012 und 2013 als Online-Serial „Positron“ im Internet-Magazin „Byliner“, was zeigt, dass Margaret Atwood nicht allein inhaltlich eine ungebrochen moderne und fortschrittliche Autorin am Puls der Zeit ist. Die komplett umgeschriebene Buchfassung beginnt nach wie vor mit den Eheleuten Stan und Charmaine, die nach dem Kollaps der Wirtschaft inmitten von Armut und Barbarei in ihrem Auto leben und jede Nacht Angst vor Plünderern und Vergewaltigern haben. Das soziale Experiment, das als Positron-Projekt beworben wird, scheint die Rettung für sie und ihre Ehe zu sein: Überall im Land werden ummauerte Städte wie Consilience gebaut, deren stabile, streng regulierte Mikro-Wirtschaft und Wohlstands-Gesellschaft auf dem örtlichen Gefängnis beruht. Damit das Konzept funktioniert, leben alle Bewohner abwechselnd einen Monat in Freiheit und einen Monat hinter Gittern. Wann immer Stan und Charmaine in ihre jeweiligen Trakte im Gefängnis müssen, wo Stan sich um eine digitalisierte Hühnerfarm kümmert und Charmaine im medizinischen Trakt Spritzen setzt, lebt in ihrem Haus ein anderes Paar. Als Charmaine im Zeitkorridor zwischen den allmonatlichen Übergängen eine wilde Affäre mit ihrem männlichen Haustauschpartner beginnt, platzt für sie und Stan die gemütliche Kleinstadt-Blase, da sie beide plötzlich zu wichtigen Spielfiguren im von innen geführten Kampf gegen die Zukunft der idyllischen, jedoch gnadenlos überwachten Gefängnis-Bilderbuchstädte werden ...

Nach den ersten vierzig Seiten des Buches, das im Original als „The Heart Goes Last“ herauskam, wünscht man sich erst einmal, Margaret Atwood hätte einen kompletten endzeitlichen Roman geschrieben. In ihren Händen und angesichts ihres berauschenden, zackigen und jugendlichen Stils wäre ein längerer Trip von Stan und Charmaine durch die bankrotte, trostlose und gefährliche Welt nach dem letzten herben Systemcrash sicher ein geradezu apokalyptisches Vergnügen geworden. Doch auch über Atwoods erfrischendes dystopisches Experiment kann man als Science-Fiction-Leser kaum meckern. „Das Herz kommt zuletzt“ versteht sich als eine aktuelle Parabel auf den Preis von Sicherheit und Freiheit – als zynischer, sarkastischer, phasenweise erotischer und manchmal fast etwas zu reißerischer Roman. Unterwegs geht es um Überwachung und Manipulation genauso wie um Macht und Missbrauch, Liebe und Lust, Mauern und Fassaden, Sexbots, Verrat und Perfektion. Die Lektüre beeindruckt umso mehr, wenn man sich vor Augen führt, dass Atwood in zwei Jahren achtzig wird, und was sie alles auffährt, wie frisch und messerscharf sie schreibt und wie heftig sie provoziert, ohne dass es jemals gekünstelt wirkt.  

Es gibt heute viel zu viele Dystopien, in denen Liebeleien eine zentrale Rolle spielen und wichtig für die sonst eher zahme Handlung sind, ja in denen das Techtelmechtel zur angewandten kommerziellen Formel gehört. Indem die großartige Margaret Atwood diese zahnlosen Schmuse-Dystopien gehörig aufmischt, zeigt sie dem gesamten Literaturbetrieb, wie weit sie ihren Kollegen in diesem wie in anderen Ressorts noch immer voraus ist und wie viel mehr Biss und Schmiss sie hat. Kein Wunder, dass ihre Romane nicht mit Genre-Labeln beworben werden, sondern mit der Wahrheit, dass Margaret Atwood die coolste Autorin der Welt ist. 

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